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Leselupe.de > Science Fiction
Lieder von Freiheit und vom Tod
Eingestellt am 18. 03. 2005 11:35


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Mazirian
???
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Der folgende Text ist noch fĂĽr die letzte Schreibaufgabe gedacht. Wer's vergessen hat, es ging um den "Gesang der Zellen".
Er ist etwas lang geraten, also bin ich auch über Kürzungsvorschläge nicht böse.

Lieder von Freiheit und vom Tod


1.

Prelude - Allegro tonando


Der Sturm hatte etwas vom Toben eines urweltlichen Monstrums, das mit den Augen Blitze versprühte und dessen Brüllen die Erde erzittern ließ. Windböen droschen dumpf wie Vorschlaghämmer auf die Polymerbetonwände der Station ein und peitschten die Hagelkörner wie Geschossgarben gegen die Außenfenster. Diese waren zwar bruchsicher aber für einen Fremden war es trotzdem nicht leicht, angesichts dieses Infernos das Vertrauen in die Sicherheit der Station zu behalten.
Miko Kanazawa hatte das schon viele Male erlebt und nippte weiterhin gelassen an ihrem Tee, während ihre Besucherin in respektvollem Abstand vor einem der großen Außenfenster stand und sichtlich beunruhigt das brodelnde Chaos draußen beobachtete.
„Das ist ja furchtbar“, sagte diese leise. „Wie lange kann denn das anhalten?“
„Kann man nicht sagen,“ Miko zuckte die Achseln. „Außer dieser Forschungsstation hier, haben wir nichts auf diesem Planeten, keine Wetterstationen, keine Satelliten im Orbit und keine Bauern mit Bauernregeln. Man muss einfach abwarten und…“, sie hob lächelnd ihre Tasse an, „…Tee trinken.“
„Ist aber schon beängstigend. Als ich vor einer Viertelstunde hier ankam, war die Lagune die reinste Idylle. Ich wollte mich schon drüber ärgern, dass ich keine Sonnencreme dabei habe.“
„Man hat mir gesagt, es liegt an der Präzession des Planeten. Neu-Trinidad schlingert etwas stärker als die Erde. Dadurch befindet sich ständig ein wenig mehr Energie in der Atmosphäre und alles ist wilder und unberechenbarer - die Meeresströmungen, das Wetter… Aber sonst ist es ein recht gastlicher kleiner Planet. Man kann sich hier sehr wohl fühlen und der UV-Anteil des Sonnenlichts ist so gering, dass man eigentlich keine Sonnencreme braucht.“ Miko stellte die Teetasse auf einem der Labortische ab und fuhr fort: „Man hat Sie mir zwar angekündigt, aber ich habe mir Ihren Namen nicht gemerkt, entschuldigen Sie bitte.“
Die kleine Frau mit dem runden Gesicht und der Pagenfrisur wandte sich vom Fenster ab. „Nein, Sie müssen entschuldigen, aber der plötzliche Sturm hat mich ein wenig aus dem Konzept gebracht.“ Sie war vom eher unscheinbaren Typ, blass und irgendwie brav wirkend, aber in den hellen Augen hinter ihrer randlosen Brille lag ein eigentümlich lebendiges Leuchten, das diesen ersten Eindruck durchaus in Frage stellte.
Sie reichte Miko die Hand, eine winzige Hand mit kurzen, rundlichen Fingern. „Sonja, Sonja Herendals ist mein Name.“
„Miko Kanazawa. Sie sind hier, um de Marignys Tod zu untersuchen, nicht wahr?“, fragte Miko, während sie sich Sonjas Pilotenjacke geben ließ und diese an eine improvisierte Garderobe hängte.
„Naja, mehr oder weniger“, es klang fast ein wenig verlegen.
„Und wer schickt Sie? Ich weiß, ich bin sehr neugierig, aber man hat mir noch überhaupt keine Informationen über Sie … oh, und unhöflich bin ich auch - darf ich Ihnen einen Tee anbieten? Oder etwas anderes?“
„Nein danke, ist schon recht“, Sonja schüttelte ihre Pagenfrisur. Dann sagte sie: „Ich gehöre zu einem Anhängsel des Wirtschaftsministeriums - Abteilung Nexialismus nennt man uns. Eigentlich sind wir befasst mit der Untersuchung von Kommunikationskonflikten und strukturellen Störungen in ökologischen Systemen. Aber man schickt uns auch gern, wenn sich sonst niemand zuständig fühlt - oder weiter weiß“, fügte sie mit unverkennbarem Stolz hinzu; und dann, als habe sie in Mikos Blick eine unausgesprochene Frage gelesen: „Ich bin übrigens nicht als Inquisitorin gekommen. de Marignys Tod ist wohl hinreichend geklärt. Ich bin hier, um ein wenig erweiterte Motivforschung zu betreiben.“
„Nexi… was sagten Sie?“, fragte Miko stirnrunzelnd. Sonja lachte, als hätte sie diese Frage schon erwartet.
„Nexialismus. Das heißt soviel wie angewandte Ganzheitslehre. Eigentlich ein Begriff aus alten Science-Fiction-Geschichten. Aber seit ein paar Jahrzehnten arbeitet man wieder daran, dieses Prinzip in die Praxis umzusetzen. Im Grunde versuchen wir nichts anderes, als bei der Lösung von Problemen alle Randbedingungen und möglichen Vernetzungen interdisziplinär mit zu berücksichtigen.“
Mikos Gesicht hellte sich auf.
„Aah, dann sind sie wohl so etwas, wie das Gegenteil von einem Fachidioten?“
„Treffender hätte ich es auch nicht ausdrücken können. Diese Erklärung werde ich mir merken. Wir sind, platt gesagt, Generalisten; und außerdem billiger als ‚richtige’ Experten.“
„Kann man das studieren?“, fragte Miko
„Äh, nein“, Sonja grinste schelmisch. „Ich lese, was ich in die Finger kriege, nehme es mehr oder weniger unsystematisch in mich auf und freue mich, wenn ich es irgendwann mal gebrauchen kann.“
„Hört sich nach einem sehr inter …“, Miko wurde durch eine schemenhafte Bewegung in ihrem Augenwinkel abgelenkt. Sie drehte sich um. „Ah, da sehen Sie: Das machen sie immer, wenn das Wetter schlecht wird.“ Sie zeigte auf ein gläsernes Becken in der Mitte des Labors, welches etwa drei mal drei Meter des Fußbodens einnahm und halb so hoch war. Es war eingerichtet wie ein Feuchtterrarium, aber nach oben durch eine Glasplatte verschlossen. Das kaum wahrnehmbare bläuliche Schimmern eines Stasisfeldes ließ vermuten, dass man der Abdeckplatte allein nicht traute. Es musste sich etwas darin befinden, was auf keinen Fall herausgelangen durfte. Sonja folgte Miko und trat näher an das Becken heran. Etwa ein Drittel seiner Fläche bestand aus einer kiesigen Landzone. Der Rest war knietiefes Wasser. Sonja musste zweimal hinsehen, bevor sie erkannte, was Miko gemeint hatte.
Auf der Kiesfläche lagerte ein Klumpen Gallert, etwa so groß wie ein Kürbis. Aber er hatte keine eigentliche Farbe sondern war fast transparent, so dass er sich von dem dunklen, feuchten Kies kaum abhob. Mit pumpenden Bewegungen veränderte er ständig geringfügig seine Form und bewegte sich Zentimeter für Zentimeter auf die Wasserzone zu.
„Sie halten sich gerne an Land auf, aber sobald das Wetter schlecht wird, verkriechen sie sich unter Wasser“, sagte Miko noch einmal.
„Was ist es?“, fragte Sonja. Ihre Miene verriet, dass schleimige Gallertklumpen nicht zu ihren Lieblingstieren gehörten.
„Najaah, normalerweise sagt der Kommissar im Film ja immer: Findet das Motiv und wir haben den Mörder. Hier ist der Mörder, aber er hat uns noch nichts über sein Motiv erzählt?“
„Dieses Ding da hat…?“
„Nicht dieses da, aber wohl einige seiner Artgenossen. Die Leute vom technischen Service haben sie übrigens Glibberbags getauft, weil sie aussehen wie Mülleimerbeutel voll Gelatine. Nein, de Marigny war hinunter zum Strand gegangen, um sich in die Sonne zu legen. Er blieb so lange weg, bis wir nach ihm suchten. Alles was wir fanden, war sein Skelett - und Reste einer breiigen, feuchten Masse.“
„Haben Sie diese Masse untersucht?“
„Natürlich. Es waren menschliche Zellen - de Marignys Zellen. Die DNS-Analyse hat das eindeutig bewiesen. Aber sie waren, wie soll ich sagen - vereinzelt worden. Verstehen Sie, normalerweise bilden Zellen feste Verbände, je nach ihrer Funktion. Leberzellen bilden eine Leber, Muskelzellen einen Muskel und so weiter. Bei de Marignys Überresten aber hafteten keine zwei Zellen mehr zusammen. Es war, als hätte man eine Bakterienkultur aus einer Nährlösung abfiltriert.“
