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Leselupe.de > Science Fiction
Ein letztes Rendezvous
Eingestellt am 05. 10. 2008 00:01


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Ralph Ronneberger
Foren-Redakteur
Autor mit eigener TV-Show

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Ein letztes Rendezvous


Landrat Luschke bemühte sich, sein heimliches Gähnen dezent hinter vorgehaltener Hand zu verbergen. Den Ausführungen dieses übereifrigen Präsentators war er schon geraume Zeit mit immer stärker nachlassendem Interesse gefolgt. Der Mann flatterte nun schon seit einer knappen Stunde wie ein drittklassiger Reiseleiter vor der kleinen, aber hochkarätigen Besuchergruppe her und war eifrig bemüht, seine eigene Begeisterung mittels euphorischem Redeschwall und heftigen Gesten auf die hohen Gäste zu übertragen. Zwischendurch flog sein gehetzter Blick hinüber zu seinem Chef, und wenn der zufrieden nickte, schien das den Eifer dieser Quasselstrippe zusätzlich anzustacheln.
Luschke unterdrückte ein weiteres Gähnen, weil er sich plötzlich dem smarten Herrn Goldbach gegenüber sah. Goldbach, ein schlanker und äußerst gepflegt daher kommender Mittvierziger, hatte sich vorhin als Mitglied des Aufsichtsrates einer Bank vorgestellt, die an der Finanzierung des Projektes maßgeblich beteiligt sein sollte
„Die Geschäftsidee finde ich ja durchaus bemerkenswert, aber für seine Public Relations sollte sich der gute Deftinger eines fähigeren Mitarbeiters bedienen“, raunte der Banker und schenkte dem Landrat ein vertrauliches Lächeln.

Luschke nickte verhalten und schenkte ein Lächeln zurück. Er war also nicht der Einzige, den diese Performance zu nerven begann. Demonstrativ blickte er zur Uhr und ärgerte er sich darüber, Deftingers Einladung angenommen zu haben. Schließlich kannte er das Projekt „Hiwelero-Center“ bereits aus etlichen Vorbesprechungen. Dem vorgelegten Konzept stand er zwar skeptisch gegenüber, aber er musste zugeben, dass Deftingers apartes Vorhaben nicht ignoriert werden durfte. Schließlich sollten hier mehr als dreihundert Arbeitsplätze entstehen. „Hiwelero-Center“ – das stand für einen historischen Wellnäss- und Erotikpark, in welchem besonders betuchten Gästen mannigfaltige Urlaubserlebnisse der ganz besonderen Art geboten werden sollten. Neben den in vergleichbaren Nobelhotels üblichen Freizeitvergnügungen würde hier vor allem die Befriedigung erotischer Genüsse im Vordergrund stehen. Dabei war in erster Linie an Rollenspiele gedacht, die ihrerseits in historischen Kulissen stattfinden sollten. Der Gast durfte sich dann aussuchen, ob er beispielsweise auf einer Ritterburg, in einer römischen Therme, im Zelt des Dschingis Khan oder in einer Künstlerkneipe der „goldenen Zwanziger“ seine Sexphantasien ausleben wollte. Wer sich besonders primitive Verhältnisse wünschte, der würde es sogar in einer perfekt nachempfundenen Steinzeithöhle treiben dürfen.
Aber noch präsentierte sich der größte Teil des weitläufigen Geländes als Baustelle. Nur der Um- und Ausbau der ehemaligen Dreifels-Villa schien so gut wie abgeschlossen zu sein. Darauf steuerte der nervige „Reiseleiter“ nun mit trippelnden Schritten zu. Luschke blieb einen Moment stehen und schaute nachdenklich auf die barock gestaltete Fassade. Nichts erinnerte mehr an die einstmals im Jugendstil errichteten Villa.
‚Professor Dreifels würde sich im Grab herum drehen, wenn er davon wüsste’, dachte er. Den prominenten Physiker hatte er persönlich gut gekannt und ihn auch in der Villa besucht. Zu dem Zeitpunkt lebte Dreifels bereits sehr zurückgezogen und widmete sich mit nur einem Assistenten seinen Privatforschungen.
Nach dem Inhalt seiner wissenschaftlichen Arbeiten befragt, hatte Dreifels nur abgewinkt und etwas von „reinen Hobbys“ genuschelt. Viel konnte ihm das nicht eingebracht haben, denn wenig später kam das Gerücht auf, der Professor sei in finanziellen Schwierigkeiten.
Und es verhielt sich tatsächlich so. Urplötzlich kündigte ihm seine Hausbank alle Kredite und das herrliche Grundstück, das sein Vater bereits über die Wirren der Nachkriegszeit gerettet hatte und das der Sohn dann auch noch gegen die Begehrlichkeiten sozialistischer Funktionäre zu behaupten wusste, kam nun unter den Hammer. Was der SED-Führung in Jahrzehnten nicht gelungen war, schafften die Finanzhaie des neuen Wohlstandsstaates im Vorbeigehen. Seine finanzielle Notlage und sein Ungeschick, sich aus dieser Misere aus eigener Kraft zu befreien, trieben ihn in den Ruin. Zwar hatte er mit Hilfe eines Maklers die Zwangsversteigerung noch abwenden können, aber damit kam er vom Regen in die Traufe. Die Forderungen dieses skrupellosen Herren, der den armen Dreifels zusätzlich über den Tisch zog, ließen den Wissenschaftler am Ende völlig mittellos dastehen.
Er hatte den Verlust seiner Wohn- und Arbeitsstätte wohl nicht zu verwinden vermocht. Er nahm sich das Leben. So konnte man es zumindest einem Abschiedsbrief entnehmen, den die Möbelpacker in der Bibliothek der Villa fanden. Seine sterblichen Überreste wurden allerdings nie entdeckt. Im Ort hielt sich seither hartnäckig das Gerücht, er habe sich in dem Moor umgebracht, das ebenfalls zu seinem Grundstück gehört hatte. Versunken bis in alle Ewigkeit. Niemand würde ihn in seiner letzten Ruhe stören.

Luschke wandte den Kopf in eine Richtung, wo zwischen zwei halbfertigen Gebäuden, die zur Nachbildung einer mittelalterlichen Kleinstadt gehörten, die Wasserfläche des kleinen Sees herüber blinzelte. Auch der hatte zum Dreifels’schen Besitz gehört. Nur wenige sichere Pfade führten durch das ihn umgebende Moor bis an die Wasserfläche heran.
„Es handelt sich hier um eines der wertvollsten Schwingdeckenmoore Deutschlands“, hatte eine Vertreterin der anerkannten Naturschutzverbände erklärt.
„Herr Landrat, die Unterschutzstellung des Moores war ein wichtiger Schritt, aber jetzt haben wir die Gelegenheit, dieses Areal käuflich zu erwerben und für alle Zeiten zu sichern. Eine solche Chance müssen wir unbedingt nutzen!“, hatte sie ihn beschworen, während ihr wettergegerbtes Asketengesicht von hektischer Röte überzogen ward.
Luschke hatte genickt und seine Unterstützung zugesagt. Die Kaufverhandlungen mit dem besagten Makler liefen noch. Raffke hieß der Mann. Auch er befand sich unter den Gästen. Luschke entdeckte ihn an der Seite des künftigen Betreibers des Hiwelero-Centers. Welch ungleiches Paar! Der eine groß, schlank und im maßgeschneiderten Zwirn – der Andere klein, gedrungen und mit einer hornknöpfigen Trachtenjacke behangen, wirkte wie ein biedere Landgastwirt. Nur der unangenehm stechende Blick dieses Zwerges, der von der dickwandigen Brille zusätzlich gebündelt wurde, verriet etwas dessen Verschlagenheit.

