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Leselupe.de > Horror und Psycho
Paradies des Schreckens
Eingestellt am 13. 02. 2014 15:39


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Rhondaly DaCosta
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Paradies des Schreckens


Anhaftung.
Im Wattebäuschchen-Land.
Die Höhle der Erinnerungen.
Tausche Paradiese.
Die RĂĽckkehr.

Anhaftung.
Diesen Weg liebt er am meisten. Es handelt sich um einen schön geschwungenen Waldweg, der um eine kleine Anhöhe herum verläuft.
Der Wald liegt nicht mehr als fĂĽnf Autominuten von ihrem Haus entfernt.
Roland und Laura sind vor etwa einem halben Jahr hierher gezogen. Er hat eine sehr gut bezahlte Stelle als Programmierer in der nahegelegen Stadt angeboten bekommen. Man ist sich rasch einig geworden.
Der Job macht Spaß, die Bezahlung ist sehr gut, außerordentlich gut, möchte er sagen. Zuerst hatten die beiden Bedenken, aus der Großstadt hierher aufs Land zu ziehen - in die German Pampa, wie Laura die Gegend anfangs spöttisch nannte. Aber beide haben sich rasch eingewöhnt.
Das Haus haben sie gemietet. Es ist geräumig, technisch in Schuss und verfügt über einen wirklich schönen Garten.
Heute ist Samstag. Laura ist zum Shopping mit ihrer neuen Freundin unterwegs. Und Roland geht im Wald spazieren.
Schön ist es hier draußen; richtig schön, wie er gerne so sagt.
Er trägt seinen schicken Outdoor Dress, dazu passendes Schuhwerk – und seinen Lieblingsrucksack.
Der Rucksack strahlt vor lauter GrĂĽn. Er ist allerdings nicht ganz grĂĽn; der untere Teil, zum Boden hin, ist in einem warmen Braunton gehalten.
Und – jetzt kommt`s – die Rückseite grüßt mit einem fantastischen Aufdruck: `Aloha from Hawaii`.
„Hawaii. Oh, du mein Hawaii“, seufzt er. Ihre Flitterwochen haben sie nämlich auf Hawaii verbracht. Und dort hat er seinen superhubidubi Rucksack erstanden.
Einmal noch nach Hawaii fahren! Das ist sein Herzenswunsch.
Leider macht lieb Laura da nicht mit; zu teuer. Erst muss die neue Einrichtung abgezahlt werden. Basta. So ist Laura. Immer vernĂĽnftig, immer resolut. Kein Herz fĂĽr broken-hearted Hawaii-Roland. Kein Herz fĂĽr sein Paradies.
Er seufzt wieder vor sich hin. Na ja, der Waldweg hier ist auch ganz schön.

Im Wattebäuschchen-Land.
Hoppla, da fĂĽhrt ein Seitenweg durch das GebĂĽsch! Diesen Weg hat er bisher noch nicht bemerkt, obwohl er schon mehrmals hier hergegangen ist.
Neugierig folgt er der Verlockung. Er dreht sich um; kein Mensch zu sehen. Also, hinein ins Entdeckerleben!
Dann zögert er doch.
Ihn erfasst plötzlich `so ein komisches Gefühl`, wie er es selbst oft nennt. Er senkt den Blick zu Boden und denkt kurz nach. Schließlich gibt er sich einen Ruck und betritt den Nebenweg.
Mit der rechten Hand schiebt er vorsichtig einige Zweige zur Seite.
Der Gang ist rechts und links von undurchdringlichen Büschen gesäumt. Sie stehen dicht beieinander, dabei lassen sie jedoch fast genau eine Schulterbreite Platz zum Durchgehen.
Die Zweige berühren ihn leicht an den Armen. Er schaut sich die Zweige an. Dann fühlt er an den Blättern. Sie fühlen sich weich an, sehr weich, überraschend weich, denkt er sich. Es sind auch keine Dornen oder stachelige Enden zu sehen. Roland geht wie durch eine grüne Wattebäuschchen-Galerie.
Er schaut auf den Boden. Das ist ein schöner brauner Waldboden. Er federt wunderbar durch - ein Jogger-Paradies-Boden.
Nun schaut er nach oben. Er kann den Himmel nicht sehen. Die Zweige ranken sich ĂĽber ihm wie zu einem Dach zusammen.
Im Gang ist es entsprechend halbdunkel. FĂĽr ihn fĂĽhlt sich dieses schummrige Zwielicht angenehm an. Wie am Kaminfeuer? Nein. Wie in einer Lodge? Nein.
Wie auf der Veranda des Hotelzimmers auf Hawaii! Jetzt hat er wieder die Erinnerung.
Das ist ja ein Ding! Da geht er durch einen Waldweg in den Outbacks von Deutschland, und dabei hat er die Empfindung wie damals auf der Veranda in Maui. Sachen gibt`s.

