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Leselupe.de > Horror und Psycho
Respect
Eingestellt am 12. 04. 2003 19:16


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Rub.
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: May 2002

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Respekt
Ihr Name war Collin. Als sie bei uns anfing zu arbeiten, war es schon beinahe Hochsommer. Ich wei├č noch, wie sie nach dem Vorstellungsgespr├Ąch aus dem B├╝ro kam und unsicher um sich schaute. Ich hatte sie gar nicht rein kommen sehen, aber ich komme auch immer zu sp├Ąt. Es war Freitag, und ich und meine Kollegin Biene hatten die Angebote f├╝r die n├Ąchste Woche vorbereitet.
Biene schaute sich nach ihr um und grinste mich vielsagend an.
Ihr Blick sagte alles.
Die bleibt nicht lange.
Sie war gro├č gewachsen und schlank. Ihre Haare waren ein schwarzer Traum aus schimmernder Seide. Ihre Haut war bla├č, aber rein und eben.
Alles in allem war sie eine sch├Âne Gestalt, aber ihre Augen.
Ich wei├č nicht wieso, aber als sie auf uns zukam und mir l├Ąchelnd die Hand zum Gru├č anbot, da stockte ich f├╝r Sekunden und ein Schauer lief ├╝ber meinen R├╝cken.
Ihre Augen. Sie waren starr und kalt.
Wie auf eine ins Ziel gerichtete Waffe fixierten sie mich. Das schlimmste was die Farbe ihrer Augen. Sie waren braun, aber so hell, das es ockerfarben wirkte. Kleine gr├╝ne Punkte schwammen in der Iris und bildeten einen Ring um die Pupille.
Ein paar Minuten nachdem sie gegangen war, kam unsere Chefin aus dem B├╝ro und nickte zufrieden.
Sie war angestellt.
Ihren ersten Arbeitstag hatte sie erst zwei Wochen sp├Ąter und w├Ąhrend der ganzen Zeit hatte ich daran denken m├╝ssen.
Ich wartete extra vor dem Laden auf sie an dem Tag, damit ich ihr zeigen konnte, wie man die Alarmanlage ausschaltete. Sie kam in einem kleinen schwarzen Panda, fuhr ihn auf dem Parkplatz und gurkte eine Weile, bis sie richtig stand.
Ich l├Ąchelte freundlich, als sie ausstieg und winkte ihr. Wir liefen um den Laden zur Hintert├╝r, und ich suchte schon den richtigen Schl├╝ssel. Ich war ein wenig nerv├Âs und redete ununterbrochen. Ich wei├č gar nicht mehr, was ich alles f├╝r einen Kram erz├Ąhlt habe, aber ich wei├č, das Collin die ganze Zeit nur zuh├Ârte und gar nichts sagte.
Ich steckte den richtigen Schl├╝ssel in das Schlo├č der Hintert├╝r und drehte ihn zwei mal, dann sprang ich in den Laden und suchte den Alarmschl├╝ssel.
Ich fummelte ihn in den kleinen grauen Kasten, der neben der T├╝r hing und drehte ihn nach links. Schon leuchtete das L├Ąmpchen ├╝ber dem Schlo├č gr├╝n und wie immer, wenn das der Fall war, atmete ich erleichtert auf.
Ich erz├Ąhlte ihr scherzhaft, das ich es schon zwei mal geschafft hatte, den Alarm auszul├Âsen, und sie grinste.
Wir gingen als erstes ins B├╝ro und ich ├Âffnete den Tresor. Dort verschlossen wir immer die beiden Kassenladen mit dem Wechselgeld. Und die Einnahmen von zwei Tagen. Ich erkl├Ąrte ihr die Kassenanmeldung und die Eingabe des Wechselgeldes ├╝ber das Display.
Die ganze Zeit ├╝ber ruhten ihre seltsamen Augen auf mich.
Geduldig beobachtete sie jede meiner Schritte, verfolgte jeder meiner Handbewegungen und achtete auf jeder meiner Eingaben.
Es war soweit. Alles war vorbereitet f├╝r Laden├Âffnung.
Ich schaute auf die Uhr und stellte fest, das wir eine viertel Stunde zeit hatten. Das war immer die Gelegenheit um schon einen Kaffee aufzusetzen und noch eine Tasse zu schl├╝rfen.
