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Leselupe.de > Horror und Psycho
Die Macht des Montblanc
Eingestellt am 15. 09. 2009 18:53


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ThomasStefan
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Die Macht des Montblanc

von Thomas Stefan


Unter uns Menschen gibt es viele schlechte Angewohnheiten:
Nase hochziehen oder Popeln.
Schnorren ohne Scham und Ende.
St├Ąndig nachfragen, weil man einfach nicht zuh├Ârt.

Und dann gibt es diese milde Form der Kleptomanie, etwas einstecken und mitnehmen zu m├╝ssen. Dinge, die man eigentlich nicht braucht: Servietten, die man nie benutzt und die schlu├čendlich als Taschent├╝cher in der Hosentasche verschwinden und sich zu anderen kn├╝lligen T├╝chern gesellen. Dann diese schlanken Zuckert├╝tchen, von denen man im Restaurant immer so viele bekommt und die wir nicht liegen lassen k├Ânnen. Und nat├╝rlich die kleinen Seifen im Hotel, die man jeden Tag in der Kulturtasche verschwinden l├Ą├čt, um sie sp├Ąter im heimischen Badezimmerschrank wieder aufzugestapeln oder sie im Koffer zu vergessen. Und wenn man ihn vor der n├Ąchsten Reise wieder ├Âffnet, diese billig riechenden St├╝ckchen einem entgegen schwimmen, nat├╝rlich in Gesellschaft der kleinen K├Ąmme, Sch├╝rsenkel, Duschhauben (wer braucht die eigentlich?) und der Flaschen├Âffner mit Hotelpr├Ągung (ach ja, in Gro├čburgwedel war ich ja auch schon mal, wann war das nur?).

Vielleicht am meisten verbreitet ist die Unart, Schreibstifte einzustecken. Knut geh├Ârte zu dieser besonderen Sorte der Kleinstkriminellen. Es war immer der gleiche Ablauf, egal wo er war, zuletzt sogar bei Freunden: Er bat sich l├Ąchelnd einen Schreiber aus, um etwas zu unterschreiben, aufzuschreiben, abzuschreiben ÔÇô und steckte den Stift ein. Selten wurde er h├Âflich um R├╝ckgabe gebeten, dem er nat├╝rlich mit einem ├╝berraschten und milden L├Ącheln nachkam. Es klappte ja nicht immer.

Stifte hatten ├╝berall auf ihn eine ungeheure Anziehungskraft. Etwa in der Bank, der an der Befestigung baumelnde rote Kuli wurde am Wochenende einfach abgerissen. Oder im Lottokiosk, er tat immer so, als ob er ankreuzen wollte, dann legte er den Schein wieder weg, nahm die Tageszeitung in die Hand, dem Kuli darin verbergend, und schnell raus. Selbst in der Wahlkabine hatte er den Stift zum Ankreuzen schon mitgehen lassen.

Knut fand das alles normal.

Eines Abends machte er noch einen Bummel durch die Einkaufspassage. Er verirrte sich in eine Seitengasse und blieb vor einem kleinen Schreibwarengesch├Ąft stehen. Eigent├╝mlich, dass er diesen Laden noch nie entdeckt hatte. Im Schaufenster sah er wieder alles, was sein Herz erfreute. Sein Blick glitt ├╝ber die Auslagen ÔÇô und blieb an einem gro├čen F├╝llfederhalter stehen, einem Montblanc. Goldfeder, Schwarz, edel abgesetzt mit feinen gl├Ąnzenden Ringen. Und dieses unverwechselbare Logo.

Knut betrat den Laden. Noch zehn Minuten bis Ladenschluss. Er wurde freundlich begr├╝├čt. Ob er Schreibproben machen wolle. Gerne. Ein jeder Stift war besser als der vorherige. Zu guter Letzt lag ihm der F├╝llfederhalter von Montblanc in der Hand. Der Ladenbesitzer sah ihn eigent├╝mlich l├Ąchelnd an. Er wu├čte genau, welchen Eindruck der F├╝ller auf Knut machte.

