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Leselupe.de > Fremdsprachiges und MundART
Eine Liebe von Frau Schmitz
Eingestellt am 31. 10. 2007 18:29


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Haarkranz
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Eine Liebe von Frau Schmitz

Wer nicht vergessen werden darf, ist die Frau Schmitz, die den halben Tag die Arme mit einem Kissen unterpolstert, im Fenster liegt. Diese Dame hat die Klatscherei zu ganz einmaliger, beinah wissenschaftlicher Qualität entwickelt.
Vor Jahren hat sich der Neb bei uns im Kiez eingemietet, das ist für sich genommen nix besonderes. Was die Sache interessant macht, der Neb ist Araber, geboren in Bagdad im Zweistromland. Nebendran war früher Babylon, da herrschte der Nebukadnezar, der die Israeliten in baylonischer Gefangenschaft gehalten hat. Das kennen wir alle vom Religionsunterricht und der biblischen Geschichte. Also, als der Neb erzählt hatte er käm aus Bagdad, das läg ganz nah bei Babylon, lag der Nebukadnezar auf der Hand und am Spitznamen Neb, führte nix mehr vorbei.
Der Neb wohnt, seit er hier ist, als Kostgänger bei der alt Frau Unkenbold. Die Unkenbold kann nicht aufhören, wenn man ihr Gelegenheit gibt, über den Neb zu strunzen, was das für ne nette, liebe, junge Mann wär. Dabei ist der Neb gar nicht mehr so jung. Aber das sieht durch die Brille, von der Olsch Unkenbold, wohl anders aus. Jedenfalls hat er bei der en Stein im Brett. Im Vertrauen, hat die Olsch meiner Frau gesagt, im Vertrauen, man soll sich ja nicht versündigen:
„Der Neb steht mir fast so nah wie meine Söhne. Wann seh ich die? An Muttertag, Ostern und Weihnachten und an meinem Namenstag, wenn sie den nicht vergessen.
Sie sollten mal probieren, was der Neb mir zum Namenstag auf arabisch kocht. Zuerst war ich nicht so richtig Feuer und Flamme, weil das beim Zubereiten so anders riecht.
Aber dann hat der Neb mich überredet, komm Mutter, der sagt Mutter zu mir, komm Mutter, nicht feig, probier was Neb aus seiner Heimat gekocht hat.
Komm mit mir, ich führe dich und deine feine Zunge, zu den Rosenhügeln von Bagdad, der Stadt Harun al Raschids, des Beherrschers der Gläubigen.
Ja so spricht der Neb, so blumig wie man sagt, ist eben en Araber.
Du weißt Mutter, Mohammed Ben Hafis, der hier im Land der Christen Neb genannt wird, ist ein gläubiger Muslim. Mulime und Christen sind im Glauben nicht so fern, wenn ihr auch an die uns unverständliche Verfleischlichung und Dreifaltigung des Allerbarmers glaubt.
Harun al Raschid war zu seiner Zeit Kalif. Damit so etwas wie Pabst und Kaiser in einem. Bei uns erwächst weltliche und geistliche Macht, aus dem unteilbaren Koran.
Dieser Kalif herrschte über den gesamten Orient, alle Völker des Ostens, aber auch die Muslime des Westens hingen an seinen Lippen. Sein irdischer Reichtum war unschätzbar, da wo er ging und stand, verwandelten sich Bettler in würdige, wohlhabende Männer, und die lasterhaftesten Huris berührt vom Balsam seiner Anwesenheit, wurden zu hingebungsvollen Helferinnen der Betagten und Stützen wohltätiger Einrichtungen. In seinem Palast erblühte die Sammlung der Rezepte, der tausend befriedigten Schmatzer.Teile davon, sind bis auf den heutigen Tag, wohlgehüteter Schatz unserer Familie. Vom Vater auf den ältesten Sohn, wurde das Geheimnis über die Jahrhunderte weitergegeben. Erst in jüngster Zeit, in Folge der profanen Politik von Bauern und Proleten, die keinen Gläubigen in der Gewissheit eines dereinst natürlichen Todes alt werden lassen, mussten wir uns von dieser ehrwürdigen Praxis trennen.
So also kam ich, obwohl jüngster der Söhne meines Vaters, in den Besitz der Rezepte. Glaube mir Mutter Unkenbold , diese Anleitungen zum beten ohne Worte, sind mir mehr wert als große Schätze.
Was ich heute für dich zubereite, ist keine Mahlzeit wie die bisher von dir für gut und lecker befundenen Gerichte aus den Töpfen Arabiens. Nein, heute serviere ich dir die Köstlichkeit El Giaur, was dies übersetzt in die Sprache der Deutschen heißt, tut nichts zur Sache. El Giaur wurde dem Kalifen anlässlich einer gewonnen Schlacht zum ersten Mal serviert, es sollte später zu seinen Lieblingsgerichten gehören.
Die den Rezepturen beiliegende Legende berichtet, der Kalif habe in den dreißig der Schlacht folgenden Jahren, El Giaur sieben mal zum Hauptgang seiner hochwürdigsten Tafel bestimmt.
Hier in diesen zwei Töpfen, dieser Pfanne, bereite ich El Giaur, um, nach dem es mit dem seiner Erlesenheit gebührenden Andacht serviert und verzehrt worden ist, in das ewige Gedächtnis, in die unwelkbare Erinnerung unserer Seelen einzugehen, nicht ohne auch seinerseits, die Hüpfer und Schnalzer unserer Zungen huldvoll gewürdigt zu haben.“
So sprach Neb zu Mutter Unkenbold, die im Sonntagsstaat an ihrem Küchentisch saß und große Augen machte. Als es dann ans Essen ging, und alles, jedes Krümmelchen Reis, jedes Stückchen Fladenbrot, mit balsamischer Soße benetzt, verzehrt war, beide einen kleinen Andachtsaugenblick in sich hineingehorcht hatten, sagte Mutter Unkenbold:
„Weißte Neb, dem Gaul ess ich jeden Tag, auch ohne das ich Namenstag hab und für mich braucht keine Schlacht geschlagen zu werden. Jeden Tag hörste, nicht wie deine Kalif alle vier bis fünf Jahr.“
So friedlich, mit den Höhepunkten erlesener Mahlzeiten gekrönt, lebten Neb und Mutter Unkenbold, seit Jahren zusammen.
Der Neb hatte am Ende der Straße, im Souterrain vom Haus Nr.14, unter dem Kleinheisterkamp seinen Gemüse und neuerdings noch Kolonialwarenladen, zwei kleine Räume gemietet und darin seine Schusterwerkstatt aufgemacht. Da konnt man ihn von früh bis spät über einen Schuh gebeugt, en paar Holzstiftkes zwischen den Lippen, sitzen und reparieren sehen.