Die Höhle der Erinnerungen.
Nach einiger Zeit … nach wieviel Zeit, fragt er sich? Er weiß es nicht, wie lange er durch die Busch-Allee marschiert ist. Jedenfalls steht er auf einmal vor einem Höhleneingang.
„Das ist ja interessant“, denkt er sich.
Er legt den Kopf in den Nacken. Der Eingang misst gut und gerne zehn bis fünfzehn Meter in der Höhe. Komisch, dass er den Hügel, oder besser gesagt, den Berg, zu dem dieser Eingang gehört, von der Ferne aus nicht gesehen hat. Naja, man ist eben doch sehr oberflächlich in dieser Zeit.
„Das kommt bestimmt vom vielen Fernsehen“, denkt Roland sich. Kürzlich hat er gelesen, dass den Menschen im Westen die Fähigkeit zur Achtsamkeit verloren gegangen sein soll. Achtsamkeit, das soll heißen, im Augenblick zu leben.
Kompliziertes Zeugs - Philosophie oder sowas. Oder ist das gar schon Esoterik? Wer weiĂź.
Jedenfalls hat er den HĂĽgelberg vorher nicht gesehen.
Jetzt friemelt er eine kurze Stablampe aus seinem Rucksack. `Always prepared`, wie man bei den amerikanischen Pfadfindern so sagt.
Er leuchtet vorsichtig in die Höhle hinein. Es scheint alles in Ordnung zu sein, soweit er das auf die Schnelle begutachten kann.
Warum nicht? Ihn reitet der Teufel der Neugier. In seinem Hinterkopf glĂĽht eine kleine dunkelrote Birne; sie geht an, und aus, und an, und aus.
Roland bemerkt das Warnsignal sehr wohl. Aber er ignoriert es. Die Neugier siegt. Was mag diese Höhle ihm wohl bringen?
Vorsichtig betritt er das Geheimnis. Schritt fĂĽr Schritt geht er tiefer hinein.
Die Wände reflektieren ein sonderbares Licht. Woran erinnert ihn dieses Glimmen?
An ein Kaleidoskop? Diese mit Buntpapier beklebte Pappröhre, die man ins Sonnenlicht hält, und die dann alle Farben reflektiert. War das Buntpapier oder waren es bunte Knipssteine? Er weiß es nicht; es ist auch ihm egal. Jedenfalls erinnern ihn die Höhlenwände an ein Kaleidoskop.
Jetzt hält er inne. Er ist vielleicht zehn oder zwanzig Meter in die Höhle hinein gegangen.
Da bestürmen ihn unzählige Bilder aus seinem Leben. Die Kindheit - das Kaleidoskop; die Jugend - eine Reise nach Wangerooge; und dann stehen plötzlich Bilder von der Hochzeitsreise mit Laura nach Hawaii lebendig vor ihm.
Eigentlich müsste er sich setzen, um Ruhe zu finden. Alles verdauen, innehalten, Pause machen – das sagt ihm seine innere Stimme.
Aber er kann nicht anhalten. Wie im Rausch dringt er immer weiter in die Höhle ein. Der Weg führt jetzt leicht abwärts geneigt.
DĂĽfte. Er nimmt DĂĽfte wahr. Was riecht er? SĂĽĂźes. Und Herbes. Ananas mit Maraschino-Kirschen, das ist es.
Roland lacht leise vor sich hin. Er hat es genau erkannt. Ananas mit Maraschino-Kirschen, er hat es genau erkannt. Jaja.
Inzwischen hat er sich an die bunten Reflexionen der Kaleidoskop-Wände gewöhnt. Jetzt muss etwas Neues her - nein, nicht ein neuer Duft. Mehr, etwas mehr muss es sein. Was kann noch kommen an einem Mehr?
Musik. Weht da eine Melodie zu ihm? Roland dreht sich um. Er kann die Quelle der Klänge nicht orten.
Jetzt bleibt er stehen. Er senkt den Blick auf den Boden, um sich zu konzentrieren.
Ist es Gamelan Musik aus Indonesien? Klingen zu ihm diese Kling-Klong Klänge?
Nein. Jetzt schlägt er sich mit der rechten Faust gegen die Stirn.
Aloha. Hawaii Musik. Wie schön.
Plötzlich erschauert er.
Ihm wird bewusst, dass er sich mit der vollen Faust gegen die Stirn geschlagen hat. Nicht mit der flachen Hand, wie man es schon einmal tut - er hat sich mit der Faust geschlagen.
Roland spürt, wie er anfängt zu zittern. Ganz vorsichtig schaut er sich um.
Erst blickt er rückwärts über die linke Schulter; aber da ist niemand. Jetzt wendet er sich nach rechts; auch da ist keiner zu sehen.
Er will jetzt raus hier. Panik überfällt ihn.
Stop. Er ist ein Programmierer. Planen, vorplanen, überdenken, was zu tun ist. Wie im Beruf, so im Leben – das ist seine Devise.
Vorsichtig dreht er sich um - ganz, ganz ruhig. Er leuchtet den Weg zurück, hinaus aus der Höhle.

