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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Kreuzweg an der Kreissparkasse
Eingestellt am 03. 05. 2004 19:03


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Alanis
Hobbydichter
Registriert: Apr 2004

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Es war ein regnerischer Sonntagnachmittag. Die anderen aus der Clique waren irgendwo. Wo anders. Ich wei├č nicht mehr wo, und es ist ja auch sowas von egal. Andy und ich hatten uns vor dem Eingang der Kreissparkasse untergestellt. Teppichboden vor der T├╝r - ganz vornehm. Mit Andy und mir war das so eine Sache. Er liebte mich auf eine fr├Âhliche und unglaublich offene Art, ohne jemals aufdringlich zu werden, und das seit dem Tag, an dem ich neu in diese Clique gekommen war, was noch nicht allzulange zur├╝ck lag. Von den anderen konnten mich nur wenige leiden und alle Frauen der Clique hassten mich. Ich war Frischfleisch und somit unangenehme Konkurrenz. Andy aber war ein stetiger Sonnenschein in meinem bis dahin noch v├Âllig neuen Cliquenleben. Trotzdem konnte ich mich nicht dazu durchringen, ihm mein O.K. zu geben. Lieber schw├Ąrmte ich mehr oder weniger heimlich f├╝r Orchen - den schlimmsten Finger der ganzen Clique: durchtrieben, hinterh├Ąltig und abgesoffen, aber eben gut aussehend und charmant - wenn er wollte. Dazu kam, dass er auch noch mit Bea zusammen war, dem schlimmsten Biest der Clique. Das hat meine Stellung in der Hierarchie der Weibchen nicht gerade erleichtert. Dieses Faible f├╝r die falschen Kerle sollte mich Zeit meines Lebens begleiten. Psychologen w├╝rden sich wahrscheinlich s├Ąmtliche Finger nach mir lecken. Ebenso wie Andy.
An diesem Nachmittag sollte aber alles anders sein als vorher. Nachdem er nun schon eine ganze Weile auf diese unaufdringliche Art um mich geworben hatte (er legte gerne den Kopf auf meinen Scho├č, wenn wir auf der Wiese hinter dem Jugendhaus den Joint kreisen lie├čen, und dann lag er da mit seeligem Gesichtsausdruck, was einerseits am Joint und andererseits an meiner N├Ąhe lag. Oder er rief auch gerne ganz laut \"Schatzeli\", wenn ich Nachmittags oder Abends beim ├╝blichen Treffpunkt auftauchte. Schatzeli war damals wohl das h├Ąufigste Wort in meinem Leben.), begann ich langsam, diesen sensiblen und zerbrechlich wirkenden Jungen mit anderen Augen zu sehen. Mir wurde klar, dass ich ihm vertraute. Etwas ├Ąu├čerst Ungew├Âhnliches f├╝r mich. Ich konnte mit ihm beinahe wie mit mir selbst reden und wer dieses Geschw├Ątz verkraftete, der konnte nicht ganz verkehrt sein. Was wollte ich von diesem Orchen, der doch nur ein charmanter Windhund war? Und Andy sah auch gut aus. Vielleicht nicht so beeindruckend wie Orchen mit seinen langen dunklen Haaren (bei dunkelhaarigen Kerlen werde ich heute noch schwach), aber er hatte etwas, das sonst keiner hatte.
An diesem Nachmittag hatten wir uns jedenfalls von den anderen abgesondert - ob bewusst oder unbewusst ist eines der R├Ątsel menschlichen Verhaltens. Ich erinnere mich, dass Andy aufgeregt gestikulierend vor mir auf und ab ging, w├Ąhrend ich ganz ruhig an die Wand gelehnt dastand und ihn beobachtete. Er redete von seiner Liebe zu mir und wie gut es f├╝r mich w├Ąre, ihn endlich zu erh├Âren. Lauter aufgeregtes, aber sehr offenes Zeug - er hatte erkannt, dass die Situation g├╝nstig war. Er redete wie ein Wasserfall, eine Gabe, f├╝r die ich heute noch Leute beneide. Ich z├Ąhle eher zu den maulfaulen Typen, die selten in der richtigen Situation auch die richtigen Worte finden. Er sprach davon, dass Orchen nicht der Richtige f├╝r mich w├Ąre, womit er nat├╝rlich Recht hatte. Ich kann mich ehrlich gesagt nicht mehr an alles erinnern, was er in diesem so gespr├Ąchigen und doch seltsam stillen Moment gesagt hat, aber irgendwann kam er auf┬┤s K├╝ssen. Ich glaube, er fragte sich selbst (aber es kann auch sein, dass er im Vorbeigehen mich fragte), ob er mich k├╝ssen kann/darf/soll und ich sagte spontan ja. Er blieb stehen. Endlich. (Habe ich nur ja gesagt, damit er endlich stehen blieb? M├Âglich.) \"Ja?