Der Schäng Kleinheisterkamp und der Neb waren gut Freund miteinander, wenn im Laden oben nix los, sein Gemüsetour mit dem Nachfolgegaul vom Max und der Karre, durch das Viertel fertig war, ging der Schäng das Treppchen zum Neb runter und die beiden taten sich was unterhalten. Dabei muss man sagen, dass bei dem ganze Verzell, der Neb nie die Händ in den Schoß legte. Der kloppte und leimte, schnitt die Sohlen zurecht und konnte dabei mit dem Schäng schwätze, so ging dem die Arbeit von der Hand.
Der Neb, würd man heutzutag sagen, war total assimiliert. Damals hatte man solche Worte nicht, damals genügte, der Neb war der Neb, der prima Schuhe besohlen konnt.
So war denn, wenn man so will, im Privaten in unserem kleinen Kiez alles bestens, wenn nicht, ja wenn nicht, die Schmitz das Kontrollorgan von der Schmiedestraße, mit ihre dauernde Fensterliegerei gewesen wär.
Die Schmitz, war im Grund kein böse Frau. Die war jahrelang, als dem Filialleiter seine rechte Hand, beim Konsum gewesen. Praktisch bis der Konsum zumachte, da musste sie gehen. Von der Zeit hat die das propere Gedächtnis. Als die noch in Arbeit war, gab es nix was die nicht wusste, rein gar nix. Ob du en Rest gelassen hattest, oder dein Büchsken für die Rabattmarken an sich schon voll sein müsst, die wusst alles.
Und so tat sich das in ihrem Privatleben fortsetzen. Jetzt wusste die wann du auf Arbeit gingst und wann du nach Haus kamst, oder en Stund verspätet warst, weil du noch en Bierchen gezischt hattest. Die rief rüber zu dir, bis auf die andere Seit von der Straß:
„Überstunden gemacht, Heinz?“ Oder wie derjenige hieß, dem sie da gerad auflauerte. Ich weiß, auflauern ist vielleicht ein bißchen hart, aber die ständige Beobachterei ging einem schon an der Nerv.
Auf die Art und Weise, passierte das eines Tages mit der Boltes.
Die Schmitz hat spitz gekriegt, wie der Fritz Bolte jeden Morgen um viertel vor sechs aus dem Haus ging, weil der um sechs auf der Arbeit anfangen musst. Das ist soweit ja nix aufregendes. Nur die Schmitz hatte auch mitgekriegt, das jeden Morgen das Licht bei den Boltes kurz im Klo anging, dann in der Küch und ein Moment später, kam der Fritz auch schon mit seinem Fahrrad aus der Haustür.
Da dacht die sich, aha, der Mann geht arbeite, und Madam bleibt mit der Futt im warme Bettche. Noch nicht einmal, dass sie dem en warme Kaffee und das Frühstück macht..
Das konnt sie ja nicht gemacht haben, dafür war das Licht nicht lang genug in der Küch angewese. Jedenfalls, jetzt im Winter, da war es um sechs Uhr morgens noch stockfinster. Nur eine wie die Schmitz kam auf den Trichter, morgens in aller Herrgottsfrüh am Fenster zu spinze um sich zu merken, wann die Nachbarn aufstanden, oder auch nicht, und darüber zu spintisiere.
Wenn es beim spintisiere geblieben wär. Aber da kennste die Schmitz schlecht. Die wollt natürlich alles ganz genau wissen
Und da! Da haben wir der Salat. Das Licht vom Schlafzimmer von den Boltes, wo die Frau Bolte ja ganz allein drin lag, das Schingoos, ging ganz kurz an, und wieder aus, an und wieder aus, insgesamt drei mal. So was kann leicht aus versehen passieren, aber nicht jeden Morgen, wie unser Beobachtungsposten schnell spitzkriegte. Und das hat sie in nem Schulheft festgehalten, wie das Licht 21 Tage im Monat drei mal an und ausgeknipst wurde, immer zur gleichen Zeit. Jeweils sieben Tage war Ruh, und das über der ganze Winter.
Das ist natürlich nicht alles, das Licht an und aus knipsen, und dem Mann kein Frühstück machen, ist an sich kein Sünd, wenn der Fritz sich das gefalle läßt, ist das sein Bier. Von den Lichtsignalen wusst der ja nix.
Die Schmitz dafür um so mehr. Die fing an mit dem Licht von Erna Bolte und wem noch, ist hier die Frage, wie en Katz mit nem Mäuschen das sie in den Krallen hat, zu spielen. Genau wie en Katz vorm Mauseloch, saß die jeden Morgen den Gott erschaffen hatte, an ihrem Fenster und das nicht umsonst, nicht die Schmitz.

Die kriegte nämlich schnell spitz, kaum waren seit dem Lichtsignal drei, vier Minuten vergangen, kam ein Gestalt die Straß rauf, drückte sich aber leider so eng an die Häuserseite von wo aus sie spinste, daß die dem nicht spannen konnt. Die sah in der Dunkelheit nur, wie jemand plötzlich vor der Haustür von dem Haus, in dem Boltes wohnten, auftauchte und drin war der.
Wie gesagt, mehr nicht, doch der Schmitz ließ das absolut kein Ruh. Die musst rauskriegen, wer das war!
Worauf die in Ihrer Neugier kam, da kommste nicht drauf, unvorstellbar! Deren ganzes Tun und Trachten kreiste ab sofort um den morgendlichen Schleicher. Wer wurde da et morgens per Lichtsignal, in das warme, buhlerische Wolllustlager von dem Erna Boltes gerufen.
Sicher war da auch en Portion Neid auf das Erna dabei, dass die Schmitz was ordentliches zwischen die Bein gehabt hat, war schon bald nicht mehr wahr.
Ab jetzt observierte die, die vor ihr liegende Örtlichkeit und alles was da den Tag über los war, auf das Genaueste. Das war nicht schwer, die einzige Schwierigkeit war, sie durfte ihr Wild nicht vergrämen. Auf ein Woch mehr oder weniger, kam et nicht an..
Die Erleuchtung kam mit den Aschenmännern. Jeden Mittwochnachmittag wurden die Aschentonnen geleert und standen oft noch der halbe Donnerstagmorgen vor der Tür rum, bis die reingeholt wurden.
Das war die Gelegenheit für Frau Schmitz. An nem Donnerstagmorgen, als die Tonnen wieder vor der Tür standen, hockte die in ihren ältesten Trainingsanzug und wartete, das der Fritz zur Arbeit fuhr. Dann wie der Blitz, rüber auf die andere Straßenseit und rein in eine von die Tonnen. Das Manöver hat sie in ihrem Keller mindestens zehnmal geübt, die konnte fast reinspringen in die Tonn, jedenfalls beim Üben.