„Hört sich schlimm an“, Sonja verzog wieder das Gesicht.
„Aber das Seltsamste daran war: Der allergrößte Teil dieser Zellen lebte noch. Sie bewegten und teilten sich, wie primitive Einzeller. Ich meine, normalerweise stirbt eine Zelle, sobald sie aus ihrem Verband entfernt wird und der zugehörige Organismus sie nicht mehr ernährt – oder eine künstliche Nährlösung. Wir glaubten zunächst, dass die Glibberbags de Marigny durch Verdauungssekrete quasi aufgelöst hätten, um ihn als Nahrung aufzunehmen. Aber die Tatsache, dass seine Zellen noch lebten, spricht eigentlich dagegen. Außerdem: Die Glibberbags fressen nicht.“
„Stark“, sagte Sonja. Sie schaute erschrocken zu Miko auf. „Entschuldigung, ich meinte: Abgesehen davon, dass es de Marigny das Leben gekostet hat, hört sich das nach einem sehr faszinierenden Problem an. Und Sie sind völlig sicher, dass diese Glibberbags für seinen Tod verantwortlich sind?“
Miko seufzte.
„So sicher, wie man nur sein kann. Sie sind die einzigen lebendigen Organismen dieses Planeten. Und irgendein Naturphänomen, dass dafür verantwortlich sein könnte, haben wir bis jetzt nicht beobachtet. Außerdem haben wir um de Marignys Überreste herum, Dutzende ihrer Kriechspuren gefunden.“
„War das das erste Mal, oder haben sich die Glibberbags schon bei anderen Gelegenheiten aggressiv gezeigt?“, fragte Sonja.
Miko schĂĽttelte den Kopf.
„Bisher gab es keine vergleichbaren Situationen. Wir sind nie ohne unsere Schutzanzüge rausgegangen und haben den direkten Kontakt mit ihnen vermieden. Außer bei denen, die wir gefangen haben. Und das haben wir natürlich auch unter strengsten Schutzvorkehrungen durchgeführt – schon um sie nicht zu verletzen, ihre Außenhaut ist sehr dünn. Außerdem sind die Glibberbags an Land ausgesprochen langsam, kaum schneller als Schnecken. Es war ja gerade diese offensichtliche Harmlosigkeit, und die Tatsache, dass sie einem gar nicht gefährlich werden konnten, derentwegen de Marigny einfach an den Strand gegangen ist und sich in die Sonne gelegt hat. Keiner von uns hatte was dagegen, keiner hat auch nur ‚Pass aber auf’ gesagt. Gut, im Wasser sind sie sehr viel beweglicher, aber es ist auch verboten, ins Wasser zu gehen. Wir sind zwar ziemlich sicher, dass sie die einzige Lebensform dieses Planeten sind, aber eben nicht zu hundert Prozent. Vielleicht gibt es im Meer doch noch Organismen, von denen wir bisher nichts wissen.“
„Aber de Marigny war auch der erste der das gemacht hat? Ohne Schutzanzug hinausgehen, meine ich.“
„Nun … ja.“
Sonja zog die Nase kraus und kratzte sich an deren Spitze.
„Haben Sie mal eine Blindprobe durchgeführt?“
„Blindprobe?“
„Na, geprüft, ob die Glibberbags sich immer so verhalten? Mit einem Labortier, meine ich - einer Ratte oder einem Karnickel.“
„Eh, nein“, Mikos Stimme klang eine wenig schuldbewusst und sie fügte rasch hinzu: „Bis jetzt nicht. Aber die Untersuchungen laufen ja noch. Solche Tests werden sicher noch durchgeführt. Warten Sie - wir haben einen Test mit einem toten Kaninchen gemacht, aber der verlief negativ. Die Glibberbags haben nicht im Geringsten darauf reagiert.“
„Welche lebendigen Tiere haben sie denn zur Verfügung?“
„Wie sie schon sagten, Kaninchen, Ratten und Mäuse. Auch ein paar Schäferhunde und Rhesus-Äffchen, aber Tierversuche müssen natürlich genehmigt werden.“
„Schon klar, die entsprechenden Vollmachten hat man mir erteilt. Ich denke, wir sollten zunächst mit den Kaninchen anfangen. Aber gleich morgen.“ Sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem Wesen im Terrarium zu. und ging vor dem Glasbehälter in die Knie. Seit sich das Glibberbag unter Wasser befand, hatte es eine längliche schlanke Form angenommen und glich nun am ehesten einer Seegurke oder einer durchsichtigen Meeresschnecke. Mit weichen, windenden Bewegungen glitt es zwischen den Felsbrocken umher, mit denen der Boden des Terrariums eingerichtet war. Hin und wieder formte es ein tentakelförmiges Vorderende mit dem es in Ritzen und Höhlungen tastete. Jetzt konnte man auch sehr deutlich das Innere des Glibberbags erkennen. Das „Kopfende“, jenes Ende in dessen Richtung es sich bewegte, war deutlich dunkler gefärbt, während der sackartige „Hinterleib“ eine eher griesige Innenstruktur aufwies - etwa wie zu lange gekochter Sago.
„Sie sagten, sie fressen nicht“, begann Sonja nach einer Weile wieder. „Und Sie sagten, dass sie die einzige Lebensform auf Neu-Trinidad seien. Wie kann das sein? Ich meine, das ist doch kein stabiles ökologisches System. Irgendeinen Kreislauf muss es doch geben, der sie am Leben erhält.“
„Die Glibberbags benötigen keinen solchen Kreislauf. Sie sind Einzeller - die größten übrigens im bekannten Universum. Nichts anderes als riesige Amöben - und ihr Stoffwechsel ist primitiv wie der von Schwefelbakterien. Sie nehmen über ihre Zellmembran Minerale aus dem Wasser auf, dazu Kohlendioxid, Schwefelwasserstoff, Methan und noch ein paar Spurengase. Daraus bezieht ihr Stoffwechsel seine Energie und daraus bauen sie Ihre Körpersubstanz auf. Sie scheiden Wasser und Sauerstoff aus und wenn sie sterben, zerfallen sie wieder zu Kohlendioxid und Methan … und Mineralien. Der Kreislauf ist also geschlossen. Wir haben starke Hinweise darauf, dass die Glibberbags sich seit über zwei Milliarden Jahren nicht weiterentwickelt oder auch nur verändert haben.“
„Sozusagen eine Sackgasse der Evolution, wie?“, sagte Sonja.
„Eine absolute“, bestätigte Miko. „Normalerweise beginnt höheres Leben ja damit, dass sich aus einzelnen Zellen Verbände bilden, die sich organisieren und spezielle Aufgaben übernehmen. Hier auf Neu-Trinidad ist das nicht passiert, obwohl es etwa so alt wie die Erde ist. Wir sind uns ziemlich sicher, dass einige Körpersekrete der Glibberbags eine solche Verbindung verhindern oder wieder auflösen können – eben das, was mit de Marigny geschehen ist. Und sie scheiden sie ständig in geringen Mengen ab - das Meerwasser auf Neu-Trinidad enthält einen stabilen Anteil dieser Substanzen.“
„Mit anderen Worten: Wenn die Glibberbags nicht durch einen dummen Zufall aussterben, wird es auf Neu-Trindidad niemals vielzellige Organismen geben“, zog Sonja das Resümee aus Mikos Erklärung.
„Richtig. Wenn sie aussterben natürlich auch nicht. Wie gesagt, es gibt hier nichts, das diese Lücke ausfüllen könnte“
„Eigentlich schade. Die Bedingungen auf Neu-Trindidad sind doch im Grunde ideal, um höheres, vielleicht sogar intelligentes Leben hervor zu bringen - und dann bleibt es schon nach dem ersten Schritt stecken.“
Miko wiegte Widerspruch andeutend den Kopf.
„Naja, ich würde nicht kategorisch behaupten, dass sie nicht ein gewisses Maß an Intelligenz besitzen. Ihr Verhalten zeigt durchaus Merkmale, die denen höherer Tiere ähneln. Ich kann Ihnen dazu wenig sagen, ich bin Biochemikerin. Aber Benny … ich meine, Dr. Benito Ramirez, hat sich eingehend mit ihrem Verhalten beschäftigt und eine Menge spannender Sachen herausgefunden“, sie richtete den Blick nach oben. „Sein Labor befindet sich genau über meinem, eine Etage höher.“
„Dann werde ich den als nächsten besuchen. Aber erst morgen“, Sonja schaute zu den Außenfenstern. Draußen schien inzwischen wieder die Sonne. Weiße Schäfchenwolken trieben eine kaum noch wahrnehmbare Gewitterfront vor sich her, die sich langsam hinter dem Horizont verkroch. „Ich werde jetzt erstmal meine Sachen aus dem Gleiter holen, ausgiebig duschen und alles ins Reine schreiben, was Sie mir erzählt haben.“
„Ich geh mit und zeige Ihnen Ihr Zimmer.“


