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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Rot
Eingestellt am 09. 06. 2004 21:39


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arle
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2004

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Der Mann grinst. Eindeutig. Das ist kein abgekl├Ąrtes, wissendes L├Ącheln, kein Schmunzeln ├╝ber die Albernheit der Welt. Es ist ein Grinsen. Ein zufriedenes, sattes Grinsen. Er liegt in der Sonne, gem├╝tlich auf dem Bauch ausgestreckt, die Haare fallen ihm in die Stirn, die Augen sind geschlossen, die Wange liegt auf seiner Faust. In der Ges├Ą├čtasche steckt eine leere Flasche mit dem Etikett irgendeiner No-Name-Schnapsmarke. Alles passt zusammen: das Wetter, die zwitschernden V├Âgel, der L├Ąrm der vorbei fahrenden Autos, die Rufe und das Lachen der Passanten. Das Blut, das ihm in dickem, regelm├Ą├čig pulsierendem Strahl aus dem Hinterkopf und aus der Nase schie├čt, f├╝gt sich nahtlos in dieses Bild ein. Das Rot, das Grau des Asphalts, die gelbe Plastikt├╝te, der schwarze Bart, die wei├če Haut.... Einfach sch├Ân. ├ästhetisch sch├Ân. Sch├Ân kitschig.

Vor etwa vier Minuten habe ich ihn an der Hauswand lehnen sehen. Mit der rechten Hand hielt er sich an der Wand fest, mit der linken an seiner T├╝te. Einer von den vielen Pennern, S├Ąufern, Verlorenen, Umgeknickten, die diese Stra├če in dieser mir immer noch so fremden Stadt bev├Âlkern. Jeden Mittwochmittag stehen sie zu vierzig, f├╝nfzig vor der Suppenk├╝che schr├Ąg gegen├╝ber von meinem Fenster. Man nimmt sie wahr, verschwendet einen oder keinen Gedanken an sie, macht weiter mit seiner Arbeit. Bis zum n├Ąchsten Mittwochmittag.

Der ist nicht nur besoffen, denke ich noch, als ich ihn so k├Ąmpfen sehe. Und: Gerne tu ichÔÇÖs zwar nicht; aber sollte er noch da stehen, wenn ich vom Kiosk zur├╝ck komme, werde ich ihn ansprechen, fragen, ob er Hilfe braucht. L├Ącherlich. Nat├╝rlich braucht er Hilfe. Aufatmen auf dem R├╝ckweg. Er ist weg. Als erstes sehe ich das Rot, dieses wundersch├Âne, warme, lebendige, flie├čende Rot. Ein Fu├č auf dem Gehweg, die gelbe T├╝te daneben, der K├Ârper im Rinnstein. Er grinst mich an, ganz verschw├Ârerisch, wie eine alte Freundin, um deren Geheimnisse er seit langem wei├č, und unwillk├╝rlich muss ich zur├╝ck grinsen. Am liebsten w├╝rde ich mich zu ihm setzen, ihm einen freundschaftlichen Knuff in die Seite geben und sagen: Na, altes Haus? Wo hast du denn so lange gesteckt? Wie ich sehe, geht's dir blendend.

Stattdessen tu ich, was man in einer solchen Situation wohl tun muss: Ich laufe hinauf in die Wohnung und w├Ąhle die 110. Als ich wieder auf der Stra├če stehe, hat sich ein H├Ąuflein Menschen um meinen Freund versammelt. Sie sind erschrocken, neugierig, debattieren, sch├╝tteln die K├Âpfe. Ich setze mich etwas entfernt von den anderen auf den Bordstein, um auf den Krankenwagen zu warten. Tja, junge Frau, sagt der Sanit├Ąter, als er meinen Blick bemerkt, da sind wir wohl ein bisschen zu sp├Ąt gekommen; der Mann ist tot.

Erst als ich wieder oben in der Wohnung bin, beginnen die Knie weich zu werden, die H├Ąnde zu zittern, ├╝berfallen mich der Brechreiz und die Gewissensbisse. Aber all das h├Ârt wieder auf, nach ein paar Stunden, ein paar Tagen. Heute sind die Knie wieder stabil, die H├Ąnde ruhig, der Magen bes├Ąnftigt, und sogar das Gewissen t├Ânt nicht mehr so laut. Auch das Grau, das Gelb, das Schwarz, das Wei├č verblassen mit der Zeit. Nur das Rot. Das bleibt.


__________________
Am j├╝ngsten Tag, wenn die Posaunen schallen und alles aus ist mit dem Erdeleben, sind wir verpflichtet, Rechenschaft zu geben von jedem Wort, das unn├╝tz uns entfallen. - J.W. Goethe -

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Karl Kessler
Guest
Registriert: Not Yet

Nein, so was tut man einfach nicht - der Menschheit, versteckt in der Ich-Form, eine Ästhetik der Beobachtung menschlichen Scheiterns unterzujubeln !
Gro├čartig, mit welcher einfachen aber subtilen Sprache beim Leser Betroffenheit entsteht.

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arle
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2004

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Lieber Karl,

ich nehm den Tadel f├╝r ein Lob. Und was f├╝r ein sch├Ânes Lob. Tausend Dank.

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Am j├╝ngsten Tag, wenn die Posaunen schallen und alles aus ist mit dem Erdeleben, sind wir verpflichtet, Rechenschaft zu geben von jedem Wort, das unn├╝tz uns entfallen. - J.W. Goethe -

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Monfou Nouveau
???
Registriert: Aug 2003

Werke: 2
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Hi arle,

der erste Absatz ist gro├čartig! Gut geschrieben, sehr bildhaft, barock geradezu, dann zuletzt das Blut. Obwohl es ja fast ein Stillleben ist, pulsiert das Blut so lange? Egal, suuuper!

