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Leselupe.de > Science Fiction
Feindbild
Eingestellt am 24. 07. 2005 17:58


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Amadis
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Wir saßen hier fest. Das war uns allen spätestens in dem Moment klar, als wir den Funkkontakt zum Dropper verloren. Einige Minuten vorher hatte Bushman, der Kommandant des Droppers, das Eintreffen einer feindlichen Zerstörerflottille gemeldet.

Ich schaute in die Gesichter meiner Kameraden und sah dort das Spiegelbild meiner eigenen Gemütslage. Die Befehle für diesen Fall waren klar: eine geeignete Stellung suchen, eingraben und auf Verstärkung warten. Der letzte Teil dieses Befehls hätte auch ‚das Beste hoffen’ lauten können. Alles in allem war das leichter gesagt als getan.

Wir waren schon unter Feuer geraten, als wir den Lander verließen – nein, eigentlich hatten die Jerks gewartet, bis wir alle im Freien waren und uns dann systematisch vom Lander abgedrängt. Die Mistkerle waren zahlenmäßig so überlegen, dass wir keine Chance hatten, das Landeshuttle wieder zu erreichen. Wir zogen uns in den nahen Dschungel zurück und verloren dadurch einen guten Teil unserer Nahrungsvorräte. Schwerer wog der Verlust der Vits. Die Vitaminpräparate waren als Nahrungsergänzung ein inzwischen unverzichtbarer Bestandteil der Ernährung jedes Marines. Die Leistungsfähigkeit des Einzelnen wurde durch die Vits erheblich gesteigert. Man konnte länger wach bleiben und fühlte sich insgesamt deutlich besser. Ein Absetzen des Präparates über längere Zeit allerdings hatte starke Mangelerscheinungen zur Folge, die im Extremfall zum Tod führen konnten.

Witterung und Klima auf dieser vertrackten Welt trugen nicht eben zur Verbesserung unserer Stimmung bei. Es regnete eigentlich ständig und wir hatten schon nach einer halben Stunde keinen trockenen Faden mehr am Körper.

Jolan 2 – nach Berichten unserer Aufklärer existierte hier eine Brutstation der Jerks, deren Vernichtung unser Ziel war. Diese verdammten Jerks! Warum mussten sie ihre Stützpunkte immer auf diesen gottverlassenen Dschungelwelten errichten?

Seit der Krieg gegen die Jerks vor über fünf Jahren begonnen hatte, war der Einsatz auf verregneten Dschungelplaneten unser täglich Brot – wenn wir nicht ewige Tage und Wochen in Bases oder Droppern auf Abruf saßen. Die echsenähnlichen Jerks hatten damals eine unserer Kolonien überfallen und auf brutale Art und Weise alle dort lebenden Kolonisten – Männer, Frauen und Kinder – getötet. Bis heute hatten wir keine Ahnung, woher diese Bastarde kamen oder warum sie uns angegriffen hatten. Jeder Versuch der Kommunikation war bisher gescheitert. Trafen wir auf Jerks, sprachen nur die Waffen.

Lieutenant Bender riss mich aus meinen Gedanken.
„Na gut“, begann er und schaute in die Runde. „Es scheint so, als wären wir vorerst auf uns selbst gestellt. Moretti konnte noch keinen Kontakt zu einer der anderen Landegruppen aufnehmen. Wir müssen also davon ausgehen, dass es die Jungs nicht geschafft haben.“
Rundum gab es betretene Gesichter.

Bender wischte sich kurz mit der Hand über sein Jungengesicht, das durch eine etwa zehn Zentimeter lange, diagonal verlaufende Narbe „etwas Charakter bekam“, wie er es selbst auszudrücken pflegte.

„Nach unseren Plänen befindet sich die Brutstation etwa zwölf Meilen südöstlich von hier. Wir werden uns also in dieser Richtung in Bewegung setzen und einen geeigneten Platz für unseren Stützpunkt suchen.“
Zwölf Meilen! Das bedeutete in diesem Dschungel leicht zwei oder mehr Tagesmärsche. Und das mit rationierten Vits!
„Es wird euch sicher nicht entgangen sein“, fuhr Bender fort, als hätte er meine Gedanken gelesen. „dass wir einen Teil unserer Vorräte im Lander zurück lassen mussten. Es ist daher nötig, dass wir die Vits rationieren. Immerhin wissen wir nicht, wann wir mit Nachschub rechnen können. Teilt euch also das Zeug ein, auch wenn’s schwer fällt!“

