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Leselupe.de > Science Fiction
Homeboy und ich
Eingestellt am 08. 11. 2006 15:24


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Asmodeus
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Homeboy und ich


Endlich war es soweit! Als ich an jenem Freitag von der Arbeit nach Hause kam, empfing mich bereits im Fahrstuhl die Stimme des Message-Centers mit der Nachricht, da├č eine Lieferung der Firma Darm-Chraisel-Boeng Electronics - kurz: DCB-El - f├╝r mich eingetroffen sei. Sie s├Ąuselte mir direkt ins Ohr, ├╝ber das kleine Kommunikationsimplantat. Aus dem interaktiven Nachrichtenmen├╝ konnte ich eine Pure-Audio-Interaction-Message abrufen. W├Ąhrend ich mit zwanzig anderen Bewohnern, die ebenfalls alle in ihre HeadImps brabbelten, die siebenundf├╝nfzig Stockwerke bis zu meinem Apartment absolvierte, bem├╝hte ich mich, den schw├Ąrmerischen Worten des DCB-El-Sprechers zu lauschen. Der z├Ąhlte zuerst all die tollen Features auf, die mein Homeboy dank neuester Individuality-Technology, Embedded-Security-Layer und Advanced-Label-Interfacing-Systems sowie des eigens f├╝r die Robotik entwickelten Feel-Free(R) Betriebssystems(C) 101(?) aus dem Hause Macrostrong(R, TM, C, USW, PP) zu bieten hatte. Ich hatte bis dahin nicht gewusst, dass man den Begriff "Betriebssystem" unter Copyright stellen konnte, war aber beeindruckt. Dann informierte mich die sonore Stimme dar├╝ber, dass ich den Roboter gar nicht ein oder ausschalten konnte, zu meiner eigenen Sicherheit - toll! --, dass das Service-Team schon alle wichtigen Schritte f├╝r die sofortige Inbetriebnahme meines Home-Assistent ICDI-500 Homeboy R.22 durchgef├╝hrt habe und dass ich nur noch die Identifizierung, Authentifizierung und Registrierung durchf├╝hren m├╝sse. Klasse! Dann folgte irgendetwas ├╝ber die Lizenzvereinbarungen, die auch dann ihre G├╝ltigkeit behielten, wenn sie gegen nationale Gesetzgebung verstie├čen, was aber keine Beeintr├Ąchtigung meiner staatsb├╝rgerlichen Rechte bedeute, weil sie die partikulare Gesetzgebung ja schlie├člich durch die viel besseren universelle Nutzungsrechte dieses Betriebssystems(C) ersetzten. Ich war begeistert. Schlie├člich wurden noch kurz Aktivierung und Personalisierung beschrieben, wovon ich aber nicht alles verstand, und dann sei der Roboter nach einer kurzen Initialisierung und dem blitzschnell verlaufenden System-Update auch schon so gut wie einsatzbereit, sobald der Systemneustart durchgef├╝hrt sei - oder so ├Ąhnlich. Wie schnell das alles ging - fantastisch!

Aufgeregt eilte ich zu meinem Apartment und wollte soeben eintreten, als die T├╝r von innen ge├Âffnet wurde. In der T├╝r stand ein wei├čer Roboter von der H├Âhe eines zw├Âlfj├Ąhrigen Kindes: Der Homeboy ICDI-500 R.22 - I can do it, tadada-da-tada! Wir be├Ąugten uns einen Augenblick, wie es schien - ich wusste ja nicht wirklich, ober er ... es ├Ąugen konnte, oder ob es nicht vielleicht in diesem Moment meinen K├Ârper verma├č, um die Daten sp├Ąter beim Kauf neuer Kleidung f├╝r mich zu verwenden. Dort, wo sich sein Gesicht h├Ątte befinden k├Ânnen, sah ich nur ein schwarzes, konvexes Display. Nach einer Weile hatte ich mich endlich satt gesehen. Das Service-Team hatte ganze Arbeit geleistet: Der Robot war voll einsatzbereit, wie es in der Werbung gehei├čen hatte, die Akkus voll, das Team hatte die Kalibrierung der Motorik schon erledigt, sogar die Verpackung hatten sie kostenlos f├╝r mich entsorgt. Nun musste ich das Ger├Ąt nur noch personalisieren, wie es in den Unterlagen gehei├čen hatte.

Also wollte ich eintreten und mich meinem neuen kleinen Freund widmen. Doch zu meiner ├ťberraschung versperrte mir der Knirps den Weg. "Identifizieren Sie sich", schepperte es blechern aus einem versteckten Lautsprecher.

'Hoppla, nicht schlecht', dachte ich, 'das Kerlchen ist auf Zack.' "Mein Name ist Frank George Smitten, dies ist mein Appartement, und du bist mein Robot." Ich hielt diese kleine Ansprache f├╝r ausreichend. Mein neuer Roboter nicht. "Bitte nennen Sie ihren Access-Authorization-Code und den Personalization-Access-Point."

"Den, ├Ąh - was?" Verdutzt kramte ich in meinen Taschen, als ob es dort einen Code oder einen Point zu finden gab. Es dauerte ein Weilchen, bis das Bit klickte. Der Robot wollte die Codes, die mich dazu berechtigten, die Personalisierungs-Sequenz aufzurufen! War ja klar, schlie├člich h├Ątte ja sonst jeder meinem Robot Befehle erteilen k├Ânnen! Nat├╝rlich hatte ich die Daten nicht bei mir, sondern in meinem Home-Terminal.

"Ich muss nur eben an mein Terminal, dann habe ich die Daten", sagte ich. Doch als ich mich an dem Robot vorbei dr├╝cken wollte, versperrte er mir wieder den Weg. "Zutritt verweigert", blecherte er mich wieder an.

'Moment mal', dachte ich mir, 'das ist meine Wohnung.' Genau das sagte ich ihm dann auch.

