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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Entropia
Eingestellt am 02. 12. 2017 17:40


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Sunyata
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Oct 2017

Werke: 15
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Es ist 12:51 Uhr. Die Entfernung vom Zielort betrĂ€gt exakt 358,7 Kilometer beziehungsweise 4 Stunden und 47 Minuten ohne Pausen. Er wird noch genau 121,4 Kilometer oder 1 Stunde und 3 Minuten dem Straßenverlauf dieser Autobahn folgen. Es befinden sich noch 23,3 Liter Treibstoff im Tank.
In 212, 6 Kilometern oder in 1 Stunde und 58 Minuten an einer sich genau an diesem Punkt der Route befindenden Tankstelle wird Treibstoff in einer festgelegten Menge nachgefĂŒllt, der Reifendruck ĂŒberprĂŒft (exakt 325 kPa), die Scheiben nach einem optimierten Schema streifenfrei mit dem im Kofferaum befindlichen Utensilien gereinigt. Zur Wiederherstellung der geistigen LeistungsfĂ€higkeit folgt die Aufnahme von FlĂŒssigkeit und StĂ€rke in Form von Wasser und Bananen. Dies wird begleitet von der PrĂŒfung des elektronischen Postfachs sowie der neusten Entwicklungen in Politik und Wirtschaft. Gegebenenfalls wird dies ergĂ€nzt vom Verschicken diverser Nachrichten, Anweisungen, Reaktionen, AuftrĂ€ge und Beschwerden wĂ€hrend eines durchblutungsfördernden Spaziergangs auf einer festgelegten Strecke.

Diese Beschreibung trifft auf jeden Freitag um 12:51 Uhr zu. FĂŒr jede Minute der Woche weiß Walter exakt, was er tut. Alles hat eine sinnvolle, geordnete, effiziente Reihenfolge, die sich durch tausendfache Wiederholung des Rituals bewĂ€hrt hat. Seine ganze Welt strotzt vor Ordnung.

Diese Ordnung spiegelt sich in seiner Umgebung wider. Alles ist in verschiedenen Grautönen gehalten. Es beginnt mit dem von schwarzen Rauten gespickten Schlammgrau seines Anzugs, hinĂŒber zum Steingrau des Lenkrads, dem Metallicgrau der KĂŒhlerhaube, dem Bitumengrau der Autobahn, dem blĂ€ulichen Stahlgrau der Leitplanken und dem feuchten Grau des herbstlichen Himmels. Alles in der Farbe in der Ordnung.
Mit genau 130 km/h bewegt sich Walter in seinem bequemen – wie sollte es anders sein – eisenerzgrauen Sitz auf der Mittelspur. Er lauscht dem leisen Rollen der Reifen ĂŒber den in festen AbstĂ€nden unebenen Asphalt, das mĂŒhsam gegen das ryhtmische Rauschen des Motors ankĂ€mpft. Er spĂŒrt die Vibrationen am Lenkrad, welche sich ĂŒber seine HĂ€nde in seinen Körper ausbreiten und ihn mit der Maschine eins werden lassen. Er beobachtet die Autos, die sich regelkonform fortbewegen.
Seine Gedanken entfernen sich vom Bedienen des Fahrzeugs und kreisen um die regelmĂ€ĂŸigen Aspahltstreifen, die die Straße bilden, den streng aufeinander abfolgenden Drehphasen des Verbrennungsmotors und der eindeutig formulierten und strukturierten Straßenverkehrsordnung.
Die Vorstellungen beruhigen ihn. Alles hat seinen Platz, seine Reihenfolge, seinen Sinn.
Sicherheit durchströmt ihn wie Pflanzen der Saft im FrĂŒhling, gibt ihm Kraft und Zuversicht, lĂ€sst ihm seine Aufgaben und seine Arbeit machbar erscheinen.