*


Drei Tage später ...
Wir hatten unser Lager inmitten einer Gruppe von Urwaldriesen aufgeschlagen, die uns nach allen Seiten wenigstens etwas Deckung gaben. Auf Jerks waren wir merkwürdigerweise in den letzten Tagen nicht gestoßen – ich klopfte gedanklich auf Holz bei dieser Überlegung, während ich mir eine Ration Vits injizierte. Ich fühlte mich fast augenblicklich besser. Immerhin hatte ich die letzten beiden Tagesrationen über drei Tage gestreckt und es machten sich schon die ersten Mangelerscheinungen bemerkbar. Das leichte Zittern meiner Hände verschwand und auch die allgegenwärtige Nässe machte mir jetzt weniger aus. Zwei Ampullen befanden sich noch in dem kleinen Metallkästchen, das ich wieder sorgfältig in meinem Back verstaute.

Wie aus dem Boden gewachsen stand plötzlich Lieutenant Bender vor mir.
„Ich brauche sie, Paul“, sagte er. Wir alle sprachen unwillkürlich leiser, seit wir uns in unmittelbarer Nähe der Jerk-Station befanden.
„Natürlich, Lieutenant!“, gab ich zurück, während ich aufstand.
„Nehmen sie sich drei Leute und schauen sie sich etwas bei der Station um, Sergeant!“
„Ja, Sir!“ Alles war besser, als hier tatenlos herumzuliegen.
„Dass sie vorsichtig sein sollen, muss ich ihnen nicht sagen!“
Ich grinste.
„Nein, Lieutenant, wir sehen uns vor!“
„Lopez, Shernak, Wallace!“ Ich winkte die drei Marines heran. „Wir nehmen die Station unter die Lupe. Nur leichtes Gepäck, die Backs bleiben hier.“

Nachdem wir eine Stunde lang vorsichtig durch den Dschungel marschiert waren, erkannten wir, dass sich vor uns die Bäume lichteten. Ab jetzt galt erhöhte Alarmbereitschaft. Wir gingen am Rande der Lichtung in Stellung, in deren Mitte die Brutstation wie eine fette, schwarze Spinne in ihrem Netz thronte. Die Vorliebe der Jerks für schwarze Gebäude war mir ebenso zuwider wie die Auswahl, die sie bezüglich ihrer Basisplaneten trafen – und wie die Jerks selbst!

Die Lichtung hatte einen Durchmesser von über einem Kilometer und bot nur wenig Deckung. Ich nahm mein elektronisches Binoc heraus und gönnte mir einen näheren Blick auf die vor uns liegende Anlage. Neben mir keuchte Dan Shernak.
„Siehst du etwas, Serge?“, erkundigte er sich.
„Wenn du Jerks meinst, dann nein. Scheint so, als ob sie sich alle drinnen aufhalten.“
„Kein Wunder bei dem Sauwetter“, brummte Shernak.
Ich winkte Lopez und Wallace heran. Sherina Lopez strich sich ihre widerspenstigen schwarzen Locken aus der Stirn.
„Viel näher gehen wir heute nicht heran. Wir schauen uns das Ganze noch von der anderen Seite an und erstatten dann dem Lieutenant Bericht. Dass sich niemand jenseits der Baumlinie blicken lässt!“

*


Fünf Tage später ...

Vor meinen Augen flimmerte es, als ich aus dem leichten Schlummer erwachte, in den ich vor ... wann eigentlich? ... gefallen war. Vor zwei Tagen hatte ich mir die letzte Dosis Vits injiziert. Inzwischen waren die Mangelerscheinungen so stark, dass ich kaum noch zu klarem Denken in der Lage war. Ein ständiger ziehender Schmerz hatte sich in meiner Magengegend eingenistet, fraß sich durch meine Eingeweide.

Für einen Moment erschien es mir, als würde sich der feuchtwarme Dschungel in einen sonnendurchfluteten Laubwald verwandeln, als wäre der ewige Regen verschwunden und der faulige Geruch des vermodernden Unterholzes hätte dem Duft von Frühlingsblumen Platz gemacht. Direkt vor meinen Augen war ein sechsbeiniges, echsenartiges Geschöpf gerade dabei, ein Insekt zu verspeisen, das seiner klebrigen Zunge zu nahe gekommen war. Das waren natürlich Halluzinationen, eine typische Mangelerscheinung. Mühsam richtete ich mich auf. Echse und Insekt waren verschwunden. An ihrer Stelle ragte ein modriges, von Moos überzogenes Astende aus dem feuchten Urwaldboden.

