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Leselupe.de > Krimis und Thriller
Mordgeschichten aus dem Niederrhein
Eingestellt am 01. 01. 2009 11:57


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Dancingdet
Festzeitungsschreiber
Registriert: Sep 2008

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Mein Name ist Erwin Koslowski. Ich wurde 1938 in Altwasser in Schlesien geboren. Als ich sechs Jahre alt war fl├╝chteten wir in den Westen und leben seither am Niederrhein; zun├Ąchst in Moers, sp├Ąter in Kamp-Lintfort. Von meiner Mutter habe ich die Klugheit, von meinem Vater den J├Ąhzorn geerbt, und mir scheint das Pech an den H├Ąnden zu kleben; nein eigentlich klebt Blut an meinen H├Ąnden, aber ich war eigentlich immer ein Opfer der Umst├Ąnde. Ich hoffe, dass ich trotz allem immer in guter Erinnerung meiner Freunde und Verwandten bleiben werde.

Es ist kochend hei├č hier unten, und dunkel, und stickig. Die Luft ist voller Staub, der uns in Nase und Mund dringt. Mit zw├Âlf Mann malochen (arbeiten) wir hier in nahezu 950 Meter Tiefe, um Kohle aus dem Gestein zu brechen.
Anton Werger, unser Steiger vor Ort treibt uns an. Heute will er den Rekord brechen bei der Tagesf├Ârderung; und Werger fiebert vor Aufregung.
Aber ich habe andere Sorgen. Die Trude, meine Frau hat die letzten Tage immer solche Andeutungen gemacht, das Aas.
Erst war ja alles in Ordnung, wie wir geheiratet haben, aber jetzt, nach 20 Jahre f├Ąngt sie auf einmal an, rumzust├Ąnkern. Mein Lohn iss nicht hoch genug, ich w├Ąr 'n faulen Sack, weil ich nicht auffe Steigerschule ginge und im Bett w├Ąr ja auch nix mehr los!
Es w├Ąr' schlie├člich meine Schuld, dat wir keine Kinder h├Ątten, weil ich nicht genuch Ullek├Âppe (Kaulquappen) im Sack h├Ątte und 'ne gl├╝ckliche Familie h├Ątt' sie sich auch anders vorgestellt. Aber das w├Ąr' ja auch alles kein Wunder; meine Mutter w├Ąr Schuld, weil sie mich mit einer L├╝ge gro├čgezogen h├Ątte.

Die gro├če L├╝ge bestand darin, dass sie mich bei unserer Flucht 1944 (mein Vater war ein weitsichtiger Mann) auf Erwin umgetauft hatte.
Die Nazis hatten mittlerweile ganz Deutschland im Griff und die Braunen begannen bereits ihre Finger Richtung ├ľsterreich und Sudetenland auszustrecken.
Allen ging es mittlerweile gut. Die Nazis hatten mit der Wischiwaschi-Politik Schluss gemacht und endlich das getan, was sich anst├Ąndige B├╝rger nach dem durch Verrat verlorenen Weltkrieg immer gew├╝nscht hatten.
Meine Eltern lernten sich im August 1937 auf einem Tanzabend der Landjugend kennen. Vater war in einer Fleischerei als Metzger t├Ątig und schuftete 12 Stunden am Tag, um sich etwas Geld beiseite zu legen. Sein Traum war, einmal im Leben nach Rom zu fahren. Vaters Bruder Peter hatte vor drei Jahren schon zum Westen r├╝bergemacht und arbeitete auf einer Zeche am Niederrhein.
Mama war N├Ąherin in einem gro├čen Betrieb, der gerade einen Riesenauftrag zur Herstellung von Uniformen erhalten hatte.
Der Tanzabend bot den jungen Leuten der Umgebung die M├Âglichkeit, sich einmal wieder richtig auszulassen. Es gab Bier, Wein und W├╝rste. Eine Kapelle spielte zum Tanz und Mama und Vater hatten eine Menge Spa├č beim Walzer, der Polka und dem verbotenen Swing.
In den Tanzpausen setzte man sich an den Tisch, um etwas zu trinken und ein wenig zu plaudern.
Mein Vater war sehr angetan von Mamas Aussehen und sie liebte es, wenn seine kr├Ąftigen H├Ąnde sie ├╝ber die Tanzfl├Ąche f├╝hrten. Die Freunde der beiden taten ihr ├╝briges, um sie zusammen zu bringen. Schlie├člich k├╝ssten sie sich hinter dem Zelt und feierten ihre Liebe weiter auf dem Tanzboden.
Beide waren etwas angetrunken, als mein Vater Mama nach Hause brachte. Auf dem Weg zur├╝ck zur Stadt brach ein Sommergewitter aus und sie mussten sie sich im Heuboden des Bauern Eibel unterstellen und aufw├Ąrmen.
Das Produkt des Aufw├Ąrmens meldete sich bald in Form von ├ťbelkeit und dem Ausbleiben der Regel. Mama war verzweifelt und hat es ihren Eltern und Vater gegen├╝ber lange verschwiegen. Als bekannt wurde, dass sie schwanger war, brach f├╝r meine Gro├čeltern eine Welt zusammen. Ihre Tochter schwanger! Von einem Fleischer! Man ├╝berlegte sogar, die Mama zu einem 'Engelmacher' zu bringen. Aber Mama wollte so etwas nicht. Vater erfuhr erst von der Schwangerschaft, als mein Opa an seine T├╝r klopfte, um ihn zusammen zu stauchen.
Vater war jedoch ein Ehrenmann und so hat er um die Mama angehalten und geheiratet.
Es war eine tolle Hochzeit und sogar Vaters ├Ąlterer Bruder Peter war mit seiner Frau und seinen kleinen S├Âhnen aus dem Niederrhein angereist, um mitzufeiern
Vater und Mama waren fasziniert vom 'braunen Messias', der allen aus der Seele sprach und allen ein Paradies auf Erden versprach. Demjenigen, der Arbeit f├╝r alle schuf; demjenigen, der die j├╝dischen Gelds├Ącke aus Deutschland jagte und der daf├╝r sorgen wollte, dass alle Deutschen, auch die ├ľsterreicher, in einem Reich vereint seien.
Ihm zu Ehren taufte man mich auf den Namen Adolf!

