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Leselupe.de > Humor und Satire
Ein Platz blieb leer
Eingestellt am 29. 03. 2004 17:28


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AlexanderrednaxelA
Routinierter Autor
Registriert: Mar 2004

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Vor einiger Zeit kaufte ich auf dem Flohmarkt eine Ausgabe des „Stern“ von Anfang der sechziger Jahre, darin gab es nĂ€mlich eine schöne doppelseitige Werbeanzeige fĂŒr Peer-Zigaretten (fĂŒr 1,75 DM). Auf der RĂŒckseite dieser Anzeige befand sich eine weitere Werbung, in Form eines kurzen Comic-Strips. Der dort angerissenen Geschichte wollte ich auf den Grund gehen und habe sie deshalb versucht aufzuschreiben. Alle Dialoge aus der Anzeige sind in dem Text enthalten.
Die Annonce war ĂŒberschrieben mit der Zeile:


"Ein Platz blieb leer"

I.

Ingrid ließ das Magazin auf die Knie sinken und starrte blicklos auf die graue RĂŒckenlehne des Sessels vor ihr. Sie hatte jetzt das fĂŒnfte Mal versucht, dieses Rezept durchzulesen, aber schon bei der Anweisung, 80 Gramm Butter auszulassen, verlor sie die Konzentration. Sie erinnerte sich nicht einmal mehr daran, was sie bislang gelesen hatte und musste immer wieder neu beginnen.
„Plapp“ machte es, als eine TrĂ€ne auf der Zeitschrift aufschlug. Ingrid wischte sich verstohlen die Augen trocken, schlug das Magazin zu und legte es auf den Nachbarsitz. Das machte ihr schmerzhaft bewusst, dass dieser Sitz frei war. Erich hatte ihn reserviert, aber Erich war nicht da. Ingrid legte ihre Hand auf die Armlehne zwischen den PlĂ€tzen. WĂ€re Erich jetzt hier, wĂŒrde sein Arm den ihren berĂŒhren, bestimmt.
Ruckartig wendete sie ihr Gesicht zum Fenster, doch die Landschaft prÀsentierte sich umsonst in ihrem schönsten Sommerkleid, Ingrid nahm nichts davon wahr.

II.

Vor ihrem geistigen Auge entstand noch einmal das Hotel, in dem sie vor zwei Wochen ankam, mit zwei schweren Koffern, die der Taxifahrer partout nicht hinein tragen wollte. „Das also sind die italienischen Charmeure“, dachte Ingrid verbittert und wĂŒnschte sich, sie wĂ€re zuhause geblieben. Doch nach der Scheidung von Manfred hatte sie dringend ein paar Tage gebraucht, um alles zu vergessen, um allein zu sein und ihr Leben zu ordnen. Und nun wuchtete sie diese unförmigen Koffer die Treppe hoch.

„Aber, aber!“, sprach eine klangvolle, tiefe Stimme sie an, und der Atemhauch, den sie dabei in ihrem Nacken spĂŒrte, ließ sie erschauern. „Sind diese zarten HĂ€nde nicht viel zu schade, um Koffer aus Schweinsleder schleppen zu mĂŒssen?“ Noch bevor sie etwas denken konnte, wurden ihr sanft aber bestimmt die Griffe aus den HĂ€nden gewunden, und dann stand er vor ihr. „Eine so schöne Frau braucht Freiheit“, flĂŒsterte der Mann und lĂ€chelte sie an. Ingrid wollte sprechen, doch das irritierende Schimmern seiner dunklen Augen und die WĂ€rme seines LĂ€chelns fesselten sie so, dass sie kein Wort heraus brachte.
„Erich“, stellte er sich vor, „Erich Lohse, sehr angenehm. Ich bin auch erst gestern hier angekommen.“ Ingrid brachte nur ein „Hmmmm?“ heraus und merkte, wie ihre Knie weich wurden. „Ein schöner Name“, sagte Erich und strahlte sie an. „Aber dazu gehört doch sicher auch ein Vorname, oder?“ Ingrid nickte. Erich lachte halblaut und winkte sie mit dem Kopf hinter sich her. „Folgen sie mir einfach, die Damen von der Rezeption werden Ihren Namen schon heraus bekommen!“, und marschierte mit sicherem Schritt in das Hotel hinein, wobei er dem Pagen weltmĂ€nnisch zunickte. Ingrid lief ihm hinterher, ohne zu wissen oder sich darum zu kĂŒmmern, wie ihr geschah. Sie fand erst an der Rezeption ihre Sprache wieder, als Erich mit seinem umwerfenden LĂ€cheln das junge MĂ€dchen am Empfang betörte und sprach: „Wir haben hier eine schweigsame Schönheit, sie wird doch die PrĂ€sidentensuite bekommen, oder?“ - „Neinnein“, rief Ingrid. „Mein Name ist Kollmann, Ingrid Kollmann. Ich habe ein Einzelzimmer gebucht, keine Suite!“. „Oh wie schade!“, rief Erich vergnĂŒgt, „aber seien Sie versichert, wenn eine Frau wie Sie dieses Zimmer adelt, wird man es fortan als Suite verkaufen mĂŒssen.“
Ingrid gewann langsam ihre Fassung wieder. „Vielen Dank, dass Sie meine Koffer getragen haben, das wĂ€re wirklich nicht nötig gewesen“, sagte sie. „Oh doch, Frau Kollmann – Ingrid – das war es. Und natĂŒrlich bringe ich die Koffer auf Ihr Zimmer.“ Ingrid lĂ€chelte dankbar, unterschrieb das Formular des Hotels und nahm ihren SchlĂŒssel in Empfang. Sie war beschwingt und freute sich plötzlich ungeheuer auf diesen Urlaub. Hatte er nicht gesagt, er sei auch erst vor kurzem eingetroffen? Ach, es wĂ€re so nett, wenn sie sich gemeinsam Rom anschauen und abends bei einem Glas Wein noch ein wenig plaudern könnten!

