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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Helle Fenster
Eingestellt am 26. 01. 2013 22:44


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anbas
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Helle Fenster

Es war in einer kalten, klaren Novembernacht, als es an meiner T├╝r klingelte. M├╝rrisch warf ich einen Blick auf den kleinen Wecker, der neben meinem Computer stand - es war kurz vor halb Drei. Auch, wenn ich ├Âfter um diese Zeit noch wach bin, so kann ich es trotzdem ├╝berhaupt nicht leiden, wenn ich dann gest├Ârt werde. Zum Gl├╝ck kamen solche n├Ąchtlichen Bel├Ąstigungen eher selten vor. Ich atmete einmal tief durch bevor ich aufstand, zur Wohnungst├╝r ging und ├Âffnete. Im Treppenhaus stand eine junge Frau, vielleicht gerade mal achtzehn Jahre alt. Ihre Wangen waren leicht ger├Âtet. Unter einer grob gestrickten Wollm├╝tze fielen lange blonde Haare auf die schwarze Stola, die sie sich um die Schultern geworfen hatte. Ihre F├╝├če steckten in einem Paar ausgetretener Hausschuhe. Ich hatte diese Frau noch nie zuvor gesehen.

"Hallo, st├Âre ich sehr? Ich hab gesehen, dass bei dir noch Licht brennt, und da bin ich neugierig geworden und hab mich gefragt, wer da wohl noch um diese Zeit wach ist."

"Ich ... ├Ąh ... ich arbeite. Aber sagen Sie mal, was ... ich meine, wieso ..."

"... wieso ich hier bin?", fiel sie mir strahlend ins Wort. "Ich sagte doch: Aus purer Neugierde. Ich wohne im Block gegen├╝ber, und wenn ich nachts nicht schlafen kann, setze ich mich oft ans Fenster und schau einfach so in die Nacht hinaus. Und dann sehe ich immer wieder dein helles Fenster. Wei├čt du, dass es oft das einzige in diesem Haus ist, wo um diese Zeit noch Licht brennt? Ich bin neugierig geworden, und nun bin ich da."

W├Ąhrend sie sprach, schaute sie an mir vorbei und versuchte ein paar Blicke von meiner Wohnung zu erhaschen. Sie redete sehr schnell, wirkte aber nicht hektisch, h├Âchstens ein wenig aufgeregt.

"Sie scheinen ├Âfters mal Schlafst├Ârungen zu haben," sagte ich gereizt. "Sagen Sie mal, machen Sie das immer? Ich meine, gehen Sie immer auf diese Art und Weise und zu dieser Zeit Leute besuchen?"

"Nein," lachte sie. "Das ist jetzt das erste Mal. - Du, ich darf doch reinkommen, nicht wahr? Es ist ziemlich kalt drau├čen und ich bin etwas durchgefroren."

Ohne eine Antwort abzuwarten, schob sie sich an mir vorbei und ging in meine Wohnung.

"Komm mal ans Fenster!" rief sie gleich darauf aus dem Wohnzimmer. "Ich habe bei mir extra das Licht brennen lassen. Siehst du, da im neunten Stock? Es ist auch das einzige Fenster wo noch Licht brennt. Du wohnst hier im zw├Âlften, stimmt's? Ich hab lange suchen m├╝ssen und die ganze Zeit ├╝ber Angst gehabt, dass ich die falsche Wohnung erwische. Ich habe immer daran denken m├╝ssen, was ich wohl tun w├╝rde, wenn da pl├Âtzlich jemand im Pyjama und mit verschlafenem, grimmigen Gesicht die T├╝r ├Âffnen w├╝rde. - Du sagtest, du arbeitest. Was machst du?"

In mir brodelte es. Ich ballte einige Male hinter meinem R├╝cken die F├Ąuste, um die Beherrschung nicht zu verlieren, und verfluchte mich selber, weil ich mich derart hatte ├╝berrumpeln lassen und diese Frau auch jetzt noch weiter gew├Ąhren lie├č.

"Ich schreibe. Gedichte, Lieder, Geschichten und so was. Aber nun sagen Sie mal ehrlich, finden Sie nicht auch, dass..."

"Du bist Schriftsteller? Das finde ich ja irre! Darf ich etwas von deinen Sachen lesen? Hast du schon viel ver├Âffentlicht? M├╝sste ich dich etwa kennen? Das w├Ąre mir dann echt peinlich, wei├čt du. Andererseits w├Ąre das auch wieder total krass. W├╝rdest du dir mal was von meinen Texten anschauen? Ich schreibe n├Ąmlich auch gerne. Am besten kann ich das, wenn ich im Cafe sitze. Warum arbeitest du eigentlich nachts?"

