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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Sehnsüchte
Eingestellt am 03. 11. 2011 22:42


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alma
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Jul 2011

Werke: 4
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Der Klavierlehrer

Sanft zog sie den Vorhang zur Seite und spähte durch die Blätter der Platane. Sie hatte sich für das große Flügelfenster in ihrem Wohnzimmer entschieden. Von hier aus hatte sie die Straße und die Kreuzung gut im Blick. Mit halbem Auge sah sie die Kinder, die sich vor der Tür tummelten. Sie spielten auf dem schmalen Gehsteig und schrien und quiekten so laut, dass sie es durch das geschlossene Fenster hören konnte. Ihr Blick jedoch suchte die belebte Straßenkreuzung. Dort warteten Menschen an Ampeln. Bunte Kolonnen fuhren zyklisch kreuz und quer. Es war Feierabendzeit. Sie sah dunkle Kleidung, sah Hände, die schwarze Taschen trugen. Sie beobachtete bunte Menschen, die Plastiktaschen mit grellen Schriftzügen schleppten. Einige schienen zu schwatzen und zu lachen, andere schienen nur stumm zu stehen. Stehen, gehen, rennen, schwatzen, lachen, schweigen. Die Menschen der Stadt rollten durch ihre Straße. Ein vertrautes Bild.

Sie wartete. Sie streckte sich. Suchend wanderte ihr Blick über die Kreuzung. Kein Anzeichen von ihm. Sie hätte ihn sofort am Gang erkannt. Er setzte seine Schritte bedächtig, doch nicht schleichend, leichtfüßig, doch nicht dringlich. Seine Bewegungen waren selbstsicher, sein Gang federnd, seine Körperhaltung gerade. Sie strengte ihre Augen an. Voller Erwartung durchstreifte sie die Menschen, verkniffen, sehnsüchtig. Das vertraute Gehen war jedoch nicht zu entdecken. Versonnen löste sie ihren Blick und beobachtete erneut die lärmenden Kinder. Sie hatten mit Kreide Formen auf den Gehsteig gemalt. Ein Mann blieb stehen. Die Kinder lachten. Eine Frau trat aus dem Nachbarhaus und rief über die Straße.

Ihre Augen wanderten zurück zur Kreuzung. Das Gedränge hatte sich verstärkt. Immer mehr Menschen kamen und gingen. Sie hatte Mühe, dem Treiben zu folgen. Vielleicht sollte sie doch auf den Balkon gehen? Der Blick war freier, der Winkel ein bisschen besser. Noch im Abwägen erhaschte sie plötzlich etwas Vertrautes. Sie konzentrierte sich, kniff die Augen zusammen. Ja, da war er. Langsam näherte er sich der Ampelkreuzung. Ihre Augen folgten ihm. Er blieb an der Ampel stehen. Sie genoss diese Augenblicke. Bewusst nahm sie seine Gestalt wahr. Er war mittelgroß, hatte etwas schütteres braunes Haar, eine schmale Statur. Für einen kurzen Moment schloss sie die Augen und tastete sein Gesicht ab. Seine Nase war gerade und sein Kinn männlich. Er hatte eine glatte Haut und feine Fältchen um die Augen.

Er hob den Kopf. Sie schauderte. Ob er sie sah? Vorsichtig trat sie einen kleinen Schritt zurück, ohne dabei den Vorhang zu bewegen. Sie reckte den Kopf und sah nun, wie die Autos anhielten und Menschen in Bewegung kamen. Für einen kurzen Moment verlor sie ihn aus den Augen. Doch schon tauchte seine Bewegung wieder aus dem Strom auf. Sie hielt unweigerlich den Atem an. Sicher lenkte er seine Schritte in ihre Straße. Er passierte den kleinen Blumenladen, wurde langsamer und blieb kurz stehen. Er strich sich mit der rechten Hand über Wange und Mund. Seine Finger umspielten sein Kinn. Sie spürte ihr Herz schlagen. Er lief weiter. Schritt für Schritt, umsichtig und selbstbewusst. Er kam immer näher. In der linken Hand trug er eine kleine Stofftasche. Sie war blau mit weißem Aufdruck: „Musikhaus Peters“. Sie kannte diese Tasche. Darin bewahrte er die Noten auf. Sie sah, wie seine Finger die Trageriemen umfassten. Still schloss sie die Augen. Er hatte weiche, zarte Hände, feingliedrige Finger und akkurat geformte Nägel. Sie liebte diese Hände. Sie waren virtuos und männlich. Vor ihrem inneren Auge sah sie sie über die Tasten gleiten, hörte gedämpft die Musik, die sie erzeugten. Schnell, ein letzter Blick auf ihn, bevor er aus ihrem Sichtfeld verschwand. Vorsichtig ließ sie den Vorhang sinken. Sie hielt kurz inne, strich sich durchs Haar und ging in den Flur. Schon hörte sie seine Schritte im Treppenhaus. Stufe für Stufe, federnd und leicht, behände und sicher. Das Holz knarrte leise unter seinen Tritten. Durch den Spion verfolgte sie, wie er die letzten Stufen zu ihrer Etage nahm. Er blieb kurz stehen, reckte den Rücken, strich sich durch das Haar und blickte sich kurz um. Er hob seine Hand, räusperte sich und klingelte.

Sie blieb in ihrer Position. Das linke Auge fest an den Spion gedrückt. Sie beobachtete, wie ihre Nachbarin die Tür öffnete, hörte den fröhlichen Gruß, sah wie sich die Tür hinter den beiden schloss.

Die Klavierstunde begann jeden Freitag um 18:00 Uhr. Es war wie immer.

Sie hatten ihn schon erwartet.

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