2.

Scherzo - Allegro capriccioso


Am folgenden Morgen sprach Sonja mit Benito Ramirez. Sie traf ihn während des Frühstücks. Er hatte sich genau wie sie verspätet und sie waren allein in der Stationskantine. Wenn sie aufgrund seines Namens mit einem mächtigen schwarzen Schnauzbart, glühenden Kohlenaugen und dem Auftreten eines mexikanischen Rebellengenerals gerechnet hatte, sah sie sich getäuscht. So klein, blass und hager wie er war, stand für Sonja fest, dass er ein Siebenmonatskind war, denn der traditionelle Name ließ vermuten, dass er auf der Erde und nicht etwa auf einer Kolonialwelt mit niedriger Schwerkraft geboren worden war.
Dazu hatte er einen leichten Silberblick und ein derart liebes Lächeln, dass Sonja sich dabei erwischte, wie plötzlich nur noch der Begriff „niedlich“ ihre Gedanken beherrschte. Sie hüstelte verlegen und beeilte sich, wieder Anschluss an Benitos Ausführungen zu finden, der bereits begonnen hatte, ihr von seinen eigenen Untersuchungsergebnissen zu berichten:
„… ob sie intelligent sind? Nun, dazu möchte ich noch nichts sagen. Kann ich auch gar nicht. Ihre Verhaltensweisen sind komplexer, als man es von einem einzelligen Lebewesen erwarten kann, das ist richtig. Aber ich kann nicht sagen: Ihre Intelligenz entspricht der eines Insekts, eines Fischs oder einer Hauskatze. Das funktioniert nicht bei Aliens. Intelligenz ist kein universaler Begriff, die Fremdartigkeit…“, er hielt einen Moment inne und sein Lächeln bekam etwas Geheimnistuerisches, „…aber das ist langweilig. Die Glibberbags sind auf eine ganz andere Art und Weise faszinierend.“
„Und?“, fragte Sonja, als sie spürte, dass er auf ihre Nachfrage wartete.
„Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie echte Empathen sind.“
„Oh“, Sonja hob überrascht die Brauen.
„Was Empathie ist, wissen Sie ja, Sonja?“, fragte er.
„Ich denke schon. Die Fähigkeit, sich in die Gefühle anderer hinein zu versetzen, nicht wahr?“
„So ähnlich. Man hört sein Gegenüber reden, sieht seine Mimik und Gestik, kennt seine Situation, bemerkt den Tonfall und kann sich daher ungefähr vorstellen, wie er sich fühlt. Manche können das besser, andere schlechter, und viele können sogar tief mitleiden oder sich mit freuen - wenn es um starke Gefühle geht. Das ist jetzt sehr kurz und oberflächlich dargestellt. In Wirklichkeit ist natürlich alles viel komplizierter. Worauf ich hinaus will ist, dass wir immer unsere Sinnesorgane und unser Erkenntnisvermögen benötigen, um Gefühle wahrnehmen und daran teil haben zu können.“
„Und bei den Glibberbags ist das anders?“
„Ich bin mir ganz sicher. Es gibt zwischen ihnen und uns keine natürliche Kommunikationsbasis. Unsere Mimik sagt ihnen nichts, unsere Sprache kennen sie nicht und unsere Werte und Wünsche sind für sie bedeutungslos. Und dennoch … aber es ist viel besser, wenn ich es Ihnen zeige, dann verstehen Sie sofort, was ich meine. Sind sie fertig mit Ihrem Frühstück?“ Benito hatte zum Schluss immer schneller geredet und seine Augen hatten zu leuchten begonnen, als rede er gerade von der Entdeckung einer sagenumwobenen Ruinenstadt.
Sonja nickte und versuchte diskret, ein verirrtes Haselnusshäutchen ihres Müslis zwischen den Schneidezähnen herauszulutschen.
„Von mir aus können wir gehen, sagte sie.
Benito führte sie zum Zentralschacht, der Station, wo eine einzige Wendeltreppe durch sämtliche Stockwerke führte – ein nicht sehr vertrauenerweckendes Gerüst aus Winkelprofilen und Lochgittern. Sonja hielt sich sicherheitshalber am Geländer fest – Schwindelfreiheit gehörte nicht zu ihren Stärken. - aber Benito turnte hinauf wie ein spielendes Eichhörnchen. Drei Stockwerke höher blieb er auf einem der inneren Rundgänge stehen und wartete, bis sie nachgekommen war. Hier war der Boden mit Kunststoffplatten ausgelegt und Sonja fühlte sich wieder sicherer.
„Kommen Sie.“ Benito lotste sie in einen Quergang, in dem die Arbeitsräume der Exobiologen untergebracht waren.
Vor einer der Labortüren blieb er stehen. Er deutete auf ein kleines LCD-Display, das neben der Tür angebracht war. Eine feingezackte niedrige Kurve lief träge von links nach rechts über den Bildschirm. Sie ähnelte dem Muster eines Elektro-Enzephalogramms.
„Das!“, sagte Benito „Versuchen Sie, sich zu merken, wie die Kurve jetzt aussieht.“
„Jawohl, Sir! Gemerkt, Sir!“, lächelte Sonja und parodierte einen militärischen Tonfall. „Was ist das? Sir!“
„Sehen Sie gleich. Bleiben Sie dicht hinter mir, sobald wir drin sind. Wenn wir uns beeilen, können wir mitverfolgen, wie es sich verändert.“
Er öffnete rasch die Tür und hastete zu einem Tisch an der Außenwand. Vor einem Wust aus Apparaturen und bunten Kabeln war dort ein zweites, größeres Display aufgestellt. Auch auf diesem bewegte sich eine Messkurve, die derjenigen neben der Tür zum Verwechseln ähnlich sah. Nein, nicht ganz so ähnlich. Die Zacken waren steiler und unregelmäßiger und mit jedem neuen Stück Kurve wurden sie noch markanter und noch chaotischer.
„Jetzt spürt es unsere Gegenwart“, flüsterte Benito. „Es tastet nach unseren Gefühlen und beginnt sie zu adaptieren.“
Er drehte sich um und deutete in die Mitte des Raums. Dort stand der gleiche Glasbehälter wie in Mikos Labor. Und auch hier glitt mit geschmeidigen Bewegungen ein Glibberbag durch die Wasserzone.
„Er ist unruhiger als sonst, weil wir zu zweit sind“, sagte Benito. „Man sieht es an den Ausschlägen der Kurve. Sie sind etwa ein Viertel höher. Und es ist schlechter drauf, als sonst.“
Sonja verfolgte mit dem Blick die durchlaufenden Linien der Kurve. Dann schaute sie über die Schulter nach dem Becken. Das Glibberbag machte einen ausgesprochen unbeteiligten Eindruck und tastete bedächtig die Oberflächen der Steine ab.
„Woher wissen Sie, dass es schlecht drauf ist?“, fragte Sonja.
„Reine Vermutung“, antwortete Benito, ohne seinen Blick von dem Display abzuwenden. „Oder vielmehr: Fast reine Vermutung. Sehen Sie hier diese Wellengruppen?“ Er fuhr mit dem Zeigefinger an der Kurve entlang. Sonja nickte.
„So ähnlich wie Sinuskurven.“
„Genau. Mir ist aufgefallen, dass, wenn ich schlecht gelaunt bin oder mich sonst irgendwie nicht wohl fühle, Petrocelli verstärkt mit solchen Wellenmustern reagiert. Und zwar statistisch signifikant. Aber ich kann den direkten Zusammenhang natürlich nicht beweisen. Im Augenblick sind die Muster sehr schwach, das heißt, dass Sie und ich uns ziemlich wohl fühlen.“
„Petrocelli?“ Sonja zog die Nase kraus.
„Das Glibberbag - ich habe es Petrocelli getauft, wissen Sie?“, sagte Benito und in seinen Augen leuchtete wieder dieser ‚frag-mich-warum’-Ausdruck.
„Warum ausgerechnet Petrocelli?“, fragte Sonja brav.
„Weil er so schleimig ist wie ein Rechtsanwalt“, kicherte Benito - wie ein kleiner Junge über einen Pipi-Kaka-Witz. Sonja kannte die alte TV-Gerichtsserie, die immer mal wieder in den Programmen der Außenwelten lief und kicherte höflich mit.
„Ja aber“, sagte sie dann, „ich versteh noch nicht ganz, was das mit Empathie zu tun hat? Ich meine, wir kommen rein, es nimmt uns wahr und natürlich ändert sich dann sein Erregungszustand. Es ist immerhin von Menschen gefangen genommen worden. Ich denke, es ist normal, dass es in Gegenwart von Menschen Stress empfindet.“
Benito grinste ĂĽberlegen.
„Sie wissen ja noch gar nicht, was ich messe.“
„Pff - Nervenaktivitäten, denke ich mal“, Sonja hob die Schultern.
„Glibberbags haben aber keine Nerven.“
„Naja, dann eben Stoffwechselaktivitäten, oder so …“
„Gut, das wäre möglich. Habe ich auch gemacht. Aber das hier ist viel besser.“
Sonja wusste inzwischen, wie sie zu reagieren hatte.
„Und was ist es? Was machen Sie genau?“, fragte sie und machte neugierige Augen.
