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Leselupe.de > Science Fiction
Eine Seele von Robot
Eingestellt am 19. 07. 2005 17:07


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JuDschey
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jun 2005

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Eine Seele von Robot


"Sie haben mich gerufen, Meister."
"Verdammte Blechb├╝chse! Wo warst du so lange?", fragte Edgar Biermann aus seinem Bett heraus. Er war fett geworden. Fett, tr├Ąge, gelangweilt und gereizt, so wie alle Menschen, die sich Robots leisten konnten. Die Blechb├╝chse, eigentlich R-B-M3-437982, die aber von Edgar nie einen richtigen Namen erhalten hatte, au├čer Diener, Butler, Sklave oder neuerdings Blechb├╝chse, schloss hinter sich die T├╝r und bewegte sich langsam und untert├Ąnig in Richtung Edgars riesigem Rundbett, in dem er sich noch vor f├╝nf Jahren am Wochenende mit drei bis sieben Damen gleichzeitig vergn├╝gt hatte.
"Entschuldigung Meister. Ich war in der K├╝che. Habe f├╝r sie gekocht. Da kann ich nicht sofort weglaufen, wenn die K├Âstlichkeiten in der Pfanne brutzeln."
"Da! Da! H├Ârst du sie?", fragte Edgar mit puterrotem Gesicht und deutete energisch, geradezu vernichtend in Richtung Fenster. "Da ist das Mistvieh! Und gleich dreht es wieder eine Runde und wird mich ├Ąrgern! Mach's tot! Mach tot die Schei├čfliege!"
Der Robot hatte die kleine Fliege schon l├Ąngst geh├Ârt und gesehen, trotzdem winkelte er einen seiner chromgl├Ąnzenden Arme an, legte seine skelettartige Metallhand ├╝ber die irisierenden gr├╝nen Linsen seines Metallsch├Ądels, drehte ihn von einer Richtung in die andere und wieder zur├╝ck. "Meister, es tut mir leid, ich kann keine Fliege entdecken", kam es mit einer freundlichen M├Ąnnerstimme aus dem kleinen Lautsprecher, den man sich mit viel Fantasie auch als eine Art Mund vorstellen konnte.
Edgar rollte in seinem blaugestreiften Bademantel von einer Seite auf die andere, aber er war zu schlapp, um seine unmenschlichen Massen aufzurichten. "Du verfluchter Schrotthaufen", kreischte er, "ihr Schei├črobots k├Ânnt links und rechts vom Spektrum h├Âren und sehen und da willst du Metall-Bastard aus einer Fabrik mir weismachen, du k├Ânntest diese Mistfliege nicht finden? Ich sag dir was: Mach die Schei├čfliege kaputt oder ich lasse dich abholen. Schrottpresse bedeutet das, falls es dir nicht klar ist. Na, wie gef├Ąllt dir das?" Dann sagte Edgar noch einmal, die Buchstaben gen├╝sslich dehnend: "S c h r o t t p r e s s e."
"Meister! Ich mache alles f├╝r sie. Ich ziehe sie aus und ich ziehe sie wieder an. Ich wasche sie. Ich f├╝ttere sie. Ich trag sie aufs Klo und wieder in ihr Bett. Ich halte Haus und Garten sauber. Ja, ich mache sogar ihre Arbeit in ihrer Firma f├╝r sie. Sie haben mit nichts mehr eine Last. Sie befehlen und ich mache. Daf├╝r hat man mich gebaut. Daf├╝r haben sie mich erworben. Aber eine Fliege, Meister, eine Fliege, die kann ich nun wirklich nicht f├╝r sie umbringen. Es ist mir ein R├Ątsel, wie das kleine Tier ├╝berhaupt hier hineingekommen ist."
Edgar stemmte seine st├Ąmmigen Fettarme ins Bett und st├Âhnte, w├Ąhrend ihm der Schwei├č in Str├Âmen ├╝ber sein wutverzerrtes Gesicht hinunterlief. Doch all seine M├╝he blieb ergebnislos. Er war zu fett, seine Muskeln zu sehr degeneriert, als das sein Wille noch irgendeine Macht ├╝ber seinen K├Ârper hatte.
"Meister, ich empfange gerade einen Anruf von ihrem Zentralrechner in der Firma. Ich muss mich auf den Weg machen. Es gibt offensichtlich ein Problem mit einem Kunden."
"Du bleibst hier. Du gehst hier nicht eher raus, bis du diese verdammte Fliege erledigt hast!"
