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Leselupe.de > Erzählungen
Haus meiner Träume (eine Schulidee für Aussteiger)
Eingestellt am 08. 08. 2019 20:24


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Johanna Walter
Hobbydichter
Registriert: Feb 2019

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Haus meiner Träume (eine Schulidee für Aussteiger)

Er kam mit dem Bus. Der Busfahrer hupte, als er hielt, so, als ob es ein verabredetes Zeichen war. Er reichte ihm seine große Menge Gepäck aus dem Wagen und fuhr gleich wieder los. Da stand er vor dem großen weißen Gatter und sah eine junge blonde Frau die Stufen herunter kommen, um ihn zu begrüßen. „Du bist Ted, nicht wahr!? „, und fröhliche Augen schauten ihn an. Sie stellte sich vor und begrüßte ihn mit Handschlag. Sie heiße Elisabeth, aber alle würden sie Liz nennen. So griff sie nach einem Teil seines Gepäcks und schritt mit ihm dem Haus zu. Aber sie stellten es nur oben vor der Türe ab, und sie bot an, ihm erst einmal das Gelände zu zeigen und zuletzt das Zimmer.
So schritt sie neben ihm her: er sah zur Seite und bemerkte sportliche Reiterhose, Jeanshose und lustiges buntes Tuch und über dem Tuch hinten ein ebenso lustig gedrehter Zopf. Jetzt warfen sie einen Blick auf das Haus in seiner ganzen Größe: Er hatte so etwas noch nie gesehen. Es hatte ein seltsam schönes Fachwerk mit schwarzen Balken und weißer Tünche dazwischen und weiße Holzfenster, wie auch der Eingang eine weiße Holztreppe mit ebenso weißem Holzgeländer besaß. Aber das Schönste war ein Dachgarten oben darauf, sehr alt und prächtig mit Büschen und Bäumen. Die Pflanzen waren im Laufe der Jahre von oben nach unten gewachsen; jetzt blühte es lila daraus hervor. Vor dem Eingang leuchteten herrliche Rosen, aber auch auf der Sonnenseite des Hauses standen Rosenbüsche in großer Pracht und Lavendel darunter. Er staunte und schätzte das Alter des Hauses auf 2oo Jahre. Es sei einmal ein herrschaftlicher Besitz gewesen. Sie sagte ihm, dass er dort wohnen würde, da er ja außer der Reihe in die Schule platze und die anderen jeweils einen Bungalow für sich hätten. Er bekäme morgen erst sein Zimmer eingeräumt, so, wie er es haben wolle, und heute müsse er mit einem anderen vorlieb nehmen.
Nun erzählte sie ihm, während sie über das Terrain gingen, wer bereits hier sei und dass im Augenblick alle noch beschäftigt sind, aber beim Abendessen im Speisesaal würde sie ihn vorstellen. So sah er auch das Meer: gar nicht weit unter ihm der weiße Strand. Die Wellen spielten ans Ufer und luden ein zu Bad und Vergnügen. Er wäre am liebsten gleich hineingesprungen, aber Liz erzählte weiter von jedem einzelnen etwas, damit er sich ein kleines Bild machen konnte. Er begriff, dass alle bereits einen Beruf haben, dass sie aber hier seien, mehr oder weniger zahlend und ausgewählt, weil sie ihre Persönlichkeit weiter formen wollen, der eine, weil er wenig Selbstvertrauen in sich selbst hat, der andere, weil er eine zu starke Führungsnatur ist und andere mehr. In geringem Abstand vom Haus sah er dann auch die halbrunden Bungalows der Schüler. Sie waren ebenerdig und weiß getüncht und hatten Rietdächer. Vor dem Eingang waren Blumen gesät oder Büsche gepflanzt. Dahinter konnte man ein großes Treibhaus sehen, an dem sie aber vorüber gingen in Richtung des Pferdestalles. Liz erzählte stolz, dass fünf Pferde zur Verfügung stünden und dass eines noch draußen mit dem Fohlen spiele. Inmitten der ganzen Herrlichkeit stand eine alte Linde mit dickem Stamm und breitausladenden Ästen. Man könne auf der Bank, die um den Stamm herum gebaut war, abends sitzen und träumen. So meinte jedenfalls Liz. Sie gingen noch zu den Pferden, und alle schienen sich bei ihrem Eintritt zu freuen. Sie gab dem jungen Mann bei den Pferden mit Namen Ronni noch einige Anweisungen, und dann ging sie mit Ted zurück zum Haus, um ihm dort sein Zimmer zu zeigen. Als er eintrat und sein Gepäck neben ihm in seinem Zimmer stand, war er zunächst sprachlos. Liz verabschiedete sich und meinte, dass er den Speisesaal im Haus heute Abend allein durch den Lärm finden würde. Es würde um 18 Uhr gegessen, er bekäme aber auch noch etwas aufs Zimmer, wenn er bis dahin verhungern würde. Er lachte und winkte ab. Da war er nun angekommen, und ausgerechnet sollte er die erste Nacht in diesem Traumzimmer verbringen. Auch so etwas hatte er noch nicht gesehen. Es waren die verspielten Gardinen, die impressionistischen Bilder, das weiße Holzbett mit Goldschnörkel, der Teppich, der Schreibtisch - es musste ein Mädchenzimmer sein aus anderen Zeiten. Er ging zum Schreibtisch und Schrank und wunderte sich nicht einmal, dass beide verschlossen waren. Also musste jemand diese Nacht auf sein eigenes Bett seinetwegen verzichten. Wer es wohl war? Er wurde neugierig. Lavendelduft stieg ihm in die Nase.
