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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Liebe auf Zeit
Eingestellt am 23. 10. 2016 19:37


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ChrisCBS
Festzeitungsschreiber
Registriert: Oct 2016

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Liebe auf Zeit


Die Sonne strahlt durch die Jalousien in das Schlafzimmer. Er liegt neben mir im Bett und atmet ruhig.
Ich liebe diese stillen Momente am Morgen danach.
Gestern Nacht sind wir noch auf einer wilden Reise gewesen. Wir standen an den Klippen, sturmumtost, dort, wo es zur endg├╝ltigen Entscheidung kam. Unsere Welt war reduziert auf diesen Augenblick, diese Situation. Ich erschauere noch bei dem Gedanken daran, wie er mich mit beiden H├Ąnden festhielt und zu mir herabblickte. Eine Tr├Ąne stahl sich in einem unbemerkten Moment aus seinem Auge, rann ihm ├╝ber die Wange und fiel auf mich. Ich fing sie auf und schloss sie ein in mir.

Jetzt ist alles vorbei. Ich wei├č, dass es nun aus ist. Es ist keine ├ťberraschung, er hat niemals etwas anderes gesagt. Mir keine falschen Versprechungen gemacht. Selbst als er mir sanft ├╝ber den R├╝cken streichelte, was ich so sehr mag, wusste ich, dass es eine Liebe auf Zeit ist, nicht mehr.
Ich habe gelernt, dankbar zu sein f├╝r sch├Âne Zeiten, auch wenn sie niemals von Dauer sind. Dankbar bin ich auch daf├╝r, immer wieder neue Menschen kennen zu lernen, zu sehen, wie sie wohnen, was sie essen und was ihnen Freude bereitet. Ich bin immer stolz, wenn ich ein wenig dazu beitragen kann - zur Freude, zur Unterhaltung, zum pers├Ânlichen Lebensgl├╝ck. Das ist meine Bestimmung, und ich kann leben damit. Eigentlich sogar ganz gut.

Man lernt Menschen kennen, die man sonst niemals getroffen h├Ątte. Zuerst hatte ich noch sehr elit├Ąre Vorstellungen. Ich dachte, ich sei etwas ganz Besonderes, Begehrenswertes und w├╝rde zu einem Hochschulprofessor passen, zu einem ber├╝hmten Architekten oder dem angesehensten Sch├Ânheitschirurgen. Als schm├╝ckendes Beiwerk, selbstverst├Ąndlich, als mehr nicht, aber immerhin.
Doch so kam es nicht - ganz andere Menschen interessierten sich f├╝r mich. Und je mehr Entt├Ąuschungen ich erlebte, desto mehr fand ich zu mir. Desto mehr war ich mir meines Wertes, meiner Einzigartigkeit bewusst. Wie konnte ich so unfassbar verirrt sein, mich ├╝ber den angeblichen Status eines anderen zu definieren? War ich nur wer, wenn ich mit jemandem zusammen gesehen wurde, von dem man annahm, dass er ein Jemand war?
Ich habe gelernt, dass genau diese Menschen sich in der Regel nicht f├╝r mich interessieren. Dabei habe ich doch so viel zu sagen! Schmerzlich habe ich erfahren m├╝ssen, dass genau das das Problem ist. Diese Menschen glauben, selbst gen├╝gend zu sagen zu haben. Sie sind sich selbst einzigartig und begehrenswert genug, sie gen├╝gen sich und damit gen├╝gten sie mir irgendwann nicht mehr.
Welch ein Befreiung war diese Erkenntnis!