Tausche Paradiese.
Da steht plötzlich ein alter Mann vor ihm. Er sieht gar nicht gefährlich aus. Eher wie ein Obstbauer aus der Gegend.
Roland beruhigt sich sofort wieder; er ist ein Profi. Er holt sich in Stresssituationen schnell wieder ein.
„Hallo“, sagt er jetzt zu dem Mann. „Sie haben mich ganz schön erschreckt“, fährt er fort.
„Das kann ich mir gut denken“, antwortet der Alte.
„Schließlich können Sie in der Höhle nicht unbedingt auf eine neue Bekanntschaft rechnen, nicht wahr?“, fährt sein Gegenüber in ruhigem Ton fort.
„Was tun Sie hier?“, fragt Roland geradeheraus.
„Ich warte“, antwortet der Mann.
„Worauf?“
„Auf Sie.“
„Aha“, entgegnet Roland nur. Der Alte hat einen Knall in der Birne, das ist ihm klar. Jetzt muss er nur aufpassen, dass der Irre ihm hier in der Höhle nicht gefährlich wird.
Roland tritt einen Schritt zurĂĽck.
„Und was wollen Sie von mir?“, fragt er nun mit betont ruhiger Stimme.
„Ich möchte von Ihnen ein paar Jahre ihres jungen Lebens, damit ich noch weiterleben kann. Ich bin nämlich schon verdammt alt.“, erwidert der Andere.
„Tickticktick, der hat `ne Macke“, memoriert Roland wortlos für sich. Er muss jetzt auf das Spiel eingehen, damit der Verrückte nicht ausrastet oder sonst was passiert.
„Na ja, darüber kann man reden. Ich habe noch ein paar Jährchen in petto. Was haben Sie denn als Tauschobjekt anzubieten?“, fragt er ganz unbedarft.
„Diesen Apfel. Wenn Sie hineinbeißen, dann fliegen Sie noch heute nach Hawaii“, antwortet der Mann.
„Ich muss sehen, dass ich hier wegkomme“, denkt sich Roland. Die Situation wird ihm jetzt zu schizophren.
„OK, Hawaii ist mein Lieblingsort. Ich schlage ein. Geben Sie mir den Apfel.“
Der Alte ĂĽbergibt ihm den Apfel. Dann dreht Mann der sich um und ist im Nu verschwunden.
Roland schaut sich mehrfach um, aber die Person ist fĂĽr ihn nicht mehr zu sehen.
Er riecht am Apfel. Der riecht gut, oder normal, eben wie ein Apfel.
„Na gut“, denkt er sich. „Jetzt habe ich etwas Wegzehrung.“
Er beiĂźt hinein und schmeckt kurz nach, bevor er den Bissen herunterschluckt.
Das Apfelstück schmeckt auf der Zunge nicht bitter, nach Gift oder so, sondern süß-sauer, wie Golden Delicious oder ähnlich.
Er setzt sich nun auf einen Stein und verspeist mit Genuss den Apfel.
Dann verspürt er eine gewisse Müdigkeit. Der Weg, all` das Neue, der komische Kauz – das macht ihn müde.
Er schließt die Augen … und träumt von Hawaii. Die ganze Geschichte rauf und runter von Sonne, Palmen, Sandstrand, Meer, seiner Lieblingsmusik … .
Er wacht irgendwann auf und will nun den Weg zurĂĽckgehen.
Aber da ist kein Weg. Da steht plötzlich eine Mauer. Und die Wand ist weiß, nicht bunt wie ein Kaleidoskop.
Ihm wird mulmig. Er dreht sich wieder um.
Auch in dieser Richtung gibt es keinen Weg mehr. Eine weiße Wand scheint ihn hämisch anzugrinsen.
Er schreit. „Hilfe, Hilfe …“.

