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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ente Lippens
Eingestellt am 12. 01. 2017 22:19


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wowa
One-Hit-Wonder-Autor
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Ente Lippens



„Komm, lass uns was schlecken !“
„Was, jetzt? Nee, auf gar keinen Fall. Wir haben doch noch gar nichts gefangen ...“ .
Missmutig schaute ich auf den schwach leuchtenden Schwimmer, der bewegungslos auf dem Wasser stand. Nachts, sagten die Leute hier, alles gewiefte Angler, Menschen, denen der See bereitwillig gab, was sie brauchten, nachts ist es keine Kunst. Da beißen sie wie verrĂŒckt.
Wir entfachten ein gut sichtbares Lockfeuer, verteilten leckere kleine Brotkugeln in der Umgebung der Haken und ließen uns bei der Köderwahl ausgiebig beraten. Egal, der Effekt ging gegen null, zwei schlangenĂ€hnliche dĂŒnne Tiere hatten wir seit den frĂŒhen Abendstunden rausgeholt. Wahrscheinlich voller GrĂ€ten. Stundenlang geschah buchstĂ€blich nichts. (Pause)
Meine GefĂ€hrtin Beate, fischereimĂ€ĂŸig ebenso ahnungslos, doch stets geradezu gierig auf neue Erfahrungen, fragte in die majestĂ€tische Stille hinein, ob ich noch manchmal an Ente Lippens denke.
„Ente Lippens ?“ sage ich, „ja, klar. Warum?“
„Der,“ fuhr sie fort, „wurde mal beim Angeln gefragt, ob er schon was gefangen habe. Nein, sagte er, die Fische sind alle in Oberhausen auf einer Beerdigung. Da ist ein Hecht gestorben.“
Ente Lippens, Rot – Weiß Essen, Oberhausen, - die Erinnerung an das StĂŒrmeridol meiner Kindheit, dieses Genie, das Chancen eher vertĂ€ndelte als vergab, half mir ĂŒber die nĂ€chsten schweigsamen Stunden.
Und jetzt also wollte sie was schlecken. Was schlecken, - auch so eine SpezialitĂ€t der Gegend, die in keinem ReisefĂŒhrer stand.
Ein kalter Regen hatte eingesetzt, das nutzlose Lockfeuer war erloschen und die Hoffnung, dieses anglertypische GrundgefĂŒhl, ebenso.
„Okay,“ sage ich, „lass uns fahren.“
SpĂ€ter im Auto dachte ich an den warmen Pub und den `Speedball in Whiskey`, fĂŒr den sie dort berĂŒhmt waren. Beate hatte den natĂŒrlich schon probiert und war begeistert. Ich bin bei derartigen Sachen grundsĂ€tzlich vorsichtig, aber an jenem Abend schien mir der Zeitpunkt gĂŒnstig.
Ein Einheimischer mit italienischen Vorfahren hatte ein Eis kreiert, dass unter Touristen sehr beliebt war. Man erzĂ€hlte sich, er mische einen Extrakt aus Magic – mushrooms, psychoaktive Pilze, die auf den Wiesen um das Dorf wirklich massenhaft wuchsen, fein dosiert in seine Komposition. Zudem treffe er ad – hoc eine Auswahl und sensible, labile, zartbesaitete Persönlichkeiten, kurz, solche, die Ärger machen könnten, bekĂ€men nur ein Placebo.
Wie dem auch sei, eine EigentĂŒmlichkeit des `Speedball in Whiskey` schien das ĂŒberraschende, erstaunlich plastische Auftauchen von Figuren aus den unteren Schubladen des Bewusstseins zu sein. Sicher im Einzelfall nicht unproblematisch. Aber der Chef, so sagten die GerĂŒchte, habe sich in seiner Menschenkenntnis noch nie geirrt.
Als die Lichter des Pubs auftauchten, wurde ich beim Gedanken an die bevorstehende PrĂŒfung nervös.
Machte ich einen stabilen Eindruck ?
Notfalls mĂŒsste Beates charmante FĂŒrsprache mich retten.
Die war nicht nötig. Wir bekamen anstandslos unsere GetrĂ€nke und bei Beate ließ die Wirkung nicht auf sich warten. Kichernd, glucksend und gutgelaunt hockte sie am flackernden Kaminfeuer und ich saß missmutig und völlig nĂŒchtern daneben. Gleichwohl unverzagt genehmigte ich mir zwei weitere `Speedball in Whiskey`, die Ă€hnlich folgenlos vorĂŒberzogen. Die Eiskugel ließ ich dann weg und trank Whiskey pur.
Meine Erinnerung an den letzten Teil des Abends ist etwas getrĂŒbt, aber irgendwann griff ich mir den Chef und verlangte energisch Antwort auf die eine Frage, die seit geraumer Zeit in meinem SchĂ€del kreißte:
„Placebos? Hast du mir Placebos angedreht? Ist das alles ein verdammter Fake ?“
Der Wirt,ein großer, knochiger Mann, kam hinter dem Tresen hervor, legte mir einen Arm um die Schultern und sah mich freundlich an.
„Die Leute erzĂ€hlen viel,“ sagte er, „besonders, wenn sie nichts konkretes zu tun haben. Das mit den Placebos habe ich auch gehört, aber das ist bull – shit, ein haltloses GerĂŒcht. Warum sollte ich das denn tun ? Das wĂ€re ja Betrug. Nein , die unterschiedlichen Reaktionen auf meine Produkte sind ausschließlich im Konsumenten selbst begrĂŒndet.
Schau,“ sagte er und sah mir tief in die Augen, „vielleicht bist du ja ein wenig zu stabil, zu gepanzert. SensibilitĂ€t ist auch ein Risiko. Bring doch einmal die kreativen, zarten Saiten deiner Persönlichkeit zum klingen. Stell einfach mehr Offenheit und Verletzlichkeit in den Vordergrund deiner Performance. Dann wird das schon.“
Das kam bei mir gar nicht gut an und wenn ich etwas nicht vertragen kann, dann ist es plumpe Vertraulichkeit.
Ich schĂŒttelte also seinen Arm ab und sagte, seine Klugscheißerei könne er getrost fĂŒr sich behalten. Ich sei ja wohl mindestens so kreativ, sensibel und zartbesaitet wie er, wenn nicht noch mehr. Und ja, genau, das ist Betrug, da hat er völlig recht. Überhaupt sei das hier der letzte Pub und wir wĂ€ren heute Abend garantiert das letzte Mal da, darauf könne er Gift nehmen.
WĂ€hrenddessen hatte der Chef ein Taxi bestellt und Beate schob mich sanft und bestimmt ins Auto. Auf der Fahrt ins Hotel sagte Beate, Typen wie mich kenne sie eigentlich zur GenĂŒge, sie hĂ€tte mal wieder Lust auf was Neues.
Als ich spÀt am nÀchsten Morgen erwachte, war sie weg. Ich reiste auch bald ab.
Seither hat die Erinnerung an Ente Lippens einen bitteren Beigeschmack.