Sie folgte mir in den Aufenthaltsraum und ich setzte den Kaffee auf. W├Ąhrend er Tr├Âpfen f├╝r Tr├Âpfchen in die Kanne fiel, setzte ich mich an den kleinen Holztisch auf einer der beiden Plastikst├╝hle und deutete ihr, sich auch zu setzten.
Sie tat es und immer noch sagte sie kein Wort.
„ Woher kommst du“, fragte ich um wenigstens etwas von ihr zu h├Âren.
Sie blickte mich aus ihren seltsamen Augen an und schien tats├Ąchlich zu ├╝berlegen.
„ Urspr├╝nglich aus Venezuela. Aber ich wohne schon fast vier Jahre lang hier in Deutschland.“
Ich war ├╝berrascht. Sie hatte eine angenehm weiche und melodische Stimme.
Das beruhigte mich ein wenig und ich wurde lockerer.
Wir tranken Kaffee, obschon er noch nicht ganz durchgelaufen war und ich erz├Ąhlte ihr etwas ├╝ber den Laden.
Die ganz gew├Âhnlichen Dinge. Wie wir die Ware sortieren, wie wir die Verfallsdaten ├╝berpr├╝fen und wie wir die ungenutzten Meter best├╝ckten. All das Wichtigste eben.
Sie gew├Âhnte sich schnell ein. Ich brauchte bei weitem l├Ąnger als sie mit der neuen Situation klar zu kommen. Sie lernte schnell, doch immer blieb sie f├╝r mich das M├Ądchen mit den seltsamen Augen.
Trotzdem schaffte ich es erst eine kollegiale Bindung, und schlie├člich auch etwas wie eine Freundschaft mit ihr aufzubauen.
Wir verbrachten viel Zeit miteinander. Verbrachten unsere Pausen gemeinsam im dem kleinen Aufenthaltsraum, erz├Ąhlten uns wichtige Dinge ├╝ber M├Ąnner und ├╝ber Freunde.
Teilten uns den Zucker und die Milch.
Doch nie a├č sie etwas. Ich fragte sie oft danach. Aber sie sch├╝ttelte immer den Kopf und l├Ąchelte.
Wir arbeiteten Tag ein Tag aus miteinander. Sie lernte so schnell, das ich manchmal Angst bekam. Nicht um meinen Job, sondern um meine Kompetenz. Aber es machte mir nichts aus. Ich war froh und erleichtert, das sich Bienes Bef├╝rchtungen nicht best├Ątigt hatten. Das sie nicht lange bliebe.
Ich gew├Âhnte mich sogar an ihre Augen.
Ich werde den Tag nie vergessen, an dem ich ihr gegen├╝ber stand und wu├čte, das etwas nicht in Ordnung war.
Wir hatten uns vorgenommen, den Laden nach der Halbjahresinventur richtig auf Vordermann zu bringen.
Absolut Grundrein.
Wir schlossen den Laden um sechs und holten uns Eimer und Putzzeug.
Mit viel Eifer gingen wir zur Sache. Wir leerten Regale, wuschen sie gr├╝ndlich aus und schoben sogar den ein oder anderen Aufbau zur Seite, um dahinter her zu wischen.
Wir arbeiteten Hand in Hand und alles lief bestens....
......bis Biene zu schreien begann.
Ich stoppte und warf den Lappen, den ich gerade in der Hand hatte, zur├╝ck in den Eimer.
Collin schauten mich ├╝ber das Regal, in dem sie arbeitete, verwundert an.
Biene Gekreische wirkte komisch und ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen.
„......eklig, Gott oh Gott,.....!“
h├Ârten wir sie aus dem Lager rufen und eilten zur Hilfe.
Vielleicht waren wir auch einfach nur neugierig. Collin erreichte als erste das Lager und sp├Ąhte hinein.
Biene hatte sich inzwischen heldenhaft mit einem alten Schrubber bewaffnet und klopfte mit dem Ding auf dem Boden rum.
„ Was tust du da?“ fragte ich und trat hinter Collin vor um zu sehen, was Biene da maltr├Ątierte.
Eine riesige Spinne hatte sich in die Ecke vor dem Schrubber in Sicherheit gebracht und machte sich so klein, wie es ihr m├Âglich war.
Ich lachte.
Die Spinne war ca. Daumendick und ihre verh├Ąltnism├Ą├čig kurzen Beine mit stoppeligen Haaren bedeckt.
„ Tritt doch drauf,“ schlug ich vor und Biene sch├╝ttelte sich allein bei dem Gedanken.