Also jetzt, rüber auf die andere Seit, der Deckel von der Tonn auf, rein und den Deckel über der Kopp zugezoge, bis auf der kleine Spalt zum laure. War en blödsinnige Zerrerei, bis sie der sperrige Deckel endlich auf sich runter gezogen hatte.
Jetzt konnt et nicht mehr lang dauern und sie wußte, wer das Erna beglückte. Et dauerte trotzdem, sie merkte wie ihr die Bein einschliefen, lang konnt sie das in dem Eimer nicht aushalten. Sie zählte fünfmal bis hundert, dreimal bis fuffzig, dann ging et nicht mehr, sie musste raus.
Vorsichtig hob sie den Deckel nur soviel an, dat sie die Straß nach beide Richtungen im Aug hatte. Die Luft war rein, schnell raus aus dem Pott. Wenn dat mal so einfach gewesen wär, durch die verklemmte Stellung waren die Bein ganz taub, sie konnte die beim besten Willen nicht gerad kriegen.
Wat machen, wat mach ich bloß? fing sie am Schwitzen. Ruhig Blut! Ermahnte sie sich. Auf keinen Fall konnt sie sich in der Tonn trapiere lasse. Das wär nicht auszudenken. Das einzige war, sie versuchte die Tonn umzuwerfen und rauszukrabbele. Also hin und her zuschaukle, so gut dat in dem schmale Rohr ging. Endlich, es wurd auch höchste Zeit, fiel die Tonn um, rollte in die Gosse und blieb zum Glück hängen, und sie konnt auf allen Vieren rauskrieche.
Umgucke, hat dat jemand gesehen? Nä, die schliefen all noch, also nix wie rüber, die Tür auf, der schmierige Anzug vom Leib gerisse, in die Wäsch damit und en Stoßgebet zu die sieben Nothelfer, dat hatten die verdient.

Ja so kann et gehen, wenn man die Nas zu tief in andere Leuts Angelegenheiten steckt. Nur bei der Schmitz war das Sucht, Manie, Lebenselexier. Was sollt die auch den ganzen lieben, langen Tag tun, häckele, stricke?
Nä, das war nichts für Frau Schmitz, die braucht Aktion, Ansprache, die wollt sich mit die Leuten unterhalte, gute Ratschläge geben, ob gefragt oder nicht. Die konnt sich nicht vorstellen, dass Leute nicht erpicht auf Ihr Meinung waren. Ob Beerdigung, Kindtaufe oder Kommunion, die Schmitz hätte alles anders gemacht.
Als zum Beispiel der Theo gestorben war, posaunt die Schmitz:
„Wenn man sich vorstellt, was die in die Todesanzeige geschrieben haben, wir alle kannten doch den Theo, sind ja auch mit der Beerdigung gegange. Aber so eine abgeschmackte Todesanzeige, hat der nicht verdient. Weiß Gott nicht, der war ja praktisch bis ein Tag vor sein Tod puppenlustig!“
„Wat sagst du da ? Zu Haus war der nicht lustig? Da wird er wohl nix zu lachen gehabt haben. Ich kannt dem nur als einen fröhlichen Menschen, und wie lang hab ich den Theo gekannt? Ich bin mit dem großgeworden.“
So ging das mit der Schmitz, überall tat die ihren Senf dabei, egal was war. Das man sich damit nicht nur Freunde macht ist klar, als die ihr Informationszentrum beim Konsum eingebüßt hatte, stand die nackig in de Erbsen.
Mit der wollt so richtig, keiner was zu tun haben. Nicht das sie angefeindet worden wäre, aber die Leut dachten, Guten Tag und Guten Weg, und damit hatte et sich.
Ich glaub noch nicht mal, dass der Schmitz merkte, wie sie den Leuten auf den Wecker ging. Die war so überzeugt, von Ihrem Durchblick in allen Lebenslagen, im Traum kam die nicht auf den Gedanken, was falsch zu machen. Die wurd nicht gemieden, I wo, die war nicht mehr im Konsum. So sah das für die aus.
Das Cläre Meier war mal im Urlaub, im gleichen Hotel mit der Schmitz. Nicht verabredet, die Cläre kam an in der Woch, wo die Schmitz abreiste. Das musst du dir mal reintun, was die Cläre dir von der Schmitz und der ihre leitende Stellung bei der Konsumanstalt verzelle kann.
Also, die hat im Urlaub auch wieder jedem, ob den das interessierte oder nicht, haarklein vorgeloge wie sie, die Frau Schmitz, den Einkauf und teilweise auch die Personalabteilung vom Konsum geleitet hatte.
Im Einkauf hatte die soviel zu tun, da wusst sie oft nicht mehr wo ihr der Kopf stand. Bei wichtigen Entscheidungen in der Personalabteilung wurde sie hinzugezogen, wegen ihre unfehlbaren Menschenkenntnis, wie Herr Direktor Brückner sie immer gelobt hätte. Sie sind ein Kind aus dem Volke, Frau Schmitz, hätte der Direktor Brückner gesagt, sie durchschauen die Dinge. Wo andere wolkig sind, da sind sie klar und geradheraus.
Das Cläre hat sich, nachdem sie vom Urlaub wieder nach Haus gekommen ist, hintenrum, über ihren Schwager, der Verbindung zum Konsum hat, nach dem Direktor Brückner erkundigt. Was kam dabei raus? Einen Dir. Brückner hat et beim Konsum nie gegeben. Da siehste, wo du bei der Schmitz dran bist.
Andererseits muss man auch sehen, daß die es ja nicht leicht im Leben hatte. Ich mein jetzt deren Privatleben. Als die noch ganz jung war, ich glaub mal eben siebzehn, da hat die den Gerd Schmitz geheiratet. Nicht weil sie musste, weil was Kleines unterwegs war. Überhaupt nicht, eher ist die als Jungfrau in die Ehe gegangen. Wie das damals im Krieg so war.

Der Gerd war leicht verwundet worden, ein Oberschenkeldurchschuß und hatte Rekonvaleszenzurlaub. So hing der also zu Haus rum, bis er gesund geschrieben werden würde und wieder an die Front musste. Kanonenfutter. Heut kann man das so einfach sagen, aber damals sonn Wort, womöglich wo andere dabei waren, konnt eim der Kopp kosten. Wehrkraftzersetzung war das.
Der Gerd lernt die Grete kennen, ein paar Tag später wurd das Aufgebot bestellt und die Woch drauf, war die Grete Gorres, Grete Schmitz. War damals so, das Leben lief anders ab als heute.
Wir meinen ja heute, kaum das wir Sylvester gefeiert haben, ist schon wieder Ostern.
