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Leselupe.de > Science Fiction
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Eingestellt am 24. 10. 2004 22:38


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Amadis
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Kay Dienstag lehnte sich schwer atmend in seinem Bürostuhl zurück, nachdem er die eMail wohl zum fünfzehnten Mal gelesen hatte. Die Worte hatten sich auch durch das wiederholte Lesen nicht verändert: „... müssen wir uns leider von einigen Mitarbeitern trennen ... räumen Sie Ihr Büro bis Freitag, 18:00 Uhr ... wünschen Ihnen für Ihren weiteren Lebensweg alles Gute!“

Dicke Schweißperlen entstanden auf seiner Stirn und machten sich langsam auf den Weg über sein gerötetes Gesicht in Richtung des weißen Hemdkragens, der sich am oberen Rand bereits dunkel verfärbte.

„Das ist das Ende“, murmelte er.

„Was meinst du?“, erkundigte sich Ralf Dobler, mit dem sich Kay Dienstag seit knapp einem Jahr das Büro teilte. Ralf war einer von der neuen Generation. Er hatte eine der Elitehypnoschulen besucht und schon mit sechzehn seinen Abschluss gemacht. Jetzt war er siebzehn Jahre alt und stand auf dem Sprung zum „Vice-President“ (Kay hasste diese amerikanischen Titel). Sein jungenhaftes Gesicht, das nicht so recht zu dem dunklen Anzug passen wollte, schaute Kay fragend quer durch den Raum an. „Meine Güte, Kay! Geht’s Dir nicht gut? Du siehst ja schlimm aus!“ Er stand aus seinem Stuhl auf.

„Sie haben mich gefeuert!“, brachte Kay mühsam hervor und wischte sich mit einem Taschentuch über das Gesicht. Er starrte immer noch auf den Bildschirm.

„Scheiße“, meinte Ralf tonlos. „Aber was soll’s. Du bist doch gut in deinem Job. Du findest bestimmt schnell wieder Arbeit!“ Kay sah schon am Gesichtsausdruck seines jungen Kollegen, dass der an seine eigenen Worte nicht glaubte.

„Meinst du, das spielt eine Rolle?“, erkundigte er sich mit einem bitteren Unterton. „Ich bin einunddreißig, mein Freund! Einunddreißig! Glaubst du wirklich, jemand stellt einen einunddreißigjährigen Softwareentwickler ein?“ Er lachte bitter und schüttelte den Kopf. „Das war’s für mich! Ende!“

„Na, vielleicht kannst du ja in einer anderen Branche ...“
„Andere Branche?“, unterbrach Kay und lachte wieder. „Wo es in jeder Branche massenweise arbeitslose Spezialisten gibt? Und dann haben alle nur auf mich gewartet!“

Ralf konnte seinem älteren Kollegen nicht in die Augen sehen und setzte sich wieder an seinen Bildschirm.

*


„Arbeitsvermittlung“ stand in großen roten Lettern neben der Schwingtür. Um Kays Mund entstand ein zynisches Grinsen. Er konnte sich nicht vorstellen, dass diese „Arbeitsvermittlung“ in den letzten zwanzig Jahren auch nur einem einzigen Bürger wirklich eine Arbeitsstelle vermittelt hatte. Das ganze war eine einzige Farce! Ein Possenspiel, um eine Fassade aufrecht zu erhalten, die längst niemand mehr ernst nahm.

Er setzte seinen Daumenabdruck auf das Login-Terminal neben der TĂĽr und lieĂź anschlieĂźend den Retina-Scan ĂĽber sich ergehen.

„Bitte nehmen Sie im Wartebereich Platz und warten Sie, bis Sie aufgerufen werden!“, drang eine wohl modulierte, weibliche Stimme aus dem kleinen Lautsprecher des Systems.

Der Wartebereich war überfüllt mit Männern und Frauen, denen die Hoffnungslosigkeit ins Gesicht geschrieben stand. Da er keine freie Sitzgelegenheit entdecken konnte, lehnte er sich an die Wand neben der Tür und döste vor sich hin.

Kay wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als die Lautsprecherdurchsage ihn aus seinem Dämmerzustand weckte.

„Dienstag, Kay, Nummer zwei drei sechs acht vier null, Raum elf null zwei.“

In dem kleinen, schäbig eingerichteten Raum wartete eine junge, überraschend attraktive Frau auf ihn.