Endlich konnte ich mich den Menschen zuwenden, die meiner bedurften, weil sie sich selbst nicht zum Ma├č aller Dinge machten. Sie h├Ârten auf mich und ich konnte meine Aufgabe erf├╝llen.
Meine Aufgabe n├Ąmlich, sch├Âne Momente zu schaffen.
Es ist wunderbar, mit einem Menschen allein zu sein. Zu wissen, dass er sich jetzt Zeit nimmt f├╝r mich, mir zuh├Ârt und den Rest der Welt vergisst.
Wenn alles so l├Ąuft, wie ich es mir w├╝nsche, machen wir eine Reise in eine andere Welt. Wir berauschen uns an fremden Farben, Ger├╝chen, Eindr├╝cken, die ich heimlich hinein bringe und erst offenbare, wenn er sich auf mich einl├Ąsst.
Ich gebe es zu, ich versuche immer, ihn zu verf├╝hren. Ich beherrsche zuerst die Macht des Wortes in Perfektion, umgarne seinen Geist, l├Âse ihn vorsichtig, unmerklich aber unnachgiebig aus seiner Welt heraus und ziehe ihn in meine. Dann er├Âffne ich ihm diese Welt, an der er sich berauschen kann, in der er alles vergisst. Seine Wahrnehmung ist dann gest├Ârt, er bekommt nicht mehr mit, was um ihn herum passiert, doch er wehrt sich meist auch nicht dagegen.

Mein schlechtes Gewissen habe ich schon lange besiegt. Gewiss, manche Menschen waren sehr jung, als sie in meine Abh├Ąngigkeit gerieten. Ich trug die Schuld daran, dass sie nicht genug f├╝r ihren Abschluss taten oder ihre Freunde vernachl├Ąssigten, was halt passiert in solchen Situationen.
Sogar eine Ehe habe ich angeblich auf dem Gewissen, doch glaube ich heute fest daran, dass ich nur der letzte Stein einer gro├čen Lawine war, die ├╝ber diese armen Menschen hinwegfegte und dass sich auch ohne meine Anwesenheit die Ereignisse nicht anders zugetragen h├Ątten. Die meisten Menschen, die es mit mir versuchen, wissen auch von meinen Machenschaften. Zumindest ahnen sie etwas davon und lassen sich trotzdem billigend darauf ein.Doch, mein schlechtes Gewissen habe ich wirklich besiegt, denn es ist zu einfach, mir die Schuld zu geben. Ich bin, wie ich bin, ich biete mich an und mache ebenfalls keine falschen Versprechungen. Wer mich will, will dies aus freien St├╝cken. Und wenn jemand mich will, entf├╝hre und berausche ich ihn, solange er es f├╝r richtig h├Ąlt. Au├čerdem ist es niemals ein Weg ohne Wiederkehr.
Zur├╝ck bringt einen oft doch ganz Profanes - ein Klingeln, ein Geruch oder eine pl├Âtzliche Ber├╝hrung aus der anderen Welt.

Mit einem anderen Komplex habe ich aber noch immer zu k├Ąmpfen: Viele finden, ich sei zu dick. Sie sehen mich dann an, weil ich sie fasziniere, aber dann schrecken sie doch vor mir zur├╝ck. Ich frage mich immer, warum das allein ausschlaggebend sein soll. Auch hier musste ich erst lernen, dass viele Menschen furchtbar oberfl├Ąchlich sind und sich eben auch an Oberfl├Ąchlichkeiten orientieren. Erst die, die hinter die Fassade schauen, erkennen irgendwann - manche zum Gl├╝ck sehr schnell - was sie an mir haben.
Wenn diese Menschen es dann mit mir versuchen, habe ich schon oft erlebt, dass das, was sie zuerst verschreckte, immer mehr in den Hintergrund r├╝ckt. Es ist nicht mehr wichtig, andere Dinge z├Ąhlen, wirklich wichtige Dinge.