Die Zeit rast sagt man, oder wo ist nur der Monat, die Woch geblieben.
Hängt, wissen wir im Grund alle, mit den vielen Ablenkungen zusammen. Im Kopf immer der nächste Urlaub, wo fahren wir hin. Oder das Fernsehen und das Auto vor der Tür. Der Fußball oder die Aerobic, und und und.
Damals wie gesagt war das ganz anders. Vor Ort, also Zuhaus, lief das tägliche Leben in festen Bahnen.
Fernsehen, Auto, Spühlmaschin, überhaupt Maschinen für Zuhaus, gab et nicht. Spülen, Waschen, Saubermachen ging alles von Hand. Dabei waren die Familien größer. Drei oder vier Kinder war ganz normal, et gab keine Pille, und Pariser benutzen war Sünde.
Obwohl nach dem dritten oder vierten Kind, wurde auch damals schon verhütet, da konnt der Pastor predigen, soviel er wollte.
Meine beiden Großmütter, väterlicher und mütterlicherseits, haben zusammen zwanzig Kinder auf die Welt gebracht, die Eine elf und die Andere neun. Die haben noch mehr auf der Pastor gehört, als ihre Kinder das später taten.
Aber das Leben von den neugebackenen Schmitzens, ist weil Krieg war, mit nichts von heute zu vergleichen.
Der Rekonvaleszent Gerd wusste, noch eine, oder zwei Wochen, dann ging es wieder in das Schützenloch, Nacht Mattes. Hing ganz von dem Oberstabsarzt ab, zu dem er jede Woche zur Untersuchung musste.
Der Gerd und sein junge Frau, lagen zusammen im Bett. Die hatten kaum Zeit gehabt, sich an der gegenseitige Geruch zu gewöhnen. Wie sollten die Freud an einander entwickeln, wenn beiden klar war, die Not, die Notzeit hatte sie zueinander getrieben.
Wenn auch das Leben in seinen Alltäglichkeiten gemächlich ablief, der Tod war in allen Familien ständig anwesend. Nicht das drüber gesprochen wurde. Dafür war er zu nah. Nur wenn der Briefträger klingelte, ein Brief in den Kasten fiel, konnt seine Nähe unerträglich werden.
Die hatten auch keine Ahnung, von den heute so wohlfeilen Anleitungen für ein befriedigendes Sexualleben. Die lagen in den Ehebetten der Eltern, die ihr Schlafzimmer für die Frischvermählten geräumt hatten. Die Arme umeinander geschlungen, hoffte Jedes für sich, es würde schon irgendwie in die Reihe kommen, mit ihrer Hochzeitsnacht.
Nach ner langen Zeit fragte die Grete, hast du schon mal mit einer Frau? Und er, ja in Polen einmal, da wo Soldaten hingehen.
Aber das war nicht so wie mit dir, so im Arm liegen und küssen. Da sagte die Grete, du hast mich aber noch gar nicht geküsst. Und er, hab ich nicht? Dann aber jetzt, und er legte seine Lippen ganz behutsam auf die Grete. Weil es so dunkel war im Zimmer, traf er nicht ihren Mund, sein Kuss landete auf ihrer Nase. Sie flüsterte tiefer, der Mund ist tiefer, da rutschte er von der Nase runter auf ihre Lippen. Das kleine Lachen von seiner Frau, als er von ihrer Nase tiefer rutschte mit seinem Kuss, löste die Spannung. Während er sie küsste, und küsste, und küsste, fühlte er wie sein Leib ganz von selbst, sich an die Grete drückte, die Grete im entgegenkam, ein Bein um ihn schlang, ihre Umarmung sich selbstständig machte und alles was vorher so unmöglich schien, wie von selbst ging.
Das Unvermeidliche trat ein, der Stabsarzt schrieb fronttauglich. Gerd erzählte ihm, verlegen zuerst, aber dann um Verlängerung seines so unerwarteten Glücks bittend, die Geschichte seiner Liebe. Der Stabsarzt drückte zwei weitere Wochen ein Auge zu, wohl auch weil dieser junge glückliche Mensch, in Wahrheit ein Delinquent war.
Als sie dann auf dem Bahnsteig standen, die Grete und der Gerd, zusammen mit vielen anderen Soldaten und deren Frauen, half Ihnen die Anwesenheit der vielen Fremden mit dem gleichen Schicksal, über die aufsteigende Verzweiflung hinweg. Ja es kam so etwas wie eine euphorische Fröhlichkeit auf, die sich von der verzweifelten Hoffnung nährte, alles würde gut werden.
Als der Zug anfuhr, behielt Grete ganz fest, den winkenden Arm ihres ersten und einzigen Liebhabers im Auge, bis der mit den vielen winkenden Armen der Anderen, einzigen und einmaligen Liebhaber verschmolzen, in der Ferne verschwand.
Sie ging nach Hause und nahm sich ganz fest vor, nie, wirklich nie, so die Fassung zu verlieren, wie sie das bei vielen der am Bahnsteig zurückbleibenden Frauen, zu sehen bekommen hatte. Unbekannt war ihr, der so jung Verliebten, so erstmals vom Fittich der Liebe gestreiften, wie viele Abschiede die fassungslosen Frauen auf dem Bahnsteig schon durchlitten haben mochten, wie mit jedem Abschied die Wahrscheinlichkeit eines Wiedersehns geringer wurde.
Die Wochen vergingen, mit ihnen die direkte Erinnerung an ihren Mann, so sagte sie: Mein Mann.
Das Handtuch mit dem er sich zuletzt abgetrocknet hatte, wanderte ebenso in die Wäsche wie sein Unterzeug, aus dem sie in der ersten Einsamkeit, seinen Duft solange zu schnuppern versucht hatte, bis auch der vergangen war.
In ihrem Inneren aber war sie Grete Schmitz geworden. Da drinnen assimilierte sie ihren Gerd, mit all den Fasern der Erinnerung, die sie lebendig halten konnte. Alles was sie tat und dachte, geschah vor dem immer lebendiger, in ihr wachsenden Bild ihres Geliebten.
In den Nächten lag sie in seinen Armen, erlebte wieder und wieder die Höhepunkte ihres kurzen Glücks. Gleichzeitig erwachte in ihr, die genaue, ja pedantische Bewahrerin, aller mit Gerd erlebten Momente. Jede Regung, jeder Stimmungswechsel, jedes Hoch und Tief, ausgedrückt in der Helligkeit seines Lächelns, oder versteckt in den Winkeln seiner Augen, war präsent, konnte abgerufen, vor ihrer lebendigen Vorstellung Realität werden.
