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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ilsebilse Spinne
Eingestellt am 28. 11. 2006 21:26


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Ripley
Festzeitungsschreiber
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Ilsebilse Spinne
wie lang dein Faden ist
Doch dann kam der Regen
und der Faden riss
Dann kam die Sonne
leckt den Regen auf
Ilsebilse Spinne
krabbelt wieder rauf.*


Wenn die Gro√ütante ihr Mittagsnickerchen machte, war der richtige Augenblick. Denn dann sa√ü die Gro√ütante auf der Terrasse in ihrem Schaukelstuhl, der Kopf fiel nach hinten √ľber die Lehne und mit weit ge√∂ffnetem Mund schnarchte sie, dass ihre eingefallenen Wangen flatterten. Dann k√∂nnte Marie den K√∂der in diesen offenen Schlund hinab lassen und die B√∂sartigkeit herausfischen.
Sorgf√§ltig zog Marie den Faden der Angel durch die L√∂cher des K√∂ders. Vor allem achtete sie darauf, dass sich ihre Zungenspitze nicht aus dem Mund bewegte. ‚ÄěLass das! Gro√üe M√§dchen machen das nicht mehr!‚Äú fl√ľsterte sie.
Sie hatte sich f√ľr den Knopf entschieden. Den kleinen Katzenknopf, den sie mit ihrem eigenen Geld gekauft und an ihren Lieblingspullover gen√§ht hatte. ‚ÄěSo was Affiges habe ich schon lange nicht mehr gesehen!‚Äú zischte Marie durch ihre zusammengepressten Lippen. ‚ÄěDu bist wirklich ein dummes, albernes M√§dchen!‚Äú
Es war anstrengend, den Faden zu fixieren. Marie wandte ihre Augen kurz ab und starrte vertr√§umt zum Papierkorb. ‚ÄěRitsch ratsch, ritsch ratsch‚Äú, sang sie leise und schnitt mit Zeige- und Mittelfinger L√∂cher in die Luft.
Eine Maus h√§tte nicht durchgepasst durch diesen d√ľrren Schlund. Nach kleinen s√ľ√üen M√§uschen schnappte die B√∂sartigkeit besonders gerne. Daf√ľr hatte sie einen m√§chtigen Holzschuh im Kleiderschrank stehen. Extra f√ľr kleine s√ľ√üe M√§uschen, die entkr√§ftet am Wegesrand lagen und sich vertrauensvoll in eine Hand kuschelten und Worten lauschten, die falsche Versprechungen machten. ‚ÄěHab keine Angst, kleine Maus! Niemand tut dir was! Ich pass‚Äô auf dich auf!‚Äú
Wieder und wieder murmelte Marie diese Worte vor sich hin. Ihre Augen blieben trocken. Auf dem Schreibtisch lag das kleine Holzkreuz, das sie auf dem Grab der Maus aufstellen w√ľrde, sobald sie die B√∂sartigkeit aus der Gro√ütante herausgeholt hatte.
‚ÄěIch setze mich jetzt raus, Marie. Gib Ruhe solange, wenn‚Äôs Recht ist!‚Äú
‚ÄěMach ich, Tante‚Äú, murmelte Marie und betrachtete ihre Angel. Der Stock kam frisch aus dem Wald, er war kr√§ftig und biegsam. Den Faden hatte sie nicht durchrei√üen k√∂nnen, er m√ľsste also halten. Und der kleine Katzenknopf baumelte so s√ľ√ü und verf√ľhrerisch am unteren Ende der Schnur... wie sollte die B√∂sartigkeit da widerstehen k√∂nnen?
Marie nickte zufrieden. ‚ÄěDie M√ľhe h√§ttest du dir sparen k√∂nnen‚Äú, sagte sie laut in den Raum hinein, und ein kleines L√§cheln huschte √ľber ihr Gesicht. Dann stand sie auf und schlich zur Terrasse. Hinter dem Vorhang der Au√üent√ľr verbarg sie sich und lugte vorsichtig zu dem zierlichen Schaukelstuhl, auf dem die Gro√ütante sa√ü und auf den Schlaf wartete. Sie starrte hinaus in den Garten, ihre sehnigen H√§nde lagen spiegelgleich auf den Armlehnen des Stuhls, ihr K√∂rper bewegte sich ruckartig vor und zur√ľck ‚Äď sie schaukelte.
Nach ungef√§hr f√ľnf Minuten stoppte das Schaukeln abrupt und der geierartige Kopf fiel nach hinten. Gleich darauf dr√∂hnte eine erste Welle des Schnarchens an Maries Ohren.
Lautlos z√§hlte sie bis Hundert, dann erhob sie sich leise und bewegte sich Schrittchen f√ľr Schrittchen vorw√§rts in Richtung des offenen Mundes. Sie hob die Angel in die H√∂he, genau √ľber den Schlund der Gro√ütante. Zentimeter f√ľr Zentimeter lie√ü sie den K√∂der hinabsinken, bis zu dem Punkt, von dem an es kein Zur√ľck mehr gab. Jetzt musste sie den Knopf fallen lassen und ihn so tief wie m√∂glich in den Rachen w√ľnschen. Die B√∂sartigkeit ‚Äď das wusste sie ‚Äď lauerte irgendwo dort unten, und sie schlief nie.
Ein letztes Mal noch atmen, dann raffte Marie all ihre Konzentration zusammen, krallte die Hände fest um den Angelstock und gab dem Abwärtsstreben des Knopfes nach.
Zuerst brach das Schnarchen ab. Dann hustete und w√ľrgte die Gro√ütante, ihre noch schlafenden H√§nde fuhren an die Kehle. ‚ÄěWehr dich nicht‚Äú, zischte Marie und versuchte, den Knopf wieder hoch zu ziehen. Ein deutlicher Widerstand war da ‚Äď etwas hing fest und str√§ubte sich dagegen, an die frische Luft bef√∂rdert zu werden!
Marie zog stärker. Und in dem Moment, in dem die Großtante blau anlief und mit einem zu Tode entsetzten Ausdruck die Augen aufriss, starrte Marie auf die Bösartigkeit, die sich gierig in dem kleinen Katzenknopf verbissen hatte.
Sie sah aus wie eine fette Spinne mit fetten Regenwurmbeinen. Abstoßend und ekelig baumelte sie dort, ihr Körper glänzte gelblich-schmierig, sie zuckte und zappelte wie ein verendender Fisch.
Die Gro√ütante war jetzt wach, doch anstatt furienartig aufzuspringen und Marie anzubr√ľllen, sie zu sch√ľtteln und an den Haaren zu ziehen, keuchte sie nur einmal kurz und sackte dann ohnm√§chtig in sich zusammen.
Marie starrte weiter. Sie starrte und starrte. Dann schob sie vorsichtig einen Finger nach vorne und stupste die B√∂sartigkeit in die Seite. Ein aufgeregtes Flattern war die Antwort. Marie zog die B√∂sartigkeit dicht vor ihr Gesicht und hauchte sie an. Leise zitternd hielt das Spinnenwesen inne. Vorsichtig griff Marie zu und zog ihm den Knopf aus dem Maul. Es f√ľhlte sich gar nicht eklig an, eher wie ein kleines, nacktes Tierbaby. Ohne noch lange zu z√∂gern √∂ffnete Marie den Mund und stopfte die B√∂sartigkeit hinein.
Sie glitt die Kehle hinunter wie Schokoladenpudding.


