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Leselupe.de > Science Fiction
Naftali
Eingestellt am 19. 07. 2006 20:00


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springcrow
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jul 2006

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Naftali

„Was ist denn das?“ Markus ließ die Taschenlampe in einer Ecke kreisen, wo ein Bündel auf dem Boden lag, dass sich bewegte. Er stieß es mit dem Fuß an und es zuckte zusammen. „Frau Marder! Herr Ludwig! Kommen Sie doch mal her, hier lebt noch was.“
Jule Marder kämpfte sich durch die Trümmer des zerstörten Labors: „Unmöglich, die Explosion kann nichts überlebt haben, hier gibt’s nur Leichen.“
„Dann ist diese Leiche hier aber noch sehr lebendig.“ Markus hob das Tuch hoch und schrak zurück. Was ihm da entgegen starrte, war mehr, als er ertragen konnte. Es war ein Junge, vielleicht fünfzehn Jahre alt. Seine übergroßen, grünen Augen starrten ihn aus einem verdutzten Gesicht entgegen. Aber als er sah, dass sich jemand für ihn interessierte, lächelte er und.... wedelte mit dem Schwanz.
Thomas Ludwig hatte sich an Jule vorbei geschoben und kniete sich neben den Jungen. Er trug keine Kleidung, nur einen alten Kartoffelsack, den er sich mit einem Kabel um den Bauch gebunden hatte. Sein langes, strähniges braunes Haar, fiel über seine knochigen Schultern und berührte fast den Boden. Thomas betrachtete ihn genauer: „Sieht aus, als sei er ein Überbleibsel dieser grausamen Experimente, die man hier an Kindern durchgeführt hat, als das Labor noch stand.“
„Aber wie konnte er das überleben?“ fragte Jule „Die meisten dieser Kinder, starben in den ersten Wochen, wenige erlebten überhaupt ihren ersten Geburtstag. Aber der hier ist mindestens fünfzehn.“
„Ob er sprechen kann?“
„Kann ich“, sagte der Junge plötzlich und stand auf. Er war sehr dünn und trug ein Buch unter dem Arm. „Ich bin Naftali." Er legte das Buch beiseite und zog aus einem verfallenen Schrank eine Akte mit seinem Namen drauf. Er reichte sie Thomas, der sie gleich aufschlug. „Markus, komm mit der Taschenlampe her.“ Er begann zu lesen und schüttelte den Kopf: „Schrecklich, was sie mit dem kleinen gemacht haben, er hat sein ganzes Leben große Qualen gelitten. Dass er noch am Leben ist, grenzt an ein Wunder.“
„Kein Wunder“, sagte Naftali. „Ich will das hier sehen“, sagte er und hielt das Buch hoch. Jule nahm es an sich und blätterte darin herum. Es war ein Kinderbuch, mit Bildern von einer glücklichen Familie, die in der Natur ein Picknick machte. „Das willst Du also sehen.“
„Ja, darauf habe ich schon so lange gewartet. Der große Knall, hat alle großen Leute vertrieben. Sie hatten versprochen, wenn ich alles mache, was sie sagen, dann darf ich die Welt draußen sehen. Aber jetzt sind sie weg, jetzt kann ich nicht raus. Ich muss warten, bis sie wieder da sind, dann kann ich das alles sehen.“
Die drei sahen sich verwirrt an, dann klatschte Markus in die Hände: „Du brauchst nicht zu warten, wir können Dich auch hier raus bringen.“
„Könnt Ihr?“ er nahm das Buch wieder an sich und drückte es an seine Brust. „Gleich jetzt?“
Sie sahen sich an und nickten dann: „Komm mit uns, wir zeigen Dir die Welt draußen.“ Er lief ihnen schwanzwedelnd nach draußen nach. Er kniff die Augen zusammen, als er zum ersten Mal die Sonne sah. Den dreien fiel dabei zum ersten Mal auf, wie blass der kleine Kerl war.
Er sah sich um, aber auf dem Gelände des Labors, gab es nichts zu sehen, also ließ er sich in das Auto packen und durch die Gegend fahren. Er sprach nichts auf der Fahrt, sondern hielt Ausschau nach den Bildern, die er aus dem Buch kannte. Aber er sah nur graue Steinblöcke, asphaltierte Straßen und Plätze. Die Gesichter der Menschen waren versteinert, er sah keine Emotionen in ihnen. Er suchte die Menschenmenge nach der glücklichen Familie ab, die er aus seinem Buch kannte.
„Sag mal, Naftali", sagte Thomas, „wie hast Du es nur geschafft, so lange zu überleben? Viele von denen im Labor sind früh gestorben.“
„Ich habe überlebt, damit ich das sehen kann, was ich nur aus dem Buch kenne. Ich habe einfach weitergelebt, damit ich das mal in der echten Welt sehen kann. Bilder bewegen sich nicht und sie reden nicht.“
„Das heißt, Du willst so lange leben, bis Du das gesehen hast?“
„Ja, ich will das sehen und ich will in dieser Welt leben. Wann werden wir sie sehen? Wie weit ist es noch, bist das grüne kommt?“
„Ich fürchte, da müssten wir in die Vergangenheit reisen, im Jahr 2050 gibt es nichts grünes mehr, der Sauerstoff wird von großen Maschinen hergestellt.“
„Nirgends mehr?“
„Nein.“
Er nickte und berührte die Seiten seines Buches.
Im Zentrum der Hauptstadt stiegen sie aus und nahmen Naftali mit sich in ein Museum. Dort sah er die Dinge, aus seinem Buch wieder, ein Bild von einem Wald und von glücklichen Tieren. Das was er gesucht hatte, gab es nicht mehr in der Welt. Er war sehr enttäuscht, aber noch etwas gab es, dass ihm Hoffnung gab, die Familie aus dem Buch.
Er wand den Blick von den Bildern ab und suchte in dem Museum nach Familien, die sich gemeinsam und lachend die Bilder ansahen. Doch er suchte vergebens. Die Kinder, die er sah, trugen graue Fracks und waren in großen Gruppen unterwegs, machten ernste Gesichter und blickten mit versteinerten Mienen auf lange Texte, die sie auswendig lernten. In ihren Köpfen steckten Kabel.
„Was ist das?“ fragte Naftali.
„Das ist eine Schulklasse. Die Kabel in ihren Köpfen, leiten das Wissen in die Richtigen Regionen des Gehirns, so können sie sich alles merken.“
„Wollen sie das?“
„Die meisten nicht, aber das befielt die Regierung, das ist eine Klasse, die später Archäologen werden. Man hat nicht mehr das Geld, um Arbeitslose zu bezahlen, darum verhindert man die freie Berufswahl und legt bei ihrer Geburt fest, welchen Beruf sie einmal haben werden und ob sie wichtig für die Gesellschaft werden, oder nicht. Wichtige, bekommen mehr Geld und größere Wohnungen.“
„Aber sie leben doch noch bei den Eltern, wie können sie eine Wohnung haben.“
„Die Eltern gehen arbeiten, nach der Geburt werden die Kinder in den Kinderhäusern an die Nährmaschinen angeschlossen und das erste Wissen in ihre Köpfe gespeichert. So können die Eltern wieder arbeiten gehen und Geld für den Staat verdienen. Und wenn ein Kind nicht lebenswert ist, was heißt, wenn sie durch Behinderung keinen Nutzen für die Gesellschaft haben können, werden sie schon im Mutterleib entsorgt.“
Diese Worte waren ein schwerer Schlag für Naftali, denn Thomas sagte es, als sei es ganz normal.
Später an diesem Abend, saßen sie auf einer Bank und Naftali blätterte in seinem Buch. Er hatte nun alles von dieser Welt gesehen und blickte voll Sehnsucht auf sein Buch.
„Und, Naftali, was willst Du nun tun?“ fragte Thomas. „Soll ich Dich in ein Kinderhaus in dieser Stadt bringen, oder willst Du in ein Kinderhaus in einer anderen Stadt?“
Naftali sagte erst einmal nichts. Als Thomas seine Frage wiederholte, sagte er mit leiser Stimme:
„Es gibt also keine Natur mehr in der Welt?“
„Nein, aber das weißt Du doch.“
„Ja, und es gibt auch keine glücklichen Familien mehr?“
„Nein, aber so bringt es mehr Nutzen für die Gesellschaft und mehr Geld.“
„Also gibt es nichts mehr, aus meinem Buch in der Welt?“
„Nein, das ist vergangen.“
„Und es kommt nicht wieder?“
„Nein.“
Naftali nickte und starb.

