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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Maite Sinclairs drittes Leben (3)
Eingestellt am 30. 07. 2017 14:12


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pierremontagnard
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jun 2017

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Maite Sinclairs drittes Leben (Teil 3)
© Pierre Montagnard

Vor dem Frühstück am Samstagmorgen klärte Aloiz Sloboda Maite auf, was am Vorabend noch vorgefallen war. Dass die Polizei vorbeikam, ihre Mutter angerufen wurde und dass sie, Maite, heute vor Mittag nach Hause gefahren würde.
Als ihn Maite völlig erschrocken anblickte, hob er die Hand und fuhr fort; „Keine Angst Maite, wir werden dich nur pro forma zu Hause abliefern. Wir machen das mit dem Zirkusauto, mit Musik, sodass dich alle Anwohner sehen können. Lazlo hat heute das Haus inspiziert und festgestellt, dass es einen Durchgang nach hinten in den Garten gibt. Ein Gartentürchen, welches wiederum direkt auf eine Promenade und von da auf die hintere Hauptstraße führt.” Maite nickte zustimmend.
„Du wirst diesen Weg, sobald du das Haus betreten hast, unverzüglich begehen und Milena wird dich an der Straße, gleich neben dem großen Kastanienbaum, mit einem weißen Auto mit laufendem Motor erwarten. Ich erzähle dir das jetzt, weil du mit uns gleich frühstücken wirst und ich dabei meine Kinder über diesen Husarenstreich genauestens instruieren werde. Milena wird dich von dort zu einer Verwandten von uns bringen. Dort darfst du dich jedoch nicht auf der Straße blicken lassen. Es wird ein paar Tage dauern, bis du wieder von uns hörst. Ich übernehme nun temporär die Verantwortung für dich. Ich mache mich dafür vor dem Gesetz strafbar, aber solange du meine Ratschläge genau befolgst, kann uns allen nichts passieren. Verstehst du mich Maite?”
„Ja, Herr Sloboda, ich danke Ihnen sehr dafür, kann ich denn nicht hier im Zirkus bleiben, bei Jacob und für Sie alle die Wäsche waschen, die Schuhe putzen und alles, was ich machen könnte?”
„Dein Angebot ist sehr liebenswürdig, aber das geht im Moment noch nicht, wir werden aber daran arbeiten, für dich eine passende Zukunft zu finden, komm, wir gehen frühstücken!”
Als sie alle nach dem Frühstück noch bei Tisch saßen, instruierte Alojz Sloboda sie über seinen Plan.
„Laszlo, du wirst wie immer als Clown verkleidet am Steuer des Wagens sitzen, Musik einschalten bevor ihr in die Gerberstraße einbiegt. Jacob, du wirst, so gekleidet wie gestern, neben ihm sitzen und Maite im Fond des Fahrzeuges. Wenn ihr am Haus von Maite ankommt, hält ihr an, Jacob steigt aus, öffnet die hintere Tür und lässt Maite aussteigen. Ihr verabschiedet euch kurz voneinander per Handschlag. Jacob wird zu den Fenstern hoch gucken und den Leuten kurz und freundlich zuwinken, die da gerade auf euch blicken. Das Auto wird gleich bestürmt von vier Kindern, welche Milena etwa zehn Minuten vorher in einer Seitenstraße von ihrem Fahrzeug aussteigen lässt, bevor sie an die hintere Hauptstraße bis zum Kastanienbaum weiterfährt. Auch Maite guckt kurz zu den Fenstern hoch und winkt erfreut, egal, ob sie jemanden erkennt oder nicht. Danach geht sie so schnell wie möglich durch den Flur zum Hinterausgang, durch den Garten, über die Promenade bis zum großen Kastanienbaum, wo Milena auf sie wartet und gleich mit ihr losfährt. Während der ganzen Zeit soll die Musik des Zirkusautos weiter aus dem Lautsprecher ertönen. Hat jemand eine Frage dazu?”
„Wer sind die Kinder?” fragte Laszlo. „Es sind die von Jan und Michael, den Jongleuren. Wir haben ihnen gesagt, es gehe dabei um einen Werbespot, der geprobt würde, denn niemand soll den wahren Grund erfahren, ich habe sie als Ablenkungsmanöver eingebaut, damit alle Beobachter der Straße später bestätigen können, dass Maite das Auto verließ und gleich danach vier Kinder das Auto umringten. Auch soll dieser Akt dazu dienen, für ein paar Minuten vom Fluchtweg Maites abzulenken. Die Kinder werden dann von dir Jacob, ins Auto gebeten und wieder zu uns zurückgefahren. Noch weitere Fragen?”
„Was machen wir, wenn zufälligerweise Frau Grau, oder ihr Mann, oder gar beide auf der Straße weilen, wenn wir ankommen Pa?” fragte Jacob.
„Diesen schwierigsten Punkt habe ich mir auch überlegt.” sagte Alojz ernsthaft. „Dann müsstest du improvisieren Jacob. Du lenkst sie ab, ziehst sie in deinen Bann, gibst ihnen die Hand, verwickelst sie in ein kurzes Gespräch, während Maite kurz kundtut, dass sie dringend Pipi machen muss und im Haus verschwindet. Sollte eine Person oder sogar beide auch gleich wieder ins Haus gehen wollen, um Maite nach oben zu begleiten, musst Du Dir etwas einfallen lassen, um sie noch eine Weile aufhalten zu können.” fügte Alojz leicht lächelnd hinzu.
„Gut Pa, ich habe verstanden, es wird keine Pannen geben.”

