Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5439
Themen:   92269
Momentan online:
414 Gäste und 10 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
In Oz keine Wahrheit
Eingestellt am 13. 01. 2007 10:16


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Binary
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Jan 2007

Werke: 5
Kommentare: 1
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Binary eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

In Oz keine Wahrheit

Vater hat wieder einen mitgebracht. Wie schon so oft. Ich weiß nicht, der wievielte es ist. Ich weiß nur, dass es mich nicht zu kĂŒmmern hat. Es wird so sein wie immer. Nichts neues, nichts besonderes. Es ist immer dasselbe mit meinem Vater, dem König.

„Prinzessin, geh spielen!“ ruft er mir zu. FĂŒr ihn bin ich immer noch das kleine MĂ€dchen, nicht eine Frau, die ihm entfliehen will. Mit gesenktem Kopf schleiche ich zum Tisch, beginne mit dem Spiel, das ich immer spielen muss. Ich weiß nicht, was passiert, wenn ich mich weigere. Aber ich habe Angst es herauszufinden. Also spiele ich, obwohl ich dieses Spiel hasse. Man kann es nicht lernen, man gewinnt nur durch GlĂŒck. Doch es freut meinen Vater, wenn ich gewinne und seine alten trĂŒben bösen Augen glĂ€nzen. Ich muss ihm diese Freude einfach lassen, darum sage ich ihm nicht die Wahrheit.

Der Junge wird hereingebracht, er mag in meinem Alter sein. Arm ist er, das sieht man. Aber das sind sie alle. Die Streuner, draußen vor Vaters Palast.

Im Spiegel ĂŒber meinem Spieltisch, wie sie ihn auf die Liege fesseln, wie Vater ihm ins Gesicht schlĂ€gt. Wieder und wieder mische ich die Karten. Ich bin beschĂ€ftigt, Vater, lass dich nicht stören... Eine Karte nach der anderen lege ich auf den Tisch, mein Blick schweift in die Ferne. Die Mauern halten mich nicht auf, Vater! Er holt die Peitsche. Ich höre ihn zum Schrank schlurfen. Ich konzentriere mich ganz auf die Karten. Die Peitsche knallt. Ich sehe weg, alles ist gut, solange er nur nicht schreit.

Noch einmal saust die Peitsche nieder, wieder kein Schrei. Herz Ass, Pik Ass, Karo Bube, Kreuz Acht. Verloren. Neu mischen. Mein Blick fÀllt wieder auf den Jungen. Er ist geknebelt, zwei blutige Striemen zieren seine Brust. Vater... Warum?

FĂŒr Sekunden Stille. Nur sein Atem, schwer, langsam. Vaters Atem, pfeifend, viel zu schnell. Mein Atem, fast nicht vorhanden.

Ich starre auf den Tisch. Pik Ass, Karo Bube, Herz Ass, Herz Neun. Verloren. Neu mischen. Schlurfende Schritte, verstohlen blicke ich zum Spiegel. Vater humpelt wieder zum Schrank. Was kommt jetzt? Rohrstock? Kette? Ein neues Werkzeug, mit dem er die Armut aus dem Volk prĂŒgeln will? Vater, du bist wahnsinnig, auch wenn du König bist... Pflichtbewusst mische ich die Karten abermals, ohne zu wissen warum. Ich starre noch immer zum Spiegel.

Der Junge dreht den Kopf zu mir, verĂ€chtlich wende ich den Blick ab, nur um Sekunden spĂ€ter doch wieder hinzusehen. Er sieht mich an und ich erstarre. Im Schein der Kerzen taumelt eine schillernde TrĂ€ne ĂŒber sein Gesicht. Alles an ihm scheint zu rufen: „Rette mich!“ Der stumme Schrei trifft mein Herz wie ein Pfeil.

„Hast du gewonnen, Prinzessin?“ Vater steht plötzlich hinter mir, die Hand, die gerade noch die Peitsche hielt, auf meiner Schulter. „Ja, schon dreimal,“ antworte ich und lĂ€chle, obwohl mir nicht danach zu Mute ist. Schnell hebe ich die Karten wieder vom Tisch auf, Pik Sieben, Karo Dame, Herz Dame, Karo Acht. Auch Vater lĂ€chelt. Seine trĂŒben Augen sehen nicht, dass ich verloren habe. Wie immer. „Das ist schön, Prinzessin. Du wirst immer besser!“ Ich fĂŒhle mich schuldig, ihn immer wieder zu belĂŒgen, doch vielleicht lĂ€sst er den Jungen gehen, wenn er sanft gestimmt ist.

