Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92241
Momentan online:
94 Gäste und 0 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Mein Leben in BERLIN
Eingestellt am 17. 08. 2009 16:42


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Lio
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: Jul 2009

Werke: 35
Kommentare: 128
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Lio eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil


Mehr als ein Flirt


„Und
was machst du so?“

„Das warÂŽs“, dachte ich und ĂŒberlegte, ob ich einfach aufstehen und gehen sollte. „Und was machst du so?“ Das war die dĂ€mlichste Frage, die man ĂŒberhaupt stellen konnte. Als ob es eine Bedeutung hĂ€tte, was ich so mache.

„Zahnarzt!“ antwortete ich aufs geratewohl, obwohl ich mir danach am liebsten auf die Zunge gebissen hĂ€tte. Zahnarzt und arbeitsloser SozialpĂ€dagoge. Das klang doch beides Ă€hnlich bescheuert. Obwohl ich zurzeit ja eigentlich SpĂ€tshopverkĂ€ufer war.

„Zahnarzt!“, rief sie und lachte. „Darauf wĂ€re ich bei dir ja nie gekommen!“ Ihr Gesicht hatte etwas eulenhaftes, riesengroße Augen und eine ganz kleine, spitze Nase. Außerdem war alles krĂ€ftig eingepudert, ganz leicht konnte man Aknenarben unter der Puderschicht erkennen. Ihre schmalen Lippen zeigten auch eher nach unten als nach oben. Wie sie so lachte und herumschrie. Ich fand, das passte irgendwie nicht zu ihr.

„Und, wie ist das so als Zahnarzt!“, rief sie, wobei sie „Zahnarzt“ mit Absicht so aussprach, als sei es etwas ganz besonders Tolles.

„Naja, wie soll das schon sein, alle hassen dich!“, sagte ich, weil mir nichts Besseres einfiel. Ich Ă€rgerte mich. Alles hatte so gut angefangen, wir hatten beide irgendwie zur gleichen Zeit an der gleichen Stelle vor der Bar gestanden und auf unsere Bestellung gewartet. Ich hatte irgendeinen blöden Witz gemacht, von wegen der Barkeeper habe den Mauerfall wohl verschlafen, oder etwas anderes Geistloses, woraufhin sie laut aufgelacht hatte. Da war ich erst ÂŽmal ziemlich erstaunt gewesen. Dann hatten wir eine Weile ĂŒber dies und das geredet, aber nicht ĂŒber den ĂŒblichen Quatsch und sie war neben mir stehen geblieben, mit den zwei RotweinglĂ€sern in der Hand, bis ihre Freundin angewackelt kam und sich Ă€rgerlich nach ihrem GetrĂ€nk erkundigt hatte. Da war sie natĂŒrlich mitgegangen und hatte mich alleine zurĂŒckgelassen.

Irgendwann kam sie wieder zu mir und wir unterhielten uns noch eine Weile. Sie erzĂ€hlte mir, dass sie als Flugbegleiterin arbeite und ich sagte, dass ich mir das bei ihr gut vorstellen könne. Dann stellte sie ihre dĂ€mliche Frage: „Und was machst du so?“ Ich trank mein Bier noch aus. Dann ging ich nach Hause.


#


Es war natĂŒrlich Zufall, dass sie ein paar Wochen spĂ€ter bei mir im SpĂ€tshop stand. Mit einem Cabernet Sauvignon in der Hand und mich dabei gar nicht verĂ€chtlich, sondern eher erstaunt anguckte. Was ich denn hier mache, fragte sie mich. Jetzt hatte sie kein Puder im Gesicht und man sah die Aknenarben ganz deutlich auf den Backen. Außerdem sprach sie ganz leise, fast enttĂ€uscht und sah mit ihren beiden riesigen Eulenaugen sehr zerbrechlich aus.

Aber ich traute mich nicht zuzugeben, dass ich sie angelogen hatte. Deshalb erzĂ€hlte ich ihr, dass mein alter Kumpel Notstand gehabt hĂ€tte und ich in seinem Kiosk eingesprungen wĂ€re. Sie schrieb dann noch ihre Nummer auf eine Serviette, die ich in den MĂŒll warf, weil ich sie ja sowieso schon angelogen hatte und das mit ihr deshalb keine Zukunft gehabt hĂ€tte.