„Gibt es noch mehr Fragen?” Es gab keine mehr. Alle Blicke nun auf Maite gerichtet. „Ich habe keine Frage, nur etwas Angst.” sagte sie. Alojz langte in seine Jacke und zog einen zerbeulten Filzhut hervor, setzte ihn sich auf. Alle lachten. „Diesen Hut Maite, wirst du in deiner Jacke tragen und ihn dir aufsetzen, sobald du beim Hinterausgang des Hauses angelangt bist. Ich weiß, der passt besser zu Räuber Hotzenplotz als zu dir, aber er macht dich für die Strecke bis zu Milenas Auto fast unkenntlich. Denn es könnten dir ja auch Leute auf der Rückseite des Hauses begegnen. Mit diesem …, Deckel auf dem Kopf, wird dich kaum jemand erkennen können.” dabei reichte Alojz Maite den Hut. Sie setzte ihn sich auf und zog ihn tief in die Stirn. Alle guckten sie belustigt an. Sie schaute damit noch süßer aus.

***

Um 10:30 Uhr fuhr Milena mit den Kindern los. Fünfzehn Minuten später verließ das Zirkusauto mit dem “Clown” Laszlo am Steuer, Jacob und Maite, das Zirkusgelände. Maite legte kurze Zeit danach Jacob die Hand auf die Schulter und sagte; „Ich habe große Angst Jacob, dass es nicht klappt!” Jacob drehte sich zu ihr um, nahm ihre Hand in seine beiden Hände, drückte sie sanft und sagte; „Wir haben alle ein bisschen Angst Maite. Du musst an gar nichts anderes denken, als an deinen Abgang. Du musst sicher sein, dass es klappt, du musst es fest glauben und wollen, denk nur an deinen Abgang durch das Haus, alles andere darfst du uns überlassen, wir machen das schon. Vater sagte mir, dass die Aktion so perfekt ablaufen muss, wie unsere Trapeznummer. Wir sind es gewohnt, Schwieriges zu meistern Maite.”
Maite spürte die Entschlossenheit Jacobs und ließ diese auf sich einwirken. Sie küsste seine Hände und sagte; „Ich will es wirklich und ich werde es schaffen!”
Er hielt ihre Hand noch ein Weilchen und sagte dann; „Wir vertrauen einander Maite, es wird alles gut gehen, glaube mir, du bist stärker als du denkst Maite, gemeinsam sind wir noch stärker!”
Sie kamen in die Nähe der Gerberstraße. Laszlo stellte die Musik an. Maite erschrak darüber und wusste gleichzeitig, dass es kein Zurück mehr gab, jetzt hat vielleicht meine wichtigste Stunde geschlagen, ich darf nicht versagen, sie tun das alles für mich, ich muss stark sein. Sie zitterte am ganzen Körper. Sie bogen in die Gerberstraße ein, waren nur noch etwa fünfzig Meter von Maites Haus entfernt. Die Strasse war ziemlich belebt. Mehrere Fenster öffneten sich und viele Menschen guckten herab auf die Strasse. Noch zehn Meter bis zum Haus. Maites Herz schlug bis zum Hals. Sie waren da. Jacob drehte sich nochmals kurz zu Maite um, bevor er die Wagentüre öffnete, um auszusteigen und sagte mit leicht heiserer Stimme; „Vergiss nicht Maite, dass ich dich sehr lieb habe!”
Schon öffnete sich Maites Hintertür. Halb gelähmt vor Angst und Freude stieg sie aus. Jacob schaute zu den Fenstern hoch und winkte einfach so ins Blaue. Er gab Maite die Hand und stellte fest, dass sie ganz feucht war und zitterte.
„Maite, da bist du ja endlich wieder!” hörten sie gleich neben sich eine Frauenstimme ausrufen. Es war Ottilie Grau. Maite erschrak fast zu Tode, stammelte aber hervor; „Das ist meine Mutter Jacob!” „Was hast du denn Maite?” fragte Ottie, der die Zerstreutheit Maites aufgefallen war. Doch bevor Maite etwas antworten konnte, nahm Jacob die Sache in die Hand und sagte leise zu Ottilie; „Sie muss dringend auf die Toilette Frau Grau, wir fanden unterwegs leider keine Möglichkeit dafür,” und lauter zu Maite sagte er; „Danke für Ihre Hilfe Maite und alles Gute, auf Wiedersehen!”
Ottilie verstand. Maite auch. Sie ging ins Haus und eilte der Treppe entgegen, wollte rechts an dieser vorbeigehen, mit weichen Knien den Hinterausgang erreichen. Jemand kam die Treppe herunter. Maite hielt den Atem an. Sie erkannte an den Schuhen und den Hosen, dass es Volker war. Ihr Herzschlag drohte auszusetzen. Sie stand bewegungslos unter dem Treppenabsatz. Sie hatte Angst, dass er ihren keuchenden Atem hören könnte. Volker blieb auf der letzten Stufe stehen. Da war doch ein Geräusch. „Ist da jemand?” fragte er laut. Maite drohte ein Kollaps. Doch nach endlos langen Sekunden setzte sich Volker wieder in Bewegung und schritt Richtung Vorderausgang weiter. Maite beobachtete ihn aus dem Versteck und sah, wie er aus der Türe ins Freie trat. Sie hastete los, erreichte unbehelligt den Hinterausgang, nahm mit zitternden Händen den Filzhut aus ihrer Jacke, stülpte ihn auf, zog ihn tief in die Stirn und spähte in den Garten. Es war niemand zu sehen.

