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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Evelina
Eingestellt am 01. 10. 2002 23:47


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Aceta
???
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Evelina
_______


Die Stationsschwester begann zu l├Ącheln - so, wie sie oft l├Ąchelte, wenn sie ein Kind sah, das sie gut kannte.
"Hallo, Evelina" begr├╝├čte sie ein kleines M├Ądchen, das gerade an der Hand der Mutter zur T├╝r des Schwesternzimmers hereinkam.
Ich legte die Krankenakte beiseite, in die ich gerade eingetragen hatte, sp├╝rte irgendwie, da├č dieses M├Ądchen eine ganz besondere Patientin war. Sie sah uns aus ihren gro├čen, dunklen Augen aufmerksam an und sagte nichts, nickte nur schweigend zur Begr├╝├čung. Sie war ernst, bestimmt - ich merkte, da├č sie ganz anders war als alle Kinder, denen ich bisher in dieser Kinderklinik begegnet war.
"Wie alt bist denn du?" fragte ich, als ich den Blick ihrer schweigenden Augen auf mir ruhen f├╝hlte. Sie sah ihre H├Ąnde an, sehr konzentriert und zeigte mir sieben Finger - f├╝r sieben Jahre.
"Ja", die Schwester nickte und best├Ątigte, "Evelina ist jetzt sieben Jahre alt - schon ein gro├čes M├Ądchen."
Dann h├Ârte ich ihre Stimme. Leise und sehr akzentuier fragte sie: " - und wer bist du?" - meinte mich.
Ihre Augen waren unverwand auf mich gerichtet, ihr Blick schwankte nicht, wanderte nicht.
Ich nannte ihr meinen Vornamen und l├Ąchelte sie an, f├╝hlte mich sonderbar beklommen unter diesem intensiven Blick des kleinen M├Ądchens. Schwester Barbare sp├╝rte vielleicht mein Unbehagen und nahm ihre Hand.
"Sie ist unsere Studentin - ihr werdet euch bestimmt gut verstehen!"
Das M├Ądchen sah mich noch immer an - so wissend, so intensiv. Ob sie sich bereits ├╝berlegte, wie es sein w├╝rde, wenn unangenehme Dinge stattfinden w├╝rden - sie auf der einen Seite der Nadel, mich auf der anderen Seite sehend ?
"Du magst sie, nicht war?" lachte Schwester Barbara fr├Âhlich. Da huschte ein L├Ącheln ├╝ber das Gesicht des Kindes. Sie nickte pl├Âtzlich, sah mich immer noch an - und mir war, als m├╝sse ich rot werden.
Schwester Barbara ging mit Evelina an der Hand und deren Mutter davon. Wohl etwas gedankenverloren sah ich ihnen nach, da tippte die Stationsschwester mich an, forderte mich schweigend auf, ihr zu folgen und wies im Nebenzimmer auf ein Regal voller schwerer Ordner.
"Haben Sie die Akten unserer Leuk├Ąmiekinder schon gesehen?" fragte sie leise.

Ich empfand noch immer eine sonderbare Betroffenheit, sp├╝rte in mir etwas, das es mir schwer machte, zu sprechen.
Leuk├Ąmie - ich h├Ârte diese eine Wort, ahnte bereits, da├č in jeder dieser dicken Akten Lebensschicksale kleiner Kinder ruhten, ahnte nun auch bereits, was ich ├╝ber Evelina erfahren w├╝rde.
Ihr Ordner konnte die F├╝lle der Bl├Ątter kaum noch halten.
"Das ist unsere Geschichte von Evelina", sagte sie leise, sah mich an und merkte wohl, wie mir zumute war. "Lesen Sie - wie dieses Kind krank wurde, unheilbar in ihrer Heimat schlie├člich hierher geholt wurde. Lesen Sie -", sie wollte schon gehen, legte dann aber ihre Hand auf meine Hand, die nach den Steiten greifen wollte.
"Es war vor mehr als vier Jahren, als sie zum ersten Mal zu uns kam. Bereits zweimal behandelt, hatte die Krankheit sie wieder eingeholt - und in ihrer Heimat konnten sie ihr nicht mehr helfen. - aber - lesen Sie selbst ..."