ÔÇ×Ein wahres Meisterst├╝ck, seit 1924 praktisch unver├Ąndert hergestellt. Goldfeder mit Platinintarsie. Diesen F├╝llfederhalter wollen am liebsten nie mehr aus der Hand legen.ÔÇť

Knut schrieb und schrieb, verga├č seine Umgebung, und merkte auf einmal, dass er ganz allein war. Der freundliche Mann war verschwunden, wahrscheinlich zum Aufr├Ąumen, um gleich den Laden zu schlie├čen. Der F├╝ller lag ihm in einmaliger Weise in der Hand, wie f├╝r ihn gefertigt. So m├╝sse sich eine ma├čgefertigte Waffe anf├╝hlen, dachte er sich.

Knut blickte aus den Augenwinkeln durch den Laden. Nichts, keine Person, eigentlich sogar Stille. Seine Hand schloss sich langsam um den Stift, verschwand in der Manteltasche. Schlendernd bewegte er sich zum Ausgang. Niemand zu sehen. Er konnte einfach nicht anders. Mit schnellem Schritt verlie├č er den Laden und verschwand in der Dunkelheit.

Der Ladenbesitzer starrte ihm durch ein Fenster hinterher, l├Ąchelte kalt und schloss ab.


xxxx


Knut hastete durch die D├Ąmmerung, schlie├člich rannte er so schnell er konnte. Das Herz pochte bis zum Hals. Er war verr├╝ckt, klaute einfach dieses wertvolle St├╝ck, ging es ihm durch den Kopf. V├Âllig aus der Puste hielt er endlich an, verbarg sich in einen Hauseingang. Er nahm die Hand aus der Tasche, besah sich seinen Fang. Tats├Ąchlich, da war er, er konnte es kaum glauben. Mit einem Mal sch├Ąmte er sich, war es nicht eine Gemeinheit, diesen au├čergew├Âhnlichen F├╝ller zu entwenden? Knut war hin und her gerissen, sah auf die Uhr, vielleicht konnte er ihn noch zur├╝ckgeben. Aber wie wollte er sein Verhalten erkl├Ąren?

Nein. Jetzt war es sein Stift. Zwischen ihm und dem Monmtblanc sp├╝rte er pl├Âtzlich eine besondere Verbindung. Es gab kein Zur├╝ck, das merkte er, die Sache war gelaufen. Und wenn man nach ihm fahndete? Und wenn schon, in dem kleinen Laden war er zuvor nie gewesen, man kannte ihn nicht, wie wollte man ihn finden?

Er stand noch eine Weile so da, dann war es besiegelt. Die Hand schloss sich wieder um den Montblanc. Der Stift geh├Ârte jetzt endg├╝ltig ihm.


xxxx


Knut konnte es kaum erwarten, setzte sich zu Hause sofort an den Schreibtisch. Er bef├╝hlte immer wieder seine Beute, lie├č sie durch die Finger gleiten, einmalig. Er nahm einen gro├čen Block und schrieb seinen Namen. Die Feder glitt sanft aber bestimmt ├╝ber das Papier. Ein L├Ącheln machte sich auf seinem Gesicht breit. Dann stutzte er. Jetzt las er, was vor ihm geschrieben stand.

Knut, Du bist ein Schwein


Er schaut ungl├Ąubig auf den Bogen. Hand und F├╝ller begannen wieder von selbst zu schreiben.

Ja, Du liest richtig


Knut wollte des Stift ablegen, sch├╝ttelte seine rechte Hand heftigst hin und her, als h├Ątte er etwas Ekeliges angefasst. Aber es ging nicht. Der Montblanc klebte eigent├╝mlicherweise fest an den Fingern. Die Hand schloss sich und begann wieder zu schreiben.

Los, ├Ąu├čere Dich. Sch├Ąmst Du Dich nicht?