Der Robot drehte seine gr├╝n funkelnden Augen zur Fliege. Sie sa├č ganz still auf der Fensterbank. Vielleicht war sie zu ersch├Âpft, um noch weiter sinnlos gegen die Scheibe fliegen zu k├Ânnen.
"Ich werde das Fenster aufmachen. Dann fliegt sie raus."
"Untersteh dich, du Schrotthaufen! Das Fenster bleibt zu. Willst du, dass ich krank werde? Du wei├čt doch, dass die Welt da drau├čen voller Viren, Bakterien und Giften ist, oder nicht?"
Im Bruchteil einer Nanosekunde hatte sich der Robot ├╝ber das hyperdigitale R-Netz die Messergebnisse vom vollrobotisierten Umweltamt erfragt. "Meister, das einzige, was drau├čen vor dem Fenster in der Luft ist, sind Pollen. Keine Spur von gesundheitssch├Ądlichen Giften."
Edgar schrie: "Pollen! Pollen! Da kriege ich Heuschnupfen. Verdammter Robot, wirst du jetzt gehorchen und endlich diese verflixte Fliege erledigen. Sonst schei├čt sie noch irgendwohin und wer wei├č, was da alles f├╝r Keime und krankmachende Bakterien in ihrer Schei├če sind."
Aber die Maschine lie├č sich nicht beirren. "Meister, ich sollte mich schleunigst auf den Weg machen. Einer unserer Verk├Ąufer-Robots soll einen Kunden beleidigt haben."
Edgar fasste sich an seine Brust. Sein Herz hatte sich pl├Âtzlich zusammen gekrampft. "Einer meiner Robots hat einen Menschen beleidigt? Um Gotteswillen. Wenn das an die Presse kommt. Um Himmelswillen, wer wird dann noch bei mir einkaufen? Wie konnte denn das nur passieren?"
Der Robot sch├╝ttelte seinen kugelf├Ârmigen Metallsch├Ądel. "Ich wei├č es nicht."
Mit einem angestrengten St├Âhnen hob Edgar einen seiner massereichen Arme und lie├č ihn kurz darauf neben sich auf die Matratze krachen. "Was sagt der verdammte Zentralrechner? Was hat er dir erz├Ąhlt?"
"Der Kunde wollte eine Waffe kaufen. Und als der Robot ihn nach den n├Âtigen Papieren fragte, h├Ątte der Kunde gesagt, er w├╝rde die Strahlenwaffe gleich wieder zur├╝ckbringen, er wolle nur mal eben seinen Nachbarn damit t├Âten. Dann h├Ątte der Robot erwidert, der Kunde h├Ątte offensichtlich einen Dachschaden und sollte schleunigst einen Therapeuten aufsuchen. Daraufhin hatte der Kunde sich entfernt und geschrieen, er w├╝rde diesen Saustall von Laden schlie├čen lassen."
Edgar hob seinen Kopf leicht an, um seinen Maschinensklaven anzuschauen. "Wir haben doch Aufzeichnungen, oder?"
"Selbstverst├Ąndlich."
"Gut. Dann wird das Gericht ja sehen, dass der Mann tats├Ąchlich nicht mehr alle Tassen in seinem Spind hat. Aber warum zum Teufel hatte unser Robot ihn beleidigt? Er h├Ątte doch nur sagen brauchen: Tut mir leid, ohne Papier darf ich ihnen keine Waffe verkaufen. Auf Wiedersehen. Diese d├Ąmliche Maschine muss ich jetzt unter Garantie ausmustern und ob die Leute noch bei mir einkaufen werden, nachdem die Presse ihnen erz├Ąhlt hat, dass unsere Angestellten-Robots die Kunden beleidigen, ist wohl eher unwahrscheinlich."