\", fragte er. Und nochmal: \"Wirklich Ja?\" Und ich lachte und sagte \"Ja.\" Andy kam auf mich zu. Jetzt war er ganz nah. Vorsichtig nahm er mein Gesicht zwischen seine H├Ąnde. Sein Mund n├Ąherte sich dem meinen, unsere Lippen w├╝rden sich ber├╝hren. Gleich, gleich... Ich schloss die Augen, sp├╝rte schon seinen Atem. Da zuckte er zur├╝ck. \"Nein, es ist nicht richtig!\" Verwirrt ├Âffnete ich die Augen wieder, den Mund immer noch zum Kuss geformt, und sah, wie er wieder seine Kreise drehte. Er sprach zu sich selbst wie ein Politiker, der seine Rede auswendig lernte, nur war Andy ungleich ehrlicher und kompromissloser. \"Nein, es ist nicht richtig\", er fuchtelte wild mit den Armen herum. \"Du liebst mich nicht und es w├╝rde alles zerst├Âren. So will ich das nicht, nicht, so lange du in Orchen verliebt bist.\"
\"Orchen ist ein Idiot\", h├Ârte ich mich sagen. Das Gefuchtel h├Ârte auf und Andy blieb stehen. Ungl├Ąubig sah er mich an. \"Du meinst, du liebst ihn nicht mehr?\" Er war misstrauisch. So lange hatte ich ihn schon hingehalten und mit ihm gespielt. Aber auch ich hatte den Ernst des Augenblicks erkannt und beschloss, endlich aufrichtig zu ihm zu sein.
\"Ich habe Orchen doch nie geliebt, Andy, wei├čt du das nicht? Ich habe vielleicht f├╝r ihn geschw├Ąrmt, aber das ist etwas anderes. Du musst wissen, dass ich zu Hause nicht gerade das tollste Leben habe. Wenn Jemand so offen freundlich zu mir ist, werde ich misstrauisch und vermute sofort eine miese Absicht dahinter. Ich kann Freundlichkeit nur schlecht annehmen und ich tue mich schwer damit, Jemandem wirklich zu vertrauen. Aber wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, dann muss ich zugeben, dass ich dir vertraue. Und um ganz ehrlich zu sein, habe ich mich von Anfang an zu dir hingezogen gef├╝hlt. Ich habe mich nur innerlich dagegen gewehrt, weil ich mit diesem Gef├╝hl nichts anzufangen wusste und mir selber nicht getraut habe.\" Das waren verdammt viele Worte f├╝r Jemanden wie mich, aber ich war noch nicht fertig und auch Andy stand nur ganz still da und sah mich an - ganz so als ahnte er, dass, wenn er mich jetzt unterbrechen w├╝rde, ich niemals wieder den Mut finden w├╝rde, das Notwendige auszusprechen.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich starr einen Punkt irgendwo am Horizont fixiert, aber nun sah ich ihn an. \"Wenn du mich also k├╝ssen m├Âchtest, dann ist jetzt der richtige Moment.\" Es war gesagt! Andy kam ohne ein Wort zu mir und dann bekam ich den s├╝├česten und z├Ąrtlichsten Kuss, den ich in meiner bis dahin zweij├Ąhrigen Liebeslaufbahn jemals erhalten hatte. Ich wei├č nicht, wie lange wir dort standen und uns k├╝ssten, aber wen interessiert schon die Zeit, wenn er im Himmel ist? Danach waren wir ├╝berall \"Das P├Ąrchen\". Man sah uns nur noch Hand in Hand und turtelnd, sofern man uns ├╝berhaupt noch sah. Die meiste Zeit waren wir in seinem Zimmer, h├Ârten Musik, schmusten, f├╝hrten intensive Gespr├Ąche, schmusten, lachten miteinander, schmusten... Mit ihm erlebte ich mein \"erstes mal\" und es war f├╝r uns beide ein unglaubliches Erelebnis. Ich war 15 und er war 16 und wenn sie nicht gestorben sind, dann sind sie heute noch gl├╝cklich und zufrieden. Soviel zum fantasierten Teil.

