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Leselupe.de > Kurzprosa
Ich danke dir
Eingestellt am 25. 10. 2002 16:09


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Otto Lenk
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Dank an meinen Vater
Fast fehlen mir die Worte. Was hast du mir nicht alles mitgegeben. Ich trage deine Narben. Innerlich und ├Ąu├čerlich. Die ├Ąu├čerlichen sind verheilt. Aber...
Vielen Dank f├╝r die schlaflosen N├Ąchte. Es war wundersch├Ân an deinem Bett zu sitzen, und die Geister deines Deliriums vom Bettlaken zu pfl├╝cken. All die Spinnenmonster deines benebelten Gehirns.
Ich danke dir f├╝r die Angst, die du wie einen Nebel auf alle ├╝bertragen hast, die in deiner N├Ąhe waren. Die Angst war die Melodie meiner Kindheit. Lachen war dir zuwider. Das Lachen zeigte dir, was du verlernt hattest. Hast dich gehasst. Uns. Alles Lebendige.
Ich danke dir f├╝r unsere gemeinsamen Mahlzeiten. Kein Wort durfte gesprochen werden. Kann mich noch an dieses eine Essen erinnern. Es schmeckte mir nicht. Hast mich immer wieder angeschrien. Was auf den Tisch kommt, wird aufgegessen. Ich h├Ątte mich nicht weigern sollen. Wortlos nahmst du den Teller. Er landete in meinem Gesicht. Ich danke dir f├╝r die Narben.
Was warst du f├╝r ein toller Anblick. Wie habe ich deinen morgendlichen Anblick geliebt. Kamst in die K├╝che und legtest dir ein Handtuch um den Hals. Dein Plan. Wie sollte die Tasse Asbach nur den Mund finden. Tasse ums Handtuch gewickelt und am anderen Ende zum Mund gezogen. Schlaues Kerlchen. Der Suff hat immer seinen Weg gefunden. Hat dich gefunden.
Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie du mich immer zur Schau gestellt hast. Im Matrosenanzug. Dein Sohn! Habe immer gel├Ąchelt. Kann man im L├Ącheln die Schattierungen der Angst erkennen? Mein L├Ącheln war eine Maske des Grauens.
Ich war vier Jahre alt. Stand mit meinem Freund am Fenster zur Stra├če. Drau├čen spielten Kinder. Wir lachten mit ihnen. Im Hintergrund warst du, oder besser gesagt, dass was von dir ├╝brig war. Auf einmal lag ich auf der Stra├če.
Alles war rot. Ich war aus dem ersten Stock gefallen, k├Ânnte man sagen. Als ich zur Besinnung kam, sah ich dich am Fenster. Ich konnte deine Gedanken lesen. Warum ist er nicht tot? Ich war vier Jahre alt. Und wurde innerhalb einer Sekunde erwachsen. Mein L├Ącheln war wohl zu laut gewesen. Hast dich in mir erkannt. Das, was du einmal warst. Ein unschuldiges, l├Ąchelndes Kind. Konntest es nicht ertragen. Ich danke dir daf├╝r, dass deine Hand mich meiner Kindheit beraubt hat.
1963 hatte meine Mutter endlich die Kraft gefunden, diesem Wahnsinn ein Ende zu setzen. Sich von seiner Macht zu l├Âsen. Seiner Ohnmacht.
Sechs Jahre der intensiven Liebe meines Vaters.
Mit 16 bekam ich einen Brief vom Sozialamt. Mein Vater war mittellos im Altenheim gelandet. Man verlangte von mir Unterst├╝tzung f├╝r dich.

Ich danke Dir.

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Otto Lenk
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Diese "Geschichte" war wie ein Baum. Und die Jahresringe Erinnerungen...

Die Geburt des ersten Rings

Bei meiner Geburt war ich ein zerbrechlicher Setzling. Die Erde, in die man mich pflanzte war gut. Man wusste um meine Zerbrechlichkeit. Meine Muttererde bestand aus Liebe, Z├Ąrtlichkeit, Geborgenheit. Ein Schutzwall wurde um meine zarte Rinde gebaut. Die Welt hatte noch keine Chance, meine Wurzeln zu vergiften.