So ging sie, ihren Geliebten fest an der Hand, durch das alltägliche grau ihres Lebens, widerstand der niederdrückenden Trostlosigkeit der Umstände, mit fast heiterer Gelassenheit.
Dass der Fall, den alle fürchteten und voraussahen, eintreten könnte, war auch Grete klar. Nur fürchtete sie den Briefträger nicht, noch freute sie sich, auf ein immer wochenaltes, sogenanntes Lebenszeichen aus dem Felde.
Ihre Mutter, für die ihre Gelassenheit unverständlich, wenn nicht unheimlich war, fragte sie:
„Freut es dich nicht ein klein bisschen, wenn en Feldpostkart von ihm kommt?“
„Doch,“ antwortete die Grete, „sicher, freuen schon. Aber das ist er doch nicht. Nicht meiner, der hier drinnen,“ und sie deutete auf ihre Brust.
„Ja aber Kind,“ sagt die Mutter, und versuchte im Blick ihrer Tochter das kleine Mädchen wiederzufinden, das sie noch vor drei Monaten gewesen war.
„Ach Mama, lass mal,“ sagte die, „wird schon alles werden, und ich bin gut aufgehoben.“
„Ja Kind, darauf kannst du dich verlassen, bei uns bist du immer Zuhaus.“
„Ich weiß,“ sagte die Grete.
Die Mama sah ihr nach, fühlte plötzlich ein ziehen in der Brust, ganz nahe beim Herzen. Ihre Tochter hatte sich von ihr gelöst. Das war nicht nur Schmerz, sondern auch Erleichterung. Die war flügge geworden, die hatte das warme, gluckige Nest verlassen, die flog. Gleichzeitig kroch die Angst in ihr hoch und würgte die Freude, flieg, betete sie leise für sich, flieg und bitte stürz nicht ab.
Was die Grete anging, oder ab jetzt Schmitz, Schmitz, wie sie sich nach Erhalt der Nachricht vom Ende des Märchens, vom Ende der Vorstellung, des Traums, nannte. Ausgeträumt, aus, vorbei, weg, kapput.
Ohne Erklärung, ohne das geringste Einfühlen in das ihr Angetane,
herabgestoßen vom vorher nie Geahnten, nie für möglich Gehaltenen, jubelnden, dabei im Inneren völlig still schreienden, brausenden Gefühlssturm.
Sie wusste ohne zu wissen, zu weit gegangen, versündigt, überzogen.
Stand mir das zu? Hab ich den Gerd ins Verderben gestürzt? Der Gerd, der tot ist, hat der jemals gelebt?
War er der in ihrem Bett, jeden Abend in ihrem Bett, den sie an sich gespannt, in sich gerammt, gepflanzt, immer wieder und wieder erkannte? War diese Wollust, dieses ihren Körper zerreißende Beben, Abbild der Nächte mit ihm?
War da nicht etwas Unbekanntes, aus Tiefen hochgespültes, ihrer habhaft geworden? Erst sie in den Nächten mit Gerd Frau werden lassend und jetzt hochbrechend, die Frau mit kaltem Feuer formend, zu alles einreißender, auf immer selbstgenügsamer, unstillbarer Begierde.
All dies fühlte sie, die zum Befremden ihrer Leute, Mutter, Vater, Tante, nicht trauerte, jedenfalls kein Zeichen von Trauer zeigte. Hätte sie geweint, geschrieen, Gott verklagt. Hätt man zu aller Erleichterung mitschreien, mitklagen können.
Sie ermahnen, Kind vergeh dich nicht, sich so vom dumpfen Druck des Unheils entlasten.
Doch sie, Grete Schmitz, gab den Takt vor, nach dem gelebt wurde.
Als die Mutter versuchte ihr näher zu kommen, sie fragte, Gretchen willst du dich nicht mal richtig ausweinen bei......
Schnitt sie ihr das Wort ab, Gretchen ist nicht, ab jetzt Schmitz, einfach Schmitz.
Aber Gretchen, ich bin doch deine Mutter?
Schluß jetzt, endgültig Schluß mit Gretchen! Ich bin Schmitz für alle einfach Schmitz, und wenn ihr euch das nicht merken könnt, geh ich!
Wie gehst du? Und wohin?
Ins Freudenhaus wohin schon, da kommen junge Frauen immer unter.

Das hatte sie einfach so hingesagt, mit dem Freudenhaus. Wie das gekommen war, konnte sie sich nicht erklären. Freudenhaus. Kompletter Blödsinn. Nie im Leben, hatte sie das Wort auch nur in den Mund genommen. Kaum das sie um den Sinn, der Einrichtung Freudenhaus wusste, oder nur, was man hinter vorgehaltener Hand erzählte, von den gestrandeten Mädchen, die dort endeten. Da war nichts, was mit dem Tun in einem Freudenhaus zusammenhing. Sicher, ging es ihr durch den Kopf, da gingen Männer hin, die keine Frau hatten. Wie ihr der Gerd, in der Hochzeitsnacht erzählt hatte, er sei da einmal bei Frauen gewesen, wo Soldaten hingingen.
Aber warum sie der Mutter, das mit dem Freudenhaus so hingeworfen hatte, keine Ahnung. Möglich wegen der ewigen Gängelei und Bemutterung, die die Mama drauf hatte. Ist ja auch verständlich. Die machte sich Sorgen, mit der jungen Kriegerwitwe im Haus.
Nur sie machte sich keine Sorgen. Sorgen haben immer mit Zukunft zu tun, Zukunft hatte sie keine. Wenigstens im Moment nicht. Was kommen würde, wenn der Krieg aus war, niemand wusste das
Der Gerd war tot. Das stand fest. Leid, Herzeleid wie die Mama das nennt, hatte sie, beim besten Willen nicht. Ich hab den Mann ja nicht richtig gehabt, so als Person sagte sie sich. Vor der Heirat, kannte sie den Gerd vom Sehen. Dann die Heirat, vier Flitterwochen und aus.
Vier Wochen nur zum Essen und für das Nötigste aus dem Bett, ist jetzt für mich eine nicht enden wollende Umarmung, wohl weil es das war.
Alles was wir von einander hatten, war der Geschmack unserer Lippen. Der Geruch von Schweiß, der eins ist mit der Lust. Die Lust war seine Haut, die Haare in seinen Achseln, auf der Brust, die in schmalem Strom den Bauch hinunterfloßen, in krausem Gewöll, Sack und Schwanz umflockten.
Sein Schwanz unerbittlich schwellend, tief und stark in mir ankernd, mich heraustreibend aus meiner Haut, mich neben mich stellend, um dann in langem, schnarrenden Seufzer zusammenzubrechen, zu kleiner lustiger Pelle.
