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Leselupe.de > Fantasy und M├Ąrchen
Kurzgeschichte - Seiltricks
Eingestellt am 20. 12. 2016 15:39


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Friedensbringer
Hobbydichter
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Die folgende Kurzgeschichte wurde im Rahmen eines Wettbewerbes mit dem Titel "Das Dimensionsportal" geschrieben.
Ich berichte regelm├Ą├čig ├╝ber mein Schaffen auf meinem Blog:
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Seiltricks

Der angenehme Duft von warmen Sand stieg Horsab in die Nase, als er sich an diesem Abend von den Weiden kommend, auf denen er das Vieh seines Vaters geh├╝tet hatte, wieder zur├╝ck im Dorf einfand. Die K├╝he gaben auf den Feldern einen penetranten Gestank ab, den Horsab sofort verga├č, als er einen tiefen Atemzug vom Odem der W├╝ste nehmen konnte.
┬╗Sind die Rinder alle im Stall?┬ź
┬╗Ja, Mutter. Kann ich jetzt nochÔÇŽ┬ź
Seine Mutter schenkte ihm einen wohlwollenden Blick. ┬╗Ja, lauf nur zu deinem Fels, mein kleiner Prinz.┬ź
Horsab grinste als er den Titel vernahm. Er deutete eine knappe Verbeugung an und rannte dann los.
Seine F├╝├če trugen ihn auf den abgewetzten Sandalen ├╝ber Stock und Stein weg vom Dorf, hin zum Flu├č. Sein dunkles Haar wehte im Wind und seine Mundwinkel blieben den ganzen Weg oben. Als er auf seinem Fels, seinem geheimen Platz ankam, stand er hoch ├╝ber dem Flu├čufer und breitete die Arme aus, sog den Geruch von Wasser und Stein in sich hinein und sp├╝rte pure Freiheit. Tief unter ihm zogen kr├Ąftige Ochsen Schiffe den m├Ąchtigen Strom hinauf, Fischer vert├Ąuten ihre Boote und eine gro├če Galeere trieb tr├Ąge paddelnd in der Mitte flussabw├Ąrts. Er lie├č sich auf seinen Hintern fallen und beobachtete strahlend das rege Treiben in der schnell schwindenden Abendd├Ąmmerung. Der abendliche Blick hinab auf den m├Ąchtigen Nil war sein liebster Teil des Tages.
Als er seine Augen endlich von den Schiffen l├Âste, hatten sich hinter ihm bereits die ersten Sterne aus dem Zwielicht gesch├Ąlt. Horsab stand auf und wand sich zum Gehen, als etwas am Rand seines Blickfeldes aufblitzte. Er blieb stehen und legte den Kopf schief. War es nur Einbildung? Dann sah er einen zweiten Lichtblitz, nur wenige Schritte entfernt hinter einem alten Baumstamm.
Vorsichtig n├Ąherte er sich der Stelle, als die beginnende Nacht mit einem Mal von einer Serie von hellen, blauen und wei├čen Explosionen erhellt wurde. Knistern und Knattern f├╝llte Horsabs Ohren und wurde lauter. Schlie├člich bildete sich eine kreisrunde Scheibe aus blauem Leuchten. Mit offenem Mund n├Ąherte sich Horsab dem Objekt, streckte vorsichtig die Hand in Richtung der Erscheinung. Er konnte sehen, wie sich das blaue Licht auf seiner Hand brach und z├Âgerte nur wenige Handbreit von der Spalte entfernt.
Gerade als er den Mut gefasst hatte, das Licht zu ber├╝hren, flog ihm etwas entgegen. Ein hartes, kantiges Ding knallte gegen seinen Kopf und lie├č ihn zur├╝cktaumeln. Horsab rieb sich die schmerzende Nase und musste feststellen, dass das Licht kleiner wurde. Innerhalb weniger Sekunden schrumpfte die durchscheinende Platte und verschwand mit einem leisen Zischen im Nichts. Unvermittelt fand sich Horsab in fast finsterer Nacht unter einem bl├╝henden Sternenhimmel, mit pochendem Riecher und keinem Beweis f├╝r die Erscheinung.