Aber es blieb nicht lange ruhig im Reich. Ich war gerade etwas ├╝ber ein Jahr alt, als die Polen uns ├╝berfallen wollten. Schlie├člich gab mein Namensgeber den Befehl zur├╝ck zu schie├čen und einzumarschieren. Es muss ein Riesenjubel im Haus Koslowski gewesen sein. Vater war mit Feuereifer bei der Sache und forcierte seine Einberufung zur Wehrmacht. Und sein Eifer sollte belohnt werden. Er durfte an die Westfront, um am Blitzkrieg gegen Frankreich teilzunehmen. Binnen weniger Tage wurde die franz├Âsische Grenze ohne nennenswerten Widerstand ├╝berschritten.
Mein Vater kam im September 1940 und 1942 von seinen Fronteins├Ątzen nach Hause und deshalb habe ich noch zwei Schwestern. Doch irgendwann ├Ąnderte sich das Kriegsgl├╝ck und Deutschland musste an mehreren Fronten k├Ąmpfen. Mamas und Vaters Enthusiasmus wich dem Gef├╝hl einem Betr├╝ger und Massenm├Ârder auf den Leim gegangen zu sein. Vater wurde schlie├člich an die Ostfront versetzt.
Die Eltern von Mama starben an Typhus, w├Ąhrend Vater gegen die wilden russischen Horden k├Ąmpfte. In seinem letzten Brief, der irgendwann Anfang 1944 bei uns eintraf, riet er der Mama, schnellstm├Âglich aus Schlesien zu verschwinden.
Wir sollten Richtung Westen machen, weil dort keine Russen und keine Polen seien, sondern die Amis und die Tomis.
Mama packte unsere Habe zusammen. Am Bahnhof von Waldenburg herrschte helle Aufregung. Die Nachricht, dass die Ostfront zusammengebrochen war machte die Runde und viele Leute versuchten, Schlesien zu verlassen.
├ťberall waren M├Ąnner der SS zu sehen, die versuchten, die Menschen davon abzuhalten, in den Zug Richtung Westen zu steigen.
Ich war fast sechs Jahre alt und trug meine kleine Schwester, die die meiste Zeit in meinen Armen schlief, als Mama mit uns in den vorletzten Wagen wollte. Die Menschenmenge dr├Ąngte uns nach vorn, bis pl├Âtzlich ein herrisch schreiender SS-Hauptsturmf├╝hrer seine Waffe zog und in die Luft schoss. Er hatte drei SS-M├Ąnner dabei, die ihre automatischen Gewehre ebenfalls auf die Menge richteten.
Es gab eine laute Diskussion, die in Beschimpfungen endete und schlie├člich zu Handgreiflichkeiten f├╝hrte. Der kleine Schuster Herr Weber packte den Hauptsturmf├╝hrer an der Uniform und redete dabei wie wild auf ihn ein, w├Ąhrend die hinter ihm stehenden Leute weiter nach vorn dr├╝ckten. Es l├Âste sich ein Schuss! Herr Weber wurde nach hinten geschleudert und hielt sich die Brust. Blut sickerte zwischen seinen Fingern hervor. Dann war es eine Sekunde lang totenstill.....und im n├Ąchsten Moment brach die H├Âlle los. Ich wurde durch die nach vorn st├╝rmenden M├Ąnner zu Boden geworfen und konnte Marga noch so eben vor einem Aufprall bewahren. Dabei schlug ich mir die Knie und die Ellbogen auf. Tr├Ąnen schossen mir ins Gesicht und so konnte ich nicht sehen, was der Mob mit den SS-Leuten anstellte. Es gab noch einen weiteren Schuss, der aber offensichtlich nichts traf, dann schlugen die M├Ąnner auf die Schergen der Schutzstaffel ein. Mama schob mich in den Waggon und setzte sich so weit sie nur konnte vom Ort des Geschehens weg.
Sie wollte nicht sehen, dass es bei unserer Flucht f├╝nf Tote gegeben hatte. Sie vergrub den Kopf in ihrem Arm und weinte lautlos.
Ich kann mich nur noch bruchst├╝ckhaft an die Reise erinnern. Mama hatte die eigentliche Route schon genau ausgearbeitet. Am Bahnhof in Duisburg hatten wir dann das erste Mal Kontakt zum Niederrhein, der schlie├člich unsere Heimat werden sollte.
Wir stiegen in den Hippeland-Express, der uns zum Moerser Bahnhof brachte. Von hier aus mussten wir nur ein kleines St├╝ck laufen, um bei Vaters Bruder Onkel Peter in Meerbeck zu landen.
Von meinem Vater haben wir nichts mehr geh├Ârt, bis 1957 endg├╝ltig die Nachricht eintraf, dass er gefallen war.
Onkel Peter starrte uns ziemlich feindselig an und lie├č uns immer wieder sp├╝ren, dass wir ihm eine Last waren. Als Kind fehlt einem wahrscheinlich noch das Gesp├╝r f├╝r solche Dinge und au├čerdem waren wir froh, endlich ein zu Hause gefunden zu haben.
Mama war ziemlich fertig und hat oft nachts geheult. Uns gegen├╝ber lie├č sie sich aber nie etwas anmerken und erzog uns so gut sie konnte.
Onkel Peter und Tante Hilde wohnten ziemlich feudal in einem Zechenhaus. Onkel Peter war Steiger auf Rheinpreu├čen 4!
Wir quartierten uns im Schuppen ein und meine beiden ├Ąlteren Vettern halfen uns, den Raum einigerma├čen wohnlich zu gestalten. Paul war schon vierzehn Jahre alt und ging auf der Zeche in die Lehre. Heinz war zwei Jahre j├╝nger und ging noch zur Schule.