Ich vertiefe mich wieder in das Spiel. Pik Ass, Karo Zehn, Karo Acht, Herz Zehn. Verloren. Vater lĂ€chelt noch immer, schlurft zurĂŒck, schlĂ€gt mit der Kette zu. Innerlich fahre ich zusammen, lasse mir jedoch nichts anmerken. Tief in mir schreit eine Stimme: „Geh! Befreie ihn!“ Ich gucke zum Spiegel. Ich sehe sein Gesicht. TrĂ€nenĂŒberströmt, doch trotzdem – oder gerade deswegen? – schön, so wunderschön in seiner Angst... Ja, ich muss Vater aufhalten! Die Kette kracht erneut nieder, winzige rote Tropfen benetzen das wunderschöne Gesicht. Nicht! Vater, hör auf! Pik Ass, Karo Dame, Herz Ass, Kreuz König. Verloren. Neu mischen. Schweigen.

Der nĂ€chste Hieb, ein vom Knebel erstickter Schrei. Seine Augen. Seine TrĂ€nen. Sein Zittern. Sein Blut. Vater, lass ihn gehen, mischen, ziehen, legen, verloren. Ich will aufspringen, aber rĂŒhre mich nicht, als Vater wieder zur Peitsche greift. Ein krĂ€ftiger Hieb, blutige Spuren auf der Haut zeugen von der Tat, die ich nicht zulassen wollte. Vater, lass ihn leben! Töte ihn nicht, jeden, aber nicht ihn!

Als könne er meine Gedanken lesen... Vater sieht mich strafend an, sofort mische ich die Karten wieder. TrĂ€nen sammeln sich in meinen Augen, als Vater wieder zuschlĂ€gt, doch ich gewĂ€hre ihnen nicht zu fließen. Vater, ich liebe ihn! Er prĂŒgelt weiter. Ich spiele weiter. Er hustet, doch Vater hört nicht auf. Plötzlich ist es still, ganz still. Ich lege die Karten auf den Tisch. Vaters Atem pfeift. Herz Ass. Ich halte die Luft fĂŒr einen Moment an. Herz König. Vater, ich liebe ihn! Herz Dame. „Prinzessin, er ist endlich tot.“ Herz Bube. „Hast du wieder gewonnen?“ fragt Vater und schlurft auf mich zu. Schnell hebe ich die Karten wieder auf, mische sie mit den anderen und schĂŒttele den Kopf.

„Nein, Vater. Diesmal nicht.“

__________________
"Writers are liars, my dear!" (Erasmus Fry)

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Pete
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo binary,

sprachlich und handwerklich hast Du deine Geschichte perfekt umgesetzt. Auch vermagst Du, mich sehr stark gefĂŒhlsmĂ€ĂŸig einzubeziehen.

Eine vollstÀndige Deutung ist mir nicht möglich. Vor allem den Titel kann ich nicht zuordnen. Eine Beziehung, beispielsweise zum "Wizzard of Oz", vermag ich nicht zu entdecken.

Etwa in der Mitte des Textes vermutete ich eine AdoleszenzprĂŒfung der Protagonistin, so als ob ihr Vater darauf warten wĂŒrde, dass sie einschritt, sich ihm mutig in den Weg stellte. Dann, so hoffte ich, hĂ€tte sie diese PrĂŒfung bestanden, einen Schritt gemacht, hin zu den FĂ€higkeiten einer Königin, die sie als einziges Kind erwerben sollte, die Befreiung von AutoritĂ€ten.

Dein Ende ist resignativ, aber ebenfalls wirksam. Gerne möchte ich die Prinzessin schĂŒtteln und ohrfeigen, die nicht den Mut aufbrachte, einzuschreiten.

Gleichzeitig frage ich mich, ob ich es selbst tun wĂŒrde, und komme zu keiner Antwort.

Ein denk-wĂŒrdiges Werk!

Bearbeiten/Löschen    


noel
???
Registriert: Dec 2002

Werke: 180
Kommentare: 768
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um noel eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

die zwei erzÀhlstrÀnge
das kartenspiel & der peitschende vater

sind perfekt aufeinander "abgemischt"
die umschreibungen der emotionen
nachfĂŒhlbar in worte gefasst

ich weiß nicht ob ich schon mal eine 10 vergeben habe

aber hier musste ich
__________________
© noel
Wir sind alle Meister/innen der Selektion und der konstruktiven Hoffnung, die man allgemein die WAHRHEIT nennt ©noel
NOEL = Eine Dosis knapp unterhalb der ToxizitÀt, ohne erkennbare Nebenwirkung (NOEL - no observable effect level) .