Der Baum der vier Ringe

Warum haben sie meinen Schutzwall br├╝chig werden lassen. Wie soll ich gegen diese Urgewalten bestehen. Ich k├Ąmpfe. Nein Wind! Meine Wurzeln sind stark. Du wirst es nicht packen, mich nicht entwurzeln. Nein Regen! Auch wenn du mir meine Muttererde weggeschwemmt hast. Meine Wurzeln wirst du nicht freilegen. Ich bin ein Spielball der Gewalten. Sie zehren an mir.

Der Baum der sechs Ringe

Ein neuer Wall? Nein! Es ist eine Mauer. Sie ist beschriftet. Neue, fremde W├Ârter. Misshandlung, Macht, Ohnmacht, L├╝gen, falsche Liebe. Lernen mit allem zu leben. Jetzt erkenne ich die Mauer. Es ist eine Tafel. F├╝r mich errichtet um mir meinen Weg zu weisen. Immer wieder diese W├Ârter. Verbunden mit Erinnerungen. Falsches Lernen, falsche W├Ârter. Tagelang, monatelang, jahrelang. Meine Rinde wird hart. Meine Wurzeln sind stark. Ich glaube, verstehe, lerne. St├Ąndig dieser Schrei in mir. Augenblicke des Verstehens. Nein, nein, nein!!

Der Baum der siebzehn Ringe

Ich verlasse die Baumschule. Gepr├Ągt, gedem├╝tigt, allein, einsam. Man hat mir schon meinen Platz im Wald der Oberfl├Ąchlichkeit zugeordnet. Der Wald der Ignoranz. Ein Baum unter vielen. Der Schrei in mir ist verklungen. Alles ist gut. Ich schaue mich um. Sie sind zufrieden. Und ich? Ab und an, wenn die St├╝rme an mir zehren, wehre ich mich. Ich sp├╝re meine Wurzeln und eine schreckliche Angst ├╝berkommt mich.

Der Baum der zwanzig Ringe

Was habt ihr getan?!
Gepflanzt, erzogen, get├Âtet.
Attrappe, Verpackung, H├╝lle.
Gef├╝hle? Angst!
Pers├Ânlichkeit? Welche? Alle!
Wieder taucht das Wort Liebe auf. Ich verstehe es nicht mehr.
Die "Um"welt hat mich vergiftet.
Die Umwelt? Ich bin die Umwelt. Das Gift!


Der Baum der achtundzwanzig Ringe

Ich schaue mich an und sehe mich nicht mehr. Alles Maske, Theater, Kulisse. Ich spiele das Spiel, weil es zu meinem Leben geworden ist. Die Wurzeln sind zu tief verankert um gegen den Wahnsinn anzuk├Ąmpfen. Ich sterbe ab. Die Rinde wird br├╝chig. ├ťberall Risse.

Ein neuer Tag

Wieder spüre ich meine Wurzeln. Und da sind auch wieder diese Ängste. Aber da sind auch neue Gefühle. Erwartung, Neugier, Hoffnung, Vertrauen. Ich schaue mich an.
Morgenwald im Herbst.
Nebel, Schattierungen, Muster.
Der Lebensbaum ist zum Todesbaum geworden. STIRB! Ich weine dir keine Tr├Ąnen nach.

Entstanden w├Ąhrend meines Aufenthaltes im Klinikum Eichberg. 1984/85
8 Monate Drogenentzug

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revilo
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Ich habe diesen Text meiner Frau vorgelesen. Sie war so beeeindruckt, da├č sie ihn ausgedruckt und in die K├╝che an den K├╝hlschrank gepinnt hat. ( Die Oberfl├Ąche des K├╝hlschrankes ist unser Nachrichten- und Lesedomizil)...............LG revilo

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Otto Lenk
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Es f├Ąllt mir ganz schwer, etwas zu diesem Text zu sagen. Er verschwindet ja nicht, ist immer da. Ich sp├╝re die Narbe auf dem Kopf, sehe die Narbe an meinem Auge und sp├╝re die Narben tief drinnen, jeden Tag.


__________________
Der Kopf denkt weiter als man denkt.

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