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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Pani Lore
Eingestellt am 12. 03. 2017 20:40


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Ralph Ronneberger
Foren-Redakteur
Autor mit eigener TV-Show

Registriert: Oct 2000

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„Pani Lore!!!“
Die befehlsgewohnte Stimme von Major Dzikowski dröhnte durch die Villa. Sie drang bis hinunter in den Keller und machte Lore auf den Umstand aufmerksam, dass das Schießen abgeflaut war. Lauschend hob sie den Kopf. Aus der Richtung, in der die so hartnĂ€ckig verteidigte BrĂŒcke lag, vernahm sie nur noch vereinzeltes Gewehrfeuer. Die Kanonen schwiegen.
Doch sie wusste: Es wĂŒrde gleich wieder losgehen. Es hatte in den vergangenen drei Tagen mehrmals derartige Verschnaufpausen gegeben, wo sie annahm, ihre gespannten Haltung aufgeben und durchatmen zu dĂŒrfen. Aber solche Unterbrechungen waren stets von kurzer Dauer geblieben.
Das Ungeheuer, das den Namen „Krieg“ trug, hielt nicht nur dieses Dorf, sondern die ganze Umgebung in seinen Krallen. Nie hatte es lange gebraucht, neue KrĂ€fte zu sammeln, um danach mit unverminderter Wucht ĂŒber das Land und seine Bewohner herzufallen. An drei Tagen und NĂ€chten hatte Lore seinen todbringenden Atem bereits verspĂŒrt. Wann wĂŒrde das aufhören?
So oft es ging, versuchte sie sich in ihrem Verschlag zu verkriechen, den eine morsche Bretterwand vom Rest des Kellers trennte. Zwischen all den GerĂ€tschaften, die niemand mehr benötigte, hatte sie sich etwas Platz geschaffen, um auf dem mit rohen Ziegeln gepflasterten Fußboden einen dĂŒrftig gefĂŒllten Strohsack ausbreiten zu können. In einem Regal standen die wenigen Habseligkeiten, die sie in Sicherheit zu bringen vermocht hatte.
„Lore!!!“
Von außen wurde ungeduldig gegen die Bretterwand gedroschen. Sie erkannte Anteks Stimme und gönnte sich einen Seufzer, bevor sie sich aufrichtete. Sie hob die Beine, um mit dem nötigen Schwung von ihrem Strohsack hochzukommen, da wurde die TĂŒr brutal aufgerissen.
„Lore! Du kommen – Major Dzikowsk! Er 
!“
Anteks Jungengesicht, auf dem sich soeben noch die Bedeutung des vom Bataillonschef persönlich erteilten Befehls widerspiegelte, verĂ€nderte sich schlagartig. Der geöffnete Mund blieb in seiner Position, aber statt weiterer Worte drang nur ein gedĂ€mpftes Röcheln zwischen den blassen Lippen hervor. Lore sah seinen glĂ€sern gewordenen Blick auf einen Punkt gerichtet, der etwa in Höhe ihrer Schenkel liegen mochte. Sie wusste nicht genau, was er sah und beeilte sich beim Aufstehen. Schon nahmen die Pupillen des Jungen eine leichte TrĂŒbung an, die sie nur zu gut kannte. Auch der Hausherr, Christof Wernicke, seines Zeichens RauchwarenhĂ€ndler zu Leipzig, bekam diesen Blick viel zu hĂ€ufig. Bei dem, sich so bieder gebenden Familienvater wurde dieses Stieren allerdings nicht von jungenhafter Neugier, sondern von wissender Geilheit ausgelöst. Und Lore durchschaute sofort, dass sie wieder mal „fĂ€llig“ war. Sie hatte lange gebraucht, um sich mit dem Umstand abzufinden, dass es zu den normalen Aufgaben eines DienstmĂ€dchens im Hause dieses reichen Kaufmannes gehörte, gleichwohl den fleischlichen GelĂŒsten des Hausherren zu genĂŒgen. Inzwischen hatte sie sich damit abgefunden und Techniken entwickelt, die den ĂŒbergewichtigen, kurzatmigen Wernicke rasch ans Ziel brachten und ihn nach kurzer Ekstase wie einen vollgesogenen Blutegel von ihr abfallen ließen. Sie schĂŒttelte sich danach wie ein frisch getretenes Huhn, ehe sie wortlos ihre Hausarbeit wieder aufnahm.
„Major haben GĂ€ste! Du machen Tee!“, stieß Antek hervor, wĂ€hrend Lore ihren dicken Blondzopf nach hinten warf und mit ein paar Handstrichen ihre Kleidung zu richten suchte.
Sie trat einen Schritt auf den Jungen zu und blickte ihm ins Gesicht. Der Rest einer Verlegenheitsröte lag noch auf seinen Wangen.
‚Gerade mal sechzehn Jahre alt und schon Soldat’, dachte sie.
Er hatte ihr unlĂ€ngst voller Stolz erzĂ€hlt, den französischen Einmarsch in Russland als Trommler mitgemacht zu haben. Ein SĂ€belhieb auf den linken Unterarm hĂ€tte ihm bei Borodino das Leben kosten können. Zum GlĂŒck ging die Schlacht siegreich aus. Antek konnte rechtzeitig ein Feldlazarett eingeliefert werden. SpĂ€ter, als die Grand Armee lĂ€ngst Moskau eingenommen hatte, brachte man ihn in die Heimat zurĂŒck. Der verheerende RĂŒckzug blieb ihm somit erspart. Eine schlecht verheilte Sehne schrĂ€nkte die Beweglichkeit seines Handgelenkes ein. So avancierte er im FrĂŒhjahr bei der Neuaufstellung des Korps Poniatowski zum Burschen von Major Dzikowski. Diese Rolle gefiel ihm. Sein BemĂŒhen, dem Artillerie-Kommandeur jeden Wunsch zu erfĂŒllen, bevor dieser ihn ĂŒberhaupt ausgesprochen hatte, besaß etwas RĂŒhrendes.
„Ich komme“, sagte Lore mĂŒde und ruckelte an ihrem Brusttuch.
„Pani Lore – bitte – neu!“
Diesmal war es der Eifer, der eine neue Rotwelle ĂŒber sein Antlitz strömen ließ. Er strich sich mehrfach ĂŒber den Bauch und zeigte dann auf den ihren.
„Neu!“, wiederholte er.
Lore schaute an sich herunter und nickte. Ihre einstmals weiße SchĂŒrze wies zahlreiche Blutflecke auf. Sie hatte am Nachmittag dem Feldscher beim Verbinden geholfen. Vier junge Artellenristen – höchstens einer von ihnen mochte eine Überlebenschance besitzen. SpĂ€ter verteilte man die notdĂŒrftig Versorgten auf leere Munitionswagen, die zurĂŒck nach Leipzig gingen, um neue Granaten zu holen – falls es ĂŒberhaupt noch welche gab
Lore griff in das Regal und fand tatsĂ€chlich eine saubere SchĂŒrze – die Letzte. WĂ€hrend sie die alte ablegte und die neue umband, trat Antek ungeduldig von einem Bein auf das andere.
„Schnell!“
Lore lĂ€chelte. LĂ€ngst war sie gewöhnt, von Antek, dem alles zu langsam ging, angetrieben zu werden. Aber er wurde nie barsch oder gar unflĂ€tig. Sie fĂŒhlte, dass er Respekt vor ihr besaß.
„Komm!“
Antek hastete die Kellertreppe empor. WĂ€hrend sie ihm nacheilte, vergaß sie ihre Röcke weit genug zu raffen, und da passierte es. Sie trat auf den Saum, strauchelte und fiel, mit einem Aufschrei die letzten Stufen ĂŒberfliegend, in den Korridor. Sie rutschte ein StĂŒck ĂŒber den von unzĂ€hligen Stiefeln verdreckten Fußboden und dachte nur: ‘Die schöne saubere SchĂŒrze!’
Schon war Antek neben ihr, um ihr aufzuhelfen. Als er sie ungeschickt unter den Armen packte und an ihrem Oberkörper zog, schwappte eine ihrer BrĂŒste aus dem verrutschten Mieder. Die Arme des JĂŒnglings erschlafften schlagartig. Um ein Haar hĂ€tte er sie losgelassen. Doch Lore gelang es, auch ohne seine Hilfe, auf die Beine zu kommen. Beim Aufrichten verstaute sie hastig ihre Brust dort, wo sie hingehörte. Dabei spĂŒrte sie, wie ihr Gesicht brannte. Neben Scham musste wohl auch ein QuĂ€ntchen Wut mit im Spiel gewesen sein. Wut auf Antek, der erneut diesen Schleierblick bekam.
„Jetzt fang bloß nicht an zu sabbern“, zischte sie aufgebracht und funkelte mit ihren auffallend großen Blauaugen.
Antek versuchte ein entschuldigendes LĂ€cheln, zuckte aber gleichzeitig mit den Achseln, als Zeichen, dass er nicht verstanden hatte.
„Du sollst endlich aufhören, mich 
!“
Weiter kam Lore nicht, denn soeben wurde eine der vom Flur abgehenden TĂŒren aufgerissen, und auf der Schwelle erschien der kleine krummbeinige Major.
„Was stehen umher?! Durchlaucht haben eilig! Lore! KĂŒche! Marsch!“
Der Bataillonskommandeur schien nervös zu sein, denn er befingerte unablĂ€ssig die Enden seines ĂŒber die Mundwinkel hĂ€ngenden Schnurrbartes.
„Lore gestĂŒrzt!“, erklĂ€rte Antek hastig und nahm Haltung an.
„Alles guttt?“ Der Offizier musterte die junge Frau aus wĂ€ssrigen Augen.
„Mir ist nichts passiert“, sagte Lore hastig und deutete einen Knicks an. Dann huschte sie an dem Mann vorbei und verschwand in der KĂŒche.