„Und hier befinden wir uns vor unserem nahezu fertig gestellten Lustschloss – ganz im Stile des Spätbarock gestaltet!“
Der PR-Knabe hatte die Freitreppe zum Eingang der einstigen Dreifels-Villa erklommen und stand nun mit theatralisch ausgebreiteten Armen vor dem mit verspielten Schnitzereien verzierten Portal.
„Ein Liebestempel aus dem 18. Jahrhunderts. Hier kann der Gast gern in die Rolle eines Freiherrn von der Trenck, eines Casanova oder gar eines Königs Ludwig XV. schlüpfen. Und welche Frau wäre nicht gern einmal Marie-Antoinette, Königin des Rokoko?“
Der Redner blickte bei seinen letzten Worten zu einer der wenigen Frauen, die von Deftinger zu der Besichtigung eingeladen worden waren. Luschke kannte die adrette Blondine. Sie vertrat die Lokalpresse. Auch das noch!
Die Angesprochene ließ ihren Notizblock sinken und warf aufreizend ihre Mähne nach hinten
„Wenn Sie mir versprechen, nicht auf der Guillotine zu landen!“
Das Gelächter hielt sich in Grenzen. Luschke tippte darauf, dass nur Wenige der Anwesenden etwas von Marie-Antoinette und ihrem tragischen Ende unter besagtem Fallbeil wussten. Aber der Marktschreier dort oben war schon wieder beim Deklamieren.
„Alles hier in diesem Haus ist zeitgemäß – angefangen bei der Einrichtung, über die gereichten Speisen und Getränke bis hin zu den kosmetischen Hilfsmitteln, mit denen die Damen der feinen Gesellschaft ihre natürlichen Reize historisch korrekt aufpeppen dürfen. Tja- selbst die aus hauchdünnem Ziegendarm gefertigten Kondome sind stilecht“
Diesmal gab es einige Lacher mehr.
Luschke sah sich im Geiste plötzlich einer barbrüstigen Rokoko-Schönheit gegenüber, die vor ihm kniete und sich eifrig mühte, ihm mittels zierlich gebundenem Schleifchen den dezent knisternden Ziegendarm am erigierten Penis festzuzurren. Es bereitete ihm schon einiges an Anstrengung, um dieses verlockende Phantasiebild los zu werden und sich gefälligst daran zu erinnern, dass er Hunger hatte und ihm die Zeit im Nacken saß. Entschlossen ging er auf den Gastgeber zu.
„Ah, der Herr Landrat“, schien der sich zu freuen. „Kommen Sie!“
Luschke fĂĽhlte sich von Deftinger am Arm genommen und zur Freitreppe geschoben.
„Ich hoffe, mein Konzept hat Sie überzeugt.“
Luschke näselte ein paar artige Floskeln und verwies dezent darauf, dass er sich als Landrat doch eher mit anderen Problemen zu beschäftigen habe.“
‚Was gehen mich die Sorgen eines Edelpuffbesitzers an’, dachte er, aber da fielen ihm zum Glück die dreihundert Arbeitsplätze ein. Das Argument zog bei allen Rechtfertigungsversuchen - vor sich selbst genauso, wie der Öffentlichkeit gegenüber.
Deftingers Lächeln verkrampfte ein wenig. Ansonsten tat er unbeeindruckt.
„Schauen Sie nur“, sagte er, als sie oben auf dem Podest angekommen waren. Sein Arm wies hinüber zum Moor und dem dahinter liegenden See.
„Dort drüben soll eine keltische Siedlung entstehen. Einige der Hütten möchte ich mitten im Moor platzieren. Über ein System von Holzstegen wird man zu verträumten Pfahlbauten gelangen. Wenn das keine Kulisse ist! Stellen Sie sich eine schwüle Sommernacht vor. Nebel steigen auf, Frösche quaken und Elfenfeuer geistern über den Sumpf. Eine bronzehäutige Schöne räkelt sich…“
„Sie meinen Elmsfeuer“, knurrte Luschke.
„Wie? Ach so. Ist doch scheißegal. Ich brauche das Grundstück. Ein Streifen von – sagen wir – zweihundert Meter Länge würde schon reichen. Mit dem Rest können die Natur-Fuzzis ja immer noch selig werden.“
„Ich werde sehen, was sich machen lässt“, murmelnde Luschke und schaute den Gästen nach, die einer nach dem anderen im Haus verschwanden, wo sie im großen Salon ein hochfeudales Buffet erwartete.
„Die besonderen Gäste – bitte hier entlang“, raunte Deftinger und bugsierte den Landrat durch eine schmale Tapetentür. Der Banker und der Makler folgten.
Durch einen spärlich beleuchteten Gang, wo es nach frischem Kalk roch, gelangte die kleine Gruppe in einen Raum, von dem man annehmen durfte, dass er der Aufbewahrung eines Theater-Fundus diene. In der Mitte standen mehrere Reihen von Kleiderständern, die mit einer Riesenauswahl unterschiedlicher Kostüme bestückt waren. An den Wänden befanden sich Regale, vollgestopft mit allen möglichen Utensilien.
Luschke schĂĽttelte irritiert den Kopf und wollte sich gerade ein wenig wundern, als Deftingers Stimme wieder zu vernehmen war.
„Wir werden jetzt in Kleider schlüpfen, die man in der Mitte des 18. Jahrhunderts getragen hat“, verkündete er und schnippte mit den Fingern.
Auf dieses Zeichen hin tauchten vier bildhübsche Mädchen zwischen den Ständern auf. Ihre nach vorn gestreckten Arme waren mit gewaltigen Kleiderbündeln bepackt.
„Cosette und ihre Kolleginnen werden Ihnen beim Umkleiden behilflich sein.“
Wohl um seinen Worten den nötigen Nachdruck zu verleihen, begann Deftinger sich seines Jacketts zu entledigen.
Luschke stand verwirrt daneben und suchte nach Worten. Die fand er aber erst, als der Hausherr bereits sein Hemd abgelegt hatte und nun gar die Hose fallen lieĂź.
„Was soll das? Ich bin nicht hierher gekommen, um alberne Verkleidungsspielchen mitzumachen, sondern um mit Ihnen über das Moorgrundstück zu sprechen“, fauchte Luschke, nun alle Höflichkeit fahren lassend.
„Gemach, gemach, mein Lieber. Wir werden noch ausgiebig Gelegenheit haben…“
„Ich habe aber keine Zeit!“, fuhr Luschke dazwischen und tippte energisch auf seine Armbanduhr.
„Zeit ist relativ“, kicherte Deftinger, der nun in Boxershorts umher hüpfte und sich von der schönen Cosette eine zierliche Kniehose reichen ließ. „Ich versichere Ihnen – Sie werden pünktlich zu Ihrem Termin erscheinen.“
„Ihr Wort in Gottes Ohr“, maulte Luschke und sah zu, wie auch Goldbach und Raffke die ersten Kleidungsstücke fallen ließen.
„Nun machen Sie schon – ich helfe Ihnen gern.“
Er sah auf die kleine Blondine, die geduldig mit dem Bündel vor ihm stand. Ihr Lächeln besaß etwas Zwingendes.
„Mein Gott – ich finde das Alles nur… nur peinlich“, stöhnte er.
„Aber Herr Landrat. Bei ihrer Figur muss Ihnen doch nichts peinlich sein!“, kam es ernsthaft zwischen den sauerkirschfarbenen Mädchenlippen hervor.
Luschke wäre kein Mann gewesen, wenn ihm das nicht geschmeichelt hätte, und das gab letztlich den Ausschlag, es den drei anderen Herren gleich zu tun. Allerdings wollte er die Prozedur schnell hinter sich bringen und beeilte sich dementsprechend. Als sich der dicke Raffke noch mit dem Schließen seiner Weste abmühte und beim Anlegen des Spitzenjabots nach Luft japste, schlüpfte der topfigürliche Landrat bereits in die knielange und mit weiten Schößen versehene Jacke, während sich seine Assistentin mit den Schnallen der schwarzen Lederschuhe abmühte. Nun noch die gepuderte Perücke auf dem Kopf platziert, den Dreispitz aufgesetzt und einen Blick in den mannshohen Spiegel riskiert. Es folgte ein kurzer Laut der Überraschung, denn aus dem Spiegel blickte ihm ein perfekt gestylter Rokoko-Kavalier entgegen.
Während er ein wenig posierte, vollzog sich auch bei den Anderen die sonderbare Verwandelung.
„Fertig – meine Herren?“ Deftinger schaute prüfend von einem zum anderen und schien zufrieden. „Dann folgen Sie mir!“
Mit raschen Schritten durchmaß er die feudale Kleiderkammer. Erneut wurde eine Tür geöffnet, und das Quartett betrat eine Halle, die so gar nicht in das spätbarocke Ambiente passen wollte. Boden und Wände bestanden aus nacktem Beton. Einige dicke Kabel verliefen kreuz und quer durch den Raum. Man glaubte sich in eine überdimensionale Garage versetzt. Doch statt protziger Luxuslimousinen gewahrte man lediglich eine große Reisekutsche. Sah man von den vergoldeten Wappen an den Türen ab, so präsentierte sich das Gefährt relativ schlicht und deutete wohl auf gehobenen Landadel hin. Die sechs Pferde, die vor die Kutsche gespannt waren und gelassen die Betonwände anstarrten, standen gut ihm Futter.
Ein junger Mann kam unter der Karosse hervor gekrochen und klopfte sich mit einer Hand umständlich den Staub von der Livree. In der anderen hielt er ein Kabelende.
„Alles in Ordnung, Berger?“, grüßte Deftinger.
„Doktor Berger – soviel Zeit muss sein“, knurrte der Angesprochene, ehe er versicherte, dass alles für die Ausfahrt bereits sei.
„Ausfahrt?!“
Luschke spürte neuen Unmut in sich aufkommen. Sollte er etwa, so lächerlich kostümiert, in diese Droschke gezwängt werden, nur um sich bei einer Rundfahrt über das Baugelände den jubelnden Arbeitern zu zeigen. Er, der gnädige Herr Landesvater in sechsspänniger Kutsche, zierlich ein Spitzetüchlein schwenkend… Die Presse würde johlen…
Er kam nicht dazu, den Gedanken zu Ende zu denken, er kam auch nicht dazu, lautstark zu protestieren. Ehe er es sich versah, fühlte er sich bereits in die Kutsche geschoben und fand sich schließlich auf einer der gegenüber liegenden Sitzbänke wieder. Neben ihm ließ sich Goldbach in das Polster fallen.
„Und nun?“, schnaufte Raffke und blinzelte fragend zu Deftinger.
Der räkelte sich wohlig und nervte die Anderen mit einem ausgiebigen Grinsen. Endlich ließ er sich zu einer Erklärung herab.
„Meine Herren – Sie befinden sich hier in einem Fahrzeug, das auf der Welt einmalig ist. Äußerlich einer herrschaftlichen Equipage täuschend ähnlich, steckt das Gefährt voller Hightech. Das ist nämlich keine Kutsche, sondern eine hochkomplizierte Maschine. Ein glücklicher Zufall wollte es, dass sie auf dem Grundstück des Professors verblieb und somit in meinen Besitz überging. Dreifels hat sie selbst konstruiert. Sie sollte der krönende Abschluss seiner Forschungstätigkeit sein. Ich wusste natürlich damit nichts anzufangen, bis Doktor Berger, der sich als ehemaliger Mitarbeiter des Professors vorstellte, vor einiger Zeit bei mir auftauchte und mir die Funktion des Apparates erklärte. Mit dieser Maschine mache ich das Geschäft meines Lebens. Während Otto Normalverbraucher seine sexuellen Phantasien in meinem Hiwelero-Center für durchaus erschwingliche Preise austoben darf, bleibt es den gestressten Topmanagern und den hohen Politikern…“ Er nickte gönnerhaft in Richtung Luschke. „…vorbehalten, historische Umfelder nicht in gut gemachten Kulissen, sondern live zu erleben. Meine Herren – ich lade sie zu einer unvergesslichen Reise ein und begrüße sie an Bord unserer „Zereku“.
Deftinger lehnte sich zurück und schien die ratlosen Blicke seiner Gäste zu genießen. Derweil sah Luschke aus den Augenwinkeln, wie der livrierte junge Mann auf den Kutschbock kletterte.
„Was für ne Kuh?“
„Zereku steht schlicht für Zeitreisenkutsche. Das ist nicht sehr originell, aber ich bin für originelle Veränderungsvorschläge dankbar.“
Irgendetwas begann leise zu summen und brachte die Kutsche zum Vibrieren.
„Ich will es kurz machen“, sagte Deftinger. „In wenigen Sekunden beginnt für uns eine Zeitreise. Mit Hilfe dieser Dreifelsschen Erfindung werden wir bereits in einer reichlichen Stunde Echtzeit zu Gast bei einem französischen Landadeligen sein. Pünktlich am 01.Juli 1774 werden wir auf seinem kleinen aber feinen Chateau ganz in der Nähe von Anger eintreffen. Dort werden wir sechs Wochen am Ufer der Loire verbringen, um uns mit den Gepflogenheiten dieser Zeit vertraut zu machen. Danach reisen wir nach Paris, wo wir die Vermählung des Thronfolgers und künftigen Ludwig dem sechzehnten mit der bezaubernden Marie-Antoinette hautnah miterleben werden. Nach weiteren sechs Wochen pikanter Vergnügen am königlichen Hof in Versailles, treten wir die Heimreise an und werden exakt zum Zeitpunkt unseres Abfluges wieder hier ankommen. Sie verleben also nicht nur ein Vierteljahr voller Abenteuer, sondern gewinnen noch drei Monate Lebenszeit hinzu. Und das alles ausnahmsweise zum Nulltarif. Na, was sagen Sie dazu?“
Zwei Sekunden lang Schweigen, dann füllte Raffkes Gelächter die Kutsche aus. Goldbach entschloss sich mitzukichern. Luschke dagegen blieb stumm, weil er sich schlichtweg verarscht fühlte.
Das Summen verstärkte sich, und wurde nach und nach zum schrillen Pfeifen. Spätestens, als die Insassen der Kutsche kräftig durchgerüttelt wurden, erstarb das Gelächter.
Luschke hatte plötzlich mit einem Schwindelgefühl zu kämpfen. Dann sah er nur noch Zerrbilder. Die Wände der Kutsche verschoben sich. Die Gesichter seiner Gefährten lösten sich auf und ihre Körper verquollen zu strukturlosen Klumpen. Entsetzt schloss er die Augen und spürte, wie er in eine Ohnmacht zu kippen drohte.
Er hätte nicht zu sagen vermocht, wie lange dieses Rütteln und das Pfeifen angedauert hatten, als es plötzlich ganz still wurde.
Seine Sinne nahmen wieder ihren Dienst auf und er hörte, wie Deftinger leise auf jemanden einsprach. Als er es wagte, die Lider zu heben, fiel sein Blick auf Goldbach, der leichenblass im Polster lag und wirres Zeug stammelte. Selbst Raffke schien zutiefst beeindruckt. Er riss fahrig an den Spitzen seines Jabots und rang wieder mal nach Luft.
„Deftinger, wollen Sie uns umbringen?“, keuchte er schließlich.
„Es ist vorbei“, sagte Deftinger und seine Stimme hatte etwas von einer Mutter, die ihrem Kind versichert, nur schlecht geträumt zu haben. „Sie dürfen jetzt den Flug genießen.“
Flug? Luschke wagte es, sich ein wenig aufzurichten und einen Blick aus dem Fenster zu riskieren. Als er die im Dämmerlicht liegende Landschaft unter der Kutsche vorbei ziehen sah, fuhr er erschrocken zurück.
„Wie hoch sind wir?“, krächzte er und schauderte bei dem Gedanken an die lächerlich dünne Holz- und Lederkonstruktion, die ihn von der Außenwelt trennte. Ihm kam es vor, als flögen sie kaum niedriger, als ein normales Passagierflugzeug. Er dachte an extrem dünne Luft und eisige Kälte.
„Keine Sorge. In unserer Raum-Zeit-Blase befinden wir uns in absoluter Sicherheit. Sehen sie die Pferde? Sie stehen vermeintlich im Freien. Und der Kutscher? Auch ihn treibt nichts von seinen Bock. Sie können also getrost die Tür öffnen und ein paar Schritte gehen. Probieren Sie es.“
Luschke zog es vor, zu bleiben und seine Finger in der Polsterung zu verkrallen.
Doch Deftingers Gelassenheit begann nach und nach Wirkung zu hinterlassen. Als der versicherte, dass eine Zeitreise weit weniger Risiken in sich berge, als eine Fahrt mit dem Inter-City, war man bereit ihm zu glauben. Die ersten schüchternen Fragen wurden gestellt. Man erfuhr, dass die Raum-Zeit-Blase rund zwanzig Kilometer pro Minute vorankam, während die Zeit sich etwa um alle zwölf Sekunden um ein Jahr zurück verschob.
„In nur zwölf Sekunden wird es dort unten 365 Mal Tag und Nacht. Das bekommt das Auge natürlich nicht so schnell mit und so erscheint die Landschaft in permanenter Dämmerung zu liegen.“
Deftinger machte eine Pause, in der seine Gäste scheue Blicke nach draußen warfen. Luschke sah dort unten Felder, Wiesen, Wälder und Dörfer vorüber ziehen. Von links kam eine von bewaldeten Bergen umgebene Stadt ins Blickfeld. Auf einem der Gipfel reckte eine Burg ihre Türme in den Himmel.
„Wie lange sind wir schon unterwegs?“
Statt eine Antwort zu geben, schob Deftinger eine Klappe zurĂĽck, die sich an der Wand, dicht neben seinem Kopf befand. Dahinter verbarg sich ein kleines Display.
„Wir sind bereits zwölf Minuten geflogen, befinden uns gerade über Eisenach und schreiben das Jahr 1960. Alles läuft wie programmiert.“
Luschke sah, wie sich die Gesichter seiner Gefährten allmählich entspannten. Selbst der sensible Goldbach hatte ein lockeres Grinsen im Gesicht, als er sich an Deftinger wandte.
„Nun verraten Sie uns aber mal, ob das nun eine Bildungsreise für angehende Hobbyhistoriker wird oder ob wir uns tatsächlich auf einem Erotik-Trip befinden.“
„Beides, mein Lieber, Beides. Sie werden viel über die Verhältnisse der damaligen Zeit erfahren, und ich kann Ihnen versichern, sie werden von den französischen Bauernmädels genauso begeistert sein, wie von den mondänen Schönheiten des Hochadels. Dazwischen werden wir tausend Nuancen erleben.“
„Klingt gut“, schnaufte Raffke, und Luschke dachte an die Ziegendarmkondome, was ihn dazu veranlasste sich am allgemeinen Grinsen zu beteiligen.
„Ist das nicht das Zeitalter, wo die Weiber so fürchterlich gestunken haben?“, versuchte Goldbach ein wenig Wermut in die aufkommende Hochstimmung zu tropfen.
Damit brach er ungewollt eine heftige Diskussion vom Zaun, an der es vor allem um die sexuell animierenden oder abtörnenden Aspekte weiblicher Gerüche ging.
Luschke beteiligte sich nicht daran. Er lieĂź sich von all den bezaubernden Bildern gefangen nehmen, die ihm seine Phantasie vorzugaukeln begann.
Hitze flimmerte über den Ufern der Loire, doch er lag auf einer der zahlreichen Sandbänke inmitten des kühlen Stromes und blinzelte dem jungen Mädchen entgegen, das mit vorsichtigen Schritten durch das seichte Wasser direkt auf ihn zu geschritten kam. Er lag, hinter einer winzigen Düne ihren Blicken verborgen und wagte kaum zu atmen. Behutsam zwischen Sand und Geröll nach Halt suchend, setzte die Kleine einen Fuß vor den anderen, und sie tat dies mit solch schlichter Eleganz, wie es Luschke so noch nie bei einer anderen Frau wahrgenommen hatte. Sie trug zwar nur ein grobes, knielanges Leinenhemd, aber ihm war, als könne er trotzdem das Spiel der jugendfrischen Muskeln und Sehnen ungefiltert betrachten. Ihr schulterlanges Haar glänzte wie Kupfer in der Sonne, was ihrem Haupt eine einzigartige Aura verlieh. Ungewollt entfleuchte Luschkes Lippen ein tiefer Seufzer der Bewunderung. Was für ein Weib! Und so herrlich jung!
Seit die Frau Landrätin in ihre erste Anwelkphase getreten war, ertappte sich Luschke immer häufiger dabei, nach unverbrauchten Mädchen zu schielen und sie sich in ihrer Nacktheit vorzustellen. Manchmal fühlte er sich von dem Verlangen, ein solches blutjunges Ding besitzen zu wollen, regelrecht gebeutelt. Und nun das! Was er jetzt sah, trocknete ihm die Mundhöhle aus. Keine zehn Schritt von seinem Versteck entfernt ließ das Mädchen mit unschuldiger Lässigkeit ihr Hemd fallen und präsentierte einen geschmeidig festen Körper, der genau Luschkes qualvoll unterdrückten Sehnen entsprach. Ein Reiz ging von dem Mädchen aus, dem er nicht zu widerstehen vermochte. Und warum auch? Er brauchte doch seinem Begehren gar nicht zu trotzen. Sie war für ihn da – eine Bauerndirne, die es nie wagen würde sich dem Willen eines hohen Herrn zu widersetzen. Im Bewusstsein dieser Macht umfing er einen Moment lang diese bestrickende Gestalt mit einem von der Erregung diktierten Blick. Und die Gewissheit, dass dieses Mädchen nun ihm gehören würde, ließ es plötzlich vor seinen Augen aufblitzen. Plötzlich sah er nur noch grelle, Bilder – im rasenden Wechsel sich ablösend. Ein knabenhaft kleiner Po, feste glatte Schenkel und das rotblonde Gekräusel, dort, wo sie zusammen kamen. Schmale Hüften und ein flacher Bauch. Und dann die winzigen Brüste, deren Knospen ihm förmlich entgegen zu glühen schienen.
Luschke hielt es nicht länger in seinem Versteck. Mit einem Schrei, der ihm fremd erschienen wäre, wenn er jetzt darauf geachtet hätte, stürzte er hervor, rannte auf das sich entsetzt versteifende Mädchen zu, packte es und zerrte es brutal auf die Sandbank. Sie stürzte, und erst als er schon halb auf ihr lag, begann sie sich instinktiv zu wehren. Er sah die Angst in ihren grünlich schimmernden Augen und berauschte sich daran. Er genoss ihr klägliches Winseln, als er seinen schweren Unterleib zwischen ihre Beine drängte. Er genoss dieses verzweifelte Zucken unter sich und…

