Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5563
Themen:   95481
Momentan online:
370 Gäste und 7 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Horror und Psycho
Kalte Luft
Eingestellt am 19. 08. 2013 16:52


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Chads
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Aug 2013

Werke: 2
Kommentare: 2
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Chads eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Es ist verdammt kalt draußen. Die Temperaturen sind weit unter dem Gefrierpunkt. Selbst wenn man sich ganz dick anzieht, dampft man am ganzen Körper und sieht, wie die Luft einem langsam die WĂ€rme aus den Gliedmaßen zieht. Alles sieht gleich aus. Die Straße, die Felder, die Wiesen und die BĂ€ume. Alle sind sie mit Schnee bedeckt und haben alle die gleiche hellgraue Farbe. Es sieht langweilig und gleichzeitig auch wunderschön aus. Von Leben gibt es hier keine Anzeichen. Kein Auto, kein Reh und auch kein Vogel geben sich zu erkennen oder machen auch nur das leiseste GerĂ€usch. Die Straße fĂŒhrt ewig geradeaus. Geradeaus in das Nichts. Es ist eine klare Nacht. Man kann die Sterne sehen, aber sie bleiben doch unerreichbar. Plötzlich huscht eine Sternschnuppe vorbei, und sie wĂŒnscht sich, endlich Zuhause anzukommen.

Kapitel 1: Lebensluft

„Emily, weißt du die Antwort?", fragte der Lehrer, doch sie starrte weiterhin auf das Papier. „Emily? Hörst du mich?" Immer noch keine Antwort. Ihre langen schwarzen Haare hingen vor ihrem Gesicht. „Mensch Emily, kritzelst du schon wieder in deinem Block herum?" Sie blickte auf. „Ich zeichne.", sagte sie mit kalter und leiser Stimme. Es klingelte. Emily packte ihren Block und ihr MĂ€ppchen ein und wollte wie die Anderen den Klassenraum verlassen. „Entschuldigung Emily, hast du vielleicht kurz Zeit?", fragte ihr Lehrer sie plötzlich, als sie eigentlich schon fast draußen war. Emily mochte Herrn Stein nicht sonderlich. Seufzent drehte sie sich wieder um und lief vor an das Pult. „Emily, mir und ein paar Kollegen fĂ€llt in letzter Zeit immer wieder auf, dass du dem Unterricht nicht immer folgst und abwesend scheinst. Und, zumindest bei mir, spiegelt sich das auch schon in deinen Noten wider. Gibt es bei dir irgendwelche Probleme? Ich bin euer Vertrauenslehrer, du kannst es mir also ruhig erzĂ€hlen wenn dich irgendetwas -" - „Es ist alles in Ordnung.", unterbrach Emily ihn. Er merkte, dass er so nichts aus ihr rausbekommen wĂŒrde und ließ sie gehen. Emily ging ohne sich zu verabschieden und machte sich auf den Weg zu ihrem Platz. WĂ€hrend sie durch den Gang lief, starrten sie immer alle an. Emily war die Außenseiterin. Die Eine, die keiner mochte, keiner verstand und eigentlich niemand kannte. Sie ging das Treppenhaus hinauf und setzte sich auf die oberste Stufe. Hinter ihr war eine verschlossene TĂŒr, die zum Dachgeschoss fĂŒhrte, welches aber nicht mehr genutzt wird. Sie packte ihren Block aus und begann wieder zu zeichnen. Sie liebte Animes und Mangas und zeichnete Charaktere, die ihr im GedĂ€chtnis blieben. Manchmal ließ sie sie neue Abenteuer erleben oder fĂŒhrte Charaktere aus verschiedenen Geschichten zusammen. In ihrem Block waren neben ihren Zeichnungen fast keine Aufschriebe aus dem Unterricht. Sie hatte es bisher auch so geschafft, sie war eben einfach schlau, auch wenn ihr das egal war.