„Nehmen Sie Platz, Herr Dienstag“, forderte sie ihn mit einem geschulten Lächeln auf. „Ihr bisheriger Arbeitgeber International Standard Business Software hat uns mitgeteilt, dass Sie dort nicht mehr beschäftigt sind.“ Als Kay darauf nicht antwortete fuhr sie fort. „Haben Sie inzwischen eine neue Anstellung gefunden?“

Kay lachte hämisch auf, riss sich aber dann zusammen.
„Nein“, gab er kurz zurück.

Sie nahm eine Eingabe an ihrem Terminal vor.
„Dann unterrichte ich Sie jetzt über die weitere Vorgehensweise ...“
„Ich weiß, wie es weiter geht!“, unterbrach Kay.
„Ich muss Sie trotzdem unterrichten, Herr Dienstag. Das ist die Vorschrift!“

„Na gut, dann unterrichten Sie ...“ Kay lehnte sich in dem Stuhl zurück und fixierte einen Punkt an der weiß getünchten Wand.
„Sie werden von uns als Arbeitssuchender geführt. Nach unserem Gespräch suchen Sie bitte das Arztzimmer auf, wo Ihnen der Indikator implantiert wird. Dieser Indikator dient nur dazu, Sie daran zu erinnern, wie viel Zeit Ihnen bleibt, eine neue Anstellung zu finden. Sie haben genau neunzig Tage. Während der ersten dreißig Tage blinkt der Indikator grün, an den nächsten dreißig Tagen gelb und schließlich im letzten Drittel der Frist rot. Sollten Sie nach Ablauf der Frist keine neue Anstellung gefunden haben, wird sich der Staat um Sie kümmern und Ihnen eine kostenlose Wohngelegenheit in einem der dafür vorgesehenen Wohnbereiche anweisen, wo sie dann bleiben werden. Haben Sie noch Fragen?“

„Keine, die Sie mir beantworten könnten“, brummte Kay.
„Dann setzen Sie bitte Ihren Daumenabdruck unter dieses Protokoll. Damit bestätigen Sie, dass die Unterrichtung ordnungsgemäß erfolgt ist.“ Sie schob einen kleinen Daumenabdruckscanner über den Tisch und Kay drückte seinen rechten Daumen auf das Panel. Danach verließ er wortlos das Büro und folgte dem grünen Pfeil, der zum Arztzimmer zeigte.

„Wohnbereiche“, murmelte er vor sich hin.

Diese „Wohneinheiten für nicht vermittelbare Beschäftigungslose“ existierten seit fünfzehn Jahren. Der Volksmund nannte sie nur „Arbeitslosenghettos“ oder einfach „Ghettos“. Sie waren die Endstation. Wer einmal dort gelandet war, kam nie wieder heraus – es sei denn auf dem Weg zur Feuerbestattung.

Zorn wallte in Kay auf. Er war erst einunddreißig! Das bedeutete möglicherweise fünfzig oder sechzig Jahre in den Ghettos – wenn man es schaffte, dort so lange zu überleben! Die Chancen, in neunzig Tagen einen neuen Job zu finden, waren praktisch gleich null. Seit die Hypnoschulen vor fünfzehn Jahren eingeführt wurden, drängten immer jüngere und besser ausgebildete Menschen auf den Arbeitsmarkt. Mit dreißig gehörte man in den meisten Berufen bereits zum alten Eisen. Kurzsichtige Politiker hatten diese Entwicklung unterschätzt und als klar wurde, dass die neue Form der Ausbildung keineswegs eine wunderbare Errungenschaft war, sondern sich als Geißel entpuppte, war es bereits zu spät, alles rückgängig zu machen.

Kay war so in Gedanken, dass er beinahe an der Schwingtür vorbei gegangen wäre, an der in großen, roten Buchstaben „Arztzimmer“ geschrieben stand.

