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Leselupe.de > Horror und Psycho
Irene
Eingestellt am 19. 12. 2004 22:08


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chrissieanne
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Irene

„Ich muss unbedingt abwaschen. Sieht ja furchtbar hier aus."
Irene zieht ihren zerschlissenen Morgenrock zusammen. Sie sitzt in der dunklen K├╝che und fr├Âstelt. Angewidert mustert sie das Chaos. Berge von Tellern, Tassen und T├Âpfen ├╝berall, in denen sich teilweise gr├╝nwei├čer Schimmel gebildet hat. Irene sp├╝rt den Keim der Verzweiflung in ihrem Bauch, und steht auf. Ruckartig. Damit er rausf├Ąllt.
„Erst einmal schauen, was ich mir heute Leckeres koche. Danach gehe ich einkaufen."
Mit ihrem Lieblingskochbuch in der Hand schlurft sie durch die totenstille Wohnung. Am Wohnzimmertisch bl├Ąttert sie das Buch durch und entscheidet sich f├╝r Brokkoliauflauf. Sorgf├Ąltig schreibt sie die Zutaten auf. Dann nimmt sie die Fernsehzeitung und studiert ausf├╝hrlich das Programm, kreuzt alles an, was sie am Abend anschauen k├Ânnte.
Pl├Âtzlich durchbricht ein Schrillen die Stille. Irene zuckt zusammen. Ihr Herz klopft. Wer k├Ânnte das sein?
Meine G├╝te, es ist vierzehn Uhr, und ich bin noch nicht angezogen! Soll ich aufmachen? Sie rei├čt die Vorh├Ąnge auf und macht das Radio an, um Lebendigkeit vorzut├Ąuschen. Dann dr├╝ckt sie aufgeregt die Gegensprechanlage.
„Hallo?"
„Werbung! K├Ânnten Sie bitte die T├╝r aufmachen?"
Irene knallt den H├Ârer auf, lehnt sich an die Wand. Sie zittert, ihr Atem geht schwer.
Ihr Blick f├Ąllt in den Spiegel. Ein bleiches Gesicht mit schweren Tr├Ąnens├Ącken unter den Augen, aus denen sich eine unendliche Leere offenbart. Der schmale Mund verzieht sich zu einem bitteren Grinsen, das sich pl├Âtzlich in ein L├Ącheln verwandelt und einen Blick in die Augen zaubert.
Oh, doch. Es gibt Menschen, die an sie denken. Viele Menschen. Und es werden mehr werden. Heute noch.
Sie geht zu ihrem schweren Eichenschreibtisch und ├Âffnet die oberste Schublade. Behutsam holt sie ein rotes Heft heraus. Hier sind sie. Ihre Menschen. In deren Gehirne sie sich eingenistet hat.


Als es angefangen hat, hat sie auf ihren Spazierg├Ąngen wildfremde Menschen herzlich gegr├╝├čt.
„Hey, hallo wie geht`s?"
Die Angesprochenen gr├╝├čten, sichtlich verwirrt, zur├╝ck. Sie stellte sich vor, wie sie gr├╝belten, woher sie sie wohl kennen.
Vielleicht erz├Ąhlten sie es abends ihren Freunden:
„heute hat mich eine schwarzhaarige, sympathische Frau gegr├╝├čt. Mir f├Ąllt einfach nicht mehr ein, woher ich sie kenne."
Das war ein befriedigendes Gef├╝hl. Aber es hielt nicht an. Denn ihre Anwesenheit in diesen Gehirnen w├Ąhrte nur kurz.
Manchmal ging sie die Stra├če entlang, und stie├č Irgendjemanden im Vorbeigehen fest in die Rippen.
„Aua! Sind Sie verr├╝ckt? Das gibt es doch gar nicht!"
Sie drehte sich um, zeigte ihr Gesicht und l├Ąchelte.
Diesmal w├╝rden sie l├Ąnger an sie denken. Ein blauer Fleck in der Seite - von ihr. Emp├Ârte Gespr├Ąche - ├╝ber sie. Auch in sp├Ąteren Jahren immer wieder als Anekdote gut.
Ein kleiner, aber bleibender Platz im Bewu├čtsein dieser Leute war ihr gewi├č.
Sie ist nicht bedeutungslos und allein - oh, nein!
Dieses sch├Âne Heft hat sie sich gekauft, um all die Personen festzuhalten, zu deren Leben sie nun geh├Ârt
Sie liest weiter in ihm, und ihr L├Ącheln wird z├Ąrtlich.
Timmy. Ja, Timmy wird sie nicht vergessen. Nie mehr. Ein kleiner Junge mit einem Schulranzen kam ihr allein entgegen. Sie sprach ihn an.
„H├Âr mal, mein Kleiner, du gehst doch jetzt nach Hause, nicht wahr?"
„Ja, warum?"
„Wie hei├čt Du denn?"
„Timmy."
„Ach, ja. Timmy. Das hatte ich ganz vergessen."
„Wieso vergessen? Sie kennen mich doch gar nicht."
„Doch Timmy, ich kenne dich. Gut sogar. Und ich mu├č Dir leider sagen, dass Deine Mami tot ist."
Wie dieses kleine Gesicht an Farbe verlor, seine Augen riesig wurden. Wie er schrie und weinte.
„Das stimmt nicht. Sie l├╝gen! Mami ist nicht tot. Sie l├╝gen, Sie l├╝gen!" W├Ąhrend sie aufstand, ihm ├╝bers Haar strich und fortging. Nein, Timmy w├╝rde sie nie mehr vergessen. Bei ihm hatte sie einen festen Platz im Gehirn. Auch wenn die Mami gar nicht tot war.
Als sie ihren letzten Eintrag liest, bekommt sie einen kleinen Schreck. Ach Gott, daran hat sie ja gar nicht mehr gedacht.
Nein, sie hat nat├╝rlich nicht Lydia vergessen, die nette Frau mit dem Kinderwagen. Sie hatte sie vor drei Tagen angesprochen und nach dem Weg gefragt. Sie kamen ins Gespr├Ąch und Lydia meinte schlie├člich, sie ginge in dieselbe Richtung und k├Ânne sie zu dem Caf├Ę begleiten, nachdem sie gefragt hatte. Am Caf├Ę angekommen, waren sie sich so sympathisch, dass sie zusammen hineingingen.
Nach einiger Zeit sa├č das Baby auf Irenes Scho├č, und Lydia musste mal aufs Klo.

