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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Paranoia
Eingestellt am 29. 03. 2005 23:10


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Amadis
Routinierter Autor
Registriert: Jan 2003

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Ich spürte wieder diesen unbändigen Zorn in mir aufsteigen. Als ich mich angestellt hatte, war die Schlange an dieser Kasse die kürzeste gewesen. Was war natürlich wieder passiert? Zuerst war die Kassenrolle zu Ende und diese Kuh von Kassiererin hatte sich dermaßen dämlich beim Wechseln angestellt, dass der langhaarige Hausbesetzer an der nächsten Kasse, der lange nach mir gekommen war, schon abkassiert war, als sie ihr nerviges Gefummel endlich beendet hatte. Der Kerl hatte auch noch die Frechheit besessen, mich anzugrinsen, als er mit seinen Neuerwerbungen in Richtung Ausgang verschwunden war.

Aber damit noch nicht genug. Als es endlich weiter ging kam das, was kommen musste: die Dumpfbacke mit dem voll geladenen Wagen hatte vergessen, das Obst zu wiegen! Na klar! Die ach so freundliche Kassiererin schnappte sich das Zeug und verschwand für die nächsten Stunden im Inneren des Supermarktes. Als sie endlich wieder auftauchte, waren nun wirklich alle, die nach mir gekommen waren, bereits abkassiert und mit hämisch grinsenden Gesichtern auf dem Heimweg!

Sie meinen, ich hätte einfach die Kasse wechseln sollen? Ha, da kennen Sie das System nicht! Und ich sage Ihnen, dass System dahinter steckt! Hätte ich die Kasse gewechselt, wäre die ganze Prozedur von vorn losgegangen. Hier, an „meiner Kasse“, war zumindest die Rolle schon gewechselt! Nein, wechseln: niemals!!

So stand ich da mit stetig anschwellender Halsschlagader und wartete darauf, dass nun auch noch der Rentner vor mir mit seinen Gichtgriffeln das MĂĽnzgeld aus seinem abgegriffenen Portemonnaie gefummelt hatte.

Das kann nur System haben! Irgendjemand testet mich, setzt mich auf diese Weise unter Druck oder lacht sich über mich kaputt – vielleicht auch beides! Murphy’s Gesetz! Ha! Damit versuchen die, mich abzulenken. Ganz nach dem Motto, dass es nur Einbildung ist und es jeder von seiner eigenen Warte genauso empfindet!

Das ich nicht lache! Was ist mit dem langhaarigen Hausbesetzer? Ging es dem genauso? Wem wollt ihr das erzählen?

Wenn das alles wäre, wenn es sich auf den Supermarkt beschränken würde! Aber draußen geht das ganze weiter! Ausgerechnet da wo ich parke, steht der Paketwagen quer und ich kann nicht wegfahren! Dann – ich fahre endlich, nachdem mich dieser Prolet auch noch beschimpft hat – ist jede, wirklich JEDE Ampel auf meinem Weg auf rot geschaltet. Na, das ist doch offensichtlich und einfach: jemand beobachtet mich! Das alles ist nur auf mich zugeschnitten!

Da gibt es diese Stelle, die ich jeden Tag passieren muss. Eine Eisenbahnunterführung, die nur ein Auto zur gleichen Zeit passieren kann. Natürlich kommt mir ausgerechnet da immer jemand entgegen, der natürlich dann auch noch Vorfahrt hat! Kann man das noch für Zufall halten? Wer in der Welt ist so naiv? Auf dieser Straße fahren vielleicht fünf Autos am Tag – offenbar aber alle immer dann, wenn ich diese Stelle passiere! Zufall? Das ist schon nicht mehr komisch!

Ich durchschaue das Spiel, habe es längst durchschaut! Und irgendwann erwische ich euch, irgendwann macht ihr einen Fehler und dann ist Schluss mit diesem Spiel!

Ich bin mir inzwischen sogar fast sicher, dass die ganze Welt, in der ich lebe, nur eine Testumgebung ist, die einzig dazu dient, mich diesen Tests zu unterziehen. Vielleicht existiert diese Welt gar nicht, ist eine Art Simulation – wie nennt man das auf Neumodisch „Virtual Reality“! Man muss sich nur die Nachrichten anschauen! Das ist alles derart unrealistisch, dass ich an der Intelligenz meiner Peiniger so manches Mal schon zweifle! Meinen die wirklich, dass ein vernunftbegabtes Lebewesen ihnen diesen Blödsinn abkauft?

Ich sitze während dieser „Nachrichten“ nur noch da und kichere vor mich hin. Eine Meldung ist unrealistischer als die andere! Krieg hier, Katastrophen da und dann diese Politiker! Solche Lebensformen können unmöglich existieren!

Überhaupt: das Fernsehen! „Reality-TV“ – da geben die ernsthaft vor, dass es sich um die Realität handelt! Big Brother – real? Wie sollen Menschen mit derart niedrigen Intelligenzquotienten jemals so lange überlebt haben? Das Fernsehen ist für mich der sicherste Anhaltspunkt, dass alles um mich herum nicht real ist.