„Hey! Wie oft hab' ich dir schon gesagt, dass du da oben nicht hin darfst?", schrie sie plötzlich der Hausmeister an. Emily stand auf und setzte sich weiter unten hin, an den Anfang der Treppe. „Ja, da kannst du bleiben.", sagte er noch bevor er wieder ging. Sobald er außer Sichtweite war ging sie wieder hoch an ihren alten Platz. Der Hausmeister erwischte sie fast einmal wöchentlich, aber da sie kein Verbotsschild sah, ging sie jedesmal wieder hoch. Sie wollte nur die Diskussion mit ihm vermeiden. Eigentlich versucht sie jedem GesprĂ€ch und allen Menschen aus dem Weg zu gehen. Menschen waren ihr zu kompliziert.Sie mochte es einfach. So einfach wie Leben und Tod. Deshalb setzte sie sich auch jede Pause auf die oberste Stufe vor dem verschlossenen Zimmer. In dem Jahr, als sie in die fĂŒnfte Klasse dieser Schule kam, starb hier ein SchĂŒler. Er stĂŒrzte von ganz oben, das ganze Treppenhaus hinunter und starb. Es konnte nicht geklĂ€rt werden, ob es ein Unfall oder Selbstmord war, nur Emily war sich sicher. Sie hatte alles beobachtet.

Dieser Tag verĂ€nderte Emily grundlegend. Sie brach den Kontakt zu ihren Freundinnen und eigentlich allen ab und wurde zur EinzelgĂ€ngerin. Niemand wusste, dass sie damals Zeugin des UnglĂŒcks war, aber die Leute hatten trotzdem ĂŒber die Jahre eine gewisse Angst vor ihr entwickelt. Sie erfanden völlig willkĂŒrliche Geschichten, mit denen sie versuchten, ihr Aussehen zu erklĂ€ren. Zum Beispiel besagt eine Geschichte, dass einmal ein Feuer ihr Gesicht total entstellt hat und sie deshalb immer die Haare vor dem Gesicht trug. Und die schwarzen Klamotten trage sie, weil sie zu irgendeiner geheimen und satanistischen Untergrundorganisation gehört. Ihr FingernĂ€gel seien nicht angemalt, sondern im Blut ihrer Opfer getrĂ€nkt worden. Und die kurzen Röcke trug sie im Sommer immer, weil sie die Nutte des Teufels sei. Auch wenn das krass klingen mag, es machte Emily nichts aus. Warum? Sie wusste ja, dass es nicht so war. Sie machte sich ĂŒber die Fantasie der anderen lustig und beneidete sie sogar manchmal, wenn sie mit einer neuen, verrĂŒckten Geschichte ankamen. Emilys Geschichten waren nĂ€mlich nie so ausgefallen. Es ging meist nur um Liebe und Eifersucht. Ob sich dadurch vielleicht irgendwelche verdrĂ€ngten BedĂŒrfnisse offenbarten? Eher nicht. Sie war zufrieden mit dem alleine sein und das redete sie sich nicht nur ein. Es klingelte ein weiteres Mal und der Unterricht ging weiter.

In der Mittagspause setzte sie sich immer in den Stillarbeitsraum. Dort war sie fast immer ungestört beim Zeichnen. Sie aß nichts. Das tat sie eigentlich fast nie. Das sah man ihr auch an, denn sie war fast ungesund dĂŒnn. Und dazu noch diese blasse Haut. Es war irgendwie verstĂ€ndlich, dass sie auf viele einen gruseligen Eindruck machte. Das freute sie, denn es hielt die Leute davon ab, sie zu nerven. Manchmal, so wie heute, zeichnete Emily eine Fantasieperson. Es war ein junger Mann, vermutlich in ihrem Alter. Und wĂ€hrend sie ihn zeichnete, dachte sie sich eine Geschichte dazu aus. Er ĂŒberlebte diese Geschichte nicht, so wie die meisten von Emily‘s ausgedachten Personen. Denn der Tod faszinierte seit jenem Zwischenfall. Es machte ihr große Freude, ĂŒber den Tod, dessen Folgen und so weiter, nachzudenken. Aber an so etwas wie Mord dachte sie nie. Zumindest nicht oft.

