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Leselupe.de > Kurzprosa
Requiem
Eingestellt am 11. 09. 2000 08:36


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Bernd
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Requiem (Anna Achmatowa gewidmet)

1 Ich liebe Euch alle

Ich habe Asche im Mund und schreie, die Worte prellen gegen die Wand und werden Wind zwischen den Sonnenblumen. Die Worte prellen in die K├Âpfe und werden Wind zwischen den Ohren. Und das Vergessen wird unendliche Geschichte zwischen den Weltunterg├Ąngen. Und die Asche zwischen den Z├Ąhnen ist bitter und die Worte sind verbrannt. Und die neue Sonne l├Âscht die alte Sonne am Himmel. Und ich habe vergessen und habe immer wieder vergessen und suche verzweifelt. Und gro├če Leute spielen mit U-Booten und spielen mit Flugzeugen und spielen mit Tr├Ągerraketen. Und sie nennen den Angriff Verteidigung und sie bauen immer neues Spielzeug. Und der Regen von Morgen macht uns nicht na├č.

2 Am Anfang

Am Anfang war alles stabil oder starr, oder es erschien mir so und es bewegte sich rasend hinter den Kulissen. Ich sehe nicht, was ich sehe und h├Âre nicht, was ich h├Âre, denn ich glaube. Und mein Glaube versetzt Berge und versetzt Fl├╝sse und versetzt T├Ąler. Schutthalden geb├Ąren neue Berge hinter dem Mond und ├ľlseen flie├čen ├╝ber die Meere. Ich w├╝rze den Boden und er wird unverdaulich f├╝r W├╝rmer und Insekten. Ich w├╝rze die Luft und es t├╝rmt sich ein Berg herausgefallener Fabelwesen. Ich w├╝rze den Regen und er f├Ąrbt die D├Ącher mit reinen sauberen L├Âchern. Ich stopfe die L├Âcher zwischen den T├╝rpfosten mit Ziegeln. Ich stopfe die L├Âcher in den Gehirnen mit ...

3 Dort

Auch ich schreibe ein Requiem, denn meine Tr├Ąume sind tot. Auch ich schreibe ein Requiem und schicke es zwischen die Wolken. Ich liege auf dem Tisch mit einem Zettel am Zeh. Meine Tr├Ąume werden zerschnitten mit einem scharfen Skalpell, sie sind gestorben. Sie sind gestorben wochenlang und monatelang und die Krankheit war schwer. Die unheilbare Krankheit t├Âtete heimt├╝ckisch und die Tr├Ąume sind fort. Die Tr├Ąume vertrockneten und die Bazillen L├╝ge und Dummheit wuchsen und tarnten sich gut und nannten sich Wahrheit und Wissen. Aber wo keine Tr├Ąume sind, vertrocknen auch sie. Nun schneidet der Pathologe mit scharfem Messer und wundert sich. Gr├╝nes Blut tropft aus den offenen Wunden und versickert.

4 Mauern

Ich habe unendlich viel vergessen und wei├č Alles. Ich lebe in der Vergangenheit der Zukunft, wie Alle. Ich suche die Zukunft in der Vergangenheit und finde Zuckerbrot. Ich suche weiter und finde Gifte f├╝r meine Tr├Ąume. Ich bin der Zeitreisende durch die Gegenwart und die Tage sind zugemauerte T├╝ren und die Fenster in den unteren Etagen sind ebenfalls zugemauert. Und die Mauer ist fest, fester, als die zerfallenden D├Ącher oben ├╝ber der dritten Etage oder ├╝ber der vierten Etage usw. Ich bewege mich entlang der Schienen und die Weichen sind eingerostet. Tief liegen die Schienen im Pflaster, Stolpersteine entstehen. Die Sonne scheint und das Getreide wogt.

5 5.10.1989

Ich laufe unsichtbar durch den leeren Bahnhof und sehe zu. Ich sehe die ├╝berf├╝llten Z├╝ge mit den ├╝berm├╝den Reisenden in die Leere. Ich sehe die Posten an der Grenze des Gl├╝cks. Ich h├Âre die Diskussionen an der Grenze des Verstandes. Ich lausche und h├Âre die unh├Ârbaren Diskussionen hinter der Stirn. Warum sind wir fortgelaufen und lassen K├Ąlte. Warum sind wir fortgelaufen in die K├Ąlte. Auch ich bin dabei auch ich bin in der Falle auch ich fahre hinter den Grenzen des Gl├╝cks. denn ich bin ein St├╝ck dieser Ewigkeit und ein St├╝ck dieses Raumes. Und ich erfriere in der K├Ąlte ohne Gedanken. Ich erfriere und werde Eis. Ich erfriere, werde Eis und laufe durch den leeren Bahnhof. Und sehe die ├╝berf├╝llten Z├╝ge mit ├╝berm├╝den Reisenden und sie warten auf das Abfahrtssignal Richtung Styx.

6 Ich stecke

Ich stecke im Pflasterstein und zerschmettere die Kinnspitze des Polizisten. Ich zertr├╝mmere Gedanken und schmettere mich zwischen die Gef├╝hle. Ich bin aber dabei steckengeblieben und bilde den Anfang eines neuen Gebirges. Ich bin der Pflasterstein und fliege hin und her, hin und her im neuen Ballspiel mit dem Schiedsrichter Zeit. Ich wachse ├╝ber die Z├Ąune zwischen den Botschaften und hinter den Grenzpf├Ąhlen und quelle und quelle. Ich bin ein Pendel und schwinge hin und her. Ich bin ein Teil des Gebirges, bin Gebirge und wachse und wachse und schmettere mich zwischen die Gef├╝hle und zertr├╝mmere Gedanken, r├╝cksichtslos r├╝cksichtslose Gedanken.

7 Wende

20.11.89 Ich - Bettler - laufe ins Postamt und tausche 15 Mark. Ich - Bettler - laufe ├╝ber die Grenze und verachte mich, gehe ins Ausland und hole 100 Mark. Ich - Bettler - renne, renne, renne, blicke und t├Ąusche mich selbst, renne durch die Stra├čen, schleiche zwischen den H├Ąusern und rede und eine Stimme br├╝llt mir ins linke Ohr und eine Stimme br├╝llt mir ins rechte Ohr und ich bin Hans im Gl├╝ck und werfe den M├╝hlstein in den ├╝berschwappenden Brunnen. Ich habe den Goldklumpen getauscht, habe immer weiter getauscht, und freue mich - kleines Kind. Ich blicke nicht in den R├╝ckspiegel und nicht in die Zukunft und berausche mich an fremdem Reichtum, berausche mich an ├╝berf├╝llten Regalen und laufe weiter hinter den Grenzen der vergessenen Zeit. Ich bin eingetreten in die sch├Âne neue Welt und kaue Heu, kaue Heu, bin eingetreten. Funken fliegen mir ins Haar und werden Sterntaler. Und ich verga├č das M├Ąrchen, wei├č nicht, wie es geht.



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Copy-Left, samisdada, Dada Dresden

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HerbertH
???
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Ein Text, der unter die Haut geht. Einfach nur grossartig.
Wende wird weiter aufgearbeitet werden m├╝ssen, und dieser Text ist dazu wunderbar geeignet qua Betroffenheit.

Danke daf├╝r.
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┬ę herberth - all rights reserved

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