„Wissen Sie, vor ungefähr vierhundert Jahren hat man entdeckt, dass unsere Körperzellen charakteristische Schwingungen in sehr hohen Frequenzen abstrahlen. Man hat sie in hörbare Signale umgewandelt, die ungefähr so klangen wie ein Radio, wenn die Antenne abgebrochen ist. Wenig spektakulär eigentlich, aber man hat es sehr romantisch den ‚Gesang der Zellen’ genannt.“
„Ich kann mich daran erinnern, mal etwas darüber gelesen zu haben“, nickte Sonja. „Man konnte an diesem ‚Gesang’ erkennen, ob die Zellen krank oder gesund waren – oder ob ein Mensch betrunken oder depressiv war und noch einiges mehr.“
„Genau richtig. Man plante, dieses Phänomen zur Diagnose von Krankheiten oder als Fingerabdruck zu verwenden. Aber es ist dann rasch wieder in Vergessenheit geraten. Andere Methoden waren billiger, genauer und flexibler. Aber im Grunde ist das Verfahren sehr einfach. Ich habe die Grundlagen aus einer alten Doktorarbeit übernommen und sie noch weiter vereinfacht.“
„Und sie haben festgestellt, dass die Glibberbags ebenfalls Schwingungen abstrahlen?“, vermutete Sonja.
„Sehr gut, ich bin stolz auf Sie“, echte Bewunderung klang in Benitos Stimme.
Sonja winkte mit einer betont souveränen Geste ab.
„Ach, ein Klacks für eine Nexialistin. Aber Sie müssen mir natürlich noch erklären, warum dieses Verfahren ausgerechnet bei den Glibberbags so erfolgversprechend ist.“
„Nun, erstens ist es die vorerst einzige Möglichkeit, Kommunikationsversuche mit ihnen zu unternehmen. Und zweitens gibt es signifikante Unterschiede zwischen den Schwingungen menschlicher Zellen und den Schwingungen der Glibberbags. Sie sind wesentlich modulierter und differenzierter.“
„Obwohl sie so primitiv sind?“
Benito breitete die Arme aus.
„Primitiv? Das ist ein relativer, anthropozentrischer Begriff. Sie sollten sich davon lösen. Wir sehen den Menschen immer als fortgeschrittenstes Produkt der Evolution. Aber ist er das wirklich? Oder ist er nur deshalb so erfolgreich, weil er besser an enge Mietwohnungen angepasst ist, als ein Pandabär?“
Er kicherte und fuhr fort:
„Wissen Sie, es ist so: Die Zellfrequenzen beim Menschen sind eigentlich furchtbar nichtssagend und monoton. Wie der Gleichschritt einer marschierenden Kompanie Soldaten. So als ob alle Zellen dasselbe singen. Es gibt nur wenige Zustände, aus denen sich Informationen gewinnen lassen. Bei den Glibberbags gleichen sie eher einer Polyphonie verschiedener Chöre, einem Kanon mit Kontrapunkten, Variationen und so… naja, ich versteh nicht viel von Musik, aber ich denke, Sie verstehen, was ich meine.“
Sonja nickte.
„Sie meinen, dass die Frequenzen der Glibberbags wesentlich mehr Informationen transportieren könnten, nicht wahr?“
„Genau das. Wir müssen nur noch einen Weg finden, sie zu entschlüsseln. Aber…“, er seufzte frustriert. „… wir wissen bis heute nicht, was wirklich auf den Rongo-Rongo-Tafeln der Osterinsulaner steht. Und das hier ist wesentlich komplizierter.“
„Haben Sie schon einen Ansatz für einen Schlüssel gefunden?“
„Ich hab nur die Frequenzmessungen – und meine eigenen Interpretationen dazu. Das ist wahrscheinlich weniger als nichts. Aber“, er wandte sich wieder dem Labortisch zu, „wir reden und reden. Ich möchte Ihnen viel lieber ein paar interessante Sachen zeigen. Sie sollen sich ja nicht langweilen.“ Er begann, suchend in dem Chaos zu wühlen, das seinen Tisch wie ein wuchernder Organismus beherrschte.
„Och – der da scheint sich auch zu langweilen“, Sonja war ein paar Schritte auf das Becken des Glibberbags zugegangen. Die Kreatur war von der in Mikos Labor nicht zu unterscheiden. Träge ließ sie sich durch das Wasser treiben und tastete scheinbar zerstreut an Steinen und in Höhlungen herum. Aber sie tat es mit einer Nonchalance, die Sonja sofort für sie einnahm.
„Ich sehe kein Schild, das das Klopfen an die Scheiben verbietet“, sagte Sonja. „Darf ich?“
„Aber nur ein bisschen“, grinste Benito. „Ich selbst hab noch gar nicht daran gedacht, das zu tun.“
Sonja klopfte zuerst ganz sacht; und als das Glibberbag nicht reagierte, etwas fester. Wieder keine Reaktion. Es zog unbeirrt seine rätselhafte Bahn. Sonja klopfte noch einmal, so fest, dass ihre Fingerknöchel dabei schmerzten. Auch diesmal zeigte das Wesen mit keiner Bewegung, dass es das Klopfen auch nur wahrgenommen hätte.
„Ist was an der Messkurve zu sehen?“, fragte sie über die Schulter.
„Nur beim letzten Klopfen… ein ganz kleines bisschen. Kann aber auch eine normale Schwankung sein.“
„Hm“, Sonja kehrte an den Arbeitstisch zurück. Benito hatte inzwischen gefunden, was er suchte: Ein kleines, spitzes Skalpell mit einem „ergonomischen“ Griff aus mehreren Lagen Heftpflaster. Er hielt es einige Sekunden in eine Brennerflamme.
„So, jetzt passen Sie auf, was geschieht“, er nickte in Richtung des Displays. Dann zog er den Kopf nach hinten, kniff die Augen zusammen und rammte sich die Spitze des Skalpells in die Zeigefingerspitze.
„Aua!“, rief er und Petrocellis Kurve machte einen Hopser, aber keinen großen. Benito steckte den Finger in den Mund und lutschte daran.
„Ung? Hamb Chie'ch gechehen?“, nuschelte er.
Sonja nickte zögernd.
„Naja schon. Aber das Signal war sehr schwach.“
„Hm, na gut, aber jetzt…!“ Benito drehte die Handfläche nach oben und ließ das Skalpell in einem rasenden Stakkato von Stichen herabsausen. Plötzlich war überall Blut und lief in dicken Tropfen zwischen seinen Fingern hindurch.
„Benito, nicht! Was machen Sie…?“
„Schauen Sie auf die Kurve!“
„Sie sind ja verrückt!“ Aber sie schaute trotzdem hin.
Eine Serie von Ausschlägen lief über den Bildschirm. Einer für jeden Stich. Wieder waren sie alle nicht besonders kräftig, aber der Zusammenhang mit Benitos Stichen war nun eindeutig.
„Mein Gott, Benito, hätten Sie das nicht billiger haben können?“ Sonjas Blick suchte den Erste-Hilfe-Kasten und fand ihn auf dem Boden zwischen einigen leeren Pappkartons.
„Ich mach das nicht so oft“, sagte Benito mit schwachem Lächeln. „Wir haben nur selten Besuch hier.“ Er starrte auf seine blutüberströmte Hand, wurde blass und ließ sich auf einen Stuhl sinken.
Nachdem Sonja das Massaker mit einem sauberen weiĂźen Verband abgedeckt hatte, kehrte sein Farbe rasch wieder zurĂĽck.
„Ts, ts, ts. Sie sind ja ein Muster von einem Vollblutwissenschaftler, wie? Einer von den ganz Harten.“ Sonja schüttelte missbilligend den Kopf und reichte Benito eine Flasche Limonade. Sie schaute gedankenverloren zu, wie er trank, dann seufzte sie und sagte unvermittelt:
„Möchten Sie mit mir schlafen, Benito?“
„Wua..sss?“ Er verschluckte sich, beugte sich ruckartig vor und hustete Sonja einen Nebel von Limonadentröpfchen entgegen. Sie hielt sich schützend die Hände vors Gesicht.
„Wie war das?“, keuchte er, als er wieder halbwegs Luft bekam. Sie machte ein schuldbewusstes Gesicht und versuchte ein Lächeln.
„Nein, nein. das war ein Scherz. Ich… ich wollte nur Ihren Kreislauf wieder in Schwung bringen. Tut mir leid, wenn ich Sie erschreckt habe.“
„Sie haben mich nur auf dem falschen Fuß erwischt, nicht erschreckt. Im Gegenteil, ich würde…“
„Ich glaube, ich sollte jetzt gehen“, wehrte Sonja rasch ab, was da an Bekenntnissen kommen mochte. „Für heute hab ich Sie, denke ich, genug gepeinigt. Und ich muss auch mal wieder Bestandsaufnahme machen. Bis morgen, Benito und vielen dank für Ihre Mitarbeit.“
Sie drehte sich um und verließ fast flüchtend das Labor. Benito stemmte die Hände in die Seiten und schaute ihr unschlüssig nach. Irgendwas stimmte da nicht. Er hatte genau gesehen, wie ihre Blicke zwischen der Messkurve und dem Aquarium hin und her geflogen waren, als sie ihre Frage gestellt hatte. Er ging zum Tisch und schaute sich die Aufzeichnung an. Aber da war nichts ungewöhnliches zu sehen. Petrocelli war es offenbar herzlich gleichgültig, wer hier mit wem schlief.