Er schluckte, setzte den F├╝ller aufs Papier und begann zu antworten.

Ich wollte es nicht, es kam ├╝ber mich
L├Ącherlich! Du alter Kleptomane!
Wirklich, es war das erste Mal
Du l├╝gst wie gedruckt!

Knut starrte emp├Ârt auf das Blatt, das ging zu weit.

Das ist eine Unversch├Ąmtheit, das verbitte ich mir.
Knut, mach die rechte Schublade des
Schreibtisches auf. Los, mach schon


Er verschr├Ąnkte verstockt die Arme. Wie k├Ąme er dazu? Er w├╝rde sich zu nichts zwingen lassen. Langsam, aber unerbittlich l├Âste sich der rechte Arm zu seinem Erstaunen aus der Umklammerung, umfasste ganz fest den F├╝ller, der sich schlie├člich in den Schubladengriff einhakte. Nach und nach wurde die Lade aufgezogen, sosehr er sich dagegen auch wehrte. Sie war gut gef├╝llt mit Stiftn jeglicher Art. Knut gab endlich jeden Widerstand auf. Die Hand mit dem F├╝ller sch├╝ttelte sich und schrieb wieder.

Und jetzt die linke Schublade


Etwas unwillig zog er sie auf. Sie war genauso gef├╝llt mit allerlei Schreibern. Jetzt ergriff er die Initiative.

Das geht Dich nichts an. Was willst Du eigentlich von mir?
Du gibst alles zur├╝ck
Das ist unm├Âglich
Denk daran: Wer nicht h├Âren will muss f├╝hlen

Er blickte eine Weile auf das Blatt, und hatte sofort das untr├╝gliche Gef├╝hl, er m├╝sse die Antwort ernst nehmen. Seufzend schrieb Knut:

Also sch├Ân, morgen bringe ich Dich zur├╝ck. Aber anonym
Du trennst Dich von allen Stiften, denn sie sind
allesamt geklaut. Und Du entschuldigst Dich


Knut f├╝hlte Wut in sich aufsteigen, aber auch Angst. Auf keinen Fall wollte er seine kleine Schw├Ąche ├Âffentlich machen. Mit einem Mal schlug er mit der Faust auf den Tisch, in der Hoffnung, den Montblanc loszuwerden, oder wenigstens zu zerst├Âren. Aber als ob dieser es erwartet h├Ątte, war der F├╝ller elegant in der Hand verschwunden. Dann erschien er wieder, wie eine listige Schlange, die platinierte Goldfeder schien ihn sp├Âttisch anzufunkeln. Die Hand sch├╝ttelte sich, begann wieder zu schreiben.

Mach┬┤ das nie wieder, Knut

Er blickte w├╝tend auf das Papier. Zu seiner Verbl├╝ffung holte die rechte Hand pl├Âtzlich aus und sauste auf die Schreibplatte herab. Die Feder des Monblanc bohrte sich wie ein Skalpell in seine Linke, die unschuldig auf dem Tisch lag. Sie durchschlug die Hand und nagelte sie fest. Knut schrie auf, Blut lief ├╝ber den Tisch. Unter Schmerzen zog er den Stift wieder heraus. Der Montblanc sah aus wie neu. Fluchend lief er in die K├╝che, umwickelte die blutende Hand mit einem Geschirrtuch. Dann starrte er fassungslos auf seine H├Ąnde. Geh├Ârten sie noch ihm? Die Schreibhand erhob sich wieder und benutzte die K├╝chentapete:

Jetzt kennst Du meine Macht, und Du wirst mir gehorchen


Mit Wut und Verzweiflung h├Ąmmerte dann immer wieder die Faust gegen die Wand. Es hatte keinen Zweck, die Kn├Âchel taten ihm weh, aber der Montblanc ruhte unversehrt in seiner Rechten.

