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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Sirius
Eingestellt am 19. 08. 2014 10:45


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-Minou-
Nennt-sich-Schriftsteller
Registriert: Aug 2014

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Ich taumle, ergreife die Straßenlaterne, fange mich wieder.
Das Bild ist verschwommen, so wie die PfĂŒtzen auf der Straße, in denen sich quietschbunte Neonreklamen spiegeln.
Immer dieses Neon, das nichts Gutes verheißt.
Ich sollte mich setzen, es dreht sich schon alles.
Die Augen schließen hilft nicht weiter. Es ist, als ob mein Körper fest am Boden verankert ist, wĂ€hrend mein Kopf sich um die eigene Achse dreht, immer und immer wieder, hineingezogen in einen unendlichen Sog sich wirbelnder Gedanken, die ich nicht richtig fassen kann.
Ich spĂŒre den Drang, mich auf die Straße fallen zu lassen, hinein ins kĂŒhle Nass, keine Kraft mehr aufwenden mĂŒssen, um mich auf den Beinen zu halten. Aber verdammt, so betrunken bin ich doch noch nicht.
Lieber in Richtung der Neontafel, wie eine MĂŒcke ins Licht und Schutz suchen in der Dunkelheit irgendeiner zwielichten Kneipe.

Ich trete ein und es riecht nach RÀucherstÀbchen.
Ich möchte den Ursprung suchen, immer der Nase nach, der Geruch beruhigt mich. Ich folge dem schmalen Gang, die PlÀtze scheinen alle belegt. Augenpaare sehen mich an, nur die Augen, keine Menschen dazu, höchstens schwarze Schatten.
Ich brauche Schutz vor den Augen ohne Körper.
In einer Ecke entdecke ich die RĂ€ucherstĂ€bchen und ich folge ihrer wĂŒrzigen Spur zu einem zerschlissenen Sofa. Ich lasse mich darauf fallen und der Stoff passt sich der Form meines Hinterteils an und nimmt es in Empfang, um es weich zu umschließen.
Ich atme die RÀucherstÀbchenluft und fange an, zu entspannen, das ganze miese Karma rauszulassen, das Karma dieses beschissenen Tages.
Ich schließe die Augen, tauche ein in ein endloses Schwarz. Ein Schwarz, das sich dreht, mir Angst machen könnte, es aber irgendwie nicht tut, sondern mich mitnimmt, auf eine Reise, die ich nie zuvor unternommen habe und die anders ist als andere Reisen, denn sie ist endgĂŒltig.
Dann berĂŒhrt mich eine Hand. Ein Mann hat sich neben mich gesetzt und zu der Hand gehört glĂŒcklicherweise nicht nur ein Augenpaar, sondern auch ein ganzer Körper.
Der Mann hat kaum Haare, sein Glatzkopf sieht aus wie ein Babypopo und er lÀchelt mich schmierig an,
aber irgendwie ist er einer dieser Menschen, die einem leid tun, obwohl man nichts von ihnen weiß, sich einfach eine Geschichte zu der körperlichen HĂŒlle ausdenkt und deshalb will ich höflich bleiben, auch wenn ich weiß, was auf mich zukommt.
„Hey SĂŒĂŸe, lĂ€chel doch mal“, gluckert er.
Hallo déja vu, immer das Gleiche.
Ich fĂŒhle mich wie eine verdammte Wahrsagerin, aber irgendwie auch nicht, sonst hĂ€tte ich vorausgesehen, dass der Kerl jetzt seine schwitzende Hand auf mein Bein legt und sich die viel zu warme Feuchtigkeit schwer auf meinem Oberschenkel ausbreitet.
Ich verspĂŒre den Drang, sie weg zu schlagen, aber ich wollte ja höflich bleiben, also werfe ich ihm ein so kĂŒnstliches LĂ€cheln zu, dass ich nicht glauben kann, dass er sich davon nicht provoziert fĂŒhlt.
„Funktioniert doch großartig“, frohlockt er und ich hoffe, ihm nun keine missverstĂ€ndlichen Signale entgegengebracht zu haben. Seine Schweißhand rutscht ein StĂŒck weiter meinen Schenkel hoch in Richtung heilige Zone.
Lange kann ich nicht mehr höflich bleiben.
Dann sagt er noch irgendwas, aber ich kann nicht zuhören, bin wieder gefangen in dem Schwarz, alles vermischt mit RÀucherstÀbchenduft.
Wohliges, warmes Schwarz, aber ich weiß, es ist eine Falle, am Ende des Sogs erwartet mich nichts Gutes. Ich sollte den Ausweg suchen, aber alles ist viel zu schnell, dreht sich fĂŒr immer in Richtung Unendlichkeit, keine Chance.