Ich frage mich allerdings schon seit langem, was der Sinn dieser Tests sein mag. Werde ich wirklich getestet oder nur traktiert? Gibt es für mich eine Möglichkeit, die Tests zu beenden, quasi einen Ausgang aus dem Labyrinth zu finden? Eine Art Lösung wie in einem Computerspiel?

Ha – fast vergessen habe ich den Tod! Der Tod ist ein so unglaubwürdiges Konzept – welche vernunftbegabte Lebensform kann sich damit abfinden, einfach so irgendwann zu sterben, ohne wahnsinnig zu werden? Vielleicht ist das der eigentliche Test – wer den ständigen Gedanken an den Tod bei gesundem Verstand übersteht, besteht den Test und ist – für was auch immer – geeignet! Das muss es sein! Es ist eine Eignungsprüfung für eine schwierige Aufgabe und man denkt sich, wer diese irrsinnige Pseudo-Realität übersteht, der übersteht alles.

Ich muss also nur noch herausfinden, wie ich den Test beende, den „Endgegner“ besiege, sozusagen. Jetzt machen auch viele meiner früheren Erlebnisse einen Sinn. Da war zum Beispiel der Typ, dem ich eine Zeit lang überall begegnete: beim Einkaufen, er stand als Tramper an der Straße, saß mir im Zug gegenüber. Ich nannte ihn bei mir nur noch den Müsliman und bin mir jetzt sicher, dass es ein Beobachter war. Als ich ihn irgendwann ansprach, verschwand er und tauchte nicht mehr auf.

Vielleicht ist das die Lösung! Ich muss vielleicht nur aussprechen, was ich herausgefunden habe! Was soll mir schon passieren, schließlich ist nichts real?!

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Zarathustra
Routinierter Autor
Registriert: Apr 2003

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Ja, Amadis - ich kann es bestätigen:
Es war der MĂĽslimann; - bei dir jedenfalls.

Bei mir ist es die Brillenfrau mit den hässlichen Schuhen.

Ganz köstlich deine Idee.
Ein bisserl zu lang wie ich finde.
Aber die Geschichte ist viel wert.

L.G. Hans
__________________
Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt! (Bertold Brecht)

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flammarion
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Registriert: Jan 2001

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schön,

wie diese geschichte immer rasanter weitergeht. habe ich mit vergnügen gelesen. könnte von mir aus noch irrwitziger werden, aber dann will ich sie bei humor und satire sehen, abgemacht?
ganz lieb grĂĽĂźt
__________________
Old Icke

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Wolkenreiter
Hobbydichter
Registriert: Feb 2005

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Hallo Amadis
Nette Paranoia :-) Willkommen in der Matrix!
Der Text gefält mir gut und ich musste dauernd grinsen, zumal er sich grandios steigert.
Wolkenreiter

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Esta
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jan 2003

Werke: 8
Kommentare: 30
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Abre las ojos ...

^^°
Herrlich.
Mir kamen so viele Sachen in den Sinn. Edel & Starck, A Beautifull Mind, die bereits erwaehnte Matrix ... Und natuerlich Vanilla Sky, alias Open Your Eyes. *drop*

Herrliche Geschichte. Hab viel grinsen muessen. Das System Leute, das System steckt hinter allem.

Allerdings kann ich mich einem Schauer nicht ganz erwehren. Schizophrenie und Paranoia muessen zu den grausamsten Krankheiten gehoeren, die es ueberhaupt gibt. Faszinieren ... und beaengstigend.

Zum Handwerklichen -
Herrlich uebertrieben. Dennoch wuerde ich ab einem bestimmten Grad damit aufhoeren, den Leser mit rhetorischen Fragen zu bombardieren und deinen Protagonisten einfach in irrsinnige Mutmassungen vertsricken, die keiner Antwort beduerfen ... Wo genau die Grenze fuer diese Fragen liegt, kann ich dir nicht sagen. Es ist eben ein Eindruck meinerseits. *shrug*

Nun denn.
In der Hoffnung, nie den Tuecken der Paranoia zu erliegen, gruesst -
Das ESTA

P.S.: Der Muesli-Mann. ^^° Ja, den kenn ich auch ... laeuft mir staendig ueber den WEg, nur das meiner Frau Politikerin heist. *drop* Allerdings aengstigt sie mich nicht.
__________________
"Reality is Ralph." (Stephen King: 'Lisey's Story'/'Love')

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Amadis
Routinierter Autor
Registriert: Jan 2003

Werke: 18
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Hallo an alle

vielen Dank fĂĽr euer Feedback - obwohl ... es interessiert ja eigentlich nicht, ihr seid ja sowieso nicht real ... :-)

Geschichten wie die Matrix haben mich schon von jeher fasziniert. Das fing mit einem Buch an, dass ich in meiner Jugend gelesen habe "Simulacron Drei" von Daniel Galouye (wurde von Fassbinder unter dem Titel "Welt am Draht" verfilmt). Da beginnt man, sich Gedanken über die Realität zu machen - oder über das, was man für die Realität hält...

GruĂź

Amadis

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