„ Dann hab ich den ganzen Saft unterm Schuh kleben,“ stie├č sie hervor und begann den Schrubber von Stiel abzuschrauben.
„ Ich krieg dich schon,“ fl├╝sterte sie und schickte sich an, mit dem angespitzten Stiel das Wesen zu zerdr├╝cken.
„ Tu das nicht.“
Die Stimme war ganz ruhig aber eindringlich.
Ich drehte mich um.
Collin hatte sich mit zu F├Ąusten geballten H├Ąnden hinter uns aufgebaut und blickte und mit vor Zorn gesenktem Kopf aus drohenden Ockeraugen an.
„ Was denn?“ fragte ich und bemerkte ganz nebenbei, das mein Herz schneller zu schlagen begann.
„ Tu es nicht.“ sagte sie nur wieder und in ihren Augen flammte Wut.
Biene stand mit vor Verwunderung ge├Âffnetem Mund und dem Stiel in der Hand da und legte die Stirn in Falten.
„ Da ist eine fette....“ begann sie.
„ IHR HABT KEIN ......ihr habt kein Recht dazu.“
Ihre kleinen F├Ąusten hob sie drohend, lie├č sie aber gleich wieder sinken.
„ Ok, .....ok.“ Ich merkte, wie sie Situation sich zu verzetteln drohte.
„ macht ja nicht,“ ich wandte mich an Biene die immer noch glotze als h├Ątte sie gerade das Unglaublichste auf Erden erlebt.
„ Was hat die denn f├╝r ein Problem?“ fragte sie sp├Âttisch und hob ein wenig den Stiel.
„ Biene!“ rief ich warnend, „Vielleicht sollten wir das fett......ich meine , die Spinne, einfach nach drau├čen bringen, ok?“
Biene drehte langsam ihren Kopf in meine Richtung.
„ Na klar,“ sagte sie als m├╝sse sie deutlich dar├╝ber nachdenken. „ Kein Problem.“
Ich warf Collin einen Blick zu und merkte, wie sie sich entspannte. Sie l├Âste sich aus ihrer verkrampften, aber kampfbereiten Haltung und schaute versch├╝chtert um sich.
Biene lie├č den Stiel fallen und ging an mir vorbei in den Aufenthaltsraum, wo sie sich einen Kaffe eingo├č.
Die Gelegenheit nutze ich, um mir einen alten Karton zu suchen.
„ La├č nur,“ h├Ârte ich Collin hinter mir, „ Ich bringe sie raus.“
Collin hockte sich in die Ecke, und ohne Scheu packte sie die Spinne fast z├Ąrtlich mit der holen Hand, wo sie verdutzt sitzen blieb, und sich nicht regte.
Ich sah Collin nach, wie sie auf den Hinterausgang zu schritt, sich leise in die Hand fl├╝sternd.
„ Die hat sie doch nicht mehr alle.“
Ich drehte mich erschrocken um. Biene stand hinter mir mit einer Tasse in der Hand.
Sie deutete mit ihrem Zeigefinger auf die Stirn und lie├č den Finger kreisen.
Ich sagte nichts. Ich drehte mich einfach um und lief wieder zu meinem Regal, das ich angefangen hatte.
Das Wasser war mittlerweile kalt.
Collin kam eine viertel Stunde sp├Ąter wieder rein. Sie hockte sich neben mir und legte die H├Ąnde auf die Oberschenkel.
„ Tut mir echt leid.“ Ihre Stimme klang ged├Ąmpft, so als habe sie geweint.
„ Du hast ein bi├čchen ├╝berreagiert, hm?“ Mein Lappen strich ├╝ber die blanke Metalleinlage und hinterlie├č einen feuchten Film aus Neutralseife und Schmutzwasser.
„ Ich w├╝rde es erkl├Ąren, wenn ich k├Ânnte.“ Collins Blick ruhte auf dem Eimer mit Wasser und sah ihr Spiegelbild.
„ Schon ok, soll ich dir was verraten?“ fragte ich sie und sie nickte .
Ich beugte mich zu ihr und legte meine Lippen an ihr Ohr.
„ Ich sammle immer die Regenw├╝rmer aus den Pf├╝tzen nach dem Regen.“
Collin lachte.
Das war das erste mal, das ich sie lachen h├Ârte.
„ Und warum tust du das?“ fragte sie, nachdem sie sich ein bi├čchen beruhigt hatte.