„Unseren wohlgesitteten Herrn Landrat hüllt sich in vornehmes Schweigen. Ihm scheint das alles nicht so ganz geheuer“, hörte er Deftinger sagen.
„Er ist eben ein unverdorbener Politiker. Und ich dachte, diese Spezies wäre längst ausgestorben“, krähte Raffke und wollte sich vor Lachen nicht mehr so recht einkriegen.
Noch ehe Luschke etwas erwidern konnte, beugte sich Goldbach zu ihm hinĂĽber und legte ihm vertraulich seine Hand auf den Oberschenkel.
„Stimmt’s – Sie haben Angst, erpressbar zu werden? Oder gar Furcht, die werte Gemahlin könnte etwas erfahren? Keine Sorge – von uns erfährt niemand etwas. Verschwiegenheit ist eine unserer Tugenden, ohne die wir…“
„Selbst wenn es nicht so wäre“, fuhr Raffke dazwischen. „Falls wir etwas von dieser verrückten Reise erzählen, glaubt uns eh kein Schwein!“
Deftinger schüttelte den Kopf und versuchte vorsichtig darauf aufmerksam zu machen, dass er seine Kutsche nicht ewig verstecken könne. Schließlich wolle er sie gewinnbringend einsetzen. Und dazu gehöre auch ein wenig Werbung. Die Anderen schwiegen eine Weile, ehe sie schließlich nickten. Nach und nach begannen sie Deftingers Argumente zu akzeptieren. Ausgerechnet der smarte Goldbach versuchte schließlich von diesem etwas heiklen Thema abzulenken, indem er das Gespräch wieder auf die „feinen Rokoko-Weiber“ brachte und mit unerwartet frivolen Worten offen legte, was er alles mit ihnen anzustellen gedenke.
Während Raffke ihn noch zu übertrumpfen trachtete, hüllte sich Deftiger in sein wissendes Feixen.

Das Gespräch verkleckerte erst, als man den Rhein überquerte. Das war etwa im Jahre 1855.
„Jetzt sind wir gleich in Frankreich“, sagte Goldbach und seine Augen bekamen im Vorgefühl sexueller Reizüberflutung erneut einen verklärten Glanz.
„Was kostet eigentlich so ein Flug?“, wollte der plötzlich wieder nüchtern denkende Raffke wissen.
Deftinger zögerte mit der Antwort, schien dann ein wenig zu rechnen und nuschelte schließlich etwas von hundertzwanzigtausend Euro.
„Alles inklusive“, setzte er rasch hinzu.
„Geht ja noch“, brummte Raffke.
Seine Gelassenheit im Zusammenhang mit dieser Summe ließ Luschke ungefähr erahnen, in welchen Geldmengen Raffke zu denken gewohnt war. Auch Goldbach schien der Betrag nicht sonderlich zu beeindrucken. Da konnte sich der Herr Landrat angesichts seines Beamtengehaltes nur neidvoll auf die Lippen beißen.
‚Die Welt ist ungerecht’, seufzte er in Gedanken. War er denn dümmer als die Beiden? Mit Sicherheit nicht! Oder besaß er mehr Skrupel? Oh nein – die waren ihm während seines politischen Aufstieges längst abhanden gekommen. Und unwillkürlich eilten seine Gedanken voraus, befassten sich mit dem Augenblick, wo er als Landrat abgewählt sein würde. Bislang hatte ihn diese Aussicht stets beunruhigt. Jetzt wurde ihm klar, dass dies auch eine Chance bedeuten könnte – nein - musste! Dafür war es wichtig, die richtigen Kontakte zu knüpfen. Ein Vierteljahr mit drei cleveren Geschäftsleuten auf enger Tuchfühlung – so eine Gelegenheit fand er so schnell nicht wieder. Er würde diese Zeit auch dazu nutzen, um Möglichkeiten für seine weitere Lebensplanung auszuloten und einige Weichen zu stellen. Schon malte er sich im Geiste seinen Einstieg in einträgliche Geschäfte aus. Was ein abgehalfterter Bundeskanzler in Sachen Öl und Gas konnte, musste – zugegeben ein paar Nummern kleiner - einem pfiffigen Exlandrat doch wohl auch gelingen. Im Moment wünschte er sich nichts weiter, als sich bei der Nennung einer solch enormen Summe genauso leger im Polster zurück lehnen zu dürfen, wie es seine Reisegefährten taten.
Um sich abzulenken, brachte er das Gespräch auf die vor ihnen liegenden Monate. Würde man in dieser fremden Epoche nicht zwangsläufig auffallen? Er verwies auf die weitgehende Unkenntnis der Sitten und Gebräuche – von der Sprache ganz zu schweigen.
„Für mich ist Französisch kein Problem – nur mit der Sprache, da hapert es gewaltig!“, dröhnte Raffke und lachte, dass die Kutschenfenster vibrierten. Er war wohl der einzige in der Runde, der diesen uralten Witz originell fand.
„Ich habe vorgesorgt“, beruhigte Deftinger. Sie werden anfangs von gut ausgebildeten Leuten betreut. Das sind Mitarbeiter von mir, die ich bereits anlässlich meiner ersten Reise dort abgesetzt habe. Trotzdem werden Sie eine Menge lernen müssen, um Ihre Rolle als sächsische Diplomaten glaubhaft ausfüllen zu können. Im Crashkurs sozusagen. Aber selbst in Paris wird man Ihnen einiges an Unbeholfenheit nachsehen. Es gibt da etwas, das weitaus wichtiger ist, als geschliffene Umgangsformen. Ich meine Geld. Und davon haben wir reichlich.
„Da bin ich ja beruhigt“, schmunzelte Raffke.
Deftinger glaubte, noch mehr erläutern zu müssen, und so verging die Zeit im wahrsten Sinne des Wortes – wie im Fluge.

„Nur noch eine Viertelstunde bis zur Landung“, sagte Goldbach gerade, als plötzlich ein Zittern durch die Kutsche ging. Es wurde immer heftiger und wuchs sich zu einem wütenden Rütteln aus. Da war auch wieder dieses durchdringende Pfeifen.
Luschke krampfte erneut seine Finger ins Polster und schaute besorgt nach draußen. Da tauchte draußen der Kutscher auf und öffnete die Tür.
„Was ist los, Berger!“, brüllte Deftinger, und zum ersten Mal seit Reisebeginn flackerte Unruhe in seinen Augen.
„Ein Energieproblem!“, schrie der zurück. „Eine defekte Platine hat vorübergehend einen Kurzschluss verursacht. Das hat ein Loch in unsere Energiereserven gerissen.“
„Dann bringen Sie das schleunigst in Ordnung!“ Deftinger Stimme überschlug sich fast im Bemühen, das grässliche Pfeifen zu übertönen.
„Um ausreichend Energie für die Heimreise zu haben, müssen wir jetzt den Flug abbrechen und landen!“, brüllte Berger zurück.
„Sind Sie verrückt geworden, Berger!?“
„Doktor Berger – bitte – Und ob verrückt oder nicht – wir haben gar keine andere Wahl!“
„Das kostet Sie den Kopf!“, fauchte Deftinger.
Über das Gesicht des ehemaligen Assistenten huschte ein hintergründiges Lächeln. Ohne weitere Worte zu verlieren, schloss er die Tür wieder und kletterte zurück auf den Bock.

Die unangenehmen Begleiterscheinungen waren bei der Landung noch gravierender als vorhin beim Start. Luschke verlor das Bewusstsein.
Als er wieder zu sich kam und die Augen ein wenig zu öffnen wagte, umfing ihn Dämmerung. Die Kutsche stand still.
„Sind wir gelandet?“ Das war Goldbach.
„Scheint so“, knurrte Deftinger.
Ein erster vorsichtiger Blick aus dem Fenster offenbarte nur graue, bröcklige Häuserfassaden.
Der Wagenschlag öffnete sich und Berger streckte erneut den Kopf herein. Mit der schwül-warmen Luft strömte übler Gestank ins Innere der Kutsche.
„Alles okay bei Ihnen?“
„Dämliche Frage. Wo sind wir?“, ranzte Deftinger zurück.
„Direkt im Zentrum von Paris!“
„Paris! Oh la la!“ Goldbach pfiff durch die Zähne.
„Na gut. Machen wir das Beste daraus“, meinte Deftinger. Er schien seinen Optimismus und sogar seine gute Laune wieder gefunden zu haben. „Aber fahren Sie uns in eine angenehmere Gegend.“
Er wies nach draußen, wo selbst die hereinbrechende Dunkelheit nichts von der Erbärmlichkeit der verkommenen Häuser zu verbergen vermochte.
Berger nickte und zog geräuschvoll Luft durch die Nase.
„Selbstverständlich“, sagte er und deutete eine Verbeugung an. „Den Herren von Adel riecht es zu sehr nach Armut.“
Die Ironie in seiner Stimme war unverkennbar. Und dann tat er etwas Merkwürdiges. Bevor er wieder auf den Bock kletterte zog er sich die betresste Jacke aus und warf sie achtlos von sich. Auch das enge Beinkleid landete wenig später auf dem schmutzigen Kopfsteinpflaster. Darunter trug er eine einfache Leinenhose und den Oberkörper bedeckte ein graues Hemd aus dem gleichen Material. Um den Bauch schlang er sich eine blau-weiß-rote Schärpe.
„So – das genügt“, sagte er und nahm wieder seinen Platz auf dem Kutschbock ein.
„Komischer Typ“, sagte Goldbach und schüttelte destingiert den Kopf.
„Wenn er nicht der einzige wäre, der diese Zeitmaschine bedienen kann, hätte ich ihn längst gefeuert“, beeilte sich Deftinger zu versichern.