Als der Nachmittagsunterricht vorbei war, ging die Sonne schon fast unter. Allein stapfte sie durch den kalten Schnee, immer auf den Sonnenuntergang zu, nach Hause. Emily mochte den Schnee nicht. Er ließ alles so hell und freundlich wirken. Zuhause angekommen ging sie sofort in ihr Zimmer. Ihre Mutter war noch beim Arbeiten und ihr Vater hatte sie verlassen, nachdem er sie geschwĂ€ngert hatte. Meistens schlief Emily schon wenn ihre Mutter von der Arbeit kam. Und morgens war sie schon aus dem Haus bevor Emily aufstand. Sie wusste gar nicht genau, was ihre Mutter ĂŒberhaupt arbeitete, aber es intressierte sie auch nicht. Daheim kritzelte Emily meist nur etwas herum, nur kleine Ideen oder EinfĂ€lle brachte sie schnell zu Papier, um sie nicht zu vergessen. Daheim schaute sie eher ein paar Animeserien oder las ein paar Mangas. Dann hörte sie ein Auto herfahren und vor dem Haus parken. Sie schaltete den PC und das Licht aus und legte sich in ihr Bett. Es war gleich halb zehn Abends. Ihr Mutter schloss die TĂŒr auf, zog die Schuhe aus, schloss wieder ab und ging zu Emilys Zimmer. „Emily, bist du noch wach?", fragte sie wie jeden Abend. Aber Emily tat so als wĂŒrde sie schlafen, wie jeden Abend. „Schlaf schön.", sagte sie dann noch bevor sie sich selber schlafen legte.
Dann dauerte es noch eine Stunde bis der schönste Teil von Emilys Alltag begann. Sie zog eine Jacke und ihr Stiefel an und klettere aus dem Fenster in ihrem auf das Dach des Schuppens, der direkt darunter war. NatĂŒrlich ging das nicht ganz ohne GerĂ€usche vorbei, aber fĂŒr sie war es sicherer als die HaustĂŒre zu nehmen. Dann lief sie zum Ende der Straße. Das GerĂ€usch von ihren Schuhen, wenn sie den Schnee zusammen drĂŒckten, störte die Ruhe der Nacht. Noch ein Grund, warum sie den Schnee eigentlich nicht mochte. Aber er war kalt. Am Ende der Straße war der Friedhof der Stadt. Als sie dort ankam stand sie vor dem großen Tor. Nebenan war die kleine TĂŒr, die eigentlich fĂŒr Bescher gedacht war. Aber Emily öffnete immer das große, schwere Tor, durch das eigentlich nur die Toten getragen werden zu den Beisetzugen. Man sagt, durch dieses Tor geht man nur einmal, aber Emily war schon unzĂ€hlige Male durchgegangen und auch wieder heraus. Sie drĂŒckte die verrostete Klinge herunter und drĂŒckte es auf. Es quietschte sehr laut und lang, als wĂ€re es ewig nicht mehr benutzt wurden. Es wĂ€re nicht verwunderlich gewesen, wĂ€re jemand der Anwohner dadurch aufgewacht. Emily trat hindurch und schloss es wieder hinter sich. Dann lief sie ihre Runde, ein Mal um den ganzen Friedhof. Bei manchen GrĂ€bern hielt sie an und las die Inschriften auf den Grabsteinen. „Sophie Weiß, *1.1.2001 † 9.1.2011. Gerade mal zehn Jahre wurde sie alt. Das war bestimmt ein Unfall. Nein, ich hab 'ne bessere Idee! Ein brutaler Kindermörder hat sie als Teil einer Mordserie umgebracht! Wobei, davon hĂ€tte man gehört. Also doch sowas wie ein Unfall oder eine Krankheit. Schade eigentlich.", dachte sich Emily bei einem der KindergrĂ€ber.

Nach ihrer Runde setzte sie sich auf eine Bank sie ziemlich zentral gelegen war. Sie schob den Schnee beiseite, wischte mit ihrem Ärmel die NĂ€sse weg, und setzte sich dann auf die Holzbalken. Sie lehnte sich nach hinten, der Schnee auf ihrer Jacke war ihr egal. Sie spĂŒrte die KĂ€lte, die in sie durch ihre Klamotten drang. Sie spĂŒrte die WĂ€rme, wie sie langsam aus ihrem Körper gezogen wurde und einfach verschwand. Sie wusste, dass die KĂ€lte bald schmerzen wĂŒrde. Sie mochte den Winter und seinen Schnee nicht. Emily legte ihren Kopf in den Nacken und blickte nach oben. Sie hoffte die Sterne zu sehen, stattdesen flog ihr die erste, dicke Schneeflocke des Abends direkt auf die Stirn und schmolz dort. Der Tropfen floss an ihren Schlefe hinunter, an ihrem Ohr und an ihren langen, schwarzen Haaren vorbei. Dann spĂŒrte sie, wie er sich von ihr löste und in den Schnee hinter der Bank tropfte. „Schöne Scheiße.", dachtete sie sich, da sie eigentlich zum Sterne beobachten hier her kam. Also machte sie sich langsam auf den Weg nach Hause. Ihre Schritte hallten in der Dunkelheit nach, als sie von einem Lichtkegel einer Laterne zum NĂ€chsten schlenderte.
Kapitel 2: Frischluft

