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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Gavdos, die Freunde Russlands
Eingestellt am 20. 09. 2019 16:08


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Hudriwurz
Festzeitungsschreiber
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9/2019

Hudriwurz (Emanuel W. Kury


◊ ◊ ◊ ◊ ◊


    Bohnensuppe, ein StĂŒck Brot. Das Brot ist hart und die Suppe dĂŒnn. Seit einer Ewigkeit fĂŒhlt Ivan im UntersuchungsgefĂ€ngnis zu sein und er beginnt zu verzweifeln.
    Es ist nicht das erste Mal, dass er nach einer Demo im Sug landet, aber diesmal dauert es schon verdammt lange. Mindestens vier Wochen hat ihm das Regime wieder aus seinem Leben geschnitten. Vier Wochen ohne frischer Luft und Sonnenlicht. Ivan kennt niemanden seiner Zellengenossen und er erinnert sich nicht, einen davon bei der Demo gesehen zu haben. Es sind Verbrecher klassischer Zunft und Zugehörigkeit: Mörder, RĂ€uber, KinderschĂ€nder, Vergewaltiger. Es ist wohl beabsichtigt, Demonstrationsteilnehmer nicht in die selben Zellen zu sperren.
    Weder seine Freundin Nastasya, noch RechtsanwĂ€lte dĂŒrfen Ivan besuchen. Nachdenken ist alles, womit er sich die Zeit vertreiben kann und es reift der Entschluss in ihm, ausbrechen zu wollen. Resignation; Ivan will nicht mehr, dass ihm seine Zeit gestohlen wird. Das System hat gewonnen; ihn besiegt. Einfach raus hier und das Schiff, das auf kurz oder lang sinken muß, einfach verlassen.
    â€șthis can‘t be my business.â€č Ivan gibt auf und plötzlich springt die ZellentĂŒr auf. Sie holen Ivan und nach dem ĂŒblichen, kurzen Verhör darf er gehen.



◊ ◊ ◊


    Frei zu sein ist gut, aber wenn man im Augenwinkel sieht, wie das Recht auf friedliches Zusammenleben mit polizeilicher WillkĂŒr vermiest wird; wenn die einfachsten Dinge nicht ohne Schmiergeld funktionieren, schwindet der Patriotismus und der Geschmack im Mund wird bitter.
    Ivan und Nastasya sehen sich zum ersten Mal seit einem Monat wieder. Traute Zweisamkeit und hungriger Sex.
    »Wir mĂŒssen hier weg.« meint Ivan, an seiner Zigarette saugend.
    »was meinst Du, Ivan?« stammelt Nastasya, die ihm die Zigarette aus der Hand nimmt und ebenfalls daran zieht.
    »Ich will hier nichtmehr sein, Nastasya. Ich gebe auf. Ich will mein Leben nicht in einem russischen Kerker vertun. Diesmal hatte ich einen Monat lang kein Tageslicht mehr gesehen. Was wird als nĂ€chstes sein? Lohnt sich das?«
    Nastasya war etwas ĂŒberrascht. So kannte sie Ivan nicht. â€șwarum gab Ivan jetzt auf?â€č verstört fragte sie sich nach seinen BeweggrĂŒnden. Es war ja nicht das erste Mal gewesen, dass er nach einer Demo im GefĂ€ngnis gelandet war. Das es nicht leicht werden wĂŒrde, gegen den Apparat anzukĂ€mpfen, war immer klar gewesen, aber jetzt alle BemĂŒhungen verwerfen? Dem Regime Recht geben und den Schwanz einfach einziehen? Das gefiel Nastasya nicht.
    »Wir mĂŒssen hier weg, Nastasya. Unser beider Leben ist zu kurz fĂŒr diesen Kampf. Das ist erst der Anfang! Niemand will und kann uns dabei helfen. Siehst Du das nicht?« Ivans Stimme klingt resigniert.
    »Ich will am Abend Boris und Anna treffen. Ich hoffe, sie sind nicht mehr im Suk. Weißt Du was darĂŒber?«
    Nastasya schĂŒttelt den Kopf. »Ich rufe sie gleich an.«
Sie erreicht niemanden. In der Bar, in der sich Ivan immer mit seinen Freunden trifft, finden sie schließlich Boris, Anna und den Rest der Gruppe. Boris trĂ€gt einen Verband am Kopf und Anna erzĂ€hlt von einer Straßenschlacht, in die er und Olek bei der Demo verwickelt waren. Er, Dimitri, Olek und Katjuscha waren dann ebenfalls fĂŒr drei Wochen im Suk abgetaucht und erst seit wenigen Tagen wieder frei.
    Die Stimmung in der Runde ist sehr gedrĂŒckt und energielos. Es scheint, als hĂ€tte jeder fĂŒr sich vor der Übermacht resigniert.
    Nastasya blickt durch die Runde und erkennt, daß der Haufen noch nie zuvor einen dermaßen niedergeschlagenen Eindruck auf sie gemacht hatte. Irgendwas außergewöhnliches muß sich bei der Demonstration abgespielt haben, bei der sie nicht dabei war. Sie war jetzt froh darĂŒber, wenn sie durch die Reihen blickte, daß sie just an jenem Abend einen wichtigen Termin an der Uni gehabt hatte.
    »Leute, wir mĂŒssen hier weg. Das bringt so nichts. Wenn ich noch eine Nacht im Suk verbringen muß, raste ich aus und das ist erst der Anfang.« Ivan durchbricht die Schweigsamkeit am Tisch und beginnt, von seinen PlĂ€nen zu erzĂ€hlen.
    »Ich habe gehört, dass sie einige Leute nach Sibirien verlegen, weil sie behaupten, zu wenig Platz in den hiesigen GefĂ€ngnissen zu haben. Stellt euch das vor! Es kann passieren, dass sie uns beim nĂ€chsten Mal in einen Zug stecken und wir die Untersuchungshaft in Sibirien absitzen mĂŒssen. Alleine die Fahrzeit betrĂ€gt dann 4 Wochen.«

