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Leselupe.de > Horror und Psycho
Man lacht nur einmal
Eingestellt am 24. 03. 2013 16:29


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Steewee
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jan 2013

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Noch eine Woche bis zu meiner Pensionierung. Eine Woche noch in diesem AffenkĂ€fig voller Gestank und Heuchelei. Ich mochte niemanden hier. Das beruhte wohl auf Gegenseitigkeit. Deswegen fanden es die Spaßvögel hier urkomisch, mir ausgerechnet diesen einen, letzten Fall zu zuschanzen. Ein Toter in einem Zirkus. Ich spare mir beim Verlassen des Reviers Vergleiche mit dem Innendienst, schließlich musste ich nochmal her, um meine paar Habseligkeiten von meinem Schreibtisch zu fischen. Das Bild von mir und meinem MĂ€dchen aus besseren Tagen und den kleinen Stoffhasen, den mir ein Junge aus meinem ersten Fall vor fast 40 Jahren geschenkt hatte. Konnte ihn einfach nicht weggeben, war so ’ne Art GlĂŒcksbringer. Viel GlĂŒck hat er mir bisher nicht gebracht, aber zumindest lebe ich noch. Hab viele kommen und in ’nem Sarg gehen sehen. Zuviele. Die 38er bleibt in der Schublade, wie die letzten 40 Jahre auch. Bin nicht John Wayne.
Ali wartet schon in seiner pissgelben Gurke vor der TĂŒr. In einer Stadt, die mehr Taxis als Einwohner hat, ist wohl jeder Eseltreiber fĂŒr ’nen Stammkunden dankbar. Brauch keinen Dienstwagen. Sein Vater hatte mich auch schon gefahren. Alibaba. Keine Ahnung, wie er wirklich hieß, beherrschte kein Wort meiner Sprache. Oder umgekehrt, ist Ansichtssache. Irgendwann hat sich der Alte in’ner Moschee in die Luft gejagt. Hab dafĂŒr gesorgt, dass seine Komplizen kein Sonnenlicht mehr sehen und seinen Jungen in ’nem guten Heim untergebracht. Und jetzt kutschiert der mich zwischen Revier, Scheiße und Appartement hin und her. Was fĂŒr ’n bekackter Kreislauf.
Als wir vor dem lĂ€cherlich kleinen Zirkuszelt halten, bleibe ich kurz im Wagen und denke laut anhand der Flagge nach, welche Moschkoken hier wohl ihre Zelte aufgeschlagen haben. Ali meinte, es könnten Szekler sein. Ist auf seiner Flucht durch Europa einigen von denen begegnet. Ich will mir keine BlĂ¶ĂŸe geben und sage, dass ich das auch schon vermutet hatte. Beim Verlassen des Wagens frage ich Ali, wo in Europa er solchen Typen begegnet ist, nur interessehalber. RumĂ€nien, ruft er mir hinterher, SiebenbĂŒrgen.
Der blasse Junge am Eingang hatte mich schon gemustert, als ich noch im Wagen saß. Meine Dienstmarke interessiert ihn sicher wie die Börsenkurse, ich halte sie ihm trotzdem unter die Nase. Unbeeindruckt deutet er mir wortlos, ihm zu folgen. Ich frage, ob schon ein Arzt vor Ort ist, was ebenso unbeantwortet bleibt, wie meine Frage, warum er mir nicht antwortet. Versteht mich wohl nicht, der Gypsy.
„Doch. Der Gypsy versteht jedes Wort.“ kommt es aus einer dĂŒsteren Ecke. Ein dunkelhaariger, faltiger Exot in schillerndem Gewand tritt auf mich zu. Dass dieser meine Gedanken liest, blende ich aus. An so ’nen Humbug glaube ich nicht.