„Guten Morgen, liebe Klasse. Wie ihr sehen könnt, haben wir hier einen Neuankömmling und...", sagte Herr Stein bevor Emily ihm schon nicht mehr zuhörte. Es intressierte sie nicht, dass sie jemand neuen in der Klasse hatten. Es war nur eine Person mehr, die ihr egal war. „Wobei,", dachte sie sich, „irgendwie hat der schon was." Irgendetwas schien ihr Intresse an ihm geweckt zu haben, doch sie wusste nicht was. Sie blickte von ihren Zeichnungen auf und schaute ihn sich nochmal an. Er hatte was, das ihr bekannt vorkam. „Ach was, das bilde ich mir nur ein.", dachte Emily dann aber schnell wieder. Der Lehrer redete weiter darĂŒber, dass man ihn doch Willkommen heißen und nett zu ihm sein solle. „Also, mein Name ist Daniel -" Sie riss ihre Augen auf. Dieser Name, er löste etwas in ihr aus. Emily wusste nicht warum, aber plötzlich war ihre Stimmung total am Boden. Sie legte den Stift hin und blickte zum Fenster raus. Es schneite schon wieder und dabei war es noch so frĂŒh am Morgen. „HĂ€tte das nicht bis heute Mittag warten können oder so? Hoffentlich ist es bis heute Abend vorbei." Aber dieser Neue... „Ist es in Ordnung fĂŒr dich, wenn mich neben dich setzte?", fragte sie plötzlich eine ihr bis vor kurzem unbekannte Stimme. Der Neue wollte sich tatsĂ€chlich neben sie setzen? Emily, die anderen SchĂŒler in der Klasse und selbst der Lehrer schauten ihn verdutzt an. Er sah eigentlich normal aus. Emily schaute wieder raus. Eigentlich war es ihr egal wo er saß. „Du scheinst keine EinwĂ€nde zu haben.", sagte Daniel, stellte seine Tasche neben den Tisch und setzt sich auf den freien Stuhl neben Emily. „Gut, Ă€hm, nachdem das also geklĂ€rt ist machen wir jetzt mit dem Unterricht weiter", sagte Herr Stein sichtlich verwundert. „Hi, ich bin Daniel.", flĂŒsterte Emily's neuer Nebensitzer und streckte seine Hand zu ihr aus. Zumindest glaubte sie das im Augenwinkel zu sehen, denn sie ging nicht auch nur ein Bißchen darauf ein. Stumm nahm er seine Hand wieder zurĂŒck und begann dem Unterricht zu folgen. Emily verkniff es sich, ihren Block zu öffnen und ihm einen Blick auf ihre Werke zu gewĂ€hren. „Nur keine unnötige Aufmerksamkeit erregen. So wie sonst auch immer.", dachte sie. Doch warum um alles in der Welt hat er sich zu ihr gestzt? Das fragte sich vermutlich gerade die ganze Klasse. Es waren eigentlich noch genĂŒgen andere freie PlĂ€tze vorhanden, die vorallem nicht in der erste Reihe sind. Dort sitzen doch nichteinmal die Streber. Nein, dort haben ihren Platz nur die SchĂŒler, die sonst keinen gefunden haben.