Im Augenwinkel irritiert Walter eine Abweichung.
Etwas Unerwartetes. Etwas Verstörendes. Etwas UnregelmĂ€ĂŸiges.
Von links ĂŒberholte ihn ein Wagen mit einer weintraubenroten Karroserie. Sofort fielen ihm die dezenten Schlangenlinien auf, die er mit aufheulenden Motor auf der Überholspur fuhr. Lichthupen animierten die Kraftfahrzeuge vor ihm, auf die Mittelspur zu wechseln. Mit schwankendem Auskosten der Breite des Fahrstreifens schlĂ€ngelt sich der Sportwagen auf der Überholspur mit kritischer Geschwindigkeit gen Horizont. Es war unĂŒbersehbar, dass nicht mit der ZurechnungsfĂ€higkeit des Fahrers zu rechnen und jederzeit ein Zwischenfall zu erwarten ist, sodass die bisherigen Nutzer dieses Fahrstreifens ihr Heil in der Flucht suchen und rechts einscheren. Die ausgewichenen Fahrzeuge trauten sich nicht mehr auf die Überholspur.
Wie bei einem Schattentheater war die Wut der Fahrer durch die Heckscheibe auf der Leinwand der Windschutzscheibe zu sehen. Wie eine Pflugschar mit großer Gewalt GrĂ€ben in die Erde schlĂ€gt, so kann man kilometerweit sehen, dass der weintraubenrote Wagen die linke Spur freirĂ€umt. Wie ein Fischschwarm, der von einem Hai bedroht wird, drĂ€ngen sich die Fahrer auf die rechten Spuren.
Der Zwischenfall hat Spuren hinterlassen. Die Fahrzeuge waren nicht mehr gleichmĂ€ĂŸig auf der Strecke wie Wasser auf dem Boden eines GefĂ€ĂŸes, sondern hĂ€uften sich wie ein dicker Brei. Ebenso floss der Verkehr nun auch, sodass Walter bremsen musste. Dies wiederum wĂŒrde ja seine Fahrzeit verlĂ€ngern und seine Planung ad absurdum fĂŒhren – ein inakzeptabler Zustand.
Walter ĂŒberlegt, ob er seine Planung oder seine Vorgehensweise Ă€ndern sollte. Aufgrund des Umstandes, dass er jede Minute der Woche eingeplant hat, bleibt ihm, sofern er nicht in Konflikt mit dem Ordnungsprinzip seiner Zeit geraten will, einzig die Möglichkeit, entgegen seiner Gewohnheit auf die kĂŒrzlich frei gewordene linke Spur zu wechseln und so seine Zielgeschwindigkeit von 130 km/h beizubehalten.
Genau dies tut er.

Es fĂŒhlt bedrohlich an, mit seiner festen Gewohnheit, einem Ritual zu brechen. Seit Jahren fĂ€hrt er Mittelspur, dort kennt er sich aus, kann einschĂ€tzen, ob jemand auf seine Fahrbahn wechseln möchte. Hier ist er orientierungslos. Auch wenn sich die Situation noch so Ă€hneln mag, auch wenn es kaum eine Änderung der Herausfordungen gibt, auch wenn es so einfach scheint – es ist nicht dasselbe. Ohne Orientierung und Struktur ist Walter verletzlich.
Er achtet auf jedes Detail dieses neuen Moments, aus Angst, etwas falsches zu tun. Unsicherheit ĂŒberkommt ihn, etwas zu ĂŒbersehen, einen Fehler zu begehen.
Unbekanntes ist gefÀhrlich. Was man nicht kennt, kann man nicht einplanen. Was man nicht einplanen kann, darauf ist man nicht vorbereitet. Worauf man nicht vorbereitet ist, darauf kann man nicht reagieren.
Panik druchfĂ€hrt Walter, lĂ€sst sein Blut ĂŒberkochen. Er, der er immer souverĂ€n jede an ihn herangetragene Aufgabe löst, fĂŒhlt sich mit einem Mal ĂŒberfordert. Die einfache Frage, ob das rechts vor ihm fahrende Auto gleich auf seine Seite wechseln wird, ohne zu blicken, ĂŒberfordert ihn. Seine Fuß wechselt stĂ€ndig panisch von Gas zu Bremse und zurĂŒck. Sein Motor scheint ihm plötzlich ungleichmĂ€ĂŸig zu klingen, der Asphalt unprofessionell ausgebessert, die Straßenmarkierungen wirken abgenutzt. Unvermittelt fielen ihm die bunten Farben auf, die die Karossieren der einzelnen Autos haben: giftgrĂŒn, neongelb, johannisbeerrot, brombeerblau. Die Farben spiegeln sich auch auf seiner Motorhaube wieder, beschmutzen sie, vielleicht sogar entweihen


Dunkle Gedanken ertrĂ€nken Walters Geist. Er ist nicht mehr auf dem gewohnten, den geordnetem Weg. Hier war fremdes, feindliches Gebiet. Jederzeit könnte etwas geschehen, dass er nicht bedacht hat. Es gibt nur einen Weg – er musste zurĂŒck in sicheres Gebiet. Der Plan war zweitrangig, hier fĂŒhlte er sich nicht wohl. Er musste zurĂŒck auf die Mittelspur, den sicheren Hafen. Aber wie?
Durch das Geschehen vor wenigen Minuten herrschte noch Chaos. Die ersten Fahrer trauten sich wieder auf die Überholspur, wĂ€hrend jedoch die meisten noch darauf verharren. Kaum eine LĂŒcke tut sich auf. Walter ist gefangen.

Dieser Zustand machte ihn noch unsicherer. Normalerweise plant er immer Auswege ein. Doch hier war er nun wohl oder ĂŒbel mit dem Ungewohnten konfrontiert. Walter versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Er zwingt sich trotz seiner betĂ€ubenden Panik weiter zu beschleunigen, um den Zeitplan einzuhalten. Um zusĂ€tzlich an Sicherheit zu gewinnen, versucht er, in der Ferne zu erkennen, ob sich der Verkehr vielleicht bald etwas entspannt. Doch stattdessen sieht er, dass das feuchte Grau, welches vor Kurzem noch den Himmel in beruhigender GleichmĂ€ĂŸigkeit bedeckte, durch einen in zahlreichen Farben schillernden Regenbogen ĂŒberstrahlt wird. Direkt ĂŒber der Autobahn ergießt sich ein Schauer und macht es unmöglich, zu erkennen, was nur wenige Kilometer weiter bergab vor sich geht.