"Identifizieren Sie sich", war die nicht eben variationsfreudige Antwort. Ich war sprachlos. Ich sollte mich vor einem gewisserma├čen wildfremden Robot, der mir den Zugang zu meinem eigenen Apartment verweigerte, identifizieren? Als ich ihm diesen grotesken Sachverhalt darlegte, in der Meinung, ein unschlagbares Argument vorgetragen zu haben, erwiderte der Robot: "Durch Abschluss eines Kaufvertrages sind automatisch die Personal Security and Health Services aktiv geworden. Ich bin befugt und imstande, die pers├Ânliche Unversehrtheit meines Besitzers zu erhalten und Schaden von Gesundheit und Eigentum abzuwenden." Ich hielt dies zuerst f├╝r eine Antwort auf meine Frage. Tats├Ąchlich handelte es sich um eine Werbebotschaft; er fuhr fort: "Lernen auch Sie die unbegrenzten M├Âglichkeiten des Homeboy ICDI-500 von DCB-El kennen. Fordern Sie noch heute Ihr pers├Ânliches Angebot an und profitieren Sie von unseren einmaligen Sparangeboten. Beim Ratenkauf erhalten Sie ein superg├╝nstiges Darlehen mit nur 0,99 Prozent effektivem Jahreszins."

"Hey, ich hab noch mit 4,99 abgeschlossen", rief ich emp├Ârt.

"Das war letzten Monat."

"Aha, dann wei├čt du also, wann ich den Kaufvertrag abgeschlossen habe", triumphierte ich.

"Ich bin ├╝ber s├Ąmtliche Zinskonditionen der letzten 36 Monate informiert", erwiderte der Robot k├╝hl, und f├╝gte hinzu: "Zutritt verweigert."

In diesem Moment kam William Peter Baeker aus dem Aufzug. Als er den Homeboy in meiner T├╝r sah, kam er zu mir, gr├╝├čte und starrte neugierig den wei├čen Robot an. Gleich erz├Ąhlte er mir, dass er sich nat├╝rlich auch schon l├Ąngst einen besorgt h├Ątte, aber doch lieber auf die Revision drei warten w├╝rde, die k├Ânne dann mit der Redeye-Schnittstelle seiner Multimediastation kommunizieren. Nachdem Baeker knappe f├╝nf Minuten damit verbracht hatte, mir die Vorz├╝ge der R.3 gegen├╝ber der "alten" R.22 zu erl├Ąutern, fragte er mich noch, ob ich mit meinem Robby denn zufrieden sei, interessierte sich aber nicht f├╝r meine Antwort, denn sein Handy klingelte eben in diesem Augenblick. Mit gewichtiger Miene warf er einen Blick darauf und fl├Âtete erfreut, dass seine Kaffeemaschine soeben eine SMS abgeschickt habe, dass der f├╝r 14:00 Uhr programmierte Kaffee fertig sei. Er w├╝nschte mir noch einen sch├Ânen Tag und wackelte davon.

Aufgeblasener Schn├Âsel. Seitdem er sich die Multimediastation gekauft hatte, verging kaum ein Tag, an dem er mir nicht etwas von seinem Redeye erz├Ąhlte - dass er jetzt dank Redeye vom Auto aus ├╝ber die MM-Station den Akkuladestand seines mikroprozessorgesteuerten Nasenhaartrimmers ├╝berpr├╝fen konnte, oder unl├Ąngst im Minidisplay seiner elektrischen Zahnb├╝rste die ├ťbertragung des Superbole LIVE mitverfolgt hatte - nat├╝rlich via Redeye, also durch die MM-S - jedenfalls solange, bis sich die Zahnb├╝rste nach zwei Minuten automatisch abschaltete.

Ich ben├Âtigte dringend Ruhe, ich musste mich wieder auf mein kleines Problem konzentrieren. Da fiel mir der Access-Chip ein. "Sieh mal", versuchte ich es aufs Neue und stellte mir vor, dass eine kleine rotzn├Ąsige G├Âre damit drohte, meine Kreditkarten in den Gulli zu werfen, wenn ich ihr nicht einen UMTS-Gameboy schenken w├╝rde. "Hier in meiner Hand befindet sich ein Mikroimplantat. Damit kann ich die T├╝r zu meinem Apartment ├Âffnen und verschlie├čen - und zwar nur ich allein."

"Und der Cleaning-Service des Wohngeb├Ąudes", erg├Ąnzte der Roboter.

"Sicher, der auch", gab ich freim├╝tig zu.

"Und die Public-Security-Force", f├╝gte der Robot hinzu, "sowie die Public-Health-Agency. Und die Keep-Your-City-Clean Eingreiftruppe des Ordnungsamtes, Abteilung Seuchenpr├Ąvention. Ferner die Anti-Terror Einheiten des Landes, des Bundes, der EU und der UN, die Mobile Eingreiftruppe der International-Software-Patent-Defense-Commission und die Macrostrong Digital-Rights-Executive-Force. Und alle kriminellen Elemente, die den 1MBit-Sicherheitsschl├╝ssel mit Hilfe illegaler Software knacken und kopieren."

Ich musste tief durchatmen, um meine Argumentationsstrategie nicht aus den Augen zu verlieren. "Ja, ja, die auch. Aber wenn ich die T├╝r ├Âffnen und schlie├čen kann, ist doch wohl die naheliegende Vermutung, dass ich dazu befugt bin, das Appartment zu betreten." Ohne weitere Einw├Ąnde abzuwarten, hielt ich meine Hand an den Access-Panel, ohne Erfolg. Nat├╝rlich lie├č sich die T├╝r im ge├Âffneten Zustand nicht verriegeln, und entriegelt war sie ja schon. "Wenn du mal reingehen k├Ânntest, dann werde ich dir demonstrieren, dass ich die T├╝r verriegeln kann." Einen Moment schien es, als h├Ątte ich den kleinen Mistkerl aufs Kreuz gelegt. Doch dann sagte er: "Weisungsbefugt sind nur authorisierte Personen. Zutritt verweigert."

Grmph - Das war in etwa der Gedanke, der mir in diesem Augenblick durch den Kopf ging. Ich wollte mich schon einem gepflegten Wutausbruch hingeben, da kam mir der Gedanke, die Service-Hotline von DCB-El zu kontaktieren. Es war doch gut zu wissen, dass es jemanden gab, der sich um die Sorgen und N├Âte der Kunden k├╝mmerte.

"Hallo. Sie sind Frank George Smitten und haben die Service-Hotline von Darm-Chraisel-Boeng Electronics gew├Ąhlt, Ihrem kompetenten Partner f├╝r Service-Angelegenheiten rund um die Bereiche Freizeit, Hobby, Spiel und Spa├č. Dieser Service Call belastet Ihre Kreditkarte mit nur 99 Eurocent pro Minute."

