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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Reise
Eingestellt am 16. 09. 2012 23:26


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Amy M.
Hobbydichter
Registriert: Sep 2012

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Reise (27.05.07)



Sie packte ihre Sachen. Sie konnte hier nicht bleiben.
Sie musste weg. Und zwar so schnell wie m├Âglich.
Wahllos stopfte sie die verschiedensten Kleider in ihren Koffer, darunter auch einige Sachen, die sie seit langer Zeit nicht mehr angezogen hatte.
Sie hatte keine Zeit zum ├ťberlegen. Keine Zeit um gro├č nachzudenken.
Immer wieder wiederholte sie dabei drei kleine Worte, ohne Pause: \"Rei├č dich zusammen...... rei├č dich zusammen.... rei├č dich zusammen.... rei├č dich zusammen...\"
Wie gern w├╝rde sie sich jetzt hinsetzten, mit den Beinen in den Armen, aber sie wusste sie durfte nicht innehalten. Niemals. Wenn sie das tun w├╝rde, w├╝rde sie durchdrehen. Dessen war sie sich sicher.
So packte sie weiter ein und innerhalb von 10 Minuten hatte sie alles n├Âtige zusammengepackt (zumindest fiel ihr mehr auf die schnelle nicht ein). Kaum hatte sie denn Koffer geschlossen, nahm sie ihn in die Hand und ging so schnell sie konnte, mit dem zus├Ątzlichen Gewicht zu T├╝r.
Sie rannte und rannte. Vorbei an H├Ąusern, Gesch├Ąften und einer gro├čen Wiese voll mit frischen Morgentau.

Der Bahnhof war ungef├Ąhr zehn Minuten Fu├čweg entfernt. Sie war innerhalb von sechs Minuten dort angekommen.
Kaum da, kramte sie ihr Geld heraus. Immer wieder lies sie den Geldbeutel fallen.
Sie hatte Angst, gro├če Angst. Und wieder sagte sie sich leise: \"Rei├č dich zusammen..\" Daraufhin schaffte sie es auch gen├╝gend Geld herauszunehmen um an den Automaten, der nur noch wenige Schritte von ihr entfernt waren, eine Karte zu kaufen mir der sie in die Innenstadt fahren konnte.
Nach zehn Minuten kam dann auch schon der Zug. Er war fast vollkommen leer. Die meisten lagen wahrscheinlich noch friedlich in ihren Betten und schliefen.
Doch reichten ihr die wenigen Blicke, derer die im Zug sa├čen aus, um ihr zu zeigen, das irgendwas an ihr seltsam war.
Aber sie hatte keinen Spiegel dabei, um zu ├╝berpr├╝fen was es war. Vielleicht war es auch nur der gro├če Koffer, den sie mitschleppte oder vielleicht waren ihr Haare etwas durcheinander? Hatte sie die ├╝berhaupt gek├Ąmmt? Sie war sich nicht mehr so ganz sicher. Darum wurde sie wahrscheinlich so seltsam angeschaut.
Sie setzte sich m├Âglichst abseits hin, da wo sie vor den Blicken der Anwesenden einigerma├čen gesch├╝tzt war. Doch wusste sie, dass sich das jederzeit ├Ąndern konnte. Schlie├člich stiegen die n├Ąchsten Stationen noch einige hinzu. Zum Gl├╝ck war die Stadt nicht weit entfernt, vielleicht so zwanzig Minuten Fahrt. Sie fuhr nur recht selten zur Stadt, weshalb sie es nicht so ganz genau sagen konnte. Vielleicht sollte sie sich einfach erstmal k├Ąmmen. Das w├╝rde schon mal das etwas erleichtern. Und jetzt wo sie schon mal mit dem Zug wegfuhr, f├╝hlte sie sich auch schon viel ruhiger.
Vorsichtig ├Âffnete sie ihren Koffer in der Richtung zum Fenster hin. Sie wollte nicht das die zwei Leute die sie von hier aus noch sehen k├Ânnten ihre totale Unordnung in ihrem Koffer bemerkten.
Doch sie fand ihren Kamm nicht. Anscheinend hatte sie vergessen ihn einzupacken. Aber es war nicht so schlimm. Sie w├╝rde diese Leute eh kein zweites Mal sehen. Also sollte es ihr doch eigentlich egal sein. Und in der Stadt konnte sie dann ja noch schnell einen kaufen bevor sie weiterfuhr... Irgendwohin weit weg von hier.
W├Ąhrend sie sich das ├╝berlegte kam ihr diese pl├Âtzliche Abreise etwas ├╝bereilt vor, aber sie musste weg, das f├╝hlte sie tief in ihrem Inneren. Und dann sah sie wieder dieses Bild vor sich. Der Anblick der sie dazu gebracht hatte, so schnell wie m├Âglich zu verschwinden. Ja sie musste hier fort. So schnell wie m├Âglich.