In Wirklichkeit ist es ein kleines bisschen anders gelaufen. Tats├Ąchlich stimmt die Geschichte bis zu dem Teil, als Andy zur├╝ck zuckte und sagte \"Nein, es ist nicht richtig!\" Damals n├Ąmlich habe ich den Mund nicht aufgebracht. Ich lie├č ihn weiterhin seine Kreise ziehen, l├Ąchtelte malizi├Âs, und als er mich fragte, ob ich in Orchen verliebt sei, da zuckte ich nur mit den Schultern. Ich spielte mein Spiel weiter. Draufhin zog sich Andy von mir zur├╝ck und das Wort Schatzeli verschwand wieder aus meinem Leben. Ich hatte ihn verletzt. Seine fr├Âhliche Zuversicht, sein unersch├╝tterlicher Glaube, dass ich doch noch das Richtige tun und zu ihm finden w├╝rde, war gebrochen. Und eines Nachts, nicht sehr lange danach, lie├č sich Andy dazu ├╝berreden LSD zu nehmen. Warum er das tat wei├č ich nicht, denn er hatte diese psychedelische Droge immer abgelehnt. Teils weil er einfach Angst davor hatte und teils auch, weil es in seiner Familie eine erbliche Vorbelastung gab, was psychische Krankheiten anging. \'Er wolle kein Risiko eingehen\', hatte ich ihn immer sagen h├Âren. War es Geltungsdrang oder ein kleiner Kurzschluss im Gehirn, ausgel├Âst durch Frustation? Andy nahm den Trip und auf diesem ist er heute noch. H├Ąngenbleiben nennt man das in \"Fachkreisen\". Er wurde nie wieder Derselbe und er wird nie wieder mehr allein sein. Seine Stimmen und Halluzinationen begleiten ihn jetzt.