Als sie zusammen im Fahrstuhl standen, fragte er sie leutselig: „Sind Sie schon einmal in Rom gewesen?“ - „Nein, es ist mein erster Besuch.“ Er erzĂ€hlte, dass er hĂ€ufig in der Stadt zu Gast sei, und wenn sie Lust habe, werde er ihr die Schönheiten Roms mit Freuden zeigen.
Inzwischen waren sie an ihrem Zimmer angekommen, und als sie aufgeschlossen hatte und hinein gegangen war, merkte sie, dass er nicht mehr sprach. Sie drehte sich um und sah ihn, die beiden Koffer noch immer in der Hand, im Eingang stehen. „Verzeihen Sie, das ist das Zimmer einer Dame“, sagte er mit gespielter SchĂŒchternheit. Sie musste lachen. „So kommen Sie doch herein, Erich. Die Dame ist Ihnen sehr dankbar“. Sein markantes Gesicht, umrahmt von dichtem, schwarzen Haar und einem dunklen Bart, strahlte, als er herein kam. Er sah sie mit lĂ€chelnden Augen an und sagte: „Sie brauchen nun vielleicht ein wenig Zeit fĂŒr sich, liebe Ingrid. Wenn es Ihnen aber Recht ist, werde ich Sie noch heute in die Stadt entfĂŒhren – es gibt viel zu viel zu sehen fĂŒr die kurze Zeit eines Urlaubs! Also um vier im Foyer, ich zĂ€hle auf Sie!“
Ingrid stimmte zu, Erich verließ das Zimmer, und sie war allein. Jetzt brauchte sie erst einmal ein paar Minuten, um das alles zu begreifen. Voller Freude lief sie auf und ab, setzte sich aufs Bett und schaukelte mit den Beinen, sprang auf, ins Bad und wieder hinaus. In ihrem Magen machte sich ein seltsames GefĂŒhl breit, das sie lange nicht mehr empfunden hatte. Manfred, Manfred – der war weit weg. Nein, sie dachte an einen anderen Namen, an ein anderes Gesicht, an die elegante Kleidung dieses Mannes, sein sicheres Auftreten, sein einnehmendes LĂ€cheln. Sie konnte kaum erwarten, dass es vier wurde.

Sie sahen sich seitdem jeden Tag, durchstreiften die Stadt, saßen in zahllosen CafĂ©s, in denen sie alle Eissorten ausprobierten, besuchten Museen und Konzerte, gingen in einen Nachtclub. Als sie feststellten, dass sie aus derselben Stadt kamen, musste das groß gefeiert werden.
Und sie redeten. Es war ihnen eine schöne Angewohnheit geworden, sich abends, wenn wieder ein ereignisreicher Tag zu Ende war, noch an der Bar zu treffen, und diese NĂ€chte wurden sehr lang, waren voller GesprĂ€che; Erich erzĂ€hlte ihr von seinen Reisen, berichtete ĂŒber fremde Völker, wusste ĂŒber so vieles Bescheid und schlug sie immer wieder aufs Neue in seinen Bann. Ingrid selbst war eher ruhig; gierig saugte sie jedes Wort auf, das von ihm kam. Wenn er nach ihrem Leben fragte, antwortete sie ausweichend, denn außer Manfred und dem BĂŒro hatte es nicht viel gegeben; Kinder waren ihnen nicht vergönnt gewesen. Erich bemerkte ihr Zögern und drang dann nicht weiter in sie, sondern begann eine neue Geschichte zu erzĂ€hlen, die sie lachen oder staunen ließ.

