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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Neuigkeiten aus Basdorf
Eingestellt am 13. 09. 2004 23:37


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AlexanderrednaxelA
Routinierter Autor
Registriert: Mar 2004

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Von der Zechliner Stra├če bin ich mit der 6 bis zum Bahnhof Landsberger gefahren, am Anton-Saefkow-Platz vorbei, in der Schwimmhalle warf mich ein Lehrer mal aus p├Ądagogischen Gr├╝nden vom Dreimeterbrett, nachdem er mich noch einen Meter h├Âher gehoben hatte. Dann mit der S-Bahn Richtung Buch oder Bernau, egal, Hauptsache: Karow ausgestiegen, dort hab ich auf die Heidekrautbahn oder einen Doppelstockzug gewartet, der ziemlich genau eine halbe Stunde bis zum Bahnhof Basdorf brauchte. Das war jahrelang jeden Freitag das Programm, denn in Basdorf verbrachte ich das Wochenende bei meinen Gro├čeltern, Gro├čv├Ąterchen und Oma Trudchen.

In dem Haus in Basdorf habe ich nach ÔÇ×Sport aktuellÔÇť im Garten Fu├čball gespielt, habe meinen Onkel beim Kaffee eine Million mal auf ein allgemeines ÔÇ×Guten AppetitÔÇť ÔÇ×Danke GeizhalsÔÇť sagen h├Âren, hatte Angst vor seinem Hund Tschornok, hab meine erste Zigarette auf dem Klo geraucht. Was meiner Oma nicht verborgen geblieben ist. Dreimal bekam ich R├╝ckspiegel f├╝r mein Rad geschenkt, jedes Mal bin ich bei der ersten Fahrt gest├╝rzt und habe Scherben draus gemacht. Ich erinnere mich an Wespenstiche in die Bauchgegend, Eissorten, die es in Berlin nicht gab und an Asco Cola, ein leckeres Getr├Ąnk, stand kistenweise im Kohlenkeller. Oben, wo ich geschlafen und viel gelesen habe, war die Tapete ganz rau. Es gab eine Hollywoodschaukel (Adlershofschaukel, sollte man das sagen?), die im Sommer aufgebaut wurde und auf der ich Winnetous Tod beweinte. Immer durfte ich viel l├Ąnger aufbleiben als zuhause, und habe Samstag abends Gruselfilme und Krimis gesehen, die mich ├╝berforderten, aber ungeheuer aufregend waren. Gro├čv├Ąterchen legte sich dabei Patiencen, er blieb jede Nacht bis vier wach, stand um sieben auf und a├č dann Cornflakes, die wir ihm in Massen schenkten, wenn es in Berlin mal welche gab. Was wir ihm auch schenkten: Karo-Zigaretten oder manchmal welche aus dem Westen.

Meine Oma hatte nie nach Basdorf gewollt, sie war Berlinerin, dort ging es ihr gut. Das wusste ich damals nicht. Sie musste ihre Arbeit aufgeben, weil sie sich dem Willen Gro├čv├Ąterchens gebeugt hat und war zeitlebens ungl├╝cklich in diesem kleinen Ort, f├╝r den es objektiv keine glamour├Âsere Beschreibung als ÔÇ×kleiner OrtÔÇť geben kann. Sie kochte und legte Obst ein, malte mit dem Messer Karos auf die Teewurst und trug einen blauen Kittel. Sie machte alle gl├╝cklich, war dabei selbst schwer krank, aufgrund einiger misslungener Operationen, und litt sehr unter Basdorf und dem kleinen Leben in dem kleinen Haus in dem kleinen Ort. Eines Tages ist sie erstickt, im Krankenhaus Buch.

Kurz zuvor hatten sich meine Gro├čeltern eine Katze gekauft, die wurde kurz nach Oma Trudchens Tod ├╝berfahren. Gro├čv├Ąterchen holte sich noch eine Katze, eine orangefarbene. Er fand sie wenige Monate sp├Ąter mit durchschossenem Kopf hinter seinem Garten. Der Fernseher ging auch kaputt, ohne Vorank├╝ndigung. Es gab jetzt keinen Staatsratsvorsitzenden mehr, sondern einen Bundeskanzler. Mein Gro├čvater war sehr hilflos, ich wei├č noch, wie er mir voller Stolz zeigte, dass alles Geschirr sauber bleibt, wenn man immer die Teller von unten benutzt, so wird alles mal abgesp├╝lt. Zu seinen Cornflakes nahm er immer einen Haufen Tabletten; eines Tages entschied er, darauf zu verzichten und starb an Weihnachten.

Mein Vater und sein Bruder verkauften das Haus, zu einem Spottpreis, aber es war auch ein Spotthaus, klein und mittlerweile ├Ąu├čerst bauf├Ąllig. Ich war nie wieder an dem Haus, nur einmal in Basdorf zum Billardspielen, Mitte der 90er, als eine Skinheadclique den Ort unter Kontrolle hatte.
Was weiter passierte, habe ich nicht verfolgt, aber gestern erfuhr ich, dass das Haus meiner Gro├čeltern k├╝rzlich abgebrannt ist. Eine Frau hatte dort mit ihrer behinderten Tochter gewohnt, die Tochter ist verbrannt.
Auf Fotos sehe ich, dass mein Gro├čvater fr├╝her sehr beleibt war; ich kenne ihn nur als hageren, h├Âlzernen Mann, der viel rauchte und gerne Cognac trank.

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