Wenige Minuten spĂ€ter klopfte sie an die TĂŒr zu Wernickes Bibliothek, die jetzt Dzikowski als Befehlsstand diente. Ein schmetterndes „Herein“ gestatte ihr den Eintritt. Im Raum befanden sich drei Personen. Und nur einer sprach: Major Dzikowski. Er stĂŒrmte mit hinter dem RĂŒcken verschrĂ€nkten HĂ€nden im Zimmer auf und ab, blieb abrupt stehen, schleuderte ein paar Satzfetzen in den Raum, um gleich darauf seine Wanderung fortzusetzen. Er sprach ein Gemisch aus Französisch und Polnisch, sodass Lore nicht alles verstand.
Am Schreibtisch saß, lĂ€ssig zurĂŒck gelehnt, ein junger Mann in der Uniform eines Gardehauptmanns. Lediglich die Art, wie er an seiner kurzen Tonpfeife sog, verriet etwas von seiner NervositĂ€t. Der Dritte hockte in einem Sessel, die Ellenbogen auf die Lehnen gestĂŒtzt, den grau-schwarzen Lockenkopf in die HĂ€nde vergraben. Lores erster Blick fiel auf die prĂ€chtigen Epauletten, welche die breiten Schultern des hohen Gastes zierten. Dieser stattliche Mann mit dem ernsten Gesicht – das war also der berĂŒhmte FĂŒrst Poniatowski, seit gestern sogar Marschall von Frankreich. WĂ€hrend sie ĂŒberlegte, ob sie auf ihn zugehen und einen tiefen Knicks machen sollte, hielt Dzikowski inne. Aus blutunterlaufenen Augen starrte er die Frau an.
„Hinstellen!“, bellte er.
Dann durchmaß er mit seinen verdreckten Stiefeln erneut das Zimmer. Lore dachte daran, dass man spĂ€ter, wenn dieser Albtraum vorbei sein wĂŒrde, das Parkett nur noch herausreißen könnte.
Wenn erst alles vorbei wĂ€re 
 nichts wĂŒnschte sie sich mehr.
WĂ€hrend sie zögernd zum Tisch ging, vernahm sie abermals Dzikowskis wĂŒtendes Schimpfen. Sie hörte Worte heraus, wie: „Tapferkeit, Hunger, keine Munition, drei Tage tapfer durchgehalten, viele Tode 
 darf nicht umsonst sein. Und stĂ€ndig wiederholte er die Worte: „Retraite! Jamais! RĂŒckzug! Niemals!“
Lore stellte die Tassen behutsam auf den Tisch und goss den Tee ein. Sogar etwas Zucker hatte sie gefunden. Der Gardehauptmann musterte sie dabei mit den Augen eines PferdehÀndlers, lÀchelte blasiert und nickte unmerklich.
„PrĂŒfung bestanden“, hieß das wohl.
Jetzt hob der FĂŒrst den Kopf, blinzelte aus mĂŒden Augen zu Lore hoch und murmelte in fast akzentlosem Deutsch: „Danke, mein FrĂ€ulein.“
Er rĂŒhrte ein wenig im Tee, ehe er vorsichtig einen Schluck aus der zarten Porzellan-Tasse nahm. Dabei straffte sich seine Gestalt. Ein scharfer Blick traf Dzikowski. Und dann mit schneidender Stimme: „DĂ©tendez-vous! Ils marchent Ă  Leipzig! Dans une heure! VoilĂ  un ordre!“
Der kleine Major zuckte zusammen, nahm sofort Haltung an.
„A vos ordres, mon seigneur!“
Lore spĂŒrte Erleichterung in sich aufkommen. Marschall Poniatowskis Befehl schien unmissverstĂ€ndlich. In spĂ€testens einer Stunde wĂŒrden die Polen aus dieser Villa verschwunden sein. Sie empfand keinen Hass gegen diese ausgezehrten Soldaten, aber ihr Abzug wĂŒrde Frieden einkehren lassen. Sie könnte den Siegern entgegen eilen und ihnen danken.
‚Ich werde alles zusammensuchen, was im Haus noch an Essbarem aufzutreiben ist‘, dachte sie. ‚Auch die Soldaten der VerbĂŒndeten dĂŒrften hungrig sein – und mĂŒde.‘
WĂ€hrend sie sich zum Gehen wandte, hörte sie, wie Dzikowski fragte, wer denn den RĂŒckzug seiner Batterie und derer an den LĂ¶ĂŸnitzer Teichen decken wĂŒrde.
„Die bergischen Lanciers.“
„Auch das noch!“ Dzikowski riss verzweifelt am Schnurrbart. „Ausgerechnet Deutsche! Wo die doch schon seit Stunden reihenweise zum Feind ĂŒberlaufen.“
„Die Lanciers sind zuverlĂ€ssig“, schnitt ihm der junge Gardeoffizier das Wort ab.
Lore drĂŒckte die Klinke und stahl sich hinaus.
An der PleißebrĂŒcke donnerten wieder die Kanonen.
„Bald – bald hat das ein Ende“, flĂŒsterte sie und ließ sich in der KĂŒche auf einen Stuhl fallen. Ihr Blick fiel durch die offene TĂŒr auf den Flur.
Sie sah, wie FĂŒrst Poniatowski mit seinem Begleiter die Bibliothek verließ und zum Ausgang eilte. Wenig spĂ€ter vernahm sie das Klappern von Hufen, das aber rasch vom LĂ€rm des KampfgetĂŒmmels verschlungen wurde.
„Antek! Wo steckst du?!“, hörte sie jetzt den Major brĂŒllen.
Als der Junge angeflitzt kam, wurde er mit Anordnungen zugedeckt. Schließlich rannte er nach draußen, und keine zehn Minuten spĂ€ter betraten zwei junge Leutnants das Haus, salutierten vor ihrem Abteilungschef und nahmen dessen Befehle entgegen. RĂŒckzug! In den vom Pulverdampf schwarz-grau gefĂ€rbten Gesichtern zuckte es. Einer wischte sich verstohlen ĂŒber die entzĂŒndeten Augen.
Die Offiziere waren kaum abgefertigt, da trampelten etliche Soldaten in die Diele und gaben dem noblen Parkett den Rest. Es hatte in den vergangenen Tagen fast ununterbrochen geregnet, und so waren sowohl das Schuhwerk als auch die Uniformen ĂŒber und ĂŒber mit lehmigem Schlamm besudelt.
Dzikowski ließ die KĂ€mpfer gar nicht erst in sein Zimmer, sondern fertigte sie im TĂŒrrahmen stehend ab. Seine Befehle unterstrich er mit fahrigen Gesten.
Obwohl Lore nichts verstand, gewann sie den Eindruck, dass der drahtige Pole mit seinem hektischen Gebaren vor allem seine Verzweiflung ĂŒber den befohlenen RĂŒckzug zu kaschieren suchte.