Ich schaute sie entgeistert an. Dieser jungen Frau schien ├╝berhaupt nicht klar zu sein, was f├╝r ein Theater sie veranstaltete, und dass sie kurz davor war, bei mir einen Tobsuchtsanfall schlimmsten Ausma├čes auszul├Âsen. Doch irgendetwas hielt mich davon ab, sie lautstark aus der Wohnung zu schmei├čen. Das, was hier gerade passierte, begann mich langsam in seinen Bann zu ziehen.

"Nachts ist es ruhiger im Haus," antwortete ich stattdessen und legte besonders viel Betonung auf das Wort "ruhiger". "Au├čerdem mag ich die Atmosph├Ąre der Nacht. Daf├╝r schlafe ich bis zum Mittag."

"Ja, das kenne ich auch. Ich schlafe auch oft sehr lange, aber nicht weil ich nachts arbeite, sondern weil ich sonst nichts zu tun habe und weil ich ja nachts oft nicht schlafen kann. Kannst du von dem leben, was du da machst, oder hast du noch irgendwie einen anderen Job?"

W├Ąhrend sie mit mir sprach, ging sie ganz ungezwungen durch meine Wohnung und sah sich ├╝berall um. Dann setzte sie sich an meinen Schreibtisch und bl├Ątterte in den dort liegenden Manuskripten.

"Soll das ein Buch werden?"

"Lassen Sie das bitte liegen! Ich mag es nicht, wenn man einfach so in meinen Sachen rumw├╝hlt," polterte es aus mir heraus.

Sie schaute mich leicht irritiert an, legte das Manuskript auf den Schreibtisch zur├╝ck, ging zu meinem Sofa, setzte sich und beobachtete mit einem leichten L├Ącheln, wie ich sorgsam die Papiere wieder ├╝bereinander legte. Meine Gedanken rasten einem aufgeschreckten Vogelschwarm gleich durch meinen Kopf. Nur langsam gelang es mir, sie zumindest ein wenig zu ordnen und zu beruhigen.

"Sie sagten, Sie h├Ątten sonst nichts zu tun. Haben Sie keine Arbeit oder so was?"

"Ich? Ich mache zur Zeit gar nichts. Ich hab mal in 'nem Jeansladen gearbeitet, aber das war mir zu ├Âde. Jetzt kriege ich Hartz IV."

"Hast du ... haben Sie keine Lust, eine Lehre anzufangen?"

"Eine Lehre? Nee, da verdiene ich ja nichts. Ich wohn' doch alleine und muss selber das Geld f├╝r Wohnung und Essen zusammen kriegen! - Sag mal, hast du Hunger? Ich kriege nachts ├Âfter mal Hunger. Hast du irgendwelche Sachen da? Ich kann echt gut kochen!"

Ohne eine Antwort abzuwarten, ging sie in meine K├╝che. Nach ein paar kurzen aber gr├╝ndlichen Blicken in meinen K├╝hlschrank und einige Schr├Ąnke, begann sie Omeletts zu machen. Dabei redete sie unaufhaltsam weiter. Ich stand w├Ąhrenddessen in der K├╝chent├╝r, beobachtete sie und kam mir vor, wie der letzte Idiot. Mir war es unbegreiflich, warum ich das alles mit mir machen lie├č, und warum ich nicht schon l├Ąngst einen Schlusspunkt unter diese unwirkliche Situation gesetzt hatte. Diese Frau verhielt sich so, als w├╝rden wir uns schon seit Jahren kennen. Sie erz├Ąhlte von ihrer chronisch kranken Mutter, f├╝r die sie zu sorgen hatte; von ihrem Bruder, der bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war; von ihrem Vater, von dem keiner genau wusste, wo er steckte; von ihrem bisher einzigen Job in dem Jeansladen und von noch so vielen anderen Dingen, die sie erlebt hatte und die mich eigentlich gar nicht interessierten.

"So, fertig!" unterbrach sie ihren eigenen Redefluss und riss mich aus meinen Gedanken.

Ich hatte gar nicht bemerkt, wie die Zeit vergangen war. Wir setzten uns an den K├╝chentisch und a├čen. Die Omeletts schmeckten wirklich gut. Doch richtig genie├čen konnte ich sie nicht, da ich zu sehr damit besch├Ąftigt war, das alles, was hier gerade geschah, zu begreifen und f├╝r mich zu sortieren.

So vergingen fast zwei Stunden. Ich kam in dieser Zeit kaum zu Wort. Dann stand sie pl├Âtzlich auf und ging aus der K├╝che.

