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Leselupe.de > Krimis und Thriller
Reise nach Rügen
Eingestellt am 14. 06. 2011 04:09


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Hagen
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Reise nach Rügen

Ich hatte gerade die dritte Zigarettenkippe in den Gully vor dem Taxenstand geschnipst, als eine Dame ihren Koffer neben mein Taxi stellte und fragte: „Junger Mann, sind Sie frei?“
„Natürlich! Ich fahre Sie wohin sie wollen; - es sei denn, Sie wollen nach Helgoland.“
„Sehr gut! Dann wollen wir uns umgehend auf den Weg machen! Laden Sie doch bitte meinen Koffer ein!“
Während ich das tat, ließ sie sich in den Wagen gleiten, ich schloss mit sanftem Schmatzen die Tür, ging vorne um den Wagen herum und stieg ein.
„Fahren Sie bitte sofort los!“
Motor anlassen, sanft anrollen und Taxameter starten.
„So“, die Dame lehnte sich zurück, „wir fahren über Schwerin nach Altenkirchen auf Rügen. Ist das ein Problem für Sie?“
„Keineswegs, da bin ich flexibel. Ich sage nur mal eben meiner Zentrale Bescheid.“
„Muss das sein?“
„Es tut mir leid, aber ich kann nicht mal eben für acht Stunden oder so verschwinden.“
„Hm“, ich konnte im Spiegel sehen, wie die Dame angestrengt grübelte, „wissen Sie, niemand darf etwas von dieser Fahrt erfahren. - Mein Mann ist für ein paar Tage verreist, und ich möchte mich in dieser Zeit mit meinen Schwestern treffen, unser jährliches Familientreffen. Mein Mann will das nicht, er ist so furchtbar eifersüchtig. Er denkt dann immer wer weiß was.“
„Kann ich verstehen. Ich werde meinen Boss bitten, Diskretion zu wahren.“
„Ich wäre Ihnen dankbar“, sagte die Dame. Ihre Finger waren voller Ringe, aber ein Ehering war nicht dabei.
Auf der Burgdorfer Straße bekam ich Funkkontakt mit der Zentrale, wir machten einen Festpreis aus, ich stoppte die Uhr, und als wir auf die A2 fuhren, wünschte mir der Boss dass die Straßen vor mir frei und eben sein mögen, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt, mal eben mit dem Taxi von Lehrte nach Rügen zu fahren. Er versprach uns sogar, keiner Menschenseele etwas von dieser Fahrt zu erzählen.
Ich wiederholte mein Versprechen und legte eine CD ein, die Wassermusik von Händel.
„Ist Ihnen das Recht?“
„Das ist mir sehr Recht!“ Die Dame im Fond lehnte sich entspannt zurück, „das letzte Mal hatte der Fahrer irgendwelche Hottentottenmusik an und wollte sich mit mir über Fußball unterhalten. - Grauenhaft!“
War lange her, dass ich auf Rügen war, damals mit meiner Exfrau. Ich hätte gerne das Eisenbahn und Technik-Museum besichtigt, aber sie hatte solange rumgezickt bis ich sie zum Shopping durch jede größere Stadt begleitet hatte. Und das Ding mit den Kreidefelsen war auch so eine Niederlage gewesen. Meine Lehrerin damals in der Realschule hatte uns erzählt, dass da laufend was abbricht. Die mussten wir natürlich besichtigen, zwei Stunden lang. Nix war abgebrochen.
„Hallo Ace.“ Ingolfs Stimme knackte aus dem Funkgerät.
„Ja, ich höre Dich!“
„Maschinengewehr-Kelly und Gamaschen-Ede haben wieder ein dickes Ding vor. Sie brauchen um Punkt zwölf Uhr ein Fluchtfahrzeug. Soll ich das diesmal machen, oder machst Du das wieder?“
Unser Code für die Anfrage, ob der Kollege eine Fahrt erwischt hat, bei der das Ende nicht abzusehen ist. Und es macht Spaß.
„Ich hab’s das letzte Mal gemacht. Drei Stunden und zwölf Minuten nach Pforzheim. Diesmal bist Du dran, Masterdriver! Mögen die Straßen vor Dir frei und eben sein!“
„Dank Dir, Ace. Bis dann.“
Die Dame im Fond lächelte milde, ein ‘da lassen wir den Jungs doch mal ihren Spaß’-Lächeln.
Ich startete die CD neu. Sonnenschein, wenig Verkehr bis zum Horster Dreieck, wir hörten anschließend einige Orgelwerke von Bach und unterhielten uns, sie erzählte von ihren jährlichen Familientreffen.
„Wir müssen noch eben meine Schwester aus Schwerin abholen.“
„Kein Problem. Mach‘ ich doch gerne. Sie sind der Boss.“
Wir rollten durch den Elbtunnel - aus irgendwelchen sentimentalen Gründen wollte sie das - und dann auf der A24 durch Hamburg bis Wittenburg.
„Hier hätte ich eigentlich lieber gearbeitet, nach der Wiedervereinigung“, sagte sie, „aber leider kann man sich nicht immer aussuchen, wohin man versetzt wird.“
Sie war Realschullehrerin, inzwischen im Ruhestand, irgendwie kamen wir auf Rudolf Steiner. Sie zeigte sich sehr kultiviert, und ich begann an dem Bild, das sich seit meiner Schulzeit von Realschullehrerinnen in mir breit gemacht hatte, zu arbeiten.
Fast hätte ich die Abfahrt auf die B321 bei Hagenow verbumfiedelt. Wir kamen gegen zehn in Schwerin an und ich fragte einen Kollegen nach dem besten Weg zur Nordstadt. Den beschrieb er mir, zwanzig Minuten später lagen sich die beiden Damen in den Armen und krallten sich gegenseitig die Finger in ihre Hintern.
„Daphne!“ „Felicitas!“
Sicher waren sie Halbschwestern, die Ähnlichkeit war nicht berauschend. Daphne wirkte leicht entrückt, wie die Madonna der ‘Heiligen Familie auf den Stufen‘, gemalt von Nicolas Poussin. Feine, ebenmäßige Gesichtszüge, langes, blondes Haar in leichten Wellen. In ihrem golddurchwirkten Kleid sah sie aus wie eine Prinzessin.
Ich musste noch mit Kaffee trinken, Streuselkuchen essen und anschließend ihren Koffer zum Taxi tragen. Nach ausgiebigem Boxenstopp an einer Spirituosenhandlung, aus dem die beiden Damen dezent kichernd, mit flaschenklirrenden Plastiktüten zurückkehrten, und einem Tankstop - ich kaufte bei der Gelegenheit eine Straßenkarte von Rügen -, während dem sie mich baten, das Taxenschild vom Dach zu nehmen, scheuchte ich das Taxi über die B104.