Ob Gerd Schwanz war, oder Schwanz Gerd, ist Jacke wie Hose. Ist auch nicht unterschieden in meiner Erinnerung. Einer Erinnerung die keine ist, sondern lebendiges Jetzt. Mich überschwemmend zuckender Kitzel, tief innen im Bauch, in den Falten meiner Scham. Kaum den Abend, das Bett erwarten könnend, lauf ich herum, mir immer und immer wieder halbwegs Entlastung verschaffend, durch an der Grenze des Krampfes balancierendes, pressen der Schenkel. Nachts dann, in Umarmung mit mir, zwei Wesen in Einem. Wie fest gesponnen ist dieser Konkon, wie reich bestückt mit immer neuen Augenblicken, wie variabel die Düfte, wie lang noch tasten die Kuppen meiner Finger, ihn und mich als zwei Wesen? Wie oft noch katalputiert uns die Wucht der Entladung, in kaum erträgliche, orgiastische Lust.
Oder ist die Grenze schon erreicht, schiebt aus dem Grau der Wirklichkeit, des Glückes Ende auf mich zu? Wie erschaffen, wie ausgekleidet mit Erinnerungs und Imaginationskorpuskeln ist ein Speicher, um wieder und wieder, Vorstellung in Echtleben zu verwandeln.
So denkend oder Freudenhaus, Trauer, Mutterschmerz und das da Draußen, mit aller Anstrengung, der wilden, prallen, unbewußten Kraft, der mal eben hier ankommenden Frau, formt sie sich, wird Mensch, und fragt nicht woher.

Die hatten ein Einsehen, die sieben Nothelfer. Niemand hatte die Schmitz gesehen. Nicht wie sie aus der Aschentonn gekrochen kam, noch wie sie höchst merkwürdig bekleidet, fast auf allen Vieren über die Straße in ihr Wohnung huschte.
Da lag sie nun auf ihrem Sofa und malte sich aus, wenn jemand......, nicht auszudenken.
Nur weiter war sie nicht gekommen. Ich muß das anders anfangen, wusste sie. Ich weiß, da geht was vor. Die Lichtsignale und der Huscher den ich noch nicht kenn, noch nicht, zeigen es. So wie ich mir das vorstell, läuft es ab. Nur beim Trapieren, muss ich mich geschickter anstellen, darf nicht in meine eigene Fall laufen.
Erst mal en leckere Tasse Kaffee und en Zigarettchen, dann in aller Ruhe überlegen. Wär doch gelacht, wenn mir nix einfalle tät.
Aber nä, wat ist nur los mit mir, zu allererst mal unter die Dusch, der Schweiß und der Geruch, sie schnuppert, riech ich? Ist auch egal, so richtig schön abseife und das Wasser runterprassele lasse, das macht der Kopp klar.
Eine Stunde, zwei Kaffee und ein paar Zigarettchen später, sitzt sie am Fenster, das eine Aug so halb auf die Straß da unten, das Andere zusammengekniffen, den Rauchschlieren folgend, denkt sie nach. Nicht bewusst, nur wohlfühlen und so wat recken und räckele.
Meist ist das viel besser als denken. Dabei geht eim ja doch nur alles Mögliche und Unmögliche im Kopp rum. Die beste Gedanke kommen von selbst. Nur lassen muss man die, keine unnötigen Barrieren aufrichten. Man lernt ja auch heutzutag im Schlaf Fremdsprachen, stand jedenfalls in einer Reklame, die sie mal irgendwo gelesen hatte. War das nicht auf Mallorca? Wär schön wenn man spanisch könnt und das im Schlaf gelernt hätt.
Könnt eim das Gesochs der Nachen deue, auf das man ja wegen der Sprache angewiesen ist. Habla espagnol, die Schmitz spricht fließend spanisch, dat wär et.

Braucht ja nicht unbedingt jemand aus der Nachbarschaft, der Wohltäter von der Erna Bolten sein, sinniert sie.
Andererseits, warum dann die Heimlichtuerei. Ein Fremder brauchte doch nicht zu husche, dadurch wird der ja erst aufällig. Also wohl doch jemand den man kennt. Aber wer? Wer von den Männern die ich kenn, ist alleinstehend?
Sie lehnt sich im Sessel zurück, drückt die Zigarette aus und ließ alles wat en Bux an hat und in Frage kommen könnt, vor ihrem geistigen Auge defilieren. War gar nicht so einfach wer da alles in Frag kam. Kam ihr jetzt erst so richtig zu Bewußtsein, wieviel Kerle ohne Frau, direkt vor ihrer Nas rumhingen.
Hatte sie da en Fehler gemacht? Da wär doch sicher der eine oder andere, auch für sie infrage gekommen. Wie lang leb ich schon allein, rechnete sie, 25 Jahre waren das im März. An sich leb ich schon immer allein. Die vier Woche Kriegsbraut, kann man nicht rechnen, sich jetzt noch an ne fremde Mann gewöhnen, nie im Leben.
Die Sache mit dem Sex hatte sie im Griff. Mein Ritual nannte sie das. Ihr ganz privates immer noch frisches, wenn auch mit den Jahren verändertes Traumschiff.
Wer ist denn ganz besonders nett, dass sich das Erna so in den vergaffen konnte, um das Risiko auf sich zu nehmen, den in die Wohnung komme zu lassen?
Der brauchte ja kein Adonis zu sein, nur nicht sonn aufgeblasene Hahn, wie die meisten Männer. Wer war so? Sie überlegte, grub und schürfte, aber auf Anhieb wollte ihr keiner einfallen. Obwohl, das Gefühl ließ ihr kein Ruh, ich hab ihn auf der Zung, ich könnt et so sagen. Verdammt nix, black out.
Hilft nix, ich weiß et nicht, ich muß vort Loch, was anderes sehen, vielleicht hab ich en Inspiration. Was zieh ich an? So selten wie ich Teita geh, da wird man richtig ungelenk, was das anziehen angeht. Da muss man aufpasse, dat man sich nicht zum Krüppel schmückt. Also der Kleiderschrank ist so was von voll und alles der chic von vorgestern, also wenn die nächste Altkleidersammlung kommt, wird aufgeräumt. Da taugt nix mehr. Das einzige sind die Blusen und Hosen. Da kannste nix falsch machen. Ist zwar keine dernier kri, oder wie dat heißt, aber sieht wenigstens proper aus.
Zum Friseur müsst ich auch mal wieder. Passt gut, Friseur, Schaufensterbummel und die Augen offen halten. Ist im Moment ja Ausverkauf, da find ich sicher den einen oder anderen Fummel. Jet schruze macht auch Laune und mein Problem löst sich vielleicht von selbst.