Den anderen ging es nicht besser als mir. Wir hatten die Lage in den vergangenen Tagen gründlich erkundet und waren zu dem Schluss gekommen, dass wir keine Chance hatten, die Brutstation der Jerks anzugreifen. Auf dem freien Feld hätten uns die Echsen wie Zielscheiben zusammen geschossen. So hofften wir auf Verstärkung, auf das Eintreffen frischer Truppen – und auf das Eintreffen frischer Vit-Rationen! Ein Spähtrupp hatte festgestellt, dass unser Lander von den Jerks zerstört worden war. Von dort war also auch kein Nachschub mehr zu erwarten.

„Es ist schön hier!“, stammelte Lopez. Ihre schwarzen Locken hingen ihr wirr und feucht ins Gesicht und ihre Augen hatten einen abwesenden Ausdruck. „Seht ihr nicht, wie schön es hier ist?“ Sie schaute in die Runde, aber ich war sicher, dass sie uns kaum wahrnahm.

Ich wankte zu Lieutenant Bender hinĂĽber.
„Wir müssen etwas unternehmen, Sir!“
Er schaute mich aus blutunterlaufenen Augen an und nickte matt. Dann stand er mĂĽhsam auf.

*


Wir brauchten ĂĽber zwei Stunden fĂĽr den Weg zur Lichtung. Nachdem wir uns eine Weile ausgeruht hatten, rief uns der Lieutenant zusammen.

Ich warf einen kurzen Blick hinüber zur Brutstation. Plötzlich schien es mir, als würde ich eine Ansammlung von Kolonistenhäusern sehen, die sich auf einer wunderschönen Waldlichtung aneinander drängten. Rundherum gab es Felder, die allerdings einen wilden, ungepflegten Eindruck machten, als habe man sie lange vernachlässigt. Warmer Sonnenschein lag über der Lichtung. Ich schüttelte den Kopf, schloss die Augen und versuchte, das Trugbild zu vertreiben. Als ich sie wieder öffnete, sah ich durch den Regen das gewohnte Bild der spinnenartigen Brutstation der Jerks. Wir hatten nicht mehr viel Zeit!

Bender teilte uns in zwei Gruppen ein, die aus unterschiedlichen Richtungen auf die Station vorrücken sollten. Ich warf einen Blick in die Runde. Was ich sah, erschreckte mich zutiefst: die Marines standen mit hängenden Schultern und tief liegenden Augen im Kreis. Einige mussten von ihren Kameraden gestützt werden. Lopez schien wieder einigermaßen klar zu sein. Sie schaffte es sogar, mich anzulächeln. Dan Shernak machte den Eindruck, als würde er jeden Moment zusammenbrechen.

„Sergeant, sie übernehmen die erste Gruppe“, wandte sich Bender an mich. „Warten sie hier, bis sie mein Signal von der anderen Seite der Lichtung bekommen. Es kann eine Weile dauern, bis wir dort sind.“ Er verzog sein Gesicht zur Karikatur eines Lächelns. Seine Narbe glänzte bläulich.

Ich nickte ihm zu, bevor er mit seiner Gruppe zwischen den BĂĽschen verschwand.

*


Greller Sonnenschein in meinem Gesicht weckte mich. Ich schreckte hoch und schaute mich um. Der Waldrand war in ein goldenes Licht getaucht, das die inzwischen tief stehende Sonne durch die Zweige der niedrigen Bäume warf. Um mich herum lagen die Mitglieder meiner Gruppe. Insekten summten um blühende Blumen. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass ich offenbar schon wieder mitten in einer Halluzination steckte.

Das Signal meines Handgelenk-Coms beendete diesmal das Trugbild. Lieutenant Bender meldete sich. Das Tageslicht neigte sich dem Ende entgegen, nicht, dass das auf dieser Welt einen groĂźen Unterschied machte.
„Bender an Hassler, melden Sie sich, Serge!“ Die Stimme des Lieutenants klang krächzend.
„Hassler hier, Sir“, bestätigte ich.
„Es geht los, Sergeant“, teilte Bender mit. „Wie ist der Zustand ihrer Leute?“
„Ziemlich schlecht, Sir“, antwortete ich mit einem Blick auf die Jammergestalten, die einmal Elitesoldaten gewesen waren.
„Dann wollen wir hoffen, dass diese Bastarde unsere Vits hierher gebracht haben. Bender Ende!“
„Ende.“ Ich schaltete das Com ab.
Dass die Jerks unsere Vits aus dem Lander geholt und in die Station gebracht hatten, bevor sie das Landungsfahrzeug zerstörten, hielt ich für wenig wahrscheinlich. Die Echsen konnten mit dem Präparat nichts anfangen. Trotzdem war es unsere einzige Chance, morgen noch am Leben zu sein!