Sie war froh als sie endlich am Hauptbahnhof ankam. Froh dar├╝ber schon mal einen kleinen Teil der Reise ohne gr├Â├čere Probleme geschafft zu haben und froh dar├╝ber diesen ganzen Blicken zu entschwinden. Es wurden immer mehr die hinzu gestiegen sind und so konnte sie den Blicken auch nicht mehr ausweichen. Sie war froh das sie wenigstens niemand angesprochen hatte.
Aber was war denn so schlimm? Man konnte doch auch mal die Haare nicht machen oder vergessen, oder? Wieso wurde man dann von allen Seiten angeschaut?
Schnell ging sie in ein Gesch├Ąft und kaufte sich ein Kamm. Sie war froh gleich auf Anhieb das richtige Gesch├Ąft gefunden zu haben, sie kannte sich hier ├╝berhaupt nicht aus.
Mit dem Koffer in der einen Hand und mit dem Kamm in der anderen Hand ging sie nun schnell zu der Stelle wo die ganzen ICE\'s und ├Ąhnliches Halt machten. Sie wollte erstmal sicher in einem ICE sitzen bevor sie sich um ihre Haare k├╝mmerte. Sie schaute sich die verschiedenen Z├╝ge an. Der n├Ąchste Zug den sie noch erwischen k├Ânnte (sie musste ja vorher auch noch eine Karte kaufen) w├╝rde in zehn Minuten fahren. Nach K├Âln.
W├╝rde das reichen? Umso weiter umso besser. Kurz dachte sie nach doch dann trugen sie ihre Beine zum Fahrkartenschalter wo sie schnell eine Karte kaufte.
Ab nach K├Âln. Danach w├╝rde sie weitersehen.

Es war erst sieben Uhr, weshalb auch dieser Zug noch einige freie Sitzpl├Ątze bot, auch wenn dort nun viele Gesch├Ąftsleute drin sa├čen, einige mit einem Laptop vor sich. Wieder die ganzen Blicke. Waren es wirklich nur ihre Haare?
Schnell nahm sie den Kamm und k├Ąmmte sich durch diese. Sie wollte daf├╝r nicht extra die Toilette besetzen. Es ging auch so. Obwohl es ihr doch unangenehm war, weil sie wusste, dass man ihr dabei zuschaute. Am liebsten w├Ąre sie aufgestanden und lauthals geschrien \"Was wollt ihr eigentlich von mir?\" und h├Ątte ihnen dann ihren Koffer an den Kopf geschmissen.
Doch erstens w├╝rde sie sich sowas niemals trauen(und auch wenn wahrscheinlich nicht machen) und zweitens kam im just diesen Augenblick wieder das Bild in ihren Kopf. Und das lies sie dann auch davon ab. Sie wollte niemanden SO liegen sehen.
Inzwischen machte der Fahrkartenkontrolleur seine Runde. Sie war fertig mit dem K├Ąmmen und war gerade dabei ihren Kamm einzupacken als sich dieser vor ihr hinstellte doch anstelle seines ├╝blichen: \"Die Fahrkarten bitte!\" sagte er etwas anderes. \"Geht es ihnen nicht gut? Soll ich nach einem Arzt ausrufen lassen?\" Verwirrt blickte sie ihn an, w├Ąhrend sie ihre Fahrkarte herausnahm und ihm entgegen strecken wollte: \"Wieso? Wie kommen sie darauf?\" Nun war es der Kontrolleur der etwas verwirrt aussah, doch nahm er die Fahrkarte entgegen, stempelte diese ab und gab sie ihr zur├╝ck. Aber bevor er weiterging sagte er dann noch: \"Aber falls irgendwas sein sollte gehen sie nach vorne, oder bitten sie jemanden um Hilfe. Sie sehen wirklich nicht gut aus... wie ein lebendes Gespenst.\" Er ging weiter und man h├Ârte ihn wieder durch den Gang schreien wer denn alles noch dazugestiegen sei.

Sie blickte sich um. Erst jetzt bemerkte sie das diese Blicke keine Blicke waren die man jemanden zu warf aus Spott, sondern besorgte Blicke oder zumindest Blicke die irgendwas erwarteten. Dass sie umfiel?
Anscheinend sah sie wohl so aus wenn selbst ein Kontrolleur sie darauf ansprach.
Wie ein lebendes Gespenst...? War sie vielleicht sogar eins?
Klar doch, sie fuhr als Gespenst mit der Bahn. Innerlich musste sie kurz lachen. Und doch.. irgendwie lies sie dieser Gedanke nicht locker. Wie ein Gespenst... irgendwie w├╝rde es passen. Es w├Ąre m├Âglich.
Aber auch nur wenn es nicht unm├Âglich w├Ąre. Sie glaubte an sowas nicht. Und w├╝rde sie auch nicht. Und wennÔÇÖs so w├Ąre w├╝sste sie es doch. Das ganze war nur Einbildung. Sie hatte das nicht gesehen.
Aber wieso sa├č sie dann im Zug, wieso wenn es nur Einbildung war, wollte sie so schnell wie m├Âglich weg?
Es sah so echt aus... so echt...
\"Mutter schau mal da\" fl├╝sterte pl├Âtzlich ein kleines Kind, das auf sie zeigte und riss sie aus den Gedanken. Das kleine M├Ądchen klammerte sich an die Mutter w├Ąhrend es das sagte. Als h├Ątte es gro├če Angst. \"Was soll denn da sein, lass uns weitergehen\"- \"Mama, das ist ein Geist, ein echter Geist\" antwortete das Kind wieder in ├Ąngstlichen aber mit erstaunten Tonfall. Doch die Mutter zog das Kind fort und sie setzten sich einige Sitze weiter hinter.
Ein Geist, schon wieder so etwas. Eigentlich k├Ânnte sie ja auf die Toilette gehen und nachschauen wie blass sie war. Es war wahrscheinlich noch der Schock der alle Farbe aus ihr entweichen lies, als sie das gesehen hatte. Aber das wollte sie nicht. Sie war zu m├╝de. Die ganzen letzten Stunden waren so anstrengend. Sie legte den Kopf ans Fenster. Und kurze Zeit sp├Ąter war sie auch schon eingeschlafen.