Neben mir regt sich jetzt etwas. Er st├Âhnt im Schlaf, dreht sich noch einmal um und zieht die Decke ├╝ber den Kopf.
Meist machen wir es im Bett. Warum eigentlich? Was fasziniert die meisten Menschen daran? Nat├╝rlich haben mich manche auch mit ins Wohnzimmer oder in die K├╝che genommen. Auch die Badewanne ist noch recht beliebt. Ich finde nicht, dass es auf den Ort sonderlich ankommt, wenn man sich doch eh sehr bald auf andere Dinge konzentrieren wird. Doch vielen meiner Partner ist es scheinbar wichtig und sie entscheiden sich dann f├╝r das Bett. Manchmal ist es sehr kurz, manchmal machen wir fast die ganze Nacht durch. Danach schlafen sie meist sehr schnell ein und lassen mich allein mit meinen Gedanken.
Die sp├Ąten Abend- und die fr├╝hen Morgenstunden, das ist die Zeit meiner Gedanken. Hier bin ich f├╝r mich, denke ├╝ber die Welt nach und versuche, sie mir so zu erkl├Ąren, dass ich mit meinem Platz darin zufrieden bin. Meist klappt das schon ganz gut.

Nun wacht er langsam auf, dreht sich hin zu mir, ├Âffnet dann m├╝hsam die Augen. Als er mich sieht, l├Ąchelt er, aber es ist so viel Wehmut in seinen Augen. Ich kenne diesen Blick, der vom Wissen ├╝ber das nahe Ende zeugt, gegen das ich mich auch dieses Mal nicht wehre. Zu sehr schmerzte es fr├╝her, als dass ich dies jetzt noch an mich heranlasse.
Manchmal w├╝nsche ich mir, f├╝r immer bei jemandem zu bleiben.
Als ich noch unber├╝hrt war, begehrenswert, da hatte ich diese Tr├Ąume oft. Doch ich bin nun schon durch viele H├Ąnde gegangen, das macht mich in den Augen der meisten unattraktiv.
Ganz aber habe ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben, irgendwann den Seelenpartner zu finden, der mich bei sich aufnimmt, mir einen dauerhaften Platz in seiner Wohnung, seinem Leben und seinem Herzen schenkt.
Vielleicht kommt auch irgendwann einmal jemand zu mir zur├╝ck. Jemand, der eventuell erst nach langem Ausprobieren zu erkennen vermochte, was er an mir hatte. Der mich nimmt, wie ich bin, mit all meinen St├Ąrken und Schw├Ąchen und meinem Vagabundenleben ein Ende macht. Ich habe geh├Ârt, dass man sowieso ├╝ber kurz oder lang aussortiert wird - was passiert dann? Ist das der Moment, an dem ein neues Leben beginnt? Vielleicht mit ihm hier?
Er ist wirklich nett - gef├╝hlvoll, ordentlich, gebildet und bescheiden.

Ich bin wieder allein, er ist aufgestanden und in die K├╝che gegangen, von der dieser verf├╝hrerische Kaffeeduft nun bis zu mir hin├╝ber weht. Noch einmal dieser Duft!
Ich merke, dass ich melodramatisch werde und ziehe mich schnell wieder in meine Welt zur├╝ck. Ich wei├č, dass ich an diesem Ort und diesem Menschen nicht h├Ąngen darf. Wie sonst soll ich den N├Ąchsten kennen lernen, neue Eindr├╝cke gewinnen, einen weiteren Schritt gehen auf meinem langen Weg, die Welt zu erkunden?
Bei allem Abschiedsschmerz, ich k├Ânnte wohl doch niemals f├╝r immer an einem Ort verbleiben. So sehr ich auch manchmal glaube, die Sehnsucht danach zu versp├╝ren, so freue ich mich doch viel zu sehr auf das n├Ąchste Abenteuer. Trotzdem ist das, was jetzt kommt, nicht sch├Ân.

Wir sind in die Stadt gegangen. Ich kenne den Weg, ich wei├č wohin er f├╝hrt, und viel zu schnell sind wir da.
Der Abschied ist kurz und furchtbar n├╝chtern.
Ich werde von groben H├Ąnden gepackt, gescannt, in einen gro├čen Metallbeh├Ąlter geworfen und wenig sp├Ąter dorthin zur├╝ckgebracht, wo ich hergekommen bin: Man stellt mich zur├╝ck zwischen all die anderen B├╝cher.

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