Ich ├╝berlegte. Ich wu├čte warum. Ich tat es, weil sie mir leid taten. Wie sie sich in dem Wasser wanden, um dem Ertrinkungstot zu entkommen.
Ich zuckte mit dem Schultern.
„ Warum tust du`s? fragte ich zur├╝ck.
Collin sah mich aus ihren Augen an und mir wurde komisch zumute.
„ Aus Respekt,“ antwortete sie knapp.
„ Du hast Respekt vor dicken Spinnen,“ lachte ich.
„ Ich habe Respekt vor dem Leben, genau wie du.“
Samstag ist ein Tag voller Hindernisse. Die Menschen kommen den ganzen Vormittag nicht, und weil wir um zwei Uhr schlie├čen, rennen sie um zehn vor zwei den Laden ein.
Ich sa├č an der Kasse und grummelte. Die Schlange hatte sich bis an unsere Wasch und Putzregale gebildet und Collin stand hinten im Lager und suchte nach Ware, die sie auff├╝llen konnte.
Immer wieder steckte sie l├Ąchelnd den Kopf durch die Lagert├╝r und beobachtete mich beim kassieren.
„ Brauchst du Hilfe?“ rief sie aus dem Lager und ich sch├╝ttelte den Kopf.
Nachdem ich die Schlange abgefertigt hatte, und schon fast meinen Schl├╝ssel aus der Tasche zog, um die T├╝r zu schlie├čen, wurde sie aufgedr├╝ckt und eine Frau trat herein.
Sie war nach ├╝blicher Manier der T├╝rken gekleidet und schlurfte durch die Regale.
Ich schnaufte.
„ Wir haben geschlossen!“ donnerte meine Stimme, h├Ąrter als ich es wollte durch den Verkaufsraum.
Die Frau blickte mich verunsichert an und hob ihr Portemonnaie hoch.
Ich st├Âhnte.
Collin zog mich in das Lager und l├Ąchelte.
„ La├č sie doch, die paar Minuten, das macht den Brei nicht fett.“
Ich warf einen Blick auf die Frau und grinste.
„ Zumindest macht es die da nicht fetter,“ tuschelte ich nach einem Blick auf Ihr Figur.
Ich schaute Collin an und erwartete zumindest ein Nicken.
Doch ihre Stirn lag in Falten und ihre Lippen waren zu einer schmalen Linie gezogen.
„ Was ist?“
„ Was soll das,“ entgegnete sie.
Mir klappte der Kiefer runter.
„ Wir haben Feierabend. Ich schmeis sie raus.“
„ Sei h├Âflich,“ Collins Stimme war eindringlich.
Ich lachte heiser.
„ Wozu? Die versteht mich eh nicht.“
Collin packte meinen Arm, ihr griff war fest, wie eine Schraubzwinge.
Ihre Augen durchdrangen mich und bohrten sich in meine Seele.
„ Wieso wollt ihr nie lernen,“ zischte sie. Mein Arm tat weh, ich versuchte ihn weg zu ziehen, doch Collin war unerbittlich.
„ Was.....“ ich wollte etwas sagen, aber mir blieben die Worte im Halse stecken. Kleine, helle P├╝nkchen tanzten vor meinen Augen. Collin hielt mich fest.
Ihr Atem war w├Ąrmte meine Wange, weil sie mir so nahe am.
„ Du hast keinen Respekt. Das ist immer schon euer Problem gewesen.“
Mit aller Kraft ri├č ich mich von ihr fort. Ich strauchelte, ruderte mit den Armen und versuchte das Gleichgewicht zu halten. Ohne Erfolg. Ich fiel. Meine H├Ąnde platschten auf den Boden und ich knallte mit den Knien auf die kalten Fliesen im Lager.
Collin stand ├╝ber mir. Ihre w├╝tenden Augen wurden wieder sanfter.
„ Es tut mir leid.“ Hauchte sie und streckte mir die Hand aus.
Ich fegte sie mit einer Handbewegung weg, und rappelte mich langsam auf.
„ Was ist los mit dir!?“ br├╝llte ich.
In Collins Augen traten Tr├Ąnen.
Ich lie├č sie stehen und lief nach vorne.
Die Frau war nicht mehr da.
„ Schei├če,“ fluchte ich.
„ Wahrscheinlich hat sie jetzt geklaut, ist doch fast ne Einladung dazu.“
Ich sah sie b├Âse an.
Collin senkte den Kopf und eine ihrer Tr├Ąnen fiel auf die Fliesen.