„Sie mĂŒssen verzeihen. Vadim ist ein guter Junge. Er hat mich halt nur einmal zuviel belogen.“ Der Alte tippt an eine riesige Lederscheide in seinem GĂŒrtel, in der sicher ein ebenso riesiges Messer steckt „Das tut er nun nicht mehr.“ lĂ€chelt er mich breit an. Jetzt fĂ€llt mir auch auf, dass einer der AnhĂ€nger an den vielen Kettchen und BĂ€ndern um seinen Hals, kein Schwamm ist, wie ich zuerst geglaubt habe. Was fĂŒr ’n kranker Scheiß, geht mich aber nichts an. Eine Woche noch.
„Wie unhöflich von mir. RaĂșl. Raduc RaĂșl.“ Das MĂ€nnchen streckt mir seine fleckige Hand entgegen, mit Finger- nĂ€geln, die jeder Kosmetikerin ein Dollarzeichen in die Augen zaubern wĂŒrden. Ich will nicht als dĂ€mlicher Rassist dastehen und drĂŒcke die knotige Wurzel. Hat ’n verdammt festen HĂ€ndedruck fĂŒr seine augenscheinlichen zweihundert Jahre. Da ich nicht vorhabe, noch Freundschaften zu schließen, frage ich ihn schnell nach dem Fundort. Er tritt mit einer theatralisch tiefen Verbeugung zur Seite und gibt damit den Blick auf die Manege frei, in deren Mitte ein lebloser Körper liegt. Ich versuche es erneut mit der Frage nach dem Arzt.
„Wissen sie,“ Raduc wĂŒhlt in seinem Gewand „wir möchten nicht viel Aufhebens um die Sache machen. Unser Ruf hier in der Stadt ist von vornherein nicht der beste, wie sie sich denken können. Es wĂ€re schön, wenn sie das schnell und vor allem still regeln könnten.“ Er hĂ€lt mir meine nĂ€chsten drei Mietraten unter die Nase. Ich mache ihm klar, daß ich ihn alleine dafĂŒr einlochen könnte, stecke das BĂŒndel ein und nehme das zu regelnde Subjekt in Augenschein. Mit den Kenntnissen meines steinzeitlichen Erste-Hilfe-Kurses kann ich zumindest feststellen, dass der Kerl tatsĂ€chlich das Gröbste hinter sich hatte. Dass dies gewaltsam geschah, liegt ebenfalls nahe, da Augen und Mund schreckgeweitet sind, als hĂ€tte der arme Teufel eben jenem in seinen letzten Sekunden gegenĂŒber gestanden. Sein Gesicht und Teile seines Oberkörpers sind mit einem schleimigen Film ĂŒberzogen. Wahrscheinlich Kotze. In Verbindung mit dem verzerrten Gesicht möchte ich eine Vergiftung nicht ausschließen. Zumindest offeriere ich dem Gypsyking, dass das gewaltsame und sicher nicht freiwillige Ableben unseres Probanden auf ein Verbechen hindeutet und ich nunmal, wenn auch nur noch fĂŒr eine Woche, Bulle bin.
Ich rufe einen befreundeten Pathologen an, der mir noch einen Gefallen schuldet. Er kann sich dem Feststellen der Todesursache widmen, ohne die Angelegenheit zu einer Riesenblase aufzublubbern. Nach fĂŒnf Minuten quietschen die Reifen seines Kombis vor dem Zelt, nach weiteren fĂŒnf Minuten ist die Leiche im Wagen. Muss ’n verdammt großer Gefallen gewesen sein. Ich erinnere mich dunkel an Schweinkram. Nekrophilen Schweinkram. Verdammte Scheiße, hoffentlich ist die Woche bald rum und ich kann mich mit Hilfe von Jack und Jim einer Lokallobotomie unterziehen.