Die Damen saßen hinten und unterhielten sich. Ich bekam nur Fragmente mit, offenbar hatten sie verschiedene Väter, die sich erst am Grab der Mutter bei ihrer Beisetzung kannengelernt hatten, zusammen mit den Vätern ihrer beiden anderen Schwestern.
Eine hübsche Geschichte.
Kurz hinter Rostock hätte ich fast die B105 verpasst, aber wir rollten dann doch gegen fünfzehn Uhr über den Rügendamm. Kurz dahinter, am Bahnhof, breitete ich die Karte auf dem Beifahrersitz aus, warf einige Blicke darauf und fuhr über Samtens geradeaus auf die B96, bei Sagard links auf die L130 und dann nach Glowe über Baldereck nach Altenkirchen.
War ein hübscher Platz, wirkte zwar noch alles dezent DDR-mäßig und zurzeit noch ein wenig verlassen, aber das war mir egal. Die Damen zeigten mir das vermutlich größte Ferienhäuschen des Platzes, baten mich davor zu halten und ihr Gepäck hinein zu tragen. Das tat ich sogleich und prallte beim Eintreten gegen eine Wand aus Zigarrenrauch. Zwei Damen saßen bereits am Tisch auf dem eine silberne Pistole mit brüniertem Schlitten lag, ein gewaltiger Aschenbecher, und diverse Flaschen ’Woodford‘ sowie Whisky-Tumbler standen. Spielkarten und Chips-Tüten lagen auch herum sowie eine Kiste ‘Flor de Selva‘ - Zigarren.
Die Damen sprangen auf, als meine beiden Mitfahrerinnen eintraten. Die wuchtige Dame legte noch schnell eine Chips-Tüte auf die Pistole als sie mich sah.
Namen wie: „Burglind“, „Felicitas“, „Constanze“, und „Daphne“ schwirrten durch den Raum, die Damen umarmten sich und krallten sich gegenseitig ihre Finger in die Hintern.
Ich ging den zweiten Koffer holen und ließ mir eine Zigarettenlänge Zeit dabei. Nachdem ich die Kippe in den Sand getreten hatte, brachte ich den anderen Koffer hinein, und da standen sie, die vier Damen; - Damen, wie sie unterschiedlicher kaum sein konnten.
Vom Typ ‘emanzipierte Kampflesbe‘, ‘bulgarische Kugelstoßerin‘ über die ‘Märchenprinzessin noch heiß vom Schlaf in Erwartung des Prinzen‘ bis zur ‘ich tue alles für Ihre Stimme-Politikerin‘.
„Junger Mann“, fragte die Kugelstoßerin, „können Sie kochen?“
„Ja, natürlich. Aber verlangen Sie bitte keine vegetarische Küche.“
„Natürlich nicht! – Bisher hat uns immer ein junger Mann während unseres Treffens die Mahlzeiten zubereitet, aber der ist plötzlich erkrankt. - Leider.“
„Das tut mir leid.“
„Können Sie es einrichten, uns heute und Morgen die Mahlzeiten zuzubereiten?“
„Kein Problem. Ich möchte das nur mal eben mit meinem Boss abklären. Von mir aus gerne.“
„Das ist gut. Sie werden uns heute und morgen etwas Gutes kochen und Felicitas und Daphne am Donnerstag nach dem Frühstück zu gleichen Konditionen wie Sie sie hergebracht haben, wieder nach Hause bringen. Oder haben Sie damit ein Problem?“
„Keineswegs. Hört sich sogar gut an. Ich frage mal meinen Boss.“
Das tat ich dann auch, verknuckfiedelte ihm die ganze Geschichte und er gewährte mir einen Tag Urlaub. Wir freuten uns beide, zumal ich die beiden Damen am Donnerstag wieder heimbringen sollte, was eine Menge Leerkilometer sparte. Etwas unglücklich war nur, dass ihm mein Lieblingstaxi einen Tag nicht zur Verfügung stand, aber man kann schließlich nicht alles haben.
„So“, sagte ich und drückte des Handys Auflege-Taste, „für folgende Gerichte bin ich berühmt: Huhn in Rotwein geschmort, Forellen mit Mandeln, Chili con Carne, Bœuf Stroganoff und Steaks mit Kapernsauce. Einige Male habe ich bereits die klassische Putencurry-Reis-Pfanne zubereitet. Meine ehemalige Frau und unsere Gäste waren angetan, ich empfand das Gericht jedoch als nicht ganz perfekt. Möglicherweise lag es am Butterschmalz.“
Die Kugelstoßerin wünschte ein Chili con Carne zur Nacht, mit Vor-, und Nachspeise. Die anderen Damen stimmten ohne große Diskussion zu, gaben mir Geld, und ich sauste los, die Zutaten erwerben. War schon seltsam, die Entschlussfreudigkeit der Damen. Meine Exfrau und alle anderen Damen, mit denen ich bisher essen war, hätten mindestens eine halbe Stunde zur Entscheidungsfindung gebraucht.
Jetzt musste ich mich sputen, die Zutaten für ein Chili con Carne besorgen, sowie die Vor-, und Nachspeise, etwas zum Frühstück für morgen, für mich Bettzeug, eine Zahnbürste, ein Handtuch sowie Wäsche zum Wechseln und ein frisches Hemd.
Als ich wieder zur Hütte kam, diskutierten die Damen gerade ernsthaft die Dead Man’s Hand, die Kombination, die der legendäre Westernheld Wild Bill Hickock gehalten haben sollte, als er am Tisch sitzend erschossen wurde; - zwei Paare und zwar Asse und Achten, nach anderer Überlieferung handelte es sich um Buben und Achten, sie konnten sich nicht einigen.
Es ging offensichtlich ums Pokern. Dass die Damen Zigarren rauchten, Whisky tranken und zahlreiche Geldscheine auf dem Tisch liegen hatten, deutete ebenfalls darauf hin.
Untypisch für Frauen wollten sie meine Meinung nicht hören. In einem strategisch günstigen Moment fragte ich, wann die Damen denn zur Nacht zu speisen gedachten.
„Ein ordentliches Chili con Carne benötigt eine Zubereitungszeit von etwa drei Stunden“, sagte ich, „als Dessert habe ich Mokka-Kirsch-Creme vorgesehen. Als Vorspeise, die ich in einer knappen Stunde zubereitet haben könnte, möchte ich den Damen Schinkenbeignets servieren.“
Die Damen waren sichtlich erstaunt ob der gediegenen Zusammenstellung, und die Prinzessin fragte, ob sie helfen solle. Ich gab mich etwas indigniert weil richtige Männer zur Zubereitung eines Chilis keine Hilfe benötigen. Außerdem, so vermutete ich, seien die Damen sicherlich nicht hergekommen um zu kochen.