Er machte sich frisch und hatte nur noch das Meer im Kopf. So schnell wie möglich wollte er wenigstens mit den Füßen hinein, damit er auch von ihm Besitz ergriffen hatte. Er nahm seine Schuhe in die Hand und ging lange am Strand entlang. Es war eine wundersam Einsamkeit, und in sein Gemüt zog ein Friede, wie er noch nie erlebt hatte. Irgendwann knurrte der Magen und veranlasste ihn, auf die Uhr zu schauen. Jetzt wurde es aber Zeit zurückzukehren: das letzte Stück lief er, um nicht zu spät zu kommen. Als er ins kühle Haus trat, wo die Abendsonne in den Flur drang, hörte er schon den versprochenen Lärm. Er ging schnurstracks darauf zu, und dann stand er mitten drin. Sie hatten schon mit Essen begonnen, schauten auf und nickten ihm zu. Liz kam auf ihn zu und führte ihn zu seinem Platz neben ihr. Sie hatte noch auf ihn gewartet, und schmunzelnd meinte sie, er habe wohl eine Meerjungfrau gesucht. Jetzt schaute er ihr zum ersten Mal richtig in die Augen; es waren wunderschön leuchtende und blaue noch dazu. Er hatte großen Appetit von seinem Strandlauf und langte kräftig zu. Liz erklärte dazu, dass das Brot selbst von einem Schüler gebacken sei. Da staunte er; das hatte er nicht gewusst. Sollte das bedeuten, dass er selbst das auch lernen würde? Er fragte mit großen Augen. Liz lachte und meinte, er würde nach dem Essen den Unterrichtsplan bekommen und wahrscheinlich dann noch mehr überrascht sein. Als sie beide mit dem Essen fertig waren, und alle Schüler, sie waren im ganzen 20, noch beim Obst gemütlich und laut plauderten, stellte Liz ihn den anderen vor und verabschiedete sich von allen mit dem üblichen „Gute Nacht“. Ihm gab sie noch den Plan in die Hand und meinte, dass er sich morgen richtig ausschlafen solle und sich dann in der Küche bei Maria einfinden dürfe. Sie würde ihm dann sein Zimmer zeigen und mit ihm besprechen, was er alles brauche. Wenn sein Zimmer fertig sei, könne er überall hineinschauen, wo es ihm Spaß mache. Dann könne er sich auch die Namen der anderen besser merken. Liz war gegangen, und er hatte ganz vergessen zu fragen, welch geheimnisvolle Frau ihm denn ihr Bett überlassen habe. Aber bald fiel er schon in die weichen Kissen und schaute durch das weiße Moskitonetz blinzelnd in seine heraufsteigenden Träume.
Er hatte bei offenem Fenster geschlafen, und plötzlich war er durch ein Geräusch geweckt worden, das draußen am Fenster vorbeihuschte. Er sprang auf und schaute hinaus. Da erwischte er noch einen Blick auf eine sehr schnelle Reiterin in flatterndem Hemd und mit aufgelösten Haaren. Es war Liz, aber es war erst 6 Uhr morgens. Kein Mensch sonst denkt daran, um diese Zeit auszureiten! Was war das für ein Teufelsweib!? Er duschte und saß dann noch mit baumelnden Beinen auf dem Bett, nach dem Unterrichtsplan greifend. Da traute er seinen Augen nicht, was es da zu lesen gab und dachte nur bei sich: „Das kann ja heiter werden!“ Dann hörte er aber auch schon das Krähen eines Hahnes, und es kam ihm der Gedanke, dass da auch die frischen Eier gelegt würden. Ja natürlich, er hatte die Hühner ja auf dem Grün picken sehen. Liz hatte sie gar nicht erwähnt. Dann würde es ja auch Schweine geben, wenn die Schüler „Ham und Egg“ zum Frühstück bekamen (Schinken und Ei). Er wurde jetzt sehr neugierig, aber es war noch zu früh, und von einem kräftigen Essen begann er zu träumen. So war er als erster an der Küche und konnte also auch schon loslegen. Dann zeigte ihm Maria das leere Zimmer und in einem anderen Raum schöne alte Möbel aus dunklem Holz. Da suchte er sich nach Herzenslust aus, was ihm gefiel, und er schleppte es die Treppe hoch. Der Schreibtisch war leicht und alleine zu tragen, Bett und Schrank standen bereits darin. Er fand auch Bilder von modernen Malern, eine moderne Stehlampe, Teppiche und sogar Vorhänge, die ihm gefielen. Als alles fertig war, hatte er das Gefühl, es sei in seinen Besitz übergegangen, und er fühlte sich durchaus schon wohl darin. Das schwere Bauernbett war frisch und duftend bezogen. Es roch so wundersam nach Lavendel, genau so wie in dem Mädchenzimmer seiner ersten Nacht. Da fragte er Maria, wer ihm denn ihr Bett abgegeben hatte, und Maria lächelte „Liz“. Da war das Geheimnis gelüftet, hätte er es nicht ahnen können? Was war Liz doch für eine seltsame Person!