Lore fĂŒhlte: Sie erlebte gerade den letzten Akt einer gewaltigen Tragödie, zu deren hunderttausenden Komparsen auch sie gehörte. Aber ihre winzige Rolle schien fast zu Ende gespielt.
Durch das scheibenlose KĂŒchenfenster konnte sie auf die Dorfstraße blicken, die, nur durch den Vorgarten vom Haus getrennt, keine zwanzig Meter entfernt verlief. Sie schaute auf einen endlosen Zug sich dahin schleppender Soldaten. Ausgemergelte, hohlĂ€ugige Gestalten in zerfetzten, schmutzstarrenden Uniformresten. Die meisten ohne richtige Schuhe, viele mit blutigen VerbĂ€nden bedeckt. Eine gespenstische Schar von jungen Greisen.
Sie kamen aus den weiter sĂŒdlich gelegenen Dörfern und strebten nun der Stadt zu. Kaum einer der VorĂŒberziehenden fĂŒhlte sich in der Lage, seine Erschöpfung hinter einem forschen Schritt zu verbergen. Hungrig und frierend schlurfte das Gros ĂŒber das holprige Pflaster. Viele erweckten den Eindruck, als wĂŒrden sie jeden Moment unter der Last ihrer Gewehre und der unbequemen Tornister zusammenbrechen. Rechts neben sich hatten sie die noblen Sommervillen der betuchten Leipziger Kaufmannschaft mit ihren von zierlichen ZĂ€unen umgrenzten VorgĂ€rten. Links der Straße den Pleiße-MĂŒhlgraben, der nach den ergiebigen RegenfĂ€llen zu einem reißendes GewĂ€sser angeschwollen war. Das gegenĂŒberliegende Ufer fand man dicht bewaldet. Nicht ohne Grund gingen die Blicke der Soldaten misstrauisch dorthin. Immer hĂ€ufiger sah man helle Uniformen zwischen den BĂ€umen umher huschen. Dann fielen die ersten SchĂŒsse. Lore sah mehrere Polen unvermittelt im Schritt verharren, ehe sie langsam zu Boden sanken. Keiner von ihnen schrie. Es sah beinahe so aus, als wĂ€ren sie dankbar, sich endlich Ruhe gönnen zu dĂŒrfen. Niemand erwiderte das Feuer der österreichischen PlĂ€nkler, die sich im Wald relativ sicher wĂ€hnen durften. Vielleicht fehlte es auch an Munition oder an Kraft – wahrscheinlich an beidem. Man beschleunigte lediglich den Schritt, um rascher aus der Gefahrenzone heraus zu kommen. Weiter vorn donnerten Dzikowskis Kanonen, die immer noch erfolgreich die BrĂŒcke gegen einen in Massen herbei eilenden Feind verteidigten. Im RĂŒcken der Batterie wusste man sich geschĂŒtzt. Man beeilte sich, diesen Punkt zu erreichen, um von dort aus unbehelligt in Richtung Leipzig zu ziehen.
Der aus der DĂ€mmerung heranwĂ€lzende Strom wollte nicht abreißen, und so gerieten stĂ€ndig neue Ziele vor die LĂ€ufe der österreichischen Gewehre.
Plötzlich der gleichmĂ€ĂŸige Takt von Trommeln. Die Kolonne, die jetzt die Straße herauf kam, marschierte in geschlossener Formation. Ein Bataillon der „Alten Garde“! Lore erkannte die Elitesoldaten an ihren hohen BĂ€renfell-MĂŒtzen. Als sie auf Höhe der HeckenschĂŒtzen ankamen, erklangen Befehle. Schon formierte sich die Einheit dich an der Böschungsoberkante zu einer Linie zu zwei Gliedern. Ruhig und der Getroffenen nicht achtend, brachten sie ihre Gewehre in Anschlag. Den ersten beiden Salven folgte ein rollendes Feuer. Obwohl die meisten Kugeln wohl in den BĂ€umen stecken blieben, schien der Beschuss beim Feind Eindruck zu hinterlassen.
Die Österreicher feuerten noch rasch ihre Flinten ab, ehe sie sich tiefer in den Wald zurĂŒckzogen. Eine verirrte Kugel klatschte nicht weit vom KĂŒchenfenster an die Mauer der Villa. Instinktiv zog Lore den Kopf ein und wich vom Fenster zurĂŒck.
Achtlos rĂŒhrte sie in dem Topf mit den Resten der lauwarm gewordenen Pferdefleisch-Suppe, aber sie ahnte, dass niemand mehr danach verlangen wĂŒrde. Sie ließ den großen Holzlöffel fahren, ging zur TĂŒr und blieb an den Rahmen gelehnt stehen.
Die im Haus verbliebenen Polen rĂŒckten ab. WĂ€hrend Dzikowski, den Abzug seines Stabes ĂŒberwachend, durch die RĂ€ume hastete, wurde auf dem Hof das GepĂ€ck auf Karren geladen. Lore starrte auf den Flur, sah die Soldaten aus dem GebĂ€ude hetzen, vernahm ihre Rufe, aber es schien, als hĂ€tte sich zwischen ihr und dem Geschehen ein schĂŒtzender Nebel gelegt. Eine tiefe Ruhe ĂŒberkam sie. So verharrte sie geraume Zeit. Erst als ihr bewusst wurde, allein in der großen Villa zu sein, verflĂŒchtigte sich der Schleier und ließ neue Ängste zu ihr vordringen.
Der LĂ€rm im Haus hatte aufgehört, aber draußen tobte nach wie vor dieses Menschen verschlingende Ungeheuer. Nein – es war noch nicht vorbei.
Sie löste sich vom TĂŒrrahmen, lief zum Eingangsportal, verriegelte das Schloss und hob den schweren Sicherungsbalken, den Wernicke erst vor einigen Tagen hatte installieren lassen, in die dafĂŒr vorgesehenen Aussparungen im Mauerwerk.
Und nun?
Lore wusste, dass sie nichts weiter tun konnte, als den Dingen ihren Lauf zu lassen. Sie beschloss, ihr Versteck im Keller aufzusuchen, um dort auf das zu warten, was auf sie zukommen wĂŒrde. Das Einzige, womit sie die verbleibende Zeit auszufĂŒllen trachtete, war, Trost und Zuversicht aus Gebeten zu schöpfen. Der Wunsch, in ihrem Schlupfwinkel Gott darum zu bitten, er möge sie unbeschadet aus der Misere retten, wurde so ĂŒbermĂ€chtig, dass sie mit immer grĂ¶ĂŸer werdender Hast die Stufen der Kellertreppe nahm.
Das Licht ihrer Kardanlampe erhellte das muffige Gewölbe nur schwach und zauberte bewegte Schatten auf die WĂ€nde, von denen Bedrohliches auszugehen schien. Lore atmete auf, als sie den vertrauten Verschlag betrat. Sie stellte die Lampe ab und bĂŒckte sich hinunter zum Strohsack, um ihn aufzuschĂŒtteln. Just in diesem Moment nahm sie eine Bewegung in ihrem RĂŒcken wahr. Mit einem Angstschrei fuhr sie hoch und drehte sich um.
„Antek!“
In ihren Ruf mischten sich Erleichterung und Erstaunen. Aber als sie seinen Namen zum zweiten Mal rief, schlich sich Argwohn in ihre Stimme.
„Was in Gottes Namen tust du hier? Warum bist du nicht bei deinen Kameraden?“
Auf dem Gesicht des JĂŒnglings lag ein verlegenes LĂ€cheln.
„Ich wollen sagen – adieu.“
Noch ehe sie reagieren konnte, trat er an sie heran, schlug beide Arme um ihren Oberkörper und ließ den Kopf auf ihre Schulter sinken.
„Lore! Lore, ich sterben 
“ Der Rest wurde von einem Schluchzen erstickt.
Sie wusste, dass der Junge viel mehr Grund hatte, verzweifelt zu sein, als sie. Sie konnte hier unten auf die Sieger warten und auf eine respektvolle Behandlung vertrauen. Er musste jetzt hinaus in diese Hölle. Ihre eigenen Ängste verblassten vor dem Mitleid, das sie ĂŒberkam.
„Leb wohl, Antek“, flĂŒsterte sie.
Sanft streichelte sie seinen RĂŒcken und spĂŒrte dabei, wie sich der Junge noch dichter an sie drĂ€ngte. Sein Atem, der ihr ĂŒber den Nacken strich, wurde plötzlich heiß. Sie wusste, was das bedeutete. Ihre Anteilnahme brach in sich zusammen. Reflexartig wand sie sich aus seiner Umarmung, stemmte beide HĂ€nde gegen seine Brust und versuchte ihn von sich zu stoßen. Er reagierte blitzschnell, indem er nur kurz losließ, um sofort erneut zuzupacken. Jetzt krallten sich seine HĂ€nde in ihre HĂŒften. Doch je mehr er sie an sich zu ziehen suchte, umso stĂ€rker versteiften sich ihre Arme, die ihn auf Distanz hielten.
Eine ganze Weile dauerte dieses ungewöhnliche Ringen, keiner gab nach. Erst als Lores Atem in ein heftiges Keuchen ĂŒberging, gab Antek sie frei. Resigniert ließ er die Arme unschlĂŒssig am Körper baumeln, hielt den Blick zum Boden gesenkt, und seine Miene drĂŒckte Verzweiflung aus. Als er den Kopf hob, entdeckte sie zwei TrĂ€nen, die sich einen Weg ĂŒber die Wangen bahnten.
„Lore, bitte!“ Das war nur ein vibrierendes FlĂŒstern.
Lore, die den Jungen immer noch auf Abstand hielt, fĂŒhlte sich merkwĂŒrdig berĂŒhrt. Was war das? GefĂŒhle durchströmten sie, die ihr neu zu sein schienen – eine Mixtur aus Mitleid, nachempfundenem Schmerz und schwer zu erklĂ€render Verbundenheit.
„Du wirst nicht sterben, Antek“, sagte sie und wunderte sich, wie weich ihre Stimme klang.
„Doch!“, kam es beinahe trotzig zurĂŒck. Und voller Verzweiflung: „Ich sterben – und nicht sein Mann. Nicht wissen, wie mit Frau 
“
‚Das also ist es‘, fuhr es ihr in den Kopf. ‚Eigenartig, wie MĂ€nner sein können – selbst solche, die erst auf dem Weg dorthin sind. Den Tod vor Augen, besaß dieser JĂŒngling keinen dringlicheren Wunsch als ihr beizuwohnen. Was treibt MĂ€nner in eine derartige Besessenheit, die fĂŒr Augenblicke alles andere vergessen macht?
Sie selbst empfand es stets als lĂ€stig, meistens eklig und nicht selten auch schmerzhaft, wenn Wernicke ĂŒber sie herfiel. Was ließ den zu einem dumpfen Tier werden? Was fand der wohlsituierte und gebildete Familienvater daran, sich schnaufend auf sie zu werfen und sein unappetitliches Ding in ihrem Leib wĂŒhlen zu lassen? Was trieb ihn, sich keuchend in ihr auf und ab zu bewegen, bis er unter unwĂŒrdigem Stöhnen seinen widerlichen Stachel herauszog, um mit einem unartikuliertem „Öööch“ ihren Bauch mit diesem glibberigen Zeug zu besudeln?
Die Gier, mit der Wernicke sie zu ĂŒberfallen pflegte, mochte auch hinter Anteks Stirn lauern. Zu sehen war sie nicht. KrĂ€ftig genug schien er, um sie zu dem zu zwingen, was ihm so viel bedeuten mochte. Aber er nahm sie nicht einfach – er flehte sie an, es ihm zu gestatten. In seiner Stimme, seinem Blick und seinen GebĂ€rden las sie nur dieses verzweifelte Flehen.
Auf einmal tat er ihr unendlich leid. Vielleicht wĂŒrde er wirklich schon bald – von einer Kugel getroffen, von einem Bajonett durchbohrt oder von einer Granate zerrissen – sein noch kaum gelebtes Leben aushauchen zu mĂŒssen. Vermochte ihm das Bewusstsein, wenigstens eine Frau besessen zu haben, das Sterben erleichtern?
Das erwachende MitgefĂŒhl mit diesem Jungen lenkte einen Moment lang von ihren eigenen Ängsten ab. Hinzu kamen Empfindungen, von denen einige aus dem Schutt ihrer Vergangenheit erstanden, wĂ€hrend andere völlig neu in ihr zu sein schienen. Sie glaubte zu spĂŒren, dass es auch ihr helfen könnte, wenn sie ihm seinen Wunsch erfĂŒllte.
Ihre Arme erschlafften, ließen es zu, dass die Distanz aufgegeben wurde. Doch wenn sie erwartet hatte, dass er sie erneut an sich pressen wĂŒrde, sah sie sich getĂ€uscht. Noch immer stand er in gleicher Haltung vor ihr, aber in seinen Augen sah sie Hoffnung aufblitzen. Sie musste sich nicht einmal ĂŒberwinden, um ihn liebevoll in die Arme zu nehmen und ihm einen Kuss auf die heißen spröden Lippen zu drĂŒcken.
WĂ€hrend er ungeschickt diesen Kuss zu erwidern suchte, löste sie mit einer Hand die SchnĂŒre ihres Mieders. Die Pracht der hervorquellenden BrĂŒste ließ Antek aufstöhnen. In seinem Blick spiegelte sich jedoch keine Gier, sondern pure Bewunderung. Die Art, mit der er zaghaft nach den festen milchig-weißen Halbkugeln griff und mit der er seine Fingerspitzen ĂŒber die dunklen Höfe wandern und die Warzen umkreisen ließ, besaß etwas RĂŒhrendes.
„Na komm!“, sagte Lore und ihre Stimme klang rauer als beabsichtigt.
Sie löste sich von ihm und glitt auf das nicht mehr saubere Laken, das ĂŒber den Strohsack gebreitet lag. Ohne auf ihn zu achten, legte sie sich auf den RĂŒcken, raffte den Rock bis zu den Oberschenkeln, zog die Beine an und öffnete sie ein wenig. So wollte es Wernicke immer. Er pflegte einen Moment lang den Blick zwischen ihre Schenkel zu genießen und dabei sein Ding massierend einzuspeicheln, ehe er sich wohlig grunzend ĂŒber sie hermachte. Anteks Augen hatten sich an der gleichen Stelle festgesaugt, doch der Junge blieb untĂ€tig. Nur sein hastiges Atmen mit weit geöffnetem Mund verriet etwas von seiner hochgradigen Erregung.
„Na komm schon“, wiederholte Lore und streckte ihm die Arme entgegen.
Antek fiel zu ihren FĂŒĂŸen auf die Knie und rutschte auf ihnen bis auf Höhe ihrer Waden. Schon beugte er sich nach vorn – da wurde er von Lores HĂ€nden aufgehalten.
„Die wirst du wohl ausziehen mĂŒssen“, lachte sie und deutete auf seine schmutzstarrende Hose.
Er zögerte einen winzigen Verlegenheits-Moment, dann öffnete er den GĂŒrtel und ließ das gute StĂŒck fallen.
„Oh Gott“, entfuhr es Lore. Sein Phallus – sie hatte dieses Wort mal irgendwo aufgeschnappt – wirkte wie der Griff einer Sense, der steil vom Sensenbaum absteht. Wie sollte das gehen? Trotz ihrer Bedenken zog sie ihn ĂŒber sich.
Doch was nun begann, gestaltete sich als ein wildes linkisches Herumstochern zwischen ihren Beinen, das ihr Eingreifen erforderte. Sie griff nach seinem zu bersten drohenden Schwengel und verteilte mit der anderen Hand rasch etwas Mundfeuchte an ihrem Eingang. Es schmerzte, als er dank ihrer Hilfe endlich einzudringen vermochte. Ihr kleiner Wehlaut ließ ihn sofort innehalten.
„Tun weh ich?“
„Nein, nein“, log sie und bedeutete mit ein paar ermunternden Beckenbewegungen, er solle weitermachen.
Automatisch ging er auf den von ihr vorgegebenen Rhythmus ein. Als es ihm gelang, ein weinig tiefer einzudringen, begann er heftiger zu stoßen. Obwohl ihr das unangenehm war, bemĂŒhte sie sich, dies zu ignorieren und sich ganz auf den Jungen zu konzentrieren, der keuchend ĂŒber ihr schwebte und in immer kĂŒrzeren AbstĂ€nden unartikulierte Laute ausstieß. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis ihr das Zittern seines von ihr umklammerten Beckens signalisierte, dass er kurz vor dem Höhepunkt stand. Ein Aufschrei, in den sich Jubel und GlĂŒckseligkeit mit bisher nie erfahrener Wonne mischten, erfĂŒllte das schmutzig-dĂŒstere Gewölbe. Das Leuchten in den Augen des JĂŒnglings schien einen Moment lang das Licht der Lampe zu ĂŒberstrahlen. Er richtete sich kerzengerade auf, warf den Kopf weit nach hinten und verharrte sekundenlang in dieser Pose, ehe er schlagartig wie ein geplatzter Weinschlauch in sich zusammensank und mit dem Kopf zwischen ihren BrĂŒsten landete. Wieder ging ein Zucken durch seinen Körper, diesmal ausgelöst von einem Weinkrampf. In sein Schluchzen mischten sich gestammelte Dankesworte, die Lore nicht alle verstand, aber die ein bislang unbekanntes GefĂŒhl in ihr auslösten. Sie fĂŒhlte WĂ€rme in sich aufsteigen und merkte, wie dieses WohlgefĂŒhl, welches sie ihm bereitet hatte, sich auf sie zu ĂŒbertragen begann.
Sie schlang ihre Arme um seine Schultern und presste ihn an sich. Dann ließ sie ihre HĂ€nde streichelnd ĂŒber seinen RĂŒcken fahren. Nur am Rande nahm sie wahr, wie sein erschlafftes Glied aus ihr heraus glitt. Sie spĂŒrte auch keine Panik in sich aufkommen, als sie sich bewusst wurde, dass er sich komplett in ihr ergossen hatte.

