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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Geschichten aus dem Baum (1)
Eingestellt am 18. 03. 2019 16:16


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Tschik
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Dec 2016

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I.


Heute würde er „ihnen“ eine ganz besondere, aktuelle Geschichte aus dem Baum vorlesen. Er hatte Bäche von Tränen vergossen, als er diese Geschichte gleich bei Tagesanbruch als erste las. Das Blatt war ihm in den Schoß gefallen. Er wusste, diese Blätter waren von dem Baum speziell auserkoren. Auch wenn es sich um eine Person handelte, die heute noch da wohnte und von den anderen Bewohnern identifiziert werden konnte. Entgegen seiner Gewohnheit, Geschichten mit identifizierbaren Personen zu vermeiden, diese musste erzählt werden!
Also begann er mit vom Weinen geschwächter Stimme:

Jetzt weine ich alleine !

Ahmud hatte mit 15 Jahren schon mehr traumatisches erlebt, als die meisten Menschen in ihrem ganzen Leben.
Weinen war für ihn etwas Alltägliches, es gehörte zu seinem Leben wie Wasser und Brot.
Er weinte wenn die Bomben fielen! Bei jedem Bombeneinschlag setzte das Leben zwei Mal für Sekundenbruchteile aus! Das erste Mal, wenn man das Jaulen der abgeschossenen Bomben hörte. Wenn dieses Geräusch nicht mehr zu hören war, setzte das Leben für einen Sekundenbruchteil aus. In diesem einen Augenblick war nur Stille! Danach erst brach die Hölle aus. Man hörte den Einschlag! Ein Krachen welches die Hölle noch näher brachte. Das Krachen war unterschiedlich, je nach Entfernung des Einschlags und auch abhängig davon, was getroffen wurde. Dann war meist wieder nur eine sich elendig lang anfühlende Stille. Obwohl auch dies nur Augenblicke waren.
Danach kam das normale Leben. Man stellte in Sekunden fest, dass man nicht getroffen war, das alle im Raum noch da waren und lebten. Dann hörte man schon die anderen Komponenten des normalen Lebens: Schreie, Weinen, derbe tränenerstickte Männerflüche.
Und da konnte man endlich weinen. Der Vater, die Mutter, die Geschwister und andere Verwandte oder Freunde, die gerade da waren. Alle weinten! Jeder auf seine Art ! Und man konnte selbst mitweinen, ohne jede Hemmung, ohne Scham!
Dabei weinten sie alle schon lange nicht mehr aus Angst vor dem eigenen Tod! Sie weinten, weil sie Angst hatten, das schon wieder jemand gestorben sei, ein Verwandter, ein Freund, ein Nachbar. Dieser Schmerz einte sie und brachte sie zur Verzweiflung. In diesen Momenten wünschte er sich, selbst derjenige zu sein, der dieser Hölle durch den gnädigen Tod entkommen konnte. Doch dieses gemeinsame Weinen war alles, was ihnen noch geblieben war. Das gab ihnen zugleich auch die Stärke, sich immer und immer wieder dem Schicksal zu stellen.
Eines Tages kam der Vater mit einem Onkel heim und sagte, dieser Onkel würde Mahmud wegbringen und als Garant in der Türkei bleiben, bis er in Europa sei. Mit großen Augen sah Mahmud, wie sein Vater einen Bündel Geld in verschiedene Päckchen teilte. Ein Packerl für die Leute, welche ihn und seinen Onkel bis zur türkischen Grenze bringen würden. Ein weiteres für den Onkel, damit er sich und Mahmud über Wasser halten konnte, bis Mahmud die Reise antrat. Und das Größte Packerl für die Garantie. Dies sollte bezahlt werden, wenn Mahmud in Europa war. Dann wurde erst mal gemeinsam geweint.
Danach nahm der Vater Mahmud an der Hand und führte ihn in ein abgeschiedenes Zimmer. Hier erklärte er ihm, es gäbe nur noch diese Möglichkeit um Mahmud „rein“ zu halten. Wobei er ihm nicht erklärte, was „rein“ bedeutete, er wusste es auch so. Mahmud sei jetzt beinah 15 und „sie“ würden jetzt alle hinter ihm her sein und seine Dienste verlangen. Die Regierung, die verschiedenen Rebellengruppen oder die „anderen“, die einen weiteren Staat installierten.
Sie kannten alle keine Gnade. Ohne die Zugehörigkeit zu einer der Gruppen wäre er ein toter Mensch, unweigerlich!