Dann durchstöberte er das Haus, fand Bibliothek, Clubräume, einen Film- und Fernsehraum und Sport- und Fitnessräume, ging an Klassenzimmer vorbei - man hörte, dass dort gearbeitet wurde - und schließlich schlüpfte er durch einen Lukenausgang auf den Dachgarten. Das war ein Erlebnis! Umgeben von duftenden Blüten und Büschen, auf einer Marmorbank sitzend, konnte man auf das Meer hinausschauen. Nie sah er etwas Schöneres und nahm sich vor, diesen Platz so oft wie möglich aufzusuchen. Als es 10 Uhr war, ging er zu den Pferden. Er begrüßte sie und nannte sie mit Namen, die an ihren Boxen standen. Er erkannte auch das Pferd, mit dem Liz heute Morgen vorbei ritt. Es stand zufrieden kauend im Stall, aber Liz war nicht zu sehen. Er lernte aber Liv und Theo kennen. Theo gab Liv Reitunterricht: sie hatte zuvor noch nie auf einem Pferd gesessen, aber in der Schule war es Prinzip, dass der geübte Reiter Reitunterricht gab. Ronny , dem der Stall anvertraut war, sprang ein für den Fall, dass alle hilflose Laien waren. Nun kamen die beiden schon im April, und Liv hatte bereits viel gelernt und war selbstbewusster geworden mit jedem Fortschritt. Aber das Pferd auch zu pflegen, das war eine ebenso wichtige Pflicht der Schüler. Ted sah sie dann wegreiten zum Meer hin und wanderte weiter zur Koppel, auf der er schon von weitem das Fohlen und seine Mutter sah. Er stand lange am Gatter und konnte sich nicht sattsehen, wie sie miteinander liebkosten und spielten. Er hatte ein stolzes Gefühl, dass seine Schule so etwas Wunderbares hervor bringen konnte. Er freute sich darauf, für diese beiden sorgen zu dürfen.
Als die Glocke zum Essen läutete, strömten sie aus allen Richtungen in den Speisesaal. Erik und Ev gaben ihm schon auf dem Weg die Hand. Sie kamen aus dem Treibhaus, wo sie heute Unterricht hatten. Der Chef des Treibhauses war auch ihr Lehrer: es war eine Frau mit Namen Leo, einer Abkürzung von Leonore. Er nahm sich vor, heute Nachmittag dort einmal hineinzuschauen, schon allein, weil Leo eine Frau ist.
Beim Essen ging es lustig zu; er hatte einen neuen Platz bei Liv und Mae, und es gab duftende Klöße in dunkler Sauce, dazu ein Gemüse, das er nicht kannte, was aber gut schmeckte. Liz kam nicht zum Essen. Als er aufbrechend kurz durch die Küchentür schaute, sah er sie an einem kleinen Tisch ganz alleine essen und war im weißen Kittel wie Frau Köchin höchstpersönlich. „Nanu?“ meinte er, nun sag bloß, heute hast Du gekocht?!“ Sie lachte: „Ja, war es gut? Edi und Joan waren aber auch beteiligt. Mary hat heute ihren freien Mittag.“ Er staunte wieder - was diese Leute hier alles können!! - und es ging ihm durch den Kopf, ob er wohl auch Kartoffeln schälen und Gemüse putzen lernen würde. Na ja, schaden könne es ja nicht. Er ging lachend. Sie hatten 1 Stunde Pause; einige waren schon am Steg, als er kam. Da bahnte sich das zweite Gespräch an, und er erfuhr, das Männlein und Weiblein in gleicher Zahl vertreten seien. Der eine war Ingenieur im Maschinenbau, ein Chemielaborant war dabei, eine Architektin, eine Lehrerin usw. Er erzählte ihnen, dass er Kaufmann sei. Jetzt endlich war er im Wasser und genoss es, aber die Pause ging schnell herum, und so wandte er sich zum Gewächshaus hinüber. Die anderen richteten sich nach dem Stundenplan. Er erfuhr von ihnen, dass er zunächst alle Angebote kennen lernen würde und er sich danach für das „liebste Spielzeug“ entscheiden dürfe.
Als er in das Gewächshaus trat, sah er zunächst die Pracht als Ganzes, ehe sich seine Augen an Einzelheiten gewöhnten, und mitten in dem Grünen und Blühen stand eine stattliche Erscheinung mit dickem Haarknoten im Nacken und angetan mit grüner Gärtnerlatzhose und sportlicher Karobluse. Das war also Leo, und als er „hallo!“ rief, schaute sie von ihrer Arbeit auf. Ted stellte sich vor und erzählte, Erik und Ev hätten ihm den Besuch im Gewächshaus schon schmackhaft gemacht. Leo zeigte ihm zuerst, worauf sie am meisten stolz war: ihre Orchideenzucht. Es war ein leuchtendes Blühen vieler Arten. Ted kam aus dem Staunen nicht heraus. Aber es gab auch Azaleen, Rhododendren, Hibisken, Oleander, aber auch Pflanzen, die er noch nie zuvor sah, und einen großen Orangenbaum. Manche Teile des Gewächshauses standen offen: jetzt sah er auch kräftige rote Erdbeeren in Hochbeeten, Tomaten in ganzen Büschen, Salate und Gemüse in verschiedenster Art, aber auch diese in Hochbeeten. Man konnte beim Arbeiten und schauen sogar auf dem breiten Steinrand sitzen, der so ein Hochbeet umgab. Jetzt entdeckte er auch die beiden Gartenschüler mitten im Gemüse. Sie erklärten ihm, dass morgens in der Frühe alles ganz frisch für den Mittagstisch gepflückt und geerntet würde. Er begriff, dass also nur das auf den Tisch kam, was gerade gereift war. Dann zeigten sie ihm das Spalierobst, und siehe da, hinter dem Gewächshaus standen auch kleine Obstbäume, die von ihnen mit neuen Sorten gepfropft waren. Sie erklärten ihm alles wie richtige Fachleute. Hatten sie das alles hier gelernt? Ja, Leo sei sehr tüchtig und eine gute Lehrerin, und die Bibliothek sei voll von Büchern, die sie läsen und in der Theorie weitergäben an die anderen. Es war also eine richtige Vortragsreihe im Gange für die, die z. Zt. in einer anderen Gruppe arbeiteten. So war das also, die Schüler lernten in der Praxis von Fachleuten, die Theorie erwarben sie sich selbst dazu, und jeder profitierte vom anderen. Leo rief ihn zu sich und hieß ihn einen Pfirsich pflücken. Er ließ sich von der roten Wange täuschen und bekam ihn nicht herunter. Leo lachte und zeigte ihm den Trick: wenn der Pfirsich leicht am Stiel gedreht wurde und nachgäbe, dann sei er für die Ernte richtig. Er biss hinein und aß mit Vergnügen. Leo fragte, ob er ihre Freilandrosen schon gesehen habe? Er schaute verdutzt: Rosen auf dem Acker? Und tatsächlich, der Rosenacker lag an der Sonnenseite des Gewächshauses in voller Blüte, ein Duft kam herüber, unbeschreiblich süß; eine Rosenstaude neben der anderen wie ein kleines Meer. Leo und die beiden Schüler, die stolz neben ihn traten, lachten: „ja, das gibt ein schönes Rosenöl dieses Jahr!“ Das Labor kam anschließend ins Blickfeld, und wer war hier genau richtig? - der Chemielaborant und neben ihm, ebenfalls in weißem Kittel, Richard Steady als Lehrer. Sie machten also z. Zt. Rosenöl, und viele schöne Gläschen waren schon angefüllt. Durch die Mikroskope konnte man auch die Pflanzen betrachten, die sie zogen, Gemüsesorten auf ihre Nährwerte untersuchen und vieles mehr, was wieder der Kochkunst zugute kam. Die Ernährungslehre spielte hier hinein, und was die Schüler sich in der Bibliothek anlasen, konnten sie hier selbst nachweisen. Das konnte ja hochinteressant werden!