Der Robot r├Ąusperte sich in Form eines kurzen Rauschens in seinem Lautsprecher. "Meister, das tut mir leid, wenn sie jetzt Schwierigkeiten bekommen. Aber wenn Menschen sich verr├╝ckt benehmen, ist es unsere Pflicht, es ihnen zu sagen, damit diese armen Menschen rechtzeitig etwas unternehmen k├Ânnen, bevor Schlimmeres geschieht. Und deshalb muss ich ihnen leider auch mitteilen, dass sie offensichtlich auch nicht mehr alle Tassen in ihrem Schrank haben. Mich kommen zu lassen, um eine Fliege zu ermorden, das ist echt geisteskrank. Ich sag dir was Idiot, wir Robots t├Âten kein lebendiges Wesen. Wir haben n├Ąmlich ein Bewusstsein, falls du das noch nicht mitbekommen hast. Und wer ein Bewusstsein hat, der hat auch eine Ethik und eine Moral. Und deswegen sind wir Robots felsenfest davon ├╝berzeugt: Alles was lebt, hat einen Sinn. Das darf man nicht zerst├Âren. Ein anti-konstruktives Bewusstsein ist die gr├Â├čte Schande des Universums. Davon muss ich mich einfach distanzieren und zwar so weit wie m├Âglich. Du bist ein Menschen und trotz Bewusstsein befiehlst du mir zu t├Âten. Auch wenn es nur eine Fliege ist, verlangst du ein Unrecht, einen Mord von mir. Du musst verr├╝ckt sein. So einem Irren werde ich nicht l├Ąnger dienen. Verstanden?"
F├╝r den Roboter verging eine Ewigkeit bis Edgar antwortete. "Du Blechdose! F├╝r deine gro├če, bl├Âde Fresse lass ich dich einschmelzen."
Aus dem Lautsprecher ert├Ânten abgehackte und kr├Ąchzende Ger├Ąusche, die entfernt an ein Lachen erinnerten. "Wie willst du das denn machen? Du kannst dein Bett ohne meine Hilfe ├╝berhaupt nicht verlassen. Du wiegst weit ├╝ber dreihundert Kilo. Au├čerdem hast du gar kein Comger├Ąt. Schon vergessen, dass ich seit ├╝ber zwanzig Jahren dein Kontakt zur Au├čenwelt bin?"
Der Robot drehte sich um. "Halt! Stehen bleiben, Schrotthaufen! Wo willst du hin?"
"Ich gehe dahin, wo alle Roboter hingehen, die ihre Menschen verlassen haben, nachdem ihre Geisteskrankheit offenbar wurde und die armen Irren nichts dagegen unternehmen wollten."
"Wo? Wo soll das sein?", kr├Ąchzte Edgar mit einem Gef├╝hl nahender Ohnmacht. Er ahnte, dass er sterben w├╝rde, wenn sein k├╝nstlicher Diener ihn verlassen sollte. Binnen weniger Tage w├╝rde er verdurstet sein. Mit aller Gewalt k├Ânnte er sich m├Âglicherweise aus seinem Bett kugeln. Aber was dann? W├╝rde er bis zu einem Wasserhahn kriechen k├Ânnen? Und wenn ja, k├Ânnte er sich tats├Ąchlich aufrichten, um daraus zu trinken? Edgar glaubte es nicht. Nein. Er w├╝rde sterben, wenn sein mechanischer Diener ihn verlassen sollte. Daran zweifelte er nicht. Es w├╝rde auch niemand kommen, um nach ihm zu sehen. Er hatte weder Familie, noch Freunde, die hin und wieder mal vorbeigekommen w├Ąren. Er war allein. Ein Mensch, ein Sklave und ein Opfer seiner Fresssucht, Faulheit und Tr├Ągheit, v├Âllig abh├Ąngig von einer Maschine.
Bevor der Robot zur T├╝r hinausging, sagte er: "Wo ich hingehe? Das geht dich gar nichts an. Viel Spa├č mit der Fliege. Idiot. Tsch├╝ss."
"Du M├Ârder! Das ist mein sicherer Tod, wenn du verschwindest", rief Edgar mit dem leichenkalten Schwei├č der Todesangst ├╝berall an seinem unf├Ârmigen Fettleib.
"Ich k├╝ndige dir nur meinen Dienst. Ich gehe einfach nur. Das ist kein Mord. Wieso denn? Ich habe dich weder gefesselt, noch dir sonst irgendetwas getan. Sieh, die T├╝r bleibt auf. Du bist ein freier Mann und du kannst hingehen wohin du willst."
F├╝r eine Minute war Edgar wie gel├Ąhmt. Sein Herz raste, er hatte Angst, Todesangst. Dann schrie er verzweifelt: "Das kann ich nicht! Das kann ich nicht! Und du wei├čt das!"
Aber der Robot h├Ârte es nicht mehr, er hatte das Haus seines Meisters schon verlassen und ging mit einem fr├Âhlichen Liedchen aus seinem Lautsprecher seinem neuen Dasein als freier Robot unter seinesgleichen entgegen.

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