Knut ging wie bet├Ąubt zur├╝ck ins Zimmer, sank auf den Stuhl, ein Zittern ├╝berkam ihn. Er sah vor sich die beschriebenen Bl├Ątter. Er wollte es einfach nicht glauben. Schlie├člich legte er den Kopf auf den Tisch, schloss die Augen. Das musste ein b├Âser Traum sein. Nach einer Weile f├╝hlte er ein Kratzen auf der Stirn, verwirrt hob er den Kopf. Der F├╝ller hatte etwas eingeritzt. Ein kleines Blutrinnsal hatte sein rechtes Auge erreicht. Knut lief ins Bad, starrte in den Spiegel. Zun├Ąchst konnte er nichts entziffern, aber dann erkannte er die Schrift:

DIEB

Erst jetzt wurde ihm seine Situation klar, er war vollkommen machtlos. Er wischte sich mit der verbundenen Hand das Blut aus dem Auge. Auf ein Mal wurde er ganz ruhig, ├╝berlegte. Die rechte Hand begann wieder auf der Wand zu schreiben.

Ich warte auf Deine Vorschl├Ąge zur
Wiedergutmachung

Schon gut, ich mache was Du verlangst. Ich ├╝berlege nur
wie

Knut dachte nach. Was konnte dieser Stift von ihm wissen, ja wahrnehmen. Vermochte er sogar seine Gedanken lesen?

Du willst mich wohl austricksen
Nein, nein, ich wei├č, Du hast mich in der Hand
Das stimmt wortw├Ârtlich

Er musste erstmal Zeit gewinnen. Knut schrieb wieder auf ein freies St├╝ck Tapete:

Ich bin ersch├Âpft, ich habe Hunger und Durst
Dann st├Ąrke Dich, Du hast noch viel vor

Er ging in die K├╝che, sah die umwickelte linke Hand und die rechte mit dem Stift. Mit einem Mal hatte er eine schwache Hoffnung. Er schrieb auf den Zeitungsrand:

Ich kann mir so nichts machen, meine Linke ist
verletzt, meine Rechte h├Ąlt Dich. Kann ich Dich nicht
wenigstens kurz ablegen, um mir etwas zu machen?
F├╝r wie bl├Âd h├Ąltst Du mich?

Seine Rechte hatte sich zur pl├Âtzlich zur Faust geballt, der Stift kam ihm drohend n├Ąher. Knut konnte nur zur├╝ckweichen, bis er mit dem R├╝cken zur Wand stand. Wie ein Dolch ber├╝hrte die spitze Feder seinen Hals, vibrierte b├Âse, er wagte kaum zu atmen. Dann lie├č der Stift wieder von ihm ab. Knut wischte sich den Schwei├č von der Stirn, er hatte die Warnung verstanden. Er ging zum K├╝chentisch und nahm den Brotlaib, hielt ihn, behindert durch den Montblanc, ungeschickt wie einen Fremdk├Ârper. Der Stift stach dabei in das Brotinnere, blaue Tinte flo├č hinein. Fluchend lie├č er alles fallen und schrieb auf die Zeitung:

Macht Dir das Spa├č?
Ja

Knut starrte eine Weile auf die Antwort. In der Tat, er war diesem Stift ausgeliefert, doch hatte er wirklich keine Chance? Fieberhaft suchte er nach einer L├Âsung, er f├╝hlte die Hoffnung auf ein gutes Ende langsam schwinden. Da kam ihm seine elektrische Brotschneidemaschine in den Blick. Der Klingenschutz war zur Reinigung hochgeklappt. Er blickte sie an und wusste sofort, was er tun musste. Kurt bekam einen trockenen Mund, versuchte locker zu bleiben, an nichts zu denken. Nahm erneut das Brot, fasste es ziemlich kurz. Das Schneideblatt begann sich zu drehen. Er beugte sich ├╝ber die Maschine, wollte ansetzen. Auf einmal tropfte wieder etwas Blut von seiner Stirn, traf die sirrende Scheibe, schmierte sie r├Âtlich ein.