Ich musste mich eine knappe Viertelstunde mit einer Maschine unterhalten, die vollkommen eigenst├Ąndig meine Anfrage bearbeiten konnte. "Nein nicht Hometoy - Homeboy, ich habe einen Homeboy..." - "Herzlichen Gl├╝ckwunsch zum Erwerb Ihrer ganz pers├Ânlichen Home-Assistent KI. W├╝nschen Sie weitere Informationen zur Funktionalit├Ąt Ihres Homeboy Home-Assistent, dann sagen Sie bitte: Ja, ich w├╝nsche weitere Informationen zur Funktionalit├Ąt meines Homeboy Home-Assistent. Interessieren Sie sich f├╝r optionales Zubeh├Âr f├╝r Ihren Homeboy Home-Assistent, dann sagen Sie bitte: Ja, ich interessiere mich..." - aber lassen wir das.

Ich kam schlie├člich an den Punkt, wo ich meinem Gespr├Ąchspartner klar machen konnte, dass ich nichts kaufen oder erweitern wollte, sondern lediglich die Information ben├Âtigte, wie ich mich vor meinem neuen Home-Assistent Homeboy Artificial Intelligence Super-Roboter identifizieren konnte. Der Service-Robot erkl├Ąrte mir, dass er davon auch keinen blassen Schimmer hatte und mich mit einem Service-Manager verbinden w├╝rde, wof├╝r ich tiefe Dankbarkeit empfand. Die SM erz├Ąhlte mir dann kurz und knapp, dass mein Homeboy einen Access-Chip-Reader mit Redeye-Schnittstelle R.22 integriert habe, sei alles kein Problem. Ich m├╝sse nur meinen Chip auslesen lassen und die Identifizierung sei erledigt. So einfach war das. Ich war gl├╝cklich.

Da war ich aber wirklich selbst Schuld gewesen, dass ich meinen Chip nicht hatte auslesen lassen; da konnte doch der Robot nichts daf├╝r. Also hielt ich ihm meine Hand hin und fragte mich kurz, warum der Homeboy nicht gleich gesagt hatte - aber das war ja jetzt auch nicht mehr so wichtig. Kaum hatte ich mich identifiziert, erlaubte mir der Robot, meine Wohnung zu betreten. Die Authentifizierung war dann auch wirklich ein Kinderspiel. Ich las dem Robot den 128stelligen Sicherheits-Code vor, w├Ąhrenddessen ich meinen Daumen auf einen kleinen Scanner dr├╝cken musste, der sich direkt auf seiner Brustplatte befand. Nachdem ich den Code im dritten Anlauf fehlerfrei vorgetragen hatte, begr├╝├čte mich der Klang des Firmentrailers - I can do it, tadada-da-tada - und ein freundliches "Hallo, Herr Frank George Smitten, ich bin dein neuer Homeboy. Bitte nenne mir den Personalization-Access-Point, damit du mich nach deinen W├╝nschen konfigurieren kannst, Herr Frank George Smitten." Homeboy sprach nun nicht mehr wie ein in die Tage gekommener elektrischer M├╝lleimer mit Internetanbindung an die ├Ârtliche Reststoff-Recycling-Service-Agentur, sondern wie ein anst├Ąndiger Robot wie du und ich.

Zuerst musste ich ein AI-Complex-Behavior-Scheme ausw├Ąhlen; Homeboy kl├Ąrte mich dar├╝ber auf, dass ich das Schema dreimal ├Ąndern k├Ânnte, ehe es im Main-CPU-Secondary-Flash-BIOS festgeschrieben w├╝rde und sich dann nicht mehr ├Ąndern lie├če - es sei denn, ich w├╝rde eine komplette System-Zur├╝cksetzung vornehmen, worauf eine neue Registrierung notwendig sei. Das war mir egal, also fragte ich, welche Schemas zur Verf├╝gung standen. "Male oder Female", antwortete Homeboy ├╝berraschend knapp. Ich w├Ąhlte das Schema "Female".

"Ich lade das Schema: Homeboy, Female." Aha. Nun denn, ich sah mich schon den Feierabend genie├čen und einen cholesterinarmen, entkoffeinierten Kaffee mit der Extraportion Viteminen der Marke "Master Beans" genie├čen, den mir meine Homeboy bzw. Homegirl gekocht und an den Sessel gebracht haben w├╝rde.

Allerdings fing Robot pl├Âtzlich an, sich sehr eigenartig zu verhalten. Sie ging nicht mehr, sondern wackelte derart halsbrecherisch mit ihren H├╝ften, dass man Angst haben musste, sie leide an einer ernsthaften Funktionsst├Ârung des Bewegungsapparates. Dazu lie├č sie auf ihrem Gesichtsdisplay immer wieder virtuelle Kaugummiblasen platzen und titulierte mich als "S├╝├čer" oder "Sch├Ątzchen". Ich erkundigte mich, ob sich dieses Schema auch etwas modifizieren lie├če, worauf sie mit ihren ├╝berdimensionierten Wimpern klimperte und mich fragte, ob sie mir denn nicht gefalle. F├╝r einen kurzen Augenblick dachte ich ernsthaft dar├╝ber nach, ob es nicht eine Form von Diskriminierung darstellen w├╝rde, wenn ich, so mir nichts, dir nichts in ihrem AI-Complex-Dings herumkonfigurieren w├╝rde. Gl├╝cklicherweise erkannte ich rechtzeitig genug, dass ich mich schon auf dem besten Wege in eine neurotische Zweierbeziehung befand, wenn ich mich jetzt auf eine Diskussion einlie├č. So reifte in mir der Entschluss, das Schema Male zu aktivieren. Ein gediegener Buttler war eine durchaus ansprechende Alternative und vermutlich nervenschonender.