Irene schlie├čt das Heft und steht auf.
Sie zieht sich an und ├Âffnet die Besenkammer. Auf dem Boden liegt ein kleines B├╝ndel. Sie hebt es hoch, und schaut lange in das kleine, starre Gesicht. Dann rei├čt sie ihm den Klebestreifen von dem winzigen Mund.

„Komm, wir beide gehen jetzt ein bi├čchen spazieren."






__________________
Das Buch soll die Axt sein f├╝r das gefrorene Meer in uns. (Franz Kafka)

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mye
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hi

deine kleine geschichte gef├Ąllt mir RICHTIG gut, habe wirklich nichts zu meckern. ich habe an keiner stelle gedacht: och, wie langweilig/ ist ja albern/ und wo ist die spannung?... etc., denn alles war vorhanden. und vor allem auch in der k├╝rze durchaus gen├╝gend... was nicht leicht ist. also von mir ein dickes plus, sch├Ân schaurige, bitterb├Âse geschichte, einfach gute unterhaltung. folgende stelle fand ich besonders gelungen: Nach einiger Zeit hatte Irene das Baby auf dem Scho├č,und Lydia musste mal aufs Klo. und danach der absatz, sehr gut, so hat der satz richtig gewirkt.

danke daf├╝r...

und einen lieben gru├č von

andr├ę

(ein frohes weihnachtsfest!)
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man findet keine freunde mit sala-at, man findet keine freunde mit sala-at... (die simpsons)

www.moviereporter.net

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chrissieanne
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lieber andr├Ę,
ich hab zu danken. f├╝rs lesen und f├╝r dein positives feed-back. sch├Ân, dass sie dir gefallen hat, die geschichte.
ich w├╝nsch dir auch frohe weihnachten.
lg
chrissieanne
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Das Buch soll die Axt sein f├╝r das gefrorene Meer in uns. (Franz Kafka)

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flammarion
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na,

gruseliger gehts wohl kaum. da kann man ja glatt albtr├Ąume kriegen!
jetzt muss ich schnell was lustiges lesen . . .
lg
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Old Icke

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Denschie
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hi chrissieanne,
deine geschichte gef├Ąllt mir sehr.
die "st├Ârung" der frau ist originell.
einzig den anfang k├Ânntest du vielleicht
ein bi├čchen straffen.
oder geht es dir darum, da├č die leser sich
am ende noch mal ob des alltagshandelns
gruseln, das die protagnistin ausf├╝hrt,
w├Ąhrend das baby bei ihr in der besenkammer
liegt?
viele gr├╝├če,
denschie

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chrissieanne
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liebe flammarion, liebe denschie!
danke euch f├╝r die kommentare.
ja, du hast recht, denschie. darum geht es mir zum einen und zum anderen auch um die einsamkeit aufzuzeigen, in der sie lebt, und an der sie zerbrochen ist.
und noch mehr straffen ist schwierig. der text ist ja schon ziemlich kurz.
lg
chrissieanne
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