„Oh Emily, du meldest dich ja mal. Was gibt's denn? Weißt du dieses Mal die Antwort?", fragte der Lehrer als Emily sich meldete. „Kann ich auf‘s Klo?", sagte sie und hörte, wie ein paar Jungs in den hinteren Reihen kicherten. „Ja.", antwortete Herr Stein enttĂ€uscht. Emily ging raus und sperrte sich in einer Kabine auf der Toilette ein. Sie fĂŒhlte sich Unwohl. Etwas stimmte nicht mit dem Neuen. „Hat der 'ne Wette verloren? Will er mich nur verarschen? Achwas. Ich bilde mir das nur ein. Er is sicher einfach nur nett oder so...", dachte sie noch, als sie schon auf dem Weg zurĂŒck ins Klassenzimmer war. Aber ungewöhnlich war es schon. Normalerweise hatte sie kein Problem damit, TagtrĂ€umen wĂ€hrend des Unterrichts zu verfallen. Aber in den paar Minuten, in denen Daniel neben ihr saß, konnte sie fast keinen klaren Gedanken fassen. Emily öffnete die TĂŒr zum Klassenzimmer und sofort sah sie ihn wieder, wie er sie anlĂ€chelte. Sie setzte einen genervten Blick auf und ging zurĂŒck zu ihrem Platz. Sofort holte sie ihren Block raus und begann zu zeichnen. „Oh, du zeichnest? Sieht gar nicht schlecht aus.", flĂŒsterte Daniel ihr sofort zu. Emily lies sich nicht beirren. Sie versuchte, sich wie immer in ihren Bildern zu verlieren, sodass sie ihn garnicht mehr wahrnahm. In der großen Pause saß sie wieder an ihrem Platz. „Ob ihm das wohl gereicht hat? LĂ€sst er mich jetzt in Ruhe? Irgendwie macht er mir Angst, aber das sollte doch eigentlich andersrum sein. Man, ich hoffe den bin ich los. Oh verdammt, da ist er ja!" Er wollte gerade die Stufen hinaufgehen, als er sie dort sitzen sah. Sie sahen sich vier, fĂŒnf Sekunden in die Augen bevor er sich umdrehte und sich etwas weiter unten hinsetzte.
„Wollte er etwa auch hier hin setzen? Weiß er denn nicht, was hier passiert ist? Naja, irgendjemand wird ihm das schon erzĂ€hlen. Und sie werden aus ihm einen von ihnen machen. Dann hab ich auch meine Ruhe vor ihm. Ich meine, alle ignorieren mich, so wie ich es will, nur er scheint das noch nicht kapiert zu haben. Idiot.", dachte Emily und zeichnet an ihrem neuen Bild weiter. Daniel saß derweil am Ende der Treppe und aß sein Vesper. Als der Neue wurde er natĂŒrlich auch von vielen angestarrt, aber nicht mit so einem verachtenden und gleichzeitig Ă€ngstlichen Blick wie Emily ihn nur zu gut kannte. Aber auch er schaute hin und wieder hoch zu Emily. Sie war jetzt total vertieft in ihre Zeichnung und hatte ihn ganz ausgeblendet. Er hatte keine Angst vor ihr, nein, er wollte sie sogar nĂ€her kennenlernen. Deshalb setzte er sich auch in den anderen FĂ€chern neben Emily, da der Platz neben ihr ja immer frei war. Doch sie blockte jeden Versuch ab. Sie reagierte nicht ein einziges Mal auf irgendeine Ansprache von ihm. „HĂ€lt der dann bald mal die Klappe? Merkt der nicht, dass ich nicht mit ihm reden will?", dachte sich Emily genervt. „Verdammt, so wird das nichts. Wie bring ich sie nur dazu sich zu öffnen?", dachte sich Daniel hingegen.

Die TĂŒr quietschte als Daniel versuchte, sie eigentlich lautlos zu öffnen. Es war Mittagspause und er hatte Emily endlich im Stillarbeitsraum gefunden. Mitlerweile regnete es draußen sehr stark. Der Regen prasselte gegen die Fensterscheiben hinter Emily. Je mehr er sich auf das GerĂ€usch des auftreffenden Regens konzentrierte, desto lauter wurde es. Nach kurzer Zeit war es fast schon ohrenbetĂ€ubend fĂŒr ihn. Er hörte sonst nichts, auch keine anderen SchĂŒler oder Lehrer. Nichteinmal seinen oder Emily's Atem. Nur das Prasseln und PlĂ€tschern des Regen. „Sie hat mich noch nicht einmal angesehen. Weiß sie, dass ich es bin, oder intressiert es sie einfach nicht? Es sieht ja nicht so aus, als wĂŒrde sie hier oft Besuch bekommen. Ist ja irgendwie auch verstĂ€ndlich.", dachte sich Daniel. Der Himmel war ausnahmlos zugehangen mit dicken Regenwolken, die der Sonne keine Chance ließen, mit ihren Strahlen den Stillarbeitsraum zu erhellen. Daniel schaute sich kurz um und drĂŒckte dann den Lichtschalter, doch nichts passierte. Er drĂŒckte mehrmals darauf, aber es half nichts, der Raum blieb dunkel. „Der Schalter ist schon lange kaputt.", sagte Emily plötzlich. In dem Moment fing die Lampe ĂŒber ihr an zu flackern. Doch davon ließ sie sich nicht beirren und zeichnete weiter. „Wieso wird er nicht repariert?", fragte Daniel sie. Aber er bekam keine Antwort. Es war schon ein wenig gruselig. Dieses MĂ€dchen mit den schwarzen Haaren sitz da in der Ecke des Raumes, draußen regnet es stark und hier drinnen geht das Licht nicht und nur die Lampe ĂŒber ihr flackerte hin und wieder. „Du zeichnest im Dunkeln? Geht das ĂŒberhaupt?", fragte er als nĂ€chstes. „Oh man, ist der aufdringlich. Aber irgendwie...", dachte sich Emily und schob ihre aktuelle Zeichnung in seine Richtung. „Was zum...?" Daniel war sichtlich ĂŒberrascht. Er schaute sie an, aber Emily blickte weiterhin nach unten auf ihren Block. Er nĂ€herte sich vorsichtig dem Tisch und nahm das Papier. „Wow, ", sagte er dann, nachdem er es kurz betrachtet hatte, „ das sieht echt verdammt gut aus! Und das hast du hier im Dunkeln gezeichnet?" Keine Antwort. „Was hab ich auch erwartet...", dachte er sich. „W-wieso hab ich das gerade gemacht? Was ist mit mir los? Ich kenne diesen Typ doch gar nicht! Aber er ist irgendwie ... anders. Das bild ich mir doch nur ein, oder?", dachte sich Emily. Dann streckte sie ihre Hand zu ihm aus um das Bild zurĂŒckfordern. „Oh, hier. D-danke fĂŒrs zeigen!", stotterte Daniel, „D-darf ich mich vielleicht zu dir setzten? Nur, falls das fĂŒr dich in Ordnung ist. Ich meine, ich möchte nicht auf-" - „Ja.", antwortete Emily kurz und knapp.