*Kinder-Krabbellied

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Zefira
???
Registriert: Jan 2001

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Hallo Ripley!

Das freut mich aber, Dich mal wieder zu lesen.

Ich habe mich jetzt eine ganze Weile in diesen Text vertieft, auch die Diskussion im Literaturcafé wieder hervorgeholt, an die ich mich noch dumpf erinnern konnte.

Ich finde diese Geschichte einfach nur großartig, abgesehen von der einen oder anderen Winzigkeit, zum Beispiel das Attribut "zierlich" zu dem Schaukelstuhl - das geht mir persönlich nicht zusammen mit dem Bild, das ich mir von der Großtante mache.

Was ich gerne w√ľsste: Warum sprichst Du von der "B√∂sartigkeit"? Maries Sprache, besonders ihre Rollensprache (ich wei√ü nicht, ob das der richtige Ausdruck ist) scheint mir allgemein sehr treffend und stimmig, aber die B√∂sartigkeit kommt mir darin wie ein Fremdk√∂rper vor. Warum nicht ein schlichtes "Bosheit"?

Lieben Gruß
Zefira, die diesen Text sehr genossen hat ...
__________________
schmollfisch

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Ripley
Festzeitungsschreiber
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Ach, hallo Zefira, wie schön! Und gleich mit Lob, da freue ich mich doppelt

Das "zierlich" k√∂nnte verschwinden, das stimmt. Ich habe ein ziemlich genaues Bild von dieser Gro√ütante im Kopf, zu dem ein zierlicher Schaukelstuhl passen w√ľrde - in meinem Kopf, wohlgemerkt

Und warum "B√∂sartigkeit"? Hmmm... da m√ľsste ich mir was Schlaues einfallen lassen, aber ehrlich gesagt floss das so aus den Fingern. Um dieses W√∂rtlein entstand der Text. Ich finde, es hat so ein bisschen was von M√§rchensprache.