Doch dann holte uns der Krieg doch noch mit seiner ganzen Grausamkeit ein!
In Meerbeck, wo die Bombardierung wegen der Treibstoffwerke besonders stark war, waren von 3.000 Siedlungsh├Ąusern fast alle besch├Ądigt und 1.000 nahezu vollkommen zerst├Ârt. Onkel Peters Haus hatte einiges abbekommen, war aber noch bewohnbar.
Das Schlimmste war f├╝r uns Kinder der n├Ąchtliche Bombenalarm und die Hetze zum n├Ąchsten Bunker. Irgendwann tauchten dann die Amerikaner auf und befreiten uns vom Nationalsozialismus.

Trotz der allgemeinen Knappheit an Versorgungsg├╝tern ging es uns den Umst├Ąnden entsprechend gut. Mama kochte f├╝r die Schlafburschen aus der Nachbarschaft auf deren Lebensmittelkarten, wusch ihre W├Ąsche und half dem einen oder anderen, Briefe an ihre Liebsten zu formulieren. Man trieb den so genannten Wiederaufbau voran. Die Alliierten hatten den Morgenthau-Plan verworfen und arbeiteten daran, die Vorschl├Ąge der US Au├čenministers George C. Marshall durchzuf├╝hren. Gl├╝cklicherweise geh├Ârte die Steinkohle zu einem der wichtigen Rohstoffe, die zum Aufbau der Schwerindustrie ben├Âtigt wurden. Man ging mit Eifer daran, das Land wieder aufzubauen und die Vergangenheit zu verdr├Ąngen.
Wir Kinder hatten eine Menge Spa├č miteinander, wir spielten in zerbombten Hausruinen und in den Bunkern in der N├Ąhe. Wir gingen zu Schule und lernten etwas f├╝r Leben.
Wir erlebten, wie das Land Nordrhein-Westfalen gegr├╝ndet wurde; wir verfolgten im Radio die Abenteuer des Forschers Thor Heyerdahl, der mit seinem Balsaflo├č 'Kon-Tiki' von Peru nach Polynesien segeln wollte. Wir h├Ârten, wie die M├Ąnner ├╝ber einen Adolf Hennecke sprachen, der in der SBZ ├╝ber 24m┬│ Kohle allein abgebaut haben sollte. Wir jubelten, als die Bundesrepublik Deutschland ausgerufen wurde und ├Ąrgerten uns, als die DDR die Ausgleichslieferung f├╝r unsere Steinkohle einstellte.
Paul zog nach Neukirchen-Vluyn, um dort auf der Zeche Niederberg zu arbeiten, so dass Mama und meine Schwestern in sein Zimmer ziehen konnten. Ich blieb im Schuppen wohnen, w├Ąhrend unsere Sportler erstmals wieder an Olympischen Spielen teilnehmen durften. Ich schloss die achte Klasse ab und bewarb mich auf der Zeche Rheinpreu├čen, auf der ich dann schlie├člich angenommen wurde.
Dann gab es in der DDR den Volksaufstand, der alle in der Nachbarschaft ziemlich aufbrachte. Mit einem Mal stand wieder eine Bedrohung vor der T├╝r. Ein dritter Weltkrieg w├Ąre durchaus denkbar gewesen und ich sp├╝rte die Sorgen und Bef├╝rchtungen der Erwachsenen.

Onkel Peter hatte beschlossen, unser Plumpsklo im Garten einige Meter zu versetzen, da die alte Grube schon ziemlich voll war. Die wurde zwar regelm├Ą├čig mit Stroh und Chlorkalk abgestreut, aber der Geruch war im Sommer schon ziemlich stark.