Als sie dann wieder aufwachte, war mindestens eine Stunde vergangen, dass sah sie an ihrer Armbanduhr. Wann genau sie eingeschlafen ist konnte sie aber nicht sagen.
Noch immer ersch├Âpft schaute sie sich um. Inzwischen hatte sich ein freier Sitzplatzkreis um sie gebildet. Hatten alle Angst sie w├╝rde sich ├╝bergeben?
Ihr ging es doch gut, was konnte sie daf├╝r das ihre Farbe irgendwie nicht zur├╝ckkehrte, dachte sie mit m├╝den Gedanken.
Aber tats├Ąchlich. Die Leute die ab und zu verstohlen anschauten, schauten sie jetzt anders an. Sie hatten Angst. Gro├če Angst. Auch als der Kontrolleur, der ├╝brigens immer noch derselbe war, wieder vorbeikam machte er einen gro├čen Bogen um sie.
Was war denn los?
Sie ├╝berlegte sich vielleicht doch mal zu einem Spiegel zu gehen. Also aufstehen und zur Toilette. Nur ein paar Meter entfernt. Sie stand auf und sie merkte, dass ihr ziemlich schwindelig war. War sie vielleicht tats├Ąchlich krank?
Schritt f├╝r Schritt ging sie, ganz langsam. Warum war ihr nur so schwindelig?
Alle wichen vor ihr zur├╝ck, keine Koffer keine Taschen. Nichts war im Weg alles wurde vorher \"in Sicherheit\" gebracht, wie sie verwirrt vermutete.
Als sie dann das kleine Zimmer erreichte und die T├╝r hinter sich schloss, blickte sie das erste mal seit sie losgefahren war wieder in einen Spiegel.
Sie erschrak.
Ihr Anblick war so unwirklich.
Zuerst dachte sie, sie w├╝rde sich das tats├Ąchlich wieder einbilden. Diese wei├če durchscheinende Gestalt die sie da im Spiegel anschaute.
Sie selbst. Aber was war mir ihr passiert?
Sie hielt ihre H├Ąnde vors Gesicht sie konnte durch sich hindurch schauen in den Spiegel und auch das Spiegelbild zeigte sie selbst mit den H├Ąnden vorm Kopf und doch konnte sie soweit es noch m├Âglich war alles vom Kopf erkennen.
Verzweifelt lies sie sich auf den mit Papier bestickten feuchten Boden sinken und wippte leicht hin und her. Das konnte alles doch nicht wahr sein. Das konnte es einfach nicht. Und doch wusste sie es - es war wahr.
Hin und her. Hin und her. Das beruhigte. Und so lie├č sie ihren Oberk├Ârper weiterhin hin und her bewegen. Hin und her. Hin und her.
Sie wusste nicht wie lange sie das machte. Niemand beschwerte sich, dass sie solange in diesem Raum war. Hin und her. Und pl├Âtzlich f├╝hlte sie sich noch m├╝der. M├╝der als jemals zuvor. Hin und her. Von unten blickte sie noch ein letztes Mal in den Spiegel. Man sah nur noch ganz leichte Umrisse von ihr. Hin und her. Und dann schlief sie pl├Âtzlich mitten in der Bewegung ein. Sie lehnte sich an die Toilettent├╝r.
Und nach ein paar Minuten war sie gar nicht mehr zu sehen.


Sie hatte auf ihren Koffer ihren Namen und Nummer stehen und so lie├č man ihr, als der Koffer ins Fundb├╝ro kam, ein Brief zukommen (nach vergeblichen Anrufen). Als die Polizei eine Woche sp├Ąter die Leiche entdeckte und das ungef├Ąhre Todesdatum festgestellt hatten, fragten sie sich wie der Koffer der Leiche am selben Tag in den Zug nach K├Âln kam, wo sie doch nat├╝rlichen Todes in ihrem Bett gestorben war und dort noch immer lag als diese gefunden wurde.

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