In Erwartung des baldigen Regenschauers und der dadurch noch unberechenbareren Verkehrssituation drĂ€ngt es Walter noch mehr, auf seine angestammte Fahrbahn zurĂŒckzukehren. Doch er weiß genau, dass er, in Panik geraten, seine innere Ordnung verloren hat und deshalb kaum im Stande ist, richtig zu reagieren. Walter versucht, seine Gedanken zu fassen und zu sortieren, bis sie wieder einen Sinn ergeben. Doch kaum, dass er sich auf eine Impression seines Geistes konzentriert, entfleuchen ihm wieder die anderen, als hĂ€tten sie einen Drang, sich möglichst weit zu zerstĂ€uben. Jeder Versuch, Ordnung in sich zu bringen, brachte ihn aufgrund des Scheiterns nur noch mehr in Rage, erregt ihn mehr und lĂ€sst damit seine Gedanken noch mehr zerstĂ€uben.
Walter sieht nur noch eine Lösung fĂŒr sein Problem: Er muss sich schnellstmöglich beruhigen.
Das kann er nur erreichen, wenn er endlich auf seine angstammte Spur wechselt.

Der Ordnung willen, welche ihm Sicherheit und Kraft bringt, muss er es wagen. In der gleichen Sekunde, in der er diesen Entschluss fasst, bricht auch der Schauer ĂŒber diesen Teil der Autobahn ein. Das Chaos von tausenden von Tropfen, die alle ihren eigenen Weg verfolgen, auf etwas auftreffen, in viele tausend weitere in alle Richtungen zerspringen und dann letztendlich am Boden zu einer wesenlose, gleichförmigen, entindividualisierten Masse verwandeln, die ihm die Steuerung seines Fahrzeugs unmöglich machen und ihm seine Augen durch eine weißlich-graue Wand verschleiern lassen, zerstört jede Selbstkontrolle, die er noch hat.

Ohne einen Blinker zu setzen, was er sonst immer getan hĂ€tte, zieht er seinen Wagen in die erstbeste LĂŒcke der Mittelspur, die sich auftat, als ein Wagen auf seine Spur wechselte. In einem spontanen Manöver quetschte er sich hinter diesem grell-orangenen Wagen vorbei. Das dadurch ausgelöste Hupkonzert störte ihn nicht. Nichts war wichtiger als die liebgewonnene Ordnung.

Mit einem Mal fiel die gesamte Panik von ihm ab. Alles war wieder wie gewohnt, wie tausendmal wiederholt und strengstens durchgeplant. Wie bei jedem Regen irritierten ihn nicht die unzĂ€hlberen Tropfen, sondern er erlöste sich von ihnen mit dem Scheibenwischer. Wie der Scheibenwischer den Schmutz und den Regen entfernt, so wischt der Wechsel auf die Mittelspur auch alle Unruhe und Unsicherheit aus Walters Kopf. Er genießt diesen Moment und schließt unweigerlich die Augen, betrachtet seine streng geordneten und logischen Gedanken, die wieder dort angelangst sind, wo sie sollen: das regelmĂ€ĂŸige Rollen des Motors, der Fahrtwind an den Außenspiegeln, die Vibration des Lenkrads. FĂŒr eine kurze Zeit verehrt er die absolute Ordnung, die ihn und das Universum vereint.

Er erinnert sich an seinen Plan, und seine neu gewonnene Ruhe und Ausgeglichenheit gibt ihm die Kraft, diesen durchsetzen zu wollen. Walter öffnet die Augen, um die Uhrzeit mit der Position in seinem Navigationssystem zu vergleichen und zu ĂŒberprĂŒfen, ob er langsamer oder schneller fahren mĂŒsste.

Als sich seine Augen langsam öffnen, quillt zwischen seine Lieder zuerst ein unscharfer weintraubenroter Fetzen in der Ferne, der jedoch rasch von mehreren grell-roten und orange-blinkenden Lichten ĂŒberstrahlt wird. Zu spĂ€t erkennt er die Situation, zu spĂ€t versteht der die Situation, zu unvorbereitet ist er fĂŒr das absolute Chaos.

Noch ehe er mit seinem Fuß die Bremse niederdrĂŒcken kann, ist sein Plan fĂŒr immer zerstört.
Aus den mit Verstand und Logik zu einem Ganzen zusammengefĂŒgten Teilen wird ein vorschöpferisches Chaos.
Mit einem lauten Knall fÀllt die Ordnung in sich zusammen.
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