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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ein Wiedersehn in Duisburg
Eingestellt am 07. 06. 2003 01:37


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Udogi-Sela

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Lange warte ich vor der grau lackierten HaustĂŒr.
Vor einer Ewigkeit verhallte der letzte Klingelton. Ich trete ein paar Schritte zurĂŒck.
Warten.
Mein Blick fÀhrt an der Kante des Hauseingangs entlang; mit meinen Augen zeichne ich die Risse im Mauerwerk nach.
War da was hinterm Fenster ĂŒber der HaustĂŒr?
Dann fĂŒhle ich nur noch den Kragen meiner Jacke im Genick.
Oben am Fensterrahmen bröckeln Farbe und Kitt.
Von Zigarettenqualm vergilbte Gardinen halten die Sonne fest.
Ein Fensterhaken zieht einen rostigen Schweif auf dem Putz hinter sich her.
Schwarzer Ruhrgebietsstaub aus vergangenen Tagen hat sich unter den FensterbÀnken festgesetzt und im Wechselbad des Regens das alte Zechenhaus kariert.
Warten.
Ein paar wilde GrĂ€ser fĂŒhlen sich im VorgĂ€rtchen wohl.
In schwarzer Erde faulen ZaunpfĂ€hle; Reste weißer Farbe, die noch Festigkeit vortĂ€uschen, schĂŒtzen die morschen Fasern. Das Gitter lehnt am einzigen dĂŒnnen Betonpfeiler.
Warten.
Was dauert bloß so lang? Sie muss doch zu Hause sein!
Ab und zu höre ich hinter mir ein Auto vorbei rauschen.
In den Wolken, genau ĂŒber meinem Kopf, ein Linienjet, dessen Dröhnen sich in meinen SchĂ€del bohrt.
Wind raschelt im dĂŒrren Laub der alten Hecke, zerrt an meiner Jacke, wĂŒhlt durch meine Haare, die ich mit dem groben Rechen meiner Finger wieder in halbe Ordnung streiche.

Am kleinen TĂŒrfenster schiebt sich die Gardine zur Seite und das vom Fensterkreuz in vier Teile zerlegte Gesicht spĂ€ht nach mir aus.
UnwillkĂŒrlich lĂ€chle ich.
Da sind die mir so bekannten spitzbĂŒbisch zwinkernden blauen Augen.
Kein einziges graues Haar auf ihrem Kopf, doch stehen sie so zerzaust wie die meinen.
Ihr Blick schreibt das Fragezeichen in ihrem Kopf an meiner Silhouette nach.
FĂŒr einen Augenblick sehen wir uns regungslos an.
Mein LĂ€cheln hakt sich wider in bruchstĂŒckhaften Erinnerungen und ich trete auf die erste der drei Stufen der EingangstĂŒr.
Die Gardine fĂ€llt zurĂŒck.
Intensiv betrachte ich die abgeschabte TĂŒrknopfblĂŒte aus Messing und das neue Plastik-Namensschild mit der altdeutschen Schrift ihrer Hand.
Zögerndes Suchen, klickendes Tasten auf der anderen Seite; Metall berĂŒhrt Metall, der SchlĂŒssel dreht endlich im Schloss.
Die EingangstĂŒr schabt sich ĂŒber den im Boden eingefrĂ€sten Viertelkreis nach innen und das warme Drinnen lĂ€sst sich mit dem fröstelnden Draußen ein.

„Was wollen Sie?“ sagt die vertraute Stimme.
So kurz dauert die Ewigkeit.
Nachdem sich das ganze Universum blitzartig in meinen GedĂ€rmen und meinem Hirn zu einer winzigen und riesengroßen Leere verkrampft hat, höre ich meine Stimme:
“Hallo! Tag, Mama!“

__________________
Dieses ganze Schreiben ist nichts als die Fahne des Robinson auf dem höchsten Punkt der Insel. (Kafka)

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La Luna
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Hallo Udogi-Sela,

als ich deine Geschichte zu lesen begann, erstaunte mich deine knappe Ausdrucksweise, mit der du jedoch sehr prĂ€zise EindrĂŒcke vermitteltest. Doch dem nicht genug: Die Spannung ĂŒber eine so lange Strecke, und dazu auch noch mit einer Ortsbeschreibung, aufrecht zu erhalten, dazu gehört allerhand. Das hast du gemeistert, indem du unverbrauchte Umschreibungen fĂŒr Bilder fandest, die alltĂ€glich scheinen und ĂŒber die sich niemand mehr so recht Gedanken macht, weil sie selbstverstĂ€ndlich sind.
Ich denke da z.B. an das viergeteilte Gesicht, der rostige Schweif, der grobe Rechen, der halbe Ordnung herstellt, der eingefrĂ€ste Viertelkreis
 und zwischendurch immer wieder das Warten. In dieser Geschichte steckt ein waches Auge und viel Liebe zum Detail und gerade das zeichnet sie aus. Nicht zu vergessen der Schluss. Mein spontaner Gedanke war: Alzheimer. Doch es folgt keine ErklĂ€rung und das ist gut so. Ein kurzer Einblick in die GefĂŒhlswelt und dann: „Tag, Mama“. Knapp, und doch so aussagekrĂ€ftig.
Allerdings möchte ich einen Satz dennoch beanstanden:

Ihr Blick schreibt das Fragezeichen in ihrem Kopf an meiner Silhouette nach.