Oder doch? Inmitten der Wolken aus Nichts macht sich ein weißer Punkt breit. Schimmert, glitzert, funkelt.
Wird grĂ¶ĂŸer und grĂ¶ĂŸer, fĂŒhrt einen erbitten Kampf gegen das Schwarz. Hoffnung lodert auf.
Ein Duell auf Leben und Tod zwischen Giganten, die unterschiedlicher nicht sein können. Das Weiß fĂŒllt nun alles aus, blendet mich, droht mich zu verschlingen.
Ich öffne die Augen, zurĂŒckgeworfen in die RealitĂ€t. Der schmierige Typ hat seinen Arm um mich gelegt
– den, der sich nicht gerade viel zu nah an meine heilige Zone getraut hat –
und ich spĂŒre seinen stinkenden Atem, sĂŒĂŸ und gleichzeitig sauer, wie der Gestank von toten Ratten.

Aus Richtung der Bar kommt eine Gestalt auf uns zu. Zuerst sehe ich nur seine Aura, weiß und flimmernd. Ich schließe die Augen und öffne sie wieder, um meine Alkoholvisionen zu verscheuchen und dann ist es nur ein Mann. Die Aura ist verschwunden, aber sie hat ihre Spuren hinterlassen. Der Mann trĂ€gt einen Anzug, der Krawattenknoten sitzt perfekt, wie eine Schlange liegt der Stoff um seinen Hals, fast kann ich die gespaltene Zunge sehen, aber zwei Sekunden spĂ€ter ist es doch nur wieder eine Krawatte.
Er hat helles Haar, nein – nicht nur hell – fast weiß, silbrig, aber nicht ergraut.
Er ist nicht alt, im Gegenteil. Er sieht jung aus, als wĂ€re er gerade erst geboren, aber dennoch in der BlĂŒte seiner Zwanziger.
Seine Haut ist ebenfalls hell, wie aus Pergament kreiert, strahlend und fest.
Keine Falten, als hĂ€tte man sein Gesicht gebĂŒgelt.
Er schreitet den Weg entlang wie in der Kirche zum Altar, inmitten einer Umgebung, die zu ihm in eindeutigem Widerspruch steht.
Ein Bildnis vollkommener Anmut in einer SphĂ€re voller BierpfĂŒtzen und jĂ€mmerlicher Gestalten.
Er bleibt stehen und mein Atem setzt aus. Alles ist ruhig, jedes GerÀusch erstorben, zumindest kommt es mir so vor.
Wer ist dieser Mann, dieses Geschöpf?
Er setzt sich, erwidert meine Blicke nicht, nimmt mich nicht wahr.
Babypopo ist verschwunden, hat sich entmaterialisiert, in Luft aufgelöst, einfach so.
Jedenfalls habe ich sein Verschwinden nicht bemerkt.
Der weiße Mann ordert einen Martini und bekommt ihn
– zwei Sekunden spĂ€ter, so scheint es mir –
serviert, ebenso elegant und exotisch unter all den groben BierglÀsern wie sein Besteller.
Er taucht die Olive in das Glas, lĂ€sst sie sich vollsaugen mit der glasklaren FlĂŒssigkeit, drĂŒckt sie immer weiter runter, sie kann sich nicht wehren, aber sie will es auch nicht. Will nur immer weiter vollgesogen werden, bis sie platzt.
Er trinkt den Martini in einem Zug aus, gierig und gnadenlos. Er stellt ihn wieder ab, betrachtet das leere Glas, seine Schultern bleiben angespannt und steif,
keine NachlÀssigkeit in seiner Haltung.

„Sie werden es noch bereuen“,
eröffnet er sich mir wie aus dem Nichts.
Seine Stimme ist fest, sicher, vertrauensvoll und dennoch distanziert, darauf bedacht, Abstand zu halten und gleichzeitig NĂ€he zu schaffen. Ich bemerke, dass ich starre.
Ihn anstarre, wie eine SehenswĂŒrdigkeit, deren Anblick man fest in seine Erinnerung integrieren möchte, ein Foto im GedĂ€chtnis, versiegelt fĂŒr alle Zeit.
Ich frage mich, woher er davon weiß und er hebt den Kopf, sein Blick trifft mich wie ein Blitz, dringt durch mich hindurch, macht mich unsichtbar, verletzlich, aber ich möchte verletzt werden, möchte gesehen werden von ihm.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich gemeint bin, auch wenn ich es mir so sehr wĂŒnsche, doch sein Blick lĂ€sst keine Zweifel zu, es ist als gĂ€be es nur noch mich und ihn an diesem Ort der Schande, eine Insel von Zuversicht inmitten des tosenden Meeres.

„Sie haben dich gefeuert. Dein Mann hat dich betrogen.
Deine Familie sich von dir abgewendet. Aber Sie sind blind, unempfĂ€nglich fĂŒr das Offensichtliche. Mach Ihnen keinen Vorwurf, denn Sie wissen es nicht besser.
Sie sind nicht dafĂŒr bestimmt, nicht so wie du“,
fĂ€hrt er fort und ich frage mich ernsthaft, ob die Vodkaflasche, die ich geleert habe, bevor ich hier landete, sich nun an mir rĂ€cht und mich verrĂŒckt macht.
Bilder in mein Gehirn projiziert und Stimmen heraufbeschwört.
Ich schließe die Augen, öffne sie wieder, aber der Kerl ist immer noch da. Ich will ihm antworten, aber ich kriege keinen Ton heraus, mein Körper ist mir plötzlich so fremd, ich weiß nicht einmal mehr wie man ihn bedient.
Der Weiße legt seinen knochigen Finger an die Lippen und gebietet mir zu schweigen.