Er trat ein und schaute sich um. Durch drei Milchglasfenster auf der rechten Seite fiel diffuses Licht herein, das durch schwächliche Neonleuchten nur wenig verstärkt wurde. Im Raum standen mehrere Reihen von schmalen Bänken - hintereinander aufgereiht -, auf denen zehn oder zwölf Personen saßen. Neben der Tür gab es das unverzichtbare Pad zur Kontrolle des Daumenabdrucks. Kay identifizierte sich und eine Stimme wies ihn an, Platz zu nehmen und auf den Aufruf seines Namens zu warten. Vier geschlossene Türen, neben jeder ein rotes Licht, befanden sich am anderen Ende des Raumes, so dass man sie von den Bänken aus sehen konnte. Die Türen waren von eins bis vier durchnummeriert.

Kay schaute sich um. Die Anwesenden starrten ausnahmslos stumpfsinnig vor sich hin. Lediglich ein junger Mann, vielleicht siebzehn Jahre alt, grinste ihn an, als ihre Blicke sich trafen.

Auf einem Tisch an der rechten Wand lagen eine Reihe von Broschüren. „Berufseinstieg für Abgänger der Hypnouniversität“, „Gestalten Sie Ihre Karriere“.

‚Falsche Zielgruppe’, dachte Kay mit einem zynischen Grinsen. Für seine Situation gab es keinen Ratgeber. Was hätte man auch hinein schreiben sollen? Titel wie „Selbstverteidigung für Ghettoneulinge“ oder „Lebenswertes Dasein in der Wohneinheit“ gingen ihm durch den Kopf.

Ein leiser Gong riss ihn aus seinen Gedanken. Das Licht neben der Tür mit der Nummer zwei leuchtete jetzt grün. Die „wohl modulierte Frauenstimme“ rief einen Namen auf und eine Frau von Mitte dreißig verschwand durch die Tür.

Zwanzig Minuten später war Kay an der Reihe. Die Tür mit der Nummer drei führte in einen schmalen, lang gezogenen Raum, in dem ein Mann im weißen Kittel – natürlich im weißen Kittel – auf ihn wartete. Das Mobiliar bestand lediglich aus zwei Stühlen, einem schmalen Tisch, der an der rechten Wand stand, und einem kleinen Schränkchen. Der ganze Raum war weiß. Kay stellte erstaunt fest, dass es wirklich keine andere Farbe gab. Der Arzt war jung – was auch sonst – und schaute ihn mit einem einstudiert wirkenden, verbindlichen Lächeln an. Auch er wirkte weiß, sein Gesicht blass, als habe er noch nie die Sonne gesehen.

„Bitte nehmen Sie auf diesem Stuhl Platz, Herr Dienstag“, forderte er Kay auf und deutete auf einen der beiden Stühle. „Sie müssen nicht nervös sein. Die Prozedur ist absolut schmerzlos und ungefährlich.“

‚Ich bin nicht nervös, Kleiner’, wollte Kay ihn schon anfahren, setzte sich aber dann wortlos auf den angewiesenen Stuhl und unterdrückte den Impuls, dieses blasierte Gesicht zu verbeulen.

*


Gestern, einen Tag nach Kays zweiunddreißigstem Geburtstag, war er in die „Rote Phase“ eingetreten. Er hatte es registriert, mehr nicht. Dreißig Tage blieben ihm ... nein, korrigierte er sich selbst: Neunundzwanzig; es hätten auch dreißig Minuten sein können, dreißig Sekunden. Es würde sich nichts ändern.

Er hatte es schnell aufgegeben, die Stellenangebote im Internet zu durchforsten. „Maximalalter 25 Jahre“, wie oft hatte er diesen kurzen und doch so endgültig wirkenden Satz gelesen. Zu Anfang hatte er noch ein paar Mal bei den Arbeitgebern angerufen ... ob er sich trotzdem bewerben könne, immerhin hatte er gute Zeugnisse, eine Menge Erfahrung ... das höfliche aber bestimmte „tut uns leid ... wir haben unsere Vorgaben von der Firmenleitung ...“ klang ihm noch in den Ohren.

