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Leselupe.de > Fremdsprachiges und MundART
Hochverrat
Eingestellt am 01. 11. 2012 14:11


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Wolfgang Bessel
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2007

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Hochverrat

Elf stressige Monate hatte ich aufem Jagdlehrgang leidlich durchgestanden. Dat Lernen ging mir echt anne Substanz, aber kein Mensch nahm mein schleichendet Siechtum wahr.

Ich musste doch tatsÀchlich selbst auf meinen miesen Gesundheitszustand hinweisen:
„Berta, ich bin nicht gut aufn Damm. Ich bin restlos erschöpft, richtig fertig, erledigt! Siehst du dat eigentlich nich? Du biss doch meine Frau, seit wann biss du so blind? Mein NervenkostĂŒm iss wegen deiner dösigen DiĂ€t völlig inne Wicken. Mein Gesicht iss hohl und blass, richtig ausgemergelt seh ich aus. Zwölf Kilo hab ich schon am Balg verlorn! War dat vielleicht ne EntwĂ€sserungskur, die du mit mir wegen der paar lĂ€cherlichen PfĂŒndchen aufgebrummt hass? Dat iss doch nich normal, dat ich am Tag zwanzigmal nĂ€ssen muss! Mein Immunsystem iss ebenfalls inne Binsen. Ich bilde mir dat nich ein, Berta, fĂŒhl ma meine Birne. Ich hab bestimmt hohet Fieber. Ich sieche hilflos dahin. Ich brauch dringend wieder ma en StĂŒck Fleisch zwischen die ZĂ€hne. Ich sehne mich nach ner krĂ€ftigen Rindfleischsuppe mit MarklĂ¶ĂŸchen, schön mit Zwiebackbrösel zubereitet, wie dat meine Mutter immer lecker gekocht hat.
Wenn ich sterben tu, hass du mich wegen deiner blödsinnigen Schlankheitskur aufm Gewissen! Bauchkniepen mit mehrmaligem Lokussieren, Nervenflattern und Schreckhaftigkeit machen mich noch zusĂ€tzlich platt. Dat biss nur du Schuld, Berta. Und dat ausgerechnet vierzehn Tage vor der JĂ€gerprĂŒfung, ich werde wahnsinnig!“
„Willi, jetz ĂŒbertreibse ma wieder, ich weiß, dat du schon bei jeder kleinen BlĂ€hung gerne klagen tus. Stell dich bitte nich so jammerlappig an, dat iss ja schrecklich mit dir!“

Nach solch mitfĂŒhlenden Worten von der eigenen Ehegattin, fĂŒhlsse dich anschließend wie son geprĂŒgelten Straßenköter, nee, noch viel elender. Erinnert Sie dat an wat?

