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Leselupe.de > Horror und Psycho
Herz
Eingestellt am 03. 08. 2010 00:07


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anbas
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Herz

Heute gibt es Pichelsteiner Fleisch. Nat√ľrlich ist es nicht so gut wie deins, mein Schatz. Aber es ist zu meinem Erstaunen durchaus genie√übar. Wie du wei√üt, ist das hier nicht immer so. Meistens ist das Essen grauenhaft. Ich habe dir ja deswegen oft schon mein Leid geklagt. Aber ich bin nun mal verw√∂hnt. Durch dich, mein Schatz. Niemand wird jemals so gut kochen k√∂nnen wie du. Niemand, auch ich nicht. Nein, wirklich nicht! Du hast mir zwar vieles beigebracht, und ich denke, ich war ein guter Sch√ľler, aber an dein K√∂nnen werde ich nie herankommen.

Ich vermisse dich, Liebste! Und das nicht nur wegen des schlechten Essens, das wir hier vorgesetzt bekommen. Ich vermisse deine Stimme und dein Lachen. Mir fehlen die Gespr√§che und das gemeinsame Schweigen mit dir. Und nat√ľrlich sehne ich mich nach deinem wunderbaren K√∂rper und deinen sanften Ber√ľhrungen. Die N√§chte hier sind so unbeschreiblich trostlos ohne dich. Ich wei√ü, mein Schatz, in gewisser Weise bist du immer bei mir - doch das stillt nicht mein Verlangen nach deinen z√§rtlichen K√ľssen, den Duft deiner Haut und das Spiel deiner verf√ľhrerischen Finger. Ja, mein Schatz, ich wei√ü, es ist meine Schuld, dass es so gekommen ist. Wie oft habe ich mich deshalb schon verflucht.

Als Nachtisch gibt es Vanillepudding. Ich werde ihn nicht essen. Er ist sicherlich wieder ungenießbar. Vanillepudding ist hier immer ungenießbar. -
"Vanillepudding ist hier immer ungenießbar!" Erinnerst du dich, Liebling? Das war unser Satz. Es waren die ersten Worte, die du sagtest, als wir uns kennenlernten. "Vanillepudding ist hier immer ungenießbar!" - und dabei war es eine Portion Grießbrei, die ich damals vor mir stehen hatte. Wir haben beide sehr gelacht, und ich habe zum ersten Mal dein wunderbares, atemberaubendes Lachen gehört - ein Glockenspiel der schönsten Töne, die je erklungen sind. Du warst Stammgast in diesem schäbigen Bistro, in das ich mich damals bei strömenden Regen verirrt hatte. Warum eigentlich? Ich meine, warum warst du in solch einem Laden Stammgast? Ich habe dich das nie gefragt.

Heute ist Sonntag. Da habe ich viel Zeit - viel zu viel Zeit. Es war Sonntag als wir uns kennenlernten. Ich war ein Fremder. Fremd in der Stadt, fremd in meiner Wohnung, fremd in dieser Welt - ja, ich war sogar mir selber fremd geworden. Du hast mir alles gezeigt und nahe gebracht. Durch dich habe ich mich wieder gefunden. Seit jenem Sonntag war jeder Tag f√ľr mich ein Sonntag. An den richtigen Sonntagen haben wir zusammen gekocht. Der Hauch eines wundersamen Zaubers umgab dich, wenn du in der K√ľche hantiertest. Jede kleinste Bewegung war voller Anmut. Die Zutaten schienen dir zuzufliegen, und wie von Zauberhand entstanden die k√∂stlichsten Speisen. Wei√üt du noch, wie oft ich vergessen habe, das Gem√ľse weiter zu putzen oder die Kartoffeln zu sch√§len, weil ich dir voller Faszination zugesehen habe?

Gegessen habe ich ja schon immer gerne - aber gekocht? Nein, kochen war wirklich nicht mein Ding. Du hast diese wunderbare Welt f√ľr mich erschlossen. Ich habe Dinge gekocht, von denen ich fr√ľher nicht einmal zu tr√§umen gewagt h√§tte. Du hast ja miterlebt, wie ich √ľber mich selbst hinausgewachsen bin. Ja, ich bin wirklich gut gewesen und bin es wahrscheinlich immer noch. Doch seit damals habe ich keine Freude mehr daran. Das tut schon manchmal weh - vor allem an Sonntagen.