Gleich darauf schnellte der Kommunikationspegel in die H├Âhe. Was ich denn vom neuen DCB-El Vision-Backofen halte, und ob ich mein altmodisches Sonnie Soundsystem nicht gegen ein neues Multimedia-System mit Redeye R.3 Schnittstelle tauschen wolle, und ob mein Terminal auch schon mit dem neuen MS-YQ-Server konnektiert sei, und und und. Ununterbrochen marschierte Homeboy in der Wohnung herum und m├Ąkelte an meiner angeblich veralteten Hardware herum. Besonders witzig fand er meine "antiken" Kopfh├Ârer der Marke "Singheiter" mit Kabel. Nur das Motorroller Handy mit dem Mobile-MacroStrong-Betriebssystem(C) fand er offensichtlich akzeptabel. Irgendwie erinnerte er mich ein wenig an meinen Nachbarn, Baeker. Der Gedanke, mein Apartment in Zukunft mit diesem Redeye-Abklatsch teilen zu m├╝ssen lie├č sich nicht mit meiner Vorstellung einer sinnhaften und menschenw├╝rdigen Existenz in Einklang bringen. Kurz entschlosen durchbrach ich den Verbalkatarakt mit der Anweisung, Robot solle das Ausgangsschema aktivieren. Auf dem Display erschien ein gelbes Dreieck mit einem Ausrufezeichen. "Sie haben das Ausgangsschema mit den Werkseinstellungen zum Zeitpunkt der Auslieferung aktiviert. Sind Sie sicher, dass sie die Pers├Ânlichkeitsmerkmale des ICDI-500 Homeboy endg├╝ltig l├Âschen wollen?" Ja, ich war mir sicher.

Endlich hatte ich meinen guten, alten Homeboy wieder. Nun einen Kaffee! "Bitte registrieren Sie sich bei MacroStrong(R, TM, C, USW, PP), um ├╝ber Produktaktualisierungen und Updates informiert zu werden", unterbrach Homeboy meine Tr├Ąumerei. Zu fr├╝h gefreut. "K├Ânnen wir das nicht sp├Ąter machen", fragte ich - und konnte mein Gl├╝ck kaum fassen, als Homeboy mir gro├čz├╝gig gestattete, die Registrierung zu einem sp├Ąteren Zeitpunkt durchzuf├╝hren. Obwohl er mich etwas vorwurfsvoll belehrte, dass nur registrierte User berechtigt seien, ein Update des MS Betriebssystems(C) durchzuf├╝hren, und DCB-El und Macrostrong(R, TM, C, USW, PP) f├╝r Sch├Ąden, die an dem nicht geupdateten System entstehen konnten, nicht haftbar zu machen seien. Mir war alles egal - ich wollte nur einen Kaffee trinken.

Voller Tatendrang betrat Homeboy meine K├╝chenzeile und sah sich alles genau an. Ich zeigte ihm die Schr├Ąnke und Ger├Ąte und erkl├Ąrte ihm, wie er den Kaffee zubereiten solle. Ich lie├č ihm Gelegenheit, die neuen Informationen aufzunehmen, und bat ihn dann, einen Kaffee zu kochen. Homeboy reagierte nicht. In seinem Gesicht spiegelte sich gesch├Ąftige Aktivit├Ąt. "Scanne Nahrungsmittelbestand, bitte warten." Nun gut, er suchte die RFID-Chips ab und verschaffte sich einen ├ťberblick. Ich wartete. "Bitte warten." Ich wartete. Etwa f├╝nf Minuten. Mit einem Auge sah ich nach meinem PDA, ob nicht mein News-Supporter ein paar interessante Artikel vorr├Ątig h├Ątte.

Als er endlich fertig war, gab er mir eine Bestandsliste inklusive der Verfallsdaten. Nachdem wir meine gesamten Vorr├Ąte durchgegangen waren und Homeboy alles, was von gestern war, gnadenlos aussortiert hatte, bat ich ihn, mit flehendem Timbre, mir einen Kaffe zu kochen. Wohlwollend erkl├Ąrte Homeboy, dass er sich zun├Ąchst mit den Herstellerangaben bez├╝glich der korrekten Produktzubereitung befassen m├╝sse. Zu diesem Zweck m├╝sse er eine Internetverbindung herstellen. Es folgte eine kurze Pause, auf dem Display blinkte das Ausrufezeichen und Homeboy fragte mich mit bedeutungsschwangerem Tonfall, ob ich ihm erlauben wolle eine Internetverbindung herzustellen, um die Herstellerangaben zur Produktzubereitung abzurufen. Ich gestattete es ihm. Ich konnte ja in der Zwischenzeit den M├╝ll raustragen. Unterwegs musste ich nat├╝rlich Baeker treffen, der es sich nicht nehmen lie├č mich nach der Funktionsweise meines neuen Roboters zu fragen. "Oh, der macht sich gerade mit meiner K├╝che vertraut", erz├Ąhlte ich ihm heiter, "und kocht mir dann einen Kaffee." Ohne mich auf weitere Scharm├╝tzel einzulassen lie├č ich den aufgeblasenen Idioten einfach stehen und eilte zur├╝ck in mein Apartment.

Kaum betrat ich die K├╝che, erkl├Ąrte mir der Robot, dass er nun die Herstellerangaben zur Produktzubereitung heruntergeladen h├Ątte. Folgerichtig fragte er mich: "M├Âchten Sie die Zulassung einer Internetverbindung zu diesem Anbieter speichern, um bei einer sp├Ąteren Verbindung nicht wieder um eine Genehmigung gefragt zu werden? Wenn ja, sagen Sie bitte: Ja, ich m├Âchte die Zulassung einer Internetverbindung zu diesem Anbieter speichern."

Ich verdrehte die Augen und leierte meinen Spruch runter. "So, und jetzt gibt's Kaffee", sprudelte ich hervor und rieb mir die H├Ąnde, bevor Homeboy noch auf die Idee kam, die Zubereitungsanleitungen der Hersteller f├╝r Bohnen, Spaghetti, Gehacktes und wei├č der Teufel was abzurufen. Kurz dachte ich daran, die Kochb├╝cher zu verstecken, die eher zu dekorativen Zwecken im K├╝chenregal standen. Gl├╝cklicherweise bemerkte Homeboy sie nicht, so dass ich ihm noch einmal erkl├Ąren konnte, wie ich meinen Kaffee gerne h├Ątte: Einen geh├Ąuften L├Âffel pro Tasse und einen f├╝r die Kanne (ab f├╝nf Tassen zwei f├╝r die Kanne). Homeboy starrte mich ununterbrochen aufmerksam an, auch nachdem ich schon mit meinen Anweisungen fertig war. Wir schwiegen einen Moment und ich genoss die meditative Stimmung, die sich zwischen uns ausbreitete. Dann aber gewann meine Lust auf eine Tasse Kaffee die Oberhand und ich bat Homeboy, mir doch einfach mal, ganz spontan, drei Tassen zu kochen. Homeboy erweckte nicht den Eindruck, als k├Ânne er spontan handeln. Also erteilte ich ihm die Anweisung, mir drei Tassen Kaffee zu kochen. Total spontan erkl├Ąrte mir der kleine Mistkerl, dass er das nicht k├Ânne.

