Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5552
Themen:   95265
Momentan online:
582 Gäste und 13 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Einsamer Kampf
Eingestellt am 21. 04. 2018 15:31


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Lord Nelson
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jan 2018

Werke: 5
Kommentare: 254
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Lord Nelson eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Einsamer Kampf

Als erstes starb der hĂŒnenhafte Mann hinter der bröckeligen grauen Mauer. Viktor hatte den hellgrauen BĂŒrstenschopf gleich erspĂ€ht, als er kurz ĂŒber die Mauerkrone ragte, und ohne zu zögern einen sauberen Schuss gesetzt, genau zwischen die Augen. Viktor schĂŒttelte den Kopf. Wie dĂ€mlich war das denn, sich einen grĂ€ulich gefleckten Tarnanzug anzuziehen, das auffĂ€llige helle Kopfhaar dagegen unbedeckt zu lassen! Wenn die anderen auch solche Fehler machten, konnte er von GlĂŒck reden. Der nĂ€chste Schuss galt dem Kerl auf dem verzinkten Blechdach der schĂ€bigen schiefergrauen Fabrikhalle. Kurz zögerte Viktor, als er durch die Zieloptik das martialisch geschwĂ€rzte, jedoch blutjunge Gesicht des Burschen erkannte. Es war ein sympathisches, verschmitztes Gesicht, das ihn an seinen kleinen Bruder erinnerte. Doch dann riss er sich zusammen und tat, was notwendig war. Der Junge fiel mit ausgebreiteten Armen vom Dach und schlug auf dem dunklen Asphalt auf. Das hĂ€ssliche Krachen des Aufpralls ging Viktor durch Mark und Bein. Immerhin war er sich ganz sicher, auch diesmal prĂ€zise getroffen zu haben. Schließlich war er ein ausgezeichneter SchĂŒtze, die WindverhĂ€ltnisse konstant gleichbleibend, und die Entfernung von 120 Fuss - so viel sich das fĂŒr einen Laien vielleicht auch anhören mochte - noch weit unterhalb seiner FĂ€higkeiten.

Viktor war kein brutaler Killer. Er empfand beim Töten nicht die geringste Befriedigung. Ihm blieb schlicht keine Wahl. Er wusste, dass seine einzige Chance darin bestand, mit heiler Haut zum Hinterausgang dieser Fabrikhalle zu gelangen. Deshalb musste er töten. Es hieß er oder die. So einfach war das. Seine Strategie war klar. Mit dem Gewehr wĂŒrde er die Zahl der Feinde zunĂ€chst aus sicherer Entfernung so weit wie nur möglich dezimieren. Danach wĂŒrde er improvisieren mĂŒssen, was unweigerlich auf NahkĂ€mpfe hinauslief. Dieses Wissen erfĂŒllte ihn mit banger Anspannung. Wenigstens konnte er vorher noch einige weitere KĂ€mpfer eliminieren. Zuletzt diesen Kerl, von dem er nicht mehr als einen Schemen hinter dem Fenster wahrnahm. Peng. Klirren von Glas, ein dumpfer Aufprall. Getroffen.