Lore hĂ€tte nicht zu sagen gewusst, wie lange sie so gelegen hatten, bis er sich langsam zur Seite rollte. Er weinte nicht mehr, und in seiner Stimme lag Stolz, als er sagte: „Jetzt 
 ich sein 
 Mann!“
„Ja, Antek – jetzt bist du zum Mann geworden“, bestĂ€tigte Lore, wobei sie sich innerlich fragte, wie nur wenige Sekunden einen Menschen so einschneidend verĂ€ndern können. Oder ĂŒbertrieb Antek in seiner vielleicht nur vorĂŒbergehenden Hochstimmung? WĂ€hrend sie darĂŒber sinnierte, fĂŒhlte sie seine Hand in ihrem Gesicht. Sanft zogen seine Fingerspitzen in ihrem Antlitz die Linien nach, die wahrscheinlich nur er sah.
„Lore – du sein so schön. Schönstes Frau von alle Welt.“
„Antek, du ĂŒbertreibst“, gurrte sie und fuhr ihm durch die verschwitzten Haare.
„Du viele MĂ€nner machen so voll Gluck?“
„Nein“, sagte sie und dachte daran, dass sie auf diese Art noch keinen Mann glĂŒcklich gemacht hatte. Sie besaß nie den Eindruck, dass Wernicke beglĂŒckt sei, wenn er ihr Bett verließ und auf nackten Sohlen zurĂŒck ins eheliche Schlafgemach schlich; oder in sein Arbeitszimmer – je nach Tageszeit.
UnwillkĂŒrlich musste sie an Sebastian denken. Sie sah ihn vor sich, den strohblonden JĂŒngling mit den verliebt blitzenden Augen unter der vom Tanzen schweißnassen Stirn. Erntedankfest 1808! Ist das tatsĂ€chlich schon fĂŒnf Jahre her?
Sie hatten den Festplatz schon zeitig verlassen, um sich hinter einer bunt belaubten Linde in die Arme zu fallen. Seine KĂŒsse – so intensiv, so aufregend, so sĂŒchtig machend nach mehr. Doch es war beim KĂŒssen geblieben.
Als er sie wenige Tage spĂ€ter fragte, ob sie seine Frau werden wolle, hatte sie, ohne zu zögern, „Ja“ gesagt.
Jedoch Junker Gottfried von KnĂŒrschĂŒtz, zu dessen Leibeigenen Lores Familie gehörte, versagte die Heiratserlaubnis. Sebastian gehörte einem anderen Herren, und KnĂŒrschĂŒtz mochte nicht zulassen, dass Lore zu diesem Grundherren wechselte. Alles Bitten fruchtete nicht.
So beschlossen die Liebenden, aus ihrer mecklenburgischen Heimat zu fliehen. Ins Königreich Westphalen wollten sie. Dort gab es keine Leibeigenschaft mehr und jeder durfte heiraten, wen er gedachte.
Im Mai 1809 war es, als sie bei Nacht und Nebel ihre Dörfer verließen. Auf der drei Tage wĂ€hrenden Flucht bis zur Elbe schliefen sie aneinander gekuschelt im Stroh abseits gelegener Feldscheunen. Sie trĂ€umten von einer unbeschwerten Zukunft und kĂŒssten sich die Lippen wund. Mehr nicht. Sebastian war ein glĂ€ubiger Mensch, der fĂŒr es fĂŒr selbstverstĂ€ndlich hielt, frĂŒhestens in der Hochzeitsnacht seiner Lore beizuwohnen. Er verkörperte nicht nur einen prinzipienfesten Protestanten, sondern auch einen glĂŒhenden Patrioten und erklĂ€rten Hasser des „BlutsĂ€ufers“ Napoleon. Das Schicksal wollte es, dass sie am dritten Tag in dem StĂ€dtchen Dömitz anlangten. Dort war tags zuvor der Major Ferdinand von Schill mit seiner verwegenen Schar eingezogen. Er hatte mit seinem wagehalsigen Zug durch anhaltinische Lande einen Volkskrieg gegen die napoleonische Fremdherrschaft entfachen wollen, aber nur wenige Freiwillige schlossen sich ihm an. Es kam, wie es Lore befĂŒrchtet hatte – Sebastian trat in die Reihen der Rebellen.
Als die schillsche Einheit in einer StÀrke von knapp eineinhalbtausend Mann nach Stralsund aufbrach, folgte Lore mit dem Tross. Was hÀtte sie anderes tun sollen?
Zehn Tage danach musste sie miterleben, wie ihr Verlobter in einer Seitenstraße der Stralsunder Innenstadt, von einer dĂ€nischen Kugel getroffen, verblutete. Mithilfe eines leicht verwundeten preußischen Husaren gelang es ihr, im letzten Moment aus der Stadt zu fliehen.
Mit ihm erreichte sie schließlich Frankfurt an der Oder. WĂ€hrend der Husar im Lazarett Aufnahme fand, nahm sie eine Stellung als Haushaltshilfe bei einem französischen MilitĂ€rarzt an. Drei Jahre spĂ€ter musste der mit Napoleons Großer Armee nach Russland ziehen. Er fiel im August 1812 in der Schlacht um Smolensk. Als die Nachricht von seinem Tod eintraf, war es dem Vermieter ein Fest, mit sĂŒffisantem LĂ€cheln das Franzosen-Liebchen an die Luft zu setzen. Dabei war es zwischen ihr und dem Arzt nie zu IntimitĂ€ten gekommen. Ganz anders als bei Wernicke. Als sie nicht wusste, wo sie hin sollte, riet ihr ein Bekannter des Arztes, nach Leipzig zu gehen. Er beschrieb ihr die Stadt als reizvoll und weltoffen.
„Tja, so bin ich hier in dieser Connewitzer Villa gelandet – bei diesem fiesen Wernicke.“
„Was sein ‚fies‘?“
Lore versuchte, es zu erklĂ€ren. Und da Antek nicht gleich zu begreifen schien, entlockte er ihr ungewollt immer mehr Details. Bisher hatte sie keinem Menschen von Wernickes ÜberfĂ€llen erzĂ€hlt. Je lĂ€nger sie darĂŒber sprach, umso befreiter fĂŒhlte sie sich mit einem Mal.
Als sie schwieg, hörte sie Antek schwer atmen. Eine Weile sagte er nichts, aber dann brach es aus ihm heraus: „Ich töten Wernicke!“
Antek hatte sein Streicheln aufgegeben, und die FĂ€uste geballt.
„Das wird nicht möglich sein, Antek“, sagte sie.
„Warum?“
„Weil du jetzt dort raus gehst und dich von den Österreichern umbringen lĂ€sst.“
Sie sagte das in einem Ton, der ironisch sein sollte, aber das verstand er nicht oder er wollte es nicht verstehen. Zumindest schien er betroffen zu sein. Er hatte seine Lippen nach innen gestĂŒlpt und bearbeitete sie mit den ZĂ€hnen.
„Du haben recht“, hörte sie ihn schließlich flĂŒstern.
„Untersteh dich!“, zischte sie und zog ihn an sich.
Sein halbherziges StrÀuben wÀhrte nicht lange. Stattdessen umfing er sie nun seinerseits und begann ungeschickt, aber ausgesprochen sanft ihren Leib zu liebkosen.
Lore fĂŒhlte die Dankbarkeit, die er mit diesem Streicheln auszudrĂŒcken suchte. Wo nahm dieser Junge all die ZĂ€rtlichkeit her, mit der er Finger und Lippen agieren ließ? Das hatte sie so noch nie erlebt. Bei Sebastian hatte sie den Eindruck gewonnen, dass er sie mit angezogenen ZĂŒgeln umarmte. Mit der Zeit war sie zu der Überzeugung gelangt, dass ihn die Angst beherrschte, er könne seine selbst auferlegte ZurĂŒckhaltung verlieren. Doch Anteks ZĂ€rtlichkeit war eine entspannte, eine Danksagung, die ihr noch nie zuteilgeworden war und die ihr kleine Wellen wohligen Schauderns durch den Körper schickten.
Sie spĂŒrte jĂ€h das BedĂŒrfnis, die Liebkosungen des Jungen zu erwidern – ihm etwas von dem zurĂŒckzugeben, was sie von ihm empfing. Ungewollt flĂŒsterte sie Worte, die er wohl kaum zur HĂ€lfte verstand. Egal – sprach sie nicht vor allem zu sich selbst?
In diesem Moment ĂŒbermannte sie ein bisher unbekanntes GefĂŒhl, das sie vielleicht erschreckt hĂ€tte, wenn ihr das Wort dafĂŒr eingefallen wĂ€re. Begierde!
Als sich Anteks Atem wieder beschleunigte und sich das Spiel seiner HĂ€nde nur noch auf wenige Stellen ihres Körpers zu konzentrieren begann, empfand sie das zum ersten Mal in ihrem Leben als angenehm. Auf einmal wĂŒnschte sie sich mehr von diesem – reines Begehren ausdrĂŒckenden – BerĂŒhrtwerden. Sie gewahrte, wie ihr Körper weich wurde – sich zu öffnen begann. Es war nicht nur ihr hitzig gewordener Leib, der unvermittelt nach mehr schrie. Die Seele stimmte in diesen Ruf mit ein.
Antek schien das zu spĂŒren. Sein DrĂ€ngen nahm zu, und Lore gab nicht nur nach, sondern fĂŒhlte sich ebenfalls fordernd werden.
„Lore! Bitte!“, meinte er wohl nachhelfen zu mĂŒssen. Doch das erwies sich als unnötig.
„Ja, komm 
 Bitte!“, flĂŒsterte sie zurĂŒck.
Sein diesmal problemloses Eindringen quittierte sie mit einem heftigen Seufzer. Heißer Atem traf auf heißen Atem.
Und wĂ€hrend er sich in ihr bewegte und sie den Rhythmus aufnahm, um ihn spĂ€ter selbst zu bestimmen, durchlebte sie die ihr bis dahin unbekannten Phasen aus brennendem Verlangen, unbĂ€ndiger Lust und tiefer ErfĂŒllung.