Mittlerweile ist das an die 25 Jahre her und gerade in letzter Zeit vergeht kein Tag, an dem ich nicht an ihn denken muss. Schuldgef├╝hle? Ich wei├č nicht. Ich war nicht Diejenige, die ihm das LSD aufgeschwatzt hat und ich habe ihn auch nicht zum Schlucken gezwungen. Das hat er selbst getan. Und trotzdem... Ich muss immer daran denken, ob nicht alle anders gekommen w├Ąre, wenn ich damals meinen kleinen imagin├Ąren Text abgespult h├Ątte. Geht es euch auch manchmal so, dass ihr im R├╝ckblick auf euer Leben Momente entdeckt, an denen ihr euch eindeutig falsch verhalten habt und dieses Verhalten eurem gesamten Leben eine andere Richtung gab? Ist das Altersweisheit? Himmel, dann will ich lieber nichts davon. Es tut n├Ąmlich verdammt weh, wenn man sieht, was man wo alles vergeigt hat. Schlie├člich war nicht nur sein Leben zerst├Ârt. Mir ist es danach nicht viel besser gegangen. Hatte ich schon mein Faible f├╝r die falschen M├Ąnner erw├Ąhnt? Ich habe es ausgekostet bis zum Grund. Und noch vieles mehr. Mein erstes mal war tats├Ąchlich unglaublich. Unglaube *censored*. Wenn man es ganz genau betrachtete, lief seit damals alles v├Âllig aus dem Ruder. Gibt es so etwas wie einen g├Âttlichen Plan? Und wenn ja, was passiert, wenn wir die Kurve nicht kriegen? Bekommen wir vom Schicksal eine auf den Deckel? Oder anders ausgedr├╝ckt: m├╝ssen wir uns ab diesem Moment durch das Labyrinth unseres Lebens k├Ąmpfen, weil wir einmal die falsche Abzweigung genommen haben, und uns kein roter Faden mehr Hilfe bei der Durchquerung leistet? Bei mir f├╝hlt es sich so an. Ich w├╝rde meinen linken Arm geben, wenn ich die Zeit zur├╝ck drehen k├Ânnte. Aber dann m├╝sste ich das hier nicht schreiben - es w├Ąre unn├Âtig.
Letztendlich hat uns das, was ich am meisten an ihm gesch├Ątzt und was die schlimmsten der Verletzungen in mir h├Ątte heilen k├Ânnen, das Genick gebrochen: seine Sensibilit├Ąt. Suche ich mir deshalb immer wieder unbewusst die falschen Kerle aus? Jedenfalls lande ich immer wieder bei diesen derben Typen, denen man ganz unbedarft alles erz├Ąhlen kann, sie bekommen es nicht mit. Andererseits b├╝geln sie dir aber auch stumpf wie ein Rettich ├╝ber deine Sensibilit├Ąten, vor und zur├╝ck, vor und zur├╝ck. Oder es sind selbstverliebte Egozentriker, die um sich selbst kreiseln wie verr├╝ckt gewordene Planeten. Ist es das? Die Angst, Jemanden wieder so zu verletzen, treibt einen dazu, sich in Beziehungen zu h├Ąngen, in denen man lieber selbst verletzt wird. Klingt logisch.
Aber macht es bitte nicht nach.

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Fellmuthow
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nur Mut!!!

Hallo Alanis,

sicher gehe ich richtig in der Annahme, dass du am kurzen Ende des Lebens stehst, w├Ąhrend ich mich so langsam dem langen Ende n├Ąhere. Also kann ich nur bedingt raten. Wir blicken von verschiedenen H├╝geln ins Tal. Trotzdem...
Was du schilderst, das ist schon prima gedacht. Diese Warnung vor dem falschen Weg ist richtig. Man kommt nie mehr an den Abzweig zur├╝ck. Allerdings w├╝rde ich dir empfehlen, das Ganze etwas zu konzentrieren. Streiche mal alle S├Ątze an, die nicht wirklich etwas neues sagen, neues in Hinblick auf die Hauptaussage. Ob dich die anderen in deiner Clique leiden konnten oder nicht, ob du "Frischfleich" (kein sch├Âner Ausdruck) warst, ist wohl nicht so ganz wichtig.
Verlier aber nicht den Mut, denn Talent hast du zum Schreiben - aber Talent ist nur ein winziger Teil, das meiste ist M├╝he.

Fellmuthow
__________________
HW

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Alanis
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Vielen Dank

Ich danke dir, dass du auf meine kleine Geschichte geantwortet hast, ich hatte eigentlich schon gar nicht mehr mit einem Feedback gerechnet.

Du hast auch v├Âllig recht mit deiner Kritik, allerdings muss ich dazu sagen, dass ich die Geschichte eigentlich weniger geschrieben habe, um mein Talent unter Beweis zu stellen, sondern mehr dazu, damit sie endlich weg ist, verstehst du? Ich musste sie einfach irgendwo ablegen, weil sie mich schon lange belastet hat und dazu musste ich sie einfach so aufschreiben wie sie passiert war (aus meiner Sicht). Ich habe - glaube ich - nicht einmal eine Viertelstunde daf├╝r gebraucht (aber daf├╝r 4 Wochen, bis ich mich dazu durchgerungen hatte, sie hier zu ver├Âffentlichen *lach*).

Aber ich werde mir deine Ratschl├Ąge zu Herzen nehmen, da ich sie sehr hilfreich finde und ich danke dir nochmal herzlich f├╝r deine M├╝he. Schlie├člich habe ich zu Hause noch ein paar ernsthafte Projekte, die von deiner konstruktiven Kritik profitieren k├Ânnen :-)

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