Zwar weiß ich nach dem zweiten Lesen, und folglich in Kenntnis des Endes, was du meinst. Beim ersten Mal jedoch, dachte ich an eine Fragezeichensilhouette á la Karl Valentin. Ich meine, das Wort "Silhouette" ist daran schuld, kann das aber an keinem Grund festmachen.
Aber vielleicht weißt du ja, was ich meine.

Was mir noch angenehm auffiel ist die perfekte Rechtschreibung und Interpunktion.
Ich freue mich, dass ich diese Geschichte gelesen habe!


Liebe GrĂŒĂŸe
Julia







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Udogi-Sela

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Hallo, LaLuna oder Julia (was ist Dir lieber?)

Danke fĂŒr Deine freundliche Antwort. Hat mich richtig gefreut. Ich habe tatsĂ€chlich ziemlich lange an diesen SĂ€tzen geschrieben, verworfen und geĂ€ndert, aber das darf man ja nicht merken. "Sichtbare MĂŒhe ist zuwenig MĂŒhe".
Den beanstandeten Satz kann man weglassen, ohne dass das Ganze Schaden leidet.

Liebe GrĂŒĂŸe
Udo (Gisela)




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La Luna
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Hallo Udo-Gisela, (was ist dir lieber?)

"Sichtbare MĂŒhe ist zuwenig MĂŒhe".
Kluge Worte, da ist was dran.
Dass du dir viel MĂŒhe machtest, kann das geschulte Augen erkennen, aber offensichtlich ist es nicht, da kann ich dich beruhigen.
Doch um deine Frage zu beantworten, was mir lieber wÀre, als La Luna oder Julia genannt zu werden:
Hm... ein Sommerurlaub in Irland oder Frankreich vielleicht. Manchmal sogar ein Schokoeis mit Sahne...*lach*.

Man liest sich....

Lieber Gruß
Julia



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domino
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Hallo, Udo,
eine beklemmende Geschichte in eindrucksvollen Bildern gemalt.
(Nur der Satz mit der "winzigen und riesengroße Leere" wirkt auf mich nicht "rund".)
Lieber Gruß
domino

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bluefin
Guest
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hallo @udo,

es ist keine geschichte, sondern eine szene, die von der genauen beobachtung des lyrich lebt, der dinge erkennt, ĂŒber die viele einfach hinweg sehen.

dass es auf die begegnung von jung und alt hinauslÀuft, vermutet man ziemlich bald, aber das macht nichts - es wird dies ja auf eine besondere art und weise geschildert: ein ganzes haus als metapher.

ein bisschen zuviel gechnörkel, finde ich, ist noch mit dabei; manchmal zuviel umstand und der eine oder andere pathetische ansatz, den's nicht brĂ€uchte. @la luna hĂ€lt deine ausdrucksweise fĂŒr knapp, bluefin findet sie hier eher ein spĂŒrchen zu opulent. zum beispiel:

quote:
Lange warte ich vor der grau lackierten HaustĂŒr, der letzte klingelton ist lĂ€ngst verhallt
(Vor einer Ewigkeit verhallte der letzte Klingelton).Ich trete ein paar Schritte zurĂŒck.
Warten.
Mein Blick folgt dem tĂŒrstock (fĂ€hrt an der Kante des Hauseingangs entlang);(mit) meine(n) Augen zeichnen (ich) die Risse im Mauerwerk nach.
War da was hinterm Fenster ĂŒber der HaustĂŒr?
(Dann fĂŒhle) ich spĂŒre (nur noch) den Kragen meiner Jacke im Genick: Oben am Fensterrahmen bröckeln Farbe und Kitt.
(Von Zigarettenqualm) vergilbte Gardinen halten die Sonne fest.
Ein Fensterhaken zieht einen rostigen Schweif auf dem Putz hinter sich her (sehr schön gesagt!!).
(Schwarzer) Ruhrgebietsstaub aus vergangenen Tagen sitzt (hat sich) unter den FensterbÀnken (festgesetzt) und (im Wechselbad des) der Regen(s) hat die Front des alten Zechenhauses kariert.
Warten.
Ein paar wilde GrĂ€ser (fĂŒhlen sich) kĂŒmmern im VorgĂ€rtchen (wohl).
In schwarzer Erde faulen ZaunpfĂ€hle; Reste weißer Farbe(, die noch Festigkeit vortĂ€uschen, schĂŒtzen die) blĂ€ttern ĂŒber morschen Fasern. (Das Gitter lehnt am einzigen dĂŒnnen Betonpfeiler.)
Warten.

undsoweiter.

die in klammern gesetzten worte oder passagen passen m. e. nicht oder sind entbehrlich. vielleicht regt dich mein geblĂ€u dazu an, darĂŒber nachzudenken, ob melancholie nicht besser einfach und leis daherkommt, um zu beeindrucken.

liebe grĂŒĂŸe aus mĂŒnchen

bluefin

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