3.

Bourree – Andante funebre


Sonja schien ihre Bemerkung tatsächlich nur für einen bestimmten Zweck gemacht zu haben, denn als sie am nächsten Vormittag wieder in Benitos Arbeitsraum auftauchte, war ihre Unbefangenheit offensichtlich echt.
In der Hand trug sie einen kleinen Drahtkäfig, in dem ein geschecktes Kaninchen an einem Mohrrübenstummel knabberte.
„Guten Morgen Benito“, rief sie von der Tür her. „Haben Sie Lust, an einem Feldversuch teilzunehmen? Ich bräuchte noch einen neutralen Beobachter als Zeugen.“
Benito schaute fragend auf das Kaninchen. Es trug ein schmales rosa Plastikhalsband.
„Eine Tierversuch?“
Sonja seufzte.
„Er heißt Sparkey, wegen dem kleinen weißen Stern auf der Nase. Aber ich fürchte, wir kommen nicht darum herum. Wenn wir mehr darüber erfahren wollen, was de Marigny zugestoßen ist, müssen wir versuchen, die 'Tat' nachzustellen. Und auch, wenn wir erfahren wollen, was da überhaupt geschehen ist.“
„Verstehe, Sie tun nur Ihren Job.“, erwiderte er säuerlich.
„Hören Sie, ich weiß nicht, ob dem Kleinen etwas zustoßen wird oder nicht. Wenn ich es wüsste, würde ich mir den Versuch selbstverständlich schenken. Und wenn wir zu zweit sind, können wir besser darauf achten, ihn rechtzeitig abzubrechen, falls es für das Kaninchen gefährlich werden sollte. Nicht war, Sparkey?“ Sie hob den Käfig und schnalzte dem Tier ein paar angedeutete Küsschen zu.
„Na schön“, Benito hängte seinen Kittel an einen Haken und zog eine leichte Lederjacke an. Dann folgte er ihr.
Draußen war herrliches Wetter, das zum Schwimmen und Sonnenbaden einlud. Einzig der Umstand, dass es dieser Welt an jeglichem Pflanzenwuchs fehlte, verlieh der Lagune eine eigenartige sterile Trostlosigkeit. Es gab keine wiegenden Palmfächer, die Schatten oder Halt für eine Hängematte boten. Keinen smaragdgrünen Dschungel, der den Strand einfasste. Nur blendendweißen Sand und rötliche gezackte Felsen.
Sonja bestand darauf, die Stelle zu wählen, an der de Marigny den Tod gefunden hatte. Natürlich gab es dort nichts mehr zu sehen. Mehrere Stürme hatten in der Zwischenzeit die Überreste und die Markierungen weggespült und eingeebnet.
Nach einigen Minuten FuĂźmarsch blieb Benito unschlĂĽssig stehen.
„Ungefähr hier muss es gewesen sein. Vielleicht ein paar Meter weiter oder zurück.“
Der Platz lag hinter einer langgezogenen Düne, welche die Sicht auf die Station verwehrte. Weiter strandaufwärts gab es eine gezackte Felsleiste. Dort konnte man gut in Deckung gehen, um die Vorgänge auf dem Strand zu beobachten.
„Es ist genau genug“, sagte Sonja. Sie stellte den Käfig ab und bohrte einen metallenen Zeltpflock tief in den Sand. Dann holte sie das Kaninchen heraus, befestigte eine Leine an seinem Halsband und knotete das andere Ende an den Pflock.
Sie strich dem Tier sacht ĂĽber die Ohren.
„Alles Gute, Junge.“
Dann ging sie mit Benito langsam den Strand hinauf, um ihre Beobachtungsposition einzunehmen. Sonja nestelte rasch den Mediacorder aus ihrer Jackentasche. Aber sie mussten eine halbe Stunde warten, ohne mehr zu sehen, als einige Hopser des Kaninchens, das immer wieder einmal prĂĽfte, wie weit die Leine reichte.
„Ich hab ihn ausgewählt, weil er einen Zwillingsbruder hat“, sagte Sonja. „Der heißt Freckle und…“
Benito stemmte sich plötzlich aus seiner Bauchlage hoch und deutete aufgeregt zum Strand hinunter.
„Da, da, es scheint loszugehen. Sie kommen.“
Etwa ein halbes Dutzend Glibberbags war im fußtiefen Wasser aufgetaucht. Massige, schillernde Gallertklumpen, wie die Kadaver gestrandeter Quallen, doch im Unterschied zu diesen sehr aktiv und lebendig. Sie dehnten sich rhythmisch aus und zogen sich wieder zusammen und schoben sich auf diese Weise immer weiter landaufwärts, in Richtung des Kaninchens. Sonja hatte den Eindruck, als bewegten sie sich in Freiheit viel rascher und entschlossener, als in der Gefangenschaft des Terrariums. Benito bemerkte es auch.
„Schnell wie hungrige Tiger“, murmelte er grinsend.
Das Kaninchen hingegen schien die Gallertwesen durchaus nicht für Tiger zu halten, ja, nicht einmal für gefährlich. Es war weiterhin damit beschäftigt, den Abstand zum Pflock so groß wie möglich zu halten, ohne sich dabei selbst zu erdrosseln. Die Glibberbags gehörten zu keinem ihm bekannten Feindbild.
„Was tun die denn da?“, fragte Sonja.
„Mein Gott, das sieht fast aus, als ob sie sich irgendwie formieren“, raunte Benito.
Tatsächlich hatten die Glibberbags jetzt feste Positionen eingenommen, so dass sie einen geschlossenen Kreis um das Kaninchen bildeten.
„Und sie verändern sich“, fügte Sonja hinzu. Die schimmernden Kreaturen verjüngten unter windenden Bewegungen ihre Vorderenden, bis diese sich zu langen, schlanken Tentakeln umgeformt hatten, mit flachen, blattartigen Pseudoorganen an den Enden. Mit diesen ‚Händen’ betasteten sie bedächtig den Körper des Kaninchens, so als ob sie es beruhigend streichelten. Das kleine Tier schien dabei nicht im geringsten verängstigt und ließ es sich ohne Fluchtversuch gefallen.
Aber dann…
… fiel es mit einem Mal langsam in sich zusammen, wie ein Schwimmtier, aus dem die Luft heraus gelassen wurde. Auf dem Sand war innerhalb von Sekunden nur noch ein formloser dunkler Fleck zu erkennen. Benito stieß pfeifend den Atem aus und krallte die Finger in den Boden.
Sonja richtete sich etwas höher auf. Sie kniff die Augen zusammen und kippte ihre Brille, um schärfer sehen zu können – da war noch etwas. Ein schwaches Leuchten, dass zwischen den Überresten des Kaninchens hervor zu dringen schien - heraus quoll, wie ein fiedriger, goldfarbener Nebel. Für einen Moment schien die Erscheinung über dem Kaninchen zu schweben, dann blähte sie sich plötzlich auf, änderte ihre Farbe zu einem zornigen Rot – und erlosch!
„Haben Sie das gesehen?“ keuchte Sonja. „Was um alles in der Welt war das?“
Benito wälzte sich auf den Rücken, setzte die Brille ab und rieb sich die Augen.
„Ich weiß nicht. Ich konnte es nicht genau erkennen. Sah aus wie ein Sprühnebel von Blut, oder so.“
„Nein nein, das war kein Blut, es hat geleuchtet.“
„Kann nur ein Lichteffekt gewesen sein.“
„Wir haben ja die Mediacorder-Aufzeich - da sehen Sie!“
Die Glibberbags hatten ihre Haltung wieder verändert. Sie hatten ihre dunklen Vorderenden noch weiter verlängert und diese aufgerichtet, wie die Hauben steigender Kobras. Dabei wiegten sie sich langsam hin und her, wie im Takt einer unhörbaren sanften Musik.
„Als ob sie tanzten“, flüsterte Sonja. „Schade, dass Sie hier ihre Zellvibrationen nicht messen können. Ich glaube, es wäre interessant zu erfahren, was sie jetzt fühlen.“
„Es sieht fast aus, wie ein Ritual. Aber … aber dazu können sie nicht fähig sein. Mein Gott, es sind doch nur - Amöben.“ Benito schüttelte ungläubig den Kopf.
„Amöben, die mit uns kommunizieren können“, gab Sonja zu bedenken.
„Ja, aber auf primitivste Art und Weise. Schon wenn wir mit einem Hund kommunizieren, geschieht das auf einer unvergleichlich höheren Ebene.“
„Wissen wir, was in einem Hund vorgeht, der den Mond anheult?“
„Ich weiß nur, was in mir vorgeht, wenn er es unter meinem Schlafzimmerfenster tut.“
Der Tanz der Glibberbags dauerte nicht mehr lange. Sie zogen sich wieder zu ihrer ursprĂĽnglichen Form zusammen und krochen ins Wasser zurĂĽck. Binnen weniger Sekunden waren sie untergetaucht und verschwunden.
„Jetzt schnell“, rief Sonja. Sie holte ein Probenglas aus der Tasche und lief den Strand hinunter zu der Stelle, wo die Reste des Kaninchens lagen. Sie sahen genauso aus, wie Miko auch de Marignys Leiche beschrieben hatte – abgesehen von den dichte schwarzen Fellbüscheln, die noch an den blanken Knochen klebten. Dazwischen eine dickflüssige schwarzrote Masse, die schon klumpig wurde, weil der Sand den flüssigen Anteil rasch aufsog.
Sonja kratzte soviel sie davon erwischen konnte mit einem Spatel zusammen und füllte es in das Probenfläschchen.
„So“, sagte sie, als Benito die Stelle ebenfalls erreicht hatte. „Jetzt haben wir alles zusammen. Viel mehr an Informationen werden wir wohl nicht kriegen. Jetzt müssen wir untersuchen und dann unsere Schlüsse ziehen.“
„Ich weiß, was das ist. Ein Klumpen voneinander losgelöster Zellen. Ich hab auch de Marigny untersucht, wissen Sie … und ich kann mir kaum vorstellen, dass wir daraus noch irgendwelche entscheidenden Informationen gewinnen können…“
„Sie wissen ja noch gar nicht, was ich untersuchen will“, versetzte sie munter, steckte das Fläschchen ein und ging mit schnellen Schritten zurück zur Station.


4.

Nocturne – Andante diminuendo


Es war Nacht. Und so still, wie es die Natur der Forschungsstation zuließ. Hin und wieder ließ das Wummern der Generatoren die Stahlkonstruktion leise nachvibrieren und die Ventilatoren der Luftaustauscher sorgten für einen kaum hörbaren aber stetigen Rauschteppich.
Sonja saß alleine in Benitos Labor. Sie hatte ihn um Erlaubnis darum gebeten und sich von ihm die Messapparaturen für die Zellfrequenzen erklären lassen. Er hatte es getan, obwohl sie ihm nicht hatte sagen wollen, was sie eigentlich vor hatte. Aber sie war sich sicher, dass er es sich ohnehin denken konnte.
Neben ihr stand ein mit Lumpen ausgepolsterter Plastikkorb, in dem Sparkeys Bruder Freckle gelassen an seinen Futterpellets mĂĽmmelte. Vor ihr lagen die ausgedruckten Messkurven. Diejenige bei der sie ihre eigenen Zellfrequenzen gemessen hatte, glich aufs Haar der Messkurve des lebenden Kaninchens: stetig und fast bedrĂĽckend monoton, mit immer wiederkehrenden Mustern. Und daneben die Kurve, die von den Zellen des toten Kaninchens stammte.
Diese Zellen lebten immer noch, nachdem Sonja sie in eine Nährlösung gegeben hatte und sie sahen nicht aus, als würden sie bald sterben. Ihre Messkurve unterschied sich signifikant von den beiden anderen. Dafür stimmte sie überraschend deutlich mit der vierten Kurve überein: Jener, die Sonja von Petrocelli, dem Glibberbag angefertigt hatte. Ein ausgelassenes Durcheinanderwogen eigenständiger Rhythmen und Variationen.
Sonja seufzte und vergrub das Gesicht in den Händen. Obwohl das Licht auf ein angenehmes warmes Gelb heruntergedimmt war, begannen ihre Augen zu schmerzen. Es war Zeit für sie, Schluss zu machen. Sie hatte ihre Messungen mehrfach geprüft und wiederholt. Die Ergebnisse standen fest.
Es war besser, sie ĂĽberlegte sich, wie sie ihre Hypothese den anderen verkaufen konnte, bevor sie vor MĂĽdigkeit umfiel.
Sie setzte sich an Benitos Computer und schrieb eine Nachricht an ihn und Miko. Dann nahm sie den Korb mit dem Kaninchen unter den Arm und ging hinaus.

