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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Schönheit des Seins [Teil 3]
Eingestellt am 24. 01. 2017 13:54


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Pablo Sanchez
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jan 2014

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Siehst du sie, mein Freund? Unsere Welt – ganz in Weiß.

Schneeflocken segelten im Sturm vom grauen Himmel. Einzelne Kristalle landeten auf Herr A's Hand, schmolzen in Sekunden. Wassertropfen rannen seine Finger herab. Die Welt war in den weißen Schleier des Vergessens getaucht - fernab vom sterilen Weiß einer Krankenhauswand, vielmehr einzigartig in seiner Vielfalt, prächtig, perfekt im Antlitz der Vergänglichkeit eines kurzen Augenblicks. Der Winter war gekommen.
Herr A stand im Zentrum jenes Schneesturms, verloren im Nirgendwo eines undurchsichtigen Labyrinths. Er sah und hörte nichts als Schnee und das Brausen des Windes. Auf dem Weg zu seinem Ziel war er hier gelandet. Alles war in Ordnung gewesen, die Geschenke gekauft, die Wohnung aufgeräumt, der Weinachtsaum geschmückt, bis er sich verlaufen hatte.
Orientierungslos stolperte Herr A über Stock und Stein. Schwach drangen bekannte Töne an sein Ohr. Konnte es wirklich sein? Schon wars vorbei und er allein.
Im Kopfe halte noch kläglich die Melodie des genialen „Last christmas" nach: betrunkene Menschen, schlechte Musik und Karussells – der Weinachtsmarkt schien fern wie nie. Herr A dachte an früher, dachte an Sie; an schreiende Kinder und vergessenes Spiel. Jeder Schritt, jeder Moment war ohne Plan, gelebt im Sturm, vergangen ganz ohne Gram.
„Ach wenn ich's nur könnt, ach wie schön das wär.", brüllte Herr A dem Wind entgegen. Die Antwort folgte prompt in Form des immerwährenden Tosens.
„Ich verstehe nicht, verstehe nichts. Bitte Himmel und Hölle, bitte Erde, erlöst mich von dieser Kälte in weißem Glanz."
Herr A zitterte, strauchelte im Angesicht des frostigen Todes. Doch dann sah er ihn, den rettenden Anker; eine geniale Idee. Mit gefrorenen Händen schuf er ihn – den Schneemann aus Schnee. Er rollte Kugeln, groß wie Heuballen und stapelte sie in kindlicher Freude aufeinander. Am Boden, tief vergraben unter der weißen Decke, fand er Steine, Muscheln und alte Äste. Sein Eifer glich dem eines Wichtels bei Feste. Mit Augen schwarz wie Ebenholz und einem Lächeln hart wie Stein blickte der riesige Schneemann gen Horizont. Ehrfürchtig, beinahe demütig sah er zu Herr S auf und folgte seinem Blick. Doch am Rande des Sichtbaren trohnte wieder nur die weiße Wand. Keine Konturen, kein Lebenszeichen, keine Musik und kein Geruch von Lebkuchen und Plätzchen. Die eben gewonnene Freude entfloh ihm langsam aber stetig. Der glatte Körper von Herr S bot ihm keinen Halt.
Herr A rutschte ab und fiel in den Schnee. Die Kälte brannte bestialisch, aber er wollte und konnte nicht aufstehen. Ihm fehlte die Kraft, die Hoffnung auf etwas, irgendetwas. Er weinte.
„Steh auf. Steh endlich auf, du Faulpelz und lauf, lauf so weit deine Beine dich tragen. Ich weise dir die Richtung!", befahl Herr S.
Herr A sah auf. Der Schneemann lächelte noch immer sein steinernes Lächeln. Inituitiv verstand er: Herr S würde ihm keine weitere Auskunft geben. Mühevoll stand er auf und stellte sich dem Sturm in einem Gewand aus weiß-grauem Schnee entgegen. Ein letztes Innehalten, ein tiefer Atemzug, dann schritt er von dannen. Herr A wanderte, wanderte immer geradeaus und sang dabei altbekannte Lieder. Von Zeit zu Zeit dachte er sich selbst etwas aus. Eine Ewigkeit verging, in der ihn einzig seine eigene Stimme davon abhielt, wahnsinnig zu werden.
Dann, endlich, öffnete sich der Vorhang und vor ihm erhob sich ein riesiges Eichentor. Am Tor stand ein Mann, groß gewachsen, in Pelzmantel und Wollmütze gehüllt, mit starrem Blick. „Sind sie der Torhüter? Können sie mich einlassen?", fragte Herr A hoffnungsvoll.
„Der bin ich, doch ich kann dir den Eintritt jetzt nicht gewähren.", antwortete er pflichtbewusst mit fester Stimme.
Herr A zitterte am ganzen Körper. „Ich...ich muss...", stotterte er, doch ihm fiel selbst nicht mehr ein, was er eigentlich wollte.
Plötzlich öffnete sich das Tor einen Spalt breit, ohne dabei auch nur ein Quietschen von sich zu geben. Ein heller Schein brach daraus hervor und spiegelte sich in den Augen des Torhüters.
„Soll ich...muss ich...warten?", fragte Herr A ängstlich.
„Du kannst warten. Du kannst gehen. Du bist frei, frei zu tun was immer du willst. Doch sei gewarnt, solltest du versuchen, dich an mir vorbei zu schleichen und hineinzugehen. Dort warten noch viele weitere Tore und Torhüter, gegen die ich nur ein Wurm bin."
Herr A blickte verzweifelt in die kalten Augen des Mannes. Unschlüssig stand er da - hinter ihm der weiße Tod, vor ihm das Tor mit seinem lockenden Schein. Er entschied sich zu warten. Und so wartete er, wartete und wartete, aber nichts geschah. Der Torhüter regte sich nicht. Stille wurde sein täglicher Begleiter. Trostlosigkeit umarmte ihn wie ein alter Bekannter.
„Kehre um, mein Sohn. Kehre um!", schallte plötzlich eine Stimme in ihm, über ihm. Herr A schüttelte sich. Er musste gehorchen, ihm bleib gar keine andere Möglichkeit. Er wagte einen letzten, sehnsüchtigen Blick am Torhüter vorbei, ein letztes Laben im hellen Schein. Dann drehte er sich um und stapfte zurück in den Schneesturm. Wieder sang und wanderte er Tage, Monate, vielleicht Jahre.
Bis er an einer Lichtung ankam. Eine alte Frau stand dort gebückt. Sie schien fast transparent, denn er konnte den Stamm des schwarzen Baumes hinter ihr erkennen - ein Braum, kaum größer als er selbst. „Sei gegrüßt, mein Sohn."