SpĂ€ter lagen sie eng beieinander auf dem schmalen Strohsack, der von dem zerknautschten Laken lĂ€ngst nicht mehr komplett abgedeckt wurde. Lore spĂŒrte an manchen Stellen das grobe Sackleinen unter sich, aus dem vereinzelt stachlige Halme spießten. Doch das dadurch hervorgerufene Kratzen und Pieken registrierte allein ihr Unterbewusstsein. Das Einzige, was sie wirklich fĂŒhlte, bestand aus einer Mischung aus wunderbarer Ruhe und wohliger Entspannung. Die WĂ€rme, die von Anteks HĂ€nden ausging, durchrieselte sie und ließ sie trĂ€ge werden. Tief in sich empfand sie ein mit Worten nicht zu beschreibendes GlĂŒcksgefĂŒhl, das sie im Moment durch nichts in der Welt missen mochte. Sie fragte nicht nach dem Warum, suchte keine ErklĂ€rung fĂŒr das, was ihr in diesem Augenblick widerfuhr. Sie genoss es einfach, so dazuliegen, Antek im Arm zu halten und seinem regelmĂ€ĂŸigen Atem zu lauschen. Erst als der in verhaltenes Schnarchen ĂŒberging, fand Lore allmĂ€hlich in die RealitĂ€t zurĂŒck. Ihre komplett nach innen gerichteten Wahrnehmungen begannen sich wieder nach außen zu kehren.
Gemessen am LĂ€rm der letzten Stunden, umgab sie eine auffallende Stille. Dass die Kanonen nicht mehr feuerten, war Lore schon vorhin nicht entgangen. Aber auch das Gewehrfeuer war nur noch vereinzelt und aus grĂ¶ĂŸerer Entfernung zu vernehmen. Im und um das Haus war Ruhe eingetreten. Keine peitschenden SchĂŒsse, keine Kommandorufe, kein Geschrei, kein nervöses Trappeln von Pferdehufen. Diese Ruhe wirkte, als sie Lores Bewusstsein erreichte, beinahe beĂ€ngstigend. Hatte das Blut saufende Ungeheuer das gebeutelte Dorf aus seinen Klauen entlassen?
Lore vermochte einen Seufzer nicht zu unterdrĂŒcken. Entsprang er der aufkommenden Erleichterung, ihrem immer noch prĂ€senten GlĂŒcksgefĂŒhl oder der Einsicht, sich wieder der RealitĂ€t stellen zu mĂŒssen? Ihr wurde die Endlichkeit dessen, das sie gerade durchleben durfte, bewusst. Wie sollte es weiter gehen? Diese Frage begann ihr StĂŒck fĂŒr StĂŒck, die Entspannung zu nehmen und das WohlgefĂŒhl aus der Seele zu prĂŒgeln.
Unruhe erfasste sie, ohne dass sie einen konkreten Anlass erkannte. Sie richtete sich auf und betrachtete, auf die Ellenbogen gestĂŒtzt, den schlafenden Antek. Über seinen gelösten ZĂŒgen schien eine pure Zufriedenheit ausstrahlende Aura zu schweben. Die Ruhe, die von dem SchlĂ€fer ausging, erfasste auch sie wieder. Sie lockerte ihre Haltung und wollte sich auf das Lager zurĂŒcksinken lassen, als GerĂ€usche ihr Ohr erreichten, die sie in ihrer Stellung verharren ließen. Laute Kommandos und Waffengeklirr drangen von der Straße bis herunter in den Keller. Kehrte das Ungeheuer zurĂŒck? Besetzten die Polen erneut das Dorf, oder zogen die Alliierten ein? Als die HaustĂŒr mit harten SchlĂ€gen traktiert wurde, schnellte sie hoch. Gespannt lauschend, lehnte sie sich gegen die Wand. Sie fĂŒhlte ihr Herz immer schneller pochen.
Vom VestibĂŒl her war das Stampfen schwerer Stiefel auszumachen. Die eindringenden Soldaten mussten durch die scheibenlosen Fenster geklettert sein. Deutlich machte sie jetzt aus, wie von innen der schwere Balken aus der Halterung gewuchtet wurde. Angesichts des nun einsetzenden LĂ€rms schien es, als wĂŒrde ein ganzes Bataillon das die Villa besetzen. Aus dem GebrĂŒll ließen sich Satzfetzen herausfiltern, die Lore verstand. Die Eindringlinge bedienten sich einer Sprache, die dem Deutschen sehr Ă€hnlich schien. Österreicher! Die Sieger! Oder durfte sie Befreier sagen?
Lore hĂ€tte gern aufgeatmet, als sie Schritte auf der Kellertreppe hörte, doch als ihr Blick auf Antek fiel, wusste sie, was ihr die Brust so einengte. Was wĂŒrden die Sieger mit dem Besiegten tun?
Jetzt kamen die Schritte nĂ€her. Die morsche TĂŒr wurde aufgestoßen. Drei Soldaten stĂŒrmten in den Raum, blieben jedoch blitzartig stehen, als sie die halb nackte Frau mit dem gelösten Blondhaar gewahrten. Lore sah in drei sich weitende Augenpaare und ahnte nichts Gutes.
„Schau her, wos hama do? Fesch!“
Einer der MÀnner machte einen Schritt auf sie zu, packte ihre HÀnde, mit denen sie das geöffnete Mieder zusammenhielt, und riss sie zur Seite.
„Schaut‘s eich doas a, was fĂŒr fesche Tutteln. Ka Tabernakelbusen wie der bei uns’rer Zenzi.“
Er drehte sich kurz um, registrierte das anerkennende Nicken seiner Kameraden, und dann packten seine HĂ€nde zu. Lore fĂŒhlte sich hart gegen die Wand gedrĂ€ngt, wĂ€hrend sich schwielige Finger in ihren BrĂŒsten verkrallten. Entsprang es der Angst, dem Schmerz oder dem Ekel, was sie aufschreien ließ?
„Woas koa Lust zum Schnackseln?“ Mit diesen Worten begann der Mann, bereits mit einer Hand zwischen ihren Schenkeln zu wĂŒhlen.
WĂ€hrend sie vergeblich den Soldaten abzuwehren versuchte, sah sie aus den Augenwinkeln einen Schatten heran fliegen. Antek!
Mit gesenktem Kopf ging er auf ihren Peiniger los und stieß ihm mit all der Wucht, die er aufzubieten vermochte, beide FĂ€uste seitlich in die Rippen. Erschrocken wich der Angegriffene einen Schritt zurĂŒck, um sich dann Antek zuzuwenden. Aber da traf ihn ein schwerer Schlag direkt in die Magengrube, und ehe er nach Luft schnappend zusammenklappte, folgte noch ein fĂŒrchterlicher Tritt in seine bereits angeschwollene MĂ€nnlichkeit. Zum GlĂŒck fĂŒr den Mann trug Antek kein Schuhwerk. Trotzdem war der Kerl nicht einmal fĂ€hig, zu schreien. Gurgelnd fiel er auf die Knie. Antek – blind vor Wut – wollte sich erneut auf ihn stĂŒrzen, doch da erhielt er einen Stoß vor die Brust, der ihn rĂŒckwĂ€rts auf den Strohsack warf.
Ein Soldat, der einen blutigen Kopfverband trug, hatte den Hieb mit dem Kolben seines Gewehrs gefĂŒhrt. Grimmig schaute er auf den Jungen, der nun seinerseits nach Luft rang und der vergeblich versuchte, auf die Beine zu kommen.
Lore sah, wie der Soldat das Gewehr umdrehte und das Bajonett fÀllte.
„I stech di ab, du polakische Ratz“, hörte sie ihn zischen und sah ihn einen Ausfallschritt nach vorn machen. Im gleichen Moment warf sich Lore ĂŒber den Jungen.
„Wies ihr wollt. Dann eben beide – die Ratz und die Hatschen“, schnaufte der Angreifer.
„Naa, Alois – lass gut sei. S’iss scho gnug Blut flossn.“
Es war, der Dritte, ein bereits Grauhaariger, der das sagte. Er trat neben seinen Kameraden, und seine Hand legte sich schwer auf den Gewehrlauf.
„Zuviel Blut“, wiederholte er, und seine Stimme klang mĂŒde.
„Alois! Stich zu!!!“, krĂ€chzte der am Boden Liegende. „Die Franzosenbrut hat’s nicht anders verdient!“
„Pappn hoidn!“, fuhr der Graubart dazwischen. „Der Junge ist Pole und das Frauenzimmer
“
„Na und? Mit den Franzosen hams paktiert. In orsch sans krochen, dem Napoleon, diesem Blut saufenden Satan.“
„Jetzt komm mir nicht mit dem Schmarrn, den du vom Leitnant aufschnappt hoast“, wies ihn der Alte zurecht. Er strich sich ĂŒber den gewaltigen Schnurrbart, und ein spöttisches LĂ€cheln ĂŒberzog sein Gesicht, ehe er fortfuhr: „Glaubst du, unser geliebter Kaiser Franz hĂ€tte dem Antichrist seine Tochter zur Frau geben? Schuld an diesem Gemetzel tragen sie alle – die Gekrönten. Egal ob sie Franz, Friedrich Wilhelm, Alexander oder Napoleon heißen. Sie haben die Suppe eingebrockt, an der wir nur wir zu löffeln haben. Es kratzt die hohen Herren nicht, wenn die Soldaten auf beiden Seiten zu Tausenden verrecken. Wir sind nicht mehr, als 
“
Er brach unvermittelt ab, und sein Körper straffte sich.
Im Rahmen der TĂŒr, die nur noch windschief in den Angeln hing, tauchte ein schmalbrĂŒstiger Offizier auf. Kaum zu glauben, dass der eine so krĂ€ftige Stimme besaß.
„Was ist denn hier los!?“, donnerte er.
„Melde gehorsamst – zwei Gefangene gemacht“, bellte der Schnauzbart beflissen.
„Gefangene?“ Der Blick des Offiziers wanderte durch das Gewölbe und blieb auf dem Strohsack hĂ€ngen. Der Anblick, den das merkwĂŒrdige Paar ihm bot, ließ ihn verĂ€chtlich die Mundwinkel verziehen.
„FĂŒrwahr – ein grandioser Fang! Ein Trommel-Bub und die Bataillonsshure!“
Lore wollte aufbegehren, aber sie zweifelte, ob der Leutnant sie anhören wĂŒrde. Der hatte nĂ€mlich damit zu tun, seine Leute aus dem Raum zu scheuchen und nach oben zu schicken.
„Ihr besetzt mit der dritten Korporalschaft den Vorgarten! Dalli!
„Und was machen wir mit denen da?“, knurrte der, dem Antek so ĂŒbel mitgespielt hatte. MĂŒhsam brachte er sich in die Senkrechte.
„Das hat Zeit! Los, ab mit euch! Keinen Mucks will ich hören! Absolutes Sprechverbot dort oben.“
„Was ist denn los?“, fragte der Veteran.
„FeinberĂŒhrung. Die werden sich wundern. Geschossen wird aber erst auf meinen ausdrĂŒcklichen Befehl.“