Die Pferde zogen an und die Räder der Kutsche rasselten über das miese Pflaster. Es ging um mehrere Ecken und durch beängstigend schmale Gassen. Die Gegend hatte etwas düster Unheimliches. Schweigend und mit aufkommenden Unbehagen blickte man nach draußen.
Endlich wichen die Häuser zurück und man erreichte einen weiten Platz, dessen eine Seite von einem prächtigen Bauwerk flankiert wurde. Aber zum Aufatmen schien es zu früh. In den ärmlichen Gassen hatte man lediglich hin und wieder einzelne Menschen gesehen, die sich ängstlich an die Häuserwände gedrückt hatten, um die Kutsche passieren zu lassen Hier dagegen wimmelte es geradezu von Leuten. Unmittelbar vor dem Gebäude, bei dem es sich wohl um ein Schloss handelte, war der Auflauf am größten. Die Menge schien aufgebracht zu sein. Man sah wild gestikulierende Arme, aufgerissene Münder und drohend gereckte Fäuste. Alles lief erregt durcheinander, und es herrschte ein Höllenlärm.
Berger brachte die Pferde zum Stehen, sprang vom Bock öffnete die auf Luschkes Seite befindliche Tür.
„Wir sind am Ziel. Wenn die Herrschaften bitte aussteigen wollen.“
„Was heißt am Ziel? Wo sind wir hier?“
„Direkt vor den Tullieren.“
Luschke bekam plötzlich Magendrücken. Misstrauisch blickte er zu dem Display, und der Magen rebellierte noch heftiger.
„10. August 1793“
„Um Gottes Willen!“, stöhnte er auf.
Aus seiner unbestimmten Angst wurde schließlich reales Entsetzen, als er eine wilde Horde wütender Menschen auf die Kutsche vorrücken sah. Es mochten mehr als zwei Dutzend Frauen und Männer in schmutzig abgerissener Kleidung sein, die schon bald das verhasste aristokratische Gefährt umringten. In den Händen hielten sie Knüppel und Stangen. Auch einige Messerklingen blitzten im letzten Licht der untergehenden Sonne. Schon begannen sie an der Kutsche zu rütteln.
„Verriegelt die Türen!“, schrie Deftinger und es gelang ihm gerade noch, auf seiner Seite das Schloss zu arretieren, bevor man von außen die Klinke herunter drücken konnte. Luschke schaffte das nicht. Er hörte noch, wie auf der anderen Seite die Scheiben zerbarsten, dann sah er sich schon einem aufgedunsenem Weib gegenüber, dass den Türrahmen komplett ausfüllte und direkt aus einem Horrorfilm entsprungen sein musste. Aus einem dreckverschmierten und von wirren Haaren umrahmen Doggengesicht, glühten ihn zwei Augen an, in denen der Wahnsinn wütete. Die wulstigen Lippen öffneten sich zu einem markerschütternden Schrei, dem eine Flut heiser gebrüllter Worte folgte. Luschke wusste auch ohne die Sprache zu verstehen, dass es sich nur um ganz gemeine Flüche handeln konnte. Aus dem weit aufgerissenen Maul der Vettel schlug ihm faulige Atemluft entgegen. Angewidert fuhr er zurück. Die Frau verharrte einen Moment, dann beugte sie ihr massiges Haupt weit in den Nacken. Dabei gaben die zottigen Haare das hässliche Antlitz völlig frei. Luschke schauderte bei diesem Anblick, und ganz kurz durchzuckte ihn der Gedanke, um wie viel anders er sich die erste Begegnung mit dem weiblichen Geschlecht dieser Epoche ausgemalt hatte. Doch weiter kam er nicht. Schon zuckte der Kopf der Furie nach vorn, und zwischen den beiden schwarzen Zahnstummelreihen flutschte ein Strahl klebrigen Speichels, der Luschke voll unter dem linken Auge traf. Seine spontane Reaktion entsprang einem ihm bis dahin unbekannten Automatismus. Seine rechte Faust schoss nach vorn und knallte auf etwas Weiches, das sich als das Wabbelkinn der Angreiferin entpuppte. Die schaffte es noch, beide Hände vor das Gesicht zu werfen, dann kippte sie lautlos nach hinten auf das Pflaster. Luschke registrierte es mit vorsichtiger Genugtuung, aber es war klar - er hatte einen Pyrrhussieg errungen. Auf einmal waren da kräftige Männerhände, die sich wie Schraubzwingen um seinen rechten Unterarm legten. Ein heftiger Ruck – und schon fühlte er sich aus der Kutsche gerissen. Er stürzte kopfüber aus dem Gefährt und hätte sich auf dem Pflaster den Schädel zertrümmert, wenn er nicht ausgerechnet auf dem Bauch der Matrone gelandet wäre. Dafür hagelte es jetzt Faustschläge und Tritte, die ihn überall trafen. Und die Misshandlung wollte nicht aufhören. Anfangs hatte er noch geschrieen - kurz darauf war er gerade noch zu einem kläglichen Winseln in der Lage. Als ihm ein Knüppel zwischen die Schulterblätter fuhr, glaubte er, sein Ende sei gekommen.
Doch in das allgemeine Geschrei, das ihn umgab, mischten sich plötzlich Kommandorufe. Das Schlagen und Treten hörte auf. Mühsam drehte Luschke den Kopf ein wenig zur Seite. Sein Blick traf auf ein paar leidlich geputzte Stiefel. Es gelang ihm, den Blick zu heben, und ein Seufzer der Erleichterung wischte über seine Lippen. Vor ihm stand ein Polizist oder Soldat – egal – ein Mann in Uniform. Das bedeutete Ordnung. Zwei weitere Uniformierte traten hinzu, beugten sich zu ihm herab, packten ihn unter den Armen und stellten ihn auf die Füße. Er musste sich einen Moment lang an ihnen festhalten, weil die Knie durchzusacken drohten. Erst nach und nach fing er sich.
„Merci! Merci, Kamerad“, stammelte er.
Die Männer blieben stumm. Sie taten auch nichts, um die geifernde Meute davon zu jagen. Sie hielten sie lediglich auf Distanz.
Luschke entdeckte noch weitere Soldaten. Sie bildeten ein kleines Karree, in dessen Mitte Deftinger, Goldbach und Raffke standen. Luschke wurde zu ihnen gestoĂźen.
„Was hat das zu bedeuten?“, keuchte er und blickte fragend von einem zum anderen. Doch die waren genauso ratlos. Außerdem hatte jeder mit sich selbst zu tun. Raffke befingerte seine Schneidezähne. Da schienen welche zu fehlen. Über Deftingers Gesicht rann ein Blutstrom, und Goldbach hielt sich winselnd den Bauch. Der Schönling schien sich kaum auf den Beinen halten zu können. Aber wo war Berger? Hatten sie ihn…?
Einer der Uniformierten rief etwas. Die Soldaten nahmen Haltung an. Das Karree öffnete sich, ein Offizier trat heran und… Luschke glaubte, seinen Augen nicht trauen zu dürfen… Berger an seiner Seite, unverletzt und genüsslich an einer kleinen Tabakspfeife saugend.
„Berger! Endlich! Was ist denn hier los?“, schrie Deftinger, dem es gelungen war, einen Stofffetzen gegen die klaffende Stirnwunde zu pressen.
„Doktor Berger – soviel Zeit muss sein“, kam es höhnisch zurück. „Darf ich vorstellen: Das ist der Bürger Trois-Rocher.“ Damit wies er auf den Offizier.
Der Genannte trug den Dreispitz tief ins Gesicht gezogen. Ein gewaltiger, grauer Schnurrbart hing ihm links und rechts der Mundwinkel bis auf das Kinn herab. Mit lebhaften Augen blickte er von einem zum anderen und nickte dann bedächtig, bevor er dicht an Deftinger heran trat und höflich den Hut lüftete. Luschke sah, wie Deftinger mit einem Aufschrei nach hinten auswich.
„Dreifels! Sie!?“
„Ja, mein Lieber. Willkommen im revolutionären Paris! Hatten Sie und Ihre sauberen Freunde eine angenehme Reise? Es ist sehr aufmerksam von Ihnen, dass sie mir meine Zeitmaschine höchst persönlich zurück bringen.“
Er wandte sich von dem immer noch sprachlosen Deftinger ab und ging auf die Anderen zu.
„Und wen sehe ich da – der smarte Goldbach! Noch immer im Vorstand dieser Betrügerbank? Und der wackere Raffke! Ich hörte sie haben mein Grundstück für ein Vermögen verhökert.“ Seine Stimme klang durchaus liebenswürdig. Doch plötzlich in völlig verändertem Ton sein Befehl: „Bürger Berger – lassen Sie die sächsischen Spione abführen. Auch den korrupten Herrn Landrat!“
Luschke wankte. Angst und Unverständnis ließen keinen klaren Gedanken aufkommen. Dazu die wahnsinnigen Schmerzen am ganzen Körper. Er begriff nur eins. Dort stand Professor Dreifels in der Uniform eines Offiziers der Pariser Nationalgarde. Er war nicht tot. Er war nur hierher geflohen, um sich nun… ja was? Um sich zu rächen?
Luschke versuchte, sich zusammenzureiĂźen und ging auf Dreifels zu.
„Hören Sie, Professor. Es tut mir leid, was man damals mit Ihnen… Ich kann da eine Menge zur Aufklärung beitragen. Sie müssen mich nur in Ruhe anhören.“
Luschke hatte hastig gesprochen, doch er fand taube Ohren.
„Für lange Gespräche ist keine Zeit“, sagte der Professor kalt. Auf die kleine Gruppe von Soldaten weisend, die jetzt Goldbach, Deftinger und Raffke vor sich her stießen, sagte er: „Rasch, Herr Landrat, schließen Sie sich an. Auch Sie dürfen nicht zu spät zu ihrem Rendezvous kommen.“
„Was für ein Rendezvous?“, stammelte Luschke, erhielt aber keine Antwort.
Als ihn die Soldaten fortzerren wollten, gelang es ihm, sich noch einmal loszureiĂźen und ganz dicht an Dreifels heran zu kommen.
„Was für ein Rendezvous!?“ schrie er hysterisch.
Dreifels lachte, streckte den Arm aus und rief: „Na mit ihr!“
Luschkes flackernde Augen folgten der angegebenen Richtung und begannen sich unnatürlich zu weiten. Keine zweihundert Schritt von der Stelle, wo sie im Moment standen, erhob sich ein Podest. Und dort oben stand, sich düster als schwarze Silhouette vom Abendhimmel abhebend – die Guillotine!


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jon
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Ich kaue schon eine ganze Weile an einem Kommentar zu diesem Text. Die spontane Reaktion war: "Zu lang" und "Pointe viel zu zeitig erkennbar". Ich gebe zu, ich habe beim ersten Lesen sogar einige Zeilen übersprungen. Ich errinnere mich auch nicht, dass mir dadurch etwas für Pointe gefehlt hätte.

Mir erscheint das Ganze wie ein Romanversuch, dem es an Stoff gefehlt hat. Mal unter uns Schreiberlingen gemurmelt:

Die Idee besteht doch "nur" aus: "Ein über den Tisch gezogenes Genie rächt sich, indem er die Über-den-Tisch-Zieher umbringt. SF-gemäß zückt er dafür nicht die Pistole, sondern nutzt die von ihm erfundene Zeitreise-Maschine." Ok, das ist auch nach das Wortspiel mit dem Rendevous ... aber das ist recht "flach", keine "große Nummer", was du durch ganz viel Rendevous-(Sex-)Text auszugleichen versuchst. Aber wie das Sprichwort sagt: "Getret'ner Quark wird breit, nicht stark." (Sorry.)


Um einen Text draus zu machen muss, muss man erfahren,

**** worin das "über den Tisch ziehen" bestand – das hast du mit der ausführlichen Erklärung meilen weit ausgebreitet und kaum weniger breit noch um ein paar zusätzliche "Diese Typen sind echte Geldschweine!"-Infos ergänzt, die mit der Grund-Idee nichts zu tun haben. Bei einem Roman würde dies (die Breite der Vorgeschichte und die Zusatzinfos) "Nebenschauplätze" eröffnen, hier kommen die aber zu kurz, können keine eigene Story entwickeln.

**** wie der Coup abläuft – das hast du nicht nur detaliert filmisch erzählt (was passiert) sondern auch noch diese ausführliche Fantasie Luschkes eingestreut. So gut die sich liest – sie hat mit der Pointe nichts zu tun. Auch die Detailiertheit der Szenen nervte mich, ehrlich gesagt, mit der Zeit – ich wollte endlich wissen, wo Ganze hinläuft.

Außerdem muss der Autor die Pointe vorbereiten und platzieren. Ich ahnte sie (dank Vorbereitung) bei "Wir sind in Paris" (bei 3/4 der Story) und wusste sie bei "Tullerien" – danach kommt aber noch "ganz viel" Text, der mir ziemlich genau das dann bretterbreit erzählt.

Alles in allem ist die Spannungskurve – wie sie bei einer Kurzgeschichte sein soll – recht simpel: Anfang – Anstieg – Höhepunkt – Ende. (Bei Romanen geht es zwischenrin mal hoch, macht Umwege etc.) Anders als es sein soll, empfang ich aber keine Kurve, sondern eher eine Treppe:

Langer Anfang (Was wird eingeweiht und wie kam es dazu) mit einer sanften Steigung bis zum "offiziellen Tod" des Professors

Kleiner Schritt runter zurück zu "was wird eingeweiht" mit anschließendem Zeigen, wie es passiert (ohne Steigerung – eine Art Plateau entseht)

Hüpfer nach oben: Die Spezial-Gäste werden abgetrennt – langes Plateau (die Anzieherei, das Einsteigen, der erste Teil der Erklärungsrede), bei dem man sich fragt, warum sie angetrennt wurden und es ums Verrecken nicht erfährt.

Hüpfer nach oben bei "Zereku steht für Zeitreisekutsche" – dann gaaanz langes, leicht aber stetig abfallendes Plateau (zweiter Teil der Erklärung und die Stationen) mit einem kleinen Huckeln bei Luschkes Fanatasie)

Dann Hüpfer: Unfall – mit kleinem Plateau (wo sind wir?)

Sprung: "wir sind Paris" – Steigerung, wo der Kutscher sich umzieht – kleinere Steigerung bei den "Unruhen" (Steigerung besteht in: Wann merken es die Kerle?) – dann das Schlaglicht der Pointe (Tullerien / "1793" + „Um Gottes Willen!“) dann ...

... stark abfallendes Plateau (würde diese "Gefangennehm-Szene VOR dem Pointen-Schlaglicht stattfinden, würde die Spannung hier eher steigen, weil man noch an ein Missverständnis glaubt.)

Hüpfer, als Berger sich "outet" (ah! Doch kein Missverständis/Unfall – ein Racheplan offenbar, also wohl keine Rettung mehr)

Ganz kleiner Hüpfer, als der Prof auftaucht (bei der Idee "Racheplan" liegt der Höhepunkt – ob der Prof noch selbst "Hand anlegt" oder nicht, ist (fast) egal.)

Dann abfallendes Plateau, auf dem der Herr Landrat "begreift" was passiert (der Autor es dem Leser noch mal aufdröselt) und der Prof "abrechnet" (Spannung könnte steigen, wenn man den Eindruck hätte, es wär noch Rettung möglich...)

Dann endlich der letzte Satz, der sagt, was ich schon seit 2,5 Seiten (beim Rauskopieren ergaben sich 15 Seiten) "weiĂź" ...
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Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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Ralph Ronneberger
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Hallo jon,

es tut mir leid, dass ich erst so spät auf deinen sehr ausführlichen Kommentar reagiere. Dabei hätte es meinerseits keiner langen Zeit des Überlegens bedurft. An dem was ich beim und nach dem Lesen deiner Anmerkungen empfunden habe, hat sich in den folgenden Tagen nichts geändert. Ich fühlte mich ein wenig in die Jahre versetzt, als ich noch leidenschaftlich „Schiffe versenken“ spielte. Da saß ich nun und musste jeden von dir abgefeuerten „Schuss“ als Treffer akzeptieren. Zum Schluss murmelte ich dann ein zerknirschtes: „Versenkt!“

Zum Glück hat mich das nicht kalt erwischt, sondern dein Kommentar war eigentlich nur die sehr treffend formulierte Bestätigung meiner heimlich längst gehegten Befürchtung. Da kann mich auch die Tatsache nicht trösten, dass dieser Text (allerdings auf 70-80% gekürzt) bei meiner letzten Lesung ein recht milde gestimmtes Publikum gefunden hatte. Die Pointe hatte dort einigermaßen gesessen – wahrscheinlich – weil niemand im Publikum so recht mit den Ereignissen der franz. Revolution vertraut war. Aber auf Unwissenheit sollte man nicht spekulieren.
.
Du schreibst: „Mir erscheint das Ganze wie ein Romanversuch, dem es an Stoff gefehlt hat. Mal unter uns Schreiberlingen gemurmelt.“
So könnte man es auch bezeichnen. Ich sehe es allerdings eher als den Versuch, eine Kurzgeschichte zu schreiben, die sich aber dann zu diesem gar nicht mehr „kurzgeschichtenhaften“ Text aufgeblasen hat. Damit ist auch mein derzeitiges Dilemma angerissen. Ich vermag seit einiger Zeit ums Verrecken keine Kurzgeschichte mehr zu schreiben. Da bleibt vielleicht tatsächlich nur die Langstrecke – mit ausreichend Stoff natürlich.
Nochmals vielen Dank fĂĽr die aufschlussreiche Analyse

GruĂź Ralph

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bluefin
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lieber @ralf, das

quote:
Landrat Luschke bemühte sich, sein heimliches Gähnen dezent hinter vorgehaltener Hand zu verbergen dreifachmoppelung: dezent, heimlich, vorgehalten. was heimliches kann man nicht nochmal verbergen, "dezent" schon gleich gar nicht. die hand kann man dezent vorhalten. Den Ausführungen dieses übereifrigen vorauseilendes resumé einer nachfolgenden beschreibung Präsentators war er schon geraume Zeit mit immer stärker nachlassendem doppelmoppelung; geraume zeit kann man zudem nicht "immer stärker nachlassen" Interesse gefolgt. Der Mann flatterte nun schon wieso "nun schon" seit einer knappen Stunde wieso "knapp", wenn's doch vorher schon so geraum war? wie ein drittklassiger Reiseleiter ist flattern kennzeichen drittklassiger reiseleiter? vor der kleinen, aber hochkarätigen Besuchergruppe her und war eifrig bemüht, seine eigene Begeisterung mittels euphorischem Redeschwall ein redeschwall kann eventuell euphorisch klingen, es eo ipso aber nicht sein und heftigen Gesten auf die hohen Gäste zu übertragen. Zwischendurch flog sein gehetzter Blick blickt er wirklich dauernd gehetzt? hinüber zu seinem Chef, und wenn der zufrieden nickte, schien das den Eifer dieser Quasselstrippe zusätzlich anzustacheln was stachelt ihn denn sonst noch an?.
hab ich mal durchgelesen und ein paar anmerkungen dazu gemacht.

ganz gleich, welchen inhalts eine geschichte ist, man sollte darauf achten, nicht zuviel "jargon" zu papier zu bringen - das setzt sie immer herab. tipp: pleonasmen und unnützes wortgeklingel herauskämmen, vor allem dort, wo es, wie hier, nur um alltägliches geht.

liebe grĂĽĂźe aus mĂĽnchen

bluefin

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flammarion
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noch ein meckerer:

Ein letztes Rendezvous
Veröffentlicht von Ralph Ronneberger am 05. 10. 2008 00:01
Ein letztes Rendezvous

Landrat Luschke bemühte sich, sein heimliches Gähnen dezent hinter vorgehaltener Hand zu verbergen. Den Ausführungen dieses übereifrigen Präsentators war er schon geraume Zeit mit immer stärker nachlassendem Interesse gefolgt. Der Mann flatterte nun schon seit einer knappen Stunde wie ein drittklassiger Reiseleiter vor der kleinen, aber hochkarätigen Besuchergruppe her und war eifrig bemüht, seine eigene Begeisterung mittels euphorischem Redeschwall und heftigen Gesten auf die hohen Gäste zu übertragen. Zwischendurch flog sein gehetzter Blick hinüber zu seinem Chef, und wenn der zufrieden nickte, schien das den Eifer dieser Quasselstrippe zusätzlich anzustacheln.
Luschke unterdrückte ein weiteres Gähnen, weil er sich plötzlich dem smarten Herrn Goldbach gegenüber sah. Goldbach, ein schlanker und äußerst gepflegt daher kommender Mittvierziger, hatte sich vorhin als Mitglied des Aufsichtsrates einer Bank vorgestellt, die an der Finanzierung des Projektes maßgeblich beteiligt sein sollte (Punkt)
„Die Geschäftsidee finde ich ja durchaus bemerkenswert, aber für seine Public Relations sollte sich der gute Deftinger eines fähigeren Mitarbeiters bedienen“, raunte der Banker und schenkte dem Landrat ein vertrauliches Lächeln.