„ Sind wir Freunde,“ fragte sie mit ged├Ąmpfter Stimme.
Ihr schmaler K├Ârper zitterte. Ich nahm sie in den Arm und dr├╝ckte sie an mich.
„ Na klar sind wir das. Auch wenn du ein bi├čchen seltsam bist, s├╝├če.“
Ich wu├čte das ich log. Ich sp├╝rte ihr Beben und ihre K├Ąlte.
Sie wu├čte es auch.
Es war am Montag, als sie mich fragte, ob ich Lust h├Ątte, mit ihr die Pause in der Cafeteria zu verbringen.
Ich hatte Lust.
Wir warteten bis Biene da war, dann zogen wir uns um und ich kramte mein letztes Bargeld zusammen.
Das Wetter war einfach nur herrlich. Die Sonne brannte mir in den Ausschnitt und w├Ąrmte meine Stirn.
Ein wunderbarer Geruch von Kaffee und Kuchen lag in der Luft und umschmeichelte unsere Nasen. Collins L├Ącheln war ├╝berw├Ąltigend. Fr├Âhlich suchte sie einen Platz f├╝r uns, winkte dem Kellner und beugte sich ├╝ber den Tisch zu mir r├╝ber.
„ Heute wird ges├╝ndigt.“ Fl├╝sterte sie und kicherte.
Ich grinste.
Angesichts meiner Figur war mir das nicht fremd.
Wir lachten und redeten wie die vielen Menschen um uns herum.
Kinder tollten zwischen den Tischen, spielten verstecken oder fange und entnervten ihre M├╝tter mit ihrer Ungehorsamkeit.
Solche Tagen lie├čen alles vergessen.
Ich blickte durch die reihen der Tisch und zuckte zusammen. Die Frau, die am Samstag im Laden war sa├č uns zwei Tische weiter gegen├╝ber.
Sie bemerkte mich und l├Ąchelte mir zum Gru├č zu. Ich l├Ąchelte zur├╝ck und winkte.
Es war mir peinlich, aber ich hatte das Gef├╝hl, mich entschuldigen zu m├╝ssen.
Collin betrachtete mich und legte ihre Hand auf meinen Arm.
„ Wie sch├Ân, das wir sie noch mal sehen, nach all dem Trubel Samstag.“
Wir bestellten und Getr├Ąnke, jeder ein gro├čes St├╝ck Bienenstich und Collin war zufrieden mit sich und der Welt.
„ Ich werde bald nicht mehr da sein.“ Sagte sie pl├Âtzlich und ich lie├č meine Gabel wieder sinken.
„ Wieso?“
Collin betrachtete mich aus ihren seltsamen Augen und zuckte mit den Schultern.
Ich legte die Gabel beiseite und sch├╝ttelte den Kopf.
„ Was soll das hei├čen? Du hast einen neuen Job?“
„ Nein!“ platze es aus ihr heraus.
„ Ich habe keinen neuen Job. Es ist nur...ich mu├č einfach weiter.“
Ich verstand sie nicht. Ich versuchte einen Antwort zu bekommen. Aber ich bekam keine.
Sie mu├čte weiter, das war alles.
Ich gab auf und wir fuhren schweigend zur├╝ck in den Laden. Meine Stimmung war ged├Ąmpft, Collin dagegen hatte unzumutbar gute Laune.
Es war Dienstag als ich mir einen Eimer Wasser mit Seife zurechtmachte, weil es den ganzen Morgen ├╝ber geregnet hatte.
Der Vorderbereich des Ladens war verdreckt und ich nahm mir mi├čgelaunt den Mob.
Ich wischte eine Weile vor mir her, als mein Handy klingelte und Collin am anderen Ende war.
Sie h├Ątte erst am Nachmittag arbeiten m├╝ssen, aber sie sagte, sie k├Ânne nicht kommen.
„ Wieso nicht? Bist du krank?“ fragte ich besorgt.
„ Ich kann einfach nicht, ich mu├č gehen. Jetzt schon. Ich glaube nicht, das ich noch mal wieder kommen kann.“
Mir fiel vor Schreck der Mob aus der Hand.
„ Was soll das hei├čen? Du kommst gar nicht mehr?! Wie soll ich das der Chefin erkl├Ąren?“
Ich war v├Âllig durcheinander. Nicht nur, das Collin von einem Tag auf dem anderen nicht mehr arbeiten konnte, ohne das sie krank war, sie lie├č mich auch noch mit der Situation allein, einen Ersatz zu suchen.