Wenn er nachts so dalag, ohne Schlaf zu finden, die Gedanken in seinem Kopf in atemberaubender Geschwindigkeit rotierten, kamen ihm die abstrusesten Ideen. Gedanken, die er früher nie für möglich gehalten hatte. Er schwankte zwischen Resignation, die fast zur Depression wurde, und einer unglaublichen, brennenden Wut auf ... ja, auf was eigentlich? Auf die Jungen, die Menschen an sich, die Welt, die Politiker ... er wusste es nicht genau, aber die Wut war da, greifbar. Manchmal war er ... mitten in der Nacht, in einer Phase zwischen Wachen und Eindösen ... dazu entschlossen, am nächsten Morgen loszugehen, eine Waffe zu kaufen und einfach irgendwo ein Blutbad anzurichten. Dann erschrak er vor sich selbst, war plötzlich wieder hellwach, schaltete das Licht ein, setzte sich im Bett auf und starrte die Wand des Schlafzimmers an, als würde dort irgendwann die Lösung all seiner Probleme auftauchen.

Die Tage vergingen eintönig, oft wusste Kay auch mit einigem Nachdenken nicht, welcher Wochentag gerade war. Es war nur noch ein Warten auf den Tag X, ein Absitzen von Zeit, Leben konnte man es nicht mehr nennen.

*


War heute Dienstag oder vielleicht Mittwoch? Kay ging langsam an einem Zeitungskiosk vorbei und warf einen Blick auf die Titelseite.
„Dienstag“, konstatierte er mit einem leisen Murmeln. Ein Passant schaute ihn fragend an, bevor der Blick auf das rote Blinken an Kays Schläfe fiel. Dann wandte er sich hastig ab und ging weiter. Kay registrierte es wie durch einen Nebel. Wie lange hatte er noch? Er wusste es nicht, aber es spielte auch keine Rolle. Wenn die Zeit ablief, würde er Besuch bekommen ... die Ordnungspolizei!

Fast wäre er an der Tür seines Mietshauses vorbei gegangen. Der Lift brachte ihn nach oben in den zwölften Stock, wo er seit sieben Jahren wohnte. Er beobachtete die leuchtende Zahlenreihe, die für die Stockwerke stand. Bei zwölf angekommen erstarrte die Bewegung, öffnete sich die Lifttür. Fast schloss sie sich wieder, bevor Kay seine Erstarrung abgelegt hatte und ausstieg.

Er wandte sich nach links, wie er es in den letzten sieben Jahren unzählige Male getan hatte und nestelte in der Jackentasche nach seiner Codekarte. Dabei wäre er fast über den Koffer gestolpert, der neben der Wohnungstür stand. Kay schaute das Gepäckstück eine Weile verständnislos an, erkannte dann seinen Reisekoffer mit den Aufklebern aus Sydney, New York, London und San Francisco.

Dann schob er die Codekarte in den Leseschlitz und machte einen Schritt auf die Tür zu ... aber die Tür öffnete sich nicht!! Die Tatsache drang nur quälend langsam zu ihm vor, bahnte sich einen Weg durch seine Hirnwindungen wie zäher Brei. Er schüttelte leicht den Kopf, so als könne er dadurch die Gedankengänge beschleunigen. Dann erst nahm er das grüne Blinklicht über dem Leseschlitz war, das eine Nachricht signalisierte. Er drückte den entsprechenden Knopf.

„Gemäß Paragraph zwölf Absatz fünf unseres Mietvertrages haben wir als Vermieter von unserem Recht gebrauch gemacht, nach erfolglosem Ablauf Ihrer Suchfrist und aufgrund der Tatsache, dass Sie keine neue Anstellung finden konnten, die in der Ihnen überlassenen Wohnung befindlichen Gegenstände Ihres Eigentums solange zu beschlagnahmen, bis alle unsere Ansprüche Ihnen gegenüber beglichen sind.“

Abgelaufen! Heute war also der Tag! Kays Gedanken waren mit einem Male vollkommen klar.

Wann würden sie kommen? Hörte er nicht schon den Lift herauf zischen? Schritte auf der Treppe? Gehetzt schaute er sich um. Der Koffer! Was hatten sie ihm gelassen? Mit fliegenden Fingern öffnete er die Schlösser des altmodischen Gepäckstücks. Nur Kleider! Das war alles, was ihm blieb!

Plötzlich wurde Kay Dienstag ganz ruhig. Sein Atem ging gleichmäßig. Er nahm den Koffer auf, ging zum Lift und betätigte den Rufknopf. In der metallenen Schiebetür sah er sein verschwommenes Spiegelbild. Das Blinken des Indikators hatte aufgehört. Er leuchtete jetzt im fortwährenden Rot, das auf die abgelaufene Frist hinwies. Jeder würde ihn als das erkennen, was er war: ein Rotleuchter, ein Ghetto-Kandidat, der in der Welt der Erwerbstätigen nichts mehr zu suchen hatte, Aussatz, Abschaum, Parasit ... Mitleid war noch das Beste, was einer wie Kay erwarten konnte!