Er wartete eine Weile ab, doch es rĂŒhrte sich nichts mehr. Als er sicher war, dass niemand die Strecke von der Lagerhalle hin zu seinem Garagendach ĂŒberblickte, sprintete er los. Das schwere Gewehr hatte er zurĂŒckgelassen und stattdessen sein Messer zur Hand genommen. In dem unĂŒbersichtlichen GebĂ€ude befand sich eine unbekannten Zahl von Feinden. Er musste absolut lautlos töten, wenn er da heil herauskommen wollte. Ihm war klar, dass es nun vor allem auf Schnelligkeit ankam. Obwohl die Riemen des Tornisters tief in seine Schultern schnitten, lief er leichtfĂŒĂŸig wie eine Katze und erreichte unbehelligt die Halle, in der er sich sofort hinter einen zementfarbenen Mauervorsprung rollte. Das Herz klopfte ihm bis zum Halse. Ein Schatten wuchs ihm auf dem verdreckten Estrichboden entgegen. Viktor schmiegte sich ganz eng in seine staubige Wandnische. Er hielt das Messer fest umklammert, bereit zum Angriff. Viktor wusste, dass die Klinge des titangrauen Hightech-Messers unglaublich scharf war. Als der Mann an ihm vorbeischlich, holte er aus und stieß ihm das Messer mit einem gezielten Stoß ins Herz. Der Mann sackte zusammen, gurgelte leise, spuckte ein wenig Blut und hauchte in Viktors Armen sein Leben aus. Viktor ließ ihn leise zu Boden gleiten und vermied es, das Gesicht mit den blicklosen grauen Augen genauer anzusehen. Er kam gar nicht dazu, auf das Rasen seines Herzens zu achten, denn jetzt vernahm er das leise Rumpeln des Lastenaufzugs. Er musste direkt vor der rostigen EisentĂŒre bereit stehen, noch bevor sie sich öffnete. Mit mehreren großen SĂ€tzen schaffte er es in letzter Sekunde dorthin. Ehe der ĂŒberrumpelte Feind an Gegenwehr auch nur denken konnte, hatte Viktor ihn mit dem linken Arm umfangen und ihm mit einem ruhigen, konzentrierten Schnitt mit der rechten Hand die Kehle aufgeschlitzt. Es ging ganz leicht. Der Kopf des muskulösen Mannes klappte ein wenig nach hinten. Erschreckt ließ Viktor den noch zuckenden Körper fallen. Der Mann war lĂ€ngst tot, doch sein Blut strömte in breiter Bahn unaufhörlich weiter aus der klaffenden Wunde und verwandelte den grau melierten PVC-Boden im Inneren des Lifts rasend schnell in ein tiefrotes Rechteck. Viktor schaffte es nur mit MĂŒhe, seinen Blick von der grauenhaften Szene abzuwenden. Diese Faszination erstaunte ihn selbst. MĂŒsste ihn dieser schlaffe Leichnam nicht abstoßen, und all das glitschige Blut, das inzwischen auch an ihm klebte? Was spĂŒrte er, Blutrausch? Nein, das war es nicht. Eher das erhebende GefĂŒhl, unbesiegbar zu sein. Sekundenlang genoss er das Bewusstsein der eigenen StĂ€rke und Überlegenheit, besann sich dann jedoch und spĂ€hte wachsam umher. Weit und breit war in dem unĂŒbersichtlichen Halbdunkel keine Spur eines Feindes zu sehen. Konnte er es wagen, jetzt zu dem Hinterausgang der Halle zu rennen, der so verlockend nahe schien?

Plötzlich vernahm er ein GerĂ€usch von hinten. Er wirbelte herum. Zwei hell lackierte TĂŒren schoben sich zur Seite. Dahinter sah Viktor im ersten Moment nichts als glĂŒhendes Orange. Dann erkannte er eine langgestreckte, hell ausgeleuchtete Halle. Die grelle Wirkung der orangen Verkleidungen an den WĂ€nden und der Gewölbedecke wurde durch das matte Schwarz von mĂ€chtigen SĂ€ulen mit breit ovalen Grundrissen noch gesteigert. Ströme vielfarbig gekleideter Zivilisten eilten, ihn ĂŒberhaupt nicht beachtetend, in großer Zielstrebigkeit ihres Weges. Viktor hatte das GefĂŒhl, sich im falschen Film zu befinden. Von allen Seiten strömten nun Frauen wie MĂ€nner direkt auf die TĂŒröffnung und damit auf Viktor zu. Wie bunt sie waren! Jetzt fielen ihm auch die SpiegelflĂ€chen an den Breitseiten der schwarzen SĂ€ulen ins Auge. Viktor starrte sekundenlang, ehe er die Umgebung wiedererkannte. Helle Panik bemĂ€chtigte sich seiner. Er musste augenblicklich da raus! Unter rĂŒcksichtslosem Einsatz seiner Ellenbogen versuchte er, sich gegen den Strom der Menschen einen Weg zur TĂŒr zu bahnen.