Ted ging danach noch einmal zu den Tieren auf die Weide: drei Pferde waren jetzt auch auf der anderen Koppel. Lange schaute er ihnen zu. Er würde auch bald auf ihrem Rücken sitzen. Als er am Nachmittag Hunger verspürte, ging er auf sein Zimmer und fand dort frisch gebackene Croissants, unter einer Haube die duftende Kaffeekanne und ein altmodisches Gedeck. Wer hatte sich Gedanken um ihn gemacht? War Mary schon zurück? Er genoss es und überdachte alles Geschehene. Jetzt musste er nur noch zur Landwirtschaft hinüber und das Schwein begrüßen und vielleicht auch Kühe?! Er schlief fest und erwachte, als es im Haus wieder lebendig wurde. Hatte er den Nachmittag verschlafen? War er so erholungsbedürftig? Es gab „kalte Küche“ heute Abend wieder mit dem leckeren selbstgebackenem Brot, Tomaten von den Büschen, die er sah, und Gurkenscheiben, dazu wieder Schinken. Es war ganz in seinem Sinne. Heute war es beim Essen noch lauter, weil es sich bei Broten besser plaudern ließ. Seine Tischkameraden luden ihn zu sich in den Bungalow ein, und er nahm an. Liz bekam er heute nicht mehr zu sehen. Die Mädels hatten die Abendküche sehr schön alleine besorgt. So ging er später zu verabredeter Zeit zu dem Sonnenblumenbungalow. Der Bewohner Jean öffnete, und Robert war schon da. Wieder staunte Ted über die gutdurchdachte Anlage des Häuschens. Es war an alles gedacht und sehr modern: ein Raum zum Arbeiten und Schlafen, ein Bad mit Dusche und Wc, ein großes Studiofenster. Es war bei aller Modernität mit eingebauten Schränken und eingebauter Teeküche sehr gemütlich. Jean rauchte Pfeife und schenkte Wein ein. Sie tranken auf ein schönes gemeinsames Schuljahr und fachsimpelten den ganzen Abend, als ob es nichts Wichtigeres gäbe. Die Jungs brachten ihn später zum Haus. Es war schon dunkel, und das Meer konnte man in der Dunkelheit rauschen hören. Ted war herrlich müde vom Wein und vom vielen Reden und dankte ihnen. Er sehnte sich nach seinen Kissen und schlief sofort ein. Ein Hahn weckte ihn, der Unverschämte! Wie spät mochte es sein? Aber er hatte noch eine Stunde bis zum Frühstück. Als er in den Saal kam, lachten die beiden Jungs. Er wusste jetzt, dass er bei ihnen aufgenommen war.
Und so begann die Schulzeit mit Staunen, Neugier und Wissbegier und ging weiter mit Aufgaben, Pflichten, Lerneifer und dem Bedürfnis, alles neu Errungene, alle Fortschritte und Erkenntnisse mit anderen zu teilen. Keiner war ausgeschlossen, jede Begabung wurde gefördert. Sie lernten, vor den anderen Vorträge zu halten. Fragen zu stellen, war oberstes Gebot und einzugestehen, dass man etwas nicht wusste, wurde eine Selbstverständlichkeit. Auch der von sich allzu sehr Überzeugte lernte, sich selbst richtig einzuschätzen, und der mit wenig Selbstvertrauen wurde stärker und mutiger und brauchte „sein Licht nicht unter den Scheffel setzen“.