Daniel lĂ€chelte zufrieden als er einen Stuhl hervorzog und sich darauf setzte. „Jetzt hab ich sie wohl geknackt.", dachte er sich. „Jetzt versteh ich gar nichts mehr. So kenn ich mich gar nicht. So bin ich doch gar nicht! Hab ich mich etwa...? Nein. Nein, das kann nicht sein!", dachte Emily. Plötzlich haute sie mit ihrer Faust auf den Tisch. Sie war sichtlich unzufrieden mit der Situation. „Wir haben gleich Sport.", sagte sie trocken und packte ihre Sachen ein und machte sich gleich auf den Weg aus dem Raum. „He-hey! Warte kurz, Emily!", rief Daniel ihr hinterher. Sie hielt an, drehte sich aber nicht um. „Können wir uns vielleicht heute nach der Schule treffen? Vielleicht hinter der Mensa?", fragte er. Sie nickte einmal und ging dann weiter.
Kapitel 3: Kalte Luft

„Ich muss ihn irgendwie los werden. Mit ihm stimmt etwas nicht. Wenn ich doch nur wĂŒsste was! Er... er kommt mir so bekannt vor. Aber ich weiß nicht woher. Trotzdem muss er damals einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Ob ich da irgendwas verdrĂ€nge? Außerdem, was mach ich denn hier? Wieso treff ich mich jetzt auch noch mit ihm? So bin ich doch sonst gar nicht! Was hat er mit mir angestellt? Ich muss ihn los werden.", dachte Emily als sie langsam von der Sporthalle zum Hof hinter der Mensa lief. „Mensch, wo bleibt sie denn? Sie wird mich doch nicht versetzt haben? Ich dachte, ich hĂ€tte sie endlich kancken können. Sie muss kommen und das wird sie. Sie denkt sicher, ich halte sie fĂŒr etwas Besonderes oder so. Naja, in gewisser Weise stimmt das ja auch, aber naja ... wir werden sehen, wie das alles klappt. Emily mĂŒsste jeden Moment hier sein. Man, langsam wirds irgendwie unheimlich hier allein im Dunkeln.", dachte Daniel, als er auf Emily wartete. Doch die lies auf sich warten. „Wieso kommt sie nicht? Was hat sie vor?", dachte er. Dann schaute er nach vorne auf das SchulgebĂ€ude. Es erfĂŒllte ihn mit Angst. Im Dunkeln sehen selbst so normale Dinge wie dieSchule gruselig aus. Jetzt waren da unzĂ€hlige schwarze Fenster, die ihn wie schwarze Augen anstarrten und keine Bewegung von ihm unbeobachtet liesen. Er versuchte, irgendetwas in ihnen zu entdecken, aber es war einfach zu finster. Sein Unwohlsein steigerte sich ins Unermessliche. „Wo bleibt Emily!" Was jetzt noch fehlte war ein Gesicht, irgendeine Fratze, die er plötzlich in einem Fenster sieht und die ihn anstarrt. Er senkte seinen Blick, vor ihm flog eine MĂŒcke oder eine Fliege vorbei. Sie war sofort wieder weg, aber er wagte es nicht, seinen Blick wieder zu heben. Zu groß war die Angst, irgendetwas zu sehen, was lieber nicht gesehen werden sollte. „Warum geh' ich nicht einfach weg? Was hĂ€lt mich davon ab diesen Platz zu verlassen? Emily kommt sowieso nicht mehr.", dachte Daniel. Aber er war starr vor Furcht. Furcht, fĂŒr die es eigentlich keinen Grund gab. Furcht, die ihn von Kopf bis Fuß erfĂŒllte. Plötzlich wurde ihm kalt im Nacken. Aus dem nichts heraus spĂŒrte er eine EiseskĂ€lte. Er spĂŒrte einen Blick, einen furchteinflösender Blick. Aber hinter ihm waren nur BĂ€ume und dann lange nichts. Der Blick wurde stĂ€rker, er fĂŒhlte, wie sich ihm etwas nĂ€herte, doch er konnte sich immer noch nicht bewegen. Er konnte nicht nach vorne in die Schule schauen und er konnte nicht nach hinten schauen und herausfinden, wer oder was ihn anstarrt. Seine Atmung wurde lauter, sein Herz schlug schneller. Er wollte seine Augen schließen, doch auch das funktionierte nicht. Seine Gedanken kreisten um alles, was ihm jetzt Angst machte, aber vielleicht gar nicht da war. „Ist das wegen Emily? Schafft sie es mir Angst zu machen ohne von mir gesehen zu werden? Stimmen die GerĂŒchte? Was ist nur los mit ihr?", dachte Daniel. Kein Muskel zuckte bei ihm. Jetzt spĂŒrte er die PrĂ€senz von irgendjemanden hinter sich. „Ist sie das?", dachte Daniel. Er bildete sich auch ein, Schritte zu hören. Sie waren langsam und ganz leise. Er begann zu schwitzen. Ein kalter Windstoß umhĂŒllte ihn und seine Haare begannen sich aufzustellen. Die Schritte waren jetzt fast da. Sein Herz raste wie wild. Dann hörte der Wind auf zu wehen, die Fliegen hörten auf um ihn herum zu surren und das Rascheln in den BĂ€umen und BlĂ€ttern hörte auf. Sein Atem stoppte. Er spĂŒrte die kalte Luft in seinem Nacken, als wĂŒrde sie ihn direkt anatmen.