Er stierte auf die Maschine, die Hand, das Brot. Knut schloss die Augen ÔÇô und mit einer schnellen Bewegung zog er die Finger durch das rotierende Messer.

Der Schmerz war ungeheuer. Knut schrie wie von Sinnen, fiel auf den Boden. Erst sah er nur Sterne, dann klarte sich der Blick und er starrte auf seine Hand. Unver├Ąndert hielt seine Hand den Montblanc, aber vom ausgestreckten kleinen Finger fehlte das Endglied, font├Ąnenartig spritzte das Blut hervor.

Vor Wut und Entt├Ąuschung heulend kam er auf die Beine, band sich mit Paketschnur den blutenden Finger ab, umwickelte ihn mit Papier von der K├╝chenrolle. Schlie├člich hockte er ersch├Âpft und mit gesenktem Kopf am K├╝chentisch. Alles war mit Blutspritzern ├╝bers├Ąht, dekorativ verteilt durch die immer noch rotierende Brotschneidemaschine. Unbarmherzig begann der Stift wieder auf dem Zeitungsrand zu schreiben.

Bist Du verr├╝ckt geworden, Knut? Fast h├Ąttest
Du mich verkratzt


Seine Schultern zuckten wehrlos, die Tr├Ąnen kamen wie von selbst, sie rannen ihm ├╝ber die Wangen, tropfte auf die Tisch, vermischten sich mit den Blutstropfen zu schmierigen Lachen. Aus seinem Mund kam kein Laut. Der Stift begann wieder zu schreiben.

Du bist unf├Ąhig, also nehme ich das Weitere
in die Hand. Geh zum Schreibtisch


Apathisch stand Knut auf, wankte ins Wohnzimmer und setzte sich an den Tisch. Wieder begann der Montblanc zu schreiben.

Du sch├╝ttest jetzt alle Stifte zusammen in
die linke Schublade


Willenlos folgte er den Anweisungen.

Jetzt nimm die Lade unter den Arm, geh hinaus
auf den Balkon, und dann kippst Du sie ├╝ber der
Br├╝stung aus. Wehe, wenn nicht!


Knut zog die Schreibtischschublade hoch und schleppte sie m├╝hsam zur Balkont├╝r, setzte sie auf der Fensterbank ab. Er blickte in die sich leicht spiegelnde Scheibe und sah darin einen Mann, den er nicht kannte: Ein hoffnungsloses Gesicht, zerkratzte Stirn, blutige, verbundene H├Ąnde.

Los doch, geh endlich raus

schrieb der Stift auf ein freies St├╝ck Tapete. Knut ├Âffnete die Balkont├╝r, klemmte die volle Lade unter den linken Arm und ging hinaus. Der k├╝hle Abendwind war wunderbar. Er hielt ein, lie├č den Blick ├╝ber die beleuchtete Silhouette schweifen, ein befreiender, noch nie so empfundener Ausblick aus dem 12. Stock. Der Montblanc brachte sich brutal in Erinnerung, er stach unvermittelt mit einer heftigen Bewegung der Hand in den rechten Oberschenkel. Fast w├Ąre Knut vom Balkon gest├╝rzt. Er wuchtete die Schublade auf das Gel├Ąnder und kippte sie einfach hin├╝ber. Er sah die Stifte wie befreit nach unten st├╝rzen, als h├Ątten sie eine lange Gefangenschaft hinter sich gelassen.

Seine Entscheidung fiel binnen Sekunden. Mit einem Ruck lie├č sich Knut ├╝ber die Br├╝stung ebenfalls in die Tiefe fallen. Der rechte Arm mit dem F├╝ller machte eine wilde, scheinbar unkontrollierte Bewegung ÔÇô und h├Ąmmerte sich wie ein Steigeisen in die Holzumrandung des Balkons, gerade noch rechtzeitig in die letzte Planke. Knut hatte das Gef├╝hl, als w├╝rde ihm der Arm aus dem K├Ârper gerissen. Sein gellender Schrei hallte durch die Nacht.