***

Auf der Vorderseite des Hauses, trat Volker ins Freie, sah Ottilie neben dem Jungen vom Zirkus stehen und trat zu ihnen. „Volker, dieser nette Junge Mann ist Jacob. Er hat soeben Maite zurückgebracht.” Als Volker gerade fragen wollte, wo Maite denn sei, stürmten vier Kinder auf das Zirkusauto zu und bettelten, mitgenommen zu werden. Jacob verspürte leicht aufkommende Panik. Ist Maite dem Unhold etwa im Treppenhaus begegnet? Hat er ihre Flucht verhindert? Doch als Volker fragte, wo denn Maite wäre, wusste Jacob, dass sie ihm nicht begegnet sein konnte. Er handelte sofort, indem er Ottilie am Arm nahm, zum Zirkusauto führte und sagte; „Frau Grau, ich wollte Ihnen im Namen unserer Familie noch ein Geschenk machen, kommen Sie bitte!”
Jacob gebot den lärmenden Kindern, sich in den Fond des Wagens zu setzen, während er aus demselben einen etwa vierzig Zentimeter großen Stoffclown hervorholte und diesen mit seinem charmantesten Lächeln an Ottilie übergab. Ottilie war hingerissen von diesem wohlerzogenen Jüngling, bedankte sich aufs herzlichste bei ihm. Jacob küsste sie auf die Wange, winkte allen Leuten mit strahlendem Lächeln zu und stieg neben Laszlo ins Auto. Sie fuhren langsam davon, während die Musik weiter aus dem Lautsprecher die Leute in der Straße verzauberte und Volker vergebens nach Maite Ausschau hielt.
„Du hast eine Supernummer hingelegt, Bruder!” sagte Laszlo, als sie aus der Gerberstraße bogen.
„Ja, es ist gut gelaufen, trotz eines erheblichen Schwierigkeitsgrades, hoffentlich ist auf der Rückseite des Hauses auch alles gut gelaufen. Die werden lange Gesichter machen, wenn sie vergeblich nach Maite suchen. Aber wir haben nun ein sehr wasserdichtes Alibi und sind aus dem Schneider und Maite hoffentlich in Sicherheit!”
„Unser Alibi ist noch viel besser, als du denkst Bruder.” fügte Laszlo hinzu. „Wie meinst du das?” fragte Jacob überrascht.
„Auf der gegenüberliegenden Straßenseite vom Haus der Familie Grau, war ein unauffälliges Auto parkiert. Auffällig daran war jedoch der darin sitzende Chauffeur. Es war der Gehilfe von Inspektor Braun, Gebhardt. Er hat von seinem Chef bestimmt den Auftrag erhalten, heute die Rückführung von Maite zu überprüfen!”
„Mann, Laszlo, unser Pa ist wirklich ein schlauer Fuchs. Er hat den Inspektor überlistet und trotzdem sein Wort gehalten, nicht wahr?”
„Er hat ihn nicht überlistet Jacob. Pa hat sein Wort gehalten und sich etwas einfallen lassen, so, wie es ihm der Privatmann Braun vorgeschlagen hat. Die beiden haben sich gestern gesinnungsmässig sehr gut verstanden. Sie spielten Schach auf hoher Ebene. Bin gespannt, wie lange es dauert, bis uns Braun wieder mit seinem Besuch beehrt! Ich kann es kaum erwarten!”