Fanden sie alle gut, die Einstellung, ich zog mich in das zurück, was als Küchenbereich abgeteilt war, öffnete die beiden Dosen mit den Bohnen, füllte die Bohnen in einen Topf und warf die Dosen in die Mülltüte. Die Kugelstoßerin stellte fest, dass ich heutigen Tages nicht mehr fahren brauchte und brachte mir höchstpersönlich ein Glas Whisky als ich begann, die Zwiebeln zu schneiden.
War auch in Ordnung, die Einstellung, und ich bereitete das Chili bei dem Genuss eines guten Bourbons vor, so richtig zünftig mit in Streifen geschnittenen Paprikaschoten, Pfefferschoten, zwei geschälten, in Würfel geschnittenen Knoblauchzehen, Oregano, Kreuzkümmel, Chilipulver und Hühnerbrühe zu dem anbratenden Hackfleisch. Das sollte jetzt zwei Stunden vor sich hin köcheln um das Aroma zu entwickeln. Derweil bereitete ich die Schinkenbeignets zu, während hin und wieder eine der Damen zu mir kam und mein Glas nachschenkte.
Die Damen hatten sich bereits mächtig mit Zigarrenrauch eingenebelt, als ich ihnen die Schinkenbeignets in einer Schüssel auf den Tisch stellte. Sie fielen darüber her, und ich ging ein wenig nach draußen, frische Luft schnappen und eine Zigarette rauchen.
War eine bizarre Situation, ich gab den Butler für vier pokernde, Zigarre rauchende Damen. Unter dem Familientreffen einiger Damen hatte ich mir etwas anderes vorgestellt, eher mit Kaffee trinken und Sahnetorte essen, unter Umständen noch Eierlikör; - aber Whisky und Chili con Carne - Herrgott, das Chili!
Ich rannte rein und rührte um während die Politikerin „Straight Zehn hoch“, rief und den Pott zu sich raffte.
„Junger Mann“, sagte sie, „wir haben Hunger. Wie lange wird es noch dauern mit dem Chili?“
„Ein knappes Stündchen“, sagte ich.
„Würde es Ihnen etwas ausmachen, und uns inzwischen die Betten zu beziehen?“
„Keineswegs. Wo wünschen die Damen zu nächtigen?“
Die Damen diskutierten das erstaunlich kurz aus und kamen wenige Augenblicke später zu einem Ergebnis: Die Kugelstoßerin wollte mit der Prinzessin im Schlafzimmer logieren, die Politikerin mit der Emanze in dem großen Kinderzimmer, und ich sollte mich in dem kleinen Kinderzimmer einrichten.
War ein wenig eng vom Timing her, ich schaffte es aber trotzdem die Betten zu beziehen und die Mokka-Kirsch-Creme zuzubereiten. Ich kriegte es hin, sogar mit hübscher Dekoration. Die allerdings hätte ich mir sparen können, die Damen aßen alles auf und gingen nahezu nahtlos zum Fortgang ihres Tuns über, sie verteilten Karten und eröffneten die nächste Runde.
Ich begann das benutzte Geschirr einzusammeln und nahm dabei die Gelegenheit wahr, einige diskrete Blicke in die Karten zu werfen, welche die Damen in ihren hübschen Händen hielten.
Die Politikerin hatte gegeben, in Vorhand saß die Emanze und schob die Unterlippe vor. Die Kugelstoßerin hatte ein miserables Blatt ohne Aussicht auf Verbesserung, sie nagte einen Moment auf ihrer Unterlippe herum und stieg aus. Die Prinzessin hatte auch ein gutes Blatt, setzte zwei Scheine und das Pokerface auf. Die Politikerin schien auch ein starkes Blatt zu haben, sie hielt die Wette und erhöhte um drei.
Ging ganz munter ab, die Partie, während ich auch eine Portion Chili zu mir und den Abwasch in Angriff nahm, stieg die Emanze aus, Politikerin und Prinzessin saßen sich pokergesichtig gegenüber.
Das dauerte eine Weile, etwa solange, wie ich zum Abwaschen und einen Drink mit der Emanze benötigte.
„Hier bitte“, die Politikerin reichte mir eine Zigarre nachdem ich das Geschirrhandtuch an den Haken gehängt und die Prinzessin den Pott an sich gerafft hatte, „die haben Sie sich verdient. Ihr Chili war sehr gut.“
Eine jener Billigzigarren, die man am Kiosk kaufen kann, noch dazu mit Vanillearoma und bereits angeschnitten.
Na gut.
„Danke sehr. - Ich möchte mich gerne zurückziehen. Haben die Damen noch den einen oder anderen Wunsch?“
„Nein, machen Sie nur“, sagte die Politikerin, „hier, nehmen Sie noch einen Absacker mit auf Ihr Zimmer!“ Sie reichte mir eine fast halb volle Flasche Scotch, einen der schlichten Sorte, nur drei Jahre alt.
Ich bedankte mich trotzdem.
„Was und wann möchten die Damen morgigen Tages frühstücken?“ fragte ich.
„Wissen wir noch nicht“, sagte die Emanze und begann die Karten neu zu mischen, „das sehen wir dann. Sie machen das schon.“
„Natürlich.“
Ich deutete eine Verbeugung wie ein Butler an und ging in mein Zimmer.
Erst mal das Fenster auf und das untere der Etagenbetten beziehen. Ich zog mir anschließend die Hose aus und legte mich auf das Bett.
Eine Weile lag ich da, versuchte zu schlafen und lauschte den Damen.
Fachbegriffe wie Cinch hand, Four-Flush, Jacks or better und Showdown wehten zu mir herein. Irgendwann meldete sich meine Blase. Ich legte mein Beinkleid wieder an und ging an den Damen vorbei in das winzige Badezimmer. Als ich zurückkam, meinte die Emanze ohne von ihren Karten aufzusehen, dass ich ihnen doch mal schnell einige Schnittchen machen könnte.
Das tat ich dann auch, ein wenig schludrig, mit dem Toastbrot, dem Käse und der Mettwurst, die ich eigentlich für das Frühstück vorgesehen hatte, und gab, als ich den Damen den Teller auf den Tisch stellte, damit sie nicht noch mit irgendwelchen Sonderwünschen an mich herantraten, leicht schwankend den bereits Betrunkenen.
Ich wankte sodann nochmals in mein Zimmerchen und eine der Damen wünschte mir noch „Angenehme Nachtruhe.“
Die hatte ich wirklich vor zu haben. Ich zog mich wieder aus und kroch unter die Decke. Irgendwie war ich zu müde, um zu schlafen.