Eines Abends, es waren fast zwei Wochen wie im Fluge vergangen, saßen sie wieder an der Bar. Erich schien heute nicht in so heiterer Stimmung zu sein, und Ingrid wusste auch, warum. Trotzdem fragte sie, was ihn denn bedrĂŒcke. Er sah sie lange an, und ihr war klar, dass sie Angst vor der Antwort hatte. „Unser Urlaub hier wird bald vorĂŒber sein, Ingrid“, sagte er. „Es waren so schöne Tage, und nun wird bald jeder wieder in sein eigenes Leben zurĂŒck kehren, wir werden uns nicht mehr kennen, und werden doch soviel aneinander denken...“
Ingrid schluckte hörbar. Sie wusste, dass er Recht hatte. „Mit welchen Zug fahren Sie zurĂŒck?“, fragte sie, um sich abzulenken. „Das weiss ich noch nicht.“ - „Lassen Sie uns doch zusammen fahren! Dann haben wir noch die Zugfahrt!“, schlug sie vor, und es tat ihr selbst in der Seele weh.
„Ingrid“, sagte er. Es gab eine Pause. „Ingrid.“
Sie sah ihn an, und ihre Augen fĂŒllten sich mit TrĂ€nen.
„Ich möchte nicht nur diese Zugfahrt mit Ihnen haben. Es gibt noch so viel zu entdecken fĂŒr uns. Diese zwei Wochen waren die schönsten Wochen meines Lebens, und das liegt nur an Ihnen, Ingrid. Sie wissen vielleicht nicht einmal, wie tief Sie mich berĂŒhrt haben, sie wissen nicht, dass ich Ihnen schon verfallen war, als ich sie auf der Treppe sah, mit diesen schweren Koffern...“ Er lĂ€chelte schwach. „Kann es denn keine Zukunft geben?“
Ingrid war den TrĂ€nen nahe. Alles war so schnell gegangen, zu schnell vielleicht... Seine Hand berĂŒhrte die ihre, und langsam fanden sie sich zusammen, verhakelten sich zu einem Symbol des Vertrauens, der WĂ€rme und einer tiefen gemeinsamen Gewissheit. „Ingrid, ich...“
„Sagen Sie nichts, Erich“, flĂŒsterte sie. „Sagen Sie es nicht.“
Doch seine Augen sprachen an Stelle seines Mundes, riefen ihr zu, was sie schon lange wusste, umschwÀrmten, bezauberten sie und konnten nicht schweigen. Erich stand langsam auf, und seine Hand zog Ingrid sanft von ihrem Barhocker.
Ohne ein Wort fuhren sie nach oben, und in dieser Nacht lernte Ingrid die Liebe kennen.

Als sie am nĂ€chsten Morgen erwachte, war sie allein. Die andere Seite des Doppelbettes war akkurat gerichtet. Er musste schon lĂ€nger weg sein. Verwirrt richtete sie sich auf, ordnete fahrig ihr Haar. Wo Erich nur hin war? Da, auf dem Tischchen, ein Zettel, wenige Worte nur, das konnte sie schon vom Bett aus sehen. Von dunklen Ahnungen erfĂŒllt, stand sie auf und ging langsam hinĂŒber.
„Es tut mir Leid, habe einen Anruf erhalten. Bin doch noch ein paar Tage lĂ€nger hier, wichtige Termine. Kann leider nicht mit zurĂŒck. Gruß, Erich.“
Ingrid setzte sich einfach auf den Boden und begann zu weinen.

III.

Langsam fuhr der Zug in M... ein. Ingrid nahm die Zeitschrift von dem leeren Platz. ZĂ€rtlich strich sie ĂŒber den Stoff. Sie fuhr nach Hause, packte aus, fĂŒgte sich nahtlos wieder in ihr Leben ein. Morgen wĂŒrde sie arbeiten mĂŒssen, deshalb ging sie frĂŒh ins Bett.