„ Ich kann nicht f├╝r dich arbeiten,“ stie├č ich hervor und ├Ąrgerte mich ├╝ber meinen unwirschen Ton.
Collin lachte. Es klang heiser und eigenartig ged├Ąmpft, als h├Ątte sie ein Tuch oder ├ähnliches vor dem Gesicht.
Ein komischen Knacken folgte dem und ein Schnaufen.
Ich hielt den H├Ârer vom Ohr und sah ihn fragend an.
Ein Schauer kroch meinen R├╝cken hinauf und kitzelte meinen Nacken.
„ Collin...“ begann ich, doch ein Klicken in der Leitung sagte mir, das sie aufgelegt hatte.
„ Schei├če,“ fluchte ich ungehemmt und trat mit voller Wucht gegen den Mob, der klirrend ├╝ber den Boden schlitterte.
Ich schaffte es Biene zu erreichen und bat sie f├╝r Collin einzuspringen.
Ich erz├Ąhlte ihr, Collin sei krank und k├Ânne unm├Âglich arbeiten. Sie habe sich auch ganz schrecklich am Telefon angeh├Ârt. Zumindest in diesem Punkt hatte ich nicht gelogen.
Biene war knatschig, aber sie willigte ein.
Sie kam gegen zwei und schaute mich b├Âse aber fragend an, weil ich schon bereit war zu gehen.
„ Du geht’s sofort,“ bemerkte sie und stemmte die H├Ąnde in die Taillen.
„ Ich mu├č gehen.“
Ich klang beinahe wie Collin.
Ich besorgte mir Collins Adresse ├╝ber unsere Personalmappe, in der f├╝r einen eintretenden Notfall alle Daten versammelt waren.
Sie wohnte in einem benachbartem Dort 15 Kilometer von uns entfernt. Das klingt weit, aber f├╝r unsere Bauerndorfschaften war so eine Entfernung v├Âllig normal. Ich suchte die Stra├če, die ich mir in der Eile des Aufbruchs auf dem Zettel geschrieben hatte.
Ich brauchte nicht lange zu suchen.
Das Wohnhaus stand etwas abgelegen an einer Seitenstra├če, die direkt zur Hauptstra├če f├╝hrte.
Ich konnte sechs Wohnungen ausmachen.
Die ersten beiden je zur Seite gelegenen Wohnungen hatten Terrassen und je einen h├╝bschen, kleinen Garten der daran angrenzte.
Die dar├╝ber liegenden hatten einen Balkon.
Ich suchte nach der Klingel und dr├╝ckte.
Erst tat sich gar nichts. Ich wartete eine Weile, dann probierte ich es noch mal.
Ein Rauschen drang durch eine Gegensprechanlage, dann k├Ąmpfte sich Collins Stimme durch das summende Ger├Ąusch.
„ Collin, ich bins,“ rief ich lauter als beabsichtigt in den kleinen, grauen Kasten.
Erst ein Knacken, dann Stille. Ich ├Ąrgerte mich. Ich war nicht einfach nur W├╝tend. Ich war rasend vor Wut. Ich hatte Monate an mir gearbeitet, diese Frau, die zu uns in den Laden kam, zu akzeptieren. Ich hatte meine Bedenken immer wieder ├╝ber Bord geworfen und mich immer wieder gezwungen, nett zu sein.
Ich habe die eigenartigen Schauer, die mir ├╝ber den R├╝cken und ├╝ber die Beine krochen ignoriert.
Habe mein Herz einen L├╝gner genannt, als es mit von Angst und Unbehagen erz├Ąhlte, wenn Collin in der N├Ąhe war.
Und jetzt so? So dankt sie es mir.
Ich lief zur Vorderseite des Hauses und visierte ihren Balkon.
„ Collin! Mach die verdammte T├╝r auf!“ schrie ich hoch. Eine Bewegung im Innern. Jemand, der an der Gardine zog, sie zur├╝ckfallen lies und dann dahinter stehen blieb.
„ Collin? Collin, mach auf. COLLIN!“
Der Summer an der T├╝r wurde gedr├╝ckt.
Ich hechtete zum Eingang, dr├╝ckte die T├╝r auf und stolperte in das k├╝hle Treppenhaus.
