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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Schnipp!
Eingestellt am 28. 04. 2004 21:28


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AlexanderrednaxelA
Routinierter Autor
Registriert: Mar 2004

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Schnipp!

Es war immer schön, sich beim alten Fritzsch die Haare schneiden zu lassen. Seit fĂŒnfzig Jahren war seine Frisierstube unverĂ€ndert, und betrat man sie, saß der alte Mann zuverlĂ€ssig auf einem Holzstuhl und las die Bildzeitung. Da er allein arbeitete, wurde nur an einem Platz geschnitten, das war auch der einzige Platz, zu dem der Duschschlauch langte, der aus der Wand kam. WĂ€hrend einer Sitzung rauchte Fritzsch zwei oder drei Zigaretten, und unablĂ€ssig hustete er. Es war nicht zu ĂŒberhören, dass dabei mĂ€chtige Schleimbrocken frei wurden. Als ich ihn einmal auf einen möglichen Kausalzusammenhang zwischen dem Rauchen und dem Husten ansprach, erwiderte er erstaunt: „Aber jeder hustet doch mal“ und fuhr ungerĂŒhrt mit seiner Arbeit fort.
Leider schnitt Fritzsch nicht gut. Und als ich heute die FrĂŒhlingssonne meine Nase kitzeln spĂŒrte, die lachenden Gesichter der Menschen erblickte, zugleich an den trĂŒben, dichten Filz auf meinem Kopf dachte, da beschloss ich, es einmal mit einem anderen Friseur zu versuchen.

Der Salon, den ich betrete, wirkt nur unwesentlich jĂŒnger als Fritzschens. Die einzige, etwa 60jĂ€hrige Friseurin ist gerade dabei, den Schnitt eines jungen Mannes zu beenden. Sie ist stĂ€mmig, hat ein großes viereckiges Gesicht und trĂ€gt die grauen Haare kurz.
„Und jetzt fange ich noch mal ganz von vorn an...“, sagt sie, wĂ€hrend er aufsteht. „Halten Sie die Ohren steif“, wĂŒnscht er ihr im Gehen, nun bin ich dran. Eine sehr alte Frau mit gelben Haaren kommt hinein, sie begrĂŒĂŸt die Friseurin und geht in einen Raum, dessen Eingang von einem Paravent verdeckt ist. „Machen Sie sich einen Kaffee, Frau Frenz“, ruft die Friseurin hinĂŒber. „Milch ist im KĂŒhlschrank!“

„Alles weg“, sage ich, und sie beginnt. Sie plaudert, ĂŒber den FrĂŒhling, heute habe sie einen reinen MĂ€nnertag gehabt, im FrĂŒhling kĂ€men sie aus ihren Löchern gekrochen. Ich fĂŒhle mich ertappt.
Frau Frenz erscheint wieder und setzt sich in einen Stuhl, sie bedauert, dass meine schönen Locken fallen werden. Die Friseurin spricht jetzt nur noch mit Frau Frenz. Seit 8 Uhr sei sie heute im Laden, zuhause habe sie es nicht mehr ausgehalten. Ja, sie wĂŒrde verbrannt werden, bald wĂŒrden wohl alle verbrannt, es sei ja auf den Friedhöfen ĂŒberhaupt kein Platz mehr. Ob sie noch mal jemanden finde, sagt die Friseurin im Plauderton, das bezweifle sie, man mĂŒsse sich ja auch sympathisch sein, mit dem anderen klar kommen.
Zu mir gewandt, erklĂ€rt sie: „Mir ist die andere Friseurin weggestorben, letzten Freitag, in der Nacht auf Samstag. Das ist schon die zweite, und bei beiden Herzinfarkt, ich weiß ja auch nicht, kommt das von dem Salon, oder was?“
Mit Frau Frenz redet sie nun ĂŒbers Wetter, heiß sei es heute geworden, das verkrafte ja nicht jeder, vielleicht sei der Umschwung auch zuviel gewesen... „Frau Frenz!“, ruft sie, „gehen Sie sich doch ihren Kaffee holen, ich brauche hier noch ein wenig, trinken Sie ruhig schon einen Kaffe! Milch ist im KĂŒhlschrank!“

Ein Ă€lterer Mann mit einem runden, roten Gesicht kommt mit einem Kasten Mineralwasser herein. Er nimmt die Friseurin lange in den Arm. Schnell stellt sich heraus, dass er der Ehemann der Verstorbenen ist. Die Bestattung sei am Samstag, sagt er und klĂ€rt die Friseurin in gelassenem Ton ĂŒber die Einzelheiten auf, wĂ€hrend er die Kiste hinter den Paravent schleppt. „Warte noch kurz“, ruft die Friseurin, doch er hat keine Zeit. Sie wirft die Schere auf den Tisch und eilt ihm hinterher.
„Ich habe hier noch ein paar Schuhe, ich kann die nicht anziehen, kannst du sie nicht...“ und nun beginnt die Friseurin hinter dem Paravent zu schluchzen, stĂ¶ĂŸt undeutliche Worte aus, weint immer lauter. Die leise Stimme des Mannes versucht sie zu beruhigen, doch sie kann nicht mehr an sich halten.
Als sie wieder hervor kommt, schnieft sie noch zwei Mal und verfĂ€llt dann wieder in ihren leutseligen Tonfall. Sie fordert Frau Frenz auf, sich doch nun wirklich ihren Kaffee zu holen, und endlich erhebt sich die alte Dame und geht nach hinten. Der Mann steht jetzt wieder im Salon und verabschiedet sich. Sie wĂŒrden es schon schaffen.
„Ja, aber sie hat uns doch allein gelassen“, die Friseurin ist den TrĂ€nen wieder nahe, und plötzlich schreit sie: „Warum hat sie uns denn allein gelassen!“
Der Mann guckt sie bestĂŒrzt und ratlos an. „Aber sie hat uns doch gar nicht allein gelassen“, sagt er, "schau mal, es geht weiter, das mĂŒssen wir uns sagen, du siehst ja, wie ich angezogen bin...“ Er weist hilflos auf seinen frappierend grellroten Pullover und die strahlend blaue Hose.
Er geht nun, es ist kurz still. „Frau Frenz?“, ruft die Friseurin nach hinten, und wenig spĂ€ter ruft es zurĂŒck: „Wo ist denn die Milch?“

Der Schnitt ist sehr gelungen. Jetzt kann der FrĂŒhling beginnen!

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Markus Veith
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2000

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Hallo, Alex !

Hm, ein wenig schade. Es fing, nach meinem Empfinden etwas holperig an. (Was war so schön daran, sich die Haare bei diesem alten Raucher und Schleimhuster schneiden zu lassen?) Aber spĂ€testens bei zweiten ‚Milch ist im KĂŒhlschrank!’ war ich gespannt. Ich mag Wiederholungen. Ich mag Wiederholungen. Und die Pointe am Schluss gefĂ€llt mir sehr. Aber ansonsten ließ mich am ende dein text recht alleine stehen. Vielleicht habe ich etwas verpasst? Ich habe aufgefasst, was passiert, aber warum ist es passiert und wofĂŒr der Anfang mit Fritzsch? Ich weiß, nicht jeder Text muss so etwas wie eine Botschaft haben. Aber ich fĂ€nde es schön, wenn er mir etwas mehr sagen wĂŒrde, als dass, was sich alternde FrisörInnen so sagen.
Mit literarischen GrĂŒĂŸen
Markus Veith

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"Ich wollte der Welt nur ein einziges Wort sagen. Da ich es nicht konnte, wurde ich Schriftsteller." - Stanislaw J. Lec

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