Lore und Antek waren allein.
„Wie geht es dir?“, fragte sie besorgt und strich ihm ĂŒber den Kopf.
„Alles gutt“, Ă€chzte der Blessierte und versuchte aufzustehen. Als ihm das mit Lores Hilfe gelungen war, stand er einen Moment lang an die Wand gelehnt, die Hand auf die geprellten oder gar gebrochenen Rippen gepresst.
„Wir mĂŒssen rasch weg von hier. Sie werden bald wiederkommen“, raunte Lore und neigte lauschend den Kopf zur Seite. In der Villa herrschte Totenstille. Was hatte das zu bedeuten? Aus der Ferne konnte man Hufgetrappel hören. Es schien nĂ€her zu kommen.
Lore trat an die hofseitige Kellerwand und begann an einem Regal zu zerren.
„Hilf mir!“, keuchte sie.
Gemeinsam gelang es ihnen, das schwere StĂŒck beiseitezuschieben. Ein mannsbreiter Schacht tat sich dahinter auf, der hinauf zu einem ebenerdigen Fenster fĂŒhrte.
„Wir mĂŒssen dort hoch. Los! Du zuerst!“
Lore stand schon neben dem Lichtschacht und hielt die HĂ€nde vor ihrem Schoß gefaltet.
„Nein du!“
Lore blieb ungerĂŒhrt stehen und zischte: „Beeil dich!“
Antek gehorchte. Er bestieg die dargebotene und unter seinem Gewicht schwankende RĂ€uberleiter. Als er sich den Schacht hinauf zwĂ€ngte, hörte sie sein unterdrĂŒcktes Stöhnen. Mit der einen Hand an einen Mauervorsprung gekrallt, versuchte er mit der anderen die Verriegelung der Blechplatte, zu lösen, die das Fenster von außen verschloss. Das schwere Teil ließ sich nur nach oben öffnen und man konnte es von innen nicht in dieser Lage arretieren. Antek war gezwungen, sich durch einen Spalt zu drĂ€ngen. Das rostige Blech gaben dabei Hose und Jacke den Rest. Als er die Öffnung passiert hatte und sich aufrichtete, schrie er kurz auf. Doch der Schmerzenslaut ging im LĂ€rm unzĂ€hliger Hufe unter. Die Reiter mussten bereits auf Höhe der Villa sein.
Er arretierte die Klappe, zog seinen GĂŒrtel aus der Hose und legte sich bĂ€uchlings vor das Fenster. Lore erhaschte den Riemen, und es dauerte nur wenige Augenblicke, bis die krĂ€ftige Frau emporgeklommen war.
Dann standen sie beide schwer atmend an der Hauswand und sahen sich um. Es ließ sich nichts VerdĂ€chtiges ausmachen. Bei der Dunkelheit, die auf dem Hof herrschte, musste das jedoch nichts bedeuten.
Lore wies mit dem Arm auf ein niedriges NebengebÀude.
„Dort mĂŒssen wir hin. Das ist der Pferdestall. Da finden wir 
“
Ihre weiteren Worte gingen in einem urplötzlich ausbrechenden HöllenlĂ€rm unter. Entlang der Straße entluden sich auf einen Schlag Hunderte Gewehre. An allen Fenstern der besetzten HĂ€user, in den StrĂ€uchern der VorgĂ€rten und hinter jedem Zaunpfeiler verbargen sich die SchĂŒtzen – nur beim Aufblitzen des MĂŒndungsfeuers fĂŒr Bruchteile von Sekunden sichtbar.
Wie Lore und Antek spĂ€ter erfuhren, handelte es sich bei den Reitern um das knapp fĂŒnfhundert Mann starke bergische Kavallerie-Regiment, das an diesem Tag als Bedeckung einer Batterie fungiert hatte. Nach dem Abzug der GeschĂŒtze sollten diese Lanzenreiter eine Stellung zwischen Leipzig und Connewitz einnehmen. Sie wussten aber nicht, dass die Österreicher dieses Dorf kurz vorher besetzt hatten. Nichts ahnend waren sie in die Siedlung eingeritten, und jetzt saßen sie in der Falle.
Bei dem einsetzenden GedrÀnge, das die scheuend ineinander verkeilten Pferde verursachten, traf nahezu jeder Schuss. Gegenwehr schien zwecklos. Was hÀtte man mit Lanze oder Reiterpistole gegen einen Feind ausrichten sollen, der aus sicherer Deckung feuerte? Panik brach aus, und wer konnte, versuchte zu fliehen.
Obwohl auf der RĂŒckseite der Villa kaum mit verirrten Kugeln zu rechnen war, zog Lore den Kopf tief zwischen die Schultern, als sie ĂŒber den Hof zum Pferdestall hastete. Antek blieb dicht hinter ihr. Das große Tor stand halb offen, und nacheinander schlĂŒpften sie hindurch.
„Was wollen hier?”, fragte Antek mit gedĂ€mpfter Stimme, obwohl das bei dem Krach da draußen unnötig war.
„Wir mĂŒssen in die Wohnung von Kutscher Heinrich”, erklĂ€rte Lore und wandte sich nach rechts.
Als sie den Begriff „Wohnung” gebrauchte, wusste sie, wie sehr sie damit ĂŒbertrieb. Ein vom Stall abgetrennter Verschlag, dessen Ă€rmliche Ausstattung die Dunkelheit verbarg. In der Kammer stank es nach Schweiß, menschlichen AusdĂŒnstungen und kaltem Pfeifenrauch
„Wo sein Heinrich?“
„Weg“, knurrte Lore und dachte daran, wie die Familie Wernicke schon vor fĂŒnf Tagen die Flucht nach Grimma angetreten hatte. Heinrich musste sie kutschieren.
„Und du passt mir gut auf das Anwesen auf. Ich verlasse mich auf dich“, hatte der Hausherr zu ihr gesagt, ehe er in die Kutsche gestiegen war. Mit einer Hand hatte er Lore ĂŒber die Wange gestrichen und gemeint, dass alles schon nicht so schlimm kommen wĂŒrde.
Am liebsten hÀtte sie ihn angespuckt.
Lore tastete sich vor zu einer morschen Truhe, von der sie wusste, dass Heinrich dort ein paar alte KleidungsstĂŒcke verwahrte. FĂŒr Antek kramte sie eine zigfach geflickte Hose hervor. Sie fand auch eine arg zerschlissene Joppe, die sie dem Jungen ĂŒber die Schultern warf. FĂŒr sich entdeckte sie einen abgewetzten Mantel.
Es dauerte geraume Zeit, bis Antek die Hose gewechselt, das hĂ€ssliche StĂŒck mit seinem GĂŒrtel zum Halten gebracht und die zu langen Hosenbeine aufgekrempelt hatte. Zusammen mit der Joppe hĂ€tte man ihn fĂŒr eine verwitterte Vogelscheuche halten können.
„Komm!“
Lore schob Antek vor sich her, bis sie den Hinterausgang des verwaisten Pferdestalles erreichten. Zögernd trat sie nach draußen. Hier begann die Streuobstwiese des Herrn Wernicke. Das wenige Mondlicht, das die feinen Wolkenschleier zu durchdringen vermochte, ließ die BĂ€ume wie eine Schar finsterer Riesen erscheinen.
Lore neigte lauschend den Kopf. So schlagartig, wie das Schießen begann, hatte es aufgehört. Die Reste des Reiterregimentes mussten aus dem Dorf entkommen sein. ZurĂŒck blieben Tode und Verwundete. Die Schreie der Blessierten, die von der Straße herĂŒber drangen, hĂ€tten ihr normalerweise Schauer ĂŒber den RĂŒcken gejagt, wenn sie durch die GrĂ€uel der letzten Tage nicht bereits abgestumpft gewesen wĂ€re.
„Komm!“, wiederholte sie und trat zwischen die BĂ€ume. Mit ausgreifenden Schritten eilte sie ĂŒber die Wiese. Antek, den sein zu großes Beinkleid behinderte, tat sich schwer, an ihrer Seite zu bleiben. Das wurde noch schlimmer, als sie sich wenig spĂ€ter durch dichtes GestrĂŒpp kĂ€mpfen mussten. Da fĂŒhlte sich Lore krĂ€ftig am Arm gepackt und blieb stehen. Antek griff auch mit der anderen Hand zu und zog die Frau zu sich heran.
„Was ist mit dir?“, fragte sie verwirrt und versuchte seine klammernden HĂ€nde abzuschĂŒtteln.
„Wo gehen hin? Was haben du ...?“
Er ließ seine Rechte fallen, presste sie auf die Rippen. Das Atmen schien ihm MĂŒhe zu bereiten.
„Wir gehen zur Witwe Kroll. Sie ist eine gute Frau. Sie hat mir schon oft geholfen. Es ist nicht mehr weit bis zu ihr.“
„Und wenn dort Austriak ...?“
„Ich glaube nicht, dass so weit entfernt von der Hauptstraße die Österreicher hocken. Und wenn doch, dann mĂŒssen wir ein anderes Versteck finden.“
Sie merkte, dass er nicht alles verstanden hatte, aber der Klang ihrer Stimme schien ihn zu beruhigen. Er ließ sie los.
Als sie erneut eine Wiese erreichten, zeigte Lore nach vorn, wo sich eine armselige Kate zwischen zwei Bodenwellen duckte.
„Dort ist es“, sagte sie. „Komm!“
Doch da fĂŒhlte sie sich abermals zurĂŒckgehalten.
„Lore ... du ... gehen allein!“
Überrascht schaute sie ihn an. Auf seinen gehetzten ZĂŒgen spiegelte sich Ratlosigkeit.
„Antek, was soll das? Wir gehen gemeinsam zur Witwe Kroll und bitten sie, uns wenigstens fĂŒr diese Nacht aufzunehmen.“
Er stand wie angewurzelt und schĂŒttelte den Kopf.
„Was wollen du Pani Kroll sagen, wer sein ich?“
WĂ€hrend er sprach, legte er seine Arme um sie. Es war eher ein Klammern, als eine Umarmung. Den Kopf auf ihre Schulter gelegt, flĂŒsterte er Worte, die sie nicht verstand. Bis auf das letzte – „Adieu.“
„Nein Antek, nix adieu“, raunte sie. „Ich lasse dich hier nicht zurĂŒck.“
„Doch!“
Wie um diesem Wort den nötigen Nachdruck zu verleihen, ließ er die Arme sinken. Er war gerade dabei, einen Schritt zurĂŒckzutreten – da riss sie ihn ihrerseits an sich. Widerstandslos ließ er es geschehen, dass sie sein Gesicht in beide HĂ€nde nahm und beschwörend in seine Augen sah. Bemerkte er, wie sich ihr Blick verschleierte, je stĂ€rker sie ihn nach innen richtete? Da war es erneut – dieses GlĂŒcksgefĂŒhl, das sie nie mehr missen mochte. Sie spĂŒrte, dass ihr dieser Junge etwas gegeben hatte, das nur er ihr zu schenken vermochte. Sie wollte es immer wieder empfangen, um es genauso so intensiv zurĂŒckzugeben. Sie wusste: Antek gehörte zu ihr.
„Ich werde sagen: „Schauen Sie, Witwe Kroll – das ist mein Mann!“


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CPMan
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Lieber Ralph,

soeben habe ich mich durch deinen Text gearbeitet und möchte dir von meinen EindrĂŒcken berichten:

Die Gechichte benötigte Zeit, um in Fahrt zu kommen. In Teilen wird zu weitschweifig Redundantes erzĂ€hlt, dadurch verleihst du zwar zum einem dem Geschehen eine dichte AtmosphĂ€re, doch gleichzeitig lenkst du vom Kern der Geschichte (das VerhĂ€ltnis zwischen Lore und Antek) ab. Ich wĂŒrde gnadenlos straffen, mehr Show und weniger Tell einbauen.

Als es dann aber losgeht mit Lore und Antek entwickelt die Geschichte einen Sog, der mich weiter und weiter lesen ließ. Als Mann fĂŒhle ich mich nicht dazu berufen, die BeweggrĂŒnde fĂŒr Lores Handeln nachzuvollziehen, in Teilen ist ihr Verhalten fĂŒr mich schleierhaft. Gelungen aber finde ich die Umsetzung der Ambivalenz, wie sie den Geschlechtsverkehr mit einem LĂŒstling (Wernicke) zutiefst verabscheut und dann die gleiche Art Geschlechtsverkehr mit einem anderen (Antek) zunĂ€chst duldet und dann sogar genießt. Die Frage, die sich aufdrĂ€ngt: Ist sie die Bataillonshure, wie sie genannt wird, oder ist sie einfach eine selbstbestimmte Frau?

Die Szene mit den österreichischen Soldaten ist dir wunderbar gelungen, der Dialekt passt fĂŒr mich, die Spannung ist greifbar, gleichzeitig wird deutlich, wie Frauen im Krieg zum Spielball der SoldatengelĂŒste wurden. Die Deeskalation der Szene durch den Leutnant gefĂ€llt mir ebenfalls sehr gut, da ansonsten die Szene hĂ€tte unfreiwillig komisch werden können. Auch Anteks Reaktion wird in dieser Szene wunderbar eingefangen.

Das Ende, die romantische Liebe, quasi, kam fĂŒr meine Begriffe nicht ĂŒberzeugend genug daher.

Insgesamt viel Licht und ein bißchen Schatten. Ich finde, dass Lore und Antek schenller in den Mittelpunkt der Geschichte rĂŒcken mĂŒssten. Ein paar mehr Dialogszenen am Anfang wurden die Geschichte auflockern und leichter verstĂ€ndlich machen.

Insgesamt aber gerne gelesen. Chapeau, Monsieur. Du bon boulot!

Sprachliches:

quote:
Die befehlsgewohnte Stimme von Major Dzikowski dröhnte durch die Villa.

Die befehlende Stimme da befehlsgewohnt zweideutig sein kann (gewohnt, Befehle zu geben oder zu empfangen?)

quote:
...und gönnte sich einen Seufzer

klingt schief, finde ich

quote:
..auf dem sich soeben noch die Bedeutung des vom Bataillonschef persönlich erteilten Befehls widerspiegelte

zu umstÀndlich formuliert

k
quote:
urzatmigen Wernicke rasch ans Ziel brachten und ihn nach kurzer Ekstase wie einen vollgesogenen Blutegel von ihr abfallen ließen.


starker Vergleich, gefĂ€llt mir, obwohl ich bei lĂ€ngerem Nachdenken glaube, dass er ja hier FlĂŒssigkeit abgibt statt aufnimmt

quote:
Antek konnte rechtzeitig ein Feldlazarett eingeliefert werden

hier fehlt die PrÀposition 'in'

quote:
Grand Armee

Grande Armée

quote:
Vier junge Artellenristen – höchstens einer von ihnen mochte eine Überlebenschance besitzen.

Artilleristen?

quote:
und strebten nun der Stadt zu.

klingt wieder schief, kann aber nicht sagen warum

quote:
Das Einzige, womit sie die verbleibende Zeit auszufĂŒllen trachtete, war, Trost und Zuversicht aus Gebeten zu schöpfen.

Hier klicken

quote:
...auf sie zu werfen und sein unappetitliches Ding in ihrem Leib wĂŒhlen zu lassen?

Hmm, auch nicht so meins

quote:
Die Pracht der hervorquellenden BrĂŒste ließ Antek aufstöhnen. In seinem Blick spiegelte sich jedoch keine Gier, sondern pure Bewunderung. Die Art, mit der er zaghaft nach den festen milchig-weißen Halbkugeln griff und mit der er seine Fingerspitzen ĂŒber die dunklen Höfe wandern und die Warzen umkreisen ließ, besaß etwas RĂŒhrendes.