Nebenan zockten sie gnadenlos weiter. Ich überlegte mir allen Ernstes, den Fusel, den sie mir gegeben hatten, zu mir zu nehmen, um so wenigstens in einen komaähnlichen Schlaf zu fallen. Der Rhythmus der Nachtschicht hatte sich noch in mir eingegraben.
„Quatsch!“ sagte ich halblaut, „die Zeiten mich in den Schlaf zu saufen und am nächsten Morgen nicht hoch zu kommen sind vorbei!“
Ich zog mich wieder an, nahm Zigarre und Feuerzeug und stieg aus dem Fenster. Langsam ging ich zum Rand des Wäldchens, das an den Strand mündete, hinunter, setzte mich neben eine Tanne und zündete die Zigarre an. Einen Moment überlegte ich, mein Bettzeug zu holen und unter dem Baum zu nächtigen. Es war noch zu früh im Jahr, der Morgen würde möglicherweise etwas kühl werden.
Jetzt hätte ich gerne ein Glas Cognac gehabt, ihn in einem Schwenker kreisen lassen, und in winzigen Schlucken genossen, um dem würzigen Tabak die leicht stechende Komponente zu nehmen, und um das Wohlgefühl zu halten, und ich wollte über das Leben nachdenken, als ein gedämpfter Knall an mir vorbei schwebte, er kam von links, vom Anfang der Steilküste, und verklang in der Unendlichkeit.
Ein Schuss.
Ein Pistolenschuss!
War lange her, dass ich einen Pistolenschuss gehört hatte, seit meiner Zeit bei der Bundeswehr, aber ich hatte den Klang noch im Ohr.
Na, gut. Kein Grund aufzustehen. In mir hatte sich bereits eine leichte Müdigkeit eingestellt, ich war zwar noch nicht unkonzentriert, aber das Wohlgefühl kurz vor dem Einschlafen hatte sich bereits eingestellt.
Irgendwann werde ich mal irgend jemanden irgendwo hinfahren, wo er einen Krieg verhindert.
Welchen anderen Grund gibt es, Taxifahrer zu werden?
War eigentlich nicht schlecht, die Zigarre. Zigarrenraucher sollen die brillantesten Denker sein!
Ich sah auf das Meer hinaus. Keine scharfe Linie des Horizonts, alles verschwamm in seltsamem Dunst, die niedrige Steilküste zur Linken schälte sich aus Brodem und Dunkelheit, der Sandstrand davor, mit kleinen und großen Steinen in losem Sand, und der schmale Streifen festen Sandes, auf den hin und wieder eine Welle gluckste. Auch vor der Steilküste standen einzelne Bäume in mühevollem Überlebenskampf, als hätte ein Mythos sie dort hin gestellt und vergessen.
Ich zog an meiner Zigarre und gab den Rauch andächtig wieder von mir. Langsam zog er hinter mich und löste sich zwischen den Bäumen auf. Bei genauem Hinhören konnte ich die Damen pokern hören. Laute Rufe, Lachen, ich gönnte es ihnen, einmal im Jahr; - eigentlich viel zu selten.
Und dann schälte sich eine Gestalt aus Dunst und Dunkelheit. Eine Frau, sie schritt auf dem schmalen Streifen festen Sandes zwischen See und Sandstrand. Sie ging mit wiegenden Schritten, flott, grazil, leicht tänzelnd. Sie hielt etwas in der linken Hand, möglicherweise ihre Schuhe, denn ihre Schritte waren halb tastend und halb den feuchten Sand genießend.
Die Prinzessin!
Sie kehrte zurück.
Zurück von was?
Zurück vom Schuss?
Hin und wieder blinkte ihr Kleid im fahlen Licht der Sterne, und als sie fast auf gleicher Höhe mit mir war, ließ sie das, was sie in der Hand gehalten hatte, in den Sand fallen. Die nun freie Hand glitt auf ihren Rücken, die andere auch, die Schultern bewegten sich, und langsam verlor das Kleid seinen Halt. Sich kurz blähend sank es zu Boden und die Prinzessin stieg mit grazilem Schritt heraus, wie eine Nymphe, Begehren weckend, doch dieses nicht stillend.
In diesem Moment verstand ich Apoll, dass er die Nymphe Daphne begehrte, die sich ihm entzog, indem sie sich in einen Lorbeerbaum verwandelte. Möglicherweise hatte der gute Apoll nur den falschen Zeitpunkt erwischt. Vielleicht waren die Bäume am Ufer auf diese Weise entstanden, und die entsprechende Nymphe hatte sich in eine Latschenkiefer, oder was auch immer in diesen Breiten wächst, verwandelt. Vielleicht war eine Rückverwandlung möglich, aber das stellte ich mir in Etwa so vertrackt vor, wie Zahnpasta wieder in die Tube zurück zu drücken.
Mir kam in den Sinn, alte Mythen in die heutige Zeit zu transferieren; - ob sich eine Nixe wohl in unserer heutigen Zeit zurecht finden würde?
Ich blieb bewegungslos sitzen und sah zu, wie sich die Prinzessin in die See bewegte. Langsam schritt sie in das kalte Wasser, bis zum Bauchnabel, und sie blieb stehen. Sie senkte sich in das Wasser bis ihre Haare auf der Oberfläche ruhten, wenige Atemzüge lang. Die kleinen Wellen schienen sie nicht zu berühren, sie trieben die Haare nicht auseinander, sie wiegten ihre langen Locken. Langsam wuchs die Prinzessin wieder aus dem Wasser und ging gemessenen Schrittes zum Ufer.
Wie die Tänzerin von Georg Kolbe breitete sie am Ufer die Arme aus, das schöne Haupt leicht auf die Schulter geneigt, begann sich die Prinzessin langsam um sich selber zu drehen. Die leichte Verschiebung der Füße und Knie und die leise Drehung der Körperachse brachte den Eindruck des schwebenden Kreisens mühelos hervor. Sie drehte sich, sie tanzte, als flösse eine ‘Beseelung‘ in sie, die in eine ‘Beseligung‘ gipfelte.
Ich stellte mir vor, dass sie sich mit dem Schuss von einem Tyrannen befreit hatte, sich reinigte, und nun ihren reinen Leib, das Gefäß der reinen Seele in beseligendem Rhythmus genoss.
Gerne hätte ich ihr Gesicht gesehen, ich hätte gern gewusst, ob es noch diesen leicht entrückten Ausdruck trug, aber es war zu dunkel, und sie war zu weit weg als sie ihr Kleid wieder über die Schultern gleiten ließ. Sie hob etwas vom Boden auf, das kurz im fahlen Licht der Sterne blinkte, nahm ihre Schuhe in die Hand und ging mit wiegenden Schritten in Richtung Hütte.
