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Leselupe.de > Anonymus
Reqiiem-ein Brief
Eingestellt am 26. 06. 2017 17:25


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Anonymous
Unbekannter Verfasser
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Requiem - ein Brief

Liebes Katzenhaus-Team,
meine Pauline war ein sehr eigenständiges Geschöpf, selbstbewußt und völlig authentisch, so, wie man es manchem Menschen wünschte.
Grau gestromt wie tausend andere, sauber und diskret nach Katzenmanier. Bedachtsam und vorsichtig, still in ihrer genauen Beobachtung. Und ein Geschenk des Vertrauens an mich.

Sechzehneinhalb Jahre hat sie mit mir geteilt, ist mit mir umgezogen, hat auf mich gewartet, hat immer stärker meine Nähe gesucht.

Ihr Bruder Benjamin hat es nur zwei Jahre in meiner kleinen Wohnung ausgehalten und seinen Frust an Pauline ausgelassen. Er brauchte Freiheit und Katzenabenteuer, der Draufgänger! Ihre Kollegin hat ihm das Leben vermittelt, das ihm angemessen war, ich empfand nicht das Recht, ihn unglücklich zu machen und habe ihn gehen lassen.

Danach schloß sich Pauline eng an mich an, und unsere lange, stille Gemeinschaft begann und wuchs. Pauline war nie draußen, ich habe noch nicht mal einen Balkon. Die Fenster mit Blick auf den Laubengang, wo sie mich meist bei meiner Rückkehr erwartete und die mit Blick auf den Rasen, wo wir manchmal hinter unseren "schwedischen Gardinen" saßen, waren mit Katzennetzen gesichert. Die Außenwelt kannte Pauline nur in Quadrate geteilt, sie nahm es so gleichmütig hin wie alle Gegebenheiten.
Dafür hatte sie bei mir alles zu ihrer Verfügung, Kleiderschränke, Bett, den zweiten Stuhl am Küchentisch, mit einem Lammfell drauf.
Ich habe ihr oft und viel erzählt, obwohl Katzen ja kein Sprachzentrum besitzen, wohl aber ein feines Gespür. Ob sie mich gern hörte? Ob sie meine höfliche Entschuldigung verstand, wenn sie mir versehentlich einmal unter den Fuß geraten war? Jedenfalls ließ sie sich dann über ihren hübsch gemaserten Kopf streicheln.

Wieviel haben wir wirklich voneinander verstanden? Sie lebte in ihrer Katzenwelt der Instinkte, ich in der Menschenwelt der Vernunft, die immerhin stets für uns beide reichen mußte. So lebten wir in unseren Welten, aber Seite an Seite, nah beieinander. Hat sie das stille Leben mit mir genossen oder sich einfach daran gewöhnt? Mir hat die Selbstverständlichkeit ihrer Präsenz gut getan.

Ihr Abbau und Verfall dauerte nur ein paar Monate. Im Spätherbst bei der jährlichen Impfung fiel noch nichts auf.
Im Frühjahr aß sie weniger und verlor Gewicht. Doch nicht anders als alte Menschen? Ihr Schlafbedürfnis nahm zu, aber es gab doch genug Kissen und meinen Schoß, um dem Rechnung zu tragen? Sie trank viel, nahm ja auch nur Senioren-Trockenfutter an. Da soll doch genügend getrunken werden? Sie roch ein wenig, zu müde zum Putzen? Aber mich "putzte" sie doch, kämmte sogar meine Augenbraue mit ihren Flohzähnchen. Ihr Gang wurde erst langsamer, dann unsicher.

Als ich in der Tierklinik das Große Blutbild machen ließ, waren die Leber- und Nierenwerte verheerend. Die Ärztin wunderte sich, daß Pauline trotzdem noch laufen konnte. Sie hatte ihr einstiges Bestgewicht fast halbiert. Die Kreatininwerte drohten ihr Gehirn zu vergiften, sie hätte nur noch kurze Zeit gelebt. Der unsichere Gang beruhte auf Hüftschmerzen. Ich ließ ihre Erlösung zu, ertrug, daß sie mir im Einschlafen den Rücken zukehrte. Sie wollte wohl bei sich sein.
Was habe ich versäumt? Nichts, antwortete die Tierärztin. Katzen leiden oft still und unerkannt. Paulines Fell sah noch recht gut aus, und ihr Abbau hatte sich innerhalb von Wochen vollzogen.
Ich ließ sie in der Klinik, posthum geht nichts mehr, nur für die Lebenden kann man etwas tun.
Sie fehlt mir, ich sehe sie noch überall. Wenn ich etwas von ihr gelernt habe, dann Authentizität und Würde. Pauline war einmalig.

Ich werde nicht lebenslang auf eine Katze verzichten wollen, aber man ersetzt sie nicht wie einen Gegenstand aus dem Supermarktregal.
Ich bin im Rentenalter, nicht reich an Geld, aber ich weiß es einzuteilen und kann ein Tier versorgen.
Katze und Mensch müssen zueinander finden, auch die Lebensumstände müssen zum Wesen passen. Dann kann man zusammenwachsen, bis daß der Tod uns scheidet. Einer Jungkatze könnte ich wohl nicht mehr gerecht werden. Und solange ich mit Pauline vergleiche, überhaupt keinem Tier. Dennoch werde ich irgendwann sicherlich mal das Katzenhaus aufsuchen.

Paulines und mein Boot entfernen sich ja zunehmend voneinander auf dem Fluß der Zeit.
Möge noch einmal ein Boot mit einer Katze meinen Weg kreuzen, damit wir einander trösten und lieben können!
Mit freundlichen Grüßen

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