Was mir gar nicht gef├Ąllt: Das ist diese dann einknickende Moralperspektive. ├ťber das Haar streicheln, dann am Schluss auch noch Gewissensbisse. Damit ziehst du den Text ins Biedere. Du musst konsequenter sein, h├Ąrter deine Bilder und Szenerien zu Ende f├╝hren. Das Gef├╝hl entsteht im Leser. Du musst nicht st├Ąndig betonen, wie traurig das ist und wie viel Herz die Protagonistin hat. Das kannst du den Anf├Ąngern ├╝berlassen. Ein Profi unterl├Ąsst wohl eher die (sehr allgemeinen) Gef├╝hlsausf├╝hrungen und stellt den Leser vor das Grauen ÔÇô genau so wie du es am Anfang getan hast.

Ich schreibe das bewusst so dezidiert, weil m.E. der Text das Potential zu noch mehr in sich tr├Ągt und die Autorin das Zeug hat, Exzellentes zu schreiben.
F├╝r den ersten Absatz und die Idee auch von mir 9 Punkte.

Liebe Gr├╝├če
Monfou
PS: Eigentlich ist es Kurzprosa.

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yuki
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Apr 2004

Werke: 4
Kommentare: 7
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hallo arle,

deine art, das von dir gew├Ąhlte ereignis zu beschreiben, ist alles andere als gew├Âhnlich, h├Ąttest du herk├Âmmliche schilderungen angewandt w├Ąre alles wahrscheinlich viel unspektakul├Ąrer geworden-ein penner unter vielen findet den tod, w├Ąre vielleicht sogar mitleidhaschend her├╝bergekommen, heutzutage sind wir ja teilweise schon so abgeh├Ąrtet, dank tausender horror-kriegs-unfall-mord-elend-etc. berichte aus den medien,da├č man das meiste schnell wieder verdr├Ąngt.
deine ausdrucksweise ist aber au├čergew├Âhnlich erfrischend,in dem sinn, da├č du die realit├Ąt aus einem ungew├Âhnlichen winkel beschreibst, auf so andere weise, da├č man einfach nicht um sie herumkommt: ein toller text!

einzige kritik: der satz mit dem k├╝ssen ist vielleicht ein wenig zuviel, dieses seltsame ber├╝hrtsein angesichts der tragik des lebens, dieses distanz-n├Ąhe gef├╝hl zwischen der ich -erz├Ąhlerin und dem penner auf der stra├če, kann man auch ohne dem leser zuviele worte/gef├╝hle in den mund/herz zu legen, perfekt nachvollziehen.

liebe gr├╝├če

yuki

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blaustrumpf
???
Registriert: Mar 2003

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Hallo, arle

Gut, ich gebe zu, das Durch-die Haare-Streichen oder gar K├╝ssen, das w├Ąre mein Ding nicht. Aber gleich zu behaupten: Du musst, du musst, du musst - das ist es auch nicht, jedenfalls nicht ohne die sch├Âne Einschr├Ąnkungen "in meinen Augen", "f├╝r mich", "damit ich damit klarer k├Ąme" und dergleichen.

So wie ich den Text verstehe, pulsiert das Blut ja nicht den ganzen Einkauf lang. Gut, das ist ein bisschen verr├Ątselt, dass der Mann zun├Ąchst gestanden hat. Ich lese auch keine Biederlichkeit aus deinem Text. Deine Protagonistin tut, was "man" tut - die Gestrandeten so weit wie m├Âglich ignorieren. Wer sagt denn, dass alle, die an den Pennern vor├╝bergehen, wirklich keinen Gedanken an und f├╝r sie "verschwenden"?

Deine Protagonistin zieht sich in ihre Wohnung zur├╝ck und ruft die Hilfe herbei. Dass sie bei pulsierendem Blut aus Kopfwunden nicht automatisch wei├č, sie kann da gar nichts mehr ausrichten, empfinde ich als ein sehr angenehmes Detail. Dass sie trotzdem Gewissensbisse empfindet - und du diese eben nicht gro├č aufplusterst, sondern sie als normal, fast allt├Ąglich in einem Nebensatz versteckst -, macht mir deine Protagonistin sehr viel "runder", lebendiger als ein Exkurs ├╝ber das real existierende Grauen.

Dass du das Kitsch-Motiv erst erw├Ąhnst und dann nicht mehr aufgreifst, ist ein Bruch, gewiss. "Literarisch" runder w├Ąre es sicher, wenn es noch einmal auftauchte, aber da w├Ąre wohl einiges Basteln f├Ąllig, bevor sich das nahtlos einf├╝gt. Der Text ist eben kein in sich geschlossener Kreis: Auf mich wirkt er wie eine Spirale, die aus immer weiterer Entfernung noch auf ihren Ausgangspunkt verweist.

Ein kleines Detail h├Ątte ich zu m├Ąkeln: Deine Protagonistin sieht und h├Ârt so viel. Riecht sie denn gar nichts? Aber auch mit diesem Einwand: In meinen Augen ist dein Text ungeheuer plausibel, er packt mich in seiner leisen Schlichtheit mehr, als es ein Gruselschocker k├Ânnte. Und das Rot bleibt auch in mir.

Sch├Âne Gr├╝├če von blaustrumpf
__________________
Daf├╝r bin ich nicht aus dem Schrank gekommen, um mich in eine Schublade stecken zu lassen.

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