Ich war wirklich weidwund und legte mich, schwer abgekommen, abends int Wundbett. Berta rief nich sofort den Notarzt – nee, erst am nĂ€chsten Morgen bequemte se sich, en Heiler zu bestellen! Son jungen schnöseligen Vetretungsarzt. Andere MĂ€nner wĂ€ren in dieser langen Leidenszeit schon lĂ€ngst inne ewigen JagdgrĂŒnde abmarschiert.
Der Quacksalber kam, quatschte im FlĂŒrken wat mit Berta und untersuchte mich endlich. Dann stellte er en paar dĂ€mliche Fragen und schĂŒttelte sofort ne Diagnose außem Ärmel raus:
„Herr PĂŒttmann, wir Ärzte nennen Ihre Krankheit: „Virus examicus“, das ist kein Virus, nein, nur ein typisches PrĂŒfungssyndrom. Das hat Sie ganz böse erwischt. Es ist bei Ihnen besonders stark ausgeprĂ€gt. Unter diesen UmstĂ€nden kann die anstehende JĂ€gerprĂŒfung nur in die Hose gehen. Herr PĂŒttmann, versuchen Sie es nĂ€chstes Jahr noch einmal. Das ist ja wirklich nicht so tragisch, denn die Jagd ist ja schließlich nur ein Hobby.“ Berta verdrehte die Augen, sie ahnte, wat auf den Kerl zukam.
Hatten dat meine Lauscher richtig vernommen? War ich hier etwa im falschen Film? Der Mann war ja doof wie en Pott Wasser. So eine dÀmliche Hundsfott!
„NĂ€chstet Jahr?“, brĂŒllte ich den Kurpfuscher an, „haben Se fĂŒr mich noch andere dösige RatschlĂ€ge aufe Pfanne? Ich schinde mich ein Jahr lang ab wie bekloppt, und Sie sagen so leichtfertig daher, die Jagd wĂ€r ja nur en Hobby. Ich soll et im nĂ€chsten Jahr noch ma versuchen! Schliefen Se jetz ganz schnell aus meinem Bau, bevor ich total stinkig werde und mich vergessen tu. Mich hĂ€lt nix mehr auf. Ich bin topfit! Und jetz raus!“
Ja, ich bitte Sie! Den Kerl hÀtten sie doch auch rausgeschmissen, oder?
Ein unheimlicher Adrinalinstoß durchfuhr meinen Körper. Mit einem Satz schwang ich meinen Hintern aussem Wundbett. Gut, son bissken wackelig war ich noch aufe StĂ€nder, aber et ging. Berta und der Medizinmann schĂŒttelten bedenklich die Köppe und tuschelten son paar Minuten miteinander. Dann verließen beide dat Haus. Berta kam nach ner guten Stunde zurĂŒck – voll gepackt mit Fressalien.
Mensch, wat bot sich mir da plötzlich fĂŒrn herrlichen Anblick! Allein schon vom BeĂ€ugen dieser Futterage, spĂŒrte ich Feiertagsstimmung und ne beginnende Gesundung im Balg.
Fleisch, WĂŒrste, Schinken und Beinscheiben – fĂŒr dat leckere RindfleischsĂŒppchen. Frischet Obst und GemĂŒse. Ha, wie köstlich, allet hatte Berta fĂŒr ihr kranket, vom Wildbret abgekommenet Williken eingekauft.
Bestimmt hatte sich der HeilkĂŒnstler an seine Ă€rztlichen Pflichten erinnert und Berta ma richtig den Marsch geblasen. Er hatte ihr hoffentlich gesteckt, dat ich mit der abartigen DiĂ€t fast eingegangen wĂ€r!
So langsam ging et mit mir wieder bergauf. Die quĂ€lende NervositĂ€t steckte aber noch tief inne Knochen drin. Sie ĂŒbertrug sich natĂŒrlich auch auf Berta. Klar, dat se oft stinkig auf mich war. Oft musste ich mir anhören, dat ich nich mehr zu ertragen wĂ€r. Et gab dauernd Knies. Sie holte dann immer die ollen Kamellen auße Versenkung. Et fiel so manchet unbedachte Wort, leider!
Iss Ihnen schon ma aufgefallen, dat in Zeiten höchster geistiger Belastung der Partner plötzlich mit außergewöhnlich nervenschĂ€digenden VerrĂŒcktheiten angeschissen kommt? Wie heute Morgen:
Berta kam da mit einem Ă€ußerst drolligen Vorschlag ausse Höhle:
„Willi, hömma gut zu. Dat Beste fĂŒr uns beide wird et sein, wenn ich mich ma fĂŒr vierzehn Tage hier verzieh. Brigitta und Gudrun sind auch stinksauer auf ihre Herren JagdscheinanwĂ€rter. Wir haben gestern Abend beschlossen, en Wellnesshotel in Mecklenburg-Vorpommern zu buchen. Wir standen euch bisher aufopfernd zur Seite, haben mit euch gepaukt und alle fiesen Launen inne letzten Zeit klaglos ertragen. Jetz mĂŒssen wir ma an unser NervenkostĂŒm denken und wat fĂŒr uns tun. Ich darf dich an dein Versprechen erinnern. Ich hab einen Wunsch frei! Dat hasse mir damals hoch und heilig versprochen.“
Berta konnte eiskalt und berechnend sein. Dat wusste ich. Diese Attacke war allerdings zu viel! Dat durfte doch wohl nich wahr sein! Jetz einfach abhauen?
„Berta, jetz iss aber zappenduster! So lĂ€uft dat nich! Nein, und nochmals nein!
Wo ich dich am dringendsten brauche, wo et mit die PrĂŒfung ernst wird und ich Trost und Opferbereitschaft von dir erwarten tu, willst du mich einfach so verlassen, einfach abstreichen? Du hasse doch mehr nich alle!“
„Ja, Willi, ich meinet ernst!“
Ich war außer mir! Ich nahm jetz kein Blatt mehr vorn Mund:
„Hau ab, lass mich ruhig allein, ich komm auch ohne dich parat. Des Menschen Wille iss sein Himmelreich! Von mir aus fahr hin, wo der Pfeffer wĂ€chst! Dat iss Hochverrat an deinem Ehemann, merk dir dat! Aber gut, fahr nur, ich sach nix mehr dazu, erledigt. Und noch wat: Koch bloß wat VernĂŒnftiget vor und frier et beschriftet ein! Noch ma Kohldampf schieben und halb verhungern, dat lĂ€uft nich mehr, nich mit Wilhelm PĂŒttmann!“
Ja, Leute, ich war schwer geladen.
Noch am Abend habe ich den Jagd-Arbeitskreis zu ner Sondersitzung zusammengetrommelt. Diesmal aber ohne die elenden VerrÀterinnen. Schön auf neutralem Boden, inne Ratsstuben.
Ich brachte dat Hochverratsthema sofort aufn Tisch.
„MĂ€nner!“ rief ich wutschnaubend, „wat iss mit die Weiber los? Die wolln sich aussem Staub machen, einfach so verdrĂŒcken. Spinnen die jetz? Ausgerechnet Wellnessurlaub aufe Schönheitsfarm im Osten, wo se dat Schnitzel noch mit Hammer und Sichel fressen! Wo kommen wir denn dahin? Wolln sich von uns erholen, wir wĂ€ren vor der PrĂŒfung unertrĂ€glich. Dat ich nich lache! Wolln die uns verarschen?“
„Wilhelm“, beschwichtigte Heinrich, „reg dich doch nich so auf, schon deine Nerven, die brauchse nĂ€chste Woche noch.“ Ich fragte erstaunt:
„Heinrich, sach nur, du biss mit dem hinterhĂ€ltigen Plan vonne Weibsbilder einverstanden?“
„Sieh dat doch ma positiv“, quatschte da auch noch der Fred rein, „die Weiber können uns doch nich mehr helfen, da mĂŒssen wir jetz alleine durch. Mach nich son Bahei, wir sehn uns jeden Abend bis zur PrĂŒfung und geben uns gegenseitig den letzten Schliff und danach beim Saufen die Kante.“
„Moment ma, Herrschaften“, wisst ihr ĂŒberhaupt, wat uns dat vierzehntĂ€gige Weiber-Wellness kosten tut? Iss bei euch Vollmond im Kopp?“
„Willi, viel weniger als unser Lehrgang gekostet hat. Sei vernĂŒnftig, lasse abhauen. Du wirss sehen, dat iss fĂŒr uns im Moment dat Beste, sei nich so dickköppig.“ Ich gab mich nur widerwillig geschlagen.
Wegen diesem erzwungenen Kompromiss, haben wir MĂ€nner uns tĂŒchtig einen reingedonnert, aber vom Allerfeinsten! Son bissken Wut war natĂŒrlich auch dabei.
Die Damen packten ihre Plörren und fuhren zwei Tage spĂ€ter mit die Bundesbahn, natĂŒrlich 1. Klasse, nach Meck-Pomm, zum Wellnessen. Ja, schön, letztendlich auch mit meinem Segen.