Sie ging und hinterließ einen leeren Strand.
Ich saß noch einige Atemzüge, sah auf die See hinaus und bemerkte, dass meine Zigarre ausgegangen war. Ich zündete sie wieder an, stand auf und ging den Weg zurück, den die Prinzessin gekommen war.
Ich ging auf dem Sand, auf dem die Prinzessin gegangen war, und als ihre Spur endete, fand ich einen Toten. Er lag auf dem Rücken unter einem Baum, mitten in seiner Stirn war ein Loch, seine Augen waren aufgerissen und der Mund wie zu einem stummen Schrei geöffnet. Er trug einen geschäftsmäßigen Anzug, eine goldene Uhr und an seinen Schuhen war nur wenig Sand.
Als unser Haus abgebrannt war, hatten solche Typen mich um das gebracht, was die Versicherung gezahlt hatte. Streng legal hatten sie für einen einzigen Brief etliche tausend Mark kassiert, weil es um den sogenannten Streitwert ging, nicht um Leistung.
Er war mit Sicherheit von oberhalb der fast mannshohen Steilküste gekommen und hatte unter dem Baum auf die Prinzessin gewartet. Die war erschienen, hatte ihn erschossen und war wieder gegangen.
Ich ging auch wieder, langsam zurück zur Hütte.
Irgendwann hatte mal ein kluger Mann behauptet, dass das Opfer bei einem Mord der eigentliche Schuldige ist; - hat er doch des Mörders Handlung durch sein Tun herausgefordert. Mit dem Bewusstsein dieser Tat wird der Mörder – die Mörderin – sein Leben lang existieren müssen.
Nein, mir war nicht übel geworden, ich empfand die Situation so, als hätte ich einen Film gesehen. Die Prinzessin wird einen Grund für ihr Tun gehabt haben, ich sah deshalb keinen Grund auf ihr weiteres Leben einzuwirken.
Ich rauchte die Zigarre zuende, nebelte das Zimmerchen richtig ein und kippte den Whisky aus dem Fenster. Vorbei die Zeit, in der ich mich betrunken hatte. Nur hin und wieder mal einen Schluck in die Schlafenzyme gemischt, ich wollte keinen schweren Kopf beim Erwachen.
Ich genoss das Wohlgefühl vor dem Einschlafen noch solange wie möglich, glitt nahezu übergangslos in den Nachtschlaf und wieder heraus, nachdem die Sonne zwischen zwei Bäumen hindurch gnadenlos in mein Gesicht schien.

Ich blieb noch einen Moment liegen, reckte mich, ließ mich aus dem Bett gleiten und zündete mir eine Zigarette an.
„So“, sagte ich zu mir, „dann wollen wir mal. – Wer sich um alles Gedanken macht, wird verrückt, wer sich um nichts Gedanken macht, ist ein Unmensch!“
Hemd und Hose an, Handtuch über die Schulter, Duschgel, Zahnbüste in der Hand und schnell ins Bad bevor die Damen aus ihren Zimmern kämen. Anschließend Kaffee ansetzen und schnell los, Brötchen holen.
So war es geplant, aber am Tisch saß die Prinzessin, sie schaute etwas hilflos auf die Teile vor ihr auf dem Tisch. Richtig zusammengebaut würden diese Teile eine Pistole ergeben; - die Pistole, auf die die Kugelstoßerin bei meinem ersten Eintreten die Chipstüte gelegt hatte.
Kalter Rauch, unbedingtes Beiwerk des vorangegangenen Pokerabends, ruhte sich noch in dem Raum aus. Chips, Karten, benutzte Gläser und ein voller Aschenbecher lagen auch noch auf dem Tisch wie mit dem Ellenbogen zur Seite geräumt.
„Guten Morgen schöne, junge Frau“, sagte ich.
„Guten Morgen junger Mann“, antwortete sie und sah zu mir auf. Ihr Gesicht trug nicht mehr den Ausdruck innerer Entrücktheit, sie sah nur müde aus, und ein wenig verkatert.
„Haben Sie gut geschlafen?“ fragte ich im Vorbeigehen.
„Hmm – ja. Und Sie?“
„Doch, ja. – Was haben Sie denn da auf dem Tisch? Eine Pistole?“
„Ich hab‘ sie eben gereinigt, und jetzt kriege ich sie nicht mehr zusammen. Würden Sie mir helfen? Aber bitte nichts verraten.“
„Was soll ich nicht verraten? - Werfen Sie die Pistole lieber weg! Waffen bringen nur Unheil.“
„Ach Quatsch. Constanze hat sie mir gegeben, zum Selbstschutz. „
„Na gut. Ich versuch’s mal. – Aber lassen Sie mich bitte schnell vorher duschen. Wenn Sie so nett wären, inzwischen eine Kanne recht starken Kaffee anzusetzen...?“
„Natürlich!“
Sie stand auf, ich ging duschen und putzte mir anschließend zwar mit meiner Zahnbürste aber der Zahnpasta aus einer der Tuben, die herumstanden, die Zähne. Nachdem ich mich wieder angezogen hatte, kehrte ich an den Tisch zurück, „dann wollen wir doch mal.“
„Das ist nett“, die Prinzessin stellte mir eine Tasse hin, „nehmen Sie Milch und Zucker?“
„Ja, etwas von beidem.“
Sie mischte Milch und Zucker in den Kaffee und rührte auch noch um, während ich mir die Teile der Pistole ansah.
„Hübsch“, sagte ich, „ich dachte immer, die Firma ‘Colt‘ baut nur Trommelrevolver.“
Statt einer Antwort begann die Prinzessin einige Gläser und Tassen in die Spüle zu stellen und warmes Wasser einlaufen zu lassen. War lange her, dass ich mal eine Pistole auseinandergenommen, gereinigt und wieder zusammengebaut hatte. Damals bei der Bundeswehr war es eine Walther, jetzt lag eine zerlegte » Combat Elite « vor mir.
Ein schönes Stück aus hochglanzpoliertem, rostfreiem Stahl mit Neopren-Griffschalen und brüniertem Schlitten.
„Eine Single Action-Selbstladepistole“, sagte ich und sah in den Lauf, „sechs Züge im Linksdrall. Dürfte der Bahn des Geschosses eine außerordentliche Stabilität verleihen.“
Die Prinzessin stellte das heiße Wasser ab, „ah, ja. Interessant!“
Mit gelangweiltem Gesichtsausdruck begann sie sich Haushaltshandschuhe überzuziehen.
„Ist ja eigentlich meine Aufgabe“, sagte ich.