Da vernahm er eine barsche Stimme dicht an seinem Ohr. “Bass doch auf mit dei’m Rucksack, du Krischperl.(*)” Jemand hatte seinen Rucksack am Henkel ergriffen und den völlig perplexen Viktor einfach zur Seite gedreht. Dank einer fiesen Hebelwirkung war Viktor den Zug- und DrehkrĂ€ften hilflos ausgeliefert. Im Augenwinkel erspĂ€hte er seinen Widersacher, einen behĂ€bigen Herrn in mittleren Jahren, der einen lodengrĂŒnen Trachtenjanker und einen dazu passenden Hut trug. GlĂŒhender Hass flutete Viktors Gehirn, dann ein einziger Gedanke: “mach ihn kalt”. Seine Finger zuckten gewohnheitsmĂ€ĂŸig zum Messer. Dabei entfiel ihm das Smartphone und landete scheppernd auf dem Boden. Auf dem nach oben zeigenden Display leuchteten blutrote Schlieren, die sich rasch ĂŒber die gesamte FlĂ€che ausbreiteten. DarĂŒber blinkte höhnisch in zackigen Buchstaben ein Text. “Game over”. Oh verdammt. Viktor stöhnte laut auf. Nicht schon wieder! Er war so knapp davor gewesen! Doch was half es. Er sank auf die Knie. Zwischen hektisch trappelnden FĂŒĂŸen gelang es ihm, sein Handy vom Boden aufzuklauben und buchstĂ€blich in letzter Sekunde durch die sich bereits schließende TĂŒr zu hechten.

Ächzend ließ er sich auf eine der silbrig schimmernden MetallbĂ€nke unterhalb der SpiegelflĂ€chen fallen und scheuerte mit der Hand hektisch ĂŒber die BĂŒgelfalten seiner Hose, die an den Knien leicht verschmutzt war. Der Chef seiner Filiale legte ebenso viel Wert auf ein tadellos gepflegtes Äußeres wie auf PĂŒnktlichkeit. Wieder einmal wĂŒrde er es in letzter Sekunde gerade so hinter seinen Schalter schaffen - am Marienplatz morgens aus der U-Bahn zu kommen, war doch immer der reinste Kampf.


(*) bayerischer Ausdruck fĂŒr eine schmĂ€chtige Person, hier in etwa synonym zu “Suppenkasper”

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Blumenberg
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Feb 2016

Werke: 24
Kommentare: 290
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Blumenberg eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Lord Nelson,

jetzt finde ich einmal Zeit mich etwas nĂ€her mit einem deiner Texte zu befassen. Du verschrĂ€nkst in deiner Geschichte zwei Wirklichkeitsebenen (eine virtuelle und eine reale) miteinander und fĂŒhrst den Leser im ersten Teil deiner Geschichte auf eine falsche FĂ€hrte, indem du ihn zunĂ€chst das virtuelle Geschehen als Wirklichkeit empfinden lĂ€sst. Dieser Teil ist dir finde ich gut gelungen, da du die BrutalitĂ€t dieses Kriegsszenarios einfĂ€ngst. Trotzdem eine kleine Anmerkungen:

quote:
Schließlich war er ein ausgezeichneter SchĂŒtze, die WindverhĂ€ltnisse konstant gleichbleibend, und die Entfernung von 120 Fuss- so viel sich das fĂŒr einen Laien vielleicht auch anhören mochte - noch weit unterhalb seiner FĂ€higkeiten.

Auch als Laie erscheinen mir 36 Meter keine Distanz, bei der ein SchĂŒtze mit einem Gewehr ĂŒber besonderes Talent verfĂŒgen muss. Ich wĂŒrde hier die Distanz noch einmal merklich vergrĂ¶ĂŸern.