Luschke nickte verhalten und schenkte ein Lächeln zurück. Er war also nicht der Einzige (einzige), den diese Performance zu nerven begann. Demonstrativ blickte er zur Uhr und ärgerte er (überflüssig) sich darüber, Deftingers Einladung angenommen zu haben. Schließlich kannte er das Projekt „Hiwelero-Center“ bereits aus etlichen Vorbesprechungen. Dem vorgelegten Konzept stand er zwar skeptisch gegenüber, aber er musste zugeben, dass Deftingers apartes Vorhaben nicht ignoriert werden durfte. Schließlich sollten hier mehr als dreihundert Arbeitsplätze entstehen. „Hiwelero-Center“ – das stand für einen historischen Wellnäss (Wellness)- und Erotikpark, in welchem besonders betuchten Gästen mannigfaltige Urlaubserlebnisse der ganz besonderen Art geboten werden sollten. Neben den in vergleichbaren Nobelhotels üblichen Freizeitvergnügungen würde hier vor allem die Befriedigung erotischer Genüsse im Vordergrund stehen. Dabei war in erster Linie an Rollenspiele gedacht, die ihrerseits (überflüssig) in historischen Kulissen stattfinden sollten. Der Gast durfte sich dann aussuchen, ob er beispielsweise auf einer Ritterburg, in einer römischen Therme, im Zelt des Dschingis Khan oder in einer Künstlerkneipe der „goldenen Zwanziger“ seine Sexphantasien ausleben wollte. Wer sich besonders primitive Verhältnisse wünschte, der würde es sogar in einer perfekt nachempfundenen Steinzeithöhle treiben dürfen.
Aber noch präsentierte sich der größte Teil des weitläufigen Geländes als Baustelle. Nur der Um- und Ausbau der ehemaligen Dreifels-Villa schien so gut wie abgeschlossen zu sein. Darauf steuerte der nervige „Reiseleiter“ nun mit trippelnden Schritten zu. Luschke blieb einen Moment stehen und schaute nachdenklich auf die barock gestaltete Fassade. Nichts erinnerte mehr an die einstmals im Jugendstil errichteten (errichtete) Villa.
‚Professor Dreifels würde sich im Grab herum drehen, wenn er davon wüsste’, dachte er. Den prominenten Physiker hatte er persönlich gut gekannt und ihn auch in der Villa besucht. Zu dem Zeitpunkt lebte Dreifels bereits sehr zurückgezogen und widmete sich mit nur einem Assistenten seinen Privatforschungen.
Nach dem Inhalt seiner wissenschaftlichen Arbeiten befragt, hatte Dreifels nur abgewinkt und etwas von „reinen Hobbys“ genuschelt. Viel konnte ihm das nicht eingebracht haben, denn wenig später kam das Gerücht auf, der Professor sei in finanziellen Schwierigkeiten.
Und es verhielt sich tatsächlich so. Urplötzlich kündigte ihm seine Hausbank alle Kredite und das herrliche Grundstück, das sein Vater bereits über die Wirren der Nachkriegszeit gerettet hatte und das der Sohn dann auch noch gegen die Begehrlichkeiten sozialistischer Funktionäre zu behaupten wusste, kam nun unter den Hammer. Was der SED-Führung in Jahrzehnten nicht gelungen war, schafften die Finanzhaie des neuen Wohlstandsstaates im Vorbeigehen. Seine finanzielle Notlage und sein Ungeschick, sich aus dieser Misere aus eigener Kraft zu befreien, trieben ihn in den Ruin. Zwar hatte er mit Hilfe eines Maklers die Zwangsversteigerung noch abwenden können, aber damit kam er vom Regen in die Traufe. Die Forderungen dieses skrupellosen Herren, der den armen Dreifels zusätzlich über den Tisch zog, ließen den Wissenschaftler am Ende völlig mittellos dastehen.
Er hatte den Verlust seiner Wohn- und Arbeitsstätte wohl nicht zu verwinden vermocht. Er nahm sich das Leben. So konnte man es zumindest einem Abschiedsbrief entnehmen, den die Möbelpacker in der Bibliothek der Villa fanden. Seine sterblichen Überreste wurden allerdings nie entdeckt. Im Ort hielt sich seither hartnäckig das Gerücht, er habe sich in dem Moor umgebracht, das ebenfalls zu seinem Grundstück gehört hatte. Versunken bis in alle Ewigkeit. Niemand würde ihn in seiner letzten Ruhe stören.

Luschke wandte den Kopf in eine Richtung, wo zwischen zwei halbfertigen Gebäuden, die zur Nachbildung einer mittelalterlichen Kleinstadt gehörten, die Wasserfläche des kleinen Sees herüber blinzelte. Auch der hatte zum Dreifels’schen Besitz gehört. Nur wenige sichere Pfade führten durch das ihn umgebende Moor bis an die Wasserfläche heran.
„Es handelt sich hier um eines der wertvollsten Schwingdeckenmoore Deutschlands“, hatte eine Vertreterin der anerkannten Naturschutzverbände erklärt.
„Herr Landrat, die Unterschutzstellung des Moores war ein wichtiger Schritt, aber jetzt haben wir die Gelegenheit, dieses Areal käuflich zu erwerben und für alle Zeiten zu sichern. Eine solche Chance müssen wir unbedingt nutzen!“, hatte sie ihn beschworen, während ihr wettergegerbtes Asketengesicht von hektischer Röte überzogen ward.
Luschke hatte genickt und seine Unterstützung zugesagt. Die Kaufverhandlungen mit dem besagten Makler liefen noch. Raffke hieß der Mann. Auch er befand sich unter den Gästen. Luschke entdeckte ihn an der Seite des künftigen Betreibers des Hiwelero-Centers. Welch ungleiches Paar! Der eine groß, schlank und im maßgeschneiderten Zwirn – der Andere (andere) klein, gedrungen und mit einer hornknöpfigen Trachtenjacke behangen, wirkte wie ein biedere (biederer) Landgastwirt. Nur der unangenehm stechende Blick dieses Zwerges, der von der dickwandigen Brille zusätzlich gebündelt wurde, verriet etwas (von) dessen Verschlagenheit.