Dann würde der Schmerz noch größer sein für die Gebliebenen.
Mahmud wusste, der Vater hatte sich mit einer der Gruppen „arrangiert“, sonst hätten sie kein Geld mehr und der Vater würde auch nicht mehr unter ihnen sein. Der Vater gestand dies auch und sagte ihm, er wäre da eh nur pro Forma, um die Familie am Leben zu erhalten. Aber er könne und wolle Mahmud nicht zum mordenden Monster werden lassen. Und vielleicht könne Mahmud sie sogar eines Tages nachholen.
Danach weinten sie alle zusammen, die Mutter, der Vater, die Geschwister, Verwandten und anwesende Freunde. Sie weinten den Rest des Tages bis tief in die Nacht. Dann mussten sie los, Ahmud und der Onkel.
Ahmud musste danach noch oft weinen, manchmal alleine, manchmal mit dem Onkel oder anderen Fremden, die sein Schicksal teilten. Auch als sein Onkel erschossen wurde! Auch als er erniedrigt und für Sexspiele missbraucht wurde ! Auch als er halbtot geschlagen wurde!
Doch er hielt durch! Er wollte nicht, dass sie wegen ihm weinten. Die, welche noch zusammen weinen konnten!
Irgendwann, er nahm es nur durch die Schleier der Wirklichkeit wahr, kam er in Europa an. Und kam auch in Deutschland an.
Sie gaben ihm Hilfe; Kleider, Medikamente, Unterkunft, Lehrer. Und auch viel Mitgefühl. Doch keiner weinte mit ihm.
Nächtelang weinte er alleine, betete für seine Eltern, Geschwister, Freunde und Verwandten. Er vermisste sogar die Boten des Todes und das anschließende Umarmen und zusammen weinen.
Sie lernten ihn die Sprache, Gesetze, Sitten und Gebräuche. Zu allem gab es Regeln! Er lernte auch diese, kam schließlich zu einer sehr netten Familie und durfte auch zur Schule. Manchmal sahen ihn die Menschen scheu oder auch mit Unverständnis an. Sein bisheriges Leben und das einsame Weinen hatten sich in seine Gesichtszüge eingegraben: aus einem hübschen Jungen war ein befremdender junger Mann geworden. Die Familie war nett zu ihm, er hatte ein eigenes Zimmer, war wohl behütet und hätte sich über sein Leben in Sicherheit freuen können. Doch darüber hinaus fühlte er täglich, das sie nie mit ihm zusammen weinen würden.
Er ging sogar ein paar Mal auf den nahe gelegenen Friedhof und sah, dass sie selbst bei Beerdigungen nicht zusammen weinten. Nur jeder für sich ! Wenn überhaupt.
Es gab viele nette Menschen um ihn herum, aber sie konnten nicht weinen. Abends schlich er sich oft zu dem alten Baum, lehnte sich an seinen Stamm und weinte. Hier hatte er das Gefühl, das er nicht alleine weinte.
Von der Familie, bei der er lebte hatte er sich nur eins gewünscht, ein Handy. Er bekam es auch und durfte es auch für Anrufe nach Syrien benutzen, so lange er es nicht übertrieb. Die Regeln waren wichtig! Dabei hatte er eh keine Rufnummern aus Syrien, außer von seiner Familie. Hier aber antwortete keiner. Als er schon befürchtete, es gäbe seine Familie nicht mehr, kam eine Nachricht von seiner Mutter. Sie hätten sehr selten Funkverbindung und Nachrichten wären da der bessere Weg. Natürlich schrieb sie ihm noch vieles vom Herzen und Mahmud weinte.
Er schrieb ihr auch gleich eine Antwort.
„ Mama. Ich bin In Europa. In Deutschland. Es geht mir gut.
Ich gehe zur Schule. Ich lerne und lebe nach den Regeln.
Aber ich brauche euch! Auch wenn ich in Sicherheit bin, muss ich oft weinen!
Und, Mama, jetzt weine ich alleine ... “

Der alte Mann war, es gewohnt das nach seinen Geschichten geplaudert, debattiert wurde. Doch jetzt herrschte eine nie dagewesene Stille. Mit gesenktem Kopf ging einer nach dem anderen. Bei manchem konnte er die Tränen sehen, die meisten versteckten sie. Sie weinten allein!
Er las eine weitere Geschichte für sein Aufnahmegerät. Als er viel später den Kopf hob, sah er, dass etliche wieder gekommen waren und sich schweigsam um ein großes selbstgebasteltes Plakat versammelt hatten. Darauf stand in großen Buchstaben:
„Mahmud, komm lass uns zusammen weinen!“

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