5.

Finale – Allegro con licenza


Der Geruch von starkem Kaffee und vor langer Zeit gerauchter Zigaretten erfĂĽllte den kleinen Konferenzraum. Miko und Benito saĂźen in abgewetzten Ledersesseln und folgten mit den Blicken Sonja, die erregt gestikulierend vor ihnen auf und ab schritt. Sie sprach ungewohnt laut:

„…wir betrachten die Glibberbags als primitiv, als Sackgasse der Evolution und bedauern, dass das Leben sich auf einem so idealen Planeten nicht weiter entwickelt hat. Aber wissen wir denn wirklich, ob Mehrzelligkeit der Normalfall ist? Bis jetzt haben wir nur das Leben auf der Erde als Beispiel – und die Glibberbags als Gegenbeispiel. Unentschieden möchte man meinen. Aber überlegen Sie mal: Nachdem das Leben auf der Erde entstanden war, dauerte es über zwei Milliarden Jahre, bevor sich Mehrzeller, also Pflanzen und Tiere entwickelten. Bis dahin gab es nur Einzeller: Prokaryonten, Eukaryonten. Und sie veränderten sich kaum. Es hätte noch Milliarden Jahre so weitergehen können, vielleicht sogar, bis die Sonne wieder erlosch…“
„Aber…“, setzte Benito an. doch Sonja unterbrach ihn fast harsch:
„Genau: Aber! Aber dann passierte etwas. Die Wissenschaftler nennen es die kambrische Explosion. Plötzlich entstand überall auf der Erde mehrzelliges Leben. Algen, Pilze, Pflanzen und schließlich Tiere. Denken sie an die ‚irren Wundertiere’ von Burgess Shale: Hallucigenia, Anomalocaris - oder die Ediacara-Fauna: Organismen die mit nichts verwandt zu sein scheinen, was die Evolution später erschuf. Innerhalb kürzester Frist brachte das Leben ein Feuerwerk von Formen hervor, wie es später nie wieder der Fall war. So, als sollten auf einen Schlag alle nur möglichen und denkbaren Baupläne ausprobiert werden.“ Sonja stoppte, weil ihr nun doch die Luft ausging und sie Atem holen musste. Miko und Benito schauten sich unsicher an, verkniffen sich aber das in der Luft liegende Achselzucken.
„Das ist so weit bekannt“, sagte Miko schließlich behutsam. „Aber wir sind noch nicht ganz sicher, worauf Sie hinauswollen.“
„Ich auch nicht“, seufzte Sonja. „Aber nehmen wir doch mal an, einzelliges Leben wäre der Normalfall, an dem sich normalerweise nichts ändert - wenn keine fremden Einflüsse auftreten.“
„Fremde Einflüsse? Was meinen Sie damit?“
„Ich meine, was wäre, wenn es für die kambrische Explosion einen Anlass gegeben hätte? Einen der normalerweise nicht vorgesehen ist.“ Sie schaute die beiden einen Moment lang an, stieß aber nur auf reserviertes Schweigen. Schließlich sagte Miko:
„An welchen Anlass dachten Sie denn?“
Sonja wiegte den Kopf und suchte sichtlich nach Worten.
„Ich weiß, dass klingt jetzt seltsam; unwissenschaftlich und verschroben, aber … Benito, Sie waren mit mir am Strand. Sie haben gesehen, wie das Kaninchen sich auflöste. Und sie haben dieses rötliche Leuchten gesehen – nein, es war kein spritzendes Blut, das wissen Sie so gut wie ich. Aber sie ignorieren es, weil Sie es nicht einordnen oder erklären können.“
Benito lieĂź sich in seinem Sessel zurĂĽcksinken und schaute vielsagend an die Decke:
„Oh, oh,“ sagte er. „Ich glaube die Nexialisten sind eigentlich verkappte Metaphysiker.“ Ihm schwante langsam, was jetzt folgen würde. Sonja lächelte schwach.
„Es freut mich schon, dass Sie mir zuhören und mich nicht auslachen.“
„Niemand lacht Sie aus“, sagte Miko. „Machen Sie ruhig weiter.“
„Danke. Benito, Miko, kennen Sie die Geschichten von Sterbenden, die zu Hause und im Kreis der Familie starben? Es heißt, dass im Augenblick des Todes die Seele den Körper verlässt, und dass man Sie unter bestimmten Umständen sogar sehen kann: Als ein schwaches Leuchten oder Flimmern, das rasch vergeht oder davon schwebt.“
„Aber einen deutlich sichtbaren, goldfarbenen Nebel hat man meines Wissens noch nie beobachtet“, wandte Miko ein.
„Es hat auch noch nie einen solchen Tod gegeben.“
Benito pfiff durch die Zähne.
„Sie lehnen sich ganz schön weit aus dem Fenster, Fräulein.“
Miko warf ihm einen bösen Blick zu. Aber Sonja schien die Bemerkung nicht übel zu nehmen.
„Ich weiß, Benito. Aber wir Nexialisten halten es mit Sherlock Holmes: Wenn man alle unmöglichen Theorien ausgeschlossen hat, dann muss diejenige, welche übrig bleibt, die richtige sein – egal, wie unwahrscheinlich sie auch klingen mag. Zuerst schien mir Ihre Theorie, dass die Glibberbags Empathen sind durchaus plausibel. Aber erinnern Sie sich, wie ich Sie fragte, ob Sie mit mir schlafen wollen? Sie haben sich ganz schön erschreckt, nicht wahr? Aber nur ihr Bewusstsein, nicht Ihre Zellen. Und auch nicht das Glibberbag! Ihre Stimmung war ihm völlig gleichgültig! Aber es reagierte, als Sie sich mit dem Skalpell stachen und dabei Tausende von Zellen töteten.“
„Nette Versuchsanordnung“, brummte Benito. „Ich dachte im ersten Moment wirklich…“
„Tut mir leid, Benito. Es war das erstbeste, was mir einfiel, um Sie ein bisschen aus der Fassung zu bringen.“
Miko knabberte unruhig am Druckknopf ihres Kugelschreibers.
„Gut“, sagte sie. „Sie wollen also darauf hinaus, dass Zellen sich normalerweise nicht zu Organismen verbinden. Auf der Erde ist es dennoch geschehen, weil eine … sagen wir unbekannte Kraft oder Macht, sie dazu gezwungen hat. Eine Macht, die mit dem gleichzusetzen wäre, was wir Seele nennen – richtig?“
Sonja blies die Backen auf.
„So ungefähr – ja. Auf dem Begriff Seele bestehe ich nicht. Ich weiß nicht, ob man das gleichsetzen kann. Jedenfalls muss es etwas sein, dass die Zellen dazu zwingt, sich zu organisieren. Vielleicht, um in dem Organismus zu wohnen, von seinem Stoffwechsel zu leben, seine Mobilität zu nutzen, was weiß ich.“