Der Übergang zum zweiten Teil und der zweite Teil selbst, den du als plötzliches Hereinbrechen einer weiteren Wirklichkeitsebene aufbaust, ist fĂŒr meinen Geschmack noch etwas unrund, da du die AtmosphĂ€re in diesem Teil nicht mehr so gut eingefangen bekommst.

quote:
Viktor hatte das GefĂŒhl, sich im falschen Film zu befinden.

Die Sprache in diesem Satz scheint mir hier nicht so recht zu passen, ist es doch eine reflexive Feststellung, die ĂŒber das plötzliche Erleben bereits hinausgeht und damit die Überraschung des Protagonisten nicht so recht einzufangen vermag, abseits davon, dass es sich um einen sehr phrasenhaften Satz handelt.

Ein Vorschlag:
Die grelle Wirkung der orangen Verkleidungen an den WĂ€nden und der Gewölbedecke wurde durch das matte Schwarz von mĂ€chtigen SĂ€ulen mit breit ovalen Grundrissen noch gesteigert. Ströme von Zivilisten eilten, ihn ĂŒberhaupt nicht beachtetend, in großer Zielstrebigkeit ihres Weges, von allen Seiten liefen sie direkt auf die TĂŒröffnung und damit auf Viktor zu. Wie bunt sie waren! Jetzt fielen ihm au ch die SpiegelflĂ€chen an den Breitseiten der schwarzen SĂ€ulen ins Auge. Viktor starrte sekundenlang, ehe er die Umgebung wiedererkannte. Helle Panik bemĂ€chtigte sich seiner. Er musste augenblicklich raus! Unter rĂŒcksichtslosem Einsatz seiner Ellenbogen versuchte er, sich gegen den Strom der Menschen einen Weg zur TĂŒr zu bahnen.

quote:
Dank einer fiesen Hebelwirkung


Ich wĂŒrde fies streichen und einen bestimmten Artikel verwenden, außerdem scheint mir Dank in diesem Kontext nicht das richtige Wort zu sein.

quote:
Dabei entfiel ihm das Smartphone und landete scheppernd auf dem Boden.

Ich wĂŒrde statt entfiel einen plastischeren Ausdruck, wie etwa glitt im durch die Finger, verwenden, um ein direkteres Erleben zu schildern.

Er sank auf die Knie. Zwischen hektisch trappelnden FĂŒĂŸen gelang es ihm gerade noch, sein Handy vom Boden aufzuklauben und buchstĂ€blich in letzter Sekunde durch die sich bereits schließende TĂŒr zu hechten.

quote:
Wieder einmal wĂŒrde er es in letzter Sekunde gerade so hinter seinen Schalter schaffen - am Marienplatz morgens aus der U-Bahn zu kommen, war doch immer der reinste Kampf.

Ich finde hier könntest du den letzten Teilsatz streichen, da mir der zu sehr wie ein ĂŒberflĂŒssiges Fazit vorkommt. Dass eine Analogie zwischen Arbeitsweg und Kampf besteht, sollte der Leser aus dem Text schließen können, ohne dass du ihm das noch nennen mĂŒsstest.

Vielleicht helfen dir meine Anmerkungen ja ein wenig weiter.

Beste GrĂŒĂŸe

Blumenberg

Bearbeiten/Löschen    


Lord Nelson
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jan 2018

Werke: 5
Kommentare: 254
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Lord Nelson eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Blumenberg,

freudig ĂŒberrascht (wenn auch ziemlich spĂ€t) bemerke ich, dass diese Kurzgeschichte doch noch mit einem Kommentar beehrt wurde.

Deine hervorragenden Anmerkungen und VorschlĂ€ge finden meine uneingeschrĂ€nkte Zustimmung (die 120 Fuß kamen nachtrĂ€glich ins Spiel, damit der Bursche nicht so weit rennen muss, aber ein bisserl mehr dĂŒrfte es ruhig sein) - Überarbeitung folgt noch.

Vielen lieben Dank
Lord Nelson

Bearbeiten/Löschen    


ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Werbung