Er baumelte verzweifelt schreiend an dem Montblanc, der F├╝ller hielt ihn eisern fest.
ÔÇ×Lass mich endlich los,ÔÇť schrie Knut wie von Sinnen, ÔÇ×ich will nicht mehr, ich kann nicht mehr!ÔÇť Der Stift bog sich bedenklich unter der Last, aber weder Korpus noch Feder gaben nach. ├ťberall im Haus gingen die Lichter an, fassungslose Gesichter erschienen hinter den Scheiben. Das Fenster in der Wohnung unter ihm ging auf, er baumelte in gleicher H├Âhe, aber unerreichbar entfernt.

ÔÇ×Um Gottes Willen, halten sie sich fest, solange sie k├Ânnen, ich rufe die Feuerwehr.ÔÇť Der ihm unbekannte Mieter starrte ihn entsetzt an, lief schnell zu Telefon.

Knut hing nun still und bewegungslos mit ausgestrecktem Arm am Balkon. Er sah in viele Gesichter. Wenn sie nur w├╝ssten!

Der Nachbar hastete zur├╝ck. ÔÇ×Die Feuerwehr kommt, halten Sie durch, mit dem Leiterwagen wird man ihnen helfen.ÔÇť Knut sagte nichts, nickte nur etwas. Der Mann blickte nach oben. ÔÇ×Ich glaube, sie h├Ąngen fest, dass ist wirklich Gl├╝ck im Ungl├╝ck. Egal, die Feuerwehr wird sie befreien, die haben ja alle m├Âglichen Werkzeuge, halten sie nur durch!ÔÇť

Erstmals keimte wieder Hoffnung in Knut auf. Ja, vielleicht k├Ânnte man ihn mit einer S├Ąge von dem Teufelsstift befreien. Er drehte m├╝hsam den Kopf in Richtung der sich n├Ąhernden Sirene, er sah auch schon das Blaulicht. `Jetzt wird doch alles gut,┬┤ dachte er sich.

In diesem Moment gab ihn der Stift frei. Mit ungl├Ąubigem Gesicht st├╝rzte er in die Tiefe.


Version vom 15. 09. 2009 18:53

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Ralf Langer
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Hallo Thomas
das ist eine sch├Âne Geschichte mit einem
gelungenen Spannungbogen getragen von einer
sch├Ân verr├╝ckten Idee.

Eine Sache behindert:
Die Einf├╝hrung ist zu lang. Der Leser lernt Kurt zu sp├Ąt kennen.
Das intro mu├čt du k├╝rzen
und den Anfang umstellen

z.B f├╝r einen Anfang:

Knut war einer von dieser Sorte...
und dann ein paar deiner Aufz├Ąhlungen

Dann gehts sofort zur Sache
und das ist bei einer Kurzgeschichte wichtig

Alles in allem

Hab ich das St├╝ck gerne gelesen
Weiter so
LG
RAlf
__________________
RL

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KaGeb
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo ThomasStefan,

erst einmal "Herzlich willkommen" hier.

Zu deiner Geschichte: Die Idee mit dem Stift ist (f├╝r mich) grunds├Ątzlich gut. Kann man was daraus machen. Doch bei der von dir gew├Ąhlten Umsetzung gibst du zu wenig Input. Warum ist der Stift "so", wer ist der b├Âse l├Ąchelnde Mann hinter dem Schaufenster ... hier br├Ąuchte es m.M.n. mehr Aufl├Âsung.
Und weil die nicht vorhanden ist, bleibe ich als Leser am Ende literarisch unbefriedigt zur├╝ck.