ÔÇ×N├Ąchstes Jahr soll hier zwar eine Kanalisation gebaut werden, aber bis dahin...ÔÇť
Wir griffen also zu Hacke, Spaten und Schaufel und begannen, eine neue Grube auszuheben. Wir schafften an diesem Tag bereits die H├Ąlfte der geplanten Tiefe.
An diesem Abend ging Tante Hilde mit Hertha und Marga (meinen Schwestern) zur Abendmesse, so wie sie es seit Jahren immer donnerstags praktizierte. Daf├╝r schleppte sie die Armen auch noch freitags zur Mittagsmesse, denn sie war sehr gl├Ąubig und war davon ├╝berzeugt, dass das Haus nur deshalb von den Bomben verschont wurde, weil sie st├Ąndig zu Jesus Christus gebetet hatte. Damit sich an diesem Gl├╝ck nichts ├Ąndert, verbrachte sie jede freie Minute mit beten oder mit Gottesdienst.
Heinz ging zum Fu├čball und Mama blieb zu Hause, um noch etwas zu n├Ąhen oder um unsere Sachen zu flicken.
ÔÇ×Deine Sachen f├╝r die Nachtschicht stehen in der K├╝che, Schatz,ÔÇť rief Tante Hilde noch und zog die Bagage hinter sich her. Onkel Peter ging ins Haus, um sich frisch zu machen und ein wenig zu ruhen, bevor er anfuhr und ich legte mich in meinem Schuppen auf die Pritsche.
Ich war kurz eingeknickt und wurde wach, weil ich Durst hatte. Schnell sprang ich auf, um mir einen Schluck Selters aus der K├╝che zu holen. Im Haus h├Ârte ich ungewohnte Ger├Ąusche, also schlich ich durch die K├╝che und pirschte mich die Treppe hinauf.
Mama stand ├╝ber einer Waschsch├╝ssel und wusch sich die Mumu, w├Ąhrend sie laut schluchzte. Onkel Peter zog sich die Hosen hoch und war ganz rot im Gesicht. ÔÇ×Wenn Friedrich davon erf├Ąhrt, bringt er dich um, Peter!ÔÇť heulte Mama. ÔÇ×Das geht nicht so weiter; seit neun Jahren tust du mir das an.ÔÇť ÔÇ×Ach, h├Âr auf ! Du willst es doch auch immer,ÔÇť schnauzte er zur├╝ck. ÔÇ×Einmal, einmal nur Peter! Und seitdem bedr├Ąngst du mich jeden Donnerstag.ÔÇť ÔÇ×Sei froh, dass ich dich und deine Blagen bei uns aufgenommen habe. Du k├Ânntest etwas dankbarer daf├╝r sein, dass ihr nicht auf der Stra├če leben m├╝sst!ÔÇť Mama heulte wieder los und ich zog mich mit hochroten Ohren zur├╝ck in meinen Schuppen. Auf der Pritsche liegend begann ich zu weinen. Ich war w├╝tend auf meine Mutter und auf meinen Onkel. Mein Vater galt als vermisst und die beiden betrogen ihn! Onkel Peter war schon immer sehr komisch zu uns gewesen und offensichtlich lag es an Mama, dass er uns bei sich aufgenommen hatte. Und Mama war schlie├člich eine junge Frau, die hin und wieder Bed├╝rfnisse hatte, die Tante Hilde bei Onkel Peter nicht befriedigen konnte oder wollte. Kein Wunder, trug sie doch fast einen Heilgenschein! Mistkerl! Verrecken soll er!