Ich lasse die gesamte Sippe in der Manege antreten. Was ’n verschrobener Haufen. Dem pausenlosen Gewetter einer FĂŒnfzentnerziege entnehme ich, dass diese wohl Mama RaĂșl und dieser Vadim der jĂŒngste ihrer sechs Söhne ist. AbschĂ€tzend mustere ich nochmals den Alten. Sein eigenes Kind. HĂ€tte ich selber Nachwuchs, wĂ€re jetzt der Moment, an dem ich meine 38er vermissen wĂŒrde. Da ich nur fĂŒnf Bengel zĂ€hle, war der Tote wohl der sechste. Auch wenn VerstĂŒmmeln bei Papa RaĂșl hoch im Kurs erzieherischer Instruktion steht, ĂŒber die Klinge lĂ€sst er seinen Wurf sicher nicht springen. Dann sind da noch drei geschlechtsreife MĂ€dels. Ob es sich dabei um die Töchter handelt, wage ich nicht einmal zu denken, da auch noch einige Knirpse mich schmutzstarrend anblinzeln. Dann ist da noch ein weiterer, geben wir dem Kind einen Namen, VerdĂ€chtiger. Dass er sich stĂ€ndig im Hintergrund hĂ€lt, hilft nicht unbedingt, dieses Urteil abzubauen. Ist wohl erst seit einem Monat bei der Sippe. War so ’ne Art Sonderangebot anderer Zirkusleute und ist jetzt hier MĂ€dchen fĂŒr alles.
Die RaĂșls schicke ich raus, ihn will ich in die Mangel nehmen. Da es draußen mittlerweile dunkel ist, stellt uns der jĂŒngste der Szekler eine Ölfunzel in die Manege. Ihr Schein erreicht nicht einmal die ersten RĂ€nge, so dass wir in einem kreisrunden Nichts gefangen scheinen. Gut so, Angst kann ein Verhör vorantreiben. Wer im Moment mehr Angst hat, wird sich zeigen. Ich erinnere mich an Ali’s letzten Hinweis. SiebenbĂŒrgen. Da war doch was?
Betreten steht das SchoßhĂŒndchen der RaĂșls vor mir und schafft es nicht, mir in die Augen zu schauen. Sein gedrungener, fast kindlicher Körperbau, das runde Gesicht mit weichen GesichtszĂŒgen gekrönt von einem schĂŒtterem Haarkranz wirken im Moment so gar nicht bedrohlich. Aber auch Gacy hat Clowns gemalt und Kinder entleibt. Ich bleibe vorsichtig.
Sein Aussehen weist auf eine andere Herkunft, als die der RaĂșls hin. Ich frage ihn nach seinem Namen, seiner Heimat.
„Kaspar Mira, Sir, Lettland.“ höre ich nahezu dialektfrei. Ich bin beeindruckt, möchte mehr wissen. Scheinbar nicht oft zu einem GesprĂ€ch animiert, sprudelt es aus Kaspar heraus.
Seine Familie sei seit vielen Generationen mit dem Zirkus groß geworden. Alles berĂŒhmte Hofnarren, Zauberer und Clowns. Als er elf war, fielen seine Eltern der Cholera zum Opfer und er schlug sich alleine durch die Arenen dieser Welt. Als aber auch er sich aus den StĂ€llen und Garderoben in die Manege wĂŒnschte, hatte keiner Interesse an ihm und seinen Darbietungen. Er brachte sich selbst das Lesen bei, um die Aufzeichnungen seines Urgroßvaters entziffern zu können. Einer umfassenden Sammlung von Schaustellerwissen aus der ganzen Welt. Wissen ĂŒber SpĂ€ĂŸe und Lustspiele, ĂŒber Streiche und Narretei, Illusionen und Magie, aber auch ĂŒber dunkle Wissenschaften, Alchemie, Hypnose, Scharlatanerie. Er versank förmlich in dem mystischen Tagebuch. Besonders viel Freude bereiteten ihm aber die Aufzeichnungen ĂŒber die Sketche der Clowns. So recht wollte ihm jedoch keiner davon gelingen, ihm fehlte es wohl einfach an Talent. So versuchte er verzweifelt mittels okkulter Rituale aus dem Buch seine Aura positiv zu wandeln, so dass jeder schon bei seinem Erscheinen in VerzĂŒckung geraten sollte. Dass bei einem dieser Rituale leider einer der in dieser Zeit beliebtesten Spaßmacher unter ungeklĂ€rten UmstĂ€nden sein Leben lassen musste, wirkte sich aber nicht unbedingt positiv auf Kaspar’s Aura aus. Nicht wirklich fĂŒr schuldig befunden, aber dafĂŒr mit Schimpf und Schande, jagte man ihn davon. Als er sich dann wieder einem kleinen Wanderzirkus anschloss und aus seinen frĂŒheren Ritualen nichts als gelegentliche Blackouts geerntet hatte, ergab er sich letztendlich seiner Rolle als Dienstbursche, der immer wieder herumgereicht wurde, da man ihm jederorts nach kurzer Zeit ein schlechtes Karma bescheinigte. Einher- gehend mit dem Dahinscheiden der Belegschaft.