Au├čerÔÇŽ
Das Etwas, welches ihn angegriffen hatte, musste hier noch irgendwo sein. Seine Augen brauchten ihre Zeit um sich an die Dunkelheit zu gew├Âhnen, immerhin war er noch vor wenigen Augenblicken von strahlend blauem Schimmer umgeben gewesen. Dann sah er es. Flach, rechteckig, braungelblich und kaum gr├Â├čer als sein Kopf lag es dort. Mit Bedacht b├╝ckte sich Horsab um das fremde Ding zu untersuchen.
Geb├╝ckt betastete er die seltsame Sache die aus dem Nichts gekommen war. Merkw├╝rdige kleine Zeichen waren zu sehen, zu winzig um etwas zu erkennen im Dunkel. Die Oberfl├Ąche war glatt, fast wie ein Stein, aber weich, erinnerte ihn an dickes Schilf. Behutsam hob er das Objekt hoch, wobei es sich entfaltete und dabei ein schnatterndes Ger├Ąusch von sich gab. Vor Schreck lie├č der Junge es direkt wieder fallen. Es blieb doppelt so breit wie zuvor liegen, Teile flatterten umher wie Palmbl├Ątter im Wind, l├Âsten sich aber nicht. Sie sprangen nur hin und her. Es war zu finster um zu erkennen was es auf den vielen d├╝nnen Flatterst├╝cken zu sehen gab, er konnte nur hell und dunkel erkennen. Erneut hob er das Ding auf, er f├╝hlte eine feste dicke Ober- und ebenso dicke Unterseite. Dazwischen d├╝nne, flatternde Schnipsel wie d├╝rres Seidenblatt. Ganz leicht konnte Horsab es zuklappen. Er klemmte sich das merkw├╝rdige Objekt unter den Arm und marschierte durch die klare Nacht heim. Am n├Ąchsten Morgen w├╝rde ihm die Sonne einen genaueren Blick auf seinen neuen Schatz gestatten.
Die Sonnenstrahlen die durch das Fenster der Lehmh├╝tte auf ihre Lagerst├Ątten fielen, kitzelten Horsabs F├╝├če. Aufgeregt sprang er beinahe senkrecht empor und sah sich nach der Kostbarkeit um. Doch sie lag nicht neben seinem Strohlager, wo er sie am gestrigen Abend gelassen hatte. Sein Blick flog durch den Raum. Sein Vater schlief noch, wie ├╝blich. Doch seine Mutter und sein j├╝ngerer Bruder waren nicht mehr im Haus. Horsab trat ins Freie.
Seine Mutter kam gerade mit Wasser vom Brunnen. Wahrscheinlich hatte sie das merkw├╝rdige Fundst├╝ck nicht einmal bemerkt. Horsab ging langsam um die H├╝tte herum und fand wen er suchte auf der R├╝ckseite sitzend mit dem Ding spielend.
┬╗Wa dab?┬ź, sabbelte der Winzling.
┬╗Gib das her, Bruder┬ź, mit grimmigem Gesicht entriss Horsab ihm sein Kleinod. Dann stockte ihm der Atem, als er in ein fremdes Gesicht blickte. Beinahe w├Ąre ihm sein Schatz erneut aus den H├Ąnden geglitten. Da war ein Junge, wahrscheinlich in Horsabs Alter, gefangen in der Oberfl├Ąche des Dings. Seine Haut war blass, blasser noch als bei einem Toten. Er grinste Horsab an, trug abnormale dunkle Kleidung und hielt einen schwarzen Stab in seiner linken Hand, die in der Bewegung gefroren schien. Mit den Fingern├Ągeln versuchte Horsab das Kind hinaus zu holen, doch er hinterlie├č nur kleine Kratzer. Den Kopf sch├╝ttelnd setzte er sich an die Hauswand und starrte weiter in die lebendigen Augen des leichenblassen Jungen.
┬╗Hosab! Wa da?┬ź, t├Ânte es neben ihm, doch er ignorierte seinen Bruder.
┬╗Entschuldige, ich kann dir nicht helfen.┬ź, mit diesen Worten strich Horsab behutsam ├╝ber das Gesicht und klappte die dicke Umfassung auf um sich das schmale, flattrige Innenleben anzusehen. Zu seiner ├ťberraschung waren die d├╝nnen Bl├Ątter voller starrer Jungen, das Kind von der Vorderseite war hundertfach zu sehen. Es war zu viel f├╝r Horsabs Verstand, er legte seinen Fund mit dem Gesicht nach Unten auf den Boden und als das nervige Kleinkind danach greifen wollte, setzte er sich schnell mit dem Hintern darauf. Der Kleine fing das Schmollen an, stapfte dann aber fort, so dass Horsab Ruhe hatte das Gesehene zu verarbeiten.