„Was, Abwaschen? – Lassen Sie man! Ich mache das mal eben, wenn Sie mir die Pistole zusammen bauen.“
„Das ist nett.“ Sie begann ausgiebig an den Tassen und Gläsern rumzupolieren. Es dauerte nicht lange, bis ich „so, bitte schön“ sagte, ihr die Pistole auf den Tisch legte und meine Tasse austrank.
„Ist die auch geladen?“ fragte die Prinzessin.
„Nein, natürlich nicht.“
„Würden Sie das auch noch mal eben tun?“ Sie griff in ihre Handtasche und reichte mir eine Schachtel Munition, Geco 230 grs MC. „Sieben Geschosse gehen da rein.“
„Ah, ja.“ Ich steckte die Patronen in das Magazin und dieses in den Griff, „jetzt könnten Sie theoretisch jemanden erschießen.“
Sie reagierte nicht, nahm die Pistole in ihre behandschuhten Hände und fragte:
„Können Sie eigentlich schießen?“
„Hab’s lange nicht mehr gemacht.“
„Dann wird es aber mal wieder Zeit!“ Sie öffnete das Fenster. „Meinen Sie, Sie treffen die Dose dort?“
Auf einem Zaunpfahl, nur ein paar Meter entfernt, stand eine leere Dose. Bohnen, solche hatte ich gestern für das Chili gebraucht.
„Klar“, sagte ich, „soll ich mal?“
„Bitte.“
Ich schoss die Dose vom Zaunpfahl, „haben Sie die andere Dose auch noch?“
„Wie?“
„Ach, egal. Soll ich die Pistole jetzt wieder reinigen? Ich zeige Ihnen dann auch, wie sie zusammengebaut wird.“
„Lassen Sie man...“
„Habt Ihr jegliche Contenance verloren?“ Die Dame, die zuerst in Lehrte bei mir an Bord gegangen war, erschien, gewandet mit einem Rüschennachthemd, im Türrahmen, „wer schießt denn hier am frühen Morgen?“
„Entschuldige, Felicitas“, die Prinzessin nahm mir die Pistole aus der Hand und ließ sie in ihrer Tasche verschwinden, „wir wollten Dich nicht wecken. - Willst Du einen Kaffee?“
„Kaffee ist gut. - Eine Aspirin wäre besser.“ Die Dame im Nachthemd wankte zum Tisch, ließ sich auf einen Stuhl fallen und ihren Kopf schwer in die stützenden Hände, „recht schön stark bitte. - Wann gibt’s Frühstück?“
„Mach ich gleich“, sagte ich während die Prinzessin ihre Handschuhe auszog, meine Tasse kurz ausspülte und sie mit Kaffee füllte.
„Möchten die Damen vielleicht Ham and Eggs zum Frühstück“, fragte ich, „oder soll ich Cornflakes besorgen?“
„Cornflakes?”
„Cornflakes!”
Die Dame am Tisch gab einen Knurrlaut von sich.
„Gut. Keine Cornflakes. Wenn ich den Damen meinen Vorschlag unterbreiten dürfte: Ich sause mal eben los und besorge die Zutaten für Ham and Eggs sowie knusprige Brötchen, Honig und englische Marmelade; - so es die denn hier gibt. Zu Mittag gibt‘s dann schöne Steaks, zum Fife o‘ clock-Tea möchte ich den Damen meine weltberühmten Club-Sandwiches zubereiten, und was die Damen zur Nacht zu speisen wünschen, besprechen wir noch. Zuvor möchte ich meinem Taxi einige Schmerztabletten entnehmen, möglicherweise haben die zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch schlummernden Damen nach ihrem Erwachen auch Bedarf.“
„Haben Sie denn Kopfschmerztabletten im Wagen?“ die Dame am Tisch lugte zwischen ihren Fingern hervor.
„Na hören Sie mal, ich bin Taxifahrer!“
Raus, Tabletten, wieder rein, Tabletten auf den Tisch, wieder raus, losfahren und kurz nach der Ausfahrt aus der Ferienhausanlage feststellen, dass ich ein Idiot bin!
Da hatte die Prinzessin die Pistole auseinander genommen und sie gereinigt. Danach hatte sie gewartet, die Hilflose gegeben, mich die Pistole zusammen bauen und daraus schießen lassen. Konservenbüchsen gelangen sehr selten von selber aus der Mülltüte auf Zaunpfähle; - sah alles ein Wenig inszeniert aus, auch das Erscheinen der Dame im Rüschennachthemd. Ich hatte auf der Pistole haufenweise Fingerabdrücke hinterlassen, mit der die Prinzessin in der Nacht zuvor höchstwahrscheinlich einen Mord ausgeführt hatte. Sie brauchte nur noch herzugehen und die Pistole - die sie nach meinem Aufbringen der Fingerabdrücke nur noch mit Handschuhen angefasst hatte - in die Nähe der Leiche zu bringen, auf einem Stein niederzulegen, sich abzuwenden und mit entsetztem Unterton in zitterndem Stimmchen der hiesigen Polizei Mitteilung zu machen.
Ich knackte die Zähne aufeinander.
Die würden kommen und die Pistole mit meinen Fingerabdrücken finden. Die Damen würden auf mich deuten, „Der da!“ murmeln und sich mit gespieltem Entsetzen abwenden.
Ich fuhr oberhalb der Steilküste am Strand entlang bis mir einige Pfähle den Weg sperrten. Ich ging zu Fuß weiter bis fast an die Stelle, an der der Tote unter dem Baum lag und sah hinunter auf den Strand. Ich wartete, ungefähr eine halbe Stunde. Endlich erschien die Prinzessin und legte nahe am Wasser etwas nieder; - konnte nur die Pistole sein.
Sie richtete sich auf, zog Handschuhe aus und begann zurück zu gehen. Ich wartete einige Atemzüge, stieg den Pfad an der Steilküste herab, hob einen flachen Stein von etwa der Größe der Pistole auf und ging weiter. Sie hatte tatsächlich die Pistole mit meinen Fingerabdrücken darauf gut sichtbar am Strand hinterlegt.
Ich sah zu der Prinzessin, wartete bis sie einen Steinwurf entfernt war und stieß einen lauten Pfiff aus. Sie drehte sich um. Ich bückte mich nach der Pistole, wechselte sie unauffällig in die linke Hand, den Stein in die rechte und ging zum Wasser.
Die Prinzessin stand und sah zu mir herüber.
Mit ausholender Bewegung warf ich den Stein weit in die See.
Ich konnte sehen, wie ihr Blick der Flugbahn des Steins folgte.
Derweil steckte ich die Pistole in die Innentasche meiner Weste.