Irgendwann erw√§hnte ich, dass ich gerne Innereien esse. Besonders Schweinenieren und Rinderherz. Du warst der erste Mensch, den ich getroffen habe, der nicht das Gesicht verzogen oder einen bl√∂den Spruch gemacht hat, als ich das erz√§hlte. Nein, du hast mir gleich bei unserem n√§chsten Treffen ein unglaubliches Ragout aus Innereien zubereitet. Davon tr√§ume ich heute noch. Nie zuvor habe ich mich von einem Menschen so beachtet und ernstgenommen gef√ľhlt wie von dir. Nie zuvor habe ich mich einem Menschen so anvertraut und ge√∂ffnet. Mein Vertrauen war grenzenlos. Du warst der Mensch, nach dem ich mich immer sehnte, von dem ich jedoch geglaubt habe, dass es ihn nicht geben w√ľrde.

Oh mein Liebling, du fehlst mir so sehr. Ich kann diese Leere in mir gar nicht beschreiben. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass uns je etwas trennen könnte. Doch nun sind wir getrennt, und ich friste hier schon seit Jahren mein Dasein, ohne zu wissen, wie lange es noch anhalten wird. Dabei habe ich doch wirklich alles versucht, um mit dir verbunden zu bleiben, und diese Trennung zu verhindern.

Ja, es ist meine Schuld, ich wei√ü das - ich wei√ü das wirklich! Und ich will da auch gar nichts besch√∂nigen. Aber, mein Liebling, ein wenig hast du auch dazu beigetragen, dass es so gekommen ist. Sei mir bitte nicht b√∂se, wenn ich das so sage. Wei√üt du, ich hatte mich so gefreut, als ich damals nach Hause kam und mir schon im Flur dieser wunderbare Duft in die Nase stieg. Es gab Herz! Herz in dieser leicht s√§uerlichen Sahneso√üe - mein absolutes Lieblingsgericht. Was bin ich die Treppen hochgest√ľrmt, in die Wohnung hineingeschossen, um dir dann in die Arme zu fliegen. Wir haben beide gelacht. Du hast gelacht, so wunderbar gelacht. Mein Gott, wie ich dieses Lachen vermisse‚Ķ Doch dann wurde dein Blick ernst. Ich begriff nicht. Du sagtest, dass ich mich hinsetzen solle. Dein Blick war so ernst und ich begriff nicht, wusste nicht, was los war. Du sprachst von einem Abschiedsessen, einem Abschiedsessen f√ľr mich. Ich begriff nicht, dachte an einen Scherz, lachte nerv√∂s. Nach dem Essen w√ľrdest du gehen, sagtest du. F√ľr immer. Ich begriff nicht. Es g√§be keinen anderen, sagtest du. Aber du br√§uchtest deine Freiheit, wieder Luft zum Atmen. Ich w√ľrde dich zu sehr einengen. Darum w√ľrdest du gehen. In Freundschaft. Deshalb h√§ttest du mir zum Abschied noch einmal mein Lieblingsessen gekocht. Langsam begriff ich - aber ich wollte nicht begreifen. Verstehst du: Ich wollte nicht begreifen! Ich wollte, dass du bei mir bleibst. Du solltest mich nicht verlassen. Dein Lachen, deine Stimme, dein K√∂rper - ich wollte dich behalten, f√ľr immer. - Du h√§ttest das wirklich nicht tun sollen.

Seit dem mag ich kein Herz mehr essen. Ich muss dann immer an jenen Abend denken. Damals zog diese trostlose Leere in mein Leben ein. Der Spaß am Kochen verschwand. Trotzdem habe ich noch eine Zeitlang so weitergemacht als wäre nichts geschehen - auch deinetwegen. So viel wie damals habe ich nie zuvor in meinem ganzen Leben gekocht. Ich dachte, dass du so irgendwie in meiner Nähe bleibst. Ganz unterschiedliche Gerichte habe ich zubereitet. Was ich nicht gleich essen konnte, habe ich eingefroren und dann Tage oder Wochen später gegessen.

Doch ich habe dich verloren. Als sie mich holten, war die K√ľhltruhe fast leer. Nur das Herz lag noch genau dort, wo ich es hineingelegt hatte. Ich konnte es nicht essen. Und nun ist da diese Leere - sie tut mir so weh. Vielleicht g√§be es sie nicht, wenn ich das Herz auch gegessen h√§tte. - Ja, ich h√§tte dein Herz wohl essen sollen.


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Wenn der Weg das Ziel ist, kann man nicht falsch abbiegen. (anbas)

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