Es d├Ąmmerte ihm, dass die Gesichter, dass der Junge nur eine Abbildung war. Er hatte selbst schon mit Asche an der Hauswand gemalt, einige Silhuetten die sein Onkel gemalt hatte waren eindrucksvoll realistisch gewesen. Und als im letzten Jahr der B├╝rokrat aus Theben wegen der Volksz├Ąhlung hier gewesen war, hatte Horsab Papyrus gesehen und auch darauf waren kleine Zeichnungen, manche sogar in Farbe. Trotzdem konnte er sich nicht vorstellen, wie man Abbildungen von derartiger Pr├Ązision machen sollte.
Auch die Zeichen, die kleinen schwarzen Symbole die ├╝berall in seinem Schatz zu sehen waren, kamen ihm nicht bekannt vor. War es eine Schrift? Horsab kannte niemanden der des Lesens m├Ąchtig war.
┬╗Horsab, was machst du da hinter der H├╝tte?┬ź, in der Stimme seiner Mutter schwang ein leicht ver├Ąrgerte Ton mit.
┬╗NichtsÔÇŽ┬ź, aufgeregt sah er sich um. Ein Spalt an der Stelle an der Wand zu Dach wurde, kam in sein Blickfeld. Das Kleinod verschwand darin. ┬╗Ich komme schon!┬ź
Der Tag flog leider nicht dahin. Ra schien keine Lust zu haben seinen Weg schnell zu beschreiten. Die Rinder grasten und Horsab w├╝nschte sich Nil herbei. Er hatte beschlossen seinen Fund nach dem Fluss zu benennen, immerhin war das wundersame Ding in Sichtweite zum gro├čen Strom aufgetaucht. Aber Nil hing gut versteckt in der Hauswand, hoch genug damit sein kleiner Bruder nichts davon bemerkte. Nach einer gef├╝hlten Ewigkeit auf den Weiden, konnte Horsab es garnicht erwarten die lahmen Rinder am Abend wieder nach Hause zu f├╝hren. Nachdem die Tiere eingeschlossen waren, machte er sich nicht die M├╝he seine Mutter um Erlaubnis zu fragen. Er rannte direkt zum Versteck, wollte Nil holen.
Nil war weg.
Unm├Âglich! Wie h├Ątte sein winziger Bruder dort ober rauf kommen sollen? War Nil abgest├╝rzt?
┬╗Horsab? Komm her┬ź, seines Vaters Stimme h├Ârte der Junge sonst nicht oft. Sie kam von Drinnen. Als Horsab durch den Eingang blickte, sah er seinen Vater mit Nil in der Hand auf der Bank sitzen.
┬╗Was in Nuts Namen ist das?┬ź
┬╗Wie hast du Nil gefunden?┬ź, Horsab trat vor, w├Ąhrend sein Vater die Augenbrauen hoch zog.
┬╗Nil? Was spielt das f├╝r eine Rolle, beantworte meine Frage! Was ist das?┬ź
┬╗IchÔÇŽ ich wei├č es doch auch nicht.┬ź, sein Blick sank zu Boden. ┬╗Am Ufer, bei meinem Felsen habÔÇÖ ich es gefunden. Darum nenne ich es Nil, wie der Fluss.┬ź
┬╗Es sieht merkw├╝rdig aus.┬ź, sein Vater wand Nil in den H├Ąnden. ┬╗K├Ânnte aber auch wertvoll sein. Du darfst es behalten, bis der H├Ąndler aus Luxor kommt, dann sehen wir, was es wert ist. Pass aber darauf auf, dein Bruder hat schon ein St├╝ck besch├ĄdigtÔÇŽ┬ź
Ein St├╝ck eines Flatterblattes hing heraus aus Nil. Horsab trat vor und nahm Nil entgegen. ┬╗Wenn es kaputt ist, zahlt uns der H├Ąndler vielleicht nichts. Also Vorsicht. Verstanden?┬ź
Der Junge nickte. ┬╗Danke, Vater.┬ź
Der Sonnenuntergang hatte bereits begonnen, als Horsab sich mit Nil auf seinem Felsen niederlies. Die wenigen verbliebenen Strahlen wollte er unbedingt nutzen, ebenso wie die wenigen Tage die ihm mit Nil bleiben w├╝rden. Vorsichtig bl├Ątterte durch Nil, versuchte die vielen Bilder zu verstehen. W├Ąhrend das Licht schwand, begriff er, dass er eine Anleitung in den H├Ąnden hielt. Er verstand nur nicht, was sie erkl├Ąrte.