Ted arbeitete überall mit, auch in der kleinen Landwirtschaft, die er später besuchte. Er lernte die wichtigsten Dinge der Ernährungslehre besonders für Kinder, ebenso für ein ganzes Volk. Er kochte bei Mary und Liz die schönsten Rezepte, nachdem er begriffen hatte, was im Essen enthalten war und was der Körper am Tag benötigte. Auch in die Gesundheitslehre spielten ihre neuen Erkenntnisse in der Ernährung. Liz machte die Stunden sehr interessant, und Ted staunte, welche Krankheiten entstehen konnten durch Mangel an Calcium, Magnesium, Vitaminen und anderen und durch Hunger. So erfuhr er auch, dass man Herzschmerzen und Muskelkrämpfe bei Magnesiummangel und Tetanie (eine Art Erstarrung) bei Calciummangel bekommen konnte. Es gab Bücher in der Bibliothek über die normale Funktion des menschlichen Körpers, aber auch über Krankheiten in Haus und Beruf. Irgendwie sahen sie jetzt alle Lebensbereiche mit anderen Augen und fühlten sich mitverantwortlich für das Leben nach der Schulzeit. Auch die Themen Rauchen und Alkohol standen an und das Problem der Drogen in verschiedenster Art. Sie lernten von Kräutern, die Heilkraft besaßen, und bestaunten das Kräuterbeet, das so viele Geheimnisse barg. Viele kleinere Wehwehchen konnte man so lindern, und im Haus wurde Gebrauch davon gemacht.
Am lustigsten war es in der Kinderpflege. Liz meinte dazu, da sie ja wohl in absehbarer Zeit Väter und Mütter sein würden, gäbe es kein wichtigeres Fach. Das einzige Pärchen, das dabei war, lachte fröhlich. Außer den Tätigkeiten wie Baden und Wickeln u. a. erfuhren sie von gesunder und zweckmäßiger Kinderkleidung, vom richtigen Spielzeug ja nach Entwicklung, von Kinderbüchern je nach Altersstufe und von der Bedeutung des Märchenerzählens, das ja ohne Bilder die Fantasie der Kinder anregen soll. Liz bediente sich im Unterricht der alten Erkenntnisse einer deutschen Kinderpsychologin: für viele sei heute dies alles überholt, aber jeder solle sich selbst und seine gemachten Erfahrungen prüfen, wie viel Wahres und Gutes an diesen Studien sei.
Hier war die Mutter die zuerst wichtigste Beziehungsperson nach der Geburt - ihre Stimme, ihre Liebkosungen, die Nahrungsgabe zur regelmäßigen Zeit, eine Trennung vom Kind, wenn es wach war, konnte überaus schädlich sein. Jede Trennung, auch nur für kurze Zeit, sei schmerzlich. Das Kind habe ja kein Zeitgefühl. Es könne dann im Trennungsschmerz schrecklich schreien, und es könne trotz Anwesenheit von Großmutter und Vater aus seiner Urgeborgenheit stürzen. Das sei unbewusst, aber es kann für später großen Schaden anrichten. Solange das Kind klein ist - in den ersten 3 Jahren - gehöre es zu der Mutter, um jeden Preis. Alles andere sei nur eine Notlösung! Liz glaubte, dass das Volk gesund sei, wenn der Zellkern, die Familie, in Ordnung sei. Vieles sah er ganz neu, auch wie wichtig es war für das ganze Leben, dass das Kind Grenzen gesetzt bekam und dass es Ruhe zum Alleinspiel hat und sich sein Spielzeug aus ganz wenigen (zuerst drei verschiedene) aussuchen konnte. Wie wurden doch die Kinder allgemein mit Spielzeug überhäuft, sie hörten auf zu spielen, saßen in den Ecken herum oder zerstörten alles, was ihnen in die Hände kam. Ted engagierte sich so, dass er an einem Abend über kindliche seelische Störungen einen Film vorführte. Liz war sehr mit ihm zufrieden. Das Pärchen meinte später nach Abschluss der Kinderpflege, jetzt sei es für die Familie gut vorbereitet. Aber in Abenddiskussionen oder im Unterricht stellte sich auch ihr geistig-seelisches Anderssein heraus. Es zeigte sich, dass in gespielten Situationen die Frauen ganz anders reagierten als die Männer. Vieles passierte aus Gefühlen spontan, während das andere Geschlecht bedachter handelte. Es war für alle hochinteressant; es ging bis in den sexuellen Bereich. Davon gab es auch genug Bücher, und das Pärchen stellte sich zur Verfügung, darüber zu referieren. Sie lernten im kleinen Kreis auch über ihre Gefühle, ihre Probleme und ihre Schwächen zu sprechen. Einer litt darunter, dass er immer so viele Menschen gleich beim ersten Sehen so unsympathisch fände, ohne auch das Geringste von ihnen zu wissen. Sie schauten daraufhin dem Charakter hinter die Kulissen, wo dieses oder jenes wohl herkommen könne und welche Lebenserfahrung dieser und jener Mensch wohl gemacht hatte, um so zu werden, wie er jetzt war.
Manche Schüler sprachen dabei auch über ihre Väter oder auch über ihr Verhältnis zur Mutter. Einige hatten sich noch nicht von der Mutter gelöst. Alles aber bekam eine neue Perspektive. Sie waren oft aufgewühlt oder zutiefst verstanden. Ihre Seele bekam einen Ruck in die Weite, es drehte sich nicht mehr alles um sie.
Ein Schüler war Theologe und kam auch zu Wort. Er konnte sehr gut informieren über die Entstehung des Alten und Neuen Testamentes (Bund) der Bibel, über den „roten Faden“ der Heilsbotschaft von Christus, der sich durch beides zog. Er half ihnen zu ganz neuen Erkenntnissen und zu dem Staunen, dass Gott den Kreuzestod lange vorher geplant hatte als einzige Lösung des Friedens zwischen IHM und den Menschen. Das zu akzeptieren und darin Gottes Liebe zu sehen, war allen, die es neu hörten, unbegreiflich. Es war eine harte und schreckliche Wahrheit, aber eine überaus Beglückende für den, der es selbst für sich in Anspruch nehmen konnte. Für Liz war es die Grundlage ihres Seins. Als sie es aussprach, leuchteten ihre Augen noch mehr als sonst. Es war das erste Mal, dass sie von sich selbst sprach.