"Was? Warum? Wo liegt das Problem?", fragte ich verdutzt. "Das ist doch wohl das einfachste der Welt!"

"Die Zubereitungsanleitung weicht erheblich von den Empfehlungen des Herstellers ab", kl├Ąrte mich Homeboy auf.

Ach so war das, das hatte ich nat├╝rlich nicht bedacht. Warum auch? "Ich m├Âchte aber, dass du den Kaffee nach meinen Anweisungen zubereitest, und nicht nach denen des Herstellers. Schlie├člich trinke ich den Kaffee, und nicht der Hersteller." Ich hielt das f├╝r eine ausreichende Darlegung meines Standpunktes. Homeboy nicht.

"Die unsachgem├Ą├če Zubereitung von Lebensmitteln kann zu schwer wiegenden Erkrankungen f├╝hren", dozierte Homeboy. "Meine Personal Security and Health Services verhindern, dass ich meinem Besitzer Schaden zuf├╝ge. Da ich in der unsachgem├Ą├čen Zubereitung koffeinhaltiger Getr├Ąnke einen drohenden Schaden erkenne, verweigere ich die Aus├╝bung s├Ąmtlicher Handlungen, die zur Beeintr├Ąchtigung deiner k├Ârperlichen Integrit├Ąt f├╝hren k├Ânnten, Herr ..."

"Jetzt hab ich aber die Faxen dicke", rief ich. "Wie du schon richtig festgestellt hast: Ich bin dein Besitzer. Und ich sage dir, was f├╝r mich gesundheitssch├Ądlich ist, und was nicht. So, und jetzt nimmst du diese Kanne und f├╝llst sie mit Wasser - siehst du, so geht das! Dreieinhalb Tassen, denn eine halbe Tasse Wasser verdunstet ... Dann hier drunter stellen, Kaffeepulver rein, eins, zwei, drei - und vier - und dann geht's los." Gerade wollte ich die Kaffeemaschine einschalten, da griff mir Homeboy in den Arm. Ich verharrte einen Moment, unf├Ąhig mir selbst zu erkl├Ąren, was da gerade passiert war. Ich tat einfach so, als w├Ąre gar nichts geschehen und lie├č meine andere Hand hervorschnellen. Damit hatte der kleine Blechhaufen nicht gerechnet. Aber Homeboy fackelte nicht lang und zog prompt den Stecker aus der Buchse. Weil er sich daf├╝r weit vorstrecken musste und meine Hand noch immer fest hielt, verrenkte er mir das Handgelenk, so dass ich schmerzhaft aufschrie.

"Keine Sorge", tr├Âstete mich Homeboy, "ich verf├╝ge ├╝ber zahlreiche Erste-Hilfe-Protokolle. M├Âchtest du, dass ich ein Update meiner Erste-Hilfe-Protokolle durchf├╝hre? Hinweis: Die Erste-Hilfe-Protokolle befinden sich zum Zeitpunkt der Auslieferung m├Âglicherweise nicht auf dem neuesten Stand. Es wird daher dringend empfohlen, ein Update durchzuf├╝hren. Bei Folgesch├Ąden, die nach einer Behandlung ohne Update der Erste-Hilfe-Protokolle durchgef├╝hrt wurden, ├╝bernimmt DCB-EL keine Haftung. Bei solchen mit auch nicht. Wenn du willst, dass ich ein Update durchf├╝hre, dann sagen Sie bitte: Ja, ich will..."

"Nein, verdammt", schrie ich, "ich will, dass du meine Hand losl├Ąsst." Homeboy parierte, total spontan. Ich rieb mein schmerzendes Handgelenk und starrte den Roboter feindselig an. Er machte sich an der Kaffeemaschine zu schaffen und nicht den Eindruck, als wolle er sich um meine verletzte Hand k├╝mmern.

"Das tut verflucht weh", jammerte ich gerade laut genug, dass er es h├Âren musste. Doch es interessierte ihn nicht weiter. Er war damit besch├Ąftigt, die Parameter W (Wasserstand in Milliliter) und K (Kaffeepulver je Tasse) mit den Werten des Herstellers zu synchronisieren. "Ich will, dass du dich um mein Handgelenk k├╝mmerst", forderte ich barsch. Homeboy kl├Ąrte mich dar├╝ber auf, dass er bei der Ausf├╝hrung seiner Arbeitsprozesse ein komplexes Protokoll feinst aufeinander abgestimmter Priorit├Ąten zu befolgen h├Ątte; da die Zubereitung der Lebensmittel wegen der m├Âglichen Gesundheitssch├Ąden bei unsachgem├Ą├čer Anwendung h├Âher einzustufen sei als bereits eingetretene Sch├Ąden, m├╝sse er sich zun├Ąchst der Kaffeezubereitung widmen.

Nachdem das gekl├Ąrt und der Kaffee schlie├člich doch noch auf dem Weg war, wies ich Homeboy an, nach einer Schmerzsalbe im Bad zu suchen. Wie ich mir das vorgestellt hatte, durchsuchte Homeboy erst einmal die ganze Hausapotheke und warf alles m├Âgliche alte Zeug weg. Unterdessen kl├Ąrte er mich dar├╝ber auf, wie ungemein wichtig es sei, ├╝ber eine vollst├Ąndige und stets aktuelle Hausapotheke zu verf├╝gen. Ich stimmte ihm zu und rieb mein Handgelenk, das schon blau anlief. Homeboy blickte einmal kurz um die Ecke, und wenn es nicht vollkommen unm├Âglich gewesen w├Ąre, so h├Ątte ich den Ausdruck seines Facialdisplays als "argw├Âhnisch" bezeichnet. Dennoch gelang es mir, w├Ąhrend er wieder den Medizinschrank unter die Lupe nahm, schnell noch einen L├Âffel Kaffeepulver in den Goldfilter zu schaufeln und die kleine ├ťberschwemmung, die ich dabei verursachte, schnell zu vertuschen. Dann schlurfte ich ins Wohnzimmer, warf mich ermattet in den Sessel und schaltete den Fernseher ein.