Die n├Ąchsten Tage verbrachte Horsab beim Viehh├╝ten mit intensiven Studien. Es gab Gruppen von Bilderfolgen die thematisch zusammen passten und hintereinander auszuf├╝hren waren. Ohne die Erkl├Ąrungen die sich in den Zeichen unter den Bildern befinden mussten, waren viele Schritte schwierig nach zu vollziehen. Eine Gruppe schien sich mit metallischen Ringen zu besch├Ąftigen, eine andere mit merkw├╝rdigen Papyrusrechtecken. Aber eine Gruppe, die l├Ąngste von allen, fiel Horsab besonders ins Auge. Es ging um Seile.
F├╝r den folgenden Tag schnitt sich der kleine Viehhirte Seile zurecht, so wie in den Bildern gezeigt. Die Stunden auf der Weide ├╝bte er die Folgen, versuchte die Handgriffe des blassen Jungen nachzuahmen. Schlie├člich gelang es ihm f├╝r die erste kurze Folge und er begriff.
Es war Magie.
Am Abend versammelte Horsab seine Familie um zu demonstrieren, was er gelernt hatte. Alle voreiligen Fragen beantwortete er nur knapp mit ┬╗Ihr werdet schon sehen, ihr werdet staunen.┬ź
Seine Eltern, sein Onkel mit dessen Frau, seine Cousins und Cousinen, alle sa├čen in einem Halbkreis um seine H├╝tte und warteten auf seinen Auftritt.
Schlie├člich trat Horsab vor und hielt die drei vorbereiteten Stricke in seiner rechten Hand. ┬╗Ich habe hier drei Seile. Ein kurzes, ein mittleres und ein langes.┬ź
Niemand sonst sagte etwas.
┬╗Wenn ich aber die Enden zusammenlegeÔÇŽ┬ź, Horsab wusste nicht, ob er die richtigen Dinge sagte. Er improvisierte. ┬╗Die einzelnen Stricke sind nat├╝rlich weiterhin unterschiedlich lang.┬ź Es dauerte viel l├Ąnger als er dachte und die Skepsis in den Augen seiner Familie verunsicherte Horsab zunehmend. ┬╗Wie sollte ich die Seile auch pl├Âtzlich l├Ąnger machen, richtig?┬ź Er brauchte einen guten Abschluss und brachte das erste Gebrabbel hervor, das ihm einfiel. ┬╗Abrakadabra!┬ź, und riss dabei die H├Ąnde auseinander. Drei gleich lange Seile hingen zwischen seinen F├Ąusten.
Der Effekt war ├╝berw├Ąltigend.
Seine Tante hielt sich die Augen zu, seinem Vater stand der Mund offen und er h├Ârte gepresste Worte: ┬╗unm├Âglich┬ź, ┬╗Zauberei┬ź, aus der Richtung seiner Vetter.
┬╗Wie hast du das gemacht?┬ź, sein Onkel stand auf um n├Ąher zu kommen. Horsab wollte sein Geheimnis nicht preisgeben und entfaltete die Seile schnell.
┬╗Ich habe nichts gemacht. Siehst du, drei Seile, verschieden lang.┬ź
Sein Onkel entriss ihm die Stricke. ┬╗Das ist unnat├╝rlich, schwarze Magie. Woher hast du pl├Âtzlich diese Macht?┬ź
Horsab h├Ârte wie seine Mutter schluchzte und sah nun auch seinen Vater zu ihm her├╝ber kommen.
┬╗Nil hat es mir gezeigt.┬ź
┬╗Der Fluss? Wie sollte erÔÇŽ┬ź
Sein Vater unterbrach den ├Ąlteren Onkel. ┬╗Er hat ein Ding am Fluss gefunden, voll mit unnat├╝rlichen Abbildungen. Ich habe gesehen, dass da auch Seile waren.┬ź
┬╗Ja, ich nenne meinen Schatz Nil. Und er enth├Ąlt Anleitungen.┬ź
Sein Onkel riss die Augen auf. ┬╗Anleitungen zu schwarzer Magie? Wir m├╝ssen dieses Ding vernichten!┬ź, die Gesichtsfarbe seines Onkels glitt immer mehr in Richtung rot.