Der Lift kam, die Tür glitt auf. Kay trat in die Kabine und schaute lange auf die Wahlknöpfe. Dann drückte er auf den mit der Nummer 23. Der Lift beschleunigte und kam in Stockwerk 23 wieder zum Stehen. Draußen führte eine letzte Treppe hinauf auf das flache Dach des Gebäudes. Von hier hatte man eine wunderbare Aussicht über die Stadt. Kühler Wind schlug Kay ins Gesicht, als er die Tür nach draußen öffnete und hinaustrat. Er fröstelte kurz und schaute sich um. Es war einer dieser Märztage, an denen der Frühling sich schon bemerkbar machte. Die Sonne strahlte von einem blauen Himmel, über den nur wenige Wolken trieben. Der Wind aber führte noch den Winter mit sich, besiegte noch die Wärme der Sonnenstrahlen und schnitt empfindlich durch die dünne Jacke, die Kay trug.

Am westlichen Stadtrand wuchsen die Hochhäuser des Ghettos in die Höhe. Von fern wirkten sie fast luxuriös. Die hohe Mauer, den Stacheldraht, die Posten und ihre Waffen sah man von hier oben nicht. Von hier wirkte alles friedlich, glücklich ...

Kay konnte sogar das Bürogebäude sehen, in dem er bis vor wenigen Wochen noch gesessen hatte, als er noch zu dieser friedlichen, glücklichen, heilen Welt gehört hatte, dieser Welt, die Menschen ausspie wie ein Kaugummi, das den Geschmack verloren hatte. Er dachte nach über sein Leben, vieles war verschwommen, einiges klar. Dann schaute er auf den Koffer, den er noch immer in der Hand trug, und musste plötzlich lachen. Es war das erste Lachen seit langer Zeit und es war kein bitteres Lachen, sondern ein Lachen der Befreiung.

Kay ging zum Rand des Daches und schaute hinunter. Die Spielzeugautos, die Spielzeugmenschen in einer Spielzeugwelt. Er lachte wieder, öffnete den Koffer und ließ seinen Inhalt nach unten regnen. Die Kleidungsstücke falteten sich auseinander, wurden von Luftströmungen hierhin und dorthin getragen.

Kay Dienstag sprang, sah einige seiner Kleidungsstücke, die ihn zu umtanzen schienen, ein Reigen seines Lebens. Da war sein Lieblings-Sweatshirt! Kay streckte die Hand aus. Wie oft hatte er es getragen! Anja hatte es geliebt, das bequeme Kleidungsstück, das ihr viel zu groß war, anzuziehen, sich förmlich darin einzuwickeln. Es reichte ihr fast bis zu den Knien und wenn sie auf der Couch gesessen hatte, hatte sie die Beine angewinkelt und es noch weiter nach unten gezogen.

Kay wunderte sich über die Dauer seines Sturzes, sah noch kurz seine Smokingjacke – wann hatte er die zuletzt getragen? -, die sich in einem der hohen Bäume verfangen hatte. Dann nichts mehr ...

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jon
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Obwohl die Geschichte süffig erzählt ist und durchaus auch Spannung hat, befriedigt sie mich nicht. Ich werde das Gefühl nicht los, dass sie künstlich ver-SF-licht wurde. Der „Druck" durch die Aussicht auf Ghetto-Leben fühlt sich nicht stärker an als die Last, heute arbeitslos zu werden. Statt dessen schießen mir solche Gedanken durch den Kopf wie: "Na wenigstens steht die Alterspyramide wieder auf den Füßen." oder "Wenn die 17- bis 30-Jährigen arbeiten, wer macht den Nachwuchs?" oder "Wieso kann eine Zeitspanne als Maß gelten, wann das Eigentum gepfändet wird, statt die Frage, wann das Ersparte alle ist?" oder „Kann sich eine offenbar kapitalistische Gesellschaft leisten, 80-85 % der Bevölkerung (pi mal Daumen: 90 Jahre Lebenserwartung, davon 15 mit Arbeit und Geld) als Kunden/Konsumenten zu verlieren?" oder… also lauter Fragen, die nichts mit "der unmenschlichen Entwicklung der Arbeitsmarktverwaltung" zu tun haben.