Die kargen, wei├čen W├Ąnde waren im unteren Stockwerk sauber und die Treppen ordentlich geputzt, doch je weiter ich die Stufen zu Collins Wohnung hinauflief, desto bizarrer wurde der Eindruck.
Riesige Spinnennetze hingen in den Ecken des Treppenhauses. Weberknechte, eindrucksvoll in Gr├Â├če und Umfang wanderten in obskuren und zackigen Bewegungen an den wei├čen W├Ąnden auf und ab. Meine Hand, die auf dem Gel├Ąnder lag, sp├╝rte eine Ber├╝hrung, und ich zog sie hastig weg.
Ein kleiner, schwarzer Gullikriecher, wie wir sie als Kinder immer nannten, streckte vorsichtig tastend sie ersten beiden Beinchen nach meiner Hand aus.
Ich blickte am Gel├Ąnder entlang, bis zu Collins Wohnungst├╝r.
Meine Nackenh├Ąrchen hatten sich aufgestellt und ich konnte nur mit gro├čer M├╝he dem Drang widerstehen, mit den Fingern durch mein Haar zu streichen um das, was auch immer mittlerweile darin kriechen mochte, abzustreifen.
Meine H├Ąnde zitterten und meine Beine f├╝hlten sich an wie Gummi.
Diesmal nannte ich mein Herz nicht einen L├╝gner.
Ich hatte Angst.
Und ich ekelte mich.
Ich hatte mich bis zu Collins T├╝r gearbeitet und klopfte vorsichtig.
„ Collin?“ fl├╝sterte ich und legte mein Ohr an das warme Holz.
Etwas kroch hinter oder ├╝ber der T├╝r her. Ein Ger├Ąusch wie zerkn├╝lltes Plastik. Erschrocken wich ich zur├╝ck.
Das wars. Ich war bereit zu gehen. Ich war bereit, alle Arbeit, die es im Laden gab, zur Not alleine zu Erledigen. Ich war bereit alles zu vergesse, jede M├╝he, jede Anstrengung und jede aufgeopferte Minute.
Ich war bereit.......
.......noch einmal zu klopfen.
Zaghaft, beinahe wie eine Bitte ber├╝hrten meine Finger rhythmisch das Holz.
Spinnen, gro├č wie meine Augen sa├čen in den Ecken des T├╝rrahmens und beobachtete mich wie W├Ąchter.
„ Geh. Ich bitte dich.“
Collins Stimme hinter der T├╝r. Rauchig und hart, begleitet von dem merkw├╝rdigen Knacken, das ich schon am Handy h├Ârte.
„ Ich kann dir helfen,“ sagte ich leise und hoffte, meine Stimme w├╝rde durch die T├╝r dringen.
Collin lachte und es jagte mir Zweifel, spitz wie Nadelstiche in meinem Verstand.
Die T├╝r ging einen Spalt breit auf. Seltsamer Geruch, staubig und feucht zugleich drang wie eine Wolke aus dem Innern der Wohnung in das Treppenhaus und wollte mich ├╝berw├Ąltigen.
Ich wollte einen Blick in den Spalt werfen, wollte meine Neugier befriedigen, doch der Schatten, der sich davor schob, strafte mich einen Narren.
Es war so gro├č. Es grenzte bis an den oberen Rahmen der T├╝r, m├Ąchtig und wuchtig baute es sich auf und lie├č mich zur├╝cklaufen, bis ich an die Wand stie├č.
„ Collin?“ Meine H├Ąnde legten sich auf meinen Mund, unterdr├╝ckten Schreie und d├Ąmpften das St├Âhnen.
„ Du bist nicht Collin,“ sprach ich in meine H├Ąnde, doch die Ockerfarbenen Augen, die aus dem Dunkeln leuchteten und auf mich ruhten, wu├čten es besser.
„ Geh.“ Knacken, Bewegungen, Das ganze Ding bewegte sich mit diesem Wort.
Ich schluchzte.
„ Was bist du?“ entfuhr es mir und ich sch├Ąmte mich, das ich diese Frage noch stellen mu├čte.
Wieder Knacken, Rauschen: Es brauchte Kraft zu sprechen.
„ Habe Respekt, Freund.“
Ich nickte. Ich tastetet mich an der Wand entlang bis ich wieder das Gel├Ąnder ber├╝hrte, das mich wie eine Sicherungsleine eines Bergsteigers nach Unten f├╝hren sollte.
Tr├Ąnen, die unter meinen Lidern brannten, versuchten mir die Sicht zu nehmen, aber ich erreichte die erste Stufe und drehte mich noch einmal um.