┬╗Nein, versteh doch. Es ist eine L├╝ge, ein Trick. Es sieht aus wie Zauberei, aber es ist harmlos.┬ź
┬╗Trick?┬ź, der Bruder seines Vaters zog die rechte Braue hoch.
┬╗Ja, wirklich es ist nichts dabei.┬ź, zur Unterstreichung seiner Worte r├╝ttelte Horsab an den Stricken, die sein Onkel noch immer fest hielt.
Sowohl sein Onkel, als auch sein Vater verschr├Ąnkten die Arme und legten die K├Âpfe schief. Ihre Verwandtschaft wurde offensichtlich. ┬╗Zeig es.┬ź
Und er tat wie gehei├čen. Seine Familie war begeistert, die Cousinen lachten und seine Mutter beruhigte sich. Sie alle wollten Nil sehen und als Horsab ihnen seinen Fund zeigte, war die Verwunderung erneut gro├č. ┬╗Du kannst diese Zeichen verstehen?┬ź, fragte sein Cousin.
Horsab ├╝berlegte einen Moment und entschied sich gegen die Wahrheit. ┬╗Ja, ich habe Nil studiert und kann ihn jetzt lesen. Es stehen noch viele Kunstst├╝cke darin und ich habe vor sie alle zu lernen.┬ź
Sein Vater strich sich bed├Ąchtig ├╝ber den Bart. ┬╗Vielleicht ist das keine schlechte Idee. Dann d├╝rfen wir deinen Nil nat├╝rlich nicht verkaufen.┬ź
┬╗Wie meinst du das, keine schlechte Idee?┬ź, Horsab wurde skeptisch.
┬╗Stell dir vor, was die Leute uns bezahlen, nur um deine Wunder zu sehen, wenn du solche Magie beherrscht.┬ź
Die kommenden Wochen verbrachte Horsab bei den K├╝hen nie ohne seine Seile oder ohne Nil. Alle Seiltricks die in seinen Bl├Ąttern verborgen waren, wurden nach und nach hinausgesogen und Teil von Horsabs Repertoire. Nach zwei Monaten wollte er seinen ersten Auftritt vor gro├čem Publikum angehen. Die Familie streute in den umliegenden D├Ârfern die Kunde von der Vorstellung, jeder wurde eingeladen dem Schauspiel von Horsab, dem Einmaligen, bei zu wohnen.
Am Abend als die Vorstellung beginnen sollte, Horsab hatte seinen Felsen als B├╝hne erkoren, wurde dem jungen Viehhirten ganz flau im Magen. Er sah immer mehr fremde Gesichter die sich in immer neue Reihen vor dem Felsen gruppierten. Duzende Menschen, mehr als Horsab Zahlen kannte, sa├čen oder standen dort nur um ihn zu sehen. Bei diesem Gedanken schwirrte ihm der Kopf. Nat├╝rlich kannte er alle Handgriffe, hatte Tage ├╝ber Tage ge├╝bt und es gab keinen Grund anzunehmen, dass er es vermasseln w├╝rde.
Doch genau davor hatte er Angst.
Horsabs Vater hatte vorgeschlagen, dass er einige einleitende Worte sprechen w├╝rde. Niemand sollte gezwungen sein etwas zu zahlen, lieber wollte er die Leute um eine angemessene Bezahlung bitten, gemessen daran wie ihnen das Gezeigte gefallen w├╝rde. Es klang wie ein guter Plan.
Sofern Horsab es nicht in den Sand setzen w├╝rde.
Und hier gab es viel Sand zum reinsetzen.
W├Ąhrend sein Vater sprach und die Menschen gebannt lauschten, ordnete er zum vermutlich zehnten Mal seine Stricke.
┬╗ÔÇŽgenug der Vorrede, ├╝berzeugt euch nun selbst von den Wundern meines Sohnes.┬ź, und mit einer einladenden Geste r├Ąumte sein Vater den Fels f├╝r Horsab.
Einmal tief durchgeatmet, dann trat Horsab vor. Er verbeugte sich tief und begann seine Vorf├╝hrung.