„Es sind immer die gleichen Geschichten. Tagein, tagaus. Nichts Neues. So sind die Menschen. Immer dieselbe Leier.
Nichts auf dieser Erde bedeutet irgendwas. Verstehst du das?
Einige gehen daran zu Grunde, andere bemerken es nicht einmal. Und wiederum andere...“

Er macht eine bedeutungsschwangere Pause und nimmt die Olive behutsam aus dem Glas.

„...begnĂŒgen sich nicht damit. Manche schreiben neue Geschichten. Nie dagewesene.“
Er bleibt vor mir sitzen und lĂ€sst mich dennoch allein mit meinen Fragen, die sich in mir ausbreiten. Ich habe keine Kraft zu denken, versuche es, aber verstehe nicht. Das Schwarz kommt zurĂŒck und vernebelt mir den Verstand.
Dann packt der Weiße meine Hand und ich fĂŒhle eine unsichtbare Energie durch mich strömen, mich erfĂŒllen und plötzlich wird alles klar, mit einem Schlag ist der schwarze Nebel verschwunden und auch der Alkohol.

„Auf Sirius schreiben wir stĂ€ndig neue Geschichten, erleben Dinge, die kein anderer je zuvor erlebt hat.
Dort gibt es keine Trauer, EnttÀuschung oder Resignation.
Jeder kreiert seine ganz eigenen Emotionen, seine eigene Welt. Auf Sirius kannst du alles sein.“

Er schaut weiter durch mich hindurch, sein Blick wird eindringlich, flehend, eine stumme Bitte ihm zu folgen und ich weiß nicht, wie ich dem Kerl sagen soll, dass es Zeit ist zu gehen, mich mit seinem Schwachsinn in Ruhe zu lassen, so wie ich es sonst tun wĂŒrde. Weil ich irgendwie nicht glauben kann, dass es Schwachsinn ist, vielleicht ist es sogar realer als diese heruntergekommene Kneipe und ihre gebeugten Kreaturen, die immer die gleichen Dinge durchleben, tagein tagaus, immer dieselbe Leier. Nichts von Bedeutung. Was ist, wenn er Recht hat?

„Du weißt, was du zu tun hast“,
sagt er und fast wirkt er bedrohlich in dem verstaubten Kneipenlicht und aufgrund des auffĂ€lligen Kontrasts seines Anzugs zu seiner schneeweißen Haut.
„Ich werde am silbernen See mit einer neuen körperlichen HĂŒlle auf dich warten. Dann wirst du dich auf die Reise begeben. Auf den fernen Planeten Sirius.“
Dann steckt er sich die pralle Olive in den Mund, zerkaut sie zu einer undefinierbaren Masse und nimmt sie in sich auf.

Mein Körper gehört immer noch nicht vollstĂ€ndig mir, deshalb nicke ich nur und lasse ihn ziehen, umgeben von seiner Glitzeraura, weiß und prĂ€sent in der Dunkelheit.
Und dann ist da wieder nur eine Kneipe, so wie es Tausende gibt, voll von Menschen, die aus denselben GrĂŒnden hierherkommen, tagein tagaus.
Und ja, ich weiß was ich zu tun habe.
Deshalb lasse ich die Neonlichter hinter mir, gehe ein letztes Mal vorbei an den unzĂ€hligen Augenpaaren, die mich neidisch auf meinem Weg hinaus verfolgen, aber letztendlich an diesem Ort zurĂŒckbleiben, wĂ€hrend ich die kalte Nachtluft mich erneuern lasse.
Ich nehme ein Taxi und bezahle den Fahrer, sich zu beeilen und er ist ein guter Taxifahrer, aber mein Geheimnis kann ich nicht mit ihm teilen, auch wenn er es verdient hĂ€tte, aber es ist nur fĂŒr mich bestimmt.
Zuhause lasse ich mir Wasser in die Badewanne ein, drehe den Hahn voll auf, so heiß es nur geht. Ich will die Hitze spĂŒren, sie mich durchdringen lassen, wenn ich meine alte Existenz hinter mir lasse.
Ich ziehe mich vollstĂ€ndig aus und fĂŒhle mich rein, unschuldig, als ich mich in das Wasser lege und meine SĂŒnden sich von mir lösen. Kurz zögere ich, obwohl ich nicht sollte, aber dann nehme ich den Föhn vom Badschrank, stecke ihn ein und schalte ihn an.
Sein monotones Röhren ĂŒberfĂŒhrt meine Seele in eine andere Welt, wĂ€hrend ich ihn in das heiße Nass fallen lasse.
Ich will neue Geschichten schreiben.

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