„ Du gehst nach Venezuela.“ Ich wu├čte es. Ich wei├č nicht wie sie es schaffen wollte, in dieser Gestalt zu reisen, geschweige denn sich erst mal ein Ticket zu kaufen, aber ich wu├čte es.
Das Ding, Collin, steckte etwas durch den T├╝rspalt.
Es war lang, dick.....borstig.
Mein Gott, es war etwas von ihr.
Etwas von Collin. Wie ein Winken bewegte sie es auf und ab, ich konnte sehen, wie das erste Gelenk sich bewegte, wie sich Sehnen spannten und entspannten.
Ich tat das Selbe. Ich hob meine Hand und bewegte meine Finger wie zum Gru├č.
Dann ging ich, und unten h├Ârte ich, wie die T├╝r sich schlo├č.
Als ich nach drau├čen trat, schien mir die Sonne warm und angenehm in Gesicht.
Eine ├Ąltere Frau ├Âffnete eines der unteren Fenster und lugte mit ernster Miene zu mir heraus.
„ Sind sie eine Freundin von der da oben?“
„ Ja, bin ich.“ Sagte ich und wu├čte, das es stimmte.
„ Sagen sie der mal, die soll das Treppenhaus putzen, verdammt. Wissen sie was da alles kriecht?“
„ Sag es ihr selber,“ entfahl ich.
Ich grinste. Es f├╝hlte sich wunderbar in meinem Gesicht an, und ohne diese Frau weiter zu w├╝rdigen, ging ich grinsend die Stra├če hinunter, die zu meinem Auto f├╝hrte.
Das ist jetzt vier Wochen her.
Ich denke viel an Collin, bin h├Âflich und freundlich. Viele Kunden fragen nach ihr, und immer wieder versetzt es mir einen Stich.
„ Sie war immer so lieb.“ Sagen viele und sie haben recht.
Und doch war sie so anders.
Anfangs war es wieder hart, zu zweit zu arbeiten. Aber es ging.
Wir haben eine neue Mitarbeiterin. Ihr Name ist Nina, und ich denke, sie ist schon ok.
Ich denke, wie gesagt, oft an Collin, und daran, was f├╝r eine Ironie es doch war.
Ich dachte ich h├Ątte ihr alles beigebracht, was man in dem Laden wissen mu├č.
Dabei war sie es, die mir etwas beibrachte.
Eine gro├če und wertvolle Lexikon.
Ich versuche es auch Nina beizubringen. Alles was man ├╝ber den Laden wissen mu├č. Alles das.
Und .......
Respekt.

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Marcus Richter
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Hallo Rub.,
sch├Âne Geschichte. Nicht unbedingt horror, aber auf jeden Fall ein leiser Anflug von Grusel. Was mir am besten gef├Ąllt - dieser Hauch eines moralischen Beigeschmackes, von dem ich glaube, da├č er typisch f├╝r Gruselgeschichten ist.
Gedankenstrich - kann man aus der Verwendung des Wortes "Knatschig" auf deinen Herkunftsort schlie├čen?

PS: Es gibt ein paar Rechtschroibfehler, hab sie aber ├╝berlesen, weil du einen guten Erz├Ąhlstil hast.

Danke f├╝r die sch├Âne, kleine Geschichte
Gruss Marcus
__________________
"Ein Wort aufs Papier und wir haben das Drama."
Durs Gr├╝nbein

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Rub.
One-Hit-Wonder-Autor
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Hallo Marcus

Sch├Ân, dass es dir gefallen hat.
ICh muss zugeben, dass ich nur in den seltesten F├Ąllen
meinen Geschichten einen moralischen Beigeschmack gebe.
Vieleicht so unteschwellig, das es den meisten nicht mal auff├Ąllt.
Hier ist es sehr deutlich geworden.
"Knatschig"..manchmal passiert es mir, obwohl ich seit ├╝ber zehn Jahren in M├╝snter lebe, das immernoch die Friesin bei mir durchschaut;-)
Bin am Meer geboren..und da ist man manchmal knatschig;-))

ICh versuche das meist wieder rauszufiltern, aber oft gelingt mir das nicht :-(

Danke, ich werde es nun, da es dir aufgefallen ist, herausnehmen, weil es doch f├╝r viele einen Stolperstein darstellt ;-)

Liebe Gr├╝├če
Rub.

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