Eine der schwierigeren Stellen: milchig-weißen Halbkugeln (gibt's auch milchig-schwarz? außer in Celans Todesfuge?)

quote:
Großer Armee

Warum jetzt hier der deutsche Begriff?

quote:
die ihr noch nie zuteilgeworden war und

zuteil geworden

quote:
„FeinberĂŒhrung. Die werden sich wundern. Geschossen wird aber erst auf meinen ausdrĂŒcklichen Befehl.“

FeindberĂŒhrung, oder fehlt das d absichtlich?

Liebe GrĂŒĂŸe,

CPMan

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Ji Rina
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Hallo Ralph,
Mich hats ĂŒberrascht, wie schnell ich doch diese 16 Seitenlange Geschichte (die ich mir aus zeitlichen GrĂŒnden einteilen wollte) an einem StĂŒck durchgelesen habe.
Tja
Toll, wenn man das Handwerk so gut beherrscht
Mir hat die EinfĂŒhrung gefallen und ich empfand sie nicht als zu lang/ausschweifend. Am meisten hat mir die Szene in der Bibliothek gefallen, in der all die verschiedenen Figuren sehr glaubwĂŒrdig dargestellt werden; es sind immer so kleine SĂ€tzchen, die Du dranhĂ€ngst und die ein Bild sofort lebendig wirken lassen; wobei hier eine AtmosphĂ€re entstand, die mich gleich in ‘Lores Kopf’ hineinversetzte.
Was ich am Ende nicht ganz nachvollziehen konnte: Warum verliebt sich Lore in diesen Antek? ErklĂ€rt wird, dass er sie “immer respektvoll behandelt”, dass er nicht zu den “obergeilen” gehört, wie all die andren MĂ€nner, die sie nur im Bett haben wollen. Und als Lore dann noch erfĂ€hrt, dass Antek keinerlei Erfahrungen mit Frauen hat, ist es um sie geschehen.

Dieser Punkt erschien mir ein wenig unglaubwĂŒrdig. Zum einen muss Lore ja doch eine Charakterstarke Frau sein, die mit “allen Wassern gewaschen ist”, da sie es gewohnt ist, von einem Bett ins andere zu hĂŒpfen (weil man sie ja nur dazu benutzt). FĂŒr eine solche Frau wĂŒrde Antek (meiner Meinung nach) eher wie ein “lieber Bubi” wirken. Denn, und dies ist der zweite Punkt: Viel erfahren wir ja nicht ĂŒber ihn, ausser, dass er mit glasigem Blick auf ihre Schenkel blickt und umbedingt mal "mit ihr will". Es wird beschrieben, dass er weint, als er zuerst zurĂŒckgewiesen wird, aber ist das der Grund, warum eine "erfahrene Frau" sich in einen 16 jĂ€hrigen auf diese Weise verliebt?
Ein wenig mehr CharakterstĂ€rke fĂŒr Antek wĂŒrde das Verliebtsein der Frau vielleicht verstĂ€ndlicher machen, ein wenig mehr “KomplizitĂ€t”: Vielleicht sollte Antek auch gleich in die Bibliotheks Szene mit eingebaut werden. Es könnten Szenen entstehen in denen er die “groben Manieren” der MĂ€nner Lore gegenĂŒber genauestens registriert, wĂ€hrend er ihr jedoch ein GefĂŒhl der KomplizitĂ€t und des BeschĂŒtzsein gibt. Auf diese Weise wĂŒrde die Struktur der Geschichte auch ein wenig “runder wirken”, da sie am Anfang auf eine gewisse Weise in zwei geteilt ist: Die MĂ€nner unter sich – und spĂ€ter nur noch Lore und Antek.
Noch ein weiterer Punkt war die Szene in der Antek ‘nachdem Liebe machen’ einschlĂ€ft: Die HaustĂŒr wird mit harten SchlĂ€gen traktiert, Waffengeklirr; der Balken der TĂŒr wird herausgewuchtet; die TĂŒr wird aufgestossen; Soldaten stĂŒrmen in den Raum und sofort “wĂŒhlt einer der MĂ€nner in Lores Schenkeln” (diesen Satz fand auch ich nicht so angebracht ) Und Antek?? SchlĂ€ft er die ganze Zeit? Hört er nichts? Wacht er nicht auf? Irgendwie hat man ihn hier an dieser Stelle vergessen.

Abgesehen von diesen Punkten, mein allergrössten Respekt fĂŒr diese sehr lange ErzĂ€hlung. Ich wĂŒnschte ich wĂ€re imstande auch so etwas zu schreiben.
Auch entschuldige ich mich fĂŒr diesen etwas wirren Kommentar – den ich (aus Zeitnot) sehr in Eile geschrieben habe.
Mit Gruss,
Ji

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Der Leser hatÂŽs gut: Er kann sich seine Schriftsteller aussuchen.
(Kurt Tucholsky)

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Ralph Ronneberger
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Lieber CPMan,

zunĂ€chst erst einmal herzlichen Dank fĂŒr deinen ausfĂŒhrlichen Kommentar. So sieht man sich also unter der Trikolore wieder.
Ich hatte schon bezweifelt, ob sich tatsĂ€chlich jemand durch diesen langen Text kĂ€mpft. Bevor ich den Text einstellte, habe ich mir ĂŒberlegt, ob ich nicht ein paar SĂ€tze voran stelle, in denen ich darauf aufmerksam machen wollte, dass ich zumindest mit dem ersten Drittel nicht zufrieden bin, weil ich (trotz einiger KĂŒrzungen) nie das GefĂŒhl losgeworden bin, zu langatmig eingestiegen zu sein. Ich wollte die Leser darum bitten, mir aufzuzeigen, wo KĂŒrzungspotenzial vorhanden sein könnte. Mit deinem Hinweis

quote:
Die Gechichte benötigte Zeit, um in Fahrt zu kommen. In Teilen wird zu weitschweifig Redundantes erzĂ€hlt, dadurch verleihst du zwar zum einem dem Geschehen eine dichte AtmosphĂ€re, doch gleichzeitig lenkst du vom Kern der Geschichte (das VerhĂ€ltnis zwischen Lore und Antek) ab. Ich wĂŒrde gnadenlos straffen, mehr Show und weniger Tell einbauen.
hast du keine Wunden gerissen, sondern den Finger in eine vorhandene gelegt. Mit allem, was du anfĂŒhrst, hast du Recht, aber ich weiß momentan ums Verrecken nicht, wo der Rotstift anzusetzen ist. Aber da wird mir schon etwas einfallen. Es sind hier einige Passagen (u.a. die Sache mit Lores Verlobten und dessen Tod als KĂ€mpfer in Schills Reihen, Lores Aufenthalt bei dem französischen Arzt, Dzikowskis Verzweiflung ĂŒber den RĂŒckzug, nachdem man drei Tage lang das Letzte gegeben hat oder das eigentlich ĂŒberflĂŒssige Auftreten von Poniatowski.) Ich habe das alles reingepresst, um Lores BeweggrĂŒnde fĂŒr ihr Verhalten so erschöpfend wie möglich sichtbar werden zu lassen. Auch das ging wohl ein wenig in die Hose. Also bleibt nur: „Gnadenlos straffen!“ Seufz.
quote:
Als Mann fĂŒhle ich mich nicht dazu berufen, die BeweggrĂŒnde fĂŒr Lores Handeln nachzuvollziehen, in Teilen ist ihr Verhalten fĂŒr mich schleierhaft.
Wieder ein Volltreffer! Irgendwann habe ich mal aus berufenem Mund gehört, dass man es zumindest als AnfĂ€nger vermeiden sollte, perspektivisch in die Rolle des anderen Geschlechts zu schlĂŒpfen. Ji Rina haut in die gleiche Kerbe. Da werde ich noch ausfĂŒhrlicher darauf eingehen.

Überrascht hat mich die Frage:

quote:
Die Frage, die sich aufdrÀngt: Ist sie die Bataillonshure, wie sie genannt wird, oder ist sie einfach eine selbstbestimmte Frau?
Nein – eine Hure ist sie nicht. Ich lasse das den österreichischen Leutnant nur sagen, weil er ja nicht wissen kann, wer und was sie ist. Und so, wie er die Beiden vorfindet, liegt seine Vermutung wohl nahe. Eine selbstbestimmte Frau? Ich bilde mir ein, dass sie im Rahmen der Handlung anfĂ€ngt, eine zu werden.
quote:
Ich finde, dass Lore und Antek schneller in den Mittelpunkt der Geschichte rĂŒcken mĂŒssten.
Mal sehen, ob ich das einigermaßen hin bekomme. Ich muss zugeben, dass die ErzĂ€hlung ein ziemlich verkrampfter Versuch von mir war, diese Geschichte aus einem Kapitel eines schon lange vor sich hin schmorenden Romanfragmetes zu entwickeln. Vieles von dem, was man ĂŒber Lore in der ErzĂ€hlung erfĂ€hrt, wird im Roman bereits zuvor abgehandelt. Antek, der hier zum „Mann“ von Lore wird, stirbt im Roman kurz nach dem Liebesakt. Lore verliebt sich dagegen in einen Oberst, an dessen Stelle ich in der ErzĂ€hlung (mal so) dem Poniatowski eine Nebenrolle verpasst habe.

Aber das wollte ich alles gar nicht schreiben. Ich wollte dir vielmehr nochmals danken und dir verraten, dass mich alles andere in deinem Kommentar natĂŒrlich sehr gefreut hat.

Zum Schluss noch ein Wort zu deinen Anmerkungen „Sprachliches“

Zur „befehlsgewohnten Stimme“ nehme ich deinen Vorschlag an und Ă€ndere in „befehlende“. Das ist dann zwar etwas anderes, als ich meine, aber zumindest eindeutig. Da gebe ich dir Recht.

quote:
...und gönnte sich einen Seufzer
klingt schief, finde ich
Ich denke darĂŒber nach. Sollte die SchrĂ€glage auch mir zu groß sein, lasse ich sie einfach nur seufzen.

quote:
..auf dem sich soeben noch die Bedeutung des vom Bataillonschef persönlich erteilten Befehls widerspiegelte
zu umstÀndlich formuliert

Stimmt. Da kann man auch locker zwei kurze SĂ€tze draus machen.

quote:
kurzatmigen Wernicke rasch ans Ziel brachten und ihn nach kurzer Ekstase wie einen vollgesogenen Blutegel von ihr abfallen ließen.
starker Vergleich, gefĂ€llt mir, obwohl ich bei lĂ€ngerem Nachdenken glaube, dass er ja hier FlĂŒssigkeit abgibt statt aufnimmt

Hm. Wahrscheinlich hast du Recht, aber mir will im Moment kein passenderes Viech als einfallen, das fĂŒr eine derartige Metapher herhalten könnte. Schaun wir mal.

quote:
Antek konnte rechtzeitig ein Feldlazarett eingeliefert werden
hier fehlt die PrÀposition 'in'
Und wie die fehlt! Danke.

quote:
Grand Armee. Grande Armée
Nochmal danke.

quote:
Vier junge Artellenristen – höchstens einer von ihnen mochte eine Überlebenschance besitzen. Artilleristen?
Uff – das ist mir schon peinlich.

quote:
und strebten nun der Stadt zu.
klingt wieder schief, kann aber nicht sagen warum
Ja, das klingt zu harmlos. Die Jungs streben nicht nach Leipzig. Sie schleppen sich dort hin. WĂ€re ich allerdings alleine nie drauf gekommen, dass das schief klingt.

