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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Mauern mit Löchern - Lila und Forsch
Eingestellt am 14. 10. 2016 15:48


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Mia Lila
Autorenanwärter
Registriert: Mar 2016

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Mauern mit Löchern


„Bildungslücke“, Lila ließ sich das Wort auf der Zunge zergehen, „Bildungslücke.“
Gerade hatten sie zu Abend gegessen und der große Topf mit der warmen Gemüsesuppe stand noch immer auf dem Herd. Forsch stopfte eine Pfeife, die in seinen riesigen Händen wie ein Spielzeug aussah.
„Ist eine Lücke wie ein Loch in einer Mauer?“, fragte Lila.
„Ja, so kann man sich das vorstellen.“, antwortete Forsch ohne aufzusehen.
„Und so ein kleines Loch bringt ja eine Mauer nicht zum Einstürzen, oder?“
„Nein, das tut es nicht.“
Forsch steckte die Pfeife in den Mund und schon bald stiegen kleine Wölkchen in die warme Luft.
Die Mauer, welche die kleine Hütte umgab, hatte zahlreiche Löcher und Forsch nahm sich ein weiteres Mal vor, die kaputten Backsteine bald auszutauschen. Der Winter stand bevor und würde einen zerstörerischen Frost mit sich bringen.
„Aber je größer die Löcher sind, desto instabiler ist auch die Mauer, oder?“, sagte Lila, während sie sich vor Forsch auf den Fußboden setzte.
„Dann wird wohl die Mauer irgendwann einstürzen“, erwiderte Forsch und seine tiefe Stimme füllte den gesamten kleinen Raum, „zumindest ein Teil der Mauer vielleicht.“
„Wenn ein großes Stück der Mauer fehlt, dann kann ich trotzdem noch auf ihr gehen, so wie ich es immer mache, oder nicht?“, Lila schaute Forsch fragend an.
„Sicher kannst du das, dann musst du aber über die Lücke springen und aufpassen, dass du nicht fällst.“
„Solange die Lücke nicht so groß ist kann ich über sie springen und dann auf der anderen Seite weiter gehen, so wie immer.“
Lila war wieder aufgestanden und begann, sich in einen dicken Wollschal zu wickeln.
Sie schnürte ihre kleinen Stiefel, warf Forsch einen Blick zu und öffnete die blaue Holztür. Augenblicklich brachte ein kalter Windstoß das Feuer im Kamin zu flackern. Mühsam stand Forsch auf und folgte Lila nach Draußen.

Sie stand auf der Mauer, von der auf der rechten Seite ein großes Stück fehlte.
„Hier kann ich noch hinüber springen.“, rief sie ihm zu, „aber dort drüben, da ist das Loch zu groß und ich kann die andere Seite nie erreichen.“
„Naja“, brummte Forsch, „dann muss ich die Lücke wohl mal mit neuen Steinen aufbessern.“
„Das Problem ist“, Lila war schon ganz außer Atem vom vielen Springen, „dass ich gezwungen bin, hier stehen zu bleiben. Ich kann nicht einfach weitergehen, ich muss hier bleiben. Und womöglich werde ich niemals weitergehen können.“
„Soll ich morgen ein paar Steine besorgen, damit du weitergehen kannst?“, fragte Forsch.
„Ja!“, antwortete Lila bestimmt, „denn wenn ich immer nur auf dieser Seite bleibe, dann kann ich niemals sehen, was dort drüben ist.“
„Und das macht dich traurig?“
„Es macht mich traurig, weil mein Wissen dann genauso stehenbleiben muss, wie ich.“
Aus Forschs Pfeife kamen in der eisigen Kälte nun noch deutlichere Wölkchen.
„Ich werde die kaputte Mauer reparieren.“, versprach er sanft.
„Sonst kann ich nicht weiter laufen. Und am Ende stürzt die ganze Mauer vielleicht ein.“
„Morgen besorge ich Steine.“, versprach Forsch erneut.
„Bildungslücke.“, sagte Lila erneut und stand noch immer auf der Mauer vor dem großen Loch,
„Bildungslücke. Bildungskrater. Bildungseinsturz.“

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