Es war inzwischen dämmrig geworden. Ich ging von einem zum anderen und sprach ein paar aufmunternde Worte. Lopez war sehr schwach, zwang sich aber auf die Beine.
In breiter Formation gingen wir geduckt in Richtung der Station vor. Nach etwa der Hälfte der Strecke brach Lopez zusammen, kurze Zeit später auch Simms. Wir konnten uns nicht um sie kümmern, versprachen, später zurück zu kommen – falls wir dazu noch in der Lage waren.

Meine Beine waren bleischwer und ich schwitzte unter den warmen Strahlen der tief stehenden Sonne. Ich blieb stehen und schaute mich um. Ich stand inmitten eines Feldes, auf dem irgendetwas eingesät worden war, das sich gerade seinen Weg durch die Krume bahnte. Die kleinen Pflänzchen wirkten zart und verletzlich.
Mir wurde erst nach einer Weile bewusst, dass ich hoch aufgerichtet und ohne Deckung dastand. Damit war die Halluzination wieder vorbei. Ich warf mich schwer atmend auf den feuchten Boden und drehte mich auf den Rücken. Der Regen prasselte auf mein Gesicht, kühlte meine fieberheiße Stirn. Warum hatten uns die Jerks noch nicht entdeckt? Wir waren eigentlich nicht zu übersehen: vierundzwanzig – nein zweiundzwanzig – wankende Gestalten, die sich in eindeutiger Absicht auf ihre Brutstation zu bewegten.
Ich gab das Kommando zum Weitergehen. Zwei meiner Leute blieben auf dem feuchten Boden liegen. Wer es war, konnte ich nicht erkennen. Die Gedanken waren inzwischen vollkommen ausgeschaltet. Ich lief automatisch, wie ferngesteuert.

Plötzlich tauchte vor mir eine Gestalt auf. Mein verschleierter Blick identifizierte einen Jerk, der gerade auf mich anlegte. Ich ließ mich instinktiv fallen und riss den Blaster nach oben. Mein Schuss traf den Echsenabkömmling mitten in die Brust und riss ihn einige Meter nach hinten, wo er regungslos liegen blieb. Dann war um mich herum die Hölle los. Schüsse fielen, einer meiner Leute stürzte reglos zu Boden. Eine Gruppe von Jerks stand da, hinter ihnen die untergehende Sonne, was mir das Zielen erschwerte. Ich kniff die Augen zusammen und rollte mich nach rechts, um ihrem Feuer auszuweichen. Dann drückte ich den Abzug. Wieder riss es eine der Echsen von den Beinen. Ich hörte Wallace schreien, hatte aber keine Zeit, mich nach ihm umzuschauen. Meine Augen tränten, weil ich beständig gegen die Sonne zielen musste. Dieses verdammte Trugbild!

Ich sprang auf und versuchte, im Zickzack auf die Station zuzulaufen. Aber die Station war nicht mehr da. Da waren wieder die Kolonistenhäuser im Licht der untergehenden Sonne. Etwas streifte meinen rechten Arm und ein heißer Schmerz drang durch die Watte, die sich um mein Gehirn gelegt hatte.

Eine Gestalt stellte sich mir in den Weg. Ich legte auf den Jerk an aber – es war eine Frau, eine junge Frau mit angstverzerrtem Gesicht, die einen Arm hob, um meinen Angriff auf diese untaugliche Art abzuwehren! Dann war es wieder ein Jerk, der sich bückte, um seine Waffe aufzuheben – und dann wieder die junge Frau!

„Es ist nur eine Halluzination“, versuchte ich mir einzureden. Ich blinzelte mehrmals, aber diesmal konnte ich das Trugbild nicht vertreiben. Die Frau war vor Angst erstarrt zu Boden gesunken und schaute zu mir auf. Ich bemerkte, dass ich immer noch meine Waffe im Anschlag hatte. Langsam ließ ich den Blaster sinken. Den um mich herum immer noch tobenden Kampf nahm ich kaum noch wahr.