„Und hier befinden wir uns vor unserem nahezu fertig gestellten Lustschloss – ganz im Stile des Spätbarock gestaltet!“
Der PR-Knabe hatte die Freitreppe zum Eingang der einstigen Dreifels-Villa erklommen und stand nun mit theatralisch ausgebreiteten Armen vor dem mit verspielten Schnitzereien verzierten Portal.
„Ein Liebestempel aus dem 18. Jahrhunderts (Jahrhundert) . Hier kann der Gast gern in die Rolle eines Freiherrn von der Trenck, eines Casanova oder gar eines Königs Ludwig XV. schlüpfen. Und welche Frau wäre nicht gern einmal Marie-Antoinette, Königin des Rokoko?“
Der Redner blickte bei seinen letzten Worten zu einer der wenigen Frauen, die von Deftinger zu der Besichtigung eingeladen worden waren. Luschke kannte die adrette Blondine. Sie vertrat die Lokalpresse. Auch das noch!
Die Angesprochene ließ ihren Notizblock sinken und warf aufreizend ihre Mähne nach hinten (Punkt)
„Wenn Sie mir versprechen, nicht auf der Guillotine zu landen!“
Das Gelächter hielt sich in Grenzen. Luschke tippte darauf, dass nur Wenige (wenige) der Anwesenden etwas von Marie-Antoinette und ihrem tragischen Ende unter besagtem Fallbeil wussten. Aber der Marktschreier dort oben war schon wieder beim Deklamieren.
„Alles hier in diesem Haus ist zeitgemäß – angefangen bei der Einrichtung, über die gereichten Speisen und Getränke bis hin zu den kosmetischen Hilfsmitteln, mit denen die Damen der feinen Gesellschaft ihre natürlichen Reize historisch korrekt aufpeppen dürfen. Tja- selbst die aus hauchdünnem Ziegendarm gefertigten Kondome sind stilecht“ (Punkt)
Diesmal gab es einige Lacher mehr.
Luschke sah sich im Geiste plötzlich einer barbrüstigen Rokoko-Schönheit gegenüber, die vor ihm kniete und sich eifrig mühte, ihm mittels zierlich gebundenem Schleifchen den dezent knisternden Ziegendarm am erigierten Penis festzuzurren. Es bereitete ihm schon einiges an Anstrengung, um dieses verlockende Phantasiebild los zu werden und sich gefälligst daran zu erinnern, dass er Hunger hatte und ihm die Zeit im Nacken saß. Entschlossen ging er auf den Gastgeber zu.
„Ah, der Herr Landrat“, schien der sich zu freuen. „Kommen Sie!“
Luschke fĂĽhlte sich von Deftinger am Arm genommen und zur Freitreppe geschoben.
„Ich hoffe, mein Konzept hat Sie überzeugt.“
Luschke näselte ein paar artige Floskeln und verwies dezent darauf, dass er sich als Landrat doch eher mit anderen Problemen zu beschäftigen habe.“ (kein Anführungszeichen)
‚Was gehen mich die Sorgen eines Edelpuffbesitzers an’, dachte er, aber da fielen ihm zum Glück die dreihundert Arbeitsplätze ein. Das Argument zog bei allen Rechtfertigungsversuchen - vor sich selbst genauso, wie der Öffentlichkeit gegenüber.
Deftingers Lächeln verkrampfte ein wenig. Ansonsten tat er unbeeindruckt.
„Schauen Sie nur“, sagte er, als sie oben auf dem Podest angekommen waren. Sein Arm wies hinüber zum Moor und dem dahinter liegenden See.
„Dort drüben soll eine keltische Siedlung entstehen. Einige der Hütten möchte ich mitten im Moor platzieren. Über ein System von Holzstegen wird man zu verträumten Pfahlbauten gelangen. Wenn das keine Kulisse ist! Stellen Sie sich eine schwüle Sommernacht vor. Nebel steigen auf, Frösche quaken und Elfenfeuer geistern über den Sumpf. Eine bronzehäutige Schöne räkelt sich…“
„Sie meinen Elmsfeuer“, knurrte Luschke.
„Wie? Ach so. Ist doch scheißegal. Ich brauche das Grundstück. Ein Streifen von – sagen wir – zweihundert Meter Länge würde schon reichen. Mit dem Rest können die Natur-Fuzzis ja immer noch selig werden.“
„Ich werde sehen, was sich machen lässt“, murmelnde Luschke und schaute den Gästen nach, die einer nach dem anderen im Haus verschwanden, wo sie im großen Salon ein hochfeudales Buffet erwartete.
„Die besonderen Gäste – bitte hier entlang“, raunte Deftinger und bugsierte den Landrat durch eine schmale Tapetentür. Der Banker und der Makler folgten.
Durch einen spärlich beleuchteten Gang, wo es nach frischem Kalk roch, gelangte die kleine Gruppe in einen Raum, von dem man annehmen durfte, dass er der Aufbewahrung eines Theater-Fundus diene (diente) . In der Mitte standen mehrere Reihen von Kleiderständern, die mit einer Riesenauswahl unterschiedlicher Kostüme bestückt waren. An den Wänden befanden sich Regale, vollgestopft mit allen möglichen Utensilien.
Luschke schĂĽttelte irritiert den Kopf und wollte sich gerade ein wenig wundern, als Deftingers Stimme wieder zu vernehmen war.
„Wir werden jetzt in Kleider schlüpfen, die man in der Mitte des 18. Jahrhunderts getragen hat“, verkündete er und schnippte mit den Fingern.
Auf dieses Zeichen hin tauchten vier bildhübsche Mädchen zwischen den Ständern auf. Ihre nach vorn gestreckten Arme waren mit gewaltigen Kleiderbündeln bepackt.
„Cosette und ihre Kolleginnen werden Ihnen beim Umkleiden behilflich sein.“
Wohl um seinen Worten den nötigen Nachdruck zu verleihen, begann Deftinger sich seines Jacketts zu entledigen.
Luschke stand verwirrt daneben und suchte nach Worten. Die fand er aber erst, als der Hausherr bereits sein Hemd abgelegt hatte und nun gar die Hose fallen lieĂź.
„Was soll das? Ich bin nicht hierher gekommen, um alberne Verkleidungsspielchen mitzumachen, sondern um mit Ihnen über das Moorgrundstück zu sprechen“, fauchte Luschke, nun alle Höflichkeit fahren lassend.
„Gemach, gemach, mein Lieber. Wir werden noch ausgiebig Gelegenheit haben…“
„Ich habe aber keine Zeit!“, fuhr Luschke dazwischen und tippte energisch auf seine Armbanduhr.
„Zeit ist relativ“, kicherte Deftinger, der nun in Boxershorts umher hüpfte und sich von der schönen Cosette eine zierliche Kniehose reichen ließ. „Ich versichere Ihnen – Sie werden pünktlich zu Ihrem Termin erscheinen.“
„Ihr Wort in Gottes Ohr“, maulte Luschke und sah zu, wie auch Goldbach und Raffke die ersten Kleidungsstücke fallen ließen.
„Nun machen Sie schon – ich helfe Ihnen gern.“
Er sah auf die kleine Blondine, die geduldig mit dem Bündel vor ihm stand. Ihr Lächeln besaß etwas Zwingendes.
„Mein Gott – ich finde das Alles (alles) nur… nur peinlich“, stöhnte er.
„Aber Herr Landrat. Bei ihrer (Ihrer) Figur muss Ihnen doch nichts peinlich sein!“, kam es ernsthaft zwischen den sauerkirschfarbenen Mädchenlippen hervor.
Luschke wäre kein Mann gewesen, wenn ihm das nicht geschmeichelt hätte, und das gab letztlich den Ausschlag, es den drei anderen Herren gleich zu tun. Allerdings wollte er die Prozedur schnell hinter sich bringen und beeilte sich dementsprechend. Als sich der dicke Raffke noch mit dem Schließen seiner Weste abmühte und beim Anlegen des Spitzenjabots nach Luft japste, schlüpfte der topfigürliche Landrat bereits in die knielange und mit weiten Schößen versehene Jacke, während sich seine Assistentin mit den Schnallen der schwarzen Lederschuhe abmühte. Nun noch die gepuderte Perücke auf dem Kopf platziert, den Dreispitz aufgesetzt und einen Blick in den mannshohen Spiegel riskiert. Es folgte ein kurzer Laut der Überraschung, denn aus dem Spiegel blickte ihm ein perfekt gestylter Rokoko-Kavalier entgegen.
Während er ein wenig posierte, vollzog sich auch bei den Anderen (anderen) die sonderbare Verwandelung.
„Fertig – meine Herren?“ Deftinger schaute prüfend von einem zum anderen und schien zufrieden. „Dann folgen Sie mir!“
Mit raschen Schritten durchmaß er die feudale Kleiderkammer. Erneut wurde eine Tür geöffnet, und das Quartett betrat eine Halle, die so gar nicht in das spätbarocke Ambiente passen wollte. Boden und Wände bestanden aus nacktem Beton. Einige dicke Kabel verliefen kreuz und quer durch den Raum. Man glaubte sich in eine überdimensionale Garage versetzt. Doch statt protziger Luxuslimousinen gewahrte man lediglich eine große Reisekutsche. Sah man von den vergoldeten Wappen an den Türen ab, so präsentierte sich das Gefährt relativ schlicht und deutete wohl auf gehobenen Landadel hin. Die sechs Pferde, die vor die Kutsche gespannt waren und gelassen die Betonwände anstarrten, standen gut ihm (im) Futter.
Ein junger Mann kam unter der Karosse hervor gekrochen und klopfte sich mit einer Hand umständlich den Staub von der Livree. In der anderen hielt er ein Kabelende.
„Alles in Ordnung, Berger?“, grüßte Deftinger.
„Doktor Berger – soviel Zeit muss sein“, knurrte der Angesprochene, ehe er versicherte, dass alles für die Ausfahrt bereits sei.
„Ausfahrt?!“
Luschke spürte neuen Unmut in sich aufkommen. Sollte er etwa, so lächerlich kostümiert, in diese Droschke gezwängt werden, nur um sich bei einer Rundfahrt über das Baugelände den jubelnden Arbeitern zu zeigen. (besser Fragezeichen) Er, der gnädige Herr Landesvater in sechsspänniger Kutsche, zierlich ein Spitzetüchlein (Spitzentüchlein) schwenkend… Die Presse würde johlen…
Er kam nicht dazu, den Gedanken zu Ende zu denken, er kam auch nicht dazu, lautstark zu protestieren. Ehe er es sich versah, fühlte er sich bereits in die Kutsche geschoben und fand sich schließlich auf einer der gegenüber liegenden Sitzbänke wieder. Neben ihm ließ sich Goldbach in das Polster fallen.
„Und nun?“, schnaufte Raffke und blinzelte fragend zu Deftinger.
Der räkelte sich wohlig und nervte die Anderen mit einem ausgiebigen Grinsen. Endlich ließ er sich zu einer Erklärung herab.
„Meine Herren – Sie befinden sich hier in einem Fahrzeug, das auf der Welt einmalig ist. Äußerlich einer herrschaftlichen Equipage täuschend ähnlich, steckt das Gefährt voller Hightech. Das ist nämlich keine Kutsche, sondern eine hochkomplizierte Maschine. Ein glücklicher Zufall wollte es, dass sie auf dem Grundstück des Professors verblieb und somit in meinen Besitz überging. Dreifels hat sie selbst konstruiert. Sie sollte der krönende Abschluss seiner Forschungstätigkeit sein. Ich wusste natürlich damit nichts anzufangen, bis Doktor Berger, der sich als ehemaliger Mitarbeiter des Professors vorstellte, vor einiger Zeit bei mir auftauchte und mir die Funktion des Apparates erklärte. Mit dieser Maschine mache ich das Geschäft meines Lebens. Während Otto Normalverbraucher seine sexuellen Phantasien in meinem Hiwelero-Center für durchaus erschwingliche Preise austoben darf, bleibt es den gestressten Topmanagern und den hohen Politikern…“ Er nickte gönnerhaft in Richtung Luschke. „…vorbehalten, historische Umfelder nicht in gut gemachten Kulissen, sondern live zu erleben. Meine Herren – ich lade sie (Sie) zu einer unvergesslichen Reise ein und begrüße sie an Bord unserer „Zereku“.
Deftinger lehnte sich zurück und schien die ratlosen Blicke seiner Gäste zu genießen. Derweil sah Luschke aus den Augenwinkeln, wie der livrierte junge Mann auf den Kutschbock kletterte.
„Was für ne Kuh?“
„Zereku steht schlicht für Zeitreisenkutsche. Das ist nicht sehr originell, aber ich bin für originelle Veränderungsvorschläge dankbar.“
Irgendetwas begann leise zu summen und brachte die Kutsche zum Vibrieren.
„Ich will es kurz machen“, sagte Deftinger. „In wenigen Sekunden beginnt für uns eine Zeitreise. Mit Hilfe dieser Dreifelsschen Erfindung werden wir bereits in einer reichlichen Stunde Echtzeit zu Gast bei einem französischen Landadeligen sein. Pünktlich am 01.Juli 1774 werden wir auf seinem kleinen (Komma) aber feinen Chateau ganz in der Nähe von Anger eintreffen. Dort werden wir sechs Wochen am Ufer der Loire verbringen, um uns mit den Gepflogenheiten dieser Zeit vertraut zu machen. Danach reisen wir nach Paris, wo wir die Vermählung des Thronfolgers und künftigen Ludwig dem sechzehnten mit der bezaubernden Marie-Antoinette hautnah miterleben werden. Nach weiteren sechs Wochen pikanter Vergnügen am königlichen Hof in Versailles, (kein Komma) treten wir die Heimreise an und werden exakt zum Zeitpunkt unseres Abfluges wieder hier ankommen. Sie verleben also nicht nur ein Vierteljahr voller Abenteuer, sondern gewinnen noch drei Monate Lebenszeit hinzu. Und das alles ausnahmsweise zum Nulltarif. Na, was sagen Sie dazu?“
Zwei Sekunden lang Schweigen, dann füllte Raffkes Gelächter die Kutsche aus. Goldbach entschloss sich mitzukichern. Luschke dagegen blieb stumm, weil er sich schlichtweg verarscht fühlte.
Das Summen verstärkte sich, und wurde nach und nach zum schrillen Pfeifen. Spätestens, als die Insassen der Kutsche kräftig durchgerüttelt wurden, erstarb das Gelächter.
Luschke hatte plötzlich mit einem Schwindelgefühl zu kämpfen. Dann sah er nur noch Zerrbilder. Die Wände der Kutsche verschoben sich. Die Gesichter seiner Gefährten lösten sich auf und ihre Körper verquollen zu strukturlosen Klumpen. Entsetzt schloss er die Augen und spürte, wie er in eine Ohnmacht zu kippen drohte.
Er hätte nicht zu sagen vermocht, wie lange dieses Rütteln und das Pfeifen angedauert hatten, als es plötzlich ganz still wurde.
Seine Sinne nahmen wieder ihren Dienst auf und er hörte, wie Deftinger leise auf jemanden einsprach. Als er es wagte, die Lider zu heben, fiel sein Blick auf Goldbach, der leichenblass im Polster lag und wirres Zeug stammelte. Selbst Raffke schien zutiefst beeindruckt. Er riss fahrig an den Spitzen seines Jabots und rang wieder mal nach Luft.
„Deftinger, wollen Sie uns umbringen?“, keuchte er schließlich.
„Es ist vorbei“, sagte Deftinger und seine Stimme hatte etwas von einer Mutter, die ihrem Kind versichert, nur schlecht geträumt zu haben. „Sie dürfen jetzt den Flug genießen.“
Flug? Luschke wagte es, sich ein wenig aufzurichten und einen Blick aus dem Fenster zu riskieren. Als er die im Dämmerlicht liegende Landschaft unter der Kutsche vorbei ziehen sah, fuhr er erschrocken zurück.
„Wie hoch sind wir?“, krächzte er und schauderte bei dem Gedanken an die lächerlich dünne Holz- und Lederkonstruktion, die ihn von der Außenwelt trennte. Ihm kam es vor, als flögen sie kaum niedriger, als ein normales Passagierflugzeug. Er dachte an extrem dünne Luft und eisige Kälte.
„Keine Sorge. In unserer Raum-Zeit-Blase befinden wir uns in absoluter Sicherheit. Sehen sie die Pferde? Sie stehen vermeintlich im Freien. Und der Kutscher? Auch ihn treibt nichts von seinen (seinem) Bock. Sie können also getrost die Tür öffnen und ein paar Schritte gehen. Probieren Sie es.“
Luschke zog es vor, zu bleiben und seine Finger in der Polsterung zu verkrallen.
Doch Deftingers Gelassenheit begann nach und nach Wirkung zu hinterlassen. Als der versicherte, dass eine Zeitreise weit weniger Risiken in sich berge, als eine Fahrt mit dem Inter-City, war man bereit (Komma) ihm zu glauben. Die ersten schüchternen Fragen wurden gestellt. Man erfuhr, dass die Raum-Zeit-Blase rund zwanzig Kilometer pro Minute vorankam, während die Zeit sich etwa um alle zwölf Sekunden um ein Jahr zurück verschob.
„In nur zwölf Sekunden wird es dort unten 365 Mal Tag und Nacht. Das bekommt das Auge natürlich nicht so schnell mit und so erscheint die Landschaft in permanenter Dämmerung zu liegen.“
Deftinger machte eine Pause, in der seine Gäste scheue Blicke nach draußen warfen. Luschke sah dort unten Felder, Wiesen, Wälder und Dörfer vorüber ziehen. Von links kam eine von bewaldeten Bergen umgebene Stadt ins Blickfeld. Auf einem der Gipfel reckte eine Burg ihre Türme in den Himmel.
„Wie lange sind wir schon unterwegs?“
Statt eine Antwort zu geben, schob Deftinger eine Klappe zurĂĽck, die sich an der Wand, dicht neben seinem Kopf befand. Dahinter verbarg sich ein kleines Display.
„Wir sind bereits zwölf Minuten geflogen, befinden uns gerade über Eisenach und schreiben das Jahr 1960. Alles läuft wie programmiert.“
Luschke sah, wie sich die Gesichter seiner Gefährten allmählich entspannten. Selbst der sensible Goldbach hatte ein lockeres Grinsen im Gesicht, als er sich an Deftinger wandte.
„Nun verraten Sie uns aber mal, ob das nun eine Bildungsreise für angehende Hobbyhistoriker wird oder ob wir uns tatsächlich auf einem Erotik-Trip befinden.“
„Beides, mein Lieber, Beides (beides) . Sie werden viel über die Verhältnisse der damaligen Zeit erfahren, und ich kann Ihnen versichern, sie werden von den französischen Bauernmädels genauso begeistert sein, wie von den mondänen Schönheiten des Hochadels. Dazwischen werden wir tausend Nuancen erleben.“
„Klingt gut“, schnaufte Raffke, und Luschke dachte an die Ziegendarmkondome, was ihn dazu veranlasste (Komma) sich am allgemeinen Grinsen zu beteiligen.
„Ist das nicht das Zeitalter, wo die Weiber so fürchterlich gestunken haben?“, versuchte Goldbach ein wenig Wermut in die aufkommende Hochstimmung zu tropfen.
Damit brach er ungewollt eine heftige Diskussion vom Zaun, an der es vor allem um die sexuell animierenden oder abtörnenden Aspekte weiblicher Gerüche ging.
Luschke beteiligte sich nicht daran. Er lieĂź sich von all den bezaubernden Bildern gefangen nehmen, die ihm seine Phantasie vorzugaukeln begann.
Hitze flimmerte über den Ufern der Loire, doch er lag auf einer der zahlreichen Sandbänke inmitten des kühlen Stromes und blinzelte dem jungen Mädchen entgegen, das mit vorsichtigen Schritten durch das seichte Wasser direkt auf ihn zu geschritten kam. Er lag, (kein Komma) hinter einer winzigen Düne ihren Blicken verborgen und wagte kaum zu atmen. Behutsam zwischen Sand und Geröll nach Halt suchend, setzte die Kleine einen Fuß vor den anderen, und sie tat dies mit solch schlichter Eleganz, wie es Luschke so noch nie bei einer anderen Frau wahrgenommen hatte. Sie trug zwar nur ein grobes, knielanges Leinenhemd, aber ihm war, als könne er trotzdem das Spiel der jugendfrischen Muskeln und Sehnen ungefiltert betrachten. Ihr schulterlanges Haar glänzte wie Kupfer in der Sonne, was ihrem Haupt eine einzigartige Aura verlieh. Ungewollt entfleuchte Luschkes Lippen ein tiefer Seufzer der Bewunderung. Was für ein Weib! Und so herrlich jung!
Seit die Frau Landrätin in ihre erste Anwelkphase getreten war, ertappte sich Luschke immer häufiger dabei, nach unverbrauchten Mädchen zu schielen und sie sich in ihrer Nacktheit vorzustellen. Manchmal fühlte er sich von dem Verlangen, ein solches blutjunges Ding besitzen zu wollen, regelrecht gebeutelt. Und nun das! Was er jetzt sah, trocknete ihm die Mundhöhle aus. Keine zehn Schritt von seinem Versteck entfernt ließ das Mädchen mit unschuldiger Lässigkeit ihr Hemd fallen und präsentierte einen geschmeidig festen Körper, der genau Luschkes qualvoll unterdrückten (unterdrücktem) Sehnen entsprach. Ein Reiz ging von dem Mädchen aus, dem er nicht zu widerstehen vermochte. Und warum auch? Er brauchte doch seinem Begehren gar nicht zu trotzen. Sie war für ihn da – eine Bauerndirne, die es nie wagen würde (Komma) sich dem Willen eines hohen Herrn zu widersetzen. Im Bewusstsein dieser Macht umfing er einen Moment lang diese bestrickende Gestalt mit einem von der Erregung diktierten Blick. Und die Gewissheit, dass dieses Mädchen nun ihm gehören würde, ließ es plötzlich vor seinen Augen aufblitzen. Plötzlich sah er nur noch grelle, (kein Komma) Bilder – im rasenden Wechsel sich ablösend. Ein knabenhaft kleiner Po, feste glatte Schenkel und das rotblonde Gekräusel, dort, wo sie zusammen kamen. Schmale Hüften und ein flacher Bauch. Und dann die winzigen Brüste, deren Knospen ihm förmlich entgegen zu glühen schienen.
Luschke hielt es nicht länger in seinem Versteck. Mit einem Schrei, der ihm fremd erschienen wäre, wenn er jetzt darauf geachtet hätte, stürzte er hervor, rannte auf das sich entsetzt versteifende Mädchen zu, packte es und zerrte es brutal auf die Sandbank. Sie stürzte, und erst als er schon halb auf ihr lag, begann sie sich instinktiv zu wehren. Er sah die Angst in ihren grünlich schimmernden Augen und berauschte sich daran. Er genoss ihr klägliches Winseln, als er seinen schweren Unterleib zwischen ihre Beine drängte. Er genoss dieses verzweifelte Zucken unter sich und…