Ich erwachte am n├Ąchsten Morgen, und musste mich sputen, damit ich nicht zu sp├Ąt zur Arbeit kam. Die gesamte Schicht ├╝ber war ich v├Âllig unkonzentriert, weil mir der Vorfall einfach nicht aus dem Sinn gehen wollte.
Das Mittagessen stand in der K├╝che, als ich nach Hause kam. Onkel Peter arbeitete schon wieder an der Grube, die anderen waren bereits in der Kirche; Heinz hatte Mittagsschicht.
Es war mir unangenehm zu meinem Onkel nach drau├čen zu gehen.
Mir war spei├╝bel, als ich mich schlie├člich zu ihm traute. ÔÇ×Mensch, wo bleibst du denn,ÔÇť sch├╝ttelte er den Kopf. ÔÇ×Ich warte schon fast eine Stunde.ÔÇť Und dann murmelte er etwas von Faulheit und Undankbarkeit. ÔÇ×Gib mal den Spaten runter!ÔÇť Ich holte aus und gab ihm den Spaten! Die Wucht zersplitterte seinen Sch├Ądelknochen und das Blatt des Spatens drang um zweidrittel in sein Gehirn ein. Ohne einen Ton sackte er in sich zusammen und sein Blut sickerte in den Grubenboden. Einige Augenblicke stand ich wie erstarrt, dann bekam ich mich in den Griff. Er hatte es nicht besser verdient!
In meinem Kopf ratterte es. Was w├╝rden die anderen sagen, wenn sie erfahren, dass ich ihn umgebracht hatte? Langsam reifte ein Plan in mir. Zun├Ąchst musste ich die Leiche verschwinden lassen.
So bestreute ich ihn mit einer Lage Chlorkalk, f├╝llte etwas Erde ├╝ber seinen Leichnam und f├╝llte schlie├člich eine Lage Stroh in die Grube.
Das alte Kloh├Ąuschen versetzte ich mit Hilfe von einigen Rundh├Âlzern. Dann holte ich Onkel Peters Schichtdubbels (Brote) und seine Thermokanne, warf sie in die alte Abortgrube, deckte alles mit Chlorkalk und Stroh ab, bevor ich sie zu schaufelte und den Boden verdichtete.
Ich zitterte. Was w├╝rde geschehen, wenn Onkel Peter nicht auftaucht ? Die Polizei w├╝rde kommen und Fragen stellen. Ich begab mich in die K├╝che und trank einen Schluck Wasser gegen die aufkommende ├ťbelkeit. Mein Blick fiel auf die K├╝chenuhr. Ich hatte noch etwa 20 Minuten Zeit, bevor meine Verwandtschaft aus der Kirche zur├╝ck sein w├╝rde. Als n├Ąchstes musste es so aussehen, als sei Onkel Peter zur Arbeit gegangen.
Ich angelte mir Onkel Peters Jacke, seine saubere Hose, seine M├╝tze und seinen Schl├╝sselbund, schwang mich aufs Rad und strampelte zur Zeche, schlich mich durch die Markenkontrolle und dr├╝ckte die Stempelkarte meines Onkels. Dann stahl ich mich vorsichtig in die Kaue, holte seine Sachen vom Haken und legte die saubere W├Ąsche darauf. Das Arbeitszeug packte ich in ein W├Ąschenetz. Drau├čen schlenderte ich schlie├člich m├Âglichst auff├Ąllig herum.