Der Stein klatschte ins Wasser.
Sie sah eine Winzigkeit später zu mir.
Ich zuckte die Achseln.
Sie stand, ich stand.
Sie setzte sich in Bewegung, sie kam zu mir.
Ich blieb stehen bis sie bei mir war.
Sie blieb vor mir stehen.
Ein hübsches Gesicht, ebenmäßige Züge, vollkommen symmetrisch, in ihren Augen glomm eine Spur Unsicherheit, Furcht; - aber keine Angst.
„Einen Mord begehen ist eine Sache, aber in mein Leben eingreifen und es nach Ihren Vorstellungen zu ändern, ist eine andere“, sagte ich. „Zudem war ich eben beim Notar und habe den obligaten ‘nach meinem Tode zu öffnen’ - Umschlag hinterlegt.
Sie sagte nichts, sie sah mich nur an.
„Würden Sie mir helfen, den Toten mit Sand zu bedecken?“ fragte sie schließlich.
„Was geht mich Ihr Mord an? Ich habe etwas anderes vor in diesem Leben, als ständig hinter irgendwelchen Frauen herzureagieren! - Wenn Sie meinen, jemanden umbringen zu müssen, dann erledigen Sie das bitte alleine, aber beziehen Sie mich nicht ohne mein Wissen und Zustimmung in das ein, was Sie meinen, tun zu müssen“, fuhr ich fort. „Wissen Sie, ich war auch mal verheiratet. Meine Frau hat auch immer irgendwelche Sachen angeleiert, kam damit nicht klar, und ich durfte mal wieder! – Scheint typisch Frau zu sein, sich was auszudenken und zu erwarten, dass ein Mann kommt und das fertig stellt, umsetzt oder ausbadet.“
Ein leichter Wind kam auf und ließ die Hosenbeine und Ärmel ihres Jogginganzugs flattern, ihre Haare leicht wehen.
„So“, sagte ich, „ich gehe jetzt. Die Zutaten für’s Frühstück besorgen. Es war vereinbart, dass ich Ihnen heute die Mahlzeiten zubereite. Kommen Sie doch mit, wenn Sie wollen.“
Sie nickte und kam mit zum Taxi. Wir fuhren in den nächsten Ort und erledigten den Einkauf. War noch touristenleer die Insel, niemand kümmerte sich um uns.
„Ich nehme an, Sie haben die Hütte unter falschem Namen gemietet“, sagte ich als wir zurück fuhren.
Sie nickte.
„Gut. Wir sind in der Vorsaison und auf dem Platz ganz alleine. Es kann Tage, sogar Wochen dauern, bis der Tote gefunden wird. Bis dahin sind wir alle wieder weg. Wir sollten nur nicht eher abhauen, das fällt auf. Am Besten, Sie machen weiter wie geplant und ich bringe Sie und Ihre Schwestern morgen nach Hause.“
„Das sind nicht meine Schwestern“, sagte sie, „die anderen sind auch alle auf diesen Heiratsschwindler hereingefallen.“
„So was ähnliches habe ich mir gedacht! – Gehe ich fehl in der Annahme, dass Sie sich hier getroffen haben, um den Heiratsschwindler, der bei Ihnen seelische Verwüstungen angerichtet, Sie um Ihre Ersparnisse und Ihre Zukunft gebracht hat, umzubringen?“
Sie nickte dünn.
„Und dann haben Sie darum gespielt, wer abdrückt. Sie haben verloren.“
„Nein“, sagte sie, „ich habe gewonnen!“

Der Tag schlenderte dahin wie Hans Rühmann durch seine Filme. Die Damen pokerten verbissen als hätte es keinen Mord gegeben, dessen Schatten sich von der Tat gelöst hatte, der wie ein Boomerang kreiste, um in dem Moment zurückzukehren, in dem es sich lohnte, jedem von uns anständig an den Hinterkopf krachen.
Nachdem wir gefrühstückt und ich die Schachtel mit den restlichen Geschossen in die Ostsee geworfen hatte, tiefte ich während einiger ruhiger Minuten das Styropor des Kindersitzes im Taxi passend aus, legte die Pistole hinein, zog den Bezug wieder über und verstaute das Ganze wie es sich gehört im Kofferraum. Sodann fuhr ich nach Wiek, Steaks besorgen, die Zutaten für Club-Sandwiches und Omeletten, die für das Nachtmahl vorgesehen waren.
Die Damen zockten, in ständiger Erwartung einiger Herren, die hereinkommen, ihren Dienstausweis zücken und unangenehme Fragen, einen unbekannten Toten betreffend, stellen würden.
Ich bereitete die Mahlzeiten zu, wir aßen andächtig, hin und wieder bekam ich sogar ein Lob, aber mit abnehmender Spannung mäkelten die Damen zunehmend herum oder versuchten zu diskutieren, warum ich das, was ich getan hatte, so und nicht anders gemacht hatte.
Irgendwann, die Damen waren am Strand, lustwandeln und den Toten bestatten, wie ich vermutete, telefonierte ich mit meinem Boss und erzählte ihm, wie ich den Urlaubstag genoss. Er gönnte ihn mir und erwartete mich am frühen Nachmittag des folgenden Tages zurück.
Als die Omeletten gegessen, die Zigarren geraucht und der Whisky getrunken war, zogen sich die Damen zur Nachtruhe zurück. Bei Kugelstoßerin und Emanze vermeinte ich sogar Spuren von Sentimentalität festzustellen, als ich Gesprächsfragmente mit einem Vokabular wie ‘überreagiert‘, ‘hinreißend charmant‘ und ‘vielleicht hätten wir doch nicht...‘ auffing. Ich reinigte Aschenbecher, Bestecke sowie Geschirr und steckte die Karten in die Hülle. Dabei fiel die Herzdame heraus.
Die Herzdame zeigte die Gesichtszüge der Prinzessin; - und sie betrachtete die Rose in ihrer Hand. Bacchus und seine Festteilnehmer bekränzten sich dereinst mit Rosen, weil man ihnen eine kühlende Wirkung auf das Gehirn zuschrieb, was den oder die Zechende daran hinderte, Geheimnisse auszuplaudern.
Ich sah die Karte als Orakel, steckte sie zu den anderen, fand an dem Platz, an dem die Prinzessin gesessen hatte, eine kaum angerauchte Zigarre und zündete mir die an, nachdem ich Tisch und Küchenzeile gereinigt hatte.
Irgend etwas war da noch mit Aphrodite und dem schwer verwundeten Adonis ... als sie ihm zu Hilfe eilte, trat sie auf den Dorn einer Rose, deren Blüten sich daraufhin rot verfärbten. Ein wenig fühlte ich mich wie damals in der Tanzstunde, als ich meiner Tischdame das Weinglas ausgetauscht hatte, um meine Lippen an die Stelle drücken zu können, an der ihre Lippen kaum sichtbare Spuren hinterlassen hatten.