Der Tag vor der SchießprĂŒfung war grausam.
Berta, mein TĂ€ubchen, war nich mehr an meiner Seite! War ausgeflogen. Ich spĂŒrte in mir unbeschreibliche Hilflosigkeit. Auch die plötzliche Einsamkeit quĂ€lte mich. Ich war ganz allein inne Bude. Ich fĂŒhlte mich elend und verraten. Planlos lief ich wie son KĂ€figtiger im Wohnzimmer auf und ab.
In der Nacht kamen natĂŒrlich wieder diese beschissenen TrĂ€ume, die mich immer total fertig machten. Ausgerechnet jetz! Der Tag war gelaufen, obwohl er noch nich angefangen war.
Ich erinnere mich noch genau an einen dieser verdammten AlbtrÀume:
Alle PrĂŒfer beugten sich ĂŒber mich und schĂŒttelten unglĂ€ubig und enttĂ€uscht die Köppe.
Der PrĂŒfer schrie: „PĂŒĂŒĂŒttmaaann, Sie wissen ja garrr nichts, machen Sie endlich den Muuund auf.“ Im Traum konnte ich aber nich antworten, obwohl ich die richtige Antwort wusste. Kein Wort kriegte ich raus! Entsetzlich!
„Sie haben minderwertig gelernt, PĂŒĂŒĂŒĂŒtmaaan, Sie sind durchgefallen, Sie sind eine Schaaaande fĂŒr den Lehrgang!“

Mensch, wat war ich froh, als ich aufwachte. Ich war Gott sei Dank noch nich durchgefallen, ich hatte noch allet inne Hand.
Den Traum musste ich unbedingt meiner Berta erzÀhlen. Sie, nur sie, konnte ihn deuten.
Wie ein Ertrinkender rief ich sie schon morgens um 6 Uhr frĂŒh in ihrem Hotel an und berichtete ihr von meinem bösen Traum. Sie musste mir unbedingt Trost spenden und mich beruhigen!
Sie machte dat sehr gefĂŒhlvoll.
„Willi, ruhig, ganz ruhig“, sachte se, „so fleißig wie wir gelernt haben, kann bei die PrĂŒfung ĂŒberhaupt nix schiefgehn. Du wirss schon sehn, allet fluppt bei dir, da geht nix daneben, da bin ich mir ganz sicher. Richte dich auf, steh ma gerade. Ich seh dich im Geiste vor mir, wie du da geknickt am Telefon hĂ€ngen tus, wie son nasser Sack, wie en Verlierer. Dat bisse aber nich! Du biss der Beste, mein Böcklein! Atme ruhig durch, denk an wat Schönet, denk einfach an mich. Nimm eine von den grĂŒnen Beruhigungspillekes, die stehen oben rechts im KĂŒchenschrank.“
„Berta, mein Hase, dat tu ich nich, dann penn ich vielleicht ein, und dann isset ganz aus.
Ich mach jetz Schluss, ich muss mich schon wieder lösen, Waidmannsheil, Berta.“
Der nervlich bedingte Toilettengang wiederholte sich noch zweimal, dann fuhr ich zĂ€hneklappernd in die Höhle des Löwen, zur SchießprĂŒfung.
















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Wolfgang M. A. Bessel
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