Seine H├Ąnde flogen, die Seile folgten. Die Leute waren bereits nach dem ersten Trick begeistert, viele M├╝nder standen offen. Nach seinem Zweiten fielen einige betend auf den Boden, mit dem Gesicht im Staub. Nach dem sich bei seinem dritten Trick die Stricke auf mystische Weise verbanden, sprang ein Mann auf und schrie ┬╗Gottesl├Ąsterung! Der Junge praktiziert schwarze Magie!┬ź
Horsab lie├č vor Schreck seine Seile fallen und schaute gehetzt zwischen seinem Publikum und seinem Vater hin und her. Immer mehr Leute sprangen auf und br├╝llten durcheinander, schimpften und beschuldigten ihn schlimmster Praktiken.
Er musste improvisieren.
┬╗Bei Ra!┬ź, er rief so laut er konnte, aber die Menschen schenkten ihm kaum Aufmerksamkeit. ┬╗Bei Ra!┬ź, auch sein zweiter Versuch blieb ohne Erfolg. Im Gegenteil, der L├Ąrm wurde nur lauter, die ersten kamen mit drohenden F├Ąusten auf ihn zu.
Da stellte sich sein Vater vor ihn.
┬╗H├Ârt meinen Sohn an!┬ź, seine kr├Ąftige Stimme breitete sich ├╝ber die Menge aus. Es wurde direkt ruhiger, aber sein Vater belie├č es nicht dabei. ┬╗Ruhe! H├Ârt meinen Sohn an und ihr werdet verstehen!┬ź
Die Leute beruhigten sich.
Aber Horsab leider nicht. Er musste das Ruder herumrei├čen.
┬╗Bei Ra, h├Ârt mich an!┬ź, er hob seine Arme hoch und versuchte so selbstbewusst zu klingen, wie er konnte.
┬╗Nichts heute geht gegen den Willen der G├Âtter. Nichts was ich tue ist dunkle Magie. Ich kann das allesÔÇŽ┬ź, er atmete nochmal tief durch, bevor er die n├Ąchsten Worte sprach. ┬╗Ich kann dies tun, weil mich Ra pers├Ânlich mit dieser Macht gesegnet hat.┬ź
Eine vollkommene Stille, in der nur noch das leise S├Ąuseln des Windes zu h├Âren war, breitete sich aus. Sein Vater schenkte ihm einen zweifelnden Blick.
Dann rief der vorlaute Mann, der schon vor einigen Momenten den Aufruhr begonnen hatte: ┬╗Beweis es!┬ź
┬╗Kein Problem.┬ź, siegessicher griff Horsab nach seinen Seilen. Sein gro├čes Finale wartete auf seinen Einsatz.
┬╗Nein! Lass das verfluchte Geflecht wo es ist, zeig irgendwie anders, dass die G├Âtter dir Macht verleihen.┬ź
Der Junge schluckte. Er h├Ątte noch zwei weitere Seiltricks zeigen k├Ânnen und dann war da noch sein fantastisches, selbsterdachtes Finale, das er aus mehreren Tricks kombiniert hatte. Aber er konnte nichts anderes.
┬╗Ich, ├ĄhmÔÇŽ┬ź
┬╗Der ist nicht von Ra gesegnet, der ist ein dunkler Zauberer!┬ź
┬╗Nein! Nein. Ich meineÔÇŽ ichÔÇŽ┬ź, Horsab sah die stechenden Blicke der Dorfbewohner und begriff, dass er sein Schicksal zu vorschnell herausgefordert hatte. Verzweifelt riss er die Arme hoch. Er hoffte auf ein Wunder.
Und er bekam eines.
Pl├Âtzlich verdunkelte sich die Welt. Mit h├Ąngendem Kiefer warf sich Horsab zur Sonne herum und sah einen dunklen Schatten, der sich vor den Gott schob. Die Meute stie├č Schreie, Jauchzen und St├Âhnen hervor.