Von irgendwoher drang Schnarchen zu mir, sicher die Kugelstoßerin. Ich hoffte, dass die Prinzessin kommen würde, um bei mir Schutz vor den Alpträumen zu suchen, vor denen sie sich fürchtete.
Die Prinzessin kam nicht, ich ging an den Strand, rauchte die Zigarre, die sie zwischen ihren Lippen gehalten hatte und überlegte, ob Frauen die besseren Killer sind, weil sie Leben in die Welt setzen. Ich kam zu keinem Ergebnis, ich fühlte mich wie ein Junkie auf Entzug, aber ich wusste nicht, was mir fehlte.
Die Prinzessin kam nicht, das hier war kein Märchen.

Nach opulentem Frühstück reinigten die Damen die Hütte sorgfältig und jede wischte mehrmals da ab, wo sie möglicherweise Fingerabdrücke hinterlassen haben könnte. Eine schloss sorgsam ab und warf den Schlüssel in den Kasten neben der Schranke an der Einfahrt zum Platz. Zwei der Damen gingen am Bahnhof von Bord, ich fuhr nach Schwerin, zum Haus der Prinzessin.
Dort hielt ich ihr die Tür auf, sie stieg aus, und ich trug ihr den Koffer in die Wohnung.
„Bis zum nächsten Mal“, sagte sie und streckte mir ihre Hand entgegen.
„Bis zum nächsten Mal“, ich ergriff ihre Hand. Zarte, weiche Finger hatte sie. „Es würde mich freuen.“
Keine Abschiedsszene, wir trennten uns wie nach einem One-Night-Stand, der keinem so recht gefallen hatte.
Die Dame aus Lehrte blieb hinten sitzen und signalisierte damit, dass sie kein Gespräch wünschte, sie erweckte den Eindruck, als wolle sie aus rein sentimentalen Gründen mit sich und ihren Gedanken alleine sein. Eingehüllt in leichte, klassische Musik fuhren wir fast eine Stunde miteinander in Richtung Lehrte.
„Sie haben die Geschichte ja mitbekommen“, sprach sie unvermittelt auf das Allegro Moderato des dritten Brandenburgischen Konzerts, „was halten Sie davon?“
„Ihre Frage überrascht mich etwas“, sagte ich und drehte die wunderbare Musik etwas leiser.
„Nun“, fuhr sie fort, „es hat einen Toten gegeben. Unser Plan hat nicht ganz so funktioniert, wie wir uns ihn vorgestellt haben; - Sie haben aber trotzdem mitgemacht. - Warum?“
„Als bekennender Macho würde ich sagen: Wenn Frauen sich komplexe Konstellationen ausdenken, funktioniert das in den seltensten Fällen. - Dass Sie mich ohne mein Wissen und Zustimmung in den Mordfall einbezogen haben, finde ich ausgesprochen unfair.“
Im Rückspiegel konnte ich sehen, wie ihre Augen zu schmalen Schlitzen wurden.
„Ansonsten ein guter Plan“, fuhr ich fort, „nur, ich wäre das Schlachtvieh gewesen. Sie hätten mein Leben auch noch ruiniert. - Hätte ich Sie hochgehen lassen, wäre zumindest eine von Ihnen dran gewesen.“
Die Frau hinter mir schwieg nachdenklich.
„Stellen Sie sich bitte mal vor, Sie wären an einen typischen Mann geraten, so ein ‘Mannsbild’, wie es gerade modern ist, welches Filterzigaretten raucht; - wenn überhaupt, weil Nichtrauchen im Trend liegt, Tempo dreißig befürwortet, die Dosenpfandregelung gut findet, die Nichtraucherverordnung befürwortet, weil sie ‘von oben’ kommt, und alles was er sonst so tut, unter dem Gesichtspunkt tut, dass er bestraft wird, wenn er was falsch macht“, sagte ich während ich einen LKW im Überholverbot überholte. - „So einer vertritt die Ansicht, dass Mord gleich Mord ist, egal wen man umbringt.“
„Da haben Sie Recht“, sagte sie, „ein normaler Mensch hätte uns angezeigt. Warum Sie nicht?“
„Weil ich der Ansicht bin, dass es in diesem Fall Unterschiede gibt. - Schlimm wäre es, wenn Sie einen produktiven Menschen umgebracht hätten, zum Beispiel einen, der Straßen baut. Letzten Endes leben wir alle davon, dass Werte geschaffen werden. - Wenn Sie einen Heiratsschwindler oder einen Dealer umbringen, der die Zukunft etlicher Mitmenschen verwüstet oder dazu beiträgt, und sonst nichts produktives für die Menschheit tut, ist es zwar unter ethischen Gesichtspunkten nicht schlimm; - richtiger wäre es allerdings, einen anderen Weg zu suchen.“
„Welchen Weg halten Sie denn für richtig?“
„Ich weiß es nicht. Das ist auch nicht mein Problem. Ich bin der Ansicht, dass Jeder seine Banane selber schälen muss!“
„Aber wir sind doch auf dieser Welt, einander zu helfen.“
„Aber nicht beim Morden! Und schon lange nicht ohne mein Einverständnis! Ansonsten stimme ich dem grundsätzlich zu.“
Die Dame auf der Rückbank schwieg nachdenklich, ich drehte die Musik wieder lauter.

Das Adagio lief.

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herziblatti
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Hallo Hagen, diese Geschichte (und das ist eine durchkonstruierte Geschichte im Gegensatz zu den 'Notlügen'!) habe ich bereits vor einiger Zeit gelesen, und etliche andere aus Deiner 'Feder' ebenfalls. Ich mag die Art des Erzählen, den Witz (extra dry), die Lakonie und noch ein paar erlesene Zutaten, einschließlich umfangreichem Wortschatz, lediglich der Umgang mit der Rechtschreibung und der Zeit bei der Rückblende ist etwas nachlässig

quote:
Ich fahre Sie Komma wohin sSie wollen;
quote:
War lange her, dass ich auf Rügen gewesen (bin) war mit meiner Exfrau. Ich hätte damals etc.
quote:
„Ist Ihnen das Rrecht (recht)?“
„Das ist mir sehr Rrecht (recht)!“
quote:
„Ja, ich höre Dich!“ du/dich klein schreiben

Nochmal durch die ganze Geschichte hindurch (das kannst Du selber), damit der Text druckreif fertig ist, wofür auch immer LG - Heidi
__________________
Warten, was der Fluss so bringt - Fritz Popp

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