„Hier bin ich.", flĂŒsterte Emily. Daniel drehte sich vorsichtig um. „Du hast mir einen riesen Schrecken eingejagt! Aber zum GlĂŒck bist du endlich hier.", sagte er erleichtert. Sie schwieg und setzte sich, hielt aber genĂŒgend Abstand zu ihm. „Also, raus mit der Sprache. Wieso ignorierst du mich nicht so wie die anderen?", fragte sie ihn ganz offen. Sie war sichtlich nervös, aber gleichzeitig hoffte sie, dass ihr kleiner Auftritt eben ihn etwas eingeschĂŒchtert hatte. „Ich, Ă€hm, möchte dich halt kennenlernen bevor ich dich ignoriere?", antwortete Daniel, aber Emily hakte gleich nach: „Nein, im Ernst. Wer bist du wirklich und wieso machst du das? Wieso lĂ€sst du mich nicht einfach in Ruhe?" Er ĂŒberlegte kurz, was er antworten sollte. „Oh man, was mach ich hier bloß? Das ist doch sinnlos.", dachte Emily in der Zwischenzeit. „I-i-ich weiß nicht was du meinst!", stotterte Daniel und steckte seine HĂ€nde in die Taschen seiner Jacke. „Du wusstest von dem Platz, wo ich immer in der Pause bin. Woher? Und weißt du dann auch was da pa-" Als sie plötzlich hörte, wie ein Tropfen von einem Baum neben ihnen auf den Boden fiel, wurde es ihr klar. „D-Du... du bist...! Nein. Nein! Wie soll das gehen?!", stammelte sie.

Da stand Daniel auf und sprach:“Schade, dass du es schon gemerkt hast. Ich dachte ich könnte mich noch lĂ€nger mit dir unterhalten." Emily sprang auf und ging ein paar Meter von ihm weg. „Der Junge damals, der sich von dort oben runtergestĂŒrzt hat, d-das warst du!", schrie sie. Dann zog Daniel plötzlich die Hand aus seiner Tasche und zeigte ihr das riesige KĂŒchenmesser, dass er dabei hatte. „Du warst Schuld an meinem Tod", sagte er mit ernster Stimme und gesenktem Kopf. „W-was? Was redest du da! Du bist selbst gesprungen!", rief sie ihm zu. „Denk scharf nach, meine Kleine, nur du und ich wissen wie es wirklich war. Deshalb hast du niemandem gesagt, dass du Zeuge warst und hast die Wahrheit lieber verdrĂ€ngt.", sagte er.

