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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Hundert Mark West
Eingestellt am 13. 04. 2004 21:01


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AlexanderrednaxelA
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Registriert: Mar 2004

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Hundert Mark West

Der Mut meiner MitbĂŒrger hatte sich gelohnt: die Mauer fiel, es gab BegrĂŒĂŸungsgeld. Zwei oder drei Tage lang habe ich es gespart und am vierten komplett ausgegeben, fĂŒr zwei Schallplatten, eine absurde Sache namens Döner, Coca Cola, SĂŒĂŸigkeiten in bedenklichen Mengen und Batman im Kino.

Nun war ich wieder auf DDR-MĂŒnzen angewiesen, schöpfte aber Hoffnung, weil man inzwischen skandierte, dass wir ein Volk seien. Dies wĂŒrde jedoch noch dauern; wahrscheinlich saß ich also zuhause gerade vor meiner leeren Colaflasche und weinte, als mein Vater mich zu sich ins Wohnzimmer rief. Sein Blick war glasig, das kam vom Alkohol und nicht selten vor. Er hielt eine japanische Uhr in der Hand, die er schon lange besaß, die aber auch schon lange nicht mehr funktionierte. Ich solle doch am nĂ€chsten Tag „in den Westen“ Berlins fahren und sie reparieren lassen. Aus seiner Brieftasche holte er einen Hundertmarkschein und gab ihn mir.
Am nĂ€chsten Morgen setzte ich mich in die S-Bahn. Bei meinen StreifzĂŒgen durch Westberlin hatte ich nahe des Karstadt an der Wilmersdorfer Straße einen UhrenhĂ€ndler gesehen und wollte auf diesem vage vertrauten Terrain bleiben, da der Westteil der Stadt fĂŒr mich noch ein undurchschaubares, fremd riechendes Labyrinth war.

Den S-Bahnhof Charlottenburg verbindet eine kurze Straße, deren Name mir entfallen ist, mit der Wilmersdorfer. Ich bestaunte den Grabbelkistenladen, den zweiten Grabbelkistenladen, den Grabbel-elektroladen und das Sexkino. Der Westen, unglaublich!
Dann sah ich die beiden MĂ€nner, umringt von einer kleinen Menschentraube. Sie saßen auf dem BĂŒrgersteig, vor sich einen Teppich, auf diesem drei Streichholzschachteln. Es wurde das HĂŒtchenspiel gespielt. Ich drĂ€ngte mich in die Traube und schaute zu. Jedesmal wusste ich, wo die Kugel lag, die gemĂ€chlich von einer Schachtel zu anderen geschoben wurde. Auch als einige weitere MĂ€nner Geld setzten und den doppelten Einsatz gewannen, lag ich immer richtig. Schnell ĂŒberschlug ich meine Chancen und erging mich in Wahnvorstellungen ĂŒber meine nĂ€here Zukunft. Nach einer halben Stunde war ich sicher, dass nichts schief gehen konnte und reichte kurzentschlossen meinen Schein hinĂŒber. Es ging los, die HĂ€nde bewegten sich auf einmal etwas flinker, und bereits wenige Sekunden spĂ€ter hoffte ich nur noch, wenigstens erfolgreich zu raten. Die Streichholzschachtel wurde dann gelĂŒpft, und darunter befand sich nichts, keine Kugel, nichts, nur fremd riechende Luft.
Mich ergriff ein GefĂŒhl, als hĂ€tte soeben ein verstorben geglaubter Verwandter angerufen.
Als ich eine Stunde spĂ€ter immer noch mit ratlosem und flehenden Gesicht neben dem Spielteppich stand, kam ein alter Mann vorbei, er trug einen weißen kurzen Bart und eine kluge Brille, der sah mich an und fragte, nein, stellte fest: „Du bist aus‘m Osten, hm“. Ja.