    Ein dĂŒsteres Bild; eine dĂŒstere Stimmung herrscht am Tisch. Alle Anwesenden scheinen ihre Ohnmacht zu fĂŒhlen und zu resignieren.
    »Ich habe im Suk lange Zeit zum Nachdenken gehabt und ich sage euch: Wir mĂŒssen hier weg. Unser Leben ist zu kurz und kostbar, um es in einem Kampf mit einem ĂŒbermĂ€chtigen Gegner zu vertun. Ich habe eine Idee in meinem Kopf und ich erzĂ€hle sie euch, wenn ihr wollt. Ich frage euch dann, ob wir den Schritt gemeinsam machen.«
    Die AnkĂŒndigung Ivan‘s steigert die Aufmerksamkeit aller und es wird gespannt gelauscht.
    »Ich sagte es schon: Wir mĂŒssen hier weg. Ich denke wir sollten, als kleine Kolonie, weit entfernt von hier, ein neues Leben beginnen. Nach uns gefĂ€lligen Regeln und ohne Angst vor einem Apparat, der uns zermĂŒrben will. Wir stecken unsere gemeinsame Energie in etwas Produktives; in etwas sinnvolles und greifbares. In etwas, das wir mit unserer Kraft fĂŒr uns machen. Es soll unser Sein ausfĂŒllen und wir sollen glĂŒcklich sein dabei.« Ivan nippt an seinem Bierglas.
    »Bist Du im Suk zu einem SektenfĂŒhrer konvertiert, Ivan?« Meint Anna lĂ€chelnd.
    Alle in der Runde lachen, gefolgt von einem ausgedehnten Schweigen. Jeder macht sich seine Gedanken dazu und bewertet die Idee fĂŒr sich selbst.
    Es ist Dimitri, der das Wort nach einer langen Pause ergreift: »Du hast Recht, Ivan. Unser Leben ist zu kurz fĂŒr das hier. Ich bin ganz deiner Meinung. Wir dĂŒrfen nicht im Gulag verrecken ohne vorher gelebt zu haben. Wir verlieren hier nichts. Wie stellst du dir die Sache genau vor?«
    WĂ€ren die anderen Tische nicht mit aufgeregt plappernden Menschen besetzt gewesen, hĂ€tte man eine Nadel fallen hören, wĂ€re eine zu Boden gefallen. Olek bestellt eine weitere Ladung Bier und alle lauschen ganz gespannt den AusfĂŒhrungen Ivans, die erstaunlich detailliert von ihm geschildert werden.
    Nach einer ordentlichen Weile und einigen weiteren Bierrunden folgt eine lĂ€ngere Pause und Boris meint letztendlich:
    »Ich bin dabei, Ivan. Ich habe hier nichts zu verlieren und der stĂ€ndige Kampf gegen das starre Regime hat mich aufgerieben.«
    »Wenn der Ort, zu dem wir auswandern warm ist, bin ich dabei.« meint, die immer an der russischen KĂ€lte leidende, Anna. Ihre Liebe zu Boris ist auch zu groß, um ihn alleine ziehen zu lassen. Die Runde ist ausgelassen und es macht sich eine Art ˝Aufbruchsstimmung˝ breit.
    Katjuscha, Dimitri und Olek zeigen sich fĂŒr Ivans Ideen ebenfalls entflammt und lauschen gemeinsam den folgenden, detaillierten AusfĂŒhrungen Ivan‘s.