┬╗Er nimmt uns die Sonne!┬ź, ┬╗Ra ist mit ihm!┬ź, ┬╗Besch├╝tze uns Ra, besch├╝tze uns Nut!┬ź
Ungl├Ąubig sch├╝ttelte Horsab den Kopf, konnte sein Gl├╝ck kaum fassen. Doch jetzt musste er die Gelegenheit nutzen, die ihm der Sonnengott bot. ┬╗Zweifelt nicht an Ras Weisheit! Der Herr der Sonnenscheibe hat sich mir zugewandt und atmet durch mich.┬ź
Horsab drehte sich zur├╝ck zu den Menschen, von denen jetzt viele mit dem Gesicht im Sand beteten. Der vorlaute Mann war einer von ihnen. Er hob sein Gesicht, den Tr├Ąnen nahe, und sah direkt zu Horsab. ┬╗Entschuldige, edler Horsab, dass ich an deiner Macht zweifelte.┬ź
Die Sonne wurde wieder kr├Ąftiger. ├ťber seine Schulter blickend, sah Horsab wie die schwarze Scheibe sich wieder vom Rund entfernte und das Sonnenlicht fiel ungehindert auf sie alle herab.
┬╗Horsab hat uns erl├Âst!┬ź, riefen die Leute ihm zu. ┬╗Horsab der Sohn des Ra!┬ź
┬╗Horsab war mein Geburtsname.┬ź, der Junge mit dem unversch├Ąmten Gl├╝ck war auf einem H├Âhenflug. ┬╗Von nun an nennt mich Narmertjai.┬ź
┬╗Jetzt kommen wir in den Bereich der ├Ągyptischen Fr├╝hdynastien.┬ź, die junge Frau in dem schnittigen dunklen Kost├╝m bedeutete den Besuchern den Weg.
┬╗Hier sehen wir Abbildungen aus der Zeit von Narmer, dem ersten Pharao der ersten Dynastie, etwa dreitausend vor Christus.┬ź
W├Ąhrend sie an den Exponaten vorbei ging, deutete sie passend auf die richtigen Hieroglyphen. ┬╗Narmer ist ein Pharao ├╝ber dessen Herkunft die Archelogen bereits seit vielen Jahren streiten. Einer Theorie nach wurde er als armer Fischer am unteren Nil geboren und durch eine Sonnenfinsternis vom Gott Ra, dem Sonnengott erw├Ąhlt. Narmer wird in vielen Abbildungen mit dem Nil in Verbindung gebracht, insbesondere soll er seine Kraft dem Fluss verdankt haben.┬ź
┬╗├ľhm, Entschuldigung?┬ź, der ├Ąltere Herr mit der dicken Hornbrille fragte mit br├╝chiger Stimme. ┬╗Was bedeutet Narmer?┬ź
Die Dame l├Ąchelte. ┬╗Narmer, oder auch Narmertjai, bedeutet ÔÇÜfurchteinfl├Â├čender WelsÔÇś. Andere ├ťbersetzungen deuten auf ÔÇÜder M├ĄnnlicheÔÇś. Hier├╝ber bitte.┬ź
Sie umrundete eine gro├če Tafel die im Boden eingelassen und durch eine dicke Plexiglasscheibe gesch├╝tzt war. Nachdem sie sichergestellt hatte, dass alle Besucher gute Sicht auf die Steintafel bekamen, setzte sie ihren Vortrag fort. ┬╗Diese Abbildung zeigt den Pharao mit seiner charakteristischen dreischw├Ąnzigen Peitsche ohne Griff. Die L├Ąngen der Riemen sind in allen Darstellungen von Narmer gleich. Ein sehr kurzer, ein mittlerer und ein langer Peitscharm. Obwohl er nahezu immer mit dieser stielfreien Peitsche dargestellt wird, wurde er nie als grausam bekannt.┬ź F├╝r einen Augenblick gab sie den Besuchern die Gelegenheit die f├╝nftausend Jahre alten Mei├čelarbeiten zu bewundern. ┬╗Gehen wir jetzt weiter zur zweiten Dynastie.┬ź
Die Frau nahm die meisten Besucher mit in den n├Ąchsten Raum. Ein einzelnes, kleines M├Ądchen blieb zur├╝ck und betrachtete die Steintafel. Ein Mann kam um sie zu holen.
┬╗Was machst du hier?┬ź
┬╗Schau mal Papa, ich finde, das sieht nicht aus wie eine Peitsche.┬ź
┬╗Wie sieht es denn dann aus mein Schatz?┬ź, der Vater beugte sich herunter zu seinem Kind.
┬╗Das sieht aus wie die Seile aus meinem Zauberkasten.┬ź

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