Was geschah hier? Wo war die Station der Jerks und wie kamen die Menschen hierher?
Wallace tauchte neben mir auf und rief mich in die Realität – welche Realität? – zurück. Blut lief aus einer Oberschenkelwunde an seinem rechten Bein hinunter und er hinkte stark.
„Schießen sie doch, Serge! Pusten sie den Bastard weg!“, schrie er und legte auf die Frau an, die einen schrillen Angstschrei ausstieß und versuchte, auf allen Vieren ihrem Schicksal zu entgehen. Im letzten Moment schlug ich den Blaster des Mannes zur Seite. Der Schuss schlug in die Wand eines Hauses ein, das sofort zu brennen begann.
Mein Kopf dröhnte, aber ich wurde allmählich einigermaßen klar. Mir war furchtbar übel und meine Knie zitterten. Ich schaute mich um. Einige meiner Leute lagen verletzt oder tot am Boden. Dazwischen immer wieder Menschen in Zivilkleidung. Andere Menschen, mit altmodischen Projektilwaffen ausgestattet, manche sogar mit Macheten bewaffnet, wehrten sich gegen die angreifenden Marines. Von Jerks war weit und breit keine Spur geschweige denn von einer Brutstation.
„Feuer einstellen!“, krächzte ich. Viel zu leise! Ich räusperte mich einige Male. „Feuer einstellen! Stellt sofort das Feuer ein!“

Die Soldaten schauten mich verwundert an, senkten aber die Waffen. Auch die Zivilisten drehten sich erstaunt zu mir um. Die Frau, auf die Wallace hatte schieĂźen wollen, war inzwischen aufgestanden. Sie trug wie die meisten anderen Zivilisten einfache Kleidung aus Leinenstoff. Die Menschen wirkten abgezehrt und mĂĽde. Wie ich mit einem schnellen Blick feststellte, sahen unsere Marines noch schlimmer aus.

Zwischen den Häusern erschienen weitere Soldaten, an ihrer Spitze Lieutenant Bender. Er schien genauso ratlos wie alle anderen.
„Was ist eigentlich hier los, Serge?“, fragte er mit matter Stimme.
„Ich habe nicht die geringste Ahnung, Sir“, gab ich zu.
„Offensichtlich ist, dass es hier keine Jerks gibt“, meinte der Lieutenant.
Ein älterer Mann hatte sich ihnen zögernd genähert. In seinen Händen hielt er einen altmodischen Karabiner.
„Was sind Jerks?“, fragte er und schaute die beiden Soldaten fragend an.
„Sie kennen doch die Jerks, diese Echsentypen, die uns seit fünf Jahren die Hölle heiß machen. Wir haben den Auftrag, die Jerk-Station auf diesem Planeten zu zerstören.“

Der Mann schĂĽttelte den Kopf.
„Ich habe noch nie von Jerks gehört und hier gibt es unter Garantie keine Station und auch keine Echsen.“
Die junge Frau nickte.
„Hier gibt es nur eine Agrarkolonie, die versucht, auf die Beine zu kommen. Ein paar kleine Orte wie diesen mit einfachen Menschen, die nur in Ruhe leben wollen. Nachdem wir uns geweigert hatten, die viel zu hohen Steuern an die Administration zu zahlen und der Liga der freien Welten beitraten, fielen plötzlich Truppen über uns her. Sie haben bereits unsere Hauptstadt und fünf Ansiedlungen zerstört und sämtliche Bewohner getötet. Die Soldaten gingen dabei mit größter Brutalität vor.“
„Die Liga versucht, uns mit ihrer kleinen Flotte veralteter Raumschiffe zu beschützen, aber sie können nicht überall sein. Außerdem gibt es eine kleine Garnison mit Liga-Truppen nicht weit von hier.“ Der alte Mann deutete grob in die Richtung, wo die Marines vor einigen Tagen – oder war es Wochen her? – gelandet waren.
„Seit wann gibt es diese Liga?“, erkundigte sich Bender. In mir keimte ein furchtbarer Verdacht auf.
„Ich glaube, seit etwa sechs Jahren“, gab die junge Frau Auskunft.
Bender nickte langsam. Er schien die gleichen Gedanken zu haben, die mir gekommen waren. Fast in Zeitlupe sank der Offizier an der Wand eines Gebäudes entlang zu Boden. Ich setzte mich neben ihn. In meinem Mund entstand ein bitterer Geschmack. Ich schaute den Lieutenant an. Bender nickte.
„Diese verdammten Schweine!“, murmelte er noch, dann wurde er ohnmächtig.