PS: Der Satz „Anja hatte es geliebt, das bequeme Kleidungsstück, das ihr viel zu groß war, anzuziehen, sich förmlich darin einzuwickeln.“ ist etwas verknotet…
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Amadis
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hallo jon,

schade, dass dir die geschichte nicht zusagt, aber vielleicht ist es eher eine insider-story, vielleicht gelingt es mir auch nicht so ganz, die gefühle darzustellen, die einem durch den kopf gehen, wenn man sich abgeschoben fühlt. ich selbst bin seit zwei jahren arbeitslos und es besteht trotz guter ausbildung und reichlich berufserfahrung kaum eine chance auf einen neuen job. wenn man dann die stellenanzeigen liest, für die man fachlich geeignet wäre, die sich aber nur an interessenten zwischen 25 und 30 jahren richten (das ist tatsache, keine sf!), dann fühlt man sich mit 41 schon ziemlich ausrangiert. dass es jemanden kümmert, ob er kunden/konsumenten verliert, wage ich auch langsam zu bezweifeln, wenn ich in jeder nachrichtensendung berichte über massenentlassungen sehe. jeder, der arbeitslos wird, fällt über kurz oder lang als kunde/konsument weg bzw. kann sein geld - wie ich dir aus eigener erfahrung versichern kann - wirklich nur noch für das allernötigste ausgeben. da kann man sich kein neues auto mehr kaufen und auch großartige einkäufe bei karstadt sind dann nicht mehr drin.

was die "zeitspanne als maß" angeht, so steckt da einfach der gedanke dahinter, dass der "delinquent" mit ablauf der frist jeglich rechte auf sein eigentum verliert. der vermieter kann nicht wissen, über wieviel vermögen der mann noch verfügt und beschlagnahmt deswegen erstmal die wohnungseinrichtung.

zudem will ich ja nicht die these aufstellen, dass alle mit 30 automatisch gekündigt werden. viel mehr will ich deutlich machen, dass sie im falle einer kündigung keine möglichkeit haben, wieder einen job zu finden. einzelne werden sicher auch in dieser fiktiven zukunft bis ins relativ hohe alter arbeiten, wenn die zahl auch immer geringer wird.

gruĂź
amadis

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jon
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Hallo Amadis,
du musst mir nicht erklären, wie man sich als Arbeitslose(r) fühlt – das kenn ich. Was der Text SOLL ist auch einigermaßen klar. Nur funktioniert es eben irgendwie nicht…

„was die "zeitspanne als maß" angeht, so steckt da einfach der gedanke dahinter, dass der "delinquent" mit ablauf der frist jeglich rechte auf sein eigentum verliert. der vermieter kann nicht wissen, über wieviel vermögen der mann noch verfügt und beschlagnahmt deswegen erstmal die wohnungseinrichtung.“

Na er merkt doch aber, ob die Miete kommt oder nicht! Dass er eventuell schon beim ersten Ausbleiben der Miete (statt erst nach einem halben Jahr) pfändet, ist ja noch nachvollziehbar, aber einen zahlenden (und ansonsten auch problemlosen) Kunden rauszuwerfen widerspricht jeder Logik! Und das Prinzip lässt sich "hochrechnen" – solange der Kunde zahlt, gibt es keinen Grund, ihm den Konsum zu verwehren. Im Gegenteil (schon heute wird Leuten Geld abgenommen, die es gar nicht haben – mittels absonderlicher Ratenzahlmöglichkeiten und Kredite). Die Frage, wie lange er zahlen kann – meint: ob und wie viel Einkommen er hat – ist eine andere Frage.

Abgesehen davon – man kann ja zwecks "Verstärkung" doch dies und jenes konstruieren (, „dein" System könnte ja die Grundlage für noch ganz andere Verteil-Spielchen sein: Die Wirkung, hier etwas krampfhaft ver-SF-lichtes vor sich zu haben, bleibt. Das Ganze funktioniert auch im Heute – und zwar viiiiel eindringlicher, weil nachvollziehbarer.
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