Die RĂĽckkehr.
„Herr Norten, es ist alles gut. Ich bin ja bei Ihnen“, sagt die Stimme über ihm.
„Was ist los? Ich will hier raus!“, stammelt Roland.
„Sie sind im St. Marien-Hospital. Und Sie sind hier in Sicherheit“, antwortet die Schwester in festem, beruhigendem Tonfall.
Er blickt sie fassungslos an.
„Wie komme ich hierher?“, will er wissen.
„Ein Suchtrupp hat Sie in einem verlassenen Bergwerksstollen gefunden“, berichtet die Krankenschwester.
„Man hat sie auch nur entdeckt, weil ein Obstbauer sich vor einem Gewitter dort untergestellt und Sie dabei gefunden hat. Damals.“
„Damals? Wo war ich denn die ganze Zeit“, fragt er erstaunt.
„Abgetreten, wie man so sagt. Sie haben jeden Tag stundenlang hier in einem Stuhl am Fenster gesessen und Hawaii-Melodien gesummt.
„Und wieso bin ich jetzt – anders?“, will er wissen.
„Sie hatten wohl im Schlaf ein Retro-Erlebnis. So etwas kommt vor. Das wirkt dann wie eine Schocktherapie – endogen verursacht, sozusagen“, antwortet die Schwester mit ruhiger Stimme.
Roland schaut sie entgeistert an.
„Und wie lang bin ich schon hier?“, will er wissen.
„Seit fünfundvierzig Jahren“, antwortet die Schwester ernst.
Mit einem Ruck hebt er den Oberkörper an. Dabei sieht er sich im gegenüberliegenden Spiegel.
Im Spiegelbild blickt ihn ein alter Mann an.


Version vom 13. 02. 2014 15:39

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Drachenprinzessin
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Registriert: Jan 2014

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Hallo Rhondaly!

Eine schöne Geschichte, gefällt mir gut

Ein paar Anmerkungen:

quote:
Der Job mach(t) SpaĂź ...

quote:
Und Roland geht also im Wald spazieren.

quote:
Hoppla, da fĂĽhrt einen Seitenweg durch das GebĂĽsch.
einen muss hier ein heiĂźen.

quote:
Sie fĂĽhlten sich weich an, sehr weich, ĂĽberraschen(d) weich.

quote:
Outbacks von Deutschland
Ich denke nicht, dass der Vergleich passend ist, da Deutschland einfach zu dicht besiedelt ist.

quote:
Jedenfalls erinnert ihn (xy) an ...
finde ich fĂĽr meinen Geschmack zu oft in der Geschichte.

Ich hoffte, das hilft

Herzliche GrĂĽĂźe
Drachenprinzessin
__________________
Kauko -Im Tal der vergessenen Geschichten (Teil 1)-

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Rhondaly DaCosta
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Hallo ihr Lieben,

ich danke euch fĂĽrs Lesen und fĂĽr eure Kommentare.

Hallo Drachenprinzessin,

ich habe deine Hinweise bez. der Grammatik eingebaut. Danke.
Die Bezeichnung `Outbacks` sollte hier scherzhaft gemeint sein. Deutschland ist nun im Vergleich zu Australien doch sehr ĂĽberschaubar in der Ausdehnung. Der Scherz mit den German Outbacks ist mir wohl nicht so sehr gelungen.
Ich lasse den Ausdruck erst einmal so stehen. Vielleicht fällt mir noch etwas Besseres ein - oder dir?

Hallo Anonym,

du hast recht. Die Sinneswahrnehmungen und das Gefühlsleben müssen sich bei der Person geändert haben.
Ich denke darĂĽber nach. Hast du vielleicht ein paar Ideen?

Liebe GrĂĽĂźe. Rhondaly.

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