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Zefira
???
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Guten Morgen Ripley,

gestern ist mir vor dem Einschlafen dieses Bild von der Spinne an der Angel weiter im Kopf herumgegangen ... hast Du eigentlich schon mal daran gedacht, ein Wort wie B√∂sartigkeit (sowohl wertend als auch abstrakt) √ľberhaupt zu meiden und der Spinne einen Phantasienamen zu geben, so dass die Bilddeutung ganz dem Leser √ľberlassen wird?
Ich finde diesen Gedanken verlockend ...

Es m√ľsste allerdings ein wirklich ausdrucksvoller Name sein.

Nachdenkliche Gr√ľ√üe
Zefira
__________________
schmollfisch

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Ohrensch√ľtzer
???
Registriert: Oct 2002

Werke: 83
Kommentare: 690
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Hallo Ripley!

Ich finde die Geschichte sehr gelungen! Das Wort "B√∂sartigkeit" finde ich auch sehr treffend und w√ľrde ihn nicht durch einen Namen ersetzen - sonst k√∂nnte man noch meinen, die Gro√ütante hat einfach etwas (ein Spielzeug zB) verschluckt, ohne es zu merken (oder es wurde beim letzten Schl√§fchen in sie hineingestopft).

Als kleinen Verbesserungsvorschlag m√∂chte ich anf√ľhren, dass nicht schon im ersten Absatz klar gemacht wird, wonach Marie angelt. Einfach den entsprechenden Satz mit "... hinab lassen." beenden. Sp√§ter, wenn die B√∂sartigkeit das n√§chste Mal auftaucht, vielleicht mit "die B√∂sartigkeit der Tante" erg√§nzen, dann wei√ü man, worum es geht, aber noch immer nicht, dass sie die B√∂sartigkeit als solche aus der Tante herausfischen will.
Auch sp√§ter noch, bei der Passage "wie sollte die B√∂sartigkeit da widerstehen k√∂nnen" k√∂nnte man es umformulieren in "wie sollte man dem widerstehen k√∂nnen". Dann w√ľrde erst im letzten Drittel v√∂llig klar werden, was sie will - vorher entsteht Spannung.

Tolle Idee, sehr gute Umsetzung! Sch√∂ne Gr√ľ√üe,
__________________
Der Ohrensch√ľtzer

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Ripley
Festzeitungsschreiber
Registriert: Nov 2006

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Danke!

Ich setze das mit dem "Nicht-verraten" mal auf meinem Desktop um und schau mir an, wie's mir gefällt. Die Idee ist gut, ich könnte mir aber vorstellen, dass der Text dann zu lange in der Luft schwebt. So ist es das Personifizierte der Bösartigkeit, worauf ich die Spannung aufgebaut habe - die Überraschung, dass das, was Marie sich vornimmt, auch gelingt.

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Mumpf Lunse
Routinierter Autor
Registriert: May 2004

Werke: 11
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hallo ripley,
gefällt mir ausgesprochen gut.

am anfang hab ich das gef√ľhl die zeiten stimmen nicht.

quote:
Wenn die Gro√ütante ihr Mittagsnickerchen machte, war der richtige Augenblick. Denn dann sa√ü die Gro√ütante auf der Terrasse in ihrem Schaukelstuhl, der Kopf fiel nach hinten √ľber die Lehne und mit weit ge√∂ffnetem Mund schnarchte sie, dass ihre eingefallenen Wangen flatterten. Dann k√∂nnte Marie den K√∂der in diesen offenen Schlund hinab lassen und die B√∂sartigkeit herausfischen.

Wenn die Großtante ihr Mittagsnickerchen macht,war wäre der richtige Augenblick.
Denn dann w√ľrde sie (oder: dann s√§√üe... usw.)auf der Terrasse in ihrem Schaukelstuhl sitzen, ihr der Kopf fiele nach hinten √ľber die Lehne und mit weit ge√∂ffnetem Mund schnarchte sie, dass ihre die eingefallenen Wangen flatterten. Dann k√∂nnte Marie den K√∂der in diesen offenen Schlund hinab lassen und die B√∂sartigkeit herausfischen.

da spartest du auch die Großtante (2mal hintereinander ) ein.

na ja ... so als anregung

lg
mumpf
__________________
© by Mumpf Lunse
Schreiben ist etwas √ľberraschendes

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