◊ ◊ ◊


    Ivan hatte sich in der GefĂ€ngniszeit viele Gedanken ĂŒber die Ausreise gemacht und genau geplant, welche Vorbereitungen zu treffen wĂ€ren. Es gab fĂŒr die ˝Freunde Russlands˝ wie sie sich fortan nannten, kaum etwas an Ivans Planungen zu kritisieren und auch kaum etwas zu ergĂ€nzen.
    Wesentlich zum Gelingen des Projektes trug die unverhoffte Erbschaft Katjuschas bei und sie nahm der ganzen Angelegenheit einiges an Stress. Katjuscha hatte sich mit ganzer Hingabe auf die Idee eingelassen und so war es fĂŒr sie klar, ihren ganzen persönlichen Besitz in die Sache zu werfen. Jeder der Teilnehmer erwartete auch Gleiches von den anderen Teilnehmern.
    So ging es dann darum, ein Ziel zu finden und recht bald war man sich einig, dass es wohl der sĂŒdlichste Punkt Europas sein sollte und die Wahl fiel damit auf die griechische Insel Gavdos.

◊ ◊ ◊


   Mit einem russischen GelĂ€ndeauto und einem Wohnmobil startet die Reise und mit jedem Tag wird die Welt bewohnbarer. Permafrost-Anna, wie Anna auch manchmal genannt wird, blĂŒht auf. Ivan erkennt, dass sie in der Heimat völlig fehl am Platz war.
    Das enge Zusammenleben im Campingbus verlangt den Teilnehmern einiges an Disziplin und RĂŒcksichtnahme ab. Es ist allen bewußt, daß Konflikte, die auftraten und nicht sinnvoll gelöst werden können, zuverlĂ€ssige Indikatoren fĂŒr das Scheitern der ganzen Mission sein wĂŒrden.
    Und so gibt es einfach keine nennenswerten Konflikte, denn die Sache ist fĂŒr alle einfach zu wichtig. Alle haben ein anhaltend gutes GefĂŒhl dabei und niemand vermisst sein Zuhause. Der ganze Planet wird zu ihrer neuen Heimat und jeder versucht schmalspuriges Denken zu vermeiden.
    Stört jemanden das Kopulationsgestöhne im Nachbarbett, ignoriert er es einfach oder er fĂŒhlt sich dazu angeregt, ebenfalls etwas Sex mit seinem Partner zu haben.
    Nach mehreren Tagen und einigen Schiffspassagen erreichen sie den Zielort ihrer PlĂ€ne. Sie sind angekommen.

◊ ◊ ◊


    Anna blĂŒht auf. Sie kann nicht genug von der wĂ€rmenden Sonne abbekommen und rekelt sich nackt im warmen Sand. Sie saugt die Energie in Form von WĂ€rme auf. Alle fĂŒhlen sich frei und von der Welt angenommen und es ist kein Wirken böser MĂ€chte zu spĂŒren.
    Am Hochplateau der Insel finden sie einen Platz, an dem sie sich niederlassen wollen. Sie besprechen ihre Situation und entscheiden, genau an diesem Ort ihr Haus bauen zu wollen.


E N D E

__________________
Emanuel Kury

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