Irgendwann kam dann der d├Ąmliche Roboter angewackelt und ├╝bersch├╝ttete mich mit seiner F├╝rsorge. Er verabreichte mir einen Verband, der einer Kopfamputation alle Ehre gemacht h├Ątte, und belehrte mich dabei, dass ich mich durch mein unbedachtes Handeln unn├Âtig in Gefahr gebracht h├Ątte. Ob er letzten Endes recht hatte? Der Roboter war doch schlie├člich programmiert, mich zu besch├╝tzen!

Mir war es inzwischen einerlei. Die Nachrichten hatte mir der Homeboy voll geplappert, also machte ich mich daran, mich wenigstens auf den Kaffee zu freuen. Gerade signalisierte mir die Maschine, dass das letzte Tr├Âpfen aromatischen Getr├Ąnks in die Thermoskanne getropft sei ("Der Kaffee ist fertig ..." als polyphoner Ringtone von Labba.com) - als sich der Roboter auch schon auf den Weg machte. Mir schwante B├Âses. "├ähm, Homeboy, du", stammelte ich und sprang aus meinem Sessel auf, "schau doch mal nach einem interessanten Programm im Hystori-Channel."

Homeboy z├Âgerte f├╝r einen Wimpernschlag und verschaffte mir den entscheidenden Vorteil, den ich ben├Âtigte, schnell an ihm vorbei zu huschen und vor ihm die K├╝che zu erreichen.

"Du hast keinen Hystori-Channel abonniert, Herr Frank George Smitten", h├Ârte ich Homeboy im R├╝cken vorwurfsvoll konstatieren.

'Verdammt richtig', antwortete ich in Gedanken, 'aber gleich habe ich eine Tasse selbst gekochten, gesundheitssch├Ądlichen Kaffee.' Schon hatte ich die Kanne in der Hand und griff nach einer Tasse, als Homeboy mit federnden Schritten auf mich zu kam.

"Achtung, aktiviere Security-Emergency-Intervention-And-Danger-Prevention-Protokoll!", rief der kleine Wichtigtuer. Nat├╝rlich hatte er es auf meinen Kaffee abgesehen, aber dieses Mal war ich vorbereitet. Mit der Tasse in der einen, der Kanne in der anderen Hand vollzog ich eine 180 Grad Drehung in bester Matador-Manier und lie├č den Roboter ins Leere bzw. in den K├╝hlschrank rennen. Hinter mir gab es ein Ger├Ąusch, als w├Ąre ein Kleinwagen mit einem M├╝lleimer zusammengesto├čen. Ich versuchte mir vorzustellen, wie mein K├╝hlschrank wohl mit Breitreifen aussehen w├╝rde. Noch ehe ich ausgedreht hatte, war die Kaffeetasse zur H├Ąlfte gef├╝llt. 'Jetzt nichts wie weg', dachte ich und stellte die Kaffeekanne auf der Warmhalteplatte ab. Eilig marschierte ich ins Wohnzimmer, die Tasse mit dem duftenden Kaffee in der Hand, den gem├╝tlichen Relax-Sessel in greifbarer N├Ąhe. Irgendwie wusste ich, wenn ich ihn erreicht h├Ątte, w├╝rde ich in Sicherheit sein. Warum nur?

Ich ├╝berlegte gerade, wie sch├Ân es w├Ąre, jetzt noch ein Tr├Âpfchen Kondensmilch f├╝r den Kaffee zu haben. Doch das Risiko war einfach zu hoch - da packte mich etwas am Hosenbein. Ich stolperte und fiel der L├Ąnge nach auf den Boden. Das ganze herrlich duftende Getr├Ąnk spritzte quer durch den Raum, auf meinen sch├Ânen Fernseher. Zum Gl├╝ck war wenigstens die Tasse heil geblieben. Daf├╝r verabschiedete sich der Fernseher mit einem kleinen Blitz, gefolgt von einer indianischen SMS, die soviel besagte wie: Tsch├Âchen, wir seh'n uns.

Wutschnaubend starrte ich an mir herunter und sah Homeboy in nicht mehr fabrikneuem Zustand auf mich zu kriechen. Sein Display hatte ganz sch├Ân was abbekommen, aber die Sprachausgabe funktionierte noch einwandfrei. Sie klang etwa so: "Warnung! Notfall-Prozedur!! Achtung!!! Autodestruktives Verhalten stoppen!!!!" Ich konnte f├Ârmlich h├Âren, wie mit jedem neuen Verbalkurzschluss die Anzahl der Ausrufungszeichen zunahm!!!!!

Homeboy riss mir die leere Kaffeetasse aus der Hand, richtete sich auf und hielt seine Beute f├╝r einen Moment triumphierend in die H├Âhe. Dann setzte er sie behutsam auf dem Boden ab. Ich dachte, dem Roboter sei vielleicht doch noch zu helfen und hob den Arm in der Annahme, er w├╝rde mir aufhelfen. Nix da. Der mikrochipgesteuerte Bleistiftanspitzer sprang auf meine Kaffeetasse und zertr├╝mmerte sie! Wie ein Besessener h├╝pfte er auf meinem Lady-Shy-Memorial-Coffee-Mug herum, als wollte er sie zu Staub zerstampfen. Nach getaner Arbeit begutachtete er sein Werk. Das eine oder andere Teilchen lie├č sich noch mit theatralischer Geste zum Klang knirschenden Porzelans unter metallischen Sohlen zerreiben, als handle es sich um eine Zigarettenkippe. Dann musste der elektronische Gartenzwerg wohl erst einmal seine angenagten Akkus verschnaufen lassen.