„ Unseren wohlgesitteten Herrn (Unser wohlgesitteter Herr) Landrat hüllt sich in vornehmes Schweigen. Ihm scheint das alles nicht so ganz geheuer“, hörte er Deftinger sagen.
„Er ist eben ein unverdorbener Politiker. Und ich dachte, diese Spezies wäre längst ausgestorben“, krähte Raffke und wollte sich vor Lachen nicht mehr so recht einkriegen.
Noch ehe Luschke etwas erwidern konnte, beugte sich Goldbach zu ihm hinĂĽber und legte ihm vertraulich seine Hand auf den Oberschenkel.
„Stimmt’s – Sie haben Angst, erpressbar zu werden? Oder gar Furcht, die werte Gemahlin könnte etwas erfahren? Keine Sorge – von uns erfährt niemand etwas. Verschwiegenheit ist eine unserer Tugenden, ohne die wir…“
„Selbst wenn es nicht so wäre“, fuhr Raffke dazwischen. „Falls wir etwas von dieser verrückten Reise erzählen, glaubt uns eh kein Schwein!“
Deftinger schüttelte den Kopf und versuchte vorsichtig darauf aufmerksam zu machen, dass er seine Kutsche nicht ewig verstecken könne. Schließlich wolle er sie gewinnbringend einsetzen. Und dazu gehöre auch ein wenig Werbung. Die Anderen schwiegen eine Weile, ehe sie schließlich nickten. Nach und nach begannen sie Deftingers Argumente zu akzeptieren. Ausgerechnet der smarte Goldbach versuchte schließlich von diesem etwas heiklen Thema abzulenken, indem er das Gespräch wieder auf die „feinen Rokoko-Weiber“ brachte und mit unerwartet frivolen Worten offen legte, was er alles mit ihnen anzustellen gedenke.
Während Raffke ihn noch zu übertrumpfen trachtete, hüllte sich Deftiger in sein wissendes Feixen.

Das Gespräch verkleckerte erst, als man den Rhein überquerte. Das war etwa im Jahre 1855.
„Jetzt sind wir gleich in Frankreich“, sagte Goldbach und seine Augen bekamen im Vorgefühl sexueller Reizüberflutung erneut einen verklärten Glanz.
„Was kostet eigentlich so ein Flug?“, wollte der plötzlich wieder nüchtern denkende Raffke wissen.
Deftinger zögerte mit der Antwort, schien dann ein wenig zu rechnen und nuschelte schließlich etwas von hundertzwanzigtausend Euro.
„Alles inklusive“, setzte er rasch hinzu.
„Geht ja noch“, brummte Raffke.
Seine Gelassenheit im Zusammenhang mit dieser Summe ließ Luschke ungefähr erahnen, in welchen Geldmengen Raffke zu denken gewohnt war. Auch Goldbach schien der Betrag nicht sonderlich zu beeindrucken. Da konnte sich der Herr Landrat angesichts seines Beamtengehaltes nur neidvoll auf die Lippen beißen.
‚Die Welt ist ungerecht’, seufzte er in Gedanken. War er denn dümmer als die Beiden (beiden) ? Mit Sicherheit nicht! Oder besaß er mehr Skrupel? Oh nein – die waren ihm während seines politischen Aufstieges längst abhanden gekommen. Und unwillkürlich eilten seine Gedanken voraus, befassten sich mit dem Augenblick, wo er als Landrat abgewählt sein würde. Bislang hatte ihn diese Aussicht stets beunruhigt. Jetzt wurde ihm klar, dass dies auch eine Chance bedeuten könnte – nein - musste! Dafür war es wichtig, die richtigen Kontakte zu knüpfen. Ein Vierteljahr mit drei cleveren Geschäftsleuten auf enger Tuchfühlung – so eine Gelegenheit fand er so schnell nicht wieder. Er würde diese Zeit auch dazu nutzen, um Möglichkeiten für seine weitere Lebensplanung auszuloten und einige Weichen zu stellen. Schon malte er sich im Geiste seinen Einstieg in einträgliche Geschäfte aus. Was ein abgehalfterter Bundeskanzler in Sachen Öl und Gas konnte, musste – zugegeben ein paar Nummern kleiner - einem pfiffigen Exlandrat doch wohl auch gelingen. Im Moment wünschte er sich nichts weiter, als sich bei der Nennung einer solch enormen Summe genauso leger im Polster zurück lehnen zu dürfen, wie es seine Reisegefährten taten.
Um sich abzulenken, brachte er das Gespräch auf die vor ihnen liegenden Monate. Würde man in dieser fremden Epoche nicht zwangsläufig auffallen? Er verwies auf die weitgehende Unkenntnis der Sitten und Gebräuche – von der Sprache ganz zu schweigen.
„Für mich ist Französisch kein Problem – nur mit der Sprache, da hapert es gewaltig!“, dröhnte Raffke und lachte, dass die Kutschenfenster vibrierten. Er war wohl der einzige in der Runde, der diesen uralten Witz originell fand.
„Ich habe vorgesorgt“, beruhigte Deftinger. (Anführungszeichen) Sie werden anfangs von gut ausgebildeten Leuten betreut. Das sind Mitarbeiter von mir, die ich bereits anlässlich meiner ersten Reise dort abgesetzt habe. Trotzdem werden Sie eine Menge lernen müssen, um Ihre Rolle als sächsische Diplomaten glaubhaft ausfüllen zu können. Im Crashkurs sozusagen. Aber selbst in Paris wird man Ihnen einiges an Unbeholfenheit nachsehen. Es gibt da etwas, das weitaus wichtiger ist, als geschliffene Umgangsformen. Ich meine Geld. Und davon haben wir reichlich.
„Da bin ich ja beruhigt“, schmunzelte Raffke.
Deftinger glaubte, noch mehr erläutern zu müssen, und so verging die Zeit im wahrsten Sinne des Wortes – wie im Fluge.

„Nur noch eine Viertelstunde bis zur Landung“, sagte Goldbach gerade, als plötzlich ein Zittern durch die Kutsche ging. Es wurde immer heftiger und wuchs sich zu einem wütenden Rütteln aus. Da war auch wieder dieses durchdringende Pfeifen.
Luschke krampfte erneut seine Finger ins Polster und schaute besorgt nach draußen. Da tauchte draußen der Kutscher auf und öffnete die Tür.
„Was ist los, Berger!“, brüllte Deftinger, und zum ersten Mal seit Reisebeginn flackerte Unruhe in seinen Augen.
„Ein Energieproblem!“, schrie der zurück. „Eine defekte Platine hat vorübergehend einen Kurzschluss verursacht. Das hat ein Loch in unsere Energiereserven gerissen.“
„Dann bringen Sie das schleunigst in Ordnung!“ Deftinger (Deftingers) Stimme überschlug sich fast im Bemühen, das grässliche Pfeifen zu übertönen.
„Um ausreichend Energie für die Heimreise zu haben, müssen wir jetzt den Flug abbrechen und landen!“, brüllte Berger zurück.
„Sind Sie verrückt geworden, Berger!?“
„Doktor Berger – bitte – Und ob verrückt oder nicht – wir haben gar keine andere Wahl!“
„Das kostet Sie den Kopf!“, fauchte Deftinger.
Über das Gesicht des ehemaligen Assistenten huschte ein hintergründiges Lächeln. Ohne weitere Worte zu verlieren, schloss er die Tür wieder und kletterte zurück auf den Bock.

Die unangenehmen Begleiterscheinungen waren bei der Landung noch gravierender als vorhin beim Start. Luschke verlor das Bewusstsein.
Als er wieder zu sich kam und die Augen ein wenig zu öffnen wagte, umfing ihn Dämmerung. Die Kutsche stand still.
„Sind wir gelandet?“ Das war Goldbach.
„Scheint so“, knurrte Deftinger.
Ein erster vorsichtiger Blick aus dem Fenster offenbarte nur graue, bröcklige Häuserfassaden.
Der Wagenschlag öffnete sich und Berger streckte erneut den Kopf herein. Mit der schwül-warmen Luft strömte übler Gestank ins Innere der Kutsche.
„Alles okay bei Ihnen?“
„Dämliche Frage. Wo sind wir?“, ranzte Deftinger zurück.
„Direkt im Zentrum von Paris!“
„Paris! Oh la la!“ Goldbach pfiff durch die Zähne.
„Na gut. Machen wir das Beste daraus“, meinte Deftinger. Er schien seinen Optimismus und sogar seine gute Laune wieder gefunden zu haben. „Aber fahren Sie uns in eine angenehmere Gegend.“
Er wies nach draußen, wo selbst die hereinbrechende Dunkelheit nichts von der Erbärmlichkeit der verkommenen Häuser zu verbergen vermochte.
Berger nickte und zog geräuschvoll Luft durch die Nase.
„Selbstverständlich“, sagte er und deutete eine Verbeugung an. „Den Herren von Adel riecht es zu sehr nach Armut.“
Die Ironie in seiner Stimme war unverkennbar. Und dann tat er etwas Merkwürdiges. Bevor er wieder auf den Bock kletterte (Komma) zog er sich die betresste Jacke aus und warf sie achtlos von sich. Auch das enge Beinkleid landete wenig später auf dem schmutzigen Kopfsteinpflaster. Darunter trug er eine einfache Leinenhose und den Oberkörper bedeckte ein graues Hemd aus dem gleichen Material. Um den Bauch schlang er sich eine blau-weiß-rote Schärpe.
„So – das genügt“, sagte er und nahm wieder seinen Platz auf dem Kutschbock ein.
„Komischer Typ“, sagte Goldbach und schüttelte destingiert den Kopf.
„Wenn er nicht der einzige wäre, der diese Zeitmaschine bedienen kann, hätte ich ihn längst gefeuert“, beeilte sich Deftinger zu versichern.