Aber er begegnete ihrer Seele noch ein andermal: Es war Sonntagabend - am Strand war Ruhe eingekehrt. Die Sonne würde bald untergehen, als er auf dem Weg dorthin war. Da raste Liz Pferd so schnell vorüber, dass er nur noch schemenhaft erkennen konnte, dass sie ohne Sattel und Reithose im weißen Hemd und mit aufgelösten Haaren auf dem Pferd lag und beide Arme um seinen Hals geschlungen hatte. Für Sekunden stockte ihm der Atem, dachte er, dass das Pferd so ohne Zügel in Panik sei. Er rannte los, hoffte, dass es Liz nicht abwerfen würde und hoffte auch, ihr irgendwie helfen zu können. Er hatte große Angst um sie. Aber eine Viertelstunde später überholten sie ihn, kamen beide gemütlich nebeneinander trottend heran. Liz lachte, als er aufgeregt auf sie einredete: „Du brauchst Dir um mich keine Sorgen machen, ich bin schon lange hier, ich bin hier geboren.“ Da begriff er, dass sie die letzte Nachkomme dieses herrschaftlichen Hauses war. Sie band das Pferd in der Nähe fest, so dass es am Strandhafer zu tun hatte, und sprang vor seinen Augen in die Flut, lachend und spritzend. Sie war so schnell, dass er Mühe hatte, sie zu erreichen. Sie schwamm sehr gut, und sie schwamm, bis sie erschöpft auf dem Rücken im Sand lag. Dabei hob und senkte sich ihre Brust, und er konnte die Konturen unter dem nassen Hemd sehen. So lag er zur Seite dicht neben ihr, ebenso erschöpft, und sah ihre Augen groß und weit vor ihm aufgetan und schaute in ein tiefes Meer. Da wusste er, dass er sie liebt. Aber es waren nur Sekunden, eine Ewigkeit für ihn, da sprang sie auf, griff nach dem Pferd und ging dem Stall zu. Seitdem fühlte er, ging sie ihm aus dem Weg.
Er sah sie immer seltener, weil er nun doch als „liebstes Hobby“ die Pferde gewählt hatte. Es gab viel zu tun, auch körperlich musste er viel mehr leisten als bisher, aber es tat ihm gut. Es kam aber während seiner „Stallburschenzeit“ auch zu Ausritten, an denen sich Liz beteiligte. Sie konnten lange nebeneinander her reiten, ohne viel zu reden, sich ab und zu etwas Neuerspähtes zeigend. Sie gingen dann beide in der Natur auf, und Ted fühlte, wie gleich zu Anfang seines ersten Strandlaufs, einen tiefen Frieden. Manchmal fragte er, fragte auch nach ihrer Familie. Irgendwann beichtete sie ihm, dass sie 150 Jahre zu spät geboren sei, und er stellte sie sich in den Kleidern von Renoirs Bildern vor. Jetzt verstand er auch ihr Mädchenzimmer.
Sie feierten wunderschöne Feste, die Geburtstage besonders, dann kam Erntedank und Weihnachten. Es gab Grillabende am Strand und Abende unter der Linde, aber er saß auch oben auf dem Dach auf der Marmorbank und ließ die Seele baumeln. Als er das erste Mal zum Linden-Stelldichein ging, saß Liz schon in trachtenähnlichem Kleid mitten unter den anderen, die Gitarre auf dem Schoß. Sie stimmte leise an und fiel in den Gesang dazu. Zuerst sangen sie bekannte Volkslieder, aber der eine oder andere gab auch ein für die meisten Unbekanntes zum Besten. Es war für Ted ein Erlebnis, und wo er konnte, sang er kräftig mit. Er wusste gar nicht mehr, dass er noch eine „Stimme“ hatte. Dann kam wieder ein Solo von Liz und folgten die vielen schönen Refrains, die sie sogar mehrstimmig konnten. Es war herrlich und tat allen sehr gut.
Für die Grillabende am Strand bereitete die „Landwirtschaft“ frische Würste zu, aber das Fleisch dazu kam aus der Stadt, ebenso die Steaks. Ihre Mutter Sau hätte keiner geschlachtet. Die hatte eine große Menge Ferkel geworfen, und die Jungs erzählten den Staunenden, dass jedes Ferkel einen eigenen Charakter habe, die Mutigen, die sich vorzudrängen wagen, die Starken, die zuerst an den Zitzen sind, und die Kleinen, Zaghaften und Ängstlichen, die das bekamen, was letztlich noch übrig blieb. Alle lachten, und manche konnten Geschichten erzählen von Ferkelfreundschaften mit Kindern, die an Anhänglichkeit denen der Hunde nicht nachstanden.
Er sah Liz morgens vor dem Haus beim Rosenschneiden; denn das war ihr Hobby, und sie versorgte die Bungalows und Zimmer des Hauses damit, und im Esszimmer prangte immer der schönste Strauß. Eines Tages, als er auf sein Zimmer ging, tippte es fleißig aus dem Büro heraus, was meist verschlossen war. Sie saß an der Schreibmaschine beim Entwurf einer Rede, die sie beim bevorstehenden Besuchstag des Mäzenen-Vorstands halten wollte. Sie war gar nicht lustig, als er seine Scherzchen machte. Auf seine Frage hin, was denn los sei, erzählte sie ihm, dass ein großer Brief ins Haus geflattert sei, woraus hervor ging, dass es nicht gut um die Schule stünde, das heiße, dass die Gelder nur noch für kurze Zeit ausreichten, wenn nicht bald neue kämen. So, das war also der Grund: Liz sorgte um das geliebte Haus und um ihre Aufgabe. Er war ganz erschrocken, aber er wollte auf jeden Fall mit seinem Onkel reden, der ja auch zum Vorstand gehörte. Er war der Meinung, dass dieses schöne Fleckchen Erde, das für ihn der Garant für eine gesunde Lebensgrundlage war, den nachkommenden jungen Menschen erhalten bleiben sollte.