Dann war ich pl├Âtzlich allein. Eine Akte vor mir liegend, einen Sto├č Papier - und im Kopf die Erinnerung an ein Paar dunkler Kinderaugen - und diese Erinnerung veranla├čte mich nun zu lesen. Ich begann zu bl├Ąttern, in Laborbefunden, Arztbriefen, Briefen an Botschaften, Briefen des F├Ârdervereines und erfuhr allm├Ąhlich, wie sehr dieses M├Ądchen mit der Kinderklinik, in der ich jetzt einen Teil meiner Ausbildung absolvierte, verbunden war. Sie galt bereits als unheilbar, da hatte unser Chefarzt alles getan, ihr eine neue Chance zu geben - es war gelungen, sie hierher zu holen und zu behandeln - es war gelungen, das todkranke Kind zu retten.

Und doch: alles, was in dieser Akte stand - sechsmal ein neuer Ausbruch der heimtückischen Krankheit, sechsmal der Kampf um ihr Leben, sechsmal der Erfolg, den die Medizin, die Ärzte und Schwestern gehabt hatten: das alles war jetzt nur noch Vergangenheit.
Ich hatte Evelina heute zum allerersten Mal gesehen. Ein kleines, blasses M├Ądchen mit unendlich gro├čen, dunklen Augen - und doch hatte ich etwas gesp├╝rt - ein Geheimnis, das mich tief ber├╝hrte. Ich war ihr zum ersten Mal in meinem Leben begegnet und w├╝rde nie wieder von ihr loskommen - ich ahnte es wohl vom ersten Augenblick an - von ihrem ersten Blick an, mit dem sie mich gefangen genommen hatte.
Ich hatte nicht wissen k├Ânnen, welch tragisches Geheimnis sie in sich trug: ich konnte nicht wissen, da├č sie totkrank war, Krebs hatte - Blutkrebs - Leuk├Ąmie. In Ihrem kleinen K├Ârper vermehrten sich r├╝cksichtslos Blutzellen, die gar nicht gebraucht wurden - sinnlos und zerst├Ârerisch und fra├čen ihr Leben auf!

Schon sechsmal war sie dem Tod nahe gewesen. Sechsmal - seit dem Ausbruch der heimt├╝ckischen Krankheit - noch bevor Evelina hatte laufen und sprechen k├Ânnen.
Jetzt kam sie wieder zu uns.
Zum siebten Mal war die Krankheit in ihrem kleinen K├Ârper. Jetzt z├Ąhlten die sechs alten Erfolge, von denen ich in der Akte lesen konnte, nicht mehr.
Evelina war wieder totkrank.

Jeden Morgen, bei Dienstbeginn, wenn ich auf die Station kam um im Arztzimmer die R├Ântgenbilder f├╝r die Morgenbesprechung zu holen, dann mu├čte ich an dem Zimmer vorbei, wo Evelina lag. Durch die offene T├╝re sah ich sie, ihr ernstes Gesicht mit diesen gro├čen, dunklen Augen.
Wenn sie mich erkannte, ich ihr morgens zuwinktedann huschte ein kleines L├Ącheln ├╝ber ihre Z├╝ge - und jeden Morgen auf's neue machte mich das befangen!
Manchmal weinte sie, wenn ich zu ihr kam, oft hatte sie Angst, wenn sie Spritzen in meinen H├Ąnden sah. Dann spielten wir miteinander. Evelina hatte einen kleinen, abgewetzten Teddy, den sie niemals weggab, den niemand nehmen durfte - den sie besch├╝tzte. Doch einmal erkl├Ąrte sie mir, der Teddy sei auch krank. Er brauche auch eine Spritze.
"Du, Evelina - dann mu├č ich den Teddy aber erst einmal untersuchen, damit ich ihm auch die richtige Spritze geben kann!"
Einen Moment lang z├Âgerte sie. Dann nickte sie schlie├člich und hielt mir - so selbstverst├Ąndlich - den Teddy hin. Ich nahm ihn und streichelte seinen Kopf.
"Wo tut es denn weh?" fragte ich.
"Da!" Evelina zeigte auf den Bauch des Teddys.
"So -", sagte ich. Vorsichtig ber├╝hrte ich den Teddy am Bauch und ├╝berlegte mir zugleich, da├č Evelina selbst sicherlich diese Schmerzen hatte ... Schmerzen, von denen Sie mir erz├Ąhlte, derTeddy h├Ątte sie.
"Du, Evelina", erkl├Ąrte ich, "wahrscheinlich ist der Teddy krank! - Jetzt mu├č ich ihm eine Spritze geben, damit er wieder gesund werden kann!"
Ihre Augen flackerten.
"Sieh' mal - der Teddy hat jetzt bestimmt Angst!" sagte ich. "Du kennst das doch schon, mit diesen Spritzen ... da kannst du ihn doch bestimmt tr├Âsten?"