Die Pferde zogen an und die Räder der Kutsche rasselten über das miese Pflaster. Es ging um mehrere Ecken und durch beängstigend schmale Gassen. Die Gegend hatte etwas düster Unheimliches. Schweigend und mit aufkommenden (aufkommendem) Unbehagen blickte man nach draußen.
Endlich wichen die Häuser zurück und man erreichte einen weiten Platz, dessen eine Seite von einem prächtigen Bauwerk flankiert wurde. Aber zum Aufatmen schien es zu früh. In den ärmlichen Gassen hatte man lediglich hin und wieder einzelne Menschen gesehen, die sich ängstlich an die Häuserwände gedrückt hatten, um die Kutsche passieren zu lassen Hier dagegen wimmelte es geradezu von Leuten. Unmittelbar vor dem Gebäude, bei dem es sich wohl um ein Schloss handelte, war der Auflauf am größten. Die Menge schien aufgebracht zu sein. Man sah wild gestikulierende Arme, aufgerissene Münder und drohend gereckte Fäuste. Alles lief erregt durcheinander, und es herrschte ein Höllenlärm.
Berger brachte die Pferde zum Stehen, sprang vom Bock öffnete die auf Luschkes Seite befindliche Tür.
„Wir sind am Ziel. Wenn die Herrschaften bitte aussteigen wollen.“
„Was heißt am Ziel? Wo sind wir hier?“
„Direkt vor den Tullieren (Tuillerien).“
Luschke bekam plötzlich Magendrücken. Misstrauisch blickte er zu dem Display, und der Magen rebellierte noch heftiger.
„10. August 1793“ (Punkt)
„Um Gottes Willen!“, stöhnte er auf.
Aus seiner unbestimmten Angst wurde schließlich reales Entsetzen, als er eine wilde Horde wütender Menschen auf die Kutsche vorrücken sah. Es mochten mehr als zwei Dutzend Frauen und Männer in schmutzig abgerissener Kleidung sein, die schon bald das verhasste aristokratische Gefährt umringten. In den Händen hielten sie Knüppel und Stangen. Auch einige Messerklingen blitzten im letzten Licht der untergehenden Sonne. Schon begannen sie an der Kutsche zu rütteln.
„Verriegelt die Türen!“, schrie Deftinger und es gelang ihm gerade noch, auf seiner Seite das Schloss zu arretieren, bevor man von außen die Klinke herunter drücken konnte. Luschke schaffte das nicht. Er hörte noch, wie auf der anderen Seite die Scheiben zerbarsten, dann sah er sich schon einem aufgedunsenem (aufgedunsenen) Weib gegenüber, dass (das) den Türrahmen komplett ausfüllte und direkt aus einem Horrorfilm entsprungen sein musste. Aus einem dreckverschmierten und von wirren Haaren umrahmen (umrahmten) Doggengesicht, (kein Komma) glühten ihn zwei Augen an, in denen der Wahnsinn wütete. Die wulstigen Lippen öffneten sich zu einem markerschütternden Schrei, dem eine Flut heiser gebrüllter Worte folgte. Luschke wusste (Komma) auch ohne die Sprache zu verstehen, dass es sich nur um ganz gemeine Flüche handeln konnte. Aus dem weit aufgerissenen Maul der Vettel schlug ihm faulige Atemluft entgegen. Angewidert fuhr er zurück. Die Frau verharrte einen Moment, dann beugte sie ihr massiges Haupt weit in den Nacken. Dabei gaben die zottigen Haare das hässliche Antlitz völlig frei. Luschke schauderte bei diesem Anblick, und ganz kurz durchzuckte ihn der Gedanke, um wie viel anders er sich die erste Begegnung mit dem weiblichen Geschlecht dieser Epoche ausgemalt hatte. Doch weiter kam er nicht. Schon zuckte der Kopf der Furie nach vorn, und zwischen den beiden schwarzen Zahnstummelreihen flutschte ein Strahl klebrigen Speichels, der Luschke voll unter dem linken Auge traf. Seine spontane Reaktion entsprang einem ihm bis dahin unbekannten Automatismus. Seine rechte Faust schoss nach vorn und knallte auf etwas Weiches, das sich als das Wabbelkinn der Angreiferin entpuppte. Die schaffte es noch, beide Hände vor das Gesicht zu werfen, dann kippte sie lautlos nach hinten auf das Pflaster. Luschke registrierte es mit vorsichtiger Genugtuung, aber es war klar - er hatte einen Pyrrhussieg errungen. Auf einmal waren da kräftige Männerhände, die sich wie Schraubzwingen um seinen rechten Unterarm legten. Ein heftiger Ruck – und schon fühlte er sich aus der Kutsche gerissen. Er stürzte kopfüber aus dem Gefährt und hätte sich auf dem Pflaster den Schädel zertrümmert, wenn er nicht ausgerechnet auf dem Bauch der Matrone gelandet wäre. Dafür hagelte es jetzt Faustschläge und Tritte, die ihn überall trafen. Und die Misshandlung wollte nicht aufhören. Anfangs hatte er noch geschrieen - kurz darauf war er gerade noch zu einem kläglichen Winseln in der Lage. Als ihm ein Knüppel zwischen die Schulterblätter fuhr, glaubte er, sein Ende sei gekommen.
Doch in das allgemeine Geschrei, das ihn umgab, mischten sich plötzlich Kommandorufe. Das Schlagen und Treten hörte auf. Mühsam drehte Luschke den Kopf ein wenig zur Seite. Sein Blick traf auf ein paar leidlich geputzte Stiefel. Es gelang ihm, den Blick zu heben, und ein Seufzer der Erleichterung wischte über seine Lippen. Vor ihm stand ein Polizist oder Soldat – egal – ein Mann in Uniform. Das bedeutete Ordnung. Zwei weitere Uniformierte traten hinzu, beugten sich zu ihm herab, packten ihn unter den Armen und stellten ihn auf die Füße. Er musste sich einen Moment lang an ihnen festhalten, weil die Knie durchzusacken drohten. Erst nach und nach fing er sich.
„Merci! Merci, Kamerad“, stammelte er.
Die Männer blieben stumm. Sie taten auch nichts, um die geifernde Meute davon zu jagen. Sie hielten sie lediglich auf Distanz.
Luschke entdeckte noch weitere Soldaten. Sie bildeten ein kleines Karree, in dessen Mitte Deftinger, Goldbach und Raffke standen. Luschke wurde zu ihnen gestoĂźen.
„Was hat das zu bedeuten?“, keuchte er und blickte fragend von einem zum anderen. Doch die waren genauso ratlos. Außerdem hatte jeder mit sich selbst zu tun. Raffke befingerte seine Schneidezähne. Da schienen welche zu fehlen. Über Deftingers Gesicht rann ein Blutstrom, und Goldbach hielt sich winselnd den Bauch. Der Schönling schien sich kaum auf den Beinen halten zu können. Aber wo war Berger? Hatten sie ihn…?
Einer der Uniformierten rief etwas. Die Soldaten nahmen Haltung an. Das Karree öffnete sich, ein Offizier trat heran und… Luschke glaubte, seinen Augen nicht trauen zu dürfen… Berger an seiner Seite, unverletzt und genüsslich an einer kleinen Tabakspfeife saugend.
„Berger! Endlich! Was ist denn hier los?“, schrie Deftinger, dem es gelungen war, einen Stofffetzen gegen die klaffende Stirnwunde zu pressen.
„Doktor Berger – soviel Zeit muss sein“, kam es höhnisch zurück. „Darf ich vorstellen: Das ist der Bürger Trois-Rocher.“ Damit wies er auf den Offizier.
Der Genannte trug den Dreispitz tief ins Gesicht gezogen. Ein gewaltiger, grauer Schnurrbart hing ihm links und rechts der Mundwinkel bis auf das Kinn herab. Mit lebhaften Augen blickte er von einem zum anderen und nickte dann bedächtig, bevor er dicht an Deftinger heran trat und höflich den Hut lüftete. Luschke sah, wie Deftinger mit einem Aufschrei nach hinten auswich.
„Dreifels! Sie!?“
„Ja, mein Lieber. Willkommen im revolutionären Paris! Hatten Sie und Ihre sauberen Freunde eine angenehme Reise? Es ist sehr aufmerksam von Ihnen, dass sie mir meine Zeitmaschine höchst persönlich zurück bringen.“
Er wandte sich von dem immer noch sprachlosen Deftinger ab und ging auf die Anderen zu.
„Und wen sehe ich da – der smarte Goldbach! Noch immer im Vorstand dieser Betrügerbank? Und der wackere Raffke! Ich hörte (Komma) sie (Sie) haben mein Grundstück für ein Vermögen verhökert.“ Seine Stimme klang durchaus liebenswürdig. Doch plötzlich in völlig verändertem Ton sein Befehl: „Bürger Berger – lassen Sie die sächsischen Spione abführen. Auch den korrupten Herrn Landrat!“
Luschke wankte. Angst und Unverständnis ließen keinen klaren Gedanken aufkommen. Dazu die wahnsinnigen Schmerzen am ganzen Körper. Er begriff nur eins. Dort stand Professor Dreifels in der Uniform eines Offiziers der Pariser Nationalgarde. Er war nicht tot. Er war nur hierher geflohen, um sich nun… ja was? Um sich zu rächen?
Luschke versuchte, sich zusammenzureiĂźen und ging auf Dreifels zu.
„Hören Sie, Professor. Es tut mir leid, was man damals mit Ihnen… Ich kann da eine Menge zur Aufklärung beitragen. Sie müssen mich nur in Ruhe anhören.“
Luschke hatte hastig gesprochen, doch er fand taube Ohren.
„Für lange Gespräche ist keine Zeit“, sagte der Professor kalt. Auf die kleine Gruppe von Soldaten weisend, die jetzt Goldbach, Deftinger und Raffke vor sich her stießen, sagte er: „Rasch, Herr Landrat, schließen Sie sich an. Auch Sie dürfen nicht zu spät zu ihrem Rendezvous kommen.“
„Was für ein Rendezvous?“, stammelte Luschke, erhielt aber keine Antwort.
Als ihn die Soldaten fortzerren wollten, gelang es ihm, sich noch einmal loszureiĂźen und ganz dicht an Dreifels heran zu kommen.
„Was für ein Rendezvous!?“ (Komma) schrie er hysterisch.
Dreifels lachte, streckte den Arm aus und rief: „Na mit ihr!“
Luschkes flackernde Augen folgten der angegebenen Richtung und begannen sich unnatürlich zu weiten. Keine zweihundert Schritt von der Stelle, wo sie im Moment standen, erhob sich ein Podest. Und dort oben stand, sich düster als schwarze Silhouette vom Abendhimmel abhebend – die Guillotine!


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Schreib ĂĽber das, was du kennst!

im ĂĽbrigen finde ich die geschichte ganz gut.
lg
__________________
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Ralph Ronneberger
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Hallo bluefin,

zunächst erst einmal herzlichen Dank für die „Tiefenanalyse“ dieses Textschnipsels. Ich wage gar nicht daran zu denken, wie viele Seiten dein Kommentar umfasst hätte, wenn Du den ganzen Text…
Na ja – einiges hätte sich wahrscheinlich auch wiederholt, denn die meisten Fehler macht man ja nicht nur einmal. Dann muss ich mich für meine späte Reaktion entschuldigen, aber es gibt eben eine Menge von Dingen im Alltag, denen man den Vortritt lassen muss.
Aber nun zu deinen Anmerkungen, die ich mal chronologisch durchgehen möchte.


1. Landrat Luschke bemühte sich, sein heimliches Gähnen dezent hinter vorgehaltener Hand zu verbergen dreifachmoppelung: dezent, heimlich, vorgehalten. was heimliches kann man nicht nochmal verbergen, "dezent" schon gleich gar nicht. die hand kann man dezent vorhalten

Stimmt! Das ist tatsächlich zuviel des Guten. Allerdings wird hier nur zweifach und nicht dreifach „gemoppelt“. „Dezent“ und „vorgehalten“ müssen sich in diesem Kontext nicht ausschließen. Verbessert könnte der Satz dann lauten: „…bemühte sich, sein Gähnen hinter dezent vorgehaltener Hand zu verbergen.“


2. Den Ausführungen dieses übereifrigen vorauseilendes resumé einer nachfolgenden beschreibung Präsentators war er schon geraume Zeit mit immer stärker nachlassendem doppelmoppelung; geraume zeit kann man zudem nicht "immer stärker nachlassen" Interesse gefolgt

Hier kann ich nicht ganz folgen. Wer sagt, dass ein „vorauseilendes Resumé“ grundsätzlich zu vermeiden sei? Das ist doch sooo selten nicht. Wenn in einem Text zunächst festgestellt wird, dass zum Beispiel Herr X dumm und hinterhältig ist, darf man doch anhand nachgeschobener Eigenschaften oder Handlungsweisen diese Pauschalaussage durchaus noch verfeinern. Ich habe zumindest Zweifel, ob ich das unbedingt ändern muss. Aber ich werde in Ruhe darüber nachdenken.
Die weiter angeführte Doppelmopplung beziehe ich auf die Tatsache, dass das Gähnen bereits ein ausreichender Hinweis auf das geringe Interesse meines Prot. sein könnte. Ich schwanke, aber neige eher dazu, dir Recht zu geben. Das macht dem ohnehin anzusetzenden Rotstift die Arbeit leichter.


4. Du weist darauf hin, dass man geraume Zeit nicht nachlassen kann.
Das ist wohl wahr. Deshalb verstehe ich deinen Einwand nicht, da sich „nachlassende“ doch eindeutig auf das „Interesse“ und nicht auf die Zeit bezieht.


5. Der Mann flatterte nun schon wieso "nun schon" seit einer knappen Stunde wieso "knapp", wenn's doch vorher schon so geraum war?

Erwischt. Dieses „nun schon“ ist zwar in der Umgangssprache durchaus geläufig („Ich warte nun schon seit Tagen auf eine Nachricht von dir.), aber hier wäre ein „bereits“ oder wenigstens ein „nunmehr“ besser platziert gewesen.
Den zweiten Hinweis verstehe ich nicht ganz. Die knappe Stunde ist die Zeit, die seit Beginn des Vortrages verstrichen ist. Die Langeweile verspürt mein Prot. aber erst seit geraumer Zeit. Die Formulierung ist also keinesfalls falsch. Wenn man sich an das Spalten von Haaren macht, sollte der Blick besonders scharf sein. Meinen Blick hast Du mit deinem Hinweis insofern geschärft, dass mir plötzlich der ganze Absatz nicht mehr gefällt, weil er so ausgewalzt daher kommt. Und bei der fälligen Kürzung wird wohl auch kein Anlass mehr gegeben sein, über diese beiden Zeitangaben zu stolpern. Hier muss ohnehin völlig neu formuliert werden.


6. ist flattern kennzeichen drittklassiger reiseleiter

Das Fragezeichen denke ich mir einmal dazu und antworte mit einem schlichten „Ja.“
Aus meiner Erfahrung heraus, scheint dieses „Voranflattern“ tatsächlich ein Markenzeichen dieser Spezies zu sein. Aber das sind meine Beobachtungen und… ob sie in meine Überarbeitung einfließen werden, steht noch nicht fest.


7.…und war eifrig bemüht, seine eigene Begeisterung mittels euphorischem Redeschwall ein redeschwall kann eventuell euphorisch klingen, es eo ipso aber nicht sein.

Tut mir leid. Darauf weiß ich keine Antwort und werde mich schlau machen müssen. Deiner Aussage zufolge gäbe es demnach auch kein euphorisches Geschrei, keinen euphorischen Applaus, keine euphorische Zustimmung, keinen euphorischen Jubel oder keinen euphorischer Gesang? Alles Wendungen, denen man recht häufig begegnet. Allerdings hätte ich auch kein Problem mit euphorisch tönendem Geschrei, euphorisch gespendetem Applaus, euphorisch bekundeter Zustimmung, euphorisch ausfallendem Jubel oder euphorisch vorgetragenem Gesang.
Für mich ist das neu, aber wird mir in Zukunft kaum Probleme bereiten. Man muss es nur wissen – danke.


8. blickt er wirklich dauernd gehetzt?

NatĂĽrlich blickt er dauernd gehetzt! Das ist eines seiner Markenzeichen! Was meinst Du, wie gehetzt der erst blicken wird, wenn sein gehetzter Blick aus dem Text geflogen ist.
Das Gleiche trifft auch auf sein zusätzliches Angestacheltsein zu. Da der Knabe ohnehin nur eine Randfigur ist und sich sein Auftritt an dieser Stelle so gut wie erledigt hat, werde ich ihn gehörig zurecht stutzen.


Du behauptest abschließend: „ganz gleich, welchen inhalts eine geschichte ist, man sollte darauf achten, nicht zuviel "jargon" zu papier zu bringen - das setzt sie immer herab.“
Zumindest, was das „ganz gleich, welchen Inhalts“ angeht, bin ich etwas anderer Meinung. Jargon kann zur Unterstreichung eines bestimmten Milieus durchaus angebracht sein. Was meinen Text angeht, so stehe ich ratlos deiner Anmerkung gegenüber. Ich kann es mir nur so erklären, dass wir den Begriff „Jargon“ völlig unterschiedlich definieren. Nach meiner Definition suche ich nämlich in dem Text vergeblich nach „Jargon“.

Und zu guter Letzt: „tipp: pleonasmen und unnützes wortgeklingel herauskämmen, vor allem dort, wo es, wie hier, nur um alltägliches geht.“

Diesen Tipp kann ich nicht oft genug vor den Latz geknallt bekommen. Ich weiß um diese meine Schwäche, und es wird mich noch eine Menge Mühe und vor allem Überwindung kosten, das geliebte Gebimmel auf einige leise Töne zu reduzieren. Vielleicht finde ich bei der Gelegenheit auch einige echte Pleonasmen.

Eines haben mir deine Anmerkungen genauso deutlich vor Augen geführt, wie jons treffliche Analyse und auch flammarions Rechtschreibfehler-Fündigkeit – es hat (zumindest für mich) einfach keinen Sinn, eine Geschichte mit der heißen Nadel stricken zu wollen. Man hat hinterher nicht nur mit dem Kämmen zu tun. Nein – da muss auch kräftig geschnitten, gefärbt und ordentlich gefönt werden. Mal sehen, ob es sich lohnen könnte.

GruĂź Ralph

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bluefin
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was mich immer wieder erstaunt, ist der eifer, mit der ganz offensichtliche schreib- und sprachmängel verteidigt werden.

in der musik gäb's gar keine diskussionen darüber - entweder die intonation stimmt oder sie stimmt nicht.

euphorisch kann in dem zu btrachtenden beispiel nur der redner sein, nicht die sprechblase (wer schreibt, dass ein lied traurig ist, schlampt genau so). wobei noch festzustellen wäre, dass ein rede"schwall" ohne euphorie kaum möglich scheint - also noch ein weiterer, unnötiger pleonasmus.

wenn man eine tolle scifi-geschichte schreiben will, sollte ein anderer duktus gewählt werden als der einer (billigen) gebrauchssprache, in der ein unnötiges füllsel das andere hetzt. sie ist, wenn ich das sagen darf, ohne dass gleich wieder aufgeheult wird, ein wenig zu nah dran am geplapper: coole geschichten wollen cool erzählt werden.

liebe grĂĽĂźe aus mĂĽnchen

bluefin

p. s.: scifi ist so gar nicht meine welt. ich hab mich nur mal eingemischt, weil ralf scheinbar nur dort unterwegs ist und ich mal auch was zu ihm sagen wollte.

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