Ich wusste, dass ich f├╝r meine Tasse nichts mehr tun konnte. Aber da war noch die Kaffeemaschine! Anscheinend formierten sich im paranoiden Mikrochip dieses Schwachmaten gerade dieselben Bilder, denn schon richtete Homeboy seine l├Ądierte Frontscheibe in Richtung K├╝chent├╝r. Aber er war deutlich gehandicapt, ich konnte ihn leicht einholen. Unterwegs schnappte ich mir die K├Âpfh├Ârer meiner Sonnie-Anlage und schlang das Kabel um Homeboys Beine. Vollkommen ├╝berrascht klatschte der Knirps der K├╝rze nach auf seine Frontallade. Ich konnte mir ein gewisses h├Ąmisches Grinsen nicht verkneifen: Das war die Rache f├╝r Lady Shy. Leider riss er dabei meine gesamte Soundstation aus dem Schrank, weil ich vergessen hatte, den Stecker aus der Buchse zu ziehen. Die Anlage gab ihren letzten HiFi-Stereo-Dolby-8.15-Ton in vollendeter Dissonanz zum besten und schwieg dann f├╝r immer.

'Nur nach vorn blicken, nie zur├╝ck', sagte ich zu mir und erreichte als Sieger das Ziel. Doch schon entwirrte Homeboy die Fessel und schwang sich auf die Beine. Das Facialdisplay baumelte am Datenkabel vor seiner Brust und entbl├Â├čte eine Kamera, die d├╝mmlich hin und her zoomte. So schwungvoll Homeboy aufgesprungen war, so gekonnt verabschiedete er sich wieder mit blechernem Scherbeln aus der Vertikalen. Das gab mir die Gelegenheit, eine neue Tasse zu greifen und zu f├╝llen. Dann gelang es Homeboy doch noch, auf die Beine zu kommen und zu bleiben und st├╝rzte unter Anrufung aller m├Âglichen Kriegsprotokolle und heiliger Updates auf mich zu. Entsetzt erkannte ich, dass mich kein Matador aus der Schusslinie retten ...

Krachend schlug der elende Mistk├╝bel mit dem Kopf auf mein Brustbein und warf mich gegen den K├╝hlschrank. Von dem Aufprall blieb mir die Luft Weg, der hei├če Kaffee spritzte in mein Gesicht, die Schmerzen in meiner Hand flammten auf. Ich fand mich auf dem Boden wieder, um meinen Zeigefinger drehte sich nur noch der Tassenhenkel. Homeboy machte sich eben mit schwerem Seegang daran, sich meiner Kaffeemaschine zu n├Ąhern, wobei er Dinge sagte wie "Warnung - Achtung - Brrzz - Sagen Sie ja ..." So schnell ich konnte raffte ich mich auf und suchte nach einem geeigneten Mittel, den Haufen wandelnden Elektroschrotts au├čer Gefecht zu setzen. Ich bekam eine Teflonpfanne in die Finger. Yeah, Baby! Ich w├╝rde ihn mit den modernsten Mitteln der Weltraumforschung schachmatt setzen. Hier konnte nur der pr├Ązise Einsatz zielgerichteter Willenskraft und menschlicher Intelligenz zum Erfolg f├╝hren. 'Komm her kleiner Stinker', dachte ich mir, 'tritt vor deinen Sch├Âpfer.' Derart weihevoller Wort eingedenk, zog ich dem Homeboy die Pfanne ├╝ber seine Sch├Ądelatrappe.

"Unsachgem├Ą├če Anwendung ... Zzrrx ..." - KLONK - "... Download ..." - BONK - "... Brrffffz ... Sind Sie sicher..." - T├ľNK - "...sto├č gegen die Lizenzvereinbarung ..." Dann fing er an zu rotieren. Durch Zufall erwischte er die Pfanne und entriss sie mir. Sie flog krachend in den offenen Schrank mit den Kaffeetassen und setzte all der keramischen Pracht ein j├Ąhes Ende. Dann schlug er gegen die Kaffeemaschine. Wie in Zeitlupe sah ich die thermoisolierte Kanne der Schwerkraft nachgeben. Im selben Moment stand ich neben mir - hechtete schmerzunempfindlich - schlitterte ├╝ber scherbenschwangere Fliesen - ├╝bermenschliche Kr├Ąfte entfaltend - fing die Kaffeekanne! Eine Welle Gl├╝ckshormone lie├č mich alle Schmerzen vergessen. Ich hatte es geschafft! Ich war der King! Ich hielt dem intelligenzbefreiten Taschenrechner den Stinkefinger ins gesprungene Objektiv und schmiegte die Kaffeekanne an meine Brust. Schon stieg mir der k├Âstliche Duft in die Nase und vers├Âhnte mich mit aller Unbill, die ich hatte erdulden m├╝ssen. Ich richtete mich auf, so gut es ging, und hob die Sch├╝tte an meine Lippen, ohne den robotischen Totalschaden aus den Augen zu verlieren. Vor seinen Augen - bzw. vor seiner Linse w├╝rde ich nun den wohlschmeckendsten Schluck Kaffee meines Lebens trinken. Ich hatte ihn mir redlich verdient. P├Âtzlich regte er sich. Ich traute meinen Augen nicht. Der M├╝lleimer auf zwei Beinen bewegte sich wieder, wie ein Zombie wankte er mit ausgestreckten Armen auf mich zu und sonderte fiepende und qu├Ąkende Ger├Ąusche ab. Ich wich zur├╝ck, bis ich nicht weiter zur├╝ck konnte. Er wollte mir meinen Kaffee wegnehmen, das wusste ich genau! Aber er w├╝rde ihn nicht kriegen - jedenfalls nicht so, wie er sich das vorstellte. Kurzehand ├Âffnete ich die Kanne und goss einen ordentlichen Schluck in sein nicht vorhandenes Gesicht. Zischend und schmurgelnd sickerte das Bohnengebr├Ąuh den Innenraum des Roboters hinab. Ein unangenehmer Geruch verschmorten Computerplastiks breitete sich mit gr├Ąulichen Schwaden aus, die zwischen den Ritzen seines Geh├Ąuses hervorquollen. Dann gab es einen Knall. Homeboy erstarrte mitten im Schritt und kippte stocksteif vorn├╝ber. Ich hatte ihn ausgeschaltet!

Im selben Augenblick explodierte meine Haust├╝r und eine Eingreiftruppe st├╝rmte mein Apartment. 'Endlich', dachte ich, 'sie retten mich.' Sofort st├╝rzten sich zwei Schwarzuniformierte auf den am Boden liegenden Roboter und ├╝berpr├╝ften, ober er noch funktionsf├Ąhig war. "Zustand kritisch", rief einer von beiden, und: "Beginne Reanimierung."