Die Stimme der Frau schien ihm fremd und vertraut zu zugleich und glich weder der eines Mannes, noch der einer Frau. Er wollte gerade antworten, als sie fortfuhr:
„Ich bin Gott."
Sein halbgeöffneter Mund klappte wieder zu und er starrte Gott an, besser gesagt: durch Gott hindurch.
„Sag mir, warum du hier bist und ich werde dir helfen."
Ruhe. Er kramte fieberhaft in seinem Gedächtnis. Die Frage schien ihm einer Prüfung zu gleichen. Welche Antwort Gott wohl von ihm erwartete? Er wusste es nicht.
„Ich...", setzte Gott zaghaft an.
„Du.", antwortete Gott
„Ich muss gehen.", sagte Herr A.
Gott lächelte und nickte.
„Dann geh, mein Sohn, geh."
Plötzlich löste sich die Lichtung auf und er saß auf einem gemütlichen Sofa zwischen Menschen, die er nicht sofort erkannte. Sie lächelten und sangen Weinachtsieder, wirkten ausgelassen und glücklich. Endlich begriff Herr A: dies war sie, seine Familie. Aufregt und erfreut stimmte er in den Gesang ein, bis ihm schlagartig bewusst wurde, das er seine eigene Stimme nicht wahrnahm. Panisch reif er: „Hallo, Leute hier bin ich. Schön das wir endlich gemeinsam Weihnachten feiern können." Sinnlos. Er stellte sich direkt vor die Kinder. Doch es war schrecklich; es war es sähen sie durch ihn hindurch. Niemand erkannte ihn.
Erst wütend, dann traurig, stand er auf. Die Wohnzimmertür stand offen. Er schritt hindurch ohne zurück zu blicken. Statt des Flurs, erwartete ihn wieder der Schneesturm. Einige Meter schleppte er sich noch voran, dann brach er zusammen. Der Schnee stach und brannte nicht mehr. Er fühlte nichts. Körper und Geist waren taub. Momente vergingen und Herr A vergaß, vergaß was geschehen war. Er lag reglos da und träumte.
Eine Stimme, weit entfernt, dumpf, waberte in seinem Kopf: „Steh auf. Steh auf. Ich weise dir den Weg. Den richtigen Weg. Du musst mir nur folgen."
Vor ihm tauchte das verschwommene eines alten Bekannten auf. Herr R reichte ihm die Hand. Verschwommene Erinnerungen blitzten vor ihm auf, irgendetwas stimmte nicht. Herr A schüttelte sich, verdrängte die Zweifel. Mit naiven Kinderaugen nahm er die Hand des Bekannten-Fremden.

Öffne die Augen, mein Freund. Ein neuer Anstrich macht das Erlebte nicht vergessen.

[ANMERKUNG: Dies ist nunmehr das dritte Abenteuer des Herrn A. Eine letzte Geschichte wartet noch darauf, erzählt zu werden; vielleicht im Herbst diesen Jahres. Ich bin zuversichtlich.]

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