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MDSpinoza
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Das ist eine unkonventionelle Idee, die vielleicht etwas ausführlicher erzählt werden könnte, gefällt mir aber auch schon so. "9"!
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Amadis
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hallo

naja, ich habe diesen umfang schon absichtlich gewählt. hätte ich die vorgeschichte weiter ausgebreitet, wäre das ganze zu einer actionlastigen kriegsgeschichte geworden. das wollte ich auf jeden fall vermeiden. daher sollten kampfhandlungen nicht die hauptrolle spielen und ich wollte einigermaßen zügig zur eigentlichen aussage der story hin führen.

eine weitere ausarbeitung der schlussaussage wollte ich der phantasie des lesers überlassen. ich hatte zunächst einen ausführlichen schluss, wo sich die soldaten über die wirkliche natur ihrer vitaminpräparate und deren auswirkungen eingehend unterhalten. aber ich denke, diese natur wird auch durch die vorgeschichte mit den nebenwirkungen (entzugserscheinungen) klar - und der leser soll ja auch nicht für dumm erklärt werden, indem man ihm alles, was er auch aus der geschichte schließen kann, vorkaut.

danke fĂĽr deinen kommentar und viele grĂĽĂźe
amadis

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Mazirian
???
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Hallo Amadis,

stilistisch und handwerklich auch wieder sehr angenehm zu lesen.
Allerdings hab ich hier ein paar Probleme mit der Logik (vorausgesetzt, ich habe alles richtig verstanden):

1. Soldaten (und erst recht Spezialeinheiten) muss man keine Psychopharmaka geben, damit sie auf die eigenen Leute schießen. Das tun sie schon auf Befehl und zwar recht zuverlässig, wie die Geschichte zeigt.

2. Wenn man Steuersünder totschießt, kriegt man erst recht keine Steuern mehr von ihnen. Als statuiertes Exempel vielleicht, aber den Text hab ich so verstanden, als wenn sie planmäßig ausgerottet werden.

3. Ältere Baureihe hin oder her. Ausgebildete Leute würden ein älteres Schiff irdischer Bauart mit Sicherheit erkennen. Und die bordeigene Feinderkennung auch. Aber gut, die könnte natürlich in die Täuschung eingebunden sein.

4. Vielleicht wäre es gut, noch ein wenig auf die Art der Konditionierung einzugehen - aber natürlich zerschießt du damit die Pointe . Warum z.B. sehen die Marines keine Jerks, wenn sie in den Spiegel gucken?

schönen Gruß

Achim
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Es ist alles schon gesagt worden - nur noch nicht von jedem (Karl Valentin)

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MDSpinoza
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Zur Antwort auf die letzte Frage empfehle ich das Buch: "Die blinde Frau die sehen kann" von Vilaynur S. Ramachandran und Sandra Blakeslee.
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Amadis
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hallo achim,

danke fĂĽr deine anmerkungen.

zu 1. hm, vielleicht glaube ich doch noch an das gute im soldaten (menschen) ??!!??

zu 2. wann haben militärbefehlshaber bzw. politiker schonmal logisch gehandelt? man argumentiert doch dann gewöhnlich, dass ein brutal genug statuiertes exempel andere zum einlenken bewegen kann. außerdem geht es nicht eigentlich um die steuern, sondern eher darum, dass sich die kolonialplaneten der liga angeschlossen haben.

zu 3. die frage hast du ja eigentlich schon selbst beantwortet :-). entweder ich mache es richtig, also in allen bereichen, oder ich lasse es sein.

zu 4. tja, wie das genau funktioniert? keine ahnung, ehrlich gesagt. ich denke, es gibt gerade in der sf einige dinge, die man einfach als gegeben hinnehmen muss. wer fragt schon, wie der überlichtflug wirklich funktioniert oder die zeitmaschine? derartige technische errungenschaften werden als gegeben und "wird schon irgendwie funktionieren" hingenommen, der mensch selbst, der viel leichter zu beeinflussen ist als die naturgesetze, nicht. wie eine derartige "selektive" konditionierung funktionieren soll (es wäre ja nicht nur der spiegel, sondern auch die kameraden; die soldaten sehen und fühlen regen, wo keiner ist usw.) kann ich nicht sagen. nach heutiger sicht ist das sicher nicht möglich - genausowenig wie überlichtflug und zeitreise ;-).

nochmal danke und gruĂź
amadis

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