Benito schnaufte ungehalten und schĂĽttelte den Kopf.
„Entschuldigung aber das ist Blödsinn. Selbst wenn ich Ihre Theorie bis hierher akzeptiere – sie erklärt immer noch nicht den Tod von de Marigny. Warum sollten die Glibberbags ihn umbringen? Nur weil er anders war? Herrgott, sie waren ja nicht einmal in der Lage, ihn aufzufressen. Meiner Meinung nach war es ein Unfall, ohne Sinn und Zweck. Die Biester haben dieses Auflösungssekret und de Marigny ist zufällig damit in Berührung gekommen – Punkt!“
„Aber am ganzen Körper?“, warf Miko ein.
Sonja starrte einen Moment lang vor sich auf die Tischplatte, dann hob sie langsam den Kopf und sagte leise:
„Vielleicht haben sie ihn gar nicht umgebracht.“
„Tsss… Nicht umgebracht?“ Benito war anzumerken, dass er nun bald keine Lust mehr hatte. „Ich hab schon viele Tote gesehen, Sonja – aber so tot wie de Marigny war noch keiner.“
„Er ja, aber nicht seine Zellen.“
„Ja und?“ Benito kniff misstrauisch die Augen zusammen.
„Sie haben die Diagramme doch gesehen, Benito. Die des Kaninchens und das, welches wir von seinen aufgelösten Zellen gemacht haben. Das erste war fast identisch mit unseren eigenen: monoton, gleichförmig - trist, möchte ich fast sagen. Und nach der Auflösung - eine Flut von Signalen, Schwingungen, Modulationen - fast als ob Schulkinder in die große Pause rennen.“
„Was hat das damit zu tun, ob die Glibberbags de Marigny umgebracht haben oder nicht?“
„Schön, fangen wir's anders an“. Sonja legte den Zeigefinger an die Nase und schaute zu Boden. „Nehmen wir an, Sie hätten die Macht, zu tun was sie für richtig hielten und würden einem Gefangenenchor zuhören, der sein Schicksal beklagt… was würden sie tun?“
Benito schaute verwirrt.
„Beifall klatschen oder was meinen Sie? … ach so – 'Macht'. Sie meinen, ob ich sie befreien würde?“
Sonja nickte heftig.
„Genau das! Wenn Sie die Macht hätten, ihre Ketten zu lösen.“
„Nun, wenn ich wüsste, dass es unschuldige Gefangene sind – ja, zum Teufel, natürlich würde ich sie befreien…“
„Und sie würden glücklich tanzend und singend davon springen, nicht wahr?“, ergänzte Sonja. Jetzt bekam Miko große Augen.
„Moment mal, wollen Sie damit andeuten, dass de Marignys Tod so etwas wie eine Befreiungsaktion war?“
Sonja zuckte hilflos mit den Schultern.
„Ich kann es nicht beweisen, nur deuten. Vielleicht war es auch nur ein Missverständnis, weil eine Seite die andere nicht verstanden hat. Aber ich glaube es das nicht. Die Reaktion der Zellen hinterher und dieses rote Leuchten … ich bin überzeugt, dass ich Recht habe.“
Miko beugte sich vor und legte die Hände zwischen den Knien zusammen. Dann sah sie die Nexialistin von unten herauf an.
„Sonja“, begann sie langsam. „Sie sind keine Expertin, aber Sie wissen doch auch, dass unsere Zellen hochspezialisiert sind. Dass sie so etwas wie DNS, Gene, ein Erbgut haben. Es sind einfach keine Individuen mehr und sie können gar nicht anders, als einen Körper zu bilden. In jeder einzelnen von ihnen steckt der Bauplan dazu… und damit die Notwendigkeit.“
„Genau“, brummte Benito.
Sonja seufzte, aber sie lächelte dabei.
„Ja, das ist der Punkt, der auch mir am meisten zu schaffen machte. Aber nehmen Sie doch einmal sich selbst:
Sie haben eine Wohnung, einen Personalausweis, Versicherungen, einen Job, von dem Sie leben. Sie benutzen die Infrastrukturen unserer Gesellschaft um sich zu bewegen und zu kommunizieren. Theoretisch können Sie gar nicht anders, als ein Mitglied dieser Gesellschaft zu sein, wenn Sie überleben wollen. Ein Rädchen in einer Maschine, die funktionieren muss, wenn Sie selber funktionieren wollen. Aber was wünschen Sie sich, wenn ihnen mal wieder alles über den Kopf wächst oder Sie diese Abhängigkeit schmerzhaft empfinden? Was tun Sie, wenn Sie Urlaub haben und damit die Chance, einmal aus allem raus zu kommen? Sie versuchen, sich zu lösen, sich Ihrer Individualität bewusst zu werden. Fahren in die Berge oder ans Meer und suchen die Freiheit und Unabhängigkeit. Sie surfen, trekken oder betreiben andere gefährliche Hobbies, bei denen man sogar leicht ums Leben kommen kann. Ich - ich weiß, das ist weit her geholt aber…“
Sie suchte nach passenderen Worten, fand jedoch keine und so schwieg sie einfach. Eine Weile sagten auch die beiden anderen nichts. Draußen schepperte ein loses Blech im Takt der Windböen gegen die Außenwand der Station. Schließlich räusperte sich Benito und sagte:
„Na schön, ich muss zugeben: Wenn man davon absieht, dass es sich sehr nach Esoterik anhört, passt alles ganz gut zusammen. Tut mir leid, wenn ich eben vielleicht etwas heftig war … oder arrogant. Aber ich denke, es sind ein paar ganz interessante Anregungen für meine Arbeit darin enthalten. Auf jeden Fall werde ich versuchen herauszufinden, ob es Anhaltspunkte für Ihre Hypothese gibt. Aber -“, er hob fragend die Brauen „ - Sie werden das doch nicht in Ihren Bericht schreiben – oder?“
Sonja schĂĽttelte den Kopf. Ihr glattes Haar schwang wie ein sich schlieĂźender Vorhang.
„Nein, natürlich nicht. Das überlasse ich Ihnen, falls Ihre Untersuchungen meine Vermutungen bestätigen. In meinem Bericht wird stehen, das de Marigny einen Unfall hatte. Und etwas über die aggressiven Körperflüssigkeiten der Glibberbags – oder so. Natürlich werde ich es so formulieren, dass niemand auf die Idee kommt, die Glibberbags als gefährliches Ungeziefer auszurotten.“ Sie breitete hilflos die Arme aus. „Was soll ich machen?“