quote:
Das Einzige, womit sie die verbleibende Zeit auszufĂŒllen trachtete, war, Trost und Zuversicht aus Gebeten zu schöpfen. Hier klicken
Ich habe geklickt, und bin der Meinung auch der Duden trachtet danach, mir beizupflichten. Ich gebe allerdings zu, dass ein solcher Satz ziemlich verstaubt daher kommt. Vor ĂŒber 100 Jahren gab es jede Menge vom „Sehnen“ und „Trachten“ zu lesen. Wenn mir nichts Besseres einfĂ€llt, lasse ich es so.

quote:
...auf sie zu werfen und sein unappetitliches Ding in ihrem Leib wĂŒhlen zu lassen?
Hmm, auch nicht so meins
Da geht es dir wie Lore. Ist das zu drastisch? Empfindet die ehemalige Magd vom Lande weniger derb? Bin mir nicht sicher.

quote:
Die Pracht der hervorquellenden BrĂŒste ließ Antek aufstöhnen. In seinem Blick spiegelte sich jedoch keine Gier, sondern pure Bewunderung. Die Art, mit der er zaghaft nach den festen milchig-weißen Halbkugeln griff und mit der er seine Fingerspitzen ĂŒber die dunklen Höfe wandern und die Warzen umkreisen ließ, besaß etwas RĂŒhrendes.
Eine der schwierigeren Stellen: milchig-weißen Halbkugeln (gibt's auch milchig-schwarz? außer in Celans Todesfuge?)[
quote:
Stimmt „milchig-weiß“ ist wirklich zu viel des Guten. Und der Satz selbst gefĂ€llt mir auch nicht mehr. Da muss noch entflochten werden. (Die Todesfuge musste ich erst googeln. Pssst)

quote:
Großer Armee. Warum jetzt hier der deutsche Begriff?
Keine Ahnung. Ich tippe auf NachlÀssigkeit.

quote:
die ihr noch nie zuteilgeworden war und
 zuteil geworden
Sollte nicht vorkommen, aber im Eifer des Tastengefechts


quote:
„FeinberĂŒhrung FeindberĂŒhrung, oder fehlt das d absichtlich?

Die Kriege verlören ihre Schrecken, wenn man dieses kleine „d“ weglassen könnte und die Gegner nur noch FeinberĂŒhrungen hĂ€tten. Leider gehört das „d“ hinein. Was ein Buchstabe so ausmachen kann.

Auf dein „Chapeau, Monsieur. Du bon boulot“ bin ich schon ein wenig stolz. So etwas könnte man auch einem Handwerker sagen, dem eines seiner Produkte ganz gut gelungen ist. Da Schreiben in erster Linie ein Handwerk ist, bin ich guter Hoffnung, dass ich in diese Kunst zumindest ansatzweise zu beherrschen lerne.

Lieben Gruß von
Ralph

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Ralph Ronneberger
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Hallo Ji,

zunĂ€chst erst einmal auch dir ein großes Dankeschön fĂŒr deinen (trotz Zeitnot) so ausfĂŒhrlichen Kommentar.
Beim Lesen deiner Zeilen wurde ich ziemlich hin und her gerissen. Dass du mir ein „gutes Handwerk“ und unter anderem die „GlaubwĂŒrdigkeit meiner Figuren“ bescheinigt hast, ließ – zumindest einen Moment lang – so etwas wie Selbstzufriedenheit aufkommen. Doch dank deiner kritischen Anmerkungen fand ich mich sehr schnell im Hobby-Schreiber-Alltag wieder. Im Wesentlichen sprichst du drei Dinge an, in denen dir (zum Teil erhebliche) SchwĂ€chen aufgefallen sind.

Ich beginne mal mit dem Punkt, wo ich nicht zustimmen kann oder zumindest etwas verwirrt bin. Du schreibst:

quote:
Noch ein weiterer Punkt war die Szene in der Antek ‘nachdem Liebe machen’ einschlĂ€ft: Die HaustĂŒr wird mit harten SchlĂ€gen traktiert, Waffengeklirr; der Balken der TĂŒr wird herausgewuchtet; die TĂŒr wird aufgestossen; Soldaten stĂŒrmen in den Raum und sofort “wĂŒhlt einer der MĂ€nner in Lores Schenkeln” (diesen Satz fand auch ich nicht so angebracht ) Und Antek?? SchlĂ€ft er die ganze Zeit? Hört er nichts? Wacht er nicht auf? Irgendwie hat man ihn hier an dieser Stelle vergessen.
Okay – das mit dem „WĂŒhlen“ ist wohl eine Spur zu drastisch, sollte aber das derbe, rĂŒcksichtlose Vorgehen des Soldaten verbildlichen. Kann man Ă€ndern.

Aber deine Frage: „Wo war zu diesem Zeitpunkt Antek?“ kann ich nicht ganz nachvollziehen. Er springt ihr doch bei, schlĂ€gt den Mann, der Lore bedrĂ€ngt“, nieder, ehe er durch den Schlag mit dem Gewehrkolben quasi kampfunfĂ€hig wird. Und dann soll er auch noch aufgespießt werden, was Lore zu verhindern sucht, indem sie sich vor ihn wirft.

Obwohl
 Je lĂ€nger ich ĂŒberdeine Worte nachdenke, umso mehr beginne ich zu glauben, dir Recht geben zu mĂŒssen. Kann es sein, dass du den Moment im Auge hast, als der Krach im Haus beginnt – also noch bevor die Soldaten eindringen? Stimmt! Da fehlt was. Es kann nicht sein, dass er selig weiter pennt. Ich werde sie also gemeinsam Ă€ngstlich sein lassen, und aneinander geklammert das erwarten lassen, was da an Bedrohlichem zu befĂŒrchten ist. Oder so Ă€hnlich.

quote:
Was ich am Ende nicht ganz nachvollziehen konnte: Warum verliebt sich Lore in diesen Antek? ErklĂ€rt wird, dass er sie “immer respektvoll behandelt”, dass er nicht zu den “obergeilen” gehört, wie all die andren MĂ€nner, die sie nur im Bett haben wollen. Und als Lore dann noch erfĂ€hrt, dass Antek keinerlei Erfahrungen mit Frauen hat, ist es um sie geschehen.
Dieser Punkt erschien mir ein wenig unglaubwĂŒrdig. Zum einen muss Lore ja doch eine Charakterstarke Frau sein, die mit “allen Wassern gewaschen ist”, da sie es gewohnt ist, von einem Bett ins andere zu hĂŒpfen (weil man sie ja nur dazu benutzt). FĂŒr eine solche Frau wĂŒrde Antek (meiner Meinung nach) eher wie ein “lieber Bubi” wirken.
Ja, zu diesem Ergebnis kommt CPman auch wenn er schreibt:
quote:
Das Ende, die romantische Liebe, quasi, kam fĂŒr meine Begriffe nicht ĂŒberzeugend genug daher.
Warum verliebt sich Lore in den Jungen? ZunĂ€chst erst einmal: Sie ist fĂŒr mich keine
quote:
die mit “allen Wassern gewaschen ist”, da sie es gewohnt ist, von einem Bett ins andere zu hĂŒpfen (weil man sie ja nur dazu benutzt)
denn es gibt vor Antek nur zwei MĂ€nner, mit denen sie einmal gewollt und einmal ungewollt intimen Kontakt hatte. Ihr Verlobter hat es nicht einmal zum Letzten kommen lassen, da er aus GlaubensgrĂŒnden das „erste Mal“ der Hochzeitsnacht vorbehalten wollte. Ihr von Wernicke aufgezwungene Sex ist alles andere als dafĂŒr geeignet, Lustempfinden in ihr zu wecken. Ein solches Erleben – nĂ€mlich richtigen Sex als etwas Schönes zu empfinden – erfĂ€hrt sie erstmalig durch Antek. Und weil sie das nicht mehr missen will, klammert sie sich in gewisser Weise an ihn, wobei ich dir zustimmen muss, dass daraus noch nicht gleich die „große Liebe“ erwĂ€chst. Viel Stoff fĂŒr mich, alles noch einmal neu zu durchdenken.
quote:
Denn, und dies ist der zweite Punkt: Viel erfahren wir ja nicht ĂŒber ihn, ausser, dass er mit glasigem Blick auf ihre Schenkel blickt und umbedingt mal "mit ihr will". Es wird beschrieben, dass er weint, als er zuerst zurĂŒckgewiesen wird, aber ist das der Grund, warum eine "erfahrene Frau" sich in einen 16 jĂ€hrigen auf diese Weise verliebt?
Ein wenig mehr CharakterstĂ€rke fĂŒr Antek wĂŒrde das Verliebtsein der Frau vielleicht verstĂ€ndlicher machen, ein wenig mehr “KomplizitĂ€t”: Vielleicht sollte Antek auch gleich in die Bibliotheks Szene mit eingebaut werden. Es könnten Szenen entstehen in denen er die “groben Manieren” der MĂ€nner Lore gegenĂŒber genauestens registriert, wĂ€hrend er ihr jedoch ein GefĂŒhl der KomplizitĂ€t und des BeschĂŒtzsein gibt. Auf diese Weise wĂŒrde die Struktur der Geschichte auch ein wenig “runder wirken”, da sie am Anfang auf eine gewisse Weise in zwei geteilt ist: Die MĂ€nner unter sich – und spĂ€ter nur noch Lore und Antek
Hier muss ich dir (das ZĂ€hneknirschen hĂ€lt sich in ertrĂ€glichen Grenzen) uneingeschrĂ€nkt zustimmen. Über Antek als Persönlichkeit erfĂ€hrt der Leser so gut wie nichts. Nicht mal sein Äußeres wird beschrieben. Ein Riesenmangel!
In meinem Roman(noch)fragment besitzt Antek nur eine kleine Nebenrolle. Selbst Lore ist lediglich eine von mehreren Hauptpersonen. Und eine Liebe zwischen ihr und Antek entsteht auch nicht. Sie lÀsst ihn nur aus Mitleid gewÀhren.
WÀre ich eine Frau, hÀtte dieses zu einer ErzÀhlung vergewaltigte Romankapitel vielleicht ganz anders ausgesehen. Wie ich schon in meiner Antwort an CPman erwÀhnte, sollte man als Mann wohl lieber nicht die Perspektive einer Frau wÀhlen. Das kommt noch hinzu.
Wie gesagt, eure Kritiken geben mir viel Anlass, den Text inhaltlich zu ĂŒberdenken. Aber damit werde ich mir Zeit lassen. Im Moment sehe ich in ihm eher ein nur zum Teil geglĂŒcktes Experiment.
Nochmals vielen Dank fĂŒr die recht intensive BeschĂ€ftigung mit dieser ErzĂ€hlung und dem daraus resultierenden – alles andere als wirren – Kommentar.
Es grĂŒĂŸt
Ralph


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Hallo PEEP,

auch dir herzlichen Dank fĂŒr deinen Kommentar und die Bewertung. Drei Kommentare mit drei Sichtweisen. Das macht richtig Spaß, sie zu lesen und darĂŒber nachzudenken.

Was mich an deinen (mit wahrscheinlich zu hochlobenden Worten) AusfĂŒhrungen besonders gefreut hat, ist folgender Satz:

quote:
Anderen widersprechend, finde ich nicht, dass der Schwerpunkt auf die Liebesbeziehung zwischen Wopczek und einer gebeutelten Frau liegt, die lange missbraucht wurde. Der Tenor liegt fĂŒr mich in der Gesamtheit und der Ableitung des primĂ€ren Geschehens zwischen den Hauptprotas, nĂ€mlich dass es auch lebenswerte Momente in der Hölle des Kriegs geben kann. Aber der Text verteufelt den Krieg trotzdem als das, was er ist.

Ich muss ehrlich gestehen, dass dieser Aspekt beim Schreiben höchstens im Unterbewusstsein vorhanden war. Deine Worte haben diesen Gesichtspunkt nun ins Bewusstsein katapultiert. Danke.

Gruß Ralph

PS: Deine PN’s aus den letzten Tagen sind nicht in Vergessenheit geraten. Ich habe momentan nur ne Menge andere Dinge um die Ohren. Aber du hörst von mir.

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