Als sie die Tür abschließen will, fällt ihr noch ein: Die Pumps, muss wat hochhackiges anhaben, wenn ich ein Kleid anprobier. Zurück die Pumps rausgesucht, verdammt die Absätz total schief, die kann ich dann auf einem Weg beim Neb abgeben, nach dem Schruze.
Endlich zieht sie die Tür hinter sich zu, noch ein Momentchen; hab ich alles? Dann mal los.

Sie bummelt durch das Viertel, bleibt vor den Schaufenstern stehen, findet was schön, dann wieder nicht, steht vor dem Friseursalon, geht schnell rein.
„Kann ich heute noch einen Termin haben? Schneiden und legen? In ner Stund, prima das passt gut, abgemacht in ner Stund bin ich zurück.“ Läuft wie am Schnürchen, macht richtig Freud mal unter Leut zu sein.
Hinter ihr, „Tag, Frau Schmitz! Das ist aber en Ewigkeit her, dass ich sie gesehen hab, waren sie krank?“ „Nä Frau Gruhn, ich war länger verreist.“ „Ach so verreist waren sie. Nennt man dat jetzt so? Zu gönne isset Ihnen, waren ja lang genug allein.“
„Schö Frau Gruhn, ich muss weiter, hab noch allerhand zu erledigen.“
„Ja machen Sie mal, und alles Gute für die Zukunft, ich halt Ihnen der Daumen.“
Verdammte alte Hex, denkt die Schmitz, blödes Schandmaul. Nur nicht die schöne Laune verderben lasse. Da war doch en Fummel der mit gefiel, grad bevor die Gruhn kam. Da hängt er ja im Fenster 95.- Mark, geht doch, wenn der jetzt auch noch passt. „Kann ich das Kleid aus dem Fenster mal sehen?“ „Aber selbstverständlich, Größe 42, paßt Ihnen wie angegossen, die Farbe, wie für Ihren Teint geschaffen.“
Die Pumps angezogen, das Kleid übergeworfen, vor dem Spiegel paradiert. Stimmt, sitzt wie angegossen, und das mit den Farben stimmt auch.. Teint, wie für Ihren Teint geschaffen, die Modefritzen haben et drauf. „Ich nehm das Kleid.“ „Halten Sie es direkt an?“ „Nein, packen Sie es mir ein.“ „ DM 95.- bitte. Danke schön und beehren Sie uns bald wieder.“
Die Stund ist rum, zum Friseur, danach sehen wir weiter.
Als sie beim Friseur rauskommt, hatte sie ein Gefühl so richtig zum Singen. Das schöne Wetter, in der Tüt das schicke Kleid, ein proper Frisürchen, macht sie zehn Jahr jünger, Frau Schmitz, hat die Frisöse geflötet, dafür ein schön Trinkgeld kassiert. Ja was jetzt noch? Die Schuh, nach der Neb, dass der die Absätz gerade macht.
Als sie zu dem Neb ins Souterrain runtersteigt, ruft der ihr schon entgegen:
„Frau Schmitz, bitte klein Moment auf Werkstatt aufpassen, Neb sofort wieder zurück!“ Und schon springt er auf, und sie sieht ihn nur noch wieselflink, über die Straß huschen.
Wieselflink husche, in dem Moment geht ihr der Knopp auf. Der is et. Der Neb bewegt sich so, genau wie ihr großer Unbekannter. Den Neb, hat sie oft genug hinter der Elektrischen herrennen sehen, weil der nie pünktlich sein konnt. Da gab es ja welche, die kamen zehn Minuten zu früh. Nicht der Neb, der musst immer rennen, wenn er mitgenommen werden wollt.
Der Neb also, der war et. Eigentlich schad, sie konnt sich nicht richtig freuen, den Neb enttarnt zu haben. Dem war es zu gönnen, das ewige Junggesellendasein, kann nem gesunden Kerl schon auf der Keks gehen. Aber warum ausgerechnet das Erna? En Schönheit war die weiß Gott nicht, und dazu noch verheiratet. An sich hieß das, dass Schicksal herausfordern. Aber wo die Liebe hinfällt, da bleibt sie kleben.
Da kommt er schon zurück.
„Danke das Sie aufgepasst haben, Frau Schmitz.“
„Keine Ursache, Neb. Ich hät gern die Absätz von mein Pumps gerichtet.“
„Mach ich sofort, können sie drauf warten.“
„Oh schön, das ist gut.“
„Nehmen Sie ein Moment Platz.“
„Danke, Neb.“
Wie bring ich ihm nur bei, das ich alles weiß, aber schweigen werde? Mit der Tür ins Haus fallen, geht nicht. Ne zarte Andeutung, doch wie?
Anständig wär einfach nix zu sagen, den Dingen ihren Lauf lassen. Doch kann ich dat? Bin ich dazu im Stand? Klatsch ich es dann nicht jemand Anderem? Warum muss et der Neb sein, verdammt nochmal. Bisher ist noch nichts bewiesen. Als Indiz dient nur dem Neb sein Gang, ich könnt auch glatt daneben liegen.
Wenn das wahr wär, wär et doppelt schad, denn um das Erna tät et mir nicht leid. Das schnippische Ding, dem tät ich das hochnäsige Köppche, mal gerne ordentlich in der Dreck deue. Wie krieg ich das geregelt, da sollt mir rasch was einfallen, sonn günstige Gelegenheit, kommt so schnell nicht wieder.
Der Lichtschalter, ich sitz ja direkt unterm Lichtschalter, dat is et, an aus, an aus, an aus, an aus!
Der Neb: „Was machen Sie mit dem Licht, Frau Schmitz, lassen Sie das, sonst wird das nix mit die Absätz.“
„Entschuldigung, mir kam nur sonn Gedanke, Neb. Sonn morgendlich Erinnerung.“
„Was soll das heißen, morgendlich Erinnerung?“
„Nur so Neb, nur so.“
„Hat das mit mir zu tun?“
„Ja etwa nicht?“ Jetzt war et raus, jetzt musst der was sagen, hat sich ja auch besonders dusselig angestellt.
Der klopft und schneidet weiter, so fertig.
„Das ging ja wirklich schnell, was macht et?“ „12.50 bitte.“ „Hier sind 20 Mark.“
„Und 7.50 retour, ich danke schön.“
Dat war et. Doch nicht so blöd der Neb. Was blieb ihr anderes übrig, als der Rückzug. Verdammt noch eins, wat en Schlaumeier. Was mach ich jetzt, das muss gut überlegt sein, nicht dat die mich als Klatschbas durch der Wolf drehen. Obwohl was hab ich gesagt? Nix, gar nix. Und wenn wer sich was anzieht, um so besser. Da kann dann nur ein schlecht Gewissen hinterstecken. Also erst einmal in Deckung, mal sehen was kommt. Das Pulver trocken halten
Kaum ist die Schmitz weg, hängt der Neb schon am Telefon. „Schäng, bist du dran?“
„Ja, wer denn sonst.“
„Kannst du mal ein Moment runter kommen?“
„Is et eilig?“
„Ja sehr.“
Ein Minut später ist der Schäng bei ihm.