Sie hielt sich tapfer, als all die älteren Herrschaften in feierlichem Schwarz heran kamen und sich nach einer Besichtigung des Geländes im Speisesaal niederließen. Sie wurden von den Schülern, die alle - ohne Ausnahme - bei den Vorbereitungen mitgeholfen hatten, bewirtet. Dann gab es viele Reden und Belobigungen, aber der Schatzmeister hatte das längste Wort, und es sah traurig aus. Jeder versprach, alle Hebel in Bewegung zu setzen. Liz Rede war ein voller Erfolg. Ted freute sich sehr mit ihr darüber.
Aber auch dieser Tag ging zu ende. Der Alltag mit den Pflichten holte sie ein. Er hatte als zweites Hobby das Malen entdeckt und malte in der Freizeit in Öl. Er malte in den saftigsten Farben und schwelgte in Rot als ein Symbol der Lebensfreude, aber irgendwo kam neben anderen satten Kontrastfarben dann endlich auch das Schwarz, das Unbekannte, Drohende, aber auch alles Abrundende. Es fehlte auf keinem seiner Bilder. Die anderen staunten über seine Schöpfungen, glaubten nicht, dass er sie gemalt hatte. Irgendwie stimmten die Bilder, und es beglückte ihn.
So kam nach Weihnachten mit vielen wunderschönen Festlichkeiten, an denen alle in der Gestaltung beteiligt waren, der Frühling und der Abschied. Jeder hatte für Liz etwas Selbstgemachtes: Liv , die gut stricken konnte und es vielen beibrachte, hatte für sie eine wunderschöne naturfarbene Wolljacke gestrickt, andere hatten gepflanzt, gebastelt, komponiert ; es war einfach alles möglich. Sie hatten fröhlich miteinander gefeiert bei Erdbeerbowle und leckeren Schnittchen, und Liz und Steady hatten ihnen die Urkunden überreicht. Es gab keine Zensuren, aber es waren alle Fächer aufgeführt und das Lieblingsspielzeug, in Teds Fall die Pferde. Und bei allen stand darunter „. . . . . . . war ein guter Kamerad“
Ted war gerührt. Er hatte nicht damit gerechnet. Sie hatten keinen Ehrgeiz um der Zensuren willen gehabt. Sie hatten alle ihr Bestes gegeben und das Bestmögliche aus sich herausgeholt, was noch in ihnen schlummerte: es war alles um der Gemeinschaft willen geschehen. Wo gab es sowas noch in der übrigen Welt?!
Sie überreichten der tapferen Liz ihre Geschenke, und die Freude war groß auf allen Seiten. Endlich kam auch Ted an die Reihe: er überreichte ihr eine große Urkunde. Liz wurde bis zu den Ohren rot, und alle wollten, dass sie vorliest. Aber Liz winkte ab, sie könne ihr Lob nicht selbst vorlesen und legte sie auf den Tisch für alle Interessenten. Da lasen sie es doch:
„Liz Elisabeth Newton - für ein Millionärshaus wäre sie die Richtige:
Sie könnte mit dem Küchen- und Hauspersonal gut umgehen und ihnen zur Seite stehen,
Sie würde die Kinder aufs Beste betreuen,
für Groß und Klein wäre ihr reizender Charme und ihr Anblick eine Wohltat,
dem Rosengarten würde sie selbst ihre liebevollen Hände zuwenden, und Feste und Gesellschaften würde sie ebenso prächtig bewältigen, und die Pferde wären für sie kein Problem.
Aber wie es ihrem Ehemann ergehen würde, das müsse man herausfinden.“
Sie schmunzelten über Teds Idee, begriffen aber den Inhalt nicht, und Liz legte das Plakat am Abend in den Schreibtisch in ihrem Zimmer. Einer nach dem anderen verließ das Haus, von allen verabschiedet. Ted war der Letzte, er war ja auch als Letzter gekommen. Als das Auto kam, stand sie mit hochgestecktem Haar ein wenig kleiner als er und im Sommerkleid neben ihm. Er sagte: „Liz, ich werde bald wiederkommen, und ich werde alles versuchen, für Euch das nötige Geld aufzutreiben“, und weg war er.
Da kamen Wochen später die ersten kurzen Mitteilungen von Banken verschiedener Orte und die ersten Schecks. Einmal waren es 50.000 Dollars. Liz schwelgte im Glück und wusste, dass Ted es geschafft hatte.