Im BĂŒro war alles wie immer. Ingrid wurde von den Kolleginnen humorvoll ausgeschimpft, weil sie keine Karte geschrieben hatte, doch nach zehn Minuten war es, als hĂ€tte es diese zwei Wochen nie gegeben.
In der Mittagspause hielt sie es nicht mehr aus. Sie ging an den Platz von Renate und bat sie, diesmal die Pause Pause sein zu lassen und mit ihr hinauszugehen. Dort erzĂ€hlte sie Renate die ganze Geschichte. Ratlos blickte sie die Freundin an und fragte: „Was ist denn nur passiert? Warum war er weg, hat sich nicht mehr gemeldet, ist nicht mit nach M... gekommen? Kannst Du mir erklĂ€ren, warum er so gehandelt hat, Renate?“
„Lass‘ uns doch heute abend mal darĂŒber sprechen“, sagte Renate, gab Ingrid eine Aspirin und versprach, gegen acht vorbei zu kommen.
Am Abend saßen sie dann zusammen auf der Couch bei Kaffee und Keksen. Ingrid erzĂ€hlte noch einmal ausfĂŒhrlich, was sie erlebt hatte.
Renate sah sie ernst an. „Ich möchte ehrlich zu dir sein, Ingrid. Ich wollte es dir schon frĂŒher einmal sagen – ich weiss, du tust viel fĂŒr deine Pflege, aber bist du sicher, dass es wirklich ausreicht? Denn wenn du immer frisch sein willst, gibt’s nur eins...“, und mit diesen Worten ĂŒberreichte sie Ingrid ein kleines, leichtes PĂ€ckchen, das Ingrid ratlos und neugierig öffnete. Es enthielt ein StĂŒck Seife, deren sauberer und reiner Geruch sofort den Raum erfĂŒllte, als Ingrid es auspackte. Sie schaute Renate fragend an: „Bist du sicher, Renate?“ Renate erwiderte den Blick, und voller Ernst nickte sie langsam. „Es ist nicht schlimm, Ingrid. Aber probier es einfach mal damit.“

Noch am selben Abend legte Ingrid sich in die Badewanne, ließ eine riesige Schaumkrone ĂŒber dem Wasser stehen und wusch sich grĂŒndlich, bevor sie vorsichtig das wertvolle SeifenstĂŒck ergriff. Der milde Duft verteilte sich langsam ĂŒber ihren ganzen Körper, sie atmete tief ein und sprach zu sich: „Was fĂŒr ein GlĂŒck, dass es Rexona gibt. Herrlich, immer von Kopf bis Fuß frisch zu sein – und frei von Körpergeruch. Rexona ist eine wunderbare Seife – und dieser Duft!“

IV.

Drei Tage nach ihrem ersten Bad mit Rexona passierte es. Ingrid stand im Bus auf dem Weg zur Arbeit. Wenn sie sich unbeobachtet glaubte, senkte sie den Kopf, um etwas von dem frischen Duft zu erhaschen, der sie belebte und sich sicher fĂŒhlen ließ. Auf einmal, gerade erhob sie ihren Kopf, blickte auf – und da stand er.
Erich hatte sie schon gesehen und kam zögerlich herĂŒber. „Ach, guten Tag, Ingrid“, sagte er. Sie lĂ€chelte ihn an, und als der Bus an einer Ampel bremste, rĂŒckte sie wie zufĂ€llig nĂ€her an ihn heran.
Erich genoss ihre NĂ€he. ‚Wie kam ich nur darauf, die neulich allein zu lassen – sie ist bezaubernd‘, dachte er.
Zusammen verließen sie den Bus, und auf einmal hatte Ingrid das GefĂŒhl, dass eine Vision Wirklichkeit werden konnte, wenn man es nur wollte, wenn man erkannte, was möglich war. Erich umschwĂ€rmte sie wie in den ersten Tagen in Rom. „Ich bin so froh, dass ich dich wiedergefunden habe. Darf ich dich heute abend ins TerrassencafĂ© einladen?“ Ingrid lĂ€chelte ihn rĂ€tselhaft an, doch ihr Herz drohte vor GlĂŒck die Brust zu sprengen.

Und wĂ€hrend sie langsam durch die Straßen von M... liefen und zusahen, wie das geschĂ€ftige Treiben des Tages StĂŒck fĂŒr StĂŒck durch die sinnliche Unruhe, das aufgeregte Vibrieren der Nacht abgelöst wurde, ging Ingrid nur noch durch den Kopf: „Wie Recht Renate mit ihrem Rexona-Tipp hatte.“

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