Nein - ich sagte nicht, es werde gar nicht weh tun: Jeder Einstich, jede Spritze, jede Blutentnahme tut weh - und jede Ma├čnahme - selbst wenn sie nicht weh t├Ąte: sie weckt Angst, es k├Ânnte weh tun.
Schweigend sah das kleine M├Ądchen zu, als ich dem Teddy mit der Nadel in den Stoffarm stach. Es war die Spritze, mit der ich ihr selbst zuvor ein Medikament gegeben hatte. Als ich fertig war, sah ich Evelina ernst an. Erwartungsvoll sah sie in meine Augen. Dann nahm sie schweigend ihren Teddy und dr├╝ckte ihn ganz, ganz fest ...

Nein - das habe ich niemandem erz├Ąhlt: als ich mit dieser gebrauchten Spritze dem Teddy eine Spritze gab, habe ich mich selbst getroffen. Es war eine ganz d├╝nne Nadel - es hat auch gar nicht weh getan. Ich habe es gerade einmal bemerkt ...
Viele Monate sp├Ąter habe ich erfahren: damit hatte ich mich infiziert.
Evelina hatte eine gef├Ąhrliche Leberkrankheit - und dieser kleine Stich reichte aus, ihre Krankheit auch zu meiner zu machen. Sie schlummert bis heute in mir - Verm├Ąchtnis von Evelina - nicht gewollt, nicht ihre Schuld ...

Immer seltener sah ich Evelina in den n├Ąchsten Wochen mit dem Teddy spielen. Immer ├Âfter, wenn ich an ihrem Zimmer vorbei kam, lag sie einfach still da.
Manchmal, wenn sie mich sah, l├Ąchelte sie noch. Oft war ihr Blick sehr ernst. Ihre Augen schienen noch tiefer, noch dunkler geworden. Dann, eines morgens, war das Zimmer geschlossen.
"Sie hat heute Nacht Blut erbrochen." fl├╝sterte die Schwester und sah mich nicht an. "Evelina will nicht mehr ..." - nebenan, in der K├╝che, h├Ârte ich jemanden weinen.
Es war das siebte Mal - und die Medikamente wirkten alle nicht mehr - die Krankheit breitete sich immer weiter aus - und es gab nichts mehr, der kleinen Evelina zu helfen.

Ich war da, als Evelina starb.
Es war nicht zum ersten Mal, da├č ich einen Menschen sterben sah. Aber sie war das erste Kind, dessen Tod ich miterleben mu├čte, und sie war mir zutiefst ans Herz gewachsen.

In meinem K├Ârper bleibt die Erinnerung an sie - sowieso ... "serologische Narbe" nennen sie es nach meiner Infektion mit dieser Nadel.

Sonst in meiner Erinnerung bleiben ihre gro├čen, dunklen Augen: Ich werde sie nie vergessen, ihr so seltsam ernstes L├Ącheln, mit dem sie mich immer wieder begr├╝├čt hatte ... und das sonderbare Gef├╝hl, das mich gleich bei unserer ersten Begegnung beschlichen - und nie wieder verlassen hat. -
Sie lebt - in meiner Erinnerung - in mir - mit mir -

Evelina -
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Stella
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Puh....heftige, traurige Geschichte!
Aber gut geschrieben!

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Aceta
???
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Hi Stella -

lieben Dank! - Es war m├Âglicherweise keine Episode, sondern ein Meilenstein in meinem Leben. Die Erinnerung an dieses M├Ądchen lebendig zu halten, habe ich mir damals vorgenommen, Teil meines Lebens geworden ...

Aceta
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hera
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Hallo Aceta!

Dein Beitrag geht auch mir sehr zu Herzen.
Du dr├╝ckst deine Betroffenheit, aber auch die Hilflosigkeit sehr gut aus.
Der Kampf gegen diese heimt├╝ckische Krankheit ist so unendlich schwer.

Tsch├╝ssie, hera

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Aceta
???
Registriert: Apr 2002

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Hallo Hera,

danke f├╝r den Kommentar - und daf├╝r, es f├╝r einige Stunden in die "Bestenliste" geschickt zu haben.
*l├Ąchel*

Aceta

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Stoffel
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Ja, eine sehr traurige Geschichte.
Eine meiner Freundinnen starb mit 26 an dieser Krankheit. Tut immer noch weh, wenn auch schon so lange her.

Gute Nacht
Stoffel

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