"Na, dann werde ich jetzt mal wieder gehen. Den Abwasch kriegst du doch selber hin, oder? Tsch├╝├č, und schlaf gut!" rief sie mir noch aus dem Flur zu bevor sie die Wohnungst├╝r hinter sich ins Schloss zog.

Ich blieb v├Âllig verdattert an meinem K├╝chentisch sitzend zur├╝ck. Erst langsam tauchte ich aus den Eindr├╝cken der vergangenen Stunden wieder auf. Nachdenklich ging ich in mein Wohnzimmer. Am Fenster blieb ich stehen und lie├č meine Blicke durch die Nacht gleiten. Nach einiger Zeit erlosch das einzige erleuchtete Fenster in dem Haus auf der anderen Stra├čenseite.

Es fing schon an zu d├Ąmmern, als ich wenig sp├Ąter ins Bett ging. Doch es dauerte noch lange, bis ich wirklich eingeschlafen war. Zu sehr kreisten meine Gedanken um diese junge Frau, deren Namen ich noch nicht einmal kannte. Aber ihr Fenster habe ich mir gemerkt. Vielleicht besuche ich sie auch einmal. - Nachts, wenn ihr Fenster das einzige erleuchtete im Block gegen├╝ber ist.
__________________
Wenn der Weg das Ziel ist, kann man nicht falsch abbiegen.
(anbas)

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Ciconia
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Hallo Andreas,

ein Erlebnis, das von Dir locker und fl├╝ssig geschildert wird, aber wenig Nachhall hinterl├Ąsst. Es geht zu viel im seichten Gespr├Ąch unter. Ich h├Ątte mir gew├╝nscht, dass der Erz├Ąhler sich mehr mit dem M├Ądchen befasst und seine Empfindungen n├Ąher beschreibt.

quote:
Zu sehr kreisten meine Gedanken um diese junge Frau, deren Namen ich noch nicht einmal kannte.
Warum kreisen die Gedanken, findet er sie attraktiv?

Was mich wirklich st├Ârt, ist seine penetrante Siezerei. Das sehr junge M├Ądchen duzt ihn vom ersten Moment an, und er, der ├ältere, bleibt beim ÔÇ×SieÔÇť? Das finde ich unrealistisch. Im ├╝brigen w├Ąre es interessant zu wissen, wie alt der Erz├Ąhler wirklich ist, um sich ein besseres Bild der Situation machen zu k├Ânnen.

Ein paar kleine Anmerkungen:

Es fehlen etliche Kommas, vor allem hinter der w├Ârtlichen Rede.
quote:
mit verschlafenem, grimmigen
grimmigem
quote:
Unter einer grob gestrickten Wollm├╝tze fielen lange blonde Haare auf die schwarze Stola,
Diese Formulierung finde ich ein wenig ungeschickt. ÔÇ×Unter der M├╝tzeÔÇť k├Ânnen die Haare nicht fallen. Da das M├Ądchen g├Ąnzlich uneitel zu sein scheint,
quote:
Ihre F├╝├če steckten in einem Paar ausgetretener Hausschuhe

folgender Vorschlag: Sie trug eine grob gestrickte Wollm├╝tze, die ihre langen blonden Haare ein wenig erdr├╝ckte. Um die Schultern hatte sie sich achtlos eine schwarze Stola geworfen ...

Wendungen wie
quote:
sagte ich gereizt
polterte es aus mir heraus
halte ich f├╝r verzichtbar, wenn die w├Ârtliche Rede diese Stimmung sowieso schon hergibt.

Ich glaube, aus diesem Text kannst Du noch sehr viel mehr herausholen!

Gru├č Ciconia

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anbas
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Hallo Ciconia,

vielen Dank f├╝r Deine Anmerkungen. Einige Deiner Vorschl├Ąge werde ich sicherlich ├╝bernehmen oder sie zum Anlass f├╝r eigene ├ťberlegungen nehmen.

Das st├Ąndige Siezen will ich aber unbedingt beibehalten. Damit wird, so finde ich jedenfalls, deutlich, dass der Prot weiterhin eine Distanz zu dem M├Ądchen beh├Ąlt - eine Distanz, die ganz zum Schlu├č ein wenig aufzuweichen scheint und dadurch eine m├Âgliche Fortsetzung der Geschichte andeutet.

An die konkrete ├ťberarbeitung werde ich mich zu einem sp├Ąteren Zeitpunkt machen.

Liebe Gr├╝├če

Andreas
__________________
Wenn der Weg das Ziel ist, kann man nicht falsch abbiegen.
(anbas)

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