„Setz dich, Schäng. Eben war die Schmitz, die Schlang, hier. Hat sich die Absätz machen lassen.“
„Ja und? darf se dat nich?“
„Nu hör erst mal zu. Guck mal hier de Lichtschalter, da ist die dran gegangen und hat den an und aus, an und aus, gemacht. Als ich sie gefragt hab, was machen sie denn da? sagt die, das wär sonne morgendliche Erinnerung. Ich hab dann gesagt, was hat das mit mir zu tun, oder so ähnlich. Da meinte die nur, etwa nicht?“
„Wat hast du geantwortet?“
„Nix, Schäng, nix hab ich gesagt, nix gemeint, kein Gesicht verzogen, ich hab getan, als ob nix wär. Hab gesagt, was die Absätz kosten. Sie hat bezahlt und ist abgezogen.“
„Wunderbar, gut gemacht, die erste Runde ist an dich gegangen. Nur keine Fehler jetzt. Die morgendlichen Besuche bei der Erna, erst mal Schluss damit. Den Blödsinn mit den Lichtsignalen, sonn romantische Quatsch, wo et doch en Telefon gibt, mal erst weitermache. Die Schmitz, kann ich mir herrlich vorstellen, wie die sich morgens die Augen aus der Kopp guckt. Erwartet du kommst und du kommst nicht.“
„Die kann mich nicht erkannt haben, Schäng. Mein Gesicht hat die nie zu sehen bekommen, und wenn die sich mir in den Weg gestellt hätte, konnt sie mich nicht erkennen.“
„Hast du dich vermummt?“ „Ja, ich hab eine große dunkle Sonnenbrille auf und Vollbart vorgehängt, wenn ich Erna besuch.“
„Egal, erkannt muss sie dich haben, oder sie hat eine ganz sichere Vermutung und hat kombiniert, wollt mit dem Lichtmanöver auf der Busch kloppe. Aber das ist ihr gründlich misslungen. Schön wär, wir könnten der en Wechselbalg unterschieben.“
„Ein Wechselbalg? Was ist das?“
„Was ganz, ganz Schönes, womit sich die Schlang herrlich vorführen ließ.“
„Erklär mir mal, ich versteh nicht. Schäng ich hab Angst, dass die zu Ernas Mann geht und erzählt.“
„Was soll die denn erzählen? Die weiß doch nix! Die ist doch nur auf vage Vermutungen angewiesen.“
„Aber Erna hat auch Angst, wenn Mann fragt, tut als wüsste er und kommt mit Lichtsignal?“
„Ruf Erna an, erklär ihr Lichtsignal muss weiter gehen, Neb kommt erst mal nicht. Erzähl ihr, wie die Schmitz auf den Busch kloppen wollt, und du die abgebügelt hast.“
„Und was ist mit Lichtsignal? Was soll sie sagen, wenn Mann fragt warum Lichtsignal?“
„Abstreiten, gibt und gab kein Lichtsignal. Hat doch nur die Schlang gesehen.“
„Aber wenn Lichtsignal weiterkommt, Frau Schmitz ihm erzählt, und er sieht Signal?“
„Hast du recht Neb, abstreite bringt nichts. Lass mal überlege. Vielleicht geht dat ganz einfach so, die Erna sagt dem heut Abend, wenn du morgens zur Arbeit fährst, guckst du dich nie noch mal um.“
„Der wird Erna auslachen, du schläfst doch noch wenn ich weggehe, wird er sagen, warum soll ich mich da umgucken?“
„Neb, dann muß die Erna dem antworten: Ich schlaf nicht, ich guck dir nach, wink dir immer mit dem Licht, aber nicht einmal, das du dich umguckst. Früher war das mal anders. Das muss die dem sagen und ihm natürlich auch nachgucken, wenigstens die nächsten 14 Tag. Wenn das so abläuft, hat die Schmitz nix mehr zu melde und bleibt doch scharf hinter dein Erna her, weil sie meint, das mit dir, war ein Schuß im Ofen.“
„Ja, ja Schäng, Plan ist gut, aber nicht für mich und nicht für Erna. Erna und ich wir lieben uns. Erna kann nicht Liebe, ihrem Mann vorheucheln. Ich kann Erna so eine Empfehlung nicht geben. Erna würde das nicht verstehen. Sie wollte mit ihrem Mann sprechen und sagen ist aus. Nur ich sollte da vorerst nicht vorkommen. Erna meint das sei besser. Erna meint ihr Mann sei zuerst zu allem fähig, aber würd sich später beruhigen, wenn sicher er keine Hörner. Hörner, sagt Erna, sehr gefährlich für mich.“
„Ja lieber Neb, das ist ja alles so richtig, aber dann müsst ihr erst recht schauspielere. Wenn die Schmitz spitz kriegt, das es aus ist mit dem Erna und ihrem Mann, dann gibt es für die kein halten mehr. Dann bringt die ihr Story unter die Leut, da kannste Gift draufnehmen.Tu was ich dir sag, und sprich mit dem Erna. Oder wenn du das nicht kannst, dann sprech ich mit ihr.
Im Moment müsst ihr auf der Hut sein, sollt der Fritz dahinter kommen, dass du den gehörnt hast, wird das kritisch. Der Fritz ist wer im Fußballverein, der war noch vor fünf Jahr ein super Spieler, et gibt keinen hier, der den nicht kennt. Und im Schützenverein ist er auch noch, ich glaub dieses Jahr steht der mit dem Erna am Thron. Ein Trennung, auch Scheidung verkraftet der, der hat ja früher auch nicht reingespuckt, findet sicher en neue Frau. Aber wenn du, als Muselmann wat du ja nun mal bist, dem gehörnt hast, fliegen hier die Fetzen.
Also hör auf mich, volle Deckung. Auch was ich eben gesagt hab, die Schmitz vorführe, vergiss et. Jetzt gilt Schaden begrenzen. Das Licht noch ein Woch morgens signalisiere lasse und Schluß. Als Ablenkung muss das genügen. Wenn ihr sofort damit aufhört, macht das bei der Schmitz bingo, die glaubt dann das Manöver in deiner Werkstatt hat gezogen. So lasst ihr deren Interesse langsam erkalten. Wenn sich Morgen für Morgen, nix mehr tut, wird der das langweilig, und die sucht sich ein ander Vergnügen. Früher bei der KP nannten wir das Desorientierung.“

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