Ich war verzweifelt. Mein Vater neigte damals noch zum JÀhzorn, und wenn ich ihm diese Geschichte erzÀhlte, wÀre er auch noch im Recht, was meine Pein nicht minderte. Die Fahrt nach Hause war traurig, all mein Mitleid gehörte mir, stumpf starrte ich durch die grauen Scheiben der Bahn.
Zuhause war niemand, und verkrampft ĂŒberlegte ich, wie ich das sich abzeichnende Drama noch verhindern könne. Mein erster Gedanke galt dem SchlĂŒssel zu meinem grĂŒnen Kleiderschrank. Wie ich schon Jahre zuvor festgestellt hatte, passte dieser SchlĂŒssel in das „Geheimfach“ im elterlichen Schlafzimmer. Dieses Geheimfach hatte schon frĂŒher hĂ€ufig Banknoten enthalten, die fremd und vielversprechend waren, bisweilen auch zahlreich. Vielleicht hatte ich ja GlĂŒck! Ich öffnete das Fach, und es lagen wie immer interessante Dinge darin, nur kein einziger Geldschein. Panisch durchwĂŒhlte ich alles, und was ich fand, war eine kleine Schachtel, in der Briefmarken lagen, darauf der FĂŒhrer abgebildet war. Hoffnung sproß und grĂŒnte! Sollte Adolf Hitler doch noch fĂŒr etwas gut sein? Diese Marken mussten doch einen ungeheuren Wert haben! Selig blickte ich auf das vertraute Antlitz und steckte zehn oder zwölf der etwa vierzig Briefmarken ein.
Am Abend mied ich das Thema Uhr und fuhr am nĂ€chsten Morgen auf den ersten Flohmarkt, den ich erreichen konnte. Es ist herrlich, im Herbst in aller FrĂŒhe in einem leeren Doppeldeckerbus vorn zu sitzen und davon zu trĂ€umen, dass alles gut wird. Die Stadt ist wunderschön, wenn sie gerade erwacht, wenn junge Sonnenstrahlen sich durch den noch dunklen Himmel stehlen und das Laub vom Winde aufgeweht wird, dergleichen dachte ich wohl, und mehr.

Der Traum hielt bis zu den Worten „Fuffzich Fennich“. Pro Marke. Die gebe es zuhauf, krĂ€ht kein Hahn nach. Mein Magen rebellierte, mein Hirn vereiste. Jetzt wusste ich keinen Ausweg mehr, sah keine Möglichkeit, irgendwie schnell genug an hundert Mark zu kommen. Alles war Schuld, Furcht und Elend. In dieser Stimmung fuhr ich nach Hause und legte die Marken wieder in die Schachtel.

Im Angesicht der Hoffnungslosigkeit meiner Lage wollte ich am Abend beichten, was geschehen war. TrĂŒbe saß ich in meinem Zimmer, verfluchte und bejammerte mich abwechselnd, doch es musste sein.
„Sohn!“, schallte es aus dem Wohnzimmer. Da ich sonst nur Schwestern habe, musste wohl ich gemeint sein. Betreten ging ich hinĂŒber, zum GestĂ€ndnis bereit. Mein Vater schaute mich mit glasigen Augen an, das kam vom Alkohol. „Meine Uhr“, sagte er, „hab‘ ich dir nicht meine Uhr gegeben zum Reparieren?“ – „Ja.“ – „Hoffentlich ist sie bald fertig. Hier, das muss ja auch bezahlt werden“, und reichte mir einen Hundertmarkschein.

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Rainer
???
Registriert: Jul 2002

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hallo alex,

sehr schöner text, so wie ich es mag: eine kaskade von geschichten hinter der vordergrĂŒndigen story.
eine kleine anmerkung:

quote:
Mein Vater schaute mich mit glasigen Augen an, das kam vom Alkohol.„Meine Uhr“, sagte er, „hab‘ ich dir nicht meine Uhr gegeben zum Reparieren?“

hier wĂŒrde ich die wiederholung von "...das kam vom Alkohol."
vermeiden, und einen satz aus diesen beiden machen.
etwa so:
mein vater schaute mich mit glasigem augen an "die uhr, habe ich dir nicht meine uhr zum reparieren gegeben?"
außerdem wĂŒrdest du so die inflation von "meine" wenigstens etwas eindĂ€mmen...

viele grĂŒĂŸe

rainer


__________________
ist meine, und damit nur EINE Meinung

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AlexanderrednaxelA
Routinierter Autor
Registriert: Mar 2004

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Lieber Rainer,

freut mich, dass Dir die Geschichte gefallen hat.
Zu Deiner Anmerkung:
Die jeweiligen Formulierungen sind absichtlich gewÀhlt - die wortgleiche Wiederholung sollte darauf verweisen, dass dergleichen hÀufig vor kommt (bei der zweiten Begegnung in der Geschichte ja auch das zweite Mal) und eine gewisse Resignation des ErzÀhlers verdeutlichen.
Ähnliches lag dem "mehr - mehr" zugrunde: Meiner in diesem Bereich nicht unbetrĂ€chtlichen Erfahrung nach beschrĂ€nken Betrunkene ihren Wortschatz doch ganz gewaltig und wiederholen sich hĂ€ufig (was ihren Worten freilich nicht unbedingt mehr Sinn verleiht).

Was gut sein kann, ist, dass das Intendierte nicht so recht zur Geltung kommt.

Na, wie auch immer; viele GrĂŒĂŸe,
Alex

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Lemma
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Registriert: Feb 2004

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Lieber Alex,

wieder mal eine wunderschöne kleine Geschichte.

Bewundernd angesichts dieses schönen Talentes,
Lemma

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