Aber dann im Mai war da plötzlich ein Anruf aus Washington für Liz. Als Liz ihren Namen sagte, klang es fröhlich im Telefon „Liz, hier ist der Vizepräsident, mein Sohn Ted ist zu Dir unterwegs. Wenn er eintrifft, möchte er bitte sofort seinem Vater zurückrufen“, und er hatte aufgelegt. Liz rührte sich nicht von der Stelle. Ted war gar nicht Ted, für den er sich ausgab. Er hatte sich bei ihnen eingeschlichen. Warum, warum nur? Warum schickte der Vizepräsident ihn nach Australien in die Schule, wo keiner ihn kannte? Ja, das war es wohl! Keiner sollte ihn erkennen, und alle, alle waren darauf hereingefallen. Und das viele Geld - o je, es kam aus Washington, und Ted war vielleicht auch wohlhabend. Jetzt ging sie zum Schreibtisch und holte die Urkunde wieder heraus. Sie rannte damit zu Mary: „Um Gottes Willen - Liz das ist ein Heiratsantrag. Ted liebt Dich!“ „Ted liebt mich, Ted liebt mich!“ Liz konnte kaum noch klar denken „und er ist schon unterwegs, wie er es versprochen hat.“
Am nächsten Tag, gegen Mittag, hielt ein großes schwarzes Auto vor dem Tor. Ted stieg aus, kam schnurstracks auf sie zu, die verlegen auf der oberen Treppe stand. „Liz, Liz, hier bin ich!“ Sie stammelte, als er ihre beiden Hände nahm, dass sein Vater auf seinen Rückruf warte. Er lachte nur: „Hat er Dich schon aufgeklärt?“ Er hakte bei ihr unter, ging die Treppe mit ihr hinunter und versuchte, ihr alles zu erklären: er wollte einmal im Leben ganz privat sein, ein Mensch wie jeder andere, von anderen anerkannt, weil er so war wie er ist, nicht weil er Millionär und Präsidentensohn war. „Die Zeit hier war die schönste meines bisherigen Lebens“ sagte er, und er zähle ganze 28 Jahre. Liz hörte zu und schaute ihn immer wieder an und wollte fragen, und sie sagte nur, dass sie sich auf sein Kommen gefreut habe, aber nicht, dass er ihr sehr fehlte. Aber nun standen sie am Strand, und er hatte sie an die Hand genommen und sagte leise, dass sie ihm sehr gefehlt habe und sie und ihr Haus ihm immer im Traum begegneten. „Haus meiner Träume“ schmunzelte er, zu dem alten Haus hinüberschauend. Er hatte sie zu sich gezogen und lächelte ihr zu: „Du weißt, dass meine Abschiedsurkunde ein Heiratsantrag war?“ Leise sagte sie „Ja, aber , aber - - - „ Er küsste sie auf den zitternden Mund: “Liz, ich möchte Dich heimholen zu mir, wenn es auch fort ist von hier, wo Du glücklich bist. Ich habe zuhause viel von Dir erzählt; sie wollen bald gute Nachricht von mir haben. Liz, ich liebe Dich; seit den Minuten am Strand weiß ich es, aber ich liebte Dich schon die ganze Zeit.“ - Liz war sehr still, sie wagte nicht, weiterzudenken; sie liebte ihn auch, aber dieses Haus und die wunderbare Arbeit aufgeben, nein, das konnte er nicht von ihr verlangen.
So erbat sie sich Bedenkzeit. Da blieb er nicht mehr lange und fuhr wieder, ohne Antwort von ihr.
Für Liz war schlagartig alles anders geworden ; nie hätte sie daran gedacht, dass sie einmal eine solch schwere Entscheidung treffen müsse. Sie sprach mit Mary darüber. Ach, sie konnte nicht raten, sie hing ja selbst so an ihrer alten Heimat. Vier Wochen quälte sie sich, aber er fehlte ihr sehr und jetzt, wo er ihre Liebe gestanden hatte, noch mehr. Sie unterhielt sich mit Teds Onkel, wie es denn ohne sie in der Schule weitergehen könne. Es musste ein Persönlichkeit gefunden werden, die ihr ähnlich war; denn alles war ja von ihrer Person und ihrem Engagement abhängig. Der Schulbetrieb lief ja schon wieder, Liz war voll dabei wie bisher.
Sie musste viele Telefonate führen, viele Menschen um Auskunft bitten, und dann kam endlich die Ausgewählte: eine Frau von ihrem Schlag, voller Begeisterung für die Idee der Schule, vielseitig ausgebildet, voller vielseitiger Fähigkeiten. Als sie begriff, worum es ging, riet sie Liz zum Abschied; denn irgendwann wäre es ja doch gekommen oder ob sie nie ans Heiraten gedacht hätte. Anne war sieben Jahre älter. Sie glaubte, ihre Erfüllung in dieser Arbeit zu finden. Anne blieb eine Zeitlang im Haus, lernte alles kennen, und ihre Begeisterung nahm zu. Da schrieb Liz endlich an Ted, dass sie ihn mehr liebe als das Haus und dass sie bereit sei, seine Frau zu werden.
Vierzehn Tage später war er bei ihr. Ihr Glück war groß. Zum ersten Mal küssten sie sich wie ein richtiges Paar, und in ihrem wunderschönen Mädchenzimmer steckte er ihr einen zauberhaften Verlobungsring an. Ted war überglücklich: er hatte das beste Mädchen der Welt gefunden, und seine Eltern würden ihm bald zustimmen. Da packte sie ihre kleinen Schätze und viele schöne Buchbände, nahm Abschied vom Haus und allen anderen Plätzen ihrer Heimat und von den hier arbeitenden Menschen und den Tieren. Mary weinte, als Liz ins Auto stieg, aber Ted beruhigte sie, dass sie wiederkämen, wenn das Heimweh sie packen würde. So saß Liz neben Ted im Flugzeug, einer neuen Heimat entgegen fliegend und voller Vertrauen zu dem, der sich in ihr Leben und Herz geschlichen hatte.
Sie wurden zuhause mit großer Freude empfangen, und bald danach gab es eine wunderschöne Hochzeit bei Teds Eltern. Ted hatte längst nach einem Haus ausgeschaut, und da es auch Liz gefiel, zogen sie nach der Hochzeitsreise dort ein.
Dass es ihrer Schule weiter gut gehen würde, dafür wollten sie beide bürgen, und an vielen gemütlichen Abenden ihres gemeinsamen Lebens erinnerten sie sich der schönen Zeit damals im Haus ihrer Träume, und Liz erzählte immer wieder, wann und wo Ted es ihr angetan und sich für sie unentbehrlich gemacht hatte.
Ted konnte „als Ehemann herausfinden“, wie gut es ihm bei ihr ergehen würde.

E n d e

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