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Sushie
Hobbydichter
Registriert: Mar 2006

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Kommentare: 11
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hi springcrow,

Zuerst das was mir nicht so gefallen:
Du schreibst dass Naftali mit einem Kabel um die Brust/Bauch gebunden Kartoffelsack gefunden wurde. Scheinbar behält er diesen während seiner ganzen Fahrt und später dann im Museum auch noch an. Im Auto ginge es ja noch, aber im Museum würden die Leute schon ( auch wenn Sie alle mürrisch auf die Objekte starren ) hingucken.

Das hat mir gefallen:
Die ganze Geschichte hat so einen "Brave New World" roten Faden, den ich sehr gut zu lesen fand. Besonders aber die Ausführungen zum Thema Arbeitslos bzw Kindererziehung hast schön in diese Geschichte reinbekommen.

Bis denne,
Sushie

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NicoD
Häufig gelesener Autor
Registriert: Aug 2005

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Textlich gut, aber der Inhalt

Hallo,

mir hat Deine Sprache sehr gut gefallen. Der Text liest sich sehr gut! Leider finde ich den Inhalt sehr klischeebefrachtet. Jaja, die Zukunft! Seit den 60er Jahren wird in solchen oder ähnlichen Texten die Zukunft zu einer kalten, herzlosen, betonverbauten Hölle erklärt. Regelmäßig kommt man zu dem Schluß: Nein, in dieser Zukunft will man nicht leben. Aber merkwürdigerweise scheint dann doch die Sonne, gibt es noch Bäume und ist es schön, zu leben.

Gruß,

Nico

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flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 278
Kommentare: 8208
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na,

sushie, hast wohl nicht zu ende gelesen oder soll dein kommentar eine aufforderung an den autor sein, den schluss zu ändern?
dan wäre die geschichte ziemlich 0-8-15.
lg
__________________
Old Icke

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