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wowa
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Hallo, Eisblume !
Danke fĂŒr deine Kritik.
Die Geschichte hat zwei HandlungsstrÀnge, das sehe ich auch so. Die beziehen sich aber durchaus auf einander. Im Eingangsplot steht eher die witzige, neugierige Beate im Mittelpunkt, im Kneipenteil der schlechtgelaunte Ich - ErzÀhler, der sich betrunken mit dem Wirt anlegt.
In der Schlußsequenz - Taxifahrt, getrennte Abreise, Melancholie des Ich - ErzĂ€hlers,- zeigen sich die GegensĂ€tze zumindest fĂŒr Beate als unĂŒberbrĂŒckbar.
Es ist also eine Trennungsgeschichte, bei der Ente Lippens ein gemeinsamer Bezugspunkt der Protagonisten ist, allerdings einer, der nicht belastbar genug ist, um das Geschehen nachhaltig zu beeinflussen. Gleichwohl wollte ich den Anglerwitz den LeserInnen nicht vorenthalten. Überhaupt finde ich es wichtig, noch einmal kurz und schlaglichtartig an Ente Lippens zu erinnern, bevor er dem kollektiven Vergessen anheimfĂ€llt.
Was das `dahinplĂ€tschern` betrifft, so ist das halt mein Stil, ich lass es gerne plĂ€tschern. Andererseits stand es ja kurz vor einer PrĂŒgelei zwischen dem Prot und dem Wirt. Insofern gab es zumindest ein dramatisches Element. Ok, vielleicht zu wenig. Ich denk drĂŒber nach.
Alles Gute
Wowa

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