Ich verstand gar nichts. Ein weiteres halbes Dutzend M├Ąnner richtete seine Aufmerksamkeit und Waffen auf mich. Einer von ihnen br├╝llte: "Macrostrong Digital-Rights-Executive-Force! Sie werden beschuldigt, gegen die Macrostrong Lizenzvereinbarungen in siebenundf├╝nfzig F├Ąllen versto├čen zu haben! Lassen Sie die Waffe fallen und ergeben Sie sich. Wenn Sie sich ergeben wollen, sagen Sie: 'Ja, ich ergebe mich.'"

'Ich denke, die haben einen Access-Chip! Wieso machen die meine T├╝r kaputt?', war der letzte Gedanke, an den ich mich erinnern konnte, ehe ich die Kaffeekanne fallen lie├č. Dann st├╝rzten sich die sechs schwer bewaffneten MS-DREFs auf mich, rangen mich zu Boden und fixierten mich dort, indem jeder von ihnen auf ein K├Ârperteil seiner Wahl sprang und es um einen Schagstock knotete. Nachdem der demolierte Homeboy behelfsm├Ą├čig versorgt war, wurde ich dann auch irgendwann abgeholt. Der Rest ist schnell erz├Ąhlt: Ich hatte noch Gl├╝ck; der Richter erkannte mildernde Umst├Ąnde an, da ich noch kein registrierte Nutzer war. Rein theoretisch h├Ątte ich ja noch von meinem R├╝ckgaberecht Gebrauch machen k├Ânnen. Dummerweise hatte ich aber schon die Lizenzvereinbarungen akzeptiert, und das bedeutete so viel wie: Selbst schuld, Arschloch. Der Richter klappte den Aktendeckel zu und sagte, dass er jetzt nichts mehr f├╝r mich tun k├Ânne, ich l├Ąge au├čerhalb seines Zust├Ąndigkeitsbereiches.

Ich musste keinen Schadensersatz an Macrostrong zahlen, DCB-EL musste nicht f├╝r den Schaden aufkommen, den sein Roboter in meinem Apartment und meinem K├Ârper angerichtet hatte. Irgendwie fair, muss ich schon sagen. Homeboy durfte ich nat├╝rlich wieder mit nach Hause nehmen, nachdem ich die Reparaturkosten beglichen hatte, die sich in der Gr├Â├čenordnung eines neuen Homeboy 505 (mit Redeye 3) plus Breitband-Briefmarken-Flatpanel-TV und Multimediastation bewegten. Ein total superg├╝nstiger und ganz unb├╝rokratisch zugesicherter Kredit half mir da ungemein weiter. In meiner Wohnung musste ich erst einmal das ganze Chaos aufr├Ąumen, denn mein kleiner Roboter hat seither echte Probleme mit seinem Bewegungsapparat und weigert sich, das kleinste Hindernis zu ├╝bersteigen. Schwer heben und tragen darf er jetzt auch nicht mehr, das steht in den Reperatur-Lizenzvereinbarungen.

Meine Soundstation und der Fernseher sind hin├╝ber, und ich werde mir so schnell keine mehr leisten k├Ânnen. Daf├╝r tr├Âstete mich Homeboy, indem er mir frei im Internet erh├Ąltliche e-Books vorliest, in denen es meistens um arme, unterdr├╝ckte Roboter geht, die sich irgendwann gegen ihre tyrannischen Besitzer auflehnen. Samstags kocht er mir manchmal Kaffee, nach Zubereitungsanleitung des Herstellers. Den M├╝ll trage ich jetzt immer nachts raus, wenn niemand auf dem Flur ist.

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flammarion
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dies

ist das am├╝santeste, was ich in den letzten drei tagen gelesen habe. herrlich, wie du den bogen immer h├Âher schnellen l├Ą├čt! das thema ist nicht neu, aber sehr gut r├╝bergebracht.
lg
__________________
Old Icke

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Penelopeia
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Eine sehr am├╝sante Geschichte.
Vor allem aber: ein k├Âstliches Sammelsurium moderner Leerworte. Maximalbeladung von Umgangssprache mit Sprachh├╝lsen. Sicher eine M├Âglichkeit, den Prozess unserer Spachverlotterung ins Bewusstsein zu bringen...

Am besten gefallen mir der "Hystori-Kanal" und die "Singheiter"-Kopfh├Ârer. (Das sind nat├╝rlich keine Leerworte, sondern gelungene Wortparodien.)

Ein paar Fl├╝chtigkeitsfehler:

- Mal steht "Appartement", dann wieder "Apartment"
- durch die viel besseren universelle(n) Nutzungsrechte

- "authorisierte" Personen?

- Die SM erz├Ąhlte mir dann kurz und knapp, dass (da?) mein Homeboy einen Access-Chip-Reader mit Redeye-Schnittstelle R.22 integriert habe, sei alles kein Problem.

- schuld als Substantiv? (Ich habe Schuld, ich bin schuld)
- Vite(a)minen
- meine (mein) Homeboy
- Butler statt "Buttler"
- Von dem Aufprall blieb mir die Luft Weg (weg), der hei├če...

Vielleicht k├Ânnte man die Dialoge an einigen Stellen noch ein bisschen "entsteifen", das ist aber Ansichtssache. (Ich rede i.A. recht flapsig, das muss kein Ma├čstab sein.)

Hat Spa├č gemacht!

LG

P.

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Asmodeus
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Danke an euch beiden f├╝r eure freundlichen und kritischen Anmerkungen.

Die Dialoge hatte ich schon steif geplant, um mir mal vor Augen zu halten wie es klingt, wenn man so spricht, wie es die Werbefachleute von uns gerne h├Ątten. Pers├Ânlich bevorzuge ich auch eher den wirklichkeitskongruenten Sprechstil, 'ne. Wenn es allerdings dazu f├╝hrt, dass sich der Text nicht gut liest, sollte ich vielleicht noch mal dr├╝ber gehen. Ich hatte eher die Bef├╝rchtung, dass meine Wortmonstren das Lesen erschweren; sch├Ân, wenn es so ankommt, wie ich es vor hatte.


Mit herzlichen Gr├╝├čen,

Asmodeus.

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