Bez├╝glich der Einf├╝hrung schlie├če ich mich meinem Vorposter an.

quote:
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Und dann gibt es diese milde Form der Kleptomanie, etwas einstecken und mitnehmen zu m├╝ssen. Dinge, die man eigentlich nicht braucht: Servietten, die man nie benutzt und die schlu├čendlich als Taschent├╝cher in der Hosentasche verschwinden und sich zu anderen kn├╝lligen T├╝chern gesellen. Dann diese schlanken Zuckert├╝tchen, von denen man im Restaurant immer so viele bekommt und die wir nicht liegen lassen k├Ânnen. Und nat├╝rlich die kleinen Seifen im Hotel, die man jeden Tag in der Kulturtasche verschwinden l├Ą├čt, um sie sp├Ąter im heimischen Badezimmerschrank wieder aufzugestapeln oder sie im Koffer zu vergessen. Und wenn man ihn vor der n├Ąchsten Reise wieder ├Âffnet, diese billig riechenden St├╝ckchen einem entgegen schwimmen, nat├╝rlich in Gesellschaft der kleinen K├Ąmme, Sch├╝rsenkel, Duschhauben (wer braucht die eigentlich?) und der Flaschen├Âffner mit Hotelpr├Ągung (ach ja, in Gro├čburgwedel war ich ja auch schon mal, wann war das nur?).

Ist m.M.n. alles retundant.

quote:
Vielleicht am meisten verbreitet ist die Unart, Schreibstifte einzustecken. Knut geh├Ârte zu dieser besonderen Sorte der Kleinstkriminellen.


Vielleicht als Beginn (Vorschlag):
Knut geh├Ârte zu jener Sorte Kleinstkrimineller, der egal wo er war, Schreibstifte einsteckte.


Im Folgegeschehen sind mit die Dialoge mit dem F├╝ller einfach zu platt. "Knut, du bist ein Schwein" - das haut mich nicht vom Sockel. Ebenso wie die moralische Verpflichtung des F├╝llers, Knut alle geklauten Stifte ├╝ber den Balkon entsorgen zu lassen. Das reicht m.M.n. f├╝r die Rubrik Horro als Motiv einfach nicht aus.

Knuts Selbstzerst├Ârungstrieb passiert mir pers├Ânlich zu schnell. M.M.n. resigniert dein Prot. ohne eine wirkliche Horrorgrundlage: Nach ein paar Sticheleien durch den omin├Âsen F├╝ller will er sich schon die Finger abschneiden - und auch der Wunsch nach Selbstmord ist IMHO viiiel zu schnell da. Das macht Knut unglaubw├╝rdig.
Den F├╝ller finde ich auch zu "spa├čig" - ... Hilfe, du verkratzt mich ...

Bring mehr Blut und weniger Papier rein, mehr Aktion und weniger Dialog - dazu einen Ladenbesitzer, der sich samt Laden (Idee) nach dem Verlassen durch Knut einfach aufl├Âst (oder so was)- und mach den F├╝ller zum absoluten Psychoten - aber langsam aufbauend.

Nur so Ideen - und wertungsfrei f├╝r das Erstwerk,

LG, KaGeb

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ThomasStefan
Routinierter Autor
Registriert: Sep 2009

Werke: 19
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Hallo Ralf!
Danke f├╝r Deine Zustimmung. Ich hatte Dir schon per email geantwortet, mu├č mich noch auf die Technik hier einstellen.
Das Intro ist tats├Ąchlich in Frage zu stellen, ich werde nochmals dran gehen.

Hallo KaGeb!
Meine Story besteht schon l├Ąnger, ich hatte sie jetzt ├╝berarbeitet, aufgefrischt. Deine Einw├Ąnde sind schon berechtigt, sch├Ân, wenn man von so ganz anderer Perspektive angeleuchtet wird. Nat├╝rlich kann man sich fragen, warum der F├╝ller Knut ausgesucht hat, warum er ihn so heimsucht (ist das Klauen ausreichend Motivation), inwieweit mehr Blut/ein Mord mehr Plausibilit├Ąt hineinbringt.
Ich werde dr├╝ber nachdenken und die Story ver├Ąndern.
Danke f├╝r Deine konstruktive Kritik.
Gru├č, Thomas

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