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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Emilie und Jonathan
Eingestellt am 11. 02. 2018 21:53


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Kaso
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Oct 2013

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Emilie und Jonathan
Emilie Fischer besa├č die Launen des Oktoberwetters. Ich meine nicht den "goldenen Oktober" mit der bunt gef├Ąrbten Landschaft und den frischen Winden. Nein. Eher jene st├╝rmische Zeit, wenn die B├Ąume sich im Unwetter biegen. Dem Erdreich entrissen, entwurzelt daliegen. Oder nackte St├Ąmme, die in den Himmel ragen, Ihrer Kronen beraubt.
Ein solcher Emilie-Sturm raste im zarten Alter von sechs Jahren, ├╝ber mich, Jonathan, hinweg. Damals zur Einschulung w├Ąhlten wir beide den gleichen Stuhl im Klassenzimmer, nur das ich schon drauf sa├č und Emilie eben diesen Platz f├╝r sich beanspruchte.
"Das ist meiner!" Verk├╝ndete sie selbstsicher.
Noch ehe ich ihre Gesichtsz├╝ge deuten konnte, sauste ihre Faust mitten in mein Gesicht.
Ich fiel mit einer gebrochenen Nase vom Stuhl.
Vor meinem inneren Auge zog das Bild eines M├Ądchens, in einem Ruderboot auf unserem See, vorbei. Entspannt tauchte sie das Paddel in die reglose Wasseroberfl├Ąche ein. Hinter ihr im Boot lag die Rettungsweste. Nie w├╝rde sie die anlegen, flackerte ein Gedanke auf.
Ich blinzelte den Tr├Ąnenschleier fort. Da sa├č sie bereits auf dem Stuhl und musterte mich interessiert. Dann wendete sie den Blick nach vorn, ihre Hand schnellte in die H├Âhe und sie rief: "Frau Lehrerin, hier ist jemand verletzt!"
Dieser Augenblick brannte sich in mein Ged├Ąchtnis, wie sie so dasa├č, das Kinn leicht vorgeschoben. Ihr fusseliges Haar, dass an geschmortes Sauerkraut erinnerte. Kein Deut von Boshaftigkeit, oder gar Bedauern, spiegelte sich in ihren Gesichtsz├╝gen wider. Der Ausdruck, ├Ąhnelte eher dem meiner Mutter, wenn sie entschlossen daranging, das Schlachtfeld K├╝che zu beseitigen. Nach dem Motto: Was getan werden muss, muss getan werden.
Zwei Tage darauf begegneten wir uns zum zweiten Mal. Sie sa├č auf einer Bank am See, gedankenverloren bohrte sie in der Nase und steckte anschlie├čend den Finger in den Mund.
"Was glotzte so d├Ąmlich!" Blaffte sie, sprang auf und verschwand.
Ich setzte mich auf die Bank und bef├╝hlte meine geschwollene Nase. Wie aus dem Boden gewachsen stand sie pl├Âtzlich vor mir. "Das ist mein Platz!" Sagte sie.
Diesmal war ich vorbereitet. Meine Hand schoss vor und hielt ihren Kopf auf Armesl├Ąnge zur├╝ck. Keine Sekunde zu fr├╝h, ihre Faust ruderte ins Leere. W├Ąhrend sie nun versuchte, mit beiden F├Ąusten nach mir zu schlagen, prasselte ein Sturm w├╝ster Beschimpfungen auf mich nieder, der mir die Schamesr├Âte ins Gesicht trieb. "Emilie", stammelte ich, "beruhige dich doch."
Ich dachte an unseren Hund, wenn er mich ├╝berschw├Ąnglich begr├╝├čte, redete ich in dieser Stimmlage mit ihm. Und tats├Ąchlich, sie beruhigte sich.
"Du hast mir deine Popelfinger in die Haare geschmiert", schimpfte sie.
"Und du hast deine gegessen!"
Von da an waren wir die dicksten Freunde. Sie kleidete meine Welt in schillernden Farben, einem Regenbogen gleich, auf dem ich mit ihr wandelte. F├╝r sie gab es kein Netz und keinen doppelten Boden, der sie auffing. Wild und unb├Ąndig, als g├Ąbe es kein Morgen, lebte sie.
Emelie war erst k├╝rzlich mit ihrer Mutter, aus der Gro├čstadt hier her, zur Oma gezogen. Sie bewohnten ein Haus direkt am See. In dem wir den Sommer herrlich planschend verbrachten. Mit einem Paddelboot fuhren wir zum Angeln hinaus, doch sahen wir nur die R├╝ckenflossen der aufgescheuchten Karpfen.
Meine Eltern, der Anthroposophie zutiefst zugetan, hielten nichts von der Freundschaft zu Emelie. Ich hingegen wollte keinen unserer Tage missen. Der Spagat zwischen diesen beiden Welten belebte mich, schenkte mir das Gef├╝hl von Ganzheit.
Genau drei Jahre blieb der Zauber erhalten. Bis zu dem Zeitpunkt, als mein Vater die Versetzung nach Hamburg bekam. Das Leben riss uns auseinander. Die bunten Farben die sie mir gezeigt hatte, verblassten. Der Regenbogen auf dem wir einst wanderten zerbrach. Zum ersten Mal erlebte ich den freien Fall: Kein Netz, kein doppelter Boden.
Emilie war so verletzt, dass sie nicht mehr mit mir redete.
Von Anderen erfuhr ich, dass die Oktoberst├╝rme im ersten Jahr sehr heftig ausfielen. Doch auch diese Kontakte schliefen mit der Zeit ein.
Ein Teil von mir, war in dem kleinen Dorf, in dem Haus am See, in Emelie, zur├╝ckgeblieben.

Zur Freude meiner Eltern entwickelte ich mich auf der Waldorfschule gut, studierte anschlie├čend Sozialp├Ądagogik und trainierte zwei mal die Woche im Ruderverein. Ich hatte es mir zur Gewohnheit gemacht, montags und mittwochs morgens vor der Uni ein paar Kilometer zu Rudern. Gerade lie├č ich mein Kanu ins Wasser gleiten, da h├Âre ich hinten am Bootssteg eine Stimme br├╝llen, "ihr verdammten Hohlk├Âpfe, wenn ich sage, Ruder rein, dann meine ich das auch!..."
Die Stimme kenne ich doch, ich holte das Boot wieder aus dem Wasser. Drehte mich um und sah am Ende des Steges eine Frau, mit in den H├╝ften gestemmten H├Ąnden stehen. Ihr fusseliges rotes Haar erinnerte mich irgendwie an Rotkohl, nein Sauerkraut. Sie br├╝llte einen Trupp Kanufahrer zusammen. "Ich rei├č euch den A..."
"Hallo!" Unterbrach ich ihre feurige Rede.
Wie der Blitz fuhr sie herum. Automatisch scho├č mein Arm vor und meine Nase juckte. Einen Moment starrten wir uns an. "Jonatan?!"
"Emilie!"
Ich lernte den "goldenen Oktober" kennen und mit ihm seine St├╝rme, ich war wieder ganz.

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