Bearbeiten/Löschen    


Haki
Guest
Registriert: Not Yet

Also mich hat der Text beeindruckt. Die Aussage ist vielleicht ein wenig zu offensichtlich, hĂ€tte sich womöglich mehr verstecken lassen hinter Ablenkungen, die die Geschicht noch unterhaltsamer gemacht hĂ€tten, aber dennoch gefĂ€llt mir der einfache Stil deiner Sprache, der den Charakter der Prinzessin noch authentischer macht und es somit dem Leser ermöglicht, sich besser in deinen Hauptcharakter einzfĂŒhlen. Trotzdem bewahrt sich dein Stil das Niveau, bleibt hochwertig und schafft den Spagat zwischen einfacher Sprache und gelungen rhetorischen Mitteln. Auch die zwei HandlungsstrĂ€nge finde ich passend gewĂ€hlt und daher muss man wirklich sagen, dass der Text durch seine Sprache, die zwar einfach, aber gerade dadurch authentisch wirkt, und durch die nette Idee beeindrucken.
Sehr gelungen!

Bearbeiten/Löschen    


Dominik Klama
???
Registriert: Nov 2008

Werke: 40
Kommentare: 685
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Der Mann hat nur vier Geschichten eingestellt, innerhalb eines Monats, hat nichts, das nicht von ihm war, kommentiert, ist dann wieder verschwunden, vor fast sechs Jahren jetzt schon.

Ich gehe mal davon aus, wo der so perfekt schreiben konnte wie eigentlich kein zweiter in der LL-Prosa, dass er sich mittlerweile irgendwo umtut, wo er Geld kriegt fĂŒr sein Schreiben.

Ist jetzt die dritte seiner Geschichten, die ich lese. Und dann fĂ€llt mir doch allmĂ€hlich was auf, was dann nicht ganz so toll ist. NĂ€mlich funktionieren sie alle nach dem Prinzip, dass ein gewisses Handlungs- und Charakter-Muster aufgebaut wird, was dann lĂ€ngere Zeit nur weiter aus-gechrieben, aber nicht wirklich verĂ€ndert wird. Unterdessen soll der Leser sehr gespannt werden auf das Ende (und wird das auch) und das Ende ist dann immer sehr anders als erwartet und eher rĂ€tselhaft als rĂ€tselklĂ€rend. Diese Texte leben sehr stark von ihren SchlĂŒssen.

Damit geht einher, dass einem der Mittelteil schon etwas lang werden kann. Man hat im Grunde lÀngst begriffen, mit wem man es zu tun hat und was da ablÀuft - und dann wird es einem noch dreimal erzÀhlt.

Zur Oz-Frage: Mit kommt vor, dass wir es hier mit einer verwaschenen, schlecht erinnerten Rezeption des Zauberers von Oz zu tun haben. Dort flĂŒchtet ein MĂ€dchen aus einer armseligen Realwelt in eine Traumwelt, wo es einen Weg in ein Zauberreich ĂŒber den Wolken gibt. Im Film ist die Rahmenhandlung in Schwarzweiß, die MĂ€rchenhandlung in Technicolor. Es sieht so aus, als hĂ€tte er aus dem MĂ€dchen die Prinzessin gemacht. In Oz werden natĂŒrlich keine Armen ausgepeitscht und hingerichtet. Aber das MĂ€dchen merkt ja dann, dass Oz eigentlich langweilig ist und dass es nur darum ging, Freunde zu finden. Und da will sie wieder in ihre Armut zurĂŒck.

Der Text hier ist natĂŒrlich viel moderner. Der hat die Idee, dass die Reichen die Armen als Beleidigung ihrer Augen auffassen und dafĂŒr bestrafen, dass sie arm sind. Statt ihnen was vom Reichtum abzugeben. Und da scheint was dran zu sein. Allerdings ist es bei binarys Texten so, dass sie stark an der Sicht einer einzelnen Figur haften, die dann auch immer eigentlich einsam ist. Mir fĂ€llt hier auf, dass der Junge zwar mehrfach gequĂ€lt wird, aber mit nichts zu einem Charakter ausgestattet wird. Folglich wundert ja auch nicht, dass sie sich nicht entschließen kann, sich in ihn zu verlieben.

Und dann hat der Text noch diese bitteren Pointen, die moderne Texte manchmal mit dem Zufall haben. In DĂŒrrenmatts "Das Versprechen": Als der Kommissar seine geradezu perverse Falle errichtet hat, um den Kindermörder zu schnappen, verhindert ein Zufall, dass dieser je noch einmal den selben Weg fĂ€hrt. Hier: als ihr Kartenspiel endlich aufgeht und alles im Zeichen des Herzens steht, ist der Gemeinte soeben tot gemacht worden.
__________________
14.11.2015 Forum Lupanum Threads Höhe Zeit AufklÀrung Verteidiger: Es ist genug.

Bearbeiten/Löschen    


8 ausgeblendete Kommentare sind nur fĂŒr Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!