Das LĂ€uten meines Mobiltelefones unterbricht ihn. Ich deute ihm, sich nicht von der Stelle zu bewegen und nehme den Anruf entgegen.
„Carter.“
„Hier ist Schmitt.“
Ich denke kurz nach, wobei ich bemerke, daß Kaspar sich ein wenig aus dem Kreis zurĂŒckzieht.
„Schmitt?“
„Du weißt schon, der Leichenfledderer.“
„Ah, Smitty. Ich höre.“
Ich mache eine drohende GebÀrde Richtung Kaspar, der sich aber nur auf dem Manegenrand setzen will. Sah vorhin schon nicht gut aus.
„Also, du hattest recht. Das Opfer ist nicht eines natĂŒrlichen Todes gestorben.“
Ich beobachte die Silhouette Kaspar’s, die plötzlich merkwĂŒrdig zu zucken beginnt. Ist er etwa das nĂ€chste Opfer?
„Der Tote war cirka 40 Jahre und kerngesund.“
Zum Zucken der Silhouette gesellt sich nun auch ein knorpliges Knirschen und Reißen. Meine Anfrage, ob alles in Ordnung sei, bleibt unbeantwortet.
„Beeil Dich, Smitty, ich habe nicht viel Zeit.“
„Also zunĂ€chst hielt ich den Schmierfilm auch fĂŒr Körperausscheidungen
“
Das fahle Licht und meine whiskygetrĂŒbten Augen spielen mir einen Streich. Die Silhouette scheint sich zu verĂ€ndern.
„
allerdings befand sich davon nichts in seinem Magen, sondern seine Lungen waren damit randvoll.“
Mit einem leisem Kichern erhebt sich das, was einmal Kaspar war, vom Manegenrand und kommt langsam auf mich zu.
„Daran ist er erstickt.“
Im Licht der Ölfunzel erkenne ich ein leichenblasses Gesicht mit tiefblauen Augenringen. Die Nase ist grotesk angeschwollen und die Mundpartie blutig rot aufgeplatzt. Seine Haare stehen in schimmlig grĂŒnen BĂŒscheln vom Kopf ab.
„Und weißt du, was das Zeug war?“
„Was, Smitty, was?!“
Ich bin kaum noch zu einem klaren Gedanken fĂ€hig, wĂ€hrend dieses Wesen auf mich zutĂ€nzelt. Seine untere Körperregion, wie auch die FĂŒĂŸe sind abnorm gewachsen und aus Kleidung und Schuhen herausgeplatzt und es hĂ€lt etwas in der Hand. Etwas Rundes. Wie eine Torte.
„Buttercreme.“
„Buttercreme?!!“
„Wenn ich es dir sage. Muss ihm jemand bis zum Ableben in den Rachen gestopft haben. Wie verrĂŒckt ist das?!“ lacht Smitty ins Telefon “Attack of the Werclown, quasi.“
Mir dagegen ist nicht zum Lachen. Eine Woche. Ich hatte doch nur noch eine Woche.

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