6.

Epilogue – Andante con pietá


Sonja stand in ihrer Pilotenjacke vor dem Fenster in Mikos Labor und wartete schweigend darauf, dass der Sturm sich legte und sie zu ihrem Gleiter hinaus konnte. Miko trat auf ihre katzenhafte, leise Art neben sie.
„Sie grübeln.“ Es war Frage und Feststellung zugleich.
Sonja schaute sie an.
„Naja, Ich fürchte, das Ganze ist noch nicht zu Ende gedacht. Und je mehr ich nachdenke, desto mehr Fragen fallen mir ein. Kann ich noch sagen, wer ich bin? Was ich meine, wenn ich „ich“ sage? Ist es dieser große Klumpen trauriger Zellen? Oder die Macht die ihn zusammenzwingt? Ist sie böse, gewalttätig? Bin ich böse, wenn sie böse ist? Oder ist sie gut, weil sie einem Chaos von unbewussten Individualitäten einen höheren Sinn verleiht?“ Sie seufzte. Miko zuckte mit den Schultern.
„Es ist doch nur eine Hypothese. Und schließlich - was würde es ändern? Hat je ein Mensch von sich sagen können, wer er ist? Wir sind, wie wir sind und werden auch so bleiben. Kommen Sie, nehmen Sie einen Tee zum Abschied. Der beruhigt und schenkt heitere Gedanken.“ Sie reichte Sonja eine Tasse aus durchscheinendem, blauem Porzellan.
„Ja, die Gedanken, die könnten sich ändern.“ Sonja nahm sie mit einem dankbaren Lächeln und nippte daran. Es duftete nach Jasmin.


© 2005 Achim Hildebrand

Das Konzept des Nexialismus entstammt dem Roman "Die Expedition der Space Beagle" von A.E. van Vogt

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Es ist alles schon gesagt worden - nur noch nicht von jedem (Karl Valentin)

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jon
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Kürzungsvorschlag? mach Benito und Miko ein bisschen weniger begriffstutzig (warum sollen die "unebeweglicher" sein als ich?) und dampfe die Erklärung mit der "Befreiung" etwas ein.

Dann isses top!
__________________
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