Emily begann sich zu erinnern. Sie war plötzlich wieder in der fĂŒnften Klasse. Gerade hatte sie das Klassenzimmer verlassen, um auf die Toilette zu gehen. Als sie im Treppenhaus ankam hörte sie plötzlich etwas auf den Boden tropfen. Sie blickte nach oben und sah einen Jungen, der auf der anderen Seite des GelĂ€nders stand, eigentlich bereit zu springen. Aber er schien es sich im letzten Moment anders ĂŒberlegt zu haben, denn er versuchte gerade, sich wieder umzudrehen um zurĂŒckklettern zu können. „Spring!", schrie Emily plötzlich. Es hallte durch das Treppenhaus und der Junge erschrak zu Tode und verlor den Halt. Als er an ihr vorbeiflog, sah sie sein Gesicht. Deshalb kam er ihr so bekannt, vor als er sich plötzlich in ihrer Klasse vorstellte. Dann hallte der Aufprall durch das ganze GebĂ€ude und sie ging schnell zurĂŒck in ihre Klasse.

Emily sank mit ihren Knien auf den kalten und nassen Boden. „A-aber i-ich...!", stotterte vor sich hin. „Gerechtigkeit, Emily. Du hast mir mein Leben genommen, ich werde dir deins nehmen.", sagte Daniel und begann sich ihr langsam zu nĂ€hern. „Ich hĂ€tte sie gleich kalt machen sollen, dann wĂ€re alles viel einfacher gewesen.", dachte er. Emily weinte jetzt. Sie hĂ€tte nie gewollt, dass es so endet. „Ich gebe nicht einfach so auf! Du kannst mich mal!", schrie sie und begann wegzurennen. „Du kannst nicht fliehen, Emily." - „Und ob, du...!", sie drehte sich um, doch dort war niemand mehr. „Wie ich bereits sagte...", er stand plötzlich vor ihr. Emily brauchte eine Sekunde um zu realisieren, was hier passierte. Dann schrie sie. Sie schrie wie nie zuvor. Der Schrei lĂ€hmte ihn kurz und sie rannte wieder weg. Bis nach Hause war es noch ein StĂŒck, denn sie wohnte in einem kleinen Dorf außerhalb der Stadt. Aber sie meinte, wenn sie es dort hin schafft, sei sie sicher.

Die Luft war verdammt kalt. „Wieso hab ich ihn nicht ignoriert?" Die Temperaturen waren weit unter dem Gefrierpunkt. „Warum bin ich ihm nicht einfach aus dem Weg gegangen?" Selbst wenn man sich ganz dick anzog, dampfte man am ganzen Körper und sah, wie die Luft einem langsam die WĂ€rme aus den Gliedmaßen entzog. Emily trug nur eine dĂŒnne Jacke und ihre Jeans. „Womit habe ich das verdient?" Alles sah gleich aus. Die Straße, die Felder, die Wiesen und die BĂ€ume. Alle waren sie mit Schnee bedeckt und alle hatten die gleiche, hellgraue Farbe. „Ich will nicht sterben!" Es sieht langweilig und gleichzeitig auch wunderschön aus. Von Leben gab es hier keine Anzeichen. Kein Auto, kein Reh und auch kein Vogel gaben sich zu erkennen oder machten auch nur das leiseste GerĂ€usch. Die Straße fĂŒhrte ewig geradeaus. Geradeaus in das Nichts. Doch sie wusste, die Richtung stimmte. Es war eine klare Nacht. Man konnte die Sterne sehen, aber sie blieben doch unerreichbar. Plötzlich huschte eine Sternschnuppe vorbei, und sie wĂŒnschte sich, endlich Zuhause anzukommen. Dann blieb Emily stehen. Sie konnte nicht mehr, sie war völlig außer Atem. „Es tut mir Leid! Hörst du, es tut mir Leid verdammt nochmal! Ich wollte das nicht! I-ich wollte es echt nicht... Bitte! Bitte lass mich einfach in Ruhe! Mach‘s einfach wie die Anderen!...", schrie sie verzweifelt in die Nacht, doch sie bekam keine Antwort. Dann blickte sie auf. Am Horizont sah sie endlich Lichter. Lichter, die Sicherheit fĂŒr sie bedeuteten. Sie konnte ihr Zuhause schon sehen. Doch dann spĂŒrte sie diese kalte Luft, einen toten Atem in ihrem Nacken...

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂŒck zu:  Horror und Psycho Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Werbung