Und dann stand sie ein paar Wochen wieder bei mir im Kiosk und stellte mich zur Rede, warum ich mich nicht bei ihr gemeldet hÀtte. Ich sagte ihr, dass mir ihre Nummer abhanden gekommen sei, aber sie glaubte mir nicht und brach beinah in Weinen aus. Da wurde mir schon ein bisschen mulmig zu Mute, weil es wirklich so aussah, als lÀge ihr irgendetwas an mir. Also fragte ich sie noch einmal nach ihrer Nummer und versprach ihr hoch und heilig anzurufen, was ich dann auch tat und mich mit ihr verabredete.

Wir trafen uns nachmittags in irgendeinem CafĂ© und jetzt hatte sie wieder das Puder auf den Wangen, obwohl es noch hell war. Ich fand, dass das seltsam aussah, wo sie doch so ein hĂŒbsches Gesicht hatte, mit ihren großen Augen, die so schön strahlen konnten, aber jetzt so matt aussahen. Wir redeten eigentlich gar nicht so viel, berĂŒhrten uns aber manchmal mit den Knien unter dem Tisch. Da hatte ich das erste Mal seit langer Zeit wieder so richtig starkes Herzklopfen.

Dann gingen wir zu ihr in die Wohnung, wo sie eine Bong auspackte, was mich ĂŒberraschte, weil das gar nicht so sehr zu ihr passte, fand ich zumindest. Sie machte sie an und ich rauchte ein bisschen mit, aber hauptsĂ€chlich rauchte sie. Und dann zeigte sie mir ihren Unterarm und sagte, dass das erst vier Monate her sei, dass sie versucht habe sich die Pulsadern aufzuschneiden, aber dass sie jetzt zur Therapie gehe und es ihr schon viel besser ginge. Als sie high war, sagte sie noch, dass ich es gern mit ihr treiben könne, falls ich Lust dazu hĂ€tte. Das brachte mich aus der Fassung und ich stand auf, um zu gehen. Aber dann fing sie an zu weinen und sagte, dass ich sie jetzt doch nicht alleine lassen könne, weil sie fĂŒhle, dass bald wieder ihre Depression anfange. Also setzte ich mich wieder neben sie, woraufhin sie mich umarmte und ich eine GĂ€nsehaut bekam, weil mich doch schon so lange niemand mehr umarmt hatte.


Version vom 17. 08. 2009 16:42
Version vom 18. 08. 2009 08:41
Version vom 18. 08. 2009 18:51
Version vom 17. 06. 2010 16:35

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


bluefin
Guest
Registriert: Not Yet

großes, kleines kino, @lio! genau hingesehen und cool aufgeschrieben: nicht bloß geknipst, sondern wirklich fotografiert.

kleiner tipp am rande: den ersten teil solltest du am ende vielleicht ein bisschen anders gliedern, dann kÀme der leser besser mit dem zeiteneinschub zurecht. villeicht so:

quote:
„Naja, wie soll das schon sein, alles hassen dich!“, sagte ich, weil mir nichts Besseres einfiel. Ich Ă€rgerte mich. Alles hatte so gut angefangen, wir waren beide irgendwie zur gleichen Zeit an der gleichen Stelle der Bar gestanden und hatten auf unsere Bestellung gewartet. Ich hatte irgendeinen blöden Witz gemacht, von wegen der Barkeeper habe den Mauerfall wohl verschlafen, oder etwas anderes geistloses, woraufhin sie laut aufgelacht hatte. Da war ich schon ziemlich erstaunt gewesen. Dann hatten wir eine Weile ĂŒber dies und das geredet, aber nicht ĂŒber den ĂŒblichen Quatsch und sie war neben mir stehen geblieben, mit den zwei RotweinglĂ€sern in der Hand, bis ihre Freundin zu uns gekommen war und sich Ă€rgerlich nach ihrem GetrĂ€nk erkundigt hatte. Da war sie natĂŒrlich mitgegangen und hatte mich alleine zurĂŒckgelassen.

Aber irgendwann war sie wieder zu mir gekommen und Wir hatten uns noch eine Weile unterhalten. Sie hatte mir erzĂ€hlt, dass sie als Flugbegleiterin arbeite und ich hatte ihr gesagt, dass ich mir das bei ihr gut vorstellen könne. Dann hatte sie ihre dĂ€mliche Frage gestellt. „Und was machst du so?“

Ich trank mein Bier noch aus. Dann ging ich nach Hause.

liebe grĂŒĂŸe aus mĂŒnchen

bluefin

Bearbeiten/Löschen    


steyrer
AutorenanwÀrter
Registriert: Jun 2009

Werke: 12
Kommentare: 107
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um steyrer eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

HĂŒbsche Geschichte, auch wenn der Schluss nach meinem Geschmack ein schauerliches Menetekel ist. Übrigens: Es heißt nicht Kaffee, sondern CafĂ© oder Kaffeehaus.

Schöne GrĂŒĂŸe

steyrer

Bearbeiten/Löschen    


bluefin
Guest
Registriert: Not Yet

mein lieber @steyrer, was an diesem schluss ein "menetekel" sein sollte, weißt nur du. es wird doch nur (noch einmal) zum ausdruck gebracht, dass das lyrich ebenso hilflos und alleingelassen ist wie die protagonistin.

wahrscheinlich weißt du nicht, dass man eine gĂ€nsehaut auch dann kriegen kann, wenn man ebengerade nicht friert. und dass sie auch in allen anderen fĂ€llen etwas schrecklich gewöhnliches ist.

vor der abqualifikation der texte dritter solltest du diese vielleicht ein wenig reflektieren. wenn @lios hĂŒbsche berliner depressionen deiner meinung nach zwar "etwas hĂ€tten, dass aus ihnen aber mehr herauszuholen wĂ€re", dann frag ich dich: was denn? dass man in cafĂ© geht statt ins kaffee?

verwunderte grĂŒĂŸe aus mĂŒnchen

bluefin

Bearbeiten/Löschen    


Lio
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: Jul 2009

Werke: 35
Kommentare: 128
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Lio eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil


Moin Bluefin, Gernot und Steyrer.

Erst einmal vielen Dank fĂŒr eurer Lob und eure Kritik. Die Fehler habe ich, soweit sie mir schlĂŒssig erschienen, verbessert.

Was du an dem Ende fĂŒr ein "schauerliches Menetekel" hĂ€lst, habÂŽ ich auch nicht ganz verstanden steyrer. Vielleicht kannst du dem Wunsch Bluefins nachkommen und es wirklich noch einmal ein bißchen ausfĂŒhren.

Noch einen schönen Sommertag (der gerade erst begonnen hat)!

Lio

Bearbeiten/Löschen    


Retep
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jun 2008

Werke: 41
Kommentare: 607
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Retep eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Morgen Lio,

deine Geschichte hat mir sehr gefallen. Du zeigst die beiden Personen so, dass ich mich in ihre Einsamkeit einfĂŒhlen und mitfĂŒhlen konnte.
Wie du das Gesicht der Protagonistin beschreibst, je nach Situation verĂ€ndert, halte ich fĂŒr sehr gekonnt.
Die Sprache passt zum Text, relativ einfach, nicht mit Metaphern ĂŒberladen.

Kleine Anmerkungen:

- Das nahm sich nicht viel. (Diese Wendung kenne ich nicht)
- etwas ganz besonders tolles. (Tolles?)
- alles hassen dich (alle)
- wir waren (hatten) beide irgendwie zur gleichen Zeit an der gleichen Stelle der Bar gestanden
- etwas anderes geistloses (Geistloses)

quote:
Also setzte ich mich wieder neben sie, woraufhin sie mich umarmte und ich eine GĂ€nsehaut bekam, weil mich doch schon so lange niemand mehr umarmt hatte.
- diesen Schlusssatz finde ich sehr gelungen

Habe deinen Text sehr gerne gelesen.

Gruß

Retep

P.S.: Den Titel wĂŒrde ich Ă€ndern.






__________________
>Die Kritiker nehmen eine Kartoffel, schneiden sie zurecht, bis sie die Form einer Birne haben, dann beißen sie hinein und sagen: „Schmeckt gar nicht wie Birne.“< (Max Frisch)

Bearbeiten/Löschen    


14 ausgeblendete Kommentare sind nur fĂŒr Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!