Einige Kumpel gr├╝├čten mich kurz mit einem 'Auf' (das K├╝rzel f├╝r Gl├╝ck auf) und fragten fr├Âhlich, wo denn mein Onkel sei. ÔÇ×Der ist schon angefahren,ÔÇť rief ich zur├╝ck und spurtete nach Hause, nachdem ich seine Sachen in ein Brombeergeb├╝sch gestopft hatte. Die Klamotten w├╝rden bestimmt von einem Streuner ÔÇô davon gab es hier viele ÔÇô gefunden werden und verschwinden.
Meine Leute waren schon da und bewunderten den neuen Standort des Klos.
ÔÇ×Mann, das habt ihr ja gut hingekriegt,ÔÇť nickte Heinz anerkennend. Dann nahm er mich beiseite. ÔÇ× H├Âmma, ich hab' gestern den Herbert Schmitz getroffen und der hat mir gesagt ich soll mich auf Prosper Haniel bewerben. Die zahlen fast 15% mehr Lohn! Vatter wei├č da noch nix von und ich trau mich auch nich' ihn zu fragen. Ich kann ers ma im Bergmannsheim wohnen, bis die 'ne Wohnung f├╝r mich haben.ÔÇť ÔÇ×Warte noch bis Sonntag, dann ist er wieder in Geberlaune,ÔÇť scherzte ich, obwohl mir immer noch ganz ├╝bel war.
Als Onkel Peter am Samstag nicht erschien, dachten alle, dass er wohl doppelt macht (eine Doppelschicht f├Ąhrt). Aber als er am Sonntag immer noch nicht auftauchte, wurde die Sache kritisch. Tante Hilde schickte Heinz und mich zum P├╝tt, damit wir nach Onkel Peter fragen.
Niemand hatte ihn gesehen, er schien immer noch unter Tage zu sein. Seine Schicht hatte ihn vor Ort nicht gesehen. Die Markenkontrolle pr├╝fte alles und stellte fest, das Onkel Peter immer noch vor Ort sein musste. Der Kauenw├Ąrter best├Ątigte das, weil Onkel Peters Klamotten immer noch am Haken hingen. Man vertr├Âstete uns auf Montag, schickte aber vorsichtshalber ein paar Leute nach unten, um ihn zu suchen. Die Suche dauerte fast eine Woche.
Das Bergamt schaltete sich ein und auch die Polizei, die uns alle befragte. Alle antworteten wahrheitsgem├Ą├č und ich heulte Rotz und Kl├╝mpel (Wasser), da ich ihn schlie├člich als Letzter gesehen und unter Zeugen zur Zeche gebracht hatte.
Polizei und Bergamt ├╝berpr├╝ften sogar alle Aussagen; schlie├člich wurde Onkel Peter offiziell als vermisst eingestuft.
Tante Hilde war die erste Zeit v├Âllig aufgel├Âst; Paul kam sie ,so oft er konnte, besuchen; Heinz trat die Stelle bei Prosper an und meine Mutter war erleichtert.

Vier Jahre sp├Ąter erhielt sie die Nachricht von Vaters Tod und bekam eine schmale Witwenrente. Ich schloss meine Lehre ab, nahm eine Stelle auf der Zeche Friedrich-Heinrich in Kamp-Lintfort an. Wir bezogen eine Wohnung auf der Ferdinantenstra├če, meine Schwester Hertha begann ihr Lehre, Marga ging weiter zur Schule und das Leben nahm seinen gewohnten Gang.
Onkel Peter tauchte nie wieder auf.
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Tanzen ist Bewegung zur Musik; aber nicht jede Bewegung zur Musik ist Tanz.

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