***

Maite durchquerte eiligen Schrittes den Garten, gelangte zum Gartentürchen, öffnete es, verließ den Garten, schloss das Türchen wieder. Noch immer war niemand zu sehen. Sie überquerte die Promenade, sah schon den großen Kastanienbaum und dahinter das weiße Auto an der Straße stehen. Sie erhöhte ihr Schritttempo. Der Baum war schon zum greifen nahe. Sie erreichte ihn, berührte ihn, als wollte sie sich bei ihm bedanken, dass er da stand. Dann kam sie am Auto an. Sie wollte vorne einsteigen, aber Milena beorderte sie nach hinten und forderte sie auf, sich auf dem Rücksitz hinzulegen. Maite tat, wie ihr geheißen. Milena fuhr los und sagte liebevoll; „Es wird alles gut werden Maite, jetzt bist du in Sicherheit!”
Maite ergab sich in den anschließenden Weinkrampf, von dem sie heimgesucht wurde. Fühlte noch die zarten Hände Jacobs, erinnerte sich an seine schönen Worte, dass er sie lieb hat. An seine Entschlossenheit, die er ausstrahlte. Irgendwann schlief sie erschöpft, aber auch erleichtert ein. Milena sagte nie ein Wort, fuhr ihren Weg. Erst als ihr gewahr wurde, dass Maite eingeschlafen war, flüsterte sie mit leicht feuchten Augen vor sich hin; „Jetzt gehörst du zu uns Liebes!”

***

Alojz Sloboda sah es Laszlo und Jacob schon an ihren Nasenspitzen an, als sie mit den Kindern wieder auf dem Zirkusareal vorfuhren, dass alles planmäßig verlief. Er war sehr zufrieden mit ihnen und konnte sie auch gleich damit überraschen, dass soeben Milena von einer Telefonzelle aus anrief und meldete, dass sie mit Maite zum Bestimmungsort unterwegs war.
Seine Söhne erzählten ihm, was und wie sich alles vor dem Haus von den Graus abspielte. Er schmunzelte, als ihm Laszlo berichtete, dass er über der Straße in einem parkenden Fahrzeug Gebhardt erkannte, der offensichtlich damit beauftragt war, die Rückführung Maites zu kontrollieren. „Bestimmt wird dich der Inspektor bald wieder besuchen Pa!” meinte Laszlo. Aber sein Vater antwortete zu seiner Verblüffung;
„Das glaube ich nicht, wozu denn? Ich habe mein Versprechen eingehalten, er hat dafür jede Menge Beweise. Mit einem Besuch bei mir, würde er sich lächerlich machen, und das weiß er auch. Es wird eine neue Vermisstenanzeige geben, diesmal wird sie möglicherweise sogar publik gemacht, doch niemand wird die Graus anrufen und ihnen mitteilen, dass ihr Mädchen wohlauf ist und gerade in einem Zirkuswagen schläft. Die einzige Arbeitshypothese, die der Inspektor haben wird ist, das Mädchen ist nun wirklich getürmt. Denn außer uns, ist er der einzige der weiß, warum. Sollte er trotzdem auf einen Besuch vorbeikommen, dann nur deshalb, um mich um Rat zu fragen und von mir einen möglichen Hinweis zu bekommen. Ich würde ihm antworten, dass ich Zirkusdirektor, Tierbändiger, Dompteur, Akrobat, ein freier Künstler ohne Netz und Vater bin und abschließend würde er von mir dasselbe hören, das er